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Wir haben uns im Vorangegangenen bemüht, einen Überblick über den Stand der deutschsprachigen qualitativen Sozialforschung zu geben, der notwendig beschränkt und ergänzungsbedürftig bleibt. Eine besondere Schwierigkeit und Chance liegt in der sehr gemischten Leser(innen)schaft, an die dieser Beitrag adressiert ist: Einige werden mit der deutschsprachigen qualitativen Forschung ebenso wenig vertraut sein wie wir es umgekehrt z.B. mit der japanischen oder mexikanischen waren, andere sind, was diesen Stand angeht, vergleichsweise erfahren. Insoweit besteht die Gefahr, für die einen zu spezifisch zu sein, als daß das Geschriebene nachvollziehbar wäre, den anderen so viel bereits Bekanntes zuzumuten, daß deren Geduld und Interesse strapaziert werden. Doch auch für diese beiden entlang unserer Intention eher unangenehmen Fälle erlauben die mit dem Internet verfügbaren Kommunikationsmöglichkeiten Klärungen, die in Printmedien so nicht zur Verfügung stehen: die einen könnten durch Nutzung des Discussionboards auf Explikation drängen, die anderen unsere Ausführungen kommentieren und/oder ergänzen. [45]
Wir selbst möchten an dieser Stelle abschließend zwei Tendenzen akzentuieren, die die aktuelle Situation der deutschsprachigen qualitativen Forschung u.E. in sich birgt: Die eine betrifft die fortdauernde Randständigkeit qualitativer Forschung und eine mögliche Aussicht auf Anerkennung, die zweite einige problematische Implikationen, die mit dem Ringen um Anerkennung (und mit dem Erhalt von Anerkennung?) verbunden sein könnten. [46]
1.
Der Entstehung der modernen Sozialwissenschaften folgte die Trennung zwischen "Erklären" und "Verstehen" auf dem Fuß. Obwohl diese Trennung schon für die Naturwissenschaften problematisch war und ist jede "Beobachtung", gleich ob alltäglich oder wissenschaftlich, ob in den Natur- oder Sozialwissenschaften, ist theoriehaltig und -gebunden, ist Interpretation im Lichte des jeweils zu einer Zeit und in einer Disziplin vorherrschenden "Paradigmas" (KUHN 1962) bzw. "Denkstils" (FLECK 1935) haben die Debatten um eine qualitative vs. quantitative Orientierung die Entwicklung der Sozialwissenschaften seit der Jahrhundertwende immer wieder begleitet. Während in den Naturwissenschaften jedoch eine zunehmende Wendung weg von physikalisch-mechanistischen und hin zu biologisch-organismischen Leitmetaphern zu verzeichnen ist (vgl. WALDROP 1992), herrscht in den "weichen" Wissenschaften weiterhin eine Neigung zur "Entsubjektivierung, Dekontextualisierung und Quantifizierung von Sozialerfahrung" (BONSS 1982, S.59) vor. [47]
Diese von BONSS im Jahr 1982 diagnostizierte Neigung ist quer durch alle Disziplinen nach wie vor als Tendenz überwiegend, aber es zeigen sich einige Risse und Umorientierungen. Deutlich wird dies etwa an der "5. International Conference on Social Science Methodology", die vom 3. bis zum 6. Oktober 2000 in Köln stattfinden wird: Von den insgesamt 96 Sessions, die dort angeboten werden sollen, beschäftigen sich 23 mit qualitativen Forschungsmethoden (http://www.za.uni-koeln.de/rc33/preliminary_prog-fr.htm [Broken link, FQS, January 2004]). Diese eindrucksvolle Präsenz qualitativer Forscher(innen) wird etwas relativiert, wenn man sich vergegenwärtigt, daß hier die Separation qualitativer Forschung in einem Block fortdauert, während z.B. die Blöcke Datenerhebung oder "International Comparative Research" ganz überwiegend oder ausschließlich quantitativen Ansätzen vorbehalten sind. Auch fällt auf, daß von den qualitativen Sessions nur fünf von deutschen Forscher(inne)n angeboten werden. Ein noch genauerer Blick zeigt, daß drei dieser fünf sich mit computergestützten Verfahren oder mit der Beziehung zwischen qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden beschäftigen. Ein ähnliches Bild ergibt ein Blick auf die Webseiten des "Zentralarchivs für Empirische Sozialforschung an der Universität zu Köln" (ZA, http://www.za.uni-koeln.de/), einer der Veranstalter der Kölner Tagung: Dort finden sich unter den Punkten "Forschung & Entwicklung" u.a. "Methodenforschung" und "historische Sozialforschung", unter "Methodenforschung" dann eine Subrubrik "Textanalyse". Das wenige auf diesen Webseiten potentiell für qualitative Forscher(innen) Anschlußfähige ist in diesen Rubriken "Textanalyse" und "Historische Sozialforschung" zusammengefaßt, und auch dort überwiegen neben wieder Quantitativem schwerpunktmäßig computergestützte Verfahren und Archivierungsbemühungen für größere Datenmengen. In diesen Bereichen scheint tatsächlich ein wichtiges Entwicklungspotential für qualitative Forschung zu bestehen, das auch ein Kollege in der erwähnten Mail-Umfrage benannte:
"Entwicklungsmöglichkeiten sehe ich neben der Weiterentwicklung und Propagierung der Methodenkombination ... [in] Sekundäranalysen aufgrund der immer besseren Programme für Datenbanken und der verbesserten und verbilligten Hardware. Gerade angesichts des enormen Aufwandes an Zeit und Kosten für z.B. Interviews und deren Transkription liegt es mit dem Ertrag noch im argen." (Mail-Umfrage, siehe Anmerkung 2)
Und ein anderer:
"Ich erhoffe mir Impulse aus der Praxis- und Evaluationsforschung und halte eine grundlegende Debatte über unterschiedliche Typen von qualitativen Methoden und deren jeweilige Qualitätskriterien für unabdingbar. Außerdem denke ich, daß 'Erkenntnis aus nichtnumerischen Daten' ein großes Zukunftsthema ist - wo die qualitative Methodik eine Chance zu einem Beitrag hätte, aber sich auch beeilen muß - sonst sahnen andere ab: Cognitive Science, Wissensmanagement etc." (Mail-Umfrage, siehe Anmerkung 2) [48]
Auch angesichts der zuvor skizzierten Beobachtung vermuten wir, daß beide Kollegen mit den benannten Entwicklungsmöglichkeiten, die zugleich Möglichkeiten der Anerkennung von Vertreter(inne)n eines verstehenden Paradigmas durch Vertreter(innen) eines erklärenden Paradigmas sind, Recht haben. Computergestützter Verfahren zur qualitativen Datenanalyse können in all den Bereichen (und es sind viele!), in denen es um die regelgeleitete Reduktion und Verdichtung großer Mengen alltagssprachlichen Materials geht, sinnvoll zum Einsatz kommen. Es ist auch anzunehmen, daß dies um so erfolgversprechender ist, je mehr qualitative Methodik als Rezeptur präsentiert an das anschließt bzw. dem ähnelt, was quantitativ orientierten Forscher(inne)n und Gutachter(inne)n vertraut erscheint, eine Vermutung, die durch folgende Mitteilung im Rahmen der Umfrage in den Mailinglisten zum Stand und zu Perspektiven qualitativer Forschung gestützt wird:
"Innerhalb der traditionellen akademischen Psychologie wird die qualitative Inhaltsanalyse als ein Verfahren, das relativ streng regelgeleitet vorgeht und die Verbindung zu quantitativen Analysen herstellt, noch am ehesten akzeptiert, den Eindruck habe ich bei meinen Gastvorträgen u.ä. der letzten 15 Jahre an 'traditionellen' Instituten der Psychologie gewonnen." (Mail-Umfrage, siehe Anmerkung 2) [49]
2.
Angesichts der Eingangsüberlegung von der Unmöglichkeit einer subjekt- oder kontextlosen Beobachtung wäre auch eine prinzipielle Revision der ganz weitgehend subjekt- und kontextlos konzipierten quantitativen Sozialforschung denkbar also eine Näherung des Erklärens- an das Verstehensparadigma. Die unter 1. skizzierte Entwicklung läßt jedoch eher vermuten, daß die in Aussicht stehende Möglichkeit der Anerkennung und die mit ihr einhergehende Aussicht z.B. auf Forschungsfinanzierung die umgekehrte Gefahr birgt, daß die von BONSS für den quantitativen Mainstream der Sozialwissenschaften diagnostizierte Neigung zur "Entsubjektivierung, Dekontextualisierung und Quantifizierung von Sozialerfahrung" nun auch deren qualitatives Pendant noch mehr erreicht, als dies ohnehin bereits der Fall ist. [50]
Aktuell ist es bereits der Fall, da im Rahmen einer Orientierung, die in der Ethnologiedebatte als "textuelle Wende" (FUCHS & BERG 1993) bezeichnet wird, insbesondere für qualitativ-empirische Arbeiten Texte als der scheinbar feste und sichere Boden behandelt werden, der vielen Forscher(inne)n mit einer an Alltagssprache und Sinnverstehen orientierten, eher "weichen" qualitativen Forschung, nötig scheint. Dem steht eine Position entgegen, die in der Ethnographie auch als "reflexive Wende" bezeichnet und eingefordert wird, nämlich anzuerkennen, daß der "Text ... nie identisch [ist] mit der Wirklichkeit, die er abbildet, er drückt sie immer nur aus und ist damit mehr und weniger zugleich" (JEGGLE 1984, S.25). [51]
Die Unumgehbarkeit von Interpretation macht auch für den Bereich qualitativer Methodologien viel mehr als bisher eine systematische Reflexion auf Methodennutzung als Herstellungsprozeß von Daten zwischen den beteiligten Forscher(inne)n, den Forschungsteilnehmer(inne)n und den eventuellen Abnehmer(inne)n/Nutzer(inne)n in den je spezifischen Wissenschafts- und Alltagskulturen notwendig. Dies schon deshalb, weil eine wichtige Besonderheit des qualitativen Ansatzes darin besteht, daß auch die Verfahren selbst anders als es bei der Anwendung von Parametern in Statistikprogrammen praktiziert wird als interpretationsbedürftig betrachtet werden müssen: Sie können nicht einfach "übernommen" werden, sondern sie bedürfen der kontinuierlichen Rückkopplung "an den untersuchten Gegenstand und den Kontext, in dem er untersucht wird. Konsequent zu Ende gedacht führt dies weg von einer Anwendung vorhandener Methoden im üblichen Sinne und hin zu einer jeweils neu erfolgenden Methodenentwicklung aus der Fragestellung und dem Forschungsgegenstand heraus" (FLICK 1992, S.49). Entwicklungsoffenheit und Interpretationsbedürftigkeit betreffen alle Phasen des qualitativen Forschungsprozesses von Erhebung über Verschriftlichung und Dokumentation hin zu Auswertung und Vertextlichung/Veröffentlichung (siehe hierzu BREUER 1999 und MRUCK & MEY 1996b). [52]
Als für die empirische Arbeit relevante Reflexions"stützen" können die vorab erwähnten Arten der kommunikativen, konsensuellen und argumentativen Validierung eingesetzt werden, wobei Validierung sich auf ein immer schon kontextuell hervorgebrachtes Wissen, auf immer nur vorläufige Produkte bezieht, die wieder kontextuell genutzt werden können (oder eben nicht). Die hier inhärente Nicht-Übereinstimmung (der Perspektiven, Befunde etc.) wäre im Unterschied zu traditionellen Methodologien, denen sie als Einschränkung von Objektivität und Reliabilität gilt, als zusätzliche Erkenntnischance zu nutzen, indem Perspektivendivergenzen zwischen verschiedenen Teilhabenden Forschenden und Beforschten, verschiedenen Forscher(innen) in einem Team, Forschenden und externen Kolleg(inn)en, Forschenden und Praktiker(inne)n variiert, kontrastiert und zueinander in Beziehung gesetzt werden können. (Für eine Bemühung, dies für die Arbeit mit Qualifizierungsarbeiten umzusetzen, siehe BREUER 1996b, MRUCK & MEY 1998.) [53]
Die Notwendigkeit der Reflexion trifft schließlich auch diejenige qualitative Orientierung, die wir mit dem Begriff der "textuellen Wende" bezeichnet haben: Die Nützlichkeit z.B. von computergestützten Auswertungsprogrammen und deren Akzeptanz auch jenseits qualitativer Sozialforschung entläßt nicht aus der methodologischen Pflicht, die Implikationen und Konsequenzen, die sich aus deren Nutzung für den Forschungsprozeß ergeben zu reflektieren. Insoweit verstehen wir "textuell" und "reflexiv" nicht notwendigerweise als Gegensatzpaar, sondern als potentiell ergänzungsbedürftige und sich ergänzende Näherungsweisen. Wünschen würden wir uns allerdings für beide Orientierungen ein Offensiver-Werden qualitativer Forschung für all die Wissenschaftsbereiche, die sich im weitesten Sinne mit "Sozialempirie" (BONSS 1982) befassen und die ganz weitgehend eines Paradigmas bedürfen, für das Sinnherstellung und Sinnverstehen zentrale Ausgangspunkte sind. [54]
1) Möglicherweise erleben auch die Leser(innen) dieses Bandes eine mitunter ähnliche Irritation: Für mich selbst hat die Herausgabe von Band 1 bedeutet, erste Einblicke z.B. in den Stand qualitativer Forschung in Japan (SUZUKI in diesem Band) oder Mexiko (CISNEROS in diesem Band), aber auch in die Nutzung und den Nutzen des Einsatzes qualitativer Methodik in Disziplinen wie der Agrarökonomik (BITSCH in diesem Band) oder der Sportwissenschaft (HUNGER & THIELE in diesem Band) zu erhalten. <zurück>
2) Zu den Gründen gehört neben der Kürze der Zeit für die Vorbereitung, daß wir m.E. ein bewußt gemeinsames disziplinäres Resümieren und Schreiben mehr als bisher lernen müssen. Um zumindest einige zusätzliche Stimmen einzuholen, habe ich dem Vorbild von Bobbi KERLIN (in diesem Band) folgend in die beiden deutschsprachigen qualitativen Mailinglisten "Qualitative Sozialforschung" (QSF-L, http://www.qualitative-research.net/qf/qsf-l/qsf-l.htm) und "Biographieforschung" (http://www.zbbs.de/mailing.html) eine Nachfrage geschickt. Der ursprüngliche Text vom 19.10.1999 lautete:
"Liebe Listenteilnehmer(innen),
ich schreibe gerade an einem Beitrag über den Stand der deutschsprachigen qualitativen Sozialforschung, der in der 1. Ausgabe von FQS im Januar erscheinen wird. Da Bobbi Kerlin dies parallel für die nordamerikanische Forschung vorbereitet & gerade eine Nachfrage an eine amerikanische Liste gestartet hat, habe ich überlegt, euch ähnliche Fragen zu stellen ...
Welche Trends & Verschiebungen habt ihr während der letzten beiden Jahrzehnte (oder kurz- oder langfristiger?) im Bereich der qualitativen Forschung beobachtet, innerhalb & außerhalb der Universitäten, on- &/oder offline? Ist die Akzeptanz qualitativer Methodik in eurem Fach/eurem Forschungsfeld/eurer Universität usw. größer oder kleiner geworden? In welchen empirischen Bereichen gibt es eurer Beobachtung/Erfahrung zufolge vermehrte/verminderte Nutzung welcher qualitativen Verfahren? Wo seht ihr künftige Perspektiven/Entwicklungsmöglichkeiten/Probleme? Wie wichtig sind für euch Nationalität/Disziplin usw., was die Rezeption qualitativer Beiträge angeht (mal jenseits des Credos für Interdisziplinarität, Internationalität usw. -> was nutzt ihr/was nutzt euch tatsächlich an Tagungen, Texten, Zeitschriften usw.)? Was ist eurer Einschätzung nach charakteristisch/treffend für den Stand qualitativer Forschung an der Jahrhundertwende? Habt ihr bestimmte, euch besonders wichtig erscheinende Literaturhinweise, bezogen auf die hier skizzierten Fragen?
Ich freue mich über jedes Feedback, auch wenn ihr etwas beisteuern möchtet, was ich im Vorangegangenen nicht erwähnt habe. Wenn ihr antwortet, laßt mich auch wissen, ob ich ggf. aus euren Mails zitieren kann."
Mit ca. 20 Antworten bei einer Basis von etwa 250 Teilnehmer(inne)n für beide Listen (allerdings teilweise mit Doppelmitgliedschaften) war der Rücklauf eher gering. Da ich zudem nur von einzelnen eine explizite Zusage zur namentlichen Zitation aus ihren Mails erhalten habe, habe ich mich entschieden, Zitate für diesen Beitrag prinzipiell anonymisiert (und mit kleineren Rechtschreibkorrekturen versehen) zu verwenden. Auf eine kleine Sammlung zu einer "qualitativen Hitliste", d.h. zu Büchernennungen, die mir Antwortende auf eine zusätzliche Explikation meinerseits auf eine Nachfrage aus einer Liste hin zukommen ließen, verzichte ich an dieser Stelle; erwähnt sei lediglich, daß Soziolog(inn)en und Erziehungswissenschaftler(innen) teilweise Literatur mit deutlich disziplinären Schwerpunkten nannten, während antwortende Psycholog(inn)en, wohl auch wegen der dürftigen Ausstattung der eigenen Disziplin, sich eher breiter disziplinär "zu bedienen" scheinen. <zurück>
3) Die Probleme einer vermeintlichen Gegenstandsangemessenheit seien hier nur kurz skizziert: 1. In aller Regel ist die Frage der Methodenwahl nicht einfach einem "Gegenstand" anzulasten, sondern sie ist abhängig von bestimmten Vorlieben bzw. sie ist (berufs-) biographisch vorentschieden, teilweise allerdings gebrochen entlang der Möglichkeiten und Grenzen z.B. von Forschungsfinanzierung. 2. Der Gegenstandsbegriff bzw. die Forderung, ihm methodische Entscheidungen nachzuordnen, ist mit einem auch in traditionell qualitativem Denken formulierten theoriegenerierenden Ansatz nur schwer vereinbar: Ich kann nicht das zur Entscheidung von Methoden heranziehen, was ich erst im Laufe des Forschens "entdecken" zu wollen behaupte. 3. Der Gegenstandsbegriff entstammt einem Denken und einem wissenschaftstheoretischen Kontext, für den die Trennung in Subjekt und Objekt (der Beobachtung) noch recht unproblematisch schien; er ist zurückzuweisen für ein konstruktivistisches Paradigma, das von der gemeinsamen Herstellung von Wirklichkeiten ausgeht (siehe hierzu ausführlicher MRUCK 1999). <zurück>
4) Wesentlich für ein Verständnis dieses Prinzips bzw. für die Anerkenntnis, daß mit jeder Definition, Beobachtung oder Untersuchung "Störungen" einhergehen, die reflexionsbedürftig sind, sind die Arbeiten des französischen Ethnopsychoanalytikers Georges DEVEREUX, die in denjenigen Bereichen der deutschsprachigen qualitativen Sozialforschung, die dem "Prinzip der Kommunikation" eine zentrale Rolle beimessen, breit rezipiert werden. DEVEREUX hat solche "Störungen" bereits 1967 als "Eckpfeiler einer wissenschaftlichen Erforschung des Verhaltens" gesehen: Jeder "Verhaltensforscher muß lernen zuzugeben, daß er niemals ein Verhaltensereignis beobachtet, wie es in seiner Abwesenheit 'stattgefunden haben könnte', und daß ein Bericht, den er zu hören bekommt, niemals mit dem identisch sein kann, den derselbe Berichterstatter einer anderen Person gibt" (1967, S.29). Auch die Unterschiede zwischen den Berichten verschiedener Forscher(innen) wären hiernach nicht Ausdruck einer (mit Fortschritt der Wissenschaften aufzulösenden) Unzulänglichkeit auf Seiten der Untersuchenden oder der von ihnen verwandten Methodik, sondern selbst "einer theoretischen Erklärung bedürftig". <zurück>
5) Wesentlich für diese Rezeption war, daß sich einige Wissenschaftler(innen) auch um ein Bereitstellen bzw. um die Übersetzung entsprechender Beiträge für die deutschsprachige Diskussion bemühten, so etwa Christel HOPF und Elmar WEINGARTEN (1979) oder Klaus GERDES (1979). Ebenfalls wichtig für diese Diskussion waren u.a. die Herausgeberbände der ARBEITSGRUPPE BIELEFELDER SOZIOLOGEN (1973, 1976); für eine frühe Bemühung, systematisch die unterschiedlichen Stränge qualitativer Methodologien zu bündeln, siehe auch Andreas WITZEL (1982). Ein ähnliches Phänomen findet sich derzeit für die ethnologische Debatte um die "Krise der ethnographischen Repräsentation" infolge eines von Eberhard BERG und Martin FUCHS (1993) herausgegebenen Bandes mit Beiträgen u.a. von James CLIFFORD und Paul RABINOW, von Stephen TYLER und Dennis TEDLOCK. Durch diese Sammlung/Übersetzung auch älterer amerikanischer Ansätze ist die Frage nach der Möglichkeit der Repräsentation auch innerhalb der eigenen Kultur, die Frage danach, "in wessen Namen der Sozialwissenschaftler denn spricht, wenn er sagt, daß etwas dies bedeutet und nicht jenes" (SIXEL 1980, S.335), z.B. in der deutschsprachigen qualitativen Psychologie oder Erziehungswissenschaft sicher wesentlich befördert worden. Auf die Bedeutsamkeit der Überlegung, daß "über andere zu reden heißt, über sich selbst zu reden", daß die "Konstruktion des Anderen ... zugleich die Konstruktion des Selbst" (FUCHS & BERG 1993, S.11) mit einschließt, kommen wir am Ende des Beitrages zurück. <zurück>
6) So bemerkt etwa Franz BREUER, daß Forschende sich mit der Entscheidung für eine qualitative "Vorgehensorientierung in eine marginale Position innerhalb der psychologischen Scientific Community begeben, deren dominante Vorstellungen von Wissenschaftlichkeit durch ein quantitativ-nomothetisches Ideal geprägt sind (wobei sich in jüngerer Zeit in dieser Hinsicht eine gewisse Aufweichung und Geschmacks-Liberalisierung abzuzeichnen scheint)" (BREUER 1996b, S.80; Hervorhebungen im Original). " <zurück>
7) Zur Wiedernutzbarmachung der Introspektion siehe den "Themenschwerpunkt Introspektion als Forschungsmethode", dem Jahrgang 7, Heft 2 des "Journal für Psychologie" gewidmet ist, sowie KLEINING und WITT in diesem Band. Die "Zehn Gebote der Feldforschung" hat Roland GIRTLER über seine Beiratswebseite zur Verfügung gestellt, siehe hierzu auch seine "Methoden der qualitativen Sozialforschung" (1992). <zurück>
8) Für eine vergleichende Diskussion von narrativem und problemzentrierten Interview siehe MEY (1999, S.138-150). <zurück>
9) Wichtige Initiativen für die deutschsprachige Diskussion und Vernetzung gehen hier aktuell insbesondere vom Sonderforschungsbereich 186 "Statuspassagen und Risikolagen im Lebensverlauf" (http://www.sfb186.uni-bremen.de) der Universität Bremen aus, siehe auch KLUGE und OPITZ (1999). Band 3 von FQS, der dem Thema "Text . Archiv . Re-Analyse" gewidmet ist und in einer Zusammenarbeit von Mitarbeiter(inne)n dieses SFB, von "Qualidata" und aus der Arbeitsgruppe "ATLAS" (Archiv für Text, Lebenswelt, Alltags-Sprache) herausgegeben werden wird, soll Einblick in den internationalen und interdisziplinären Stand der Diskussion in diesem Bereich geben. <zurück>
10) Siehe die unter 4.1 erwähnte Überblicksliteratur. Zur Typenanalyse siehe auch KLUGE in diesem Band und die Literaturhinweise, die über die Beiratswebseite von Uta GERHARDT zugänglich sind, zur Metaphernanalyse SCHMITT (1999) und in diesem Band). <zurück>
11) Eine Einführung in Fragen der Nutzung von Software zur Unterstützung von qualitativer Datenanalyse von Susanne FRIESE findet sich über http://quarc.de. Zu "Theory Building in Qualitative Research and Computer Programs for the Management of Textual Data" siehe auch KELLE (1997). <zurück>
12) Eine wesentliche Intention von FQS als Online-Journal ist es, diesen Beschränkungen der Print-Medien durch die Nutzung von Internet-Ressourcen entgegenzuwirken (siehe auch FQS-Konzept). <zurück>
13) Neben Klassikern wie Ludwik FLECK (1935), Thomas S. KUHN (1962) oder Robert K. MERTON (1973) sind hier die Arbeiten von Karin KNORR CETINA zur erwähnen, so etwa ihre frühe Studie zur "Fabrikation von Erkenntnis" (1981); siehe auch z.B. BONSS & HARTMANN (1985), BONSS, HOHLFELD & KOLLEK (1993) oder FELT, NOWOTNY & TASCHWER (1995). Einige Überlegungen zum Fehlen einer Disziplin Wissenschaftspsychologie in den Reflexionswissenschaften finden sich in MRUCK & MEY 1996a. <zurück>
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Katja MRUCK
Günter MEY
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und Absatznummern, wenn notwendig):
Mruck, Katja unter Mitarbeit von Günter Mey (2000, Januar). Qualitative Sozialforschung in Deutschland [54 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 1(1).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-00/1-00mruckmey-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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