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In der historischen Arbeit mit psychoanalytischen Ansätzen stellen sich Probleme auf unterschiedlichen Ebenen.65) Eines der Grundprobleme liegt in der Verallgemeinerungsfähigkeit der getroffenen Aussagen über einzelne Individuen oder kleinere Gruppen hinaus. Dies ist ein neuralgischer Punkt für die qualitative sozialwissenschaftliche Forschung überhaupt.66) Dennoch gibt es besondere Probleme, wenn es um Mentalitäten, um Verarbeitungen von Erfahrungen, speziell von traumatischen Erlebnissen usw. geht. Daher bemüht man sich in solchen historischen Arbeiten zumeist um Methodenvielfalt oder um spezielle Methoden, die verallgemeinernde Aussagen wenigstens plausibel erscheinen lassen. [42]
Schon WEHLER erhoffte sich aus einer Kooperation mit Psychologen bzw. Psychoanalytikern wie erwähnt eine Herausarbeitung von Kollektivmentalitäten und Sozialcharakteren, von Sozialprofilen bestimmter Gruppen und Eliten: "Kurzum, die historische Forschung sollte auf die gesellschaftlichen, überindividuellen Motive und Einflüsse, nicht jedoch auf die so genannten individuellen Motive abzielen." (WEHLER 1974, S.22) [43]
Diese Unterscheidung ist wie ich zu zeigen versuchte im 20. Jahrhundert immer fragwürdiger geworden und von WEHLER auch nicht in kantiger Schärfe gemeint. Dennoch kann es kaum erstaunen, dass hier einige Kritiker ansetzen. Mit diesem Postulat habe WEHLER so sind gerade psychoanalytisch orientierte Forscher empört einen Diskurs eröffnet und ihn sofort wieder geschlossen, ehe er überhaupt die Perspektiven der einzelnen Disziplinen wirklich sichtbar gemacht und vor allem ehe er die Grenzen der Disziplinen in ihren Beschränkungen in Frage gestellt habe. Bei WEHLER sei die Psychoanalyse so Christian SCHNEIDER (1997, S.84f.) oder auch Jürgen STRAUB (1989) in ihren lesenswerten Beiträgen67) nur Hilfswissenschaft für eine in ihrer Analyse eigentlich auf Sozialökonomie, politische Herrschaft und auf die sozialpsychischen Auswirkungen "des gesellschaftlichen und politischen Systems" ausgerichteten Geschichtswissenschaft. In diesem Set habe die Erfahrung nur einen begrenzten Platz und die Psychoanalyse nur einen geringen Wert. Die Geschichtswissenschaft bleibe höherwertig.68) [44]
Diese Kritik scheint mir in diesem konkreten Fall zunächst einmal überzogen, da WEHLER jeder Disziplin ihre Hauptintentionen und Felder zuordnet, bei der Geschichtswissenschaft lägen sie nun einmal überwiegend in der vergleichenden Analyse von Wirtschaft, Gesellschaft und Herrschaft, damit bedürfe sie der Ökonomie, Soziologie und Politikwissenschaft. Davon abgesehen sei die historisch-sozialpsychologisch orientierte Psychoanalyse, die es erst in Ansätzen gäbe, "erwünscht" (WEHLER 1974, S.5); zumeist ziele sie jedoch auf individuelle Konfliktlösungen ab. Überdies sieht er ihren Wert in bestimmten, den eben genannten, durchaus überindividuellen Feldern historischer Forschung und Interpretation. Anstatt sich nur auf die singulären Figuren der Geschichte zu beschränken, solle und das scheint mir eher kritisierbar die "weit mehr versprechende Möglichkeit" gesucht werden, "eine gewissermaßen durchschnittliche Persönlichkeit, die 'Modal Personality' zu analysieren, das für ihre Zeit Typische, Repräsentative herauszuarbeiten und durch intensive vergleichende Studien allmählich auf das Gebiet der analytischen Sozialpsychologie hinüberzutreten, mithin der Erklärung kollektiver psychischer Phänomene nachzuspüren" (WEHLER 1974, S.19). [45]
Das Problem scheint mir nur darin zu liegen, wie man von einer Aneinanderreihung von Einzelbiographien oder Interviewinterpretationen zu einer Verallgemeinerung, zum überindividuell Typischen kommt. Und wie kann man dies insbesondere bei den Erfahrungen von Kollektiven oder gar ganzen Generationen? Hier hat sich inzwischen zwar ein kritisch überprüfbares Instrumentarium in der lebensgeschichtlichen Forschung entwickelt, das den Anspruch WEHLERs aufnimmt, aber über seine problematischen Bemerkungen zur "durchschnittlichen Persönlichkeit", der "Modal Personality", hinausweist. Das betrifft insbesondere die Auswahl von Zeitzeugen, die in ihren Merkmalen ein möglichst breites und widersprüchliches oder gar polares Feld abdecken sollen (v. PLATO 2000, zu einer Systematisierung der Fallauswahl im Sinne eines "Theoretical Sampling" siehe GLASER & STRAUSS 1967). Erst dadurch wird die Bildung von Typologien und damit von plausiblen Generalisierungen der Verarbeitungen von Erfahrungen möglich. Aber eine Repräsentativität wird sich auch durch methodische Verfeinerungen nicht herstellen zu viele Menschen sind inzwischen gestorben, gefallen oder umgebracht worden, zu gering ist die Zahl der Befragten, die in historisch-sozialwissenschaftlichen qualitativen Forschungen möglich ist. Überdies wird es immer Ablehnungen solcher Befragungen durch Zeitzeugen selbst geben. [46]
Dennoch gibt es entgegen den soziologischen Theorien über die Gewinnung von Repräsentativität die Annahme, dass es bei der qualitativen Untersuchung bestimmter Gruppen nach einer gewissen Menge von befragten Personen einen "Sättigungsgrad" gäbe: Danach scheint es nur noch einzelne Vertiefungen und Erweiterungen zu geben, aber kaum neue grundlegende Verarbeitungsmuster in dieser Gruppe. Eine solche "Sättigungstheorie" entspricht der Erfahrung verschiedener Mentalitätshistoriker unter der Voraussetzung, dass möglichst widersprüchliche Merkmale bei der Auswahl berücksichtigt wurden.69) Das mag an den Möglichkeiten unserer Hirne liegen oder an unseren Wahrnehmungsbeschränkungen bzw. Projektionen, aber es könnte auch sein, dass sich in bestimmten Kollektiven überschaubare Grundweisen oder Muster der Verarbeitungen von Erfahrungen ausgebildet haben. Daher stellt sich die Frage, ob es unterschiedliche Weisen der Herstellung von Repräsentativität in qualitativen und quantitativen Forschungen gibt.70) [47]
Unter Einbeziehung psychoanalytischer Methoden und Kategorien verschärft sich dieses Problem, Typisches oder gar Repräsentatives herauszuarbeiten. Psychoanalyse ist ursprünglich bekanntermaßen keine Gesellschaftstheorie, sondern eine Theorie, die aus Therapien einzelner Kranker und zur Fundierung dieser Therapie unter spezifischen historischen Bedingungen entwickelt wurde. Daraus ergeben sich mehrere Fragen: zunächst die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von Diagnose bzw. Therapie von einzelnen Patienten zur Gesellschaftstheorie. Der Sprung von der Therapie einzelner zur Theorie einer transitorischen Gesellschaft ist für sich bereits problematisch und setzt voraus, dass die Bedingungen, innerhalb derer diese Theorie entstanden ist, noch der gesellschaftlich-historischen Entwicklung entsprechen. Die historischen Bezugssysteme haben sich im letzten Jahrhundert jedoch so stark verändert, dass die Historizität von Therapien und der ihnen zugrunde liegenden Theorien ständig zur Diskussion stehen müsste. Dabei kann man zunächst an die bekannten historischen Relativierungen FREUDs erinnern, so an die Wiener Gesellschaft, an die spezifischen bürgerlichen Familienverhältnisse am Ausgang des 19. Jahrhunderts, an die Dominanz der "männlichen Dimension" in diesen Bezügen und in FREUDs Theorien; Familien hätten sich überhaupt gewandelt, frühkindliche Prägungen sind in ihrer Dominanz in Frage gestellt, andere Sozialisationsinstanzen in ihrer Bedeutung gewachsen, die Erfahrungszusammenhänge von Generationen haben eine raschere Abfolge erfahren usw. [48]
Werden diese Änderungen nicht berücksichtigt, besteht hier in besonderer Weise die Gefahr, dass aus einem eigentlich vom Einzelfall ausgehenden Ansatz ein deduktionistischer wird, der dazu neigen könnte, das eigene Kategoriengebäude zu bestätigen; damit könnte dieser Ansatz zu einer ahistorischen Gesellschaftstheorie werden. Um dieser Gefahr zu entgehen, muss hier wie bei anderen methodischen Zugängen auch die Analyse des Einzelfalls und jede Generalisierung auch nach der Konfrontation mit anderen Ansätzen zumindest plausibel erscheinen. [49]
WEHLER sah dieses konservative Element in den psychoanalytisch orientierten historischen Versuchen als Gefahr, denn: "Wiederholung, nicht neue Entwicklung stand mithin im Mittelpunkt." (WEHLER 1974, S.17) Allerdings waren es psychoanalytisch orientierte oder informierte Wissenschaftler, die eine Historisierung der FREUDschen Kategorien versuchten und solche Gefahren vermieden, insbesondere in den Arbeiten von ERIKSON (1971, 1987), GAY (1986b, 1994) oder auch in den empirischen Untersuchungen von FROMM (1990) oder ADORNO et al. (1950) und ADORNO (1997).71) [50]
Aus dieser allgemeinen Frage nach der Plausibilität einer Gesellschaftstheorie, die aus der Diagnose und Therapie von Einzelfällen entstanden ist, ergibt sich eine besondere: nämlich die Frage nach dem Pathologischen und dem "Unpathologischen", nach dem "Normalen" und dem "Kranken" in einer Gesellschaft. Solche Unterscheidungen sind problematisch, dennoch bleibt die Frage, ob die Psychoanalyse als eine Gesellschaftstheorie, die sich aus der Therapie ausgebildet hat, nicht das pathologische Element in einer Gesellschaft betont, Krankheitsbilder zur Grundlage der Gesellschaftstheorie macht und den Blick für die "Unpathologien" verliert.72) Kann man, wäre also die grobe Frage, Patienten und "weniger pathologische" historische Individuen mit den gleichen Kategorien interpretieren? [51]
Ich möchte dieses Thema noch von einer anderen Seite aus beleuchten: Christian SCHNEIDER machte die Frage zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen, wie denn überhaupt Verstehensversuche aussehen könnten, wenn es um das Verständnis einer Generation gehe, die die Verbrechen des Nationalsozialismus getragen oder geduldet habe. Er zitiert in diesem Zusammenhang Marc BLOCH, der kritisierte, dass wir Historikerinnen und Historiker wegen der Differenzen zu früheren Generationen zu schnell zu deren Verurteilung kämen. [52]
"Sind wir denn unserer selbst und unserer Zeit so sicher, daß wir unsere Väter in Gerechte und Verdammte zu scheiden vermögen?" Dies schrieb Marc BLOCH (nach SCHNEIDER 1997, S.45) kurz vor seiner Verhaftung durch die Gestapo in Lyon und seiner Erschießung 1944. Er wurde, meint Christian SCHNEIDER,
"erschossen von Deutschen der Generation unserer Väter. Was bedeutete das für die Sicherheit unseres Urteils über diese? Sind wir wirklich unserer selbst und unserer Zeit so sicher, daß wir sie in Gerechte und Verdammte zu scheiden vermögen? 'Wir verurteilen', sagt Bloch, 'viel zu viel, selbst in unserem Handeln. Es ist so einfach, 'An den Pranger!' zu rufen. Wir verstehen niemals genug.'"
"Verstehen wir" "fragt SCHNEIDER (a.a.O.) im Anschluss an dieses BLOCH-Zitat "genug von unseren Vätern? Gelingt es uns, in ihr Bewußtsein 'einzudringen'? Und ist dieses Bewußtsein tatsächlich ein fremdes?"73) [53]
Hier werden Kernpunkte der Debatte um Geschichte und Psychoanalyse offenbar: Wie bestimmen Werturteile unsere Verstehensversuche wobei die Verstehensversuche von Mitlebenden und Trägern des Nationalsozialismus durch die nachfolgende Generation74) nur ein Sonderfall des allgemeinen Problems sind. Ich begreife dieses BLOCH-Zitat eher als einen Aufruf zu einer Empirie, die sich selbst kritisch in Frage stellt, die von den ersten Interpretationen abweichende oder dazu gegensätzliche Thesen versuchen sollte. Dazu gehört der Gedanke, sich des eigenen Ichs in diesem Prozess möglichst weitgehend zu entkleiden, als kaum einlösbarer, aber dennoch notwendiger Anspruch, die Motive und Intentionen, die Entscheidungen und Weichenstellungen in den Berichten von Zeitzeugen fast induktiv zum Ausgangspunkt unserer Interpretation zu machen. [54]
Ich verstehe diese Zeilen auch als leise Selbstkritik SCHNEIDERs, da das Buch "Das Erbe der Napola", an dem er wesentlich beteiligt war, Elemente von Vorverurteilung der Befragten durch Angehörige der nachfolgenden Generationen enthält, zum Teil ohne die Selbstinterpretation der Interviewten zunächst deutlich für sich zu Wort kommen zu lassen, ehe sie zum Gegenstand psychoanalytischer Interpretation von Angehörigen der nächsten Generation wird. [55]
Es besteht immer in solchen Sets und ihren Interpretationen die Gefahr, sich quasi objektiv außerhalb dieses generationellen Konfliktzusammenhangs zu beschreiben, sich zur moralischen Instanz gegenüber der vorherigen Generation zu machen zum Beispiel jedem Zeitzeugen Täterschaft im Nationalsozialismus zu unterstellen und damit "die" Deutschen auf zwei Gruppen zu reduzieren, die "Täter" und die "Opfer". Zeitzeugen hätten dann nur geringe Chancen, sich selbst anders zu erklären: Jede von dieser Interpretation abweichende eigene Erklärung wäre psychoanalytisch leicht als Exkulpation oder Legitimation, Verdrängung oder Abwehr nach narzisstischer Kränkung interpretierbar. Damit würde die Kritik an solcher Art Verallgemeinerungen als Bestätigung der Theorie eingebaut werden können. Das Plädoyer für Differenzierung durch andere Wissenschaftler könnte psychoanalytisch als Ausdruck der Haltung eines Mitglieds der Kindergeneration gedeutet werden, das die eigenen Eltern schützen will, oder als Abwehr unbewusster Identifikationen mit dem Aggressor, also mit dem "Tätervater". Durch diese oder ähnliche Zurückweisungen von Kritik, die die eigene Theorie bestätigt, würde aus einer hermeneutischen Methode eine hermetische werden. Hier müsste u.a. eine Supervision ansetzen, die sich eben auch und gerade auf das Verhältnis von Zeitzeugen und ihre Interpreten bezieht. [56]
Zwei Schlussbemerkungen: Meine Bedenken richten sich zwar gegen voreilige Generalisierungen durch Psychoanalytiker, aber nicht gegen die Möglichkeiten der Psychoanalyse als heuristisches Instrument in mentalitätsgeschichtlichen oder biographischen bzw. autobiographischen Untersuchungen, als Theorie über Erinnerungen und das Gedächtnis oder über die Wirkung von unbewussten Motiven in der Geschichte. Überdies helfen Erfahrungen aus der Psychoanalyse, das Bewusstsein für unsere eigene Rolle in diesem Set von "Erfahrungsgeschichte" zu schärfen. Aber die Psychoanalyse als Therapie ist ein langer dialogischer Prozess, unsere Befragungen zumeist kurz und im Vergleich wenig dialogisch, psychoanalytische Deutungen werden erst im nachhinein angeboten, zumeist nicht anders als in der Therapie im Gespräch mit den Befragten selbst. In diesen Interpretationszusammenhängen besteht die Gefahr, dass das Unbewusste wenig kontrolliert gegen die bewussten Motive gestellt oder gar als schwer überprüfbares Interpretationsinstrument ins Feld geführt wird und Raum lässt für Projektionen von Historikern.75) [57]
Umso mehr müssen vorsichtige Haltungen in der psychoanalytisch verallgemeinernden Deutung entwickelt werden. Es sollte immer geprüft werden, inwieweit diese Instrumentarien plausible Erklärungen in den Generalisierungen anbieten, ob anders fundierte Interpretationen ebenfalls schlüssig wären, ob Untersuchungen mit anderem Ansatz widersprechende Ergebnisse vorlegen, ob nur eine Tendenz unter den Befragten mit einer bestimmten Deutung "erfasst" wird usw.76) Gerade in der qualitativen historischen Forschung muss eine Empirie entwickelt werden, die Kontrollierbarkeit mit einem Höchstmaß an Offenheit für die Widersprüche, Ambivalenzen und Vielschichtigkeiten der Erfahrungen und Verarbeitungen von Geschichte verbindet, anstatt ein dogmatisiertes Ideengerüst deduktionistisch an Individuen heranzutragen welcher Provenienz auch immer. [58]
In deduktionistischen Vorgehensweisen steht überdies die "hermeneutische Falle" weit offen: Vertreter eines solchen Vorgehens nehmen entweder die Aussagen der Befragten als "die" Wirklichkeit, oder sie striegeln die Subjekte entsprechend ihrer Vorannahmen so glatt, dass sie nur als Illustrationen für anderswo gewonnene Thesen dienen oder dass von ihnen nur knöcherne Gerippen des Zeitgeistes oder die Prototypen der "Modal Personality" der Historiker übrigbleiben. [59]
Die zweite Schlussbemerkung: Ebenso wenig wie Geschichte auf Erfahrungsgeschichte reduzierbar ist, ebenso wenig verlangt jede historische Fragestellung nach psychologischen Methoden, und nicht jedes historisch-psychologische Problem benötigt die Psychoanalyse. Es ist sehr genau zu prüfen, welche historischen Umstände mit Hilfe psychologischer Ansätze plausibel erklärt werden können und welche psychologischen Theorien dafür heranzuziehen sind, die Psychoanalyse, die Sozialpsychologie, Sozialisations- oder entwicklungspsychologische Theorien. Den erkenntnistheoretischen Grundsatz, dass jedes Objekt spezielle Methoden zu seiner Untersuchung verlangt, gilt es auch hier anzuwenden nicht weniger und nicht mehr. [60]
1) Dieser Text ist eine überarbeitete und ergänzte Fassung eines Beitrages, der aus dem einleitenden Vortrag auf der Tagung des Instituts für Geschichte und Biographie zu dem Thema "Geschichte und Psychologie Oral History und Psychoanalyse" hervorgegangen ist und zuerst in BIOS, Jg. 11 (1998), Heft 2 veröffentlicht wurde. <zurück>
2) Vgl. u.a. BRÜCKNER (1982). <zurück>
3) Vgl. GÜNTHER (1947) oder das geschichtsphilosophische Werk "Über die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte" von PLECHANOW (1945). Daraus ein Beispiel für die Art der Fragestellung: "Vielleicht wäre Napoleon (vor dem 18. Brumaire Pl.) nach Rußland gegangen, wohin er ganz wenige Jahre vor der Revolution reisen wollte. Hier hätte er sich wahrscheinlich in den Schlachten gegen die Türken oder gegen die kaukasischen Bergvölker ausgezeichnet, aber niemand wäre auf den Gedanken gekommen, daß dieser arme, aber begabte Offizier unter günstigen Verhältnissen zum Beherrscher der Welt hätte werden können." (PLECHANOW 1945, S.35, Fußnote*). <zurück>
4) Zum Thema Persönlichkeit und Geschichte lieferte BOSCH eine Zusammenfassung in didaktischer Form (1977). <zurück>
5) Vgl. vor allem DROYSEN (1972, 1974), SPET (1993). Auch Verlage haben sich um "Persönlichkeiten der Geschichte" verdient gemacht, indem sie umfangreiche biographische Archive schufen, in Deutschland ist dies vor allem der Saur-Verlag (FABIAN 1986, GORZNY 1997). <zurück>
6) Für DROYSEN selbst war "reelle Wissenschaft" auch der Historiographie durch "Empirie" ausgezeichnet. Vgl. dazu auch STEINBACH (1995), RÜSEN (1993). <zurück>
7) WEHLER (1974, S.11f). Zum Verstehensbegriff schrieb WEHLER (1974, S.9f.): "Das 'Verstehen' ist aus dem aristotelischen Intuitionsbegriff erwachsen, von der theologischen Hermeneutik erstmals systematisch behandelt worden man denke hier an Schleiermachers Theorie der Auslegung und fortab meistens mit einem nicht ganz erklärbaren Einfühlungsvermögen verbunden worden. Es ist mithin in hohem Maße Ausfluß sensibler Begabung und menschlicher Reife und beruhte überdies in Deutschland stillschweigend auf einigen zunehmend der Kritik ausgesetzten Voraussetzungen, von denen hier nur einige erwähnt seien: Wenn Johann Gustav Droysen, der vielleicht mit dem schärfsten analytischen Verstand über die Probleme des historischen Kerngedankens: 'forschend zu verstehen' reflektiert hat, zu der Behauptung vorstoßen konnte, daß 'nichts, was den menschlichen Geist bewegt und sinnlichen Ausdruck gefunden hat, ... nicht verstanden werden könnte', dann darf man das heute unter anderem auch als Ausdruck der optimistischen, relativ statischen Anthropologie des Historismus bewerten." <zurück>
8) Zu den jüngeren Debatten um hermeneutische Methoden vgl. u.a. die Arbeiten von ALBERT (1994), BERG (1997) und BÜHL (1972; mit Aufsätzen von SIMMEL), DREYFUSS und RABINOW (1994; mit FOUCAULT), GADAMER (1993), HEINZE-PRAUSE (1996), HITZLER und HONER (1997), HUSCHKE-RHEIN (1993), OEVERMANN, ALLERT, KONAU & KRAMBECK (1979), PÖGGELER (1972; mit Aufsätzen von DILTHEY), SEIFFERT (1992), SOEFFNER (1979, 1984), SPIES (1992), SUTTER (1997), TEICHERT (1991). <zurück>
9) Vgl. vor allem Wilhelm DILTHEY (1883/1979, 1900, 1905/1991). Siehe dazu STEINBACH (1995). Auch die Akzente, die Georg SIMMEL setzte, sind von großer Bedeutung in diesem Zusammenhang (1892/1907, 1922/1998). <zurück>
10) Man denke nur an einige Arbeiten von FREUD selbst wie "Massenpsychologie und Ich-Analyse" (1984) oder seinen "Abriß der Psychoanalyse. Das Unbehagen an der Kultur" (1974). Zur hier einschlägigen Theorie des Todestriebs bei FREUD, der wesentlich aus den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs rührte, vgl. u.a. SCHMIDT-HEELERAU (1995) oder EISSLER (1992). Selbst Alfred ADLERs Individualpsychologie beschränkte sich keineswegs auf das Individuum als vereinzeltes Subjekt (ANSBACHER & ANSBACHER 1995). Carl Gustav JUNG ging mit seinen kollektiven (Arche-) Typen und Mythen, mit seinen Arbeiten über Religion oder seinen Zivilisationsbeschreibungen einen anderen Weg (1980, 1989, 1996). Vgl. auch GOUX (1975). <zurück>
11) Am bekanntesten wurde LeBONs "Psychologie der Massen", erstmals 1889 in Paris (LeBON 1982). Unzählige deutsche Leser gewann von geschichtsphilosophischer Seite ORTEGA Y GASSETs "Der Aufstand der Massen" (1974 bereits 234.-238. Tausend). Vgl. auch STIELER zu "Person und Masse" mit dem bezeichnenden Untertitel "Untersuchungen zur Grundlegung einer Massenpsychologie" (1929) oder BASCHWITZ (1938), REIWALD (1946) und VÄRTING (1928). Siehe auch HOFSTÄTTER (1975), MÖDE (1920). <zurück>
12) Alice v. PLATO (2001) betont als Ursachen dieser Entwicklung neben der Bedeutung des Massenpublikums auch die ethnologischen und anthropologischen "Umwege" der Geschichtswissenschaft. <zurück>
13) Karl (Gottfried) LAMPRECHT war einer der ersten Historiker, der eine systematische Theorie über psychologische Faktoren in der Geschichtswissenschaft entwickelte und einen wesentlichen Beitrag zur Schule der Kulturgeschichte leistete, besonders mit seinem Hauptwerk "Deutsche Geschichte" (1891-1901) so die Encyclopaedia Britannica (2003). <zurück>
14) 1900 gründete der Philosoph Henri BERR die Zeitschrift "Revue de Synthèse historique". Ihr erklärtes Ziel: die Geschichte aus dem "metaphysischen" in das wissenschaftliche Stadium zu überführen, die verschiedenen Spezialgebiete zu koordinieren und letztlich ähnlich wie LAMPRECHT eine historische Sozialpsychologie als Gipfel dieser Entwicklung auszuarbeiten. In Auseinandersetzung mit der politischen Geschichtsschreibung in Frankreich und mit der "Revue" wurde 1929 von Lucien FEBVRE und Marc BLOCH die Zeitschrift "Annales d'histoire économique et sociale" begründet, die sich eine integrierende Kultur-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte auf die Fahnen geschrieben hatte, und an der Lucien FEBVRE seit 1910 und kurz danach auch Marc BLOCH gearbeitet hatten. (Vgl. Marc BLOCH, Fernand BRAUDEL & Lucien FEBVRE 1977; darin die informative Einleitung von Claudia HONEGGER, S.7ff., oder auch IGGERS 1971.) <zurück>
15) Man denke nur neben der "bündischen Jugendgeneration" an die "HJ-Generation" (v. PLATO 1995a) oder die "68er Generation", die als eigenständige Begriffe nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in Massenmedien Bedeutung bekamen. Vgl. auch BAACKE (1998) oder für die Nachkriegszeit u.a. KERSTING (1998), KENKMANN (1996), MÄHLERT und STEPHAN (1996). <zurück>
16) Vgl. u.a. das Buch "Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert", hrsg. von REULECKE (2003), oder BEYER (1997), BECKER (1997), DEPPE (1982), EHRENBERG (1912), GILLIS, HERRMANN und ROTH (1985), JAIDE (1988), MANSEL, ROSENTHAL und TÖLKE (1997), MEAD (1972), SCHULZ und GREBNER (2003), REULECKE (1997), WELZER, MONTAU und PLAß (1997), STIKSRUD (1994), SCHNEIDER (1997), BUDE (1987). Ich betone über die im allgemeinen zu der "Generationenlagerung" aufgeführten Faktoren auch die nachträgliche Verarbeitung von Geschichte als ein Element der Generationenbildung, vgl. v. PLATO (2004/in Vorb.). <zurück>
17) Am bekanntesten wurde die gleichnamige Arbeit von Wilhelm REICH (1974). Insgesamt wurden die Arbeiten aus der "Frankfurter Schule" bedeutsam. Vgl. auch HÜGLI und LÜBCKE (1992). Allgemein zur Wissenschaft im Nationalsozialismus vgl. u.a. LEPENIES (1986). <zurück>
18) Z.B. August THALHEIMER (KPD) in "Unter dem Banner des Marxismus" (1926). <zurück>
19) Vgl. u.a. BERNFELD (1971), WYSS (1969), WIESER (1981), FROMM (1985), LEPENIES und NOLTE (1971). <zurück>
20) Erich FROMMs sozialpsychologische Untersuchung über die Arbeiter und Angestellten am Ende der Weimarer Republik (1980). Vgl. allgemein zum politischen Bewusstsein v. BORRIES, RÜSEN et al. (1994). <zurück>
21) HORKHEIMER (1963) über das Vorurteil. Vgl. auch CRAMER (1979), MÖDING und v. PLATO (1986, 1989) oder SCHÜTZE, Ivonne (1997). <zurück>
22) Beispielsweise Erich FROMMs Studien zum Gesellschaftscharakter (1981). <zurück>
23) ADORNO, FRENKEL-BRUNSWICK, LEVINSON und SANFORD (1950); allgemein: HORKHEIMER und ADORNO (1996), ADORNO (1997). <zurück>
24) Zu den deutschen Historikern in der Emigration vgl. immer noch IGGERS (1974). <zurück>
25) Vgl. dazu auch NORA (1990), PLATT und DABAG (1995). <zurück>
26) Nach Francis YATES (1966, S.5). <zurück>
27) Besonders einflussreich wurden Ernst BLOCHs Beschreibungen in "Erbschaft dieser Zeit", beispielsweise in dem Kapitel zur Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen (BLOCH 1973). <zurück>
28) Vgl. FROMM (1984), für die jüngere Diskussion vor allem LEHMANN (1978, 1983) oder für den hier dargestellten Zusammenhang STRAUB (1989). <zurück>
29) Und das Buch, das mit diesen Theorien den "Nerv der Zeit" traf, war von Psychoanalytikern geschrieben worden, nämlich von den MITSCHERLICHs über die Unfähigkeit zu trauern (MITSCHERLICH & MITSCHERLICH 1967). Vgl. für die gegenwärtige Debatte das Heft "57/9-10" der Zeitschrift "PSYCHE" und SYRING (1988). <zurück>
30) Den meisten Deutschen war unbekannt, dass von den 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen bis zum Kriegsende 3,3 Millionen in deutscher Gefangenschaft umgekommenen sind (STREIT 1978, Einleitung, oder auch KELLER & OTTO 1998). <zurück>
31) Belegte Schätzungen gehen von ca. 12 Millionen Zwangsarbeitern aus; noch bei Kriegsende waren ca. 10 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter in Deutschland (HERBERT 1985, SPOERER 2001). <zurück>
32) So arbeitet(e) eine "International Study Group for Trauma, Violence and Genocide", angegliedert dem Hamburger Institut für Sozialforschung, mit Archiven, die in Jerusalem oder an der Harvard-Universität Zeugnisse von Holocaust-Überlebenden sammeln, zusammen. Überwiegend sind dies Forschungen über Traumatisierungen in deutschen KZs (z.B. GÄSSLER 1993, BOLL 1997), aber zum Beispiel auch über den Genozid an Armeniern und die traumatischen Erfahrungen der Überlebenden (ABELS 1991, DABAG & PLATT 1993). <zurück>
33) Die Bedeutung und der Zusammenhang dieser Themen zeigt beispielsweise die Reihe des Suhrkamp-Verlages mit dem Titel "Erinnerung, Geschichte, Identität" oder HAVERKAMP und LACHMANN (1991). <zurück>
34) Vgl. vor allem WEHLERs einschlägige Arbeiten von 1976 und 1998 oder die frühen Untersuchungen von Ernst NOLTE (1967 und 1968) zu den faschistischen Bewegungen und ihren Ideologien oder zu den Theorien über den Faschismus. <zurück>
35) Vgl. u.a. die Arbeiten von ALHEIT, FISCHER-ROSENTHAL und HOERNING (1990), LEH (1997, 1998), LEHMANN (1978, 1983), MÖDING (1985), NIETHAMMER (1980, 1983a, 1983b, 1990), v. PLATO (1984, 1995a, 1998a, 1998b), v. PLATO und LEH (1997), ROSENTHAL (1993, 1994, 1995a, 1995b, 1997), SCHRÖDER (1992), WIERLING und BRÜGGEMEIER (1986), ZIMMERMANN (1989, 1991, 1993). <zurück>
36) Zum Beispiel HARTEWIG (1993), MÖDING (1985), NIETHAMMER (1983a, 1983b), NIETHAMMER und v. PLATO (1985) und v. PLATO (2002). <zurück>
37) Beispielhaft für eine "Täter-Untersuchung" wurde die Arbeit von Ulrich HERBERT (1996) über den führenden "SS-Technokraten" Best. Zu den Kindern vgl. u.a.: Universität Wuppertal (1988), ROSENTHAL (1997); jüngst: WILDT (2002). <zurück>
38) Die Literatur ist zahlreich, daher nur eine kleine Auswahl: DOMANSKY (1992, 1993, 1997), KOCKA (1995, 1998), KOCKA und MAYNTZ (1998), NIETHAMMER (1990), NIETHAMMER, v. PLATO und WIERLING (1991), HOFFMANN und RINK (1993), v. PLATO (1991, 1995b), VESTER (1995), v. WENSIERSKI (1993, 1994). Die Zeitschrift BIOS hat mehrfach zu verschiedenen Problemen der Entwicklung nach der Vereinigung Aufsätze abgedruckt, so von WENSIERSKI (1993) zur Stasi, SIMON (1993) zu Psychotherapeuten, BOIS-REYMOND (1993) zur Kindheit. <zurück>
39) Zu diesem und dem folgenden siehe v. PLATO (1998a). Vgl. auch RÜSEN und STRAUB (1998), v. BORRIES et al. (1994). <zurück>
40) Vgl. vor allem Aleida ASSMANN (1999), Aleida ASSMANN und Heidrun FRIESE (1998), Jan ASSMANN (1991). <zurück>
41) Vgl. GRADMANN (1990, 1993) oder SCHUBERT (1986), SCHUCHARDT (1993). <zurück>
42) Vgl. u.a. ALHEIT, FISCHER-ROSENTHAL und HOERNING (1990), FUCHS (1979, 1984), HEINRITZ (1988a, 1988b), HOERNING (1995), KOHLI und ROBERT (1984), OHLY und LEGNARO (1987), KRÜGER und MAROTZKI (1996), ROSENTHAL (1995a), SCHÜTZE, Fritz (1976, 1984, 1987, 1989), BEHRENS-COBET (1993) sowie BLOSSFELD und HUININK (2001) für die eher quantitativ ausgerichtete Schule der Lebensverlaufsanalysen. <zurück>
43) SIEGFRIED (1995), DITTMER und SIEGFRIED (1996, 1997). <zurück>
44) Für diesen Zusammenhang vgl. u.a. MEYER und SCHULZE (1989), DÖRR (1998). <zurück>
45) Dazu gehören Themen wie die Entstehung und (generationelle) Tradierung von Rollen, Erziehungsstilen und Werten, von Geschichtsbildern und ihren Präsentationen oder Konsens- und Dissenselementen, oder auch allgemein Vorurteile in einer Gesellschaft, Traumatisierungen und ihre individuelle wie kollektive Verarbeitung, Opfergeschichten oder umgekehrt Schuldabwehren und Legitimationen vergangener persönlicher Aktivität und Politik u.ä. mehr. <zurück>
46) Selten sind umgekehrt historische Untersuchungen von Psychoanalytikern. Ein Beispiel für eine solche Arbeit ist "Das Erbe der Napola" (SCHNEIDER, STILLKE & LEINEWEBER 1997). Siehe auch BOHLEBER (1991, 1992). <zurück>
47) Allgemein zur Entwicklung der Oral History und ihrer Methode in Deutschland: NIETHAMMER (1980, 1985, 1994), v. PLATO (1985, 1992, 1998a, 2000), SPUHLER (1994); kritisch: SCHNEIDER (1995), WELZER (2000); frühe Bibliographien SYGUSCH, ENGEL, PETER und STRACK (1985) oder OHLY und LEGNARO (1987). <zurück>
48) WEHLER (1971; ich zitiere nach 1974). Vgl. auch WEHLER (1972). <zurück>
49) Allerdings ist jüngst die Arbeit von RÜSEN und STRAUB (1998) erschienen, die die neuerliche Diskussionen um die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geschichtswissenschaft wiedergibt. In der DDR gab es eine Arbeit, die sich fundamental und kritisch mit der Psychoanalyse auseinandersetzte, nämlich KÄTZEL (1987). <zurück>
50) The Journal of Psychohistory und The Psychohistory Review. Siehe außerdem die Arbeiten von LOEWENBERG (1995, 1996) oder von Thomas A. KOHUT (1983, 1991), die explizit und programmatisch diesen Begriff verwenden. <zurück>
51) ERIKSON (1989) oder auch zu GANDHI bzw. den Ursprüngen der Gewaltlosigkeit (1978), GAY (1986a, 1994) oder zu VOLTAIRE (GAY 1988). Vgl. auch BERNFELD (1981), CREMERIUS (1971) und das Mammutwerk im K.G. Saur Verlag: "Deutsches Biographisches Archiv (1982 1985)" (FABIAN 1986), bzw. "Deutsches Biographisches Archiv. Neue Folge (1989 1993) (GORZNY 1997); siehe zum Gesamtprogramm http://www.saur.de/index.cfm?content=kurzanzeige.cfm?show=0000001430&menu=catalog1. Vgl. auch WOLF (1998). <zurück>
52) Vgl. vor allem die Bibliographie von Charlotte HEINRITZ (1988a, 1988b); ALHEIT, FISCHER-ROSENTHAL und HOERNING (1990), FISCHER-ROSENTHAL (1995), HOERNING (1991, 1995) oder KRÜGER und MAROTZKI (1996); methodologisch: u.a. NASSEHI (1994), ROSENTHAL (1995a). <zurück>
53) Vgl. die Angaben in Fußnote 16. Den anderen Weg, bestimmte Berufsgruppen ohne Zuhilfenahme der Psychoanalyse zu untersuchen, gingen z.B. DURTH (1972), JARAUSCH (1990), NAGEL (1997) und ganz anders für Wissenschaftler nach der Wiedervereinigung KOCKA und MAYNTZ (1998) bzw. KOCKA (1998) zu Universitäten und Eliten im Osten nach 1945. Vgl. auch WEHLER (1990) zu Medizinern im "Dritten Reich". <zurück>
54) Psychoanalytisch orientiert: Peter GAYs Bourgois Experience (1986b, 1987), zumindest psychoanalytisch informiert: SCHIVELBUSCH (1980). <zurück>
55) Vgl. vor allem Aleida ASSMANN (1999), Aleida ASSMANN und Dietrich HARTH (1991), und Jan ASSMANN und Tonio HÖLSCHER (1988). <zurück>
56) Vgl. u.a. HOFFMANN und MAY (1995). <zurück>
57) LOEWENBERG (1995, 1996), am schärfsten pointiert in den frühen Schriften von Hayden WHITE (1990, 1991, 1994). <zurück>
58) Die therapeutischen Hilfen jedoch, die manchmal von Zeitzeugen nach ihren Berichten über traumatische Erlebnisse an Historiker und Historikerinnen herangetragen werden, überfordern sie zumeist. <zurück>
59) Vgl. dazu z.B. JUREIT (1998, 1999). <zurück>
60) So der Titel einer Konferenz, die im Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen 1998 abgehalten wurde und deren Ergebnisse von Elisabeth DOMANSKY und Harald WELZER (1999) veröffentlicht. Vgl. auch WELZER et al. (1997). <zurück>
61) Diese Forschung wurde zu einem nicht unerheblichen Teil seit den siebziger Jahren von Kindern jener Eltern gemacht, die den Nationalsozialismus erlebt und in ihm agiert hatten. <zurück>
62) AUTSCH, LOBINGER, REULECKE und SEIDEL (1998) mit Thomas A. KOHUT als Supervisor. <zurück>
63) SCHNEIDER, STILLKE und LEINEWEBER (1997) mit Werner BOHLEBER und Ilany KOGAN als Supervisoren. <zurück>
64) Zu den Traumata bei Naziopfern siehe MÜLLER-HOHAGEN (1988), bei den Nachkommen von Naziopfern und Flüchtlingen: Universität Wuppertal (1988) bzw. HERZKA, von SCHUMACHER und TYRANGIEL (1989). Zu den Stasi-Verfolgten vgl. zum Beispiel MORAWE (1999), STARK (1991). Vgl. auch RÜSEN, GOTTLOB und MITTAG ( 1998), v. PLATO und MEINICKE (1991). <zurück>
65) Vgl. allgemein dazu aus psychologischer Sicht BRAUN (1985). <zurück>
66) Vgl. die FQS-Debatte zu den Qualitätsstandards qualitativer Sozialforschung. Merkwürdigerweise wird eine "Repräsentativität" häufig dann von Historikern angemahnt, wenn es sich um die Verallgemeinerung von subjektiven Quellen handelt in Verkennung der Tatsache, dass wir uns bei nahezu jeder Quelle um die Interpretation der "subjektiven Anteile" und um den Kontext dieser Quelle zu bemühen haben (siehe für eine ausführliche Diskussion im Kontext qualitativer Sozialforschung die hierzu veröffentlichten FQS-Schwerpunktausgaben, hrsg. von MRUCK, ROTH & BREUER 2002 bzw. ROTH, BREUER & MRUCK 2003). Und bei vielen historischen Arbeiten, die mit klassischen Quellen wie Verwaltungsakten arbeiten, besteht das Problem der Verallgemeinerungsfähigkeit auch. Vgl. die zugespitzte Gegenposition bei BRIESEN und GANS (1993). <zurück>
67) Ähnlich Jürgen STRAUB (1998a, S.13f. oder 1989, 1998b). <zurück>
68) In der Tat erklärt WEHLER die Psychoanalyse zur Hilfswissenschaft für historische Arbeiten, außerdem hält er in der Historiographie entwicklungs- und sozialpsychologische Schulen für entscheidender. Allerdings wendet WEHLER manchmal den Trick an, mit der Kritik an der Psychoanalyse die Psychologie insgesamt treffen zu wollen. <zurück>
69) Vgl. hierzu für die qualitative Sozialforschung das Konzept des "Theoretical Sampling" und der "Theoretical Saturation" im Rahmen der Grounded Theory Methodologie (GLASER & STRAUSS 1967, STRAUSS & CORBIN 1996). <zurück>
70) Vgl. z.B. LEGEWIE (1987) und dessen Vorschlag einer kommunikationstheoretischen Rekonzeptualisierung der Gütekriterien für die qualitative Forschung und allgemeiner die seit 2000 in FQS geführte Debatte zu Qualitätsstandards qualitativer Sozialforschung. <zurück>
71) Eine Arbeit FROMMs befasst sich explizit mit ähnlichen Fragen: Die Entdeckung des gesellschaftlichen Unbewussten. Zur Neubestimmung der Psychoanalyse (1990). <zurück>
72) So lauteten die Fragen in Diskussionen, die der Kölner Psychoanalytiker Klaus RÖCKERATH, den solche Zweifel ebenfalls plagten, und ich 1998 in Vorbereitung der erwähnten Essener Konferenz (DOMANSKY & WELZER; siehe Anmerkung 60)über "kommunikative Tradierungen" führten (private Aufzeichnungen). <zurück>
73) Die letzte Frage weist in umgekehrte Richtung: "Sind wir unseren Vätern wirklich fremd?" scheint den Vorwurf so umzuwenden, dass auch die nachfolgende Generation Gegenstand eben der Vorwürfe werden kann, die an die Eltern gerichtet waren. <zurück>
74) Vgl. u.a. SELLSCHOP und VOGEL (1994) oder WELZER et al. (1997). <zurück>
75) Dadurch kann die nachträgliche Deutung unbewusster Haltungen und Motive leicht verletzend wirken und zu Rückzügen der Befragten führen. <zurück>
76) So scheint mir bei einem Projekt des Sozialpsychologen Harald WELZER und anderer über "Tradierung von Geschichtsbewusstsein" (2001) eine vorschnelle Verallgemeinerung einer Tendenz vorgenommen worden zu sein. Dem Projekt folgend wäre in Familien mit kommunikativer Tradierung eine "kumulative Heroisierung" zu beobachten, also "eine Tendenz in den Nachfolgegenerationen zu erkennen, ihren Eltern und Großeltern anti-nationalsozialistische Grundhaltungen und Widerstandshandlungen zuzuschreiben" (WELZER et al. 1997, WELZER, MÖLLER & TSCHUGGNALL 2002; hier nach v. PLATO 2001, S.64). Das war in Familien zu beobachten, die noch miteinander über das Thema Nationalsozialismus kommunizierten, während es in der Mehrheit Interviews zum Abbruch der Kommunikation aus sehr unterschiedlichen Gründen zwischen den Generationen gekommen war. Die mittlere Generation wollte nicht mehr mit ihren Eltern über den Nationalsozialismus und seine Verbrechen sprechen. Hierin spiegelt sich dasselbe Problem wider, das SCHNEIDER anhand des Marc-BLOCH-Zitats diskutierte (vgl. Paragraphen 53f) und auch hier betrifft es sowohl vorherige wie die (verschiedenen) beiden nachfolgenden, nun die Eltern bzw. Großeltern interpretierenden Generationen (vgl. dazu WELZER 2001, WELZER et al. 2002, v. PLATO 2001). <zurück>
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