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Volume 1, No. 2 Juni 2000
Die Anwendung narrativer
Gridinterviews in der psychologischen Mobilitätsforschung
Michael Dick1)
Zusammenfassung: Ziel dieses
Beitrags ist es, den Einsatz eines kooperativen Forschungsverfahrens, des
narrativen Gridinterviews, in einem Forschungsprojekt zum Mobilitätserleben
zu begründen. Die entscheidende Eigenschaft der Methode besteht darin,
dass sie eine durchgängige Transparenz von der Erhebung der Daten bis zur
modellhaften Darstellung verallgemeinerter Befunde gewährleisten kann.
Damit werden zwei Anforderungen erfüllt: Der Wirklichkeitsbezug gründet
in den Erzählungen der Akteure über ihre jeweilige Lebenswelt, die
Verallgemeinerungsfähigkeit begründet sich in der regelgeleiteten
Datenaufbereitung und -interpretation im Rahmen legitimierter Paradigmen
(KUHN). Auf diese Weise soll eine größere Nähe zwischen theoretischer,
grundlagenorientierter Forschung und konkreter Anwendung, etwa in Planung
oder Beratung, gewährleistet werden. Nach einem knappen einführenden
Blick auf das interdisziplinäre und psychologische Mobilitätsverständnis
werden die Anforderungen an das konkrete Forschungsprojekt
"psychologische Grundlagen des Mobilitätshandelns" abgeleitet.
Im Kern des Beitrags werden dann Gütekriterien an das einzusetzende
Verfahren formuliert und in einer konkreten Beschreibung des methodischen
Vorgehens untersucht.
Keywords: Repertory-Grid,
narratives Interview, Gütekriterien, Mobilität, ökologische Psychologie
1.
Der
Forschungsgegenstand Mobilität
1.1 Der Begriff
"Mobilität" als psychologisches Konstrukt
1.2 Die interdisziplinäre Mobilitätsforschung
2.
Ausgangspunkte
und Richtlinien unseres empirischen Vorgehens
2.1 Die Wiedergewinnung
der Fragestellung nach der Mobilität aus dem Alltag
2.2 Zum Verhältnis von Gegenstand und Methode
2.3 Gütekriterien für die
methodische Arbeit
3.
Das
narrative Gridinterview: Begründung und Durchführung
3.1
Einordnung
des Repertory Grid Verfahrens
3.2 Die Fundierung des Grids
in der persönlichen Erfahrung: Narration und Konstruktion
3.3 Die Kohärenzsemantik
der Elemente und Konstrukte
3.4 Die formale Auswertung
eines Repertory Grids
3.5 Die Visualisierung des Grids
4.
Transparenz
statt Unabhängigkeit Reflexion des Forschungsthemas "Mobilität"
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Der Forschungsgegenstand Mobilität
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Der Begriff "Mobilität" als psychologisches Konstrukt
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Mobilität kann als transdisziplinäres
Thema gelten, das vor allem in gestaltenden Disziplinen (Verkehrs-, Stadt-
und Regionalplanung) bearbeitet wird. Die Psychologie hat das Thema bisher
nur zögernd aufgegriffen, etwa die Umweltpsychologie (FLADE 1994; SCHMIDT
1995; GEIGER 1996; HEINE 1998) oder Einzelbeiträge, etwa zur
Verkehrsmittelwahl (HELD 1982), zum Verzicht auf das Auto (BURWITZ, KOCH
& KRÄMER-BADONI 1992) oder zur Situation spezieller Bevölkerungsgruppen
(SCHLAG, ENGELN, DEUBEL & KÖPKE 1998). Eine längere Tradition haben
phänomenologische Ansätze (LINSCHOTEN 1954; LENNEP 1987; SCHÖNHAMMER
1991, vgl. GRAUMANN 1990), die das Wesen der menschlichen Fortbewegung
grundlegend thematisieren und den Gegenstandsbereich auf die alltägliche
Umwelt erweitern. Die Phänomenologie wird vor allem auch interdisziplinär
aufgegriffen (SEAMON 1979; APPLEYARD 1981). Die Verkehrspsychologie scheut
vor einer derartigen Erweiterung ihres Gegenstandsbereiches noch zurück
und beschränkt sich weitgehend auf das Thema der
Mensch-Maschine-Interaktion (HOYOS 1991; s. auch KROJ 1995; COHEN 1996).
[1]
Die dominante Metapher
umweltpsychologischer Forschung ist die der Kluft ("the
ecological-psychological gap", FUHRER 1990; FUHRER & WÖLFING
1997; vgl. MANDL & GERSTENMAIER 2000). Zum einen wird damit auf das
klassische Dilemma verwiesen, dass zwischen Einstellungen und entsprechendem
Verhalten ein großer Unterschied klafft (PRASCHL & RISSER 1994;
LITTIG 1997; aus sozialpsychologischer Sicht FUHRER 1995). Zwar will die
aktuelle umweltpsychologische Entwicklung, in der Mobilitätsverhalten
als Teil übergeordneter Handlungszusammenhänge und -ziele gesehen
wird, diese Kluft konzeptionell überwinden, jedoch geschieht dies häufig
noch in einem verhaltenspsychologischen Paradigma (GIESE 1997) oder einem
halbherzigen Handlungsbegriff, der innere und äußere Aspekte des
Handelns weiterhin analytisch trennt (FLADE 1994b). Impliziert wird damit
eine Unterscheidung in situationale und personale Handlungsaspekte, deren
Zusammenschau einer variablenorientierten Sichtweise nicht gelingen kann
(KAISER 1998; vgl. FUHRER 1990b). Das hier unterstellte Umweltbewusstsein entspricht weitgehend einem stereotypen Set von Einstellungen, das
entweder unter einem Mangel an Differenzierung leidet (DE HAAN &
KUCKARTZ 1996) oder in seiner Konkretion die abstrakten Wissensbestände
über die Umweltkrise verfehlt (LECHER & HOFF 1997; vgl. KAISER &
FUHRER 2000). Als zweite Lücke muss die zwischen Theorie und Praxis, also
zwischen Forschung und Planung auf der einen sowie Anwendung und alltäglichem
Handeln auf der anderen Seite bezeichnet werden (GARDNER & STERN 1996;
FLADE 1999). [2]
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Die interdisziplinäre Mobilitätsforschung
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Interdisziplinär wird Mobilität unter
ihrem raum-zeitlichen Aspekt und damit vor allem in ihrer Realisierung als
Verkehr untersucht. Die Bedeutung der Subjektivität wird dabei durchaus
erkannt (WZB 1997; CANZLER 1999; BMBF 2000). Im Prinzip herrscht ein
weitgehender Konsens darüber, dass methodische und definitorische
Grundlagen der Mobilitätsforschung durch qualitative Komponenten ergänzt
werden müssen, dass Habitualisierungen und Routinen also die
Kategorie der Erfahrung stärker einbezogen und die tägliche
Verkehrsmittelwahl im Kontext langfristiger Entscheidungen bewertet werden
muss. Die integrierenden Metaphern für die interdisziplinäre Mobilitätsforschung
sind die des Verstehens und der damit verbundenen Partizipation handelnder
Akteure, auf deren Basis eine nachhaltige Mobilitätsentwicklung nur möglich
sei. [3]
Trotzdem erscheint die Diskussion immer
noch stark objektbezogen und darin fixiert auf die Alternative zwischen
motorisiertem Individualverkehr (MIV) und dem öffentlichen Verkehrsnetz (ÖV).
Zwar wird mit dem Schlagwort des intermodalen Verkehrs (modal split) auf
die Notwendigkeit der Synchronisation verwiesen, die serienreifen
technologischen Entwicklungen (Telematik) optimieren jedoch weiterhin die
einzelnen Systeme. Übergreifende Ansätze sind lediglich im Hinblick auf Informationsverarbeitung
über Verkehr zu erkennen. Dabei wird übersehen, dass verschiedene
Mobilitätsmittel vom Standpunkt des Subjekts aus einen unterschiedlichen
Erfahrungs- und Erwartungshorizont bilden, unterschiedliche Handlungsentwürfe
erfordern, und dass der Wechsel zwischen ihnen folglich weniger ein
virtuelles, sondern vielmehr ein gegenständliches Problem darstellt. [4]
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Ausgangspunkte und Richtlinien unseres empirischen Vorgehens
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Die Wiedergewinnung der Fragestellung nach der Mobilität aus dem Alltag
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Dem Kernproblem umweltbezogener Forschung,
der getrennten Betrachtung von Bewusstsein (Einstellung) und Handeln
(Verhalten) begegnen wir, indem wir alltägliches Mobilitätshandeln als
die fortlaufende Anwendung erfahrungsbasierten Wissens verstehen. Die
Akteure gelten als Experten ihrer jeweiligen Mobilitätssituation. Ihre
zentralen Bewertungsdimensionen für alltägliches Mobilitätserleben
sollen herausgearbeitet und auf dieser Basis Bedingungen zur möglichen
Beeinflussung des Mobilitätshandelns unter ökologischen Kriterien
formuliert werden. [5]
Im ersten Schritt
untersuchen wir mithilfe explorativer Kurzinterviews, wie, also mit
welchen Objekten, in welchen Situationen etc., sich Mobilität im Alltag
realisiert und was die befragten Personen allgemein unter Mobilität
verstehen (thematische Topographie).2)
Wir versuchen so, die mit dem Begriff assoziativ verbundenen Erfahrungsaspekte
zu erfassen, da der in Frage stehende Gegenstand ein theoretisches
Konstrukt ohne sinnlich-materielle Qualität ist. Die Instruktion für ein
solches Interview muss sicherstellen, dass das Gegenstandsverständnis
offen ist, dass frei und spontan geantwortet werden kann, dass der Bezug
zur persönlichen Erfahrung möglichst gelingt, und dass der Antwortmodus
vom Befragten frei gewählt werden kann anders als im narrativen
Interview, das explizit zur Erzählung auffordert. In diesem Stadium des
Forschungsprozesses wissen wir noch nicht, ob oder in welcher Form Mobilität
als Erzählung repräsentiert ist. Die Interviewfrage lautete: "Mobilität
ist ein aktuelles und gesellschaftlich wichtiges Thema, zu dem wir derzeit
arbeiten. Wenn Sie einmal an Ihr eigenes Leben denken welche
Erlebnisse, Situationen und Objekte sind daran geknüpft?" Erst
im zweiten Schritt werden diese Begriffs- und Erlebnisräume systematisch
aufeinanderbezogen, erst dort kommen narrative Gridinterviews zum Einsatz.
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Zum Verhältnis von Gegenstand und Methode
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Die Anwendung qualitativer oder
entdeckender Forschungsverfahren lässt sich durch das Streben nach einem
lebensweltlichen Gegenstandsbezug legitimieren. Es geht dabei um die
Angemessenheit der Befunde dem in Frage stehenden Kontext gegenüber. Als
wesentliche Validierungsstrategien können unterschieden werden: das dialogische
Vorgehen im Sinne einer Rückmeldung und Überprüfung der Befunde mit
den befragten Auskunftspersonen (z.B. SCHEELE & GROEBEN 1988; GROEBEN
& SCHEELE in diesem Band), das kollektive Vorgehen im Sinne
einer Beteiligung mehrerer Forscher an der Datenauswertung (z.B. MAYRING
1983, in diesem Band; OEVERMANN, ALLERT, KONAU & KRAMBECK 1979) und
das theoriegeleitete Vorgehen im Sinne einer Ableitung von
Auswertungsheuristiken und Zielkategorien für die empirische Analyse,
etwa aus der Psychoanalyse (LEITHÄUSER & VOLMERG 1979) oder der
Biographietheorie (SCHÜTZE 1984). Leider bleibt die methodologische
Reflexion jedoch allzu häufig bei der Legitimation stehen, ohne die
eingesetzten Verfahren selbst zu reflektieren. Im folgenden soll es daher
weniger um das Verhältnis von Methode und Gegenstand und das
daraus folgende Validitätsproblem gehen (dazu HUBIG 1989; TERHART
1995), sondern um die Güte der eingesetzten Verfahren im engeren Sinne,
klassischerweise als Reliabilität und Objektivität abgehandelt. Sie
betrifft das Verhältnis zwischen einer wissenschaftlichen Methode und
ihrer Durchführung, also das Handwerk und äußert sich vor allem als
ein Transparenzproblem. [7]
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Gütekriterien für die methodische Arbeit
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Kurz gefasst lassen sich die klassischen
methodischen Gütekriterien in ihrer gegenseitigen Bedingtheit folgendermaßen
für das qualitative Vorgehen reformulieren (vgl. STEINKE 1999):
Anstelle von Objektivität stellt die Explizitheit
der Methode deren Nachvollziehbarkeit und intersubjektive Geltung
sicher. Zu fragen ist, welches geeignete Darstellungen für die
Befunde sind.
Anstelle von Reliabilität stellt die Funktionalität
der Methode die Kontrolle über ihre Anwendung sicher. Zu fragen
ist, wie die Transformationen des Gegenstands aufscheinen. [8]
Mit der Explizitheit geht es also um eine
exmanente Kontrolle über den Forschungsprozess, mit der Funktionalität
um die methodenimmanente Kontrolle. Im Hinblick auf den Erkenntnisgewinn
gewährleistet Explizitheit die Vermittlung der Forschungsergebnisse in
die unterschiedlichen Anwendungskontexte (wissenschaftlich, politisch,
planerisch, alltäglich etc.) und reicht damit in eine verständigungsorientierte
oder hermeneutische Dimension. Die Funktionalität ist eine Brückenkonstruktion
zwischen dem in Frage stehenden Gegenstand und den theoretischen Aussagen
und reicht damit in eine phänomenologische Dimension. Beide sind
um so bedeutender, je stärker die untersuchten Akteure von der Verwertung
der wissenschaftlichen Ergebnisse betroffen oder gar daran beteiligt sind.
Sie sind ebenso wie im quantitativen oder probabilistischen Vorgehen
Voraussetzung für Validität und Relevanz der Befunde, können aber im
Unterschied dazu nicht unabhängig vom Gegenstand ermittelt werden. Sowohl
die Explizitheit als auch die Funktionalität sind Mittel der Transparenz
des wissenschaftlichen Vorgehens, welche folglich als das eigentliche Gütekriterium
angesehen werden sollte. Denn eine funktionale Methode erleichtert die
Explikation erheblich, und umgekehrt kann eine saubere Explikation selbst
das einfachste Vorgehen handwerklich adeln. Zentral scheint uns bei der
Bewertung dieser Kriterien, inwieweit sie durchgängig zwischen
Fragestellung bzw. Erkenntnisinteresse auf der einen und den theoretischen
Aussagen und Befunden auf der anderen Seite eingelöst werden. Anschließend
soll gezeigt werden, wie das Verfahren des narrativen Gridinterviews
diese Kriterien zu erfüllen versucht. [9]
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Das narrative Gridinterview: Begründung und Durchführung
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Einordnung des Repertory Grid Verfahrens
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Das als "Role Construct Repertory
Test", kurz "Repertory Test", von George A. KELLY in seinem
Hauptwerk 1955 (1991) eingeführte Verfahren ist im weitesten Sinne
konstruktivistischer Herkunft. Allerdings lässt sich KELLY nicht in einem
Atemzug mit anderen prominenten Konstruktivisten nennen, auch wenn er mit
BATESON oder WATZLAWICK den klinisch-psychologischen Hintergrund gemein
hat und sich damit von anderen, eher naturwissenschaftlichen Vertretern
wie von FOERSTER, von GLASERSFELD oder MATURANA unterscheidet. KELLY
selbst bezeichnet seine Lehre als "alternativen
Konstruktivismus", er bezieht sich allerdings kaum auf
konstruktivistische Autoren. Sein Bezugspunkt und Erkenntnisstil ist eher
die universalistische Psychologie, v.a. des William JAMES, der
Psychoanalyse, der Phänomenologie oder der nondirektiven Psychotherapie
eines Carl ROGERS. [10]
Die Fruchtbarkeit von KELLYs Werk
besteht in einer eigenständigen, kreativen und außergewöhnlich differenzierten Persönlichkeitstheorie (womit er sich zusätzlich
von anderen Konstruktivisten unterscheidet, die eher die soziale oder
systemische Dimension betrachten). Einige hervorstechende Grundannahmen
seien hier frei zusammengefasst (vgl. BANNISTER & FRANSELLA 1981):
Die aktive Konstruktion der Wirklichkeit
durch den Handelnden (man the scientist);
Die Wahl-, Entwicklungs- und Veränderungsmöglichkeiten
des Menschen in seinen Konstruktionen und Handlungen;
Die Individualität und
Unvergleichbarkeit der einzelnen Persönlichkeit. [11]
Damit vertritt KELLY ein Menschenbild, das
sich in seiner Dynamik den vorherrschenden Forschungsverfahren der
akademischen Psychologie entzieht. Im Mittelpunkt steht das Individuum in
seiner persönlichen Welt, nicht ein angenommener Durchschnittsorganismus
in einem kontrollierten Kontext. KELLY stellt sich erkenntnistheoretisch
am ehesten in die Tradition des Empirismus und des Pragmatismus
(1991, 12). Diesem Anspruch folgend, führte er die Theorie der persönlichen
Konstrukte bis ins operative Stadium eines diagnostischen Verfahrens
aus, dessen Durchführung bei ihm detailliert beschrieben wird. Weitere
gute Einführungen in die Methode bieten FROMM (1995) oder SCHEER &
CATINA (1993). [12]
Nun hat das Verfahren eine außergewöhnliche
Karriere gemacht, so dass es heute häufig losgelöst von der Grundlegung
KELLYs rezipiert und angewendet wird und sich dabei in bester
pragmatischer Intention meist auch bewährt. Es würde zu weit führen,
hier einzelne Studien aufzuzählen, eine Bibliographie mit Schwerpunkt auf
klinischen Anwendungen befindet sich auf der Homepage der deutschen
Arbeitsgruppe zur Psychologie der Persönlichen Konstrukte (DPPK 1999). Im
Mittelpunkt steht dabei die entstehende Objekt-Merkmals-Matrix (das
Grid), die das Resultat eines mehrstufigen Erhebungsprozesses ist (s.
Kap. 3). Mathematische Verfahren zur Auswertung und Visualisierung dieser
Matrix erhalten leider weitaus mehr Aufmerksamkeit als die Frage
nach ihrer Entstehung in der Datenerhebung. Letzterer gilt unsere
Entwicklungsarbeit. [13]
Wenn wir vom narrativen Gridinterview
sprechen, so ist damit ein narratives Interview gemeint, in dem die
Befragten selbst ausgewählte Erlebnisse als einzelne Situationen ohne
Zwischenfragen des Interviewers erzählen. Im direkten Anschluß daran
verwenden wir diese Situationen als Objekte und bitten die Befragten in
Anlehnung an das Repertory Grid Verfahren um die Generierung persönlicher
Konstrukte (die Merkmale in der Matrix). Auch diese Phase wird
transkribiert und damit als verbales Material behandelt. Die anschließende
Transformation der Matrix in Abbildungen folgt mathematischen Algorithmen,
die lediglich als Interpretations- und Vermittlungsheuristik fungieren.
Der Erhebungsprozess entspricht damit einem offenen Interviewverfahren,
die Auswertung erfolgt hermeneutisch unter Verwendung mathematischer
Hilfsmittel. Die Hermeneutik ist der Mathematik in der Auswertung
vorrangig (TAYLOR 1990). Das narrative Grid-Interview steht also nicht
an einem Schnittpunkt der qualitativen und quantitativen Verfahren,
sondern holt quantitative Heuristiken in die qualitative Arbeit hinein.
[14]
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Die Fundierung des Grids in der persönlichen Erfahrung: Narration und
Konstruktion
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Die narrative Fundierung eines Grids ermöglicht
die Verschränkung von Erfahrung (Praxis) und reflexiver Konstruktion
(Theorie). Die Erhebung erfolgt in drei Phasen, der Erhebung von Elementen,
der Erhebung von Konstrukten, welche die Matrix bilden, sowie eines
Ratings, bei dem die Anwendbarkeit der Konstrukte auf die Elemente
eingeschätzt wird. Während Elemente Entitäten des Erlebens, etwa
Personen, Ereignisse oder Objekte darstellen, dienen die persönlichen
Konstrukte der Beschreibung und Bewertung dieser Erlebniseinheiten. Sie
sind kurz gesagt Interpretationen, die Personen vornehmen: "By
construing we mean 'placing an interpretation': a person places an
interpretation upon what is construed" (KELLY 1991, S.35). Meist
bedient sich die Erhebungsstrategie eines festgelegten Sets von Elementen,
welches verschiedenen Personen vorgelegt wird. Die Befragten
(Auskunftspersonen, AP) werden gebeten, zu diesen Elementen beispielhafte
Ereignisse zu erinnern und zu nennen. Im Anschluss daran werden die
Elemente systematisch von den AP miteinander verglichen. Drei Situationen
werden dabei von den AP so angeordnet, dass zwei zueinander passen und
sich von der dritten unterscheiden. Die dabei gefundenen Ähnlichkeiten
und Unterschiede werden mit Begriffen persönlichen Konstrukten
benannt. Ein Konstrukt ist dichotom zusammengesetzt, es besteht aus
einem Initialpol (dem zuerst gefundenen Begriff) und einem Kontrastpol.
Schließlich wird jedes Element mit jedem der gefundenen Konstrukte in
Beziehung besetzt und auf einer einfachen Rating-Skala bewertet. Die so
entstehende Matrix ist Grundlage der anschließenden Auswertung (vgl.
FROMM 1995; RIEMANN 1991). [15]
In der überwiegenden Anzahl der
Untersuchungen auf Basis von Repertory Grids wird ein Set von Elementen
vorgegeben. Es ist davon auszugehen, dass aufgrund des Aufwandes, den das
Verfahren bereitet (Einzelinterviews statt Testbatterien), meist nur eine
knappe Beschreibung der Elemente erhoben wird. Insgesamt wird diese
Erhebungsphase in der Literatur kaum reflektiert, obwohl durchaus
Kontroversen darüber geführt werden, ob die Elemente vorgegeben oder
frei gewählt werden sollten (vgl. FROMM 1995, S.74ff.). [16]
Um sicherzustellen, dass die
Elemente/Situationen für die AP bedeutsam sind, lassen wir diese zum Großteil
selbst auswählen. Erst in diesem Rahmen wird es möglich, dass die
Auswahl und Darstellung einschließlich ihrer subjektiven Interpretationen
situativen Relevanzen folgt (vgl. HOFFMANN-RIEM 1980). Alle Situationen
sollen von den AP erzählt werden, so dass deren innewohnende Dramatik zum
Ausdruck kommt. Die Erzählung gilt als derjenige Darstellungsmodus, der
der persönlichen Erfahrung am nächsten kommt (SCHÜTZE 1977). Im
Unterschied zum autobiographischen Erzählen, bei dem eine einzige
Gesamterzählung erhoben wird (WIEDEMANN 1986), bildet jede ausgewählte
Situation eine eigene Gestalt. Bedeutung und Zusammenhang muss nicht für
die Gesamterzählung, sondern lediglich innerhalb der Einzelepisode
gestiftet werden, so dass der Bezugsrahmen sich mosaikartig um den
Gegenstand der Erzählungen herum zusammensetzt. Widersprüchliche oder
unvollständige Begriffe und Auslegungen können so leichter nebeneinander
stehen bleiben, der Druck auf den Erzähler, eine kohärente Gestalt zu
produzieren, ist reduziert. Tendenziell unterstützt die episodische
im Vergleich zur autobiographischen Erzählung eher eine deskriptive
denn eine analytische Auswertung. Episodische Erzählungen wurden
in ähnlicher Weise von Uwe FLICK (1996, S.147ff.) eingesetzt.
Entscheidend für uns ist die Einbettung der persönlichen Konstrukte in
das Nacherleben konkreter Erlebnisse: Die Bewährungsinstanz für die Gültigkeit
der formulierten Begriffe ist die selbst erlebte Situation. [17]
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Die Kohärenzsemantik der Elemente und Konstrukte
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Das Gedankengerüst der Kapitel 3.3. bis
3.5 geht zurück auf Arne RAEITHEL, der sowohl die erkenntnistheoretische
Grundlegung als auch die kreative Weiterentwicklung der Anwendung und
Auswertung des Repertory Grid Verfahrens weit über die "Psychologie
der persönlichen Konstrukte" hinaus vorangetrieben hat. Er hat
Generationen von Studierenden an der Universität Hamburg in das Verfahren
eingeführt, eine frei zugängliche Software zur Auswertung und
Visualisierung von Repertory Grids fundiert und programmiert3) und seine außergewöhnlich umfassenden, präzisen und kreativen Gedanken
dazu leider nur entlegen publiziert (RAEITHEL 1990). Wir hatten das Glück,
in einem Forschungsprojekt über subjektive Repräsentationen des Fahrens
mit ihm zusammenzuarbeiten, bevor er am 01.12.1996 überraschend verstarb.
Die Basis für die folgenden Überlegungen bildet sein Konzept der kooperativen
Modellproduktion (RAEITHEL 1995). [18]
Streng genommen ist bereits jedes Element
ein Konstrukt, da es als verbale Bezeichnung einer erlebten Situation eine
symbolische Repräsentation darstellt. Durch die episodische Erzählung
wird sichtbar, wofür diese Repräsentation steht, sie ist das eigentliche
Element. [19]
Das Konstrukt, das in einer eigenen
Erhebungsphase gefunden wird, ist hingegen das Resultat eines Vergleichs
von mindestens zwei Situationen und stellt damit eine sekundäre
Abstraktionsleistung dar. Ein Konstrukt hat
bewertenden und klassifizierenden Charakter, wenn auch in
unterschiedlicher Gewichtung. [20]
Ein Konstrukt ist immer auf mehrere
Elemente anwendbar. Daraus ergibt sich, dass auch umgekehrt auf ein
Element mehrere der gefundenen Konstrukte passen müssen. Die Anwendung
besteht nun darin, dass aus den Elementen in Spalten und den Konstrukten
in Zeilen eine Matrix (Grid) gebildet wird, in der jedes Element (Objekt,
O) mit jedem Konstrukt (Merkmal, M) in Beziehung gesetzt wird (Abb. 1).
Die Beziehung drückt aus, ob ein Element durch ein bestimmtes Konstrukt
angemessen beschrieben bzw. bewertet werden kann, und wird durch die AP in
einem Rating-Verfahren benannt. [21]
Die AP hat folgende Möglichkeiten, ein
Konstruktpaar mit einem Element in Beziehung zu setzen:
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+
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Initialpol trifft zu
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Kontrastpol trifft zu
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B
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Beide Pole treffen zu
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K
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Keiner der beiden Pole trifft zu;
Konstrukt passt nicht auf das Element
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0
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Element liegt zwischen beiden Polen
(beide Pole passen, Element liegt in der Mitte)
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Damit wird von einer streng symmetrischen
Bipolarität der Konstrukte abgerückt, die bedeutete, dass weder das
Urteil "beide", noch das Urteil "keins" möglich wären.
Zwischen den Wahlmöglichkeiten "beide", "keins" oder
"in der Mitte" könnte nicht unterschieden werden. Diese
Entkoppelung der Konstrukte führt zwar zu einer komplexeren Matrix, da
nicht mehr beide Konstruktpole in einer Zeile dargestellt werden können,
sondern für jeden Konstruktpol eine eigene Zeile benötigt wird, kommt
aber der Art und Weise, wie wir Konstrukte im Alltag verwenden, wesentlich
näher. [22]
Das Ergebnis ist, dass sich jedes Element
durch die Anwendung der Konstrukte, und jedes Konstrukt durch seine
Anwendung auf die Elemente beschreiben lassen. Durch diese
wechselseitige Bezogenheit der Elemente und Konstrukte (Kohärenzsemantik)
wird das Ineinandergreifen der erlebten Situation und ihrer Deutung bzw.
Bewertung zum Ausdruck gebracht. Das Grid "trägt die
entscheidenden Charakteristika seines Entstehungskontextes in sich"
(RAEITHEL 1995, S.15). [23]
Eine Visualisierung dieser Matrix, die ohne
mathematische oder inhaltliche Transformation auskommt, ist das
Bertin-Bild (Abb. 1). Trifft ein Konstrukt auf ein Element zu, wird das
entsprechende Feld schwarz gefärbt, trifft es nicht zu, wird es weiß gefärbt.
Graue Felder sind Beziehungen, in denen das Element nicht entscheidbar
zwischen zwei Konstruktpolen liegt ("0"-Codierung). Bereits auf
dieser Basis ist eine formale und inhaltliche Auswertung des Grids möglich.
Denn durch die farbliche Kennzeichnung lässt sich das Grid per Hand
ordnen, indem einander ähnliche Elemente (Objekte in Spalten) und
einander ähnliche Konstrukte (Merkmale in Zeilen) nebeneinander geschoben
werden. Zeilen oder Spalten, die sich in eine solche Struktur nicht
passend einordnen lassen (Residuen), können an den Rand des Grids
verlagert werden, bleiben aber als Information erhalten (verbleibende
Komplexität). Eine solche Ähnlichkeitsordnung, die voraussetzungslos
der Originaldatenmatrix entspricht, stellt das Konstruktsystem einer AP
auf eine Art dar, wie diese es für die Auslegung ihrer Erfahrung sinnvoll
verwendet. [24]

Abb. 1: Geordnetes Bertin-Bild Greta [25]
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Die formale Auswertung eines Repertory Grids
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Die Informationen, die das Bertin-Bild enthält,
lassen sich anhand formaler Regeln systematisch gewinnen. Hier soll dies
beispielhaft geschehen, zur Anschaulichkeit wird auf inhaltliche Ausführlichkeit
und den Rückgriff auf das narrative Material verzichtet. Das Beispiel
stammt aus einem Forschungsprojekt über subjektive Repräsentationen des
Fahrens (DICK & WEHNER 1999; FORSCHUNGSGRUPPE FAHREN 1997), in dessen
Mittelpunkt das Fahrerleben (Fahr-Erleben) von Auto- und Motorradfahrern
und -fahrerinnen stand.4) Im folgenden Fall erzählte und bewertete Greta, 41-jährige Fahrerin
eines PKW der Luxusklasse, eine Reihe von Situationen rund um das Fahren
und ihr Fahrzeug nach der beschriebenen Methode. [26]
Die Verteilung weißer und schwarzer Flächen
sagt etwas über den Gültigkeitsbereich der Konstrukte aus. Überwiegen
schwarze Felder, treffen die Konstrukte auf relativ viele Situationen zu.
Das Konstruktsystem ist einerseits dem Gegenstand angemessen, möglicherweise
aber zu allgemein oder nicht dichotom. Auch können die Situationen zu
homogen ausgewählt sein. Überwiegen hingegen weiße Felder, so trifft
ein größerer Teil der Konstrukte nicht auf die Situationen zu. In diesem
Fall passt ein Konstrukt zwar auf die Situation, für die es gefunden
wurde, weniger aber für andere Situationen. Das Konstruktsystem ist möglicherweise
situativ und wenig aussagekräftig für den gesamten Gegenstand. Auch können
die Situationen zu heterogen gewählt sein. Die Anzahl der schraffierten
Felder ist ebenfalls bedeutend: Die Konstrukte passen zwar auf die
Situationen, jedoch kann nicht zwischen Initial- und Kontrastpol
entschieden werden. Fällt es der AP schwer, die Situationen den
Konstrukten eindeutig zuzuordnen, bestehen die Konstrukte möglicherweise
aus Gegensätzen, die dem Gegenstand nicht angemessen sind. Es könnte
aber auch auf die relativ geringe Bedeutsamkeit der Konstrukte oder
Elemente für die AP hinweisen. [27]
Bei Greta überwiegen die weißen Felder
leicht, was auf eine situative Art des Konstruierens hinweist. Der Überhang
an weißen Feldern betrifft allerdings nur wenige Konstrukte, so dass zunächst
von einer hinreichenden Gültigkeit der Konstrukte ausgegangen werden
kann. Zudem sind nur vereinzelte graue Flächen zu sehen, was zusätzlich
für die Anwendbarkeit der gewählten Konstrukte spricht. [28]
Mit der Sortierung der Elementspalten und
Konstruktzeilen entstehen Muster, die wichtige Informationen
enthalten. Es können beispielsweise homogene Blöcke entstehen, in denen
Gruppen von Situationen bzw. Konstrukten eine nahezu gleiche Bedeutung
haben. Solche homogenen Cluster tauchen meist zweifach auf, ohne sich zu
überlagern. Es besteht dann eine übergeordnete Dichotomie im
Konstruktsystem der AP, der Gegenstand wird im wörtlichen und übertragenen
Sinne "schwarz-weiß" erlebt (eine Dimension dominiert).
Ansatzweise ist eine solche Struktur in unserem Beispiel erkennbar, wobei
die Blöcke in sich aber gebrochen sind. Innerhalb zweier gegensätzlicher
Erlebnisqualitäten bestehen Differenzierungen. Zudem gibt es einen Übergang
zwischen den beiden Blöcken, der allerdings eine unklare Struktur
aufweist, schwarze und weiße Felder lassen sich hier nicht in ein
eindeutiges Muster bringen (die Flächen in der Mitte des Bildes). Hier
deutet sich eine weitere, wenn auch inhaltlich bisher nicht zu bestimmende
Dimension an. Ebenso ist ein kleiner Block oben rechts im Display zu
erkennen, der aus drei Elementen ("fliegender Kleinwagen",
"Defekt auf der Fähre", "Anhalter") und drei
Konstrukten ("einmaliger Schreck", "kurzfristig",
"Mitgefühl") gebildet wird und eine weitere Subdimension
darstellt. Schließlich gibt es sowohl Elemente als auch Konstrukte, die
sich nur schwer oder gar nicht in das Muster integrieren lassen (hier nach
unten und nach rechts verschoben). Diese weisen auf Aspekte hin, die dem
zum Großteil recht homogen konstruierten Gegenstandsbereich zwar
zugerechnet werden, aber möglicherweise Randbereiche oder wenig
integrierte Teilaspekte betreffen. Diese Residuen bleiben sichtbar und
werden nicht als Restvarianz vernachlässigt, da sie für die
Interpretation wertvolle Hinweise darstellen. [29]
Im Fall Greta lässt sich auf Basis der
formalen Auswertung zusammenfassen: Jenseits einer dominierenden Polarität,
die zwei gegensätzliche Erlebnisräume umfasst, existieren
Subdimensionen, die entweder inkonsistent konstruiert sind, oder einen
kleinen, klar umgrenzten Erlebnisbereich von Ausnahmesituationen umfassen.
Diese Subdimensionen legen die wenig integrierten oder widersprüchlich
gedeuteten Aspekte des Fahrerlebens frei und verhindern in der Auswertung
eine Reduzierung auf eine einzige, relativ klar strukturierte dominierende
Erlebnisdimension. [30]
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Die Visualisierung des Grids
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Der entscheidende Grund für die
mathematische Transformation des Grids mithilfe der Eigenstrukturanalyse
(ESA; RAEITHEL 1995)5) ist die Visualisierung, die dadurch möglich wird (Abb. 2). Semantische Ähnlichkeiten
zwischen Fahrsituationen und Konstrukten werden miteinander verschränkt räumlich
dargestellt (Gemeinraum) und erscheinen optisch als Nähe. Je näher zwei
Elemente bzw. Konstrukte zueinander liegen, desto ähnlicher sind sie in
ihrer Bedeutung. Die Besonderheit liegt darin, dass Objekte und Merkmale
in ein einziges Koordinatensystem projiziert werden und damit in ihrer
wechselseitigen Bezogenheit relationsgetreu sichtbar werden, was in der
Faktorenanalyse nicht möglich ist. "Die gegenseitige Bestimmung,
oben Kohärenzsemantik genannt, findet sich auch in der mathematischen
Struktur des Grids" und "Das Bezugssystem wird nicht von außen
an die Matrix herangetragen, sondern ist ihr von innen heraus zu
eigen" (RAEITHEL 1995, S.21). [31]
Wir sind also in der Lage, eine Verdichtung
und Abstraktion vorzunehmen, ohne dabei auf deduktiv (logisch,
theoretisch) gewonnene Ableitungen zurückgreifen zu müssen, das
Allgemeine folgt unmittelbar aus dem Besonderen, die Lebenswelt bleibt in
den Modellen sichtbar. Zwar wird durch die hypothetischen Koordinaten
(Dimensionen, nicht Faktoren) eine Orientierung in diesem Ähnlichkeitsraum
ermöglicht, die die inhaltliche Aussage erleichtert, allerdings sind wir
in der Auswertung nicht ausschließlich auf diese artifizielle
Orientierung angewiesen, sondern können direkt auf beieinanderliegende
Element-Konstrukt-Versammlungen zurückgreifen. Ebenso aufschlussreich wie
die Koordinaten selbst ist eine Betrachtung der durch diese geschiedenen
Erlebnisräume (Quadranten). Die Auswertung eines Grids besteht nicht
aus einem hypothetischen Schließen, sondern aus einer deskriptiven
Verdichtung der Originaldaten, ohne dabei auf die intuitiv verständliche
graphische Ordnung zu verzichten. [32]

Abb. 2: ESA-Diagramm Greta [33]
Bei Greta dominiert in der Waagerechten die
Valenzdimension, die mit der X-Achse verläuft. Sowohl die Situationen als
auch die Konstrukte zeigen eine deutliche Unterscheidung der beiden
Erlebnisqualitäten (überschwängliche, lustvolle Aktivität versus
schmerzliche Behinderung). Diese Polarisierung entspricht der
Blockbildung, wie wir sie im Bertin-Bild herausgearbeitet haben. Darin ähnelt
dieser Begriffsraum denen der meisten befragten Fahrerinnen und Fahrern,
ist im Unterschied zu diesen aber deutlich emotional getönt. In den
Subdimensionen allerdings wird das Bild unklar. Hier ist auf der
Senkrechten die dritte Dimension abgetragen, wo wir den im Bertin-Bild
auftauchenden kleinen Block aus drei Situationen und Konstrukten
("fliegender Kleinwagen", "Defekt auf der Fähre",
"Anhalter"; "einmaliger Schreck",
"kurzfristig", "Mitgefühl") wiederfinden. Der
Gegenpol wird von den Konstrukten "Durchhalten" und "die
Folgen" gebildet. Eine Dimension zwischen einer antizipativen,
langfristigen Orientierung und dem kurzfristigen, plötzlichen und überraschenden
Erleben ist im Ansatz erkennbar, aber nicht kohärent konstruiert. Da auch
die zweite Dimension (hier nicht abgebildet) keine eindeutige Struktur
aufweist, verbleibt im subjektiven Erlebnisraum ein Stück nicht aufgeklärte
Komplexität. Dies könnte entweder auf subjektiv nicht integrierte
Aspekte des Fahrens verweisen oder auch die Formulierung
des Gegenstandes anhand der Eingangsinstruktion widerspiegeln. Die weitere
Auswertung kann hier auf das narrative Material zurückgreifen.6) [34]
Das ESA-Diagramm hat eine zentrale
Bedeutung für die Vermittlung unterschiedlicher Perspektiven auf ein Phänomen
wie Fahren oder Mobilität. Dies in zweifacher Hinsicht: Zum einen ermöglicht
es den Vergleich über verschiedene Einzelfälle, da immer die formal
gleichen Orientierungshilfen verwendet werden. Auf diese Weise können
Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den subjektiven Modellen zu
allgemeineren Aussagen verdichtet werden. Zum zweiten können die
Perspektiven unterschiedlicher Zielgruppen, etwa Alltagsakteure und
Planer, systematisch aufeinander bezogen und an die jeweiligen Gruppen zurückgemeldet
werden. Die Visualisierung schafft Intersubjektivität in der Vermittlung
der Forschungsergebnisse dadurch, dass die visuelle Darstellung von Ähnlichkeitsrelationen
für alle Betrachter gleich verständlich ist. Das ESA-Diagramm ist
gleichsam ein Konsensgerüst, das Gemeinsamkeiten und Unterschiede
zwischen verschiedenen Sichtweisen sowie mögliche Annäherungen auf eine
visuelle Ebene transformiert. [35]
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Transparenz statt Unabhängigkeit Reflexion des Forschungsthemas
"Mobilität"
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Mathematische Ähnlichkeit ist keine Gewähr
für inhaltliche Gemeinsamkeiten. Für eine Transformation der Rohmatrix
muss sichergestellt sein, dass die zugrundeliegenden Elemente und
Konstrukte einem sinnvoll abgegrenzten Gegenstandsbereich entstammen.
Vergleiche zwischen Elementen und Konstrukten können nur vor dem
Hintergrund eines gemeinsamen Bezugssystems einen Sinn ergeben (FROMM
1999b). Entscheidend dafür ist die subjektive Kohärenz des
Bezugssystems, die nur durch die AP selbst gewährleistet werden kann. Die
Ausgangsfragestellung eines narrativen Gridinterviews gibt das Thema vor,
innerhalb dessen die AP Situationen zur Darstellung auswählt. Durch die
erzählerische Entfaltung ergibt sich ein innerer Zusammenhang zwischen
den Situationen, die jeweils aufeinander verweisen. Das Generieren persönlicher
Konstrukte folgt gewissermaßen den Spuren dieser Verweisstruktur, so dass
das aufgespannte Bezugssystem nicht verlassen wird. Die theoretische
Vorstrukturierung durch den Forscher beschränkt sich auf formale
Operationen. Die thematische Kohärenz des Grids spiegelt somit die Qualität
eines prinzipiell sinnvollen subjektiven Bezugssystems wider, ohne dabei
Brüche und Widersprüche einer künstlich erzwungenen Symmetrie
preiszugeben. [36]
Ein wissenschaftstheoretisches Kriterium
der Objektivität im Sinne der Kontextunabhängigkeit kann es für die
Erfahrungswissenschaften nicht geben. Das Einnehmen eines objektiven
Standpunktes bedeutet, "daß man sich an etwas bindet, was sich ohne
Bezugnahme auf spezifische Menschen beschreiben läßt" (RORTY 1988,
S.11). Allgemeingültigkeit kann nur im Sinne des allen Beteiligten
gemeinsam Gültigen, also als Intersubjektivität, verstanden
werden. Dies bedeutet nicht den Verzicht auf formale Kriterien überhaupt,
allerdings beruhen diese einerseits auf Übereinkünften innerhalb
legitimierter Paradigmen im KUHN'schen Sinne und andererseits in der
kontrollierten und regelgeleiteten Anwendung von Methoden. Formales
Vorgehen steht im Dienste der Sichtbarmachung von Erfahrung und spielt
diese nicht aus. Die Mathematik ist der Hermeneutik untergeordnet.
Anzustreben ist die Transparenz der Transformation des Gegenstandsverständnisses
und der dazugehörigen Daten. Die begrenzte Gültigkeit theoretischer Sätze
muss offensiv herausgearbeitet werden, anstatt sich letztlich in
Metaphysik aufzulösen, wird doch "die Eindeutigkeit des Wortes
"wahr" gerade durch seine Flexibilität gewährleistet"
(RORTY 1988, S.15). [37]
Für unser Forschungsvorhaben zur Mobilität
heißt dies im jetzigen Stadium, die kulturellen und historischen
Bedingungen schon dort zu reflektieren, wo eine solche Fragestellung überhaupt
aufgeworfen wird. Wer formuliert das Erkenntnisinteresse und wie wird es
von den am Forschungsprozess Beteiligten redefiniert? Schon im ersten
empirischen Stadium unseres Projektes schälen sich hier interessante
Hinweise heraus: Wenn es dem Mittelgeber (Bundesministerium für Bildung
und Forschung) um eine nachhaltige Sicherung von Mobilität geht, schwingt
implizit immer schon eine positive Bewertung des Konstruktes mit: Mobilität
muss erhalten werden, auch wenn Verkehr reduziert oder umgelagert wird.
Bereits diese Bewertung wird von den befragten Akteuren teilweise in Frage
gestellt: Mobilität erscheint ihnen auch als ein normatives Postulat der
Allerreichbarkeit. Die Teilhabe an Mobilitätstechnologien (v.a. Internet,
Mobil-Telefon, aber immer auch noch das Auto) wird zu einem Zwang
nicht die Nutzung von Technologie muss legitimiert werden, sondern deren
Nicht-Nutzung. Andererseits wird die persönlich gewonnene Mobilität vom
Umfeld, vor allem der Arbeitswelt, vereinnahmt. Durch die Diffusion von
Mobilitäts-Technologie und durch gesellschaftliche Flexibilitätspostulate
verschärft sich der individuelle Orientierungs- und Legitimationsdruck.
[38]
Diesen unterschiedlichen Bezugs- und
Bewertungsrahmen zur Geltung zu verhelfen, bestimmt unseren
Forschungsstil. Die Widersprüche und Verständnisstörungen können dabei
nicht formal oder logisch überbrückt werden, sondern sind miteinander zu
konfrontieren. Vor diesem Hintergrund ist Transparenz das pragmatische und
einzige Kriterium für die Güte des Forschungsprozesses im Hinblick
auf die inhaltliche Entwicklung von Aussagen und auf die Anwendung der
Methoden. [39]
1) Zur Forschungsgruppe
gehören neben dem Autor Katja DEUBEL, Nikolaus HILDEBRANDT, Kai GLIESMANN
(alle TU Hamburg-Harburg) und Theo WEHNER (ETH Zürich), die mich bei der
Erstellung dieses Textes unterstützt haben. Derzeit bearbeiten wir ein
Arbeitspaket zu "psychologischen Grundlagen des Mobilitätshandelns"
im Rahmen des Konsortiums Intermobil Region Dresden, Beitrag der TU
Hamburg-Harburg, gefördert durch das BMBF (Förder KZ 19 B 9907 H 7). <zurück>
2) Eine Darstellung
dieser Studie ist als Harburger Beitrag zur Psychologie und Soziologie
der Arbeit in Vorbereitung. <zurück>
3) GRIDSTACK, eine auf
Hypercard basierende Macintosh-Anwendung, die wir für die hier
dargestellten Beispiele verwendet haben, nach wie vor verwenden, und die
als Freeware kostenlos zur Verfügung steht. <zurück>
4) Wir haben in einem
Forschungsprojekt zum subjektiven Fahrerleben auf diese Weise achtzehn
narrative Gridinterviews erhoben. Derzeit bereiten wir im hier
dargestellten Nachfolgeprojekt zu Mobilität eine analoge Erhebung als
zweite empirische Phase nach den explorativen Kurzinterviews (vgl.
Kap. 2.1) vor. <zurück>
5) Die
Eigenstrukturanalyse geht zurück auf SLATER (1977). Man kann selbstverständlich
auch andere Verfahren, etwa die multidimensionale Skalierung oder
Vektoranalysen, einsetzen (vgl. RAEITHEL 1993; FROMM 1999). <zurück>
6) Eine ausführliche
Darstellung der Empirie wird vom Autor derzeit als Dissertation unter dem
Titel "Die Situation des Fahrens" bearbeitet. <zurück>
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Michael DICK, geb. 1964, Dipl.-Psych.,
Arbeitsschwerpunkte: Psychologie in Arbeit, Umwelt und Technik,
Organisationspsychologie, Sozialpsychologie, qualitative Sozialforschung.
Seit 1994 an der Technischen Universität Hamburg-Harburg,
Arbeitswissenschaft/1, Schwarzenbergstr. 95, D 21071 Hamburg.
E-Mail: Michael.Dick@GSE-W.Uni-Magdeburg.DE
URL: http://www.uni-magdeburg.de/mpeb/dick/
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):
Dick, Michael (2000, Juni). Die Anwendung
narrativer Gridinterviews in der psychologischen Mobilitätsforschung [39
Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative
Social Research [On-line Journal], 1(2).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00dick-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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Revised 6/2004
Letzte Änderung: 10.06.2004
Volume 1, No. 2 Inhaltsverzeichnis
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