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Volume 1, No. 2 Juni 2000
Kritische Psychologie:
Methodik vom Standpunkt des Subjekts
Morus Markard
Zusammenfassung:
Kritisch-psychologische Methodik, fundiert im kategorial begründeten
Zusammenhang von Psychologie- und Gesellschaftskritik, hat sich in der
Realisierung der Einheit von Erkennen und Verändern und in der
emanzipatorischen Relevanz der empirischen Resultate zu erweisen.
Angesichts der Persistenz und Systematik kapitalistischer Produktion von
Ungleichheit ist die situationsenthobene Abstraktheit quantitativ
orientierter Psychologie nicht durch die Auflösung gesellschaftlicher
Struktur in ein Sammelsurium von pseudokonkreten Situationen zu überwinden.
An den methodischen Konzepten der Bedingungs-Bedeutungs-Begründungs-Analyse
und der Entwicklungsfigur wird gezeigt, wie der Zusammenhang
gesellschaftlicher und individueller Reproduktion und Entwicklung
konkret-psychologisch fassbar und verallgemeinerbar gemacht werden soll.
Dazu ist erforderlich, Theorien nicht als Bedingungs-Ereignis-Relationen,
also im kontrollwissenschaftlichen Bedingtheitsdiskurs, sondern als Prämissen-Gründe-Zusammenhänge,
also im subjektwissenschaftlichen Begründungsdiskurs, zu formulieren.
Gegenstand einer Psychologie vom Standpunkt des Subjekts sind nicht die
Subjekte, die nämlich selber auf der Forschungsseite stehen; Gegenstand
ist vielmehr die Welt, wie die Subjekte sie erfahren.
Keywords: Kritische Psychologie,
Bedingungs-Bedeutungs-Begründungs-Analyse, Entwicklungsfigur, Prämissen-Gründe-Zusammenhänge,
Datenfunktion, Datenmodalität, Relevanz der Psychologie,
Handlungsforschung, Begründungsdiskurs
1. |
Kategoriale Voraussetzungen: Das Relevanzproblem oder der Zusammenhang von
Psychologie- und Gesellschaftskritik |
2. |
Das Verhältnis von historisch-empirischer und aktual-empirischer
Forschung |
3. |
Die gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit individueller Existenz und das
Subjektivitäts-Objektivitäts-Problem |
4. |
Bedingungs-Bedeutungs-Begründungs-Analyse |
5. |
Prämissen-Gründe-Zusammenhänge
statt Bedingungs-Ereignis-Relation |
6. |
Forschung vom
Standpunkt des Subjekts |
7. |
Einheit von Erkennen
und Veränderung: Entwicklungsfigur |
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7.1 |
Datenanalyse:
Datenfunktion und -modalität |
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7.2 |
Mitforscherprinzip |
8. |
Subjektivität,
Geltung, Verallgemeinerung |
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Kategoriale Voraussetzungen: Das Relevanzproblem oder der Zusammenhang von
Psychologie- und Gesellschaftskritik
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Die Spezifik kritisch-psychologischer Methodik
ergibt sich weder aus den Eigenarten der dafür in Frage kommenden Einzelmethoden
(wie Interview, Gruppendiskussion, [teilnehmende] Beobachtung) noch aus
ansatz-übergreifenden methodischen Orientierungen
("qualitativ" vs. "quantitativ"), sondern aus der
Entwicklung der begrifflich-theoretischen und methodologischen
Voraussetzungen psychologischer Forschung vom Standpunkt des Subjekts, wie
sie für die Kritische Psychologie konstitutiv wurden1). [1]
Da "kritische Psychologie"
und vor allem das englische Etikett Critical Psychology
mittlerweile für alles stehen können, was nicht
experimentell-statistisch orientiert ist: vom Sozialen Konstruktionismus
über Diskurstheorie bis zur psychoanalytisch orientierten
Gruppentherapie, ist zu spezifizieren, was mit Kritischer Psychologie
gemeint ist. Wesentlich für die hier (re)präsentierte marxistisch
orientierte Kritische Psychologie ist der Anspruch, fundamentale
Psychologie- und Gesellschaftskritik zu verbinden bzw. im Begreifen des
Zusammenhangs von gesellschaftlicher und individueller Entwicklung
emanzipatorische Psychologie als Subjektwissenschaft zu entwickeln (vgl.
FRIED et al. 1998). [2]
Dies begann mit der Kritik der Funktion
der Psychologie: In der Tat gibt es (nach wie vor) ja so gut wie keinen
Problembereich der Gesellschaft, an dessen Entwicklung oder Reproduktion
Psychologinnen und Psychologen methodisch so reflektiert wie ansatzübergreifend
nicht beteiligt wären: Sie betreuen Bomberpiloten in Angriffskriegen,
sie versuchen ihnen anvertraute Minderjährige mit Erziehungsstrategien zu
übertölpeln, sie waren an der Optimierung von Folter ebenso beteiligt
wie daran, ökonomisch-soziale Problemen zu personal-psychologischen
umzuformulieren: wenn etwa aus zwei Zimmern für eine fünfköpfige
Familie deren mangelnde Frustrationstoleranz oder aus der Kombination von
Armut und der "Karstadt"-Werbung "aufgepasst
zugefasst" der psychologisch zu behandelnde minderjährige Ladendieb
wird. Indes: Es gibt nicht nur Psychologen, die sich an der Reproduktion
gesellschaftlicher Fehlentwicklungen beteiligen, sondern auch andere, die
versuchen, gerade dies herauszuarbeiten, die versuchen, gegen rassistische
Entwicklungen zu arbeiten und etwa herauszufinden, warum in der S-Bahn
einem drangsalierten Schwarzen niemand hilft. [3]
In diesem Widerspruch zwischen Anpassung
und Emanzipation ging und geht es um die sog. Relevanz der
Psychologie. HOLZKAMP (1972) beschäftigte sich mit dem Problem derart,
dass er gesellschaftlich-politische und fachlich-methodische Aspekte
verband. Das heißt, er fasste Relevanz weder allein unter politischen
Aspekten noch bloß als Problem experimental-methodologisch erzwungener
Reduktion der Komplexität und Vielfalt alltäglicher menschlicher Aktivitäten
und gesellschaftlicher Bedeutungszusammenhänge auf einige davon isolierte
Variablen. Vielmehr unterschied er unter Bezug auf HABERMAS
zwischen "technischer" und "emanzipatorischer
Relevanz". Zu Klärung der Bedeutung "technischer Relevanz"
muss man sich auf das variablenpsychologische Experiment beziehen, das
unter der Kontrolle der Forscher/Vl die Wirkung der von diesen
hergestellten Bedingungen auf Erleben und Verhalten der Vpn fassbar machen
soll. Was damit günstigstenfalls, also bei interner und ggf.
externer Validität erfasst werden kann, ist, wie Menschen sich unter fremdgesetzten,
von ihnen unbeeinflussbaren Bedingungen verhalten. "Technische"
Relevanz meint eben diese potenzielle Bedeutung psychologischer
Resultate für außerexperimentelle Lebensverhältnisse, bei denen davon
abstrahiert wird, dass Menschen nicht nur unter Bedingungen leben,
sondern ihre Lebensbedingungen auch schaffen und verändern. Mit "emanzipatorischer
Relevanz" soll demgegenüber in psychologischen Konzepten und
methodischen Anordnungen der Doppelbestimmung menschlicher Existenz
objektiver Bestimmtheit und subjektiver Bestimmung Rechnung
getragen werden, als Voraussetzung dafür, eine gegenüber
problematischen, d.h., subjektive Bestimmung einschränkenden,
gesellschaftlichen Verhältnissen praktisch eingreifende Psychologie
entwickeln zu können. [4]
Zweierlei wurde schnell deutlich, erstens,
dass diese Einschränkungen mit der kapitalistischen Struktur
'unserer' Gesellschaft verbunden sind, und zweitens, dass die
Perspektive einer emanzipatorischen Psychologie kaum ohne die Perspektive
materieller Verhältnisse formuliert werden kann, in denen
der Mensch mit dem kategorischen Imperativ von MARX (1972, S.385)
gesprochen nicht mehr "ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein
verlassenes, ein verächtliches Wesen" ist, anders formuliert, Verhältnisse,
worin real "die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die
freie Entwicklung aller ist" (MARX & ENGELS 1969b, S.482), ein
Standpunkt, der einschließt, gegenläufige Verhältnisse "umzuwerfen"
(ebd.), nicht bloß typisch 'psychologisch' umzuinterpretieren
oder wegzudiskutieren. Denn die bloße "Forderung, das
Bewusstsein zu verändern, läuft auf die Forderung hinaus, das Bestehende
anders zu interpretieren, d.h. es vermittelst einer anderen Interpretation
nur anzuerkennen" (MARX & ENGELS 1969, S.20). [5]
Wenn man davon ausgeht, dass die
gegenwärtige Verfasstheit der Gesellschaft die Entfaltung menschlicher Möglichkeiten
bzw. freier individueller Entwicklung behindert und das "Elend der
Welt" (BOURDIEU) reproduziert, hätte eine emanzipatorische
Psychologie jene menschlichen Möglichkeiten auf den Begriff zu bringen
und praktisch zu unterstützen, die in der vorfindlichen Psychologie
begrifflich unterschritten und in der bürgerlichen Gesellschaft
real behindert werden, so auch eine als objektiv sich in Szene
setzende Psychologie als in Wirklichkeit parteilich zu blamieren
und einen jenseits gesellschaftlicher Widersprüche operierenden
Objektivitätsbegriff methodologisch zu problematisieren. [6]
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Das Verhältnis von
historisch-empirischer und aktual-empirischer Forschung
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Der Versuch, die begriffliche
Verstricktheit der Psychologie in bürgerliche Existenzformen aufzuweisen,
lief methodisch darauf hinaus, in Anlehnung an das
logisch-historische Verfahren von Marx mit interdisziplinären Bezügen
das Psychische (bzw. das Subjektive als dessen humane Form) in seiner
Geschichtlichkeit "historisch-empirisch" (also auf einer
eigenen Empirie- und Methoden-Ebene) in der widersprüchlichen Einheit von
Natur-, Gesellschafts- und Individualgeschichte zu re-konstruieren
(vgl. MAIERS 1999). Diese eigenständige methodische Ebene ist aus
folgenden Gründen unumgänglich: (1) Die empirischen Erkenntnisbestände
der Psychologie können zur Gewinnung inhaltlicher Relevanzkriterien
nichts beitragen, weil auch 'bewährte' Hypothesen über die
"anthropologische" Angemessenheit der Begriffe, in denen
sie formuliert sind, grundsätzlich nichts aussagen können. So kann bspw.
die empirische Bewährung des Zusammenhangs von intermittierender
Verstärkung und Löschungsresistenz nicht über die humanwissenschaftliche
Angemessenheit der dabei verwendeten Grundbegriffe "Reiz",
"Reaktion" und "Verstärkung" entscheiden.
Entsprechend ist der differentielle Erkenntnisgehalt konkurrierender
Konzepte und Definitionen und damit verbundener Daten auf dieser "aktual-emprischen"
Ebene, nicht auszumachen. (2) Die gesuchten Kriterien sind auch nicht
durch die schlichte Rücknahme methodischer Reduktionen zu gewinnen. Denn
damit landet man bloß bei jenen Alltagsvorstellungen, von denen diese
Reduktionen ihren Ausgang nehmen, und deren Verkürzungen zu überwinden
gerade die potenzielle Funktion von Wissenschaft ist (MARKARD 1991,
S.87ff; vgl. von einem anderen Ansatz aus auch WERBIK [1986]). [7]
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Die gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit individueller Existenz und das
Subjektivitäts-Objektivitäts-Problem
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An einem wesentlichen Resultat der
historisch-empirischen Rekonstruktion von Subjektivität, der
"gesamtgesellschaftlichen Vermitteltheit individueller Existenz"
(HOLZKAMP 1983), will ich zwei (auch) methodologisch relevante Aspekte
herausheben:
Gesellschaft ist dem Individuum nie in
ihrer Totalität, sondern nur in ihren dem Individuum zugewandten
Ausschnitten gegeben. Entsprechend sind einzelne Sachverhalte in ihrer
Bedeutung nicht mehr allein aus sich selber heraus zu begreifen, sondern
nur aus ihren Bezügen im Gesamt der arbeitsteiligen Reproduktion.
Objektiv bewegt sich damit der Lebensprozess des Individuums in der "Gegenläufigkeit
des gesamtgesellschaftlichen Prozesses von der Produktionsweise her und
der Strukturierung des personalen Lebensprozesses von der Reproduktion des
individuellen Daseins her" (a.a.O., S. 358).
Gesellschaftliche Bedingungen determinieren
menschliches Handeln nicht, sondern sie sind als "Bedeutungen"
zu fassen, die für die Menschen Handlungsmöglichkeiten repräsentieren,
zu denen sie sich verhalten können und müssen. Auf dieser Grundlage
sehen wir die methodologische Perspektive für die Lösung des Subjektivitäts-Objektivitäts-Problems
in der Beantwortung der Frage, wie das Vermittlungsverhältnis von
subjektiv-individuellem Lebens- und objektiv-gesellschaftlichem
Reproduktionsprozess psychologisch gefasst werden kann: 'Mein'
subjektiver Standpunkt ist "zwar der Ausgangspunkt meiner Welt- und
Selbsterfahrung, aber damit keine unhintergehbare bzw. 'in sich'
selbstgenügsame Letztheit (...) Der 'Standpunkt des Subjekts' schließt
also die Berücksichtigung objektiver Bedingungen keineswegs aus, sondern
ein." (a.a.O., S. 538f). [8]
Wie gesagt, wird die Weltseite (die
Bedingungen) dabei gefasst als Bedeutungen, zu denen sich das
Individuum als seinen subjektiv akzentuierten Handlungsprämissen
verhalten kann und muss, wenn es im Zuge gegebener Lebensproblematiken
aus subjektiven Lösungsnotwendigkeiten heraus Handlungsintentionen
entwickelt. Prämissen sind Bedingungen, wie je ich sie
akzentuiere, sie sind sozusagen der subjektiv begründete
Weltbezug. Theoretische Aussagen über Handlungen fassen wir
dementsprechend als Aussagen über Prämissen-Gründe-Zusammenhänge.
Die dezidiert anti-deterministische Absicht, das Subjekt in seiner
Intentionalität theoretisch und methodisch zur Geltung zu bringen, soll
also nicht dazu führen, Handeln zu bloßen Sinnstiftungen zu sublimieren,
"freigesetzt" von den objektiven gesellschaftlichen Verhältnissen,
die Sinngeschehen in je aufzuschließender Weise formieren, womit
wieder einmal das Verhältnis von "objektiver
Bestimmtheit" und "subjektiver Bestimmung" verfehlt
würde. [9]
Um einem allfälligen Missverständnis
vorzubeugen: "Begründet" bedeutet hier weder
"rational" oder zwangsläufig "bewusst", wie sich am
Beispiel überkochender Milch veranschaulichen lässt: Milch kocht gewiss
nicht bewusst über, wohl aber auch nicht unbewusst, sondern unter
bestimmten Bedingungen, sie kocht 'bedingt' über. "Begründet"
wird von uns als Gegenbegriff zu "bedingt" verstanden.
"Unbewusstes" macht nur im Begründungsdiskurs Sinn. Begründetheit
und deren Rekonstruktion schließt auch die Rede von Irrationalität aus:
Das Verdikt der Irrationalität des anderen zeugt nur davon, dass
aus der Außensicht die Prämissenlage des anderen nicht begriffen wurde.
[10]
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Bedingungs-Bedeutungs-Begründungs-Analyse
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Wenn, wie gesagt, gesellschaftliche Verhältnisse
dem Individuum nie in ihrer Totalität, sondern immer nur in Ausschnitten,
mit unmittelbar nicht sicht- und erfahrbaren Verweisungszusammenhängen,
gegeben sind, dann ist den "situativen Kontexten" deren
Vermittlung mit gesellschaftlichen Strukturen nicht auf die Stirn
geschrieben, sondern in einem Schritt der
"Bedingungs-Bedeutungsanalyse" erst herauszuarbeiten. [11]
Dass Situationen zu ihrem psychologischen
Verständnis bedeutungsanalytisch auf ihre gesellschaftlichen
Zusammenhänge hin analysiert werden müssen, mag das Beispiel eines als
konzentrationsschwach diagnostizierten Schülers verdeutlichen: Die
Fixierung des Blicks auf diesen Schüler und seine vermeintliche
Eigenschaft verstellt den Blick darauf, dass zu diesem
konzentrationsschwachen Schüler womöglich ein didaktikschwacher Lehrer
gehört, der seinerseits wiederum seinen Stoff stur durchzieht, weil er
sich unter dem Druck von Lehrplänen sieht, deren Zustandekommen sich
Einflüssen verdankt usw. usf. Die Konzentrationsstörung, die im Gewande
phänomenaler Konkretheit erscheint, ist in Wirklichkeit abstrakt oder
"pseudokonkonkret" (KOSIK 1967), und zwar deswegen, weil dabei
im Alltagsdenken wie in dessen blinder Reproduktion in der Psychologie
von den skizzierten gesellschaftlichen Vermittlungen des Phänomens
abgesehen, also abstrahiert wird. Damit werden Konkretheit und
Abstraktheit verkehrt. [12]
Wie sich an diesem Beispiel zeigt, wird in
dieser Verkehrung von Konkretheit und Abstraktheit auch von
gesellschaftlichen Machtkonstellationen abgesehen, ein Umstand, der in dem
Maße wahrscheinlicher wird, in dem Machtverhältnisse selber abstrakter
werden. Es zeigt sich hier auch, warum aus unserer Sicht Psychologie eines
Bezuges auf Gesellschaftstheorie bedarf natürlich im Wissen darum,
dass auch gesellschaftstheoretische Konzeptionen konkurrierend und
strittig sind, marxistische Konzeptionen allemal aber das ist ja ein
generelles Problem interdisziplinärer Bezüge. [13]
Gesellschaftlicher Machtverhältnisse
implizieren, dass Handlungsmöglichkeiten dem Individuum nicht
ungebrochen, sondern immer in einem je zu klärenden und konfliktträchtigen Verhältnis
zu gesellschaftlich vermittelten Handlungsbehinderungen gegeben
sind. Eine "der Hauptaufgaben unserer Analyse (liegt) darin, die Vermittlung
zwischen Gesellschaftsstruktur und Individuum ... herauszuarbeiten"
(HOLZKAMP 1996, S.48). Das bedeutet aber auch eine Absage an alle
Konzeptionen, die die Gesellschaft in ein Sammelsurium von Situationen
auflösen und die in Situationsansätzen die traditionelle Psychologie zu
überwinden versuchen. Die situationsenthobene Abstraktheit der
traditionellen Psychologie ist u.E. nicht durch pseudokonkrete
Situationsanalysen zu überwinden, welche wiederum mit postmoderner
Eskamotage gesellschaftlicher Strukturen harmonieren (vgl. MARKARD 2000b).
[14]
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Prämissen-Gründe-Zusammenhänge
statt Bedingungs-Ereignis-Relation
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Um weitere methodische Konsequenzen der
hier vorgestellten Überlegungen zu verdeutlichen, sei noch einmal auf das
Bedingtheitsdenken rekurrieren, das im Experiment seinen prägnantesten
forschungspraktischen Ausdruck findet. Dort werden Theorien als
Bedingungs-Ereignis-Relationen formuliert2).
Bedingungs-Ereignis-Relationen sind nicht vom Standpunkt des Subjekts aus
gedacht, sondern von einem Außenstandpunkt, von dem aus das Subjekt
(Manipulations-) Objekt ist. In einer subjektwissenschaftlichen
Psychologie sind aber, wie gesagt, theoretische Aussagen als Prämissen-Gründe-Zusammenhänge
zu konzeptualisieren. Diese sind, da Gründe immer erster Person sind, nur
vom Standpunkt des Subjekts aus zu formulieren. Daraus folgt, dass
psychologische Theorien Theorien zur Selbstverständigung der Subjekte
sein müssen über eigene Interessen, Motive, Gründe und über die
Konsequenzen des Handelns in wichtigen bzw. problematischen
Lebenssituationen vom Standpunkt des Subjekts aus: "Begründungsanalyse",
die sozusagen die andere Seite der Medaille "Bedingungsanalyse"
darstellt. [15]
Die sich hier aber immer wieder stellende
Frage zum Verhältnis von Bedeutungs- und Begründungsanalyse ist die,
welche der unendlich vielen vorstellbaren Bedingungen / Bedeutungen
eigentlich in welchem Ausmaß analysiert werden müssen. Ein Ansatzpunkt
ergibt sich daraus, dass die Bedingungs-Bedeutungs-Analyse nicht von
eigenständigem Wert oder Interesse, sondern unselbständiger
Bestandteil einer psychologischen Untersuchung ist. Der
Erkenntnisweg ist nicht der einer zunehmenden Konkretisierung allgemeiner
gesellschaftlicher Bedingungen auf ein subjektives Problem hin, sondern
umgekehrt der von ungelösten Aspekten des Problems hin zu Bedingungen /
Bedeutungen, die für die Analyse und Lösung des Problems relevant sein können.
"Die Bedingungs-Bedeutungs-Analyse ist also in diesem Sinne problemzentriert.
Ihre grundsätzliche Notwendigkeit ergibt sich konkret immer da, wo
entweder überhaupt dem Forschenden unbekannte institutionelle Abläufe
geklärt werden müssen oder mit Blick auf bloß interaktive Beziehungen
oder unmittelbare Bewältigungsstrategien der Beteiligten das Problem unklärbar
bleibt." (MARKARD 1988, S.69) Dies sei an einem Beispiel erläutert:
[16]
WILLEN (1994) untersuchte psychologische
Probleme in der Betreuung von Multiple-Sklerose-Erkrankten, welche im
Rahmen eines Modellprojektes in einer betreuten WG lebten. Im Mittelpunkt
der Analyse standen die Spannungen zwischen Sozialarbeiterinnen und
Betreuten, die, wie sich zeigte, damit zusammenhingen, dass sich die
Betreuten von den Sozialarbeiterinnen, die die Urheberinnen und Motoren
des von den Betreuten im Grunde hoch geschätzten Modellversuches waren,
bevormundet, "pädagogisch" behandelt fühlten. So wurde auf
einen Bewohner erheblicher Druck ausgeübt, an einer für ihn
anstrengenden bis quälerischen Gymnastik teilzunehmen, deren positiver
Effekt nach gegenwärtigem Stand des Wissens außerordentlich unsicher
ist. Was bedeutete es hier, die Beziehungsprobleme in der WG
bedeutungsanalytisch aufzuschlüsseln? WILLEN stieß dabei auf
gesellschaftliche Widersprüche im Rehabilitationsgedanken: Sie befasste
sich mit der Konzeption der WG und der dahinterstehenden rechtlichen und
finanziellen Konstruktion und stellte fest, dass die Alternative zur WG
die von den Betreuten, die keinen einschlägigen Familienzusammenhang
haben (den ich hier keineswegs schönreden will), gefürchtete Pflege-
(End-) Station ist. Diese liegt sozusagen jenseits des das
WG-Projekt bestimmenden Rehabilitationsgedankens. M.a.W.: Eintrittsbillett
für die WG war die Rehabilitierbarkeit der Betroffenen, die bspw. durch
die Teilnahme an der Rehabilitation dienenden Maßnahmen und Tätigkeiten
(wie Gymnastik) zu beweisen war, auch wenn das hohe Maß an Unsicherheit
des Effektes solcher Maßnahmen für den Betroffenen in keinem Verhältnis
zu den dafür erforderlichen psychischen und physischen Aufwendungen
stand. Am auf den ersten Blick unzweifelhaft positiven
Rehabilitationskonzept, das eben zu den Grundlagen des Modellprojekts gehörte,
wurde im Kontext der psychologischen Beziehungs- und Betreuungskonflikte
bedeutsam, dass es vor dem skizzierten rechtlich-finanziellen Hintergrund
einen, wie die Autorin schreibt, "Widerspruch zwischen humanem
Impetus und institutioneller Selektion" enthält, der, solange er
unanalysiert blieb, das Klima in der WG zerrüttete. Denn erst nachdem
sich die Beteiligten die negativen Implikationen des
Rehabilitationsgedankens bewusst gemacht hatten, wurde es möglich, die
Beziehungsprobleme zwischen Betreuerinnen und Bewohnerinnen und Bewohnern
der WG 'konstruktiv' anzusprechen, und zwar als Probleme, die mit der
unbewussten Reproduktion der Widersprüchlichkeit des
Rehabilitationskonzepts vermittelt waren. So waren z.B. vorher unterschiedliche
Widerstände des Bewohners, der nicht an der Gymnastik teilnehmen und
sich nicht regelmäßig waschen lassen wollte, von den Betreuerinnen über
einen Leisten geschlagen worden: Herr X, der Problemfall. Die betreffenden
Vorwürfe der Betreuerinnen "du stinkst" und "du machst bei
der Gymnastik nicht mit" lassen sich aber, so WILLEN, folgendermaßen
unterscheiden: "Stinken" ist weniger eine Eigenschaft als ein interpersonelles
Phänomen, das irgendwie zwischen vorurteilshafter Zuschreibung und
subjektiver Unerträglichkeit seitens derer, die das "Stinken"
bemerken (und den "Stinkenden" unter den Armen anfassen und
anheben müssen), angesiedelt ist. Die Retourkutsche, dem Vorwurf "du
stinkst" bloß ein 'trotziges' "ich stinke nicht"
entgegenzuhalten, fällt aus einem möglichen Diskurs heraus, ist aber
verständlich, wenn die Aussage "du stinkst" im Gesamtklima pädagogischer
Bevormundung in denselben pädagogisierend-normativen Kontext gebracht
wird wie die Anforderung "Du musst turnen". Dieser Kontext
verhinderte, die unterschiedlichen Ansprüche der Betreuerinnen auf ihre mögliche
Berechtigung hin zu durchdenken. Eine differenzierende Diskussion
der Interessen der an der WG Beteiligten wurde erst möglich, als mit der
Klärung der Widersprüchlichkeit des Rehabilitationskonzeptes auch die Pädagogisierung
des Verhältnisses zwischen den Beteiligten und damit blinder Widerstand
gegen Ansprüche der Betreuerinnen überwunden wurde. Die genannte
Klimaverbesserung in der WG drückte sich allgemein auch darin aus, dass
Betreuerinnen und Betreute eine 2wöchige gemeinsame Reise unternahmen.
[17]
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Forschung vom
Standpunkt des Subjekts
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Wenn Theorien der Selbstverständigung der
Subjekte dienen, dann ergibt sich daraus methodisch, dass Menschen nicht
Gegenstand der psychologischen Forschung sind, dass sie nicht
'beforscht' werden, sondern dass sie zusammen mit den
psychologischen Professionellen auf der Forschungsseite stehen. Die
Selbstcharakterisierung unseres Ansatzes als einer "Psychologie vom
Standpunkt des Subjekts" ist also nicht metaphorisch, sondern wörtlich
gemeint. Gegenstand der Forschung ist nicht das Subjekt, sondern die Welt,
wie das Subjekt sie empfindend, denkend, handelnd erfährt. Aus
diesem Grunde sind subjektwissenschaftliche Aussagen keine Aussagen über
Menschen, schon gar keine zu Klassifikationen von Menschen (z.B. als
konzentrationsschwach, s.o.), sondern Aussagen über erfahrene
und ggf. verallgemeinerbare Handlungsmöglichkeiten und
behinderungen. [18]
Dass dies möglich ist, ergibt sich
methodisch aller Unmittelbarkeit und Authentizität von Erfahrung zum
Trotz daraus, dass individuelle Erfahrungen in gesellschaftlichen
Denkformen gemacht werden. Deswegen sind das Erlebnis der
Unmittelbarkeit bzw. die Unmittelbarkeit der Erfahrung zwar evident und
weder in Zweifel zu ziehen noch zu hintergehen diese Evidenz aber ist
hinterfragbar. Dies hat die zentrale Implikation, dass Authentizität
und Theoretizität individueller Erfahrung keinen Gegensatz, sondern eine
widersprüchliche Einheit bilden. Insofern bedeutet Aufschlüsseln und
Mitteilen der Unmittelbarkeit (der Erfahrung) an andere die Explikation
ihrer wirklichen Vermitteltheit, und das Methodenproblem dreht sich um das
Problem der intersubjektiven Selbstverständigung über
Erfahrungen. [19]
Dabei bedeutet "Psychologie vom
Standpunkt des Subjekts" natürlich nicht Psychologie vom Standpunkt
des jeweiligen Subjekts. Es geht vielmehr um eine Psychologie vom verallgemeinerten
Subjektstandpunkt aus, das heißt um eine Psychologie im Begründungs-
statt im Bedingtheitsdiskurs. Dass die jeweiligen Subjekte nicht beforscht
werden, sondern auf der Seite der Forschung stehen, bedeutet auch nicht,
dass die professionell Forschenden sich inhaltlich auf die Seite dieser
jeweiligen Mitforschenden schlügen. Das ist formal ja schon dann
ausgeschlossen, wenn es sich um mehrere, ggf. in Konflikt befindliche
Mitforschende handelt (etwa den "Stinker" und die Betreuenden,
s.o.). Dass die professionell Forschenden nicht einfach auf der
Seite der jeweiligen Mitforschenden stehen können, ergibt
sich aber auch aus der genannten Differenzierung von Erfahrung zwischen
Unmittelbarkeit und Vermitteltheit und den damit verbundenen
ideologiekritischen Überlegungen und aus dem praktischen Weltbezug
der Subjekte, der für subjektwissenschaftliche Forschung konstitutiv ist
durchaus entsprechend der berühmten MARXsche Feuerbach-These, der gemäß
es nicht nur drauf ankomme, die Welt zu interpretieren, sondern sie auch
zu verändern: Spätestens dann, wenn es um praktische Konsequenzen aus
Forschung / Analysen geht, gibt es ja Meinungsverschiedenheiten auch
eben zwischen Forschenden (ein Problem, das sich durch Rückzug der
Forschung von praktischen Veränderung natürlich vermeiden lässt). Der für
die Kritische Psychologie konstitutive Gedanke emanzipatorischer Veränderung
schließt Kritik an Verhältnissen und Verhalten ein. Hier sind
inhaltliche Kontroversen kaum zu vermeiden, jedenfalls dann nicht mehr,
wenn praktische Forschung praktische Änderungen ins Auge fasst. [20]
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Einheit von Erkennen und Veränderung: Entwicklungsfigur
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Idealtypisch ist die
subjektwissenschaftliche Orientierung am Zusammenhang vom Erkennen und Verändern
im Konzept der "Entwicklungsfigur" gefasst (HOLZKAMP 1996b,
S.155ff; MARKARD 1985, 2000, S.239ff). Das Konzept ist in vier sog.
Instanzen gegliedert: 1. Diskussion / Deutung eines von Mitforschern
eingebrachten "kritischen" oder "problematischen"
Sachverhalts bzw. der ihm zugrundeliegenden Daten (etwa Erziehungs- oder
Betreuungskonflikte, s.o.). 2. Analyse und Durcharbeitung der ggf. gegen
die entwickelten Interpretationen gerichteten Kritik / Abwehr der
Betroffenen, damit das Aufeinandertreffen und der Intention nach
Klären unterschiedlicher, konkurrierender Konfliktdeutungen, und
sofern möglich die Entwicklung einer Lösungskonzeption. 3.
Umstrukturierung der Praxis der Betroffenen gemäß den in der Lösungskonzeption
entwickelten Handlungsvorschlägen. 4. Rückmeldung über möglicherweise
auch intentionswidrige und fehlende Effekte der (ggf. auch aus
verschiedenen Gründen nicht wie intendiert geglückten) Umstrukturierung
der Praxis an das Forschungsprojekt (was die Grundlage eines neuen
Durchgangs einer Entwicklungsfigur sein kann). Insoweit in dieser
Instanzenfolge nur die formalen, (entwicklungs-) 'logischen'
Stadien einer potenziellen Problemlösung sichtbar werden, ist das Konzept
"Entwicklungsfigur" natürlich trivial. Sein nicht-trivialer
Charakter ergibt sich aus den methodologischen Bestimmungen, mit denen die
Instanzen ausformuliert wurden, und von denen hier einige Momente angeführt
werden sollen. [21]
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Datenanalyse:
Datenfunktion und -modalität
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1. Die in den Forschungsprozess
eingebrachten Daten unterliegen keinerlei methodisch induzierten
Restriktionen eine Konsequenz des Anspruchs, das Niveau
intersubjektiver Beziehungen der Beteiligten nicht schon durch
Regulierungen zugelassener Daten wie etwa bei der Skalierung zu
unterminieren. Dies wiederum macht es erforderlich, im Verlaufe der
Diskussionen die ja als Argumente eingebrachten Daten zu gewichten und
bewerten, sie z.B. auf ihre Funktion für die Beschreibung und Lösung
des betreffenden Problems hin zu analysieren. Wichtig für die
Nachvollziehbarkeit von Darstellungen und die Strukturierung theoretisch
kontroverser Diskussionen darüber sind die darin enthaltenen Datenbezüge,
die wir in Datenfunktionen (1. primär-fundierend, 2. sekundär-fundierend,
3. stützend-konkretisierend und 4. veranschaulichend) und Datenmodalitäten
(1. Realbeobachtung, 2. allgemeine Beobachtbarkeit, 3. Objektivation)
unterscheiden (vgl. MARKARD 1985, S.109 ff). [22]
Primär-fundierende Daten sind
diejenigen Daten, ohne die der problematische Sachverhalt nicht verständlich
werden kann. In ihnen kommt in gewisser Weise auch die Widerständigkeit
der Realität zum Ausdruck, um derentwillen die Theoriebildung überhaupt
erforderlich ist. Sie müssen danach differenziert werden, ob sie sich auf
institutionelle Sachverhalte, auf theoretische Denkfiguren
oder auf interpersonelle Konstellationen beziehen. (Ein Beispiel für
letztere wäre die hartnäckige Erfolglosigkeit von Bemühungen, Kinder
zur von den Erwachsenen vorgesehenen Zeit ins Bett zu kriegen, der
Widerstand der Kinder; die Kaschierung von Erwachseneninteressen im
erzieherischen Umgang mit Kindern, indem die Erwachsenen sagen:
"Kinder brauchen Schlaf", aber meinen: "Ich will meine Ruhe
haben". Das Problem besteht hier hypothetisch darin, dass Kinder, die
keinen Schlaf brauchen, einem insbesondere dann keine Ruhe lassen, wenn
man ihnen ein Schlafbedürfnis insinuiert.) [23]
Sekundär-fundierende Daten meinen Änderungen
in der Datenlage, etwa bei zeitlich längerer Erstreckung des
problematischen Sachverhalts (wenn eine PraktikerIn, um deren
Arbeitsprobleme es geht, z.B. eine(n) andere(n) Vorgesetzte(n) bekommt,
die/der andere Erwartungen hat, oder wenn ein Kind, dessen
Familienbeziehungen als problematisch diskutiert wurden, in ein Heim
kommt). [24]
Als stützend-konkretisierend werden
Daten bezeichnet, die die Hypothese, die auf Grundlage der primär-fundierenden
Daten gebildet wurde, zusätzlich in der Realität verankern. Es sind
weitere Daten, die z.B. mit der Kenntnis des Arbeitszusammenhangs der
PraktikerIn zur Verfügung stehen und mit denen fundierende Daten
angereichert werden können. (Bezogen auf das 'Schlaf'beispiel:
anderweitige interessenverleugnende Bevormundungen der Kinder,
anderweitige Versuche der Durchsetzung eigener Lebens- und
Ordnungsvorstellungen im Gewande der Vertretung kindlicher Interessen.) In
gewisser Weise wird damit das aus analytischen Gründen eingegrenzte
Handlungsproblem wieder auf den umfassenden Arbeits- oder
Lebenszusammenhang rückbezogen. Die zweite Funktion stützend
konkretisierender Daten ergibt sich daraus, dass Theorienbildung keine
logische Deduktion ist, sondern notwendig 'freie' Momente enthält:
dies ist einer der Gründe für das Zustandekommen konkurrierender
Theorien und unterschiedlicher Gewichtungen von Sachverhalten in den
jeweiligen Theorien. An der Funktion stützend-konkretisierender Daten ist
aber auch das allgemeinere und pragmatische Moment der Theorienbildung
hervorzuheben, dass dem brainstormartigen Prozess, in dem der
'chaotische' Datenpool Konturen gewinnen soll, zunehmend eine datenbezogene
Begründungspflicht der vorgetragenen Hypothesen folgen muss, sowohl,
was die Funktion der Daten angeht, auf die man sich bezieht, als auch, was
deren Reichhaltigkeit angeht. [25]
Veranschaulichende Daten schließlich
sind solche, die der Verständigung in der Diskussion über die
Hypothesenbildung dienen weitere Beispiele also, die auch wegfallen könnten,
ohne dass die Hypothese substanziell an empirischer Verankerung verlöre.
[26]
Derartige methodischen Überlegungen sind
u.E. auch unter dem Gesichtspunkt wesentlich, dass "das Problem"
ja eine gegenüber dem "Stream of behavior" dem Anspruch
nach zwar verständige, gleichwohl abstraktive Konstruktion ist,
deren Bezug zu den prozessierenden und sich kreuzenden Ereignissen immer
wieder herzustellen sein muss. Dabei ist auch zu berücksichtigen, wer in
welcher Datenmodalität redet: werden zum Beispiel raumzeitlich konkrete
Vorgänge präzise beschrieben ("Modus der Realbeobachtung"),
oder werden in den Darstellungen schon Deutungen ("herablassende /
bevormundende Art gegenüber dem Kind") und Verallgemeinerungen
("für ihn typische herablassende / bevormundende Art gegenüber dem
Kind" bis hin zu Subsumtionen von Daten unter
Common-sense-Auffassungen ("übliche herablassende / bevormundende
Art gegenüber Kindern") (Formen des "Modus der allgemeinen
Beobachtbarkeit") so in den Vordergrund gestellt, dass dahinter
konkrete raumzeitliche Ereignisse nicht mehr auszumachen sind? Der erwähnte
Modus der Objektivation meint Tagebücher, Fotos, etc. [27]
Indem die Datenbezüge der Diskussionsbeiträge
spezifizierbar werden, können diese methodisch gewichtet werden. [28]
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Diejenigen, um deren Probleme es geht, müssen
entsprechend der beanspruchten Wahrung des intersubjektiven
Beziehungsniveaus unter allen am Forschungsprozess Beteiligten
methodologisch als Mitforscher begriffen werden. Dies schließt ein, dass
über die unterschiedlichen selbst-, interaktions- und
weltbezogenen psychologischen Vorstellungen der Beteiligten
Auseinandersetzungen stattfinden müssen, welche Bereitschaft und Möglichkeit
zur Selbstreflexion implizieren. Der Umstand, dass die Bestimmung eines
Problems ebenso ein theoretischer und damit potenziell und
hochwahrscheinlich kontroverser Prozess ist wie die Herausarbeitung
von Lösungswegen, macht es erforderlich, die theoretischen Vorstellungen
der Beteiligten in ihren Kompatibilitäten und Unvereinbarkeiten "auf
den Punkt" zu bringen. Nur so können sich die Betroffenen ja
Handlungsvorschläge emotional und kognitiv so zu eigen machen, dass sie
sie "umsetzen" können (zu hierbei entstehenden Problemen vgl.
KALPEIN [2000] und KATSCH [2000]). [29]
Die seitens der "professionell"
Forschenden in den Forschungsprozess eingehenden Annahmen basieren auf den
am Maßstab des Problems zu explizierenden Grundvorstellungen der
Kritischen Psychologie, an denen hier nur herausgehoben werden soll, dass
durch entsprechende Daten imponierende und konstruierte Lebensprobleme auf
eine darin liegende "restriktive" subjektive Funktionalität hin
zu analysieren sind, also darauf, wie die Betroffenen zur
Aufrechterhaltung ihres Problems selber beitragen. Der Umstand, dass sich
die Sichtweisen auch der professionell Forschenden gegenüber
denen der anderen Teilnehmer am Forschungsprozess, wenn sie zur Geltung
kommen wollen, argumentativ "durchsetzen" müssen, ist auch ein
Regulativ gegenüber der naheliegenden Dominanz professioneller Forscher.
Diese Gefahr der Forscher-Dominanz taugt allerdings nicht als genereller
Einwand dagegen, dass inhaltliche Vorstellungen der Kritischen Psychologie
in den Forschungsprozess eingebracht werden. Denn, soweit sich Beteiligte
auf diesen Ansatz beziehen, ist das ja so unvermeidlich wie auch andere
Vorstellungen zum verhandelten Problem eingehen. [30]
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Subjektivität,
Geltung, Verallgemeinerung
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Fallbezogen, wie Prämissen-Gründe-Zusammenhänge
sind, enthalten sie keine Feststellungen zu Häufigkeit bzw. Verbreitung
der in ihnen behandelten Phänomene (MARKARD 1993). Subjekte existieren
zwar im Plural, aber nicht im Durchschnitt. Einzelfälle können
zueinander ins Verhältnis gesetzt, aber nicht gegeneinander
"verrechnet" werden. Es sind die individuellen Spezifikationen, die
interessieren, nicht die Nivellierungen des Durchschnitts. Prämissen-Gründe-Zusammenhänge
artikulieren vom Subjekt gestiftete Sinnzusammenhänge, sind Ausdruck
subjektiv guter Gründe. Wenn jemand unter denselben Prämissen einen
anderen Handlungsvorsatz fasst, spricht das nicht gegen die Geltung des
vorigen Zusammenhangs, sondern dafür, dass im zweiten eine andere
Vorstellung subjektiver Vernünftigkeit vorliegt (vgl. HOLZKAMP 1986;
MARKARD 2000). Die einzelnen, subjektiven Fälle sind keine Abweichungen,
sondern der Gedanke der Abweichung weicht selber ab vom Gedanken der
Subjektivität. Verallgemeinerungsmöglichkeiten liegen nicht in zentralen
Tendenzen, sondern in der Herausarbeitung gesellschaftlich vermittelter
Handlungsmöglichkeiten. Es kommt dabei darauf an, dass die subjektive
Sinneinheit des Falles analytisch nicht verloren geht allerdings auch
nicht jener reale Weltbezug, der subjektiven Sinn formiert und der im
Sinne einer Handlungsforschungsorientierung zu verändern ist. [31]
1) In der folgenden
Darstellung rekurriere ich z.T. ohne besondere Quellenangabe auf eigene
unveröffentliche Papiere bzw. schon veröffentlichte Texte. <zurück>
2) Holzkamp hat
allerdings an vielen Beispielen aus der Sozial- (1986) und Lernpsychologie
(1993) nachgewiesen, dass sich in offiziell als Bedingungs-Ereignis-Konstellationen
formulierten Hypothesen Prämissen-Gründe-Zusammenhänge
verbergen. Unter dieser Voraussetzung kann von einer kontingenten
Beziehung zwischen der Wenn- und der Dann-Komponente keine Rede mehr sein.
Dies hat nun erstens methodisch zur Konsequenz, dass die 'Prüfung'
dieser Theorien ein Missverständnis, pseudoempirisch, ist. Zweitens
und vielleicht noch wichtiger zeigt sich daran, dass Annahmen über
Handlungsgründe nicht in eine hermeneutische Exklave der Psychologie
abgeschoben werden können, sondern wesentliche Konzeptionen und Theorien
des psychologischen Mainstream prägen, dessen Offizialdiskurs sich damit
als theoretisch und methodologisch irrig erwiese (vgl. dazu auch Beiträge
und Diskussionen in BRANDTSTÄDTER et al. 1994). <zurück>
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Diplomarbeit am Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin.
Morus MARKARD, geb. 1948, Dr. phil. habil.,
Dipl.-Psych., Privat-Dozent für Psychologie am Studiengang Psychologie
der Freien Universität Berlin.
Adresse:
Morus Markard
FU Berlin, Studiengang Psychologie
Habelschwerdter Allee 45
D - 14195 Berlin
E-Mail: mmarkard@zedat.fu-berlin.de
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):
Markard, Morus (2000, Juni). Kritische
Psychologie: Methodik vom Standpunkt des Subjekts [31 Absätze]. Forum
Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line
Journal], 1(2).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00markard-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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Letzte Änderung: 03.02.2003
Volume 1, No. 2 Inhaltsverzeichnis
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