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Volume 1, No. 2 Juni 2000
Qualitativ-psychologische
Forschung mit dem Voice-Ansatz
Mechthild Kiegelmann
Zusammenfassung: Die hier
vorgestellte Voice-Methode ist ein qualitativ-psychologischer Ansatz, der
besonders geeignet ist, um psychologische Umgangsprozesse mit tabuisierten
Themen oder mit psychischen Konflikten zu analysieren. Ursprünglich
basierend auf einem Verfahren zur Analyse von Moralentwicklung wird in
diesem erweiterten Verfahren den verschiedenen Strängen von Umgangsformen
mit Tabuthemen nachgespürt. Dabei entsteht eine Analyse des
Zusammenspiels einzelner dieser Stränge oder Stimmen, die Dissonanzen,
Harmonien und Widersprüche in die psychologische Auswertung mit
einbezieht.
Keywords: Psychologie, Umgang mit
tabuisierten Themen, Voice-Ansatz, qualitative Forschung
1.
Einleitung
2.
Die ursprüngliche Methode
3.
Praktische Anwendung
4.
Weiterentwicklung
5. Beispiel
5.1 Erstes Lesen: Inhalt
und Reaktion
5.2 Zweites Lesen: Selbst
5.3 Drittes Lesen: Soziale
Bedingungen
5.4 Viertes Lesen: eine Vielzahl von Stimmen
5.5 Voice Cluster
6.
Zusammenfassung und Perspektive
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Die Voice-Methode hat ihre Wurzeln in der
Analyse von moralischen Argumentationsmustern. Von daher ist sie gut
geeignet für Forschungen über psychologische Entscheidungsprozesse. Ich
nutze und erweitere diesen Ansatz, um Forschungsergebnisse für eine
"Psychologie des Schweigenbrechens" zu erzielen. Für eine
Untersuchung des Umgangs mit sozialen Tabuthemen eignet sich dieser
Voice-Ansatz besonders, weil ich bei der Analyse neben ausdrücklich
genannten Inhalten auch Informationen über latente Inhalte mit einbeziehe
(z.B. Pausen, Selbstbenennungen, Zögern, Entwicklungen und Veränderungen
im Argumentationsprozeß, Vielschichtigkeit von Aussagen). Besonders mein
Nachspüren nach verschiedenen und ggf. auch widersprüchlichen
Ausdrucksebenen und meine ausdrückliche Betonung von respektvoller
Gestaltung der Forschungsbeziehungen ermöglichen mir, psychologische Phänomene
zu studieren, die erst nach Überwindung von Hemmungen und in
vertrauensvollen Gesprächen artikuliert werden (vgl. meine Studie über
Geschwisterinzest, KIEGELMANN 1997 und über Umgangsformen mit
NS-Geschichte am Arbeitsplatz, KIEGELMANN 1999a oder BEAUBOEUFs 1997
Forschung über Engagement gegen Rassismus bei Lehrerinnen in den USA.)
[1]
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Die ursprüngliche
Methode
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Die hier vorgestellte Methode ist meine
Weiterentwicklung des "Voice Centered Listening", das von Lyn
BROWN, Carol GILLIGAN und deren KollegInnen im "Harvard Project of
Girls' Development and Women's Psychology" erarbeitet wurde (BROWN et
al. 1988). In den 1970ger Jahren forschte Carol GILLIGAN zusammen mit
anderen WissenschaftlerInnen aus der Arbeitsgruppe um Kohlberg über
Moralentwicklung. Aufgrund ihrer empirischen Befunde entwickelte sie eine
Theorie der Moralentwicklung, in der sie neben einer Regelorientierung
auch eine Beziehungsorientierung darstellt, die Menschen zur Lösung von
moralischen Konflikten nutzen. Sie bezeichnete diese beiden Orientierungen
als "voice of justice" und "voice of care" (GILLIGAN
1977 und GILLIGAN 1982). Das hier entstandene Konzept von
"voice" oder "Stimme" wurde sowohl von GILLIGAN, als
auch ihren KollegInnen weiterentwickelt. 1988 verfaßten einige
WissenschaftlerInnen einen Methodenleitfaden, in welchem die Analyse der
"Care-" und der "Justice-Orientierung" als
Interpretationsform von Moralentwicklung beschrieben wurde (BROWN et al.
1988). Neuere Arbeiten konzentrieren sich auf Fragen nach der Entwicklung
von jugendlichen Mädchen, die einem sozialem Druck durch entmündigende
Weiblichkeitsideale ausgesetzt sind und diesem Widerstand entgegensetzen
(BROWN & GILLIGAN 1992,TAYLOR, GILLIGAN & SULLIVAN 1995 und BROWN
1998). [2]
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Die Analyse von Interviewtranskripten mit
dieser Methode beruht auf vier aufeinanderfolgenden Lesedurchgängen. Beim
ersten Lesen wird eine Inhaltsanalyse durchgeführt und die Reaktion der
ForscherIn auf das Material notiert. Im zweiten Durchgang wird die
Ausdrucksform des "Selbst" erhoben, indem alle Aussagen, mit der die
SprecherIn auf sich verweist herausgesucht und interpretiert werden. In
den folgenden Lesedurchgängen werden die jeweiligen zu analysierenden
Stimmen getrennt herausgefiltert und interpretiert, z.B. drittes Lesen
nach der "Care"-Stimme und viertes Lesen nach der
"Justice"-Stimme. In neueren Arbeiten werden diese letzten
Lesedurchgänge auch Suche nach "kontrapunktischen" Stimmen
genannt (TAYLOR, GILLIGAN & SULLIVAN 1995, S.31). [3]
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In meiner Anwendung und Weiterentwicklung
dieser qualitativen Methode greife ich das Konzept von "voice"
auf, beziehe aber ein breiteres Spektrum an Fragen ein. Um die Bedeutung
von gesellschaftlichen Bedingungen mit zu erfassen, füge ich einen
zusätzlichen Lesedurchgang zwischen dem Lesen mit Konzentration auf das
Selbst und der Suche nach den kontrapunktischen Stimmen ein: In diesem
Schritt markiere und analysiere ich gezielt, in welcher Beziehung die
Personen zu gesellschaftlichen Bedingungen stehen und wie sie im System
sozialer Machstrukturen verortet sind (vgl. ROMMELSPACHER 1997). Hierbei
untersuche ich sowohl die sozialkritischen Aussagen der
InterviewpartnerInnen (vgl. BROWN 1998, S.34), beziehe aber auch eine
kritische Reflexion von sozialen Bedingungen in meine Analyse ein, die in
den Interviews nicht immer ausdrücklich angesprochen werden. Auf diese
Weise gehe ich über ein Anknüpfen an subjektive Theorien der Befragten
hinaus. [4]
Mit dem Beachten von multiplen Aspekten in
den Erfahrungen, Umgangsstrategien und Identitätskonzepten erweitere ich
auch das Verfahren der Analysemethode des Voice-Ansatzes. Anstatt schon in
der Forschungsplanung die zu untersuchenden "kontrapunktischen"
Stimmen festzulegen, nutze ich das Voice-Verfahren, um in den Daten
psychologische Prozesse neu zu bestimmen. Statt des ursprünglichen
dritten und vierten Schritts suche ich in einem einzigen Lesedurchgang
nach einer im Transkript enthaltenen Vielzahl von Stimmen. Auf diese Weise
baue ich einen Arbeitsschritt ein, bei dem ich eine größere Anzahl
an Stimmen in den Daten heraushebe, als die meisten meiner KollegInnen,
die mit der Voice-Methode arbeiten. [5]
Das Nebeneinander verschiedener Stimmen
verstehe ich als Ausdruck einer mehrdimensionalen Identität, die BILDEN und KEUPP beschrieben haben (BILDEN 1997, KEUPP & HÖFER 1997, vgl.
auch KIEGELMANN 1999b). Dieses erklärungsgenerierende Vorgehen gestalte
ich in Anlehnung an Grounded Theory (STRAUSS 1987). Um die einzelnen
Stimmen zu finden, beginne ich bei den Selbstdeutungen und subjektiven
Theorien der Befragten, beziehe dann auch meine Beobachtungen über Körpererfahrungen, Emotionen und soziale Bezüge mit ein. Dabei suche ich nach handlungsleitenden Bedeutungszusammenhängen. Ich
arbeite zunächst sehr nah an Transkriptionstexten und erstelle
detaillierte Voice-Listen. Erst in späteren Schritten fasse ich diese
Vielzahl von Stimmen in Überkategorien zusammen und analysiere, wie diese
miteinander in Beziehung stehen. Meine Forschungsergebnisse basieren somit
auf jeweils in den Daten neu gefundenen Voice-Konstellationen. [6]
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Um den Voice-Ansatz zu veranschaulichen,
werde ich im folgenden an einem Beispiel aus meiner Studie über
Bruder-Schwester Inzest die einzelnen Arbeitsschritte bzw. Lesedurchgänge
kurz skizzieren (vgl. KIEGELMANN, 1997). Die übergreifende Frage meiner
Studie war nach den Prozessen des Schweigenbrechens über Erfahrungen von
sexueller Gewalt durch Brüder. In diesem Forschungsprojekt habe ich u.a.
"Elena", eine 23 jährige Studentin in den USA aus einer
bikulturellen Familie (Puertorikanisch-USamerikanisch) interviewt. Sie
wurde als Kind von ihrem älteren Bruder sexuell mißbraucht und spricht
im Interview mit mir über ihre Erfahrungen:
"Back then he was my big brother and
I would do anything to, to protect him and make sure nothing happened to
him, and whatever else, you know, and do whatever he told me to do.
And [1] now, that, [1] I know better [laughs] you know, like I take care
of myself first, and you know, like he comes later and [inhale] I care
about him as a person 'cause he's a,.. he's a really,.. H-he is a
genuinely a good person you know, and I think that he has a lot of
problems, and I think [1] a lot of the problems are from my parents, but
[1] I also think like, a lot of the things he did were because he was
troubled. But at the same time I don't excuse that. You know, like
'cause I grew up with the same parents and I've molested nobody [on
laugh:] You know. And I didn't hurt anybody in the process."
(Ziffern in [Klammern] geben Pausen in Sekunden an) [7]
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Erstes Lesen: Inhalt und Reaktion
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In diesem Abschnitt spricht Elena über
Ihre Beziehung zu ihrem Bruder, wobei sie eine Entwicklung zwischen früher
(back then) und heute (now) benennt. [8]
Beim Lesen dieses Auszugs reagiere ich mit
dem Bedürfnis, sie dazu zu ermutigen, ihren Vorsatz "I take care
of myself first" noch stärker zu befolgen und nicht zu schnell
wieder bei einer Entschuldigung für den Bruder zu landen. Aufgrund dieser
Reaktion werde ich bei der Interpretation des Materials darauf achten, daß
mein Bedürfnis nach Abgrenzung von dem Bruder nicht die Aussagen von
Elena übertönt. [9]
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Die Textabschnitte, in denen Elena sich
selbst benennt, lauten:
I would do anything; do whatever he told
me to do; I know better; I take care of myself first; I care about him; I
think that he has; I think; but [1] I also think; I don't excuse
that; I grew up; I've molested nobody; I didn't hurt anybody. [10]
In dieser Reihung der Selbst-Statements
sagt Elena ohne zu zögern, was sie weiß und denkt. In der Mitte des
Textauszugs erkenne ich einen Bruch in der Klarheit und Bestimmtheit ihrer
Aussagen: Dreimal benutzt sie "I think", was ich in diesem
Zusammenhang als eine Abschwächung in ihrer Gewißheit verstehe (übersetzt
mit "ich denke" oder "ich glaube"). Diese drei
Statements markieren einen eigenen Sinnzusammenhang, in welchem sie mögliche
Ursachen für das Verhalten ihres Bruders aufzählt. Vielleicht gelingt
ihr eine Übernahme von Argumenten, die den Bruder entlasten nicht
bruchlos. Diese Beobachtung werde ich in der weiteren Analyse
verfolgen. [11]
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Drittes Lesen:
Soziale Bedingungen
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In drei Einzel- und vier Gruppeninterviews
mit Elena habe ich unter anderem Informationen zu ihrem sozialen
Hintergrund gesammelt. Elena hat als Kind unter rassistisch motivierter
Ausgrenzung in ihrer Nachbarschaft und in der Schule gelitten. Aus dieser
Erfahrung heraus weiß sie, daß ihr Bruder aus einem eigenen Leidensdruck
heraus gehandelt hat (a lot of the things he did were because he was
troubled). Den Bruder anderen gegenüber (einschließlich mir, der weißen
Frau und Forscherin) zu verteidigen ist auch ein Akt des Schutzes ihrer
Familie (I would do anything to, to protect him and make sure nothing
happened to him). [12]
Eine Übertragung von Problemen der Eltern
auf den Bruder sieht Elena als eine Ursache für dessen Verhalten (a
lot of the problems are from my parents). Neben Mangel an Geld und
Zugang zu Bildung hat Elena ethnische Konflikte als Schwierigkeiten der
Eltern genannt, die bei den Eltern u.a. zu sehr großer Strenge den
Kindern gegenüber führten. Zwei ältere Geschwister verließen z.B. die
Familie unter Protest und Elena hat diese seit Ihrer eigenen Einschulung
nicht mehr gesehen. Die sozialen Bedingungen von Elenas Familie bestärken
ihre Aussagen, mit denen sie Probleme des Bruders erwähnt und diese als
Gründe für sein Verhalten angibt. [13]
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Viertes Lesen:
eine Vielzahl von Stimmen
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Im vierten Lesedurchgang achte ich auf eine
Vielzahl von voneinander verschiedenen Zugangsweisen zu einem Thema, jede
dieser Zugangsweisen benenne ich als "Stimme" mit einem
Arbeitstitel, der zunächst an den Worten der interviewten Person
angelehnt ist. [14]
Interessant an dem Beispieltext ist der
Kontrast zwischen der persönlichen guten Beziehung zu dem Bruder (I
care about him as a person 'cause he's a,.. he's a really,.. H-he is
a genuinely a good person) und auf der anderen Seite einer Abgrenzung
von ihm, bei der sie den Mißbrauch beim Namen nennt (But at the same
time I don't excuse that. You know, like 'cause I grew up with the same
parents and I've molested nobody). [15]
Diese beiden Aspekte ihrer Beziehung zu dem
Bruder kommen auch an anderen Stellen im Interview wieder vor. Dem ersten
Aspekt habe ich in Anlehnung an Elena's Worte mit dem Arbeitstitel
"I'm best friends with my brother-Voice"versehen und als Code für
sämtliche Daten von Elena benutzt. Die zweite Stimme habe ich als
"my brother abused me-Voice" kodiert. Beide Aspekte stehen bei
Elena nebeneinander. [16]
Im Beispieltext höre ich eine Spannung
zwischen diesen beiden Stimmen, die sich einander abzuwechseln scheinen.
Sie beginnt mit "back then", um einen Kontrast zu einer überwundenen
Haltung aufzuzeigen, beschreibt dann in abgrenzender Vergangenheitsform,
aber in freundlichen Worten ihre enge Beziehung zu ihm (my big brother,
I would do anything to protect him). In diesem Anfang des Abschnitts
überwiegt die dem Bruder wohlgesinnte Stimme ("I'm best friends with
my brother-Voice"). Durch ein "now" abgegrenzt höre
ich im Anschluß bei Elena die distanzierende Stimme ("my brother
abused me-Voice"),in der sie ihre Bedürfnisse in den Vordergrund rückt
(I take care of myself first). Schnell gibt sie wieder der
Stimme die Oberhand, in der sie nun im Präsens ihre Nähe zu dem Bruder
beschreibt: H-he is a genuinely a good person. Hierbei
interpretiere ich die Satzanfänge, die dieser Aussage vorangehen als eine
Art "Anlauf", mit der sich die Stimme erst langsam gegen die
abgrenzende Haltung durchsetzt ('cause he's a,.. he's a really,..).
In der "I'm best friends with my bother-Voice" (abgeschwächt
durch I think-Einschübe) fährt sie fort, ihren Bruder im größeren
Zusammenhang zu sehen und endet schließlich damit, ihr eigenes nicht-mißbrauchendes
Verhalten trotz gleichem sozialen Umfeld zu betonen, was ich als Ausdruck
der "my brother abused me-Voice" verstehe. [17]
Zusätzlich zu diesen beiden oszillierenden
Stimmen, die sich auf Elenas Haltung zu dem Bruder beziehen, kann ich dem
Interviewbeispiel weitere Codes zuordnen, die in den Daten immer wieder
und auch im Bezug auf andere Personen auftauchen: "I take care of
others-Voice" und "I would do whatever I was told-Voice".
Diese beiden Stimmen verstehe ich als Ausdruck von Selbstverleugnung und
Unterwerfung. Im Textbeispiel sagt Elena, daß sie sich zum einen
als Kind um den (acht Jahre älteren!) Bruder gekümmert und ihn beschützt
habe, und sich zum anderen seinen Wünschen unterworfen habe (and I
would do anything to, to protect him and make sure nothing happened to
him, and whatever else, you know, and do whatever he told me to do).
Elena hat sich während der Gruppeninterviews einige Male um andere Frauen
gekümmert, was ich aus Ausdruck ihrer "I take care of
others-Voice" verstehe. [18]
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Nach einer fallbezogenen Analyse der Daten
von den einzelnen Studienteilnehmerinnen habe ich die Vielzahl der
gefunden Stimmen aller Befragten (bei Elena identifizierte ich 16 Stimmen)
in Überkategorien zusammengefaßt. Auf diese Weise erhielt ich die drei
nebeneinander existierenden Kategorien: "Schweigen",
"Schmerz verkörpern" und "Benennen" als Elemente des
Prozesses des Schweigenbrechens nach Erfahrungen von sexueller Gewalt
durch Brüder. Elenas "my brother abused me-Voice" bildet dabei
eine der Grundlagen für die Kategorie "Benennen" oder ausdrückliches
Brechen des Schweigens über die erfahrene sexuelle Gewalt. Die anderen
Stimmbeispiele unterstützen dagegen die Kategorie des Schweigens
("I'm best friends with my brother-Voice", "I take
care of others-Voice" und "I would do whatever I was
told-Voice"). [19]
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Zusammenfassung und
Perspektive
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Ein Hauptanliegen meiner psychologischen
Forschung ist das Bestreben, die Nuanciertheit von psychologischen Phänomenen
ernstzunehmen. Bei der Anwendung und Weiterentwicklung des Voice-Ansatzes
geht es mir darum, in qualitativ-psychologischer Forschung schon bei der
Erstellung eines Forschungsdesigns auf sorgfältige Passung von
Forschungsfragen und Forschungsmethodologie zu achten (vgl. MAXWELL 1996).
Die Voice-Methode eignet sich besonders für Studien im Bereich von
sozialen Tabuthemen, weil vermieden wird, die Aussagen von Personen auf
einen einzigen Nenner zu bringen, der Ambivalenzen und widersprüchliche
Aspekte in dem Erleben von Personen unberücksichtigt läßt. Eine
verantwortungsbewußte und ethische Gestaltung der Forschungsbeziehungen
ist für mich zentral. Psychologische Forschung betreibe ich aus einer
feministischen Perspektive, d.h. mit bewußter Entscheidung für soziales
Engagement und gegen soziale Unterdrückung (vgl. SCHÜSSLER FIORANZA
1983). [20]
Um dieses Verfahren samt seiner
theoretischen Einbettung auch in Deutschland bekannter werden zu lassen,
schreibe ich zur Zeit an einem kleinen Methodenbuch speziell über die
Voice-Methode. Im Zuge der Formulierung dieses Leitfadens erstelle ich
auch Definitionen von Kernkonzepten, wie "Stimme",
"Selbst" oder "Vielschichtigkeit". [21]
Beauboeuf, Tamara (1997). Politicized
mothering among African-American women teachers: A qualitative inquiry.
Ann Arbor, MI: UMI.
Bilden, Helga (1997). Das Individuum - ein
dynamisches System vielfältiger Teil-Selbste. Zur Pluralität in
Individuum und Gesellschaft. In Heiner Keupp & Renate Höfer (Hrsg.), Identitätsarbeit
heute. Klassische und aktuelle Perspektiven der Identitätsforschung
(S.227-249). Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Brown, Lyn Mikel (1998). Raising their
voices. The politics of girls' anger. Cambridge, MA: Harvard
University Press.
Brown, Lyn; Argyris, Dianne; Attanucci,
Jane; Bardige, Betty; Gilligan, Carol; Johnston, Kay; Miller, Barb;
Osborne, Dick; Ward, Janie; Wiggins, Grant & Wilcox, David (1988). A
guide to reading narratives of conflict and choice for self and relational
voice (Monograph no.1). Cambridge, MA: Project on the Psychology of
Women and the Development of Girls, Harvard Graduate School of Education.
Brown, Lyn & Gilligan, Carol (Hrsg.)
(1992). Meeting at the crossroads: Women's psychology and girl's
development. Cambridge, MA: Harvard University Press.
Gilligan, Carol (1977). In a different
voice: Women's conceptions of self and morality. Harvard Educational
Review, 47, 481-517.
Gilligan, Carol (1982). In a different
voice. Cambridge, MA: Harvard University Press.
Kiegelmann, Mechthild (1997). Coming to
Terms: A Qualitative Study of Six Women's Experiences of Breaking the
Silence about Brother-Sister Incest. Ann Arbor, MI: UMI.
Kiegelmann, Mechthild (1999a). Verdecktes
Erinnern an NS-Geschichte in deutschen Unternehmen. Anmerkungen zur
Selbstdarstellung einer Nervenklinik. In Annette Henninger (Hrsg.), Ins
Netz geholt: Zeit, Geld, Informationen - alles, was die Wissenschaftlerin
braucht!? (S.125-133). Düsseldorf: edition Hans Böckler.
Kiegelmann, Mechthild (1999b). Weibliche
Identitäten. Katechetische Blätter, 124, 385-388.
Keupp, Heiner & Höfer, Renate (Hrsg.)
(1997). Identitätsarbeit heute. Klassische und aktuelle Perspektiven
der Identitätsforschung. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Maxwell, Joseph (1996). Qualitative
research design. An interactive approach. Thousand Oaks, CA: Sage.
Rommelspacher, Birgit (1997). Identität
und Macht. Zur Internalisierung von Diskriminierung und Dominanz. In
Heiner Keupp & Renate Höfer (Hrsg.), Identitätsarbeit heute.
Klassische und aktuelle Perspektiven der Identitätsforschung
(S.251-269). Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Taylor, Jill McLean, & Gilligan, Carol
& Sullivan, Amy (1995). Between voice and silence: Women and girls,
race and relationship. Cambridge, MA: Harvard University Press.
Schüssler Fiorenza, Elisabeth (1983). In
memory of Her. New York: Crossroad.
Strauss, Anselm (1987). Qualitative
analysis for social scientists. Cambridge; New York: Cambridge
University Press.
Mechthild KIEGELMANN, Wissenschaftliche
Assistentin in der Abteilung Pädagogische Psychologie an der Universität
Tübingen. Arbeitsschwerpunkte: qualitative Psychologie, pädagogische
Psychologie, Psychologie des Schweigenbrechens, Traumapsychologie
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Münzgasse 22-30
D - 72070 Tübingen
E-Mail: mechthild_kiegelmann@post.harvard.edu
URL: http://www.qualitative-psychologie.de
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):
Kiegelmann, Mechthild (2000, Juni).
Qualitativ-psychologische Forschung mit dem Voice-Ansatz [21 Absätze]. Forum
Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line
Journal], 1(2).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00kiegelmann-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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Letzte Änderung: 03.02.2003
Volume 1, No. 2 Inhaltsverzeichnis
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