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Volume 1, No. 2 Juni 2000
Das Interview als
Beziehungsraum
Erhard Tietel
Zusammenfassung: Am Beispiel einer
schwierigen Interviewbeziehung wird gezeigt, daß und in welcher Weise das
Beziehungsgeschehen im Interview sowie die Verwendung des Beziehungsraums
des Interviews durch den Befragten entscheidende heuristische Hinweise zum
Aufspüren und Verstehen latenter Aspekte des Forschungsthemas geben können.
Die im Interview stattfindende Reduktion des potentiell triadischen
Beziehungsraums auf dyadisch-geschlossene Beziehungsebenen und der
weitgehende Verlust des eigenen Spielraums und der gedanklichen
Bewegungsfreiheit des Interviewers schärften den Blick für ähnliche
Vorgänge im Untersuchungsfeld. Konzepte wie Beziehungsraum, methodisch
geleitete Selbstanalyse des Forschers und Forschungssupervision werden
erläutert.
Keywords: Interview, qualitative
Verfahren, Intersubjektivität, Beziehung, Gegenübertragung, szenisches
Verstehen, Supervision, Gefühle, Psychoanalyse
1. |
Die Verwendung des Beziehungsraums und die methodisch geleitete
Selbstanalyse des Forschers als Zugänge zu latenten Themen von
Forschungsinterviews |
2. |
Verfehlte Begegnung das Beispiel der Anfangssequenz eines Interviews |
3. |
Postskriptum, Reflexion im Team, Forschungssupervision |
4. |
Die Reduktion des Beziehungsraums und der Verlust der eigenen
Bewegungsfreiheit |
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Die Verwendung des
Beziehungsraums und die methodisch geleitete Selbstanalyse des Forschers
als Zugänge zu latenten Themen von Forschungsinterviews
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In ihrem Beitrag "Das themenzentrierte
Interview" hat Ariane SCHORN (in diesem Band) die Forschungstradition zusammenfassend dargestellt,
die, ausgehend von den tiefenhermeneutischen Arbeiten von Thomas LEITHÄUSER
und Birgit VOLMERG (1977, 1979, 1988), an unserem Institut (Institut für
Psychologie und Sozialforschung der Universität Bremen) vielfältige
Anwendung1)
und Weiterentwicklung2)
erfahren hat. Im vorliegenden Beitrag möchte ich anhand der
Anfangssequenz eines Interviews zeigen, welche Bedeutung dem
Beziehungsgeschehen im Interview sowie der Verwendung des Beziehungsraums
des Interviews durch den Befragten für das Aufspüren und Verstehen
latenter Aspekte des Forschungsthemas zukommen kann. Der Fokus liegt damit
auf den explorativen Möglichkeiten der Forschungsbeziehung, auf der
Reflexion der "kommunikativen Geladenheit von
Interviewsituationen", die MRUCK
(2000) zufolge in empirischen Studien häufig unterbleibt, so sehr
auch in der qualitativen Sozialforschung die Kommunikation zwischen
Forschern und Beforschten als konstitutives und reflexionsbedürftiges
Element des Verstehensprozesses erachtet wird. Die größere
Aufmerksamkeit für Aspekte des Beziehungsgeschehens in der Forschungsbegegnung bezieht szenische Aspekte der Erhebungssituation stärker ein, wie sie von
ARGELANDER (1970) sowie von OGDEN (1995) am Beispiel des
psychoanalytischen Erstinterviews beschrieben wurden und markiert daher
eine Erweiterung des szenischen (Text-) Verstehens, wie es von LORENZER
(1970) sowie von LEITHÄUSER und VOLMERG (1988) entfaltet wurde.3) [1]
Wir haben in unseren empirischen
Forschungsprojekten die Erfahrung gemacht, daß ein guter Einklang
zwischen Interviewpartnern die Bereitwilligkeit des Interviewten zu
ausgiebigen Erzählsequenzen erhöht, die Bereitschaft also, den
Interviewer im Kontext der Forschungsfragestellung an den vielfältigen
Aspekten der eigenen Erfahrung und des eigenen Erlebens teilhaben zu
lassen. Darüber hinaus kann ein 'guter' Interviewverlauf
erfahrungsgenerierende Wirkungen zeitigen, wenn der Interviewer in der
Lage ist, sich auf die Erlebnisperspektive des Interviewten einzulassen
und jener wiederum sich die Außensicht des Interviewers und dessen
reflexive Verstehensmöglichkeiten zunutze machen kann. In solchen Fällen
kann sich der Denk- und Reflexionsraum des Interviewten um den Verständnisraum
des Interviewers erweitern, und das Interview kann ansatzweise zu jenem
Ort kreativen Geschehens werden, den BION für therapeutische Settings mit
dem Begriff des Containments gefaßt hat (siehe TIETEL 2000). Befördert
wird dies bereits dadurch, daß der Interviewte im geschützten Raum des
Interviews mit einem Gegenüber spricht, für den die spezifischen
kulturellen Begrenzungen und Regeln seiner Herkunftskultur (beispielsweise
die Normen, Rituale und Sprachspiele einer Unternehmung) nicht gelten, und
der im idealen Falle eine eher nachdenklich-reflexive Kultur zur Verfügung
stellen kann, die sich vom Handlungs- und Entscheidungsdruck sowie der
mikropolitisch-interessenbestimmten Struktur der sozialen Welt, über die
berichtet wird, wesentlich unterscheidet. [2]
Diese quasi interkulturelle und potentiell
erfahrungserweiternde Verwendung des Beziehungsraums des Interviews
kollidiert nun jedoch mit den (häufig eher unbewußten) Bemühungen der
Interviewpartner, im Gespräch an Erfahrungen der eigenen (z.B.
betrieblichen) Kultur nicht nur anzuknüpfen, sondern diese zu wiederholen
und damit die immer auch fremde Interviewsituation ein Stück weit in eine
bekannte und vertraute Situation zu verwandeln. Bezogen auf das Feld der
Organisationsforschung formuliert Franz WELLENDORF (1991, 1996), daß die
Mitglieder einer Organisation immer auch versuchen, den Forscher in die
Dynamik des institutionellen Lebens hineinzuziehen. Dynamik, Struktur und
Kultur einer Organisation kämen wesentlich auch in der Art zum Ausdruck,
wie die Mitarbeiter einer Organisation ihre Beziehung zum Forscher
gestalten. Sie tun das, WELLENDORF zufolge, als
einzelne, als Funktions- und Rollenträger, als Mitglieder von formellen
und informellen Gruppen. Sie gestalten die gemeinsame Aufgabe, versuchen,
ein ihnen angenehmes Setting zu schaffen, organisieren ihre Grenzen.
Manchem Anliegen gegenüber sind sie aufgeschlossen, andere wehren sie
vielleicht ganz oder teilweise ab. Die Forschungsbeziehung sei daher
zunächst einmal unabhängig von den spezifischen Informationen, die durch
die Forschungsgespräche erhoben werden sollen als solche eine
Art Projektionsfläche für die verborgene institutionelle Dynamik,
Struktur und Kultur einer Organisation.4)
[3]
Bezieht man die bisher genannten Aspekte
der Verwendung des Beziehungsraums des Interviews aufeinander, so kann man
sagen, daß das szenische Geschehen im Interview eingebettet ist in ein
Oszillieren zwischen dem Angebot des Interviewers, einen potentiell
erfahrungsüberschreitenden Verständnisraum bereitzustellen, der vom
Interviewten in diesem Sinne verwendet werden kann und dem (mehr oder
weniger unbewußten) Versuch des Interviewten, die Interviewsituation
entlang der Dynamik der eigenen Kultur zu gestalten. [4]
Methodisch geleitetes Fremdverstehen,
beispielsweise im Kontext der eben angesprochenen Analyse der Kultur einer
Organisation, ist in unserem Forschungsverständnis nicht abzulösen von
der Selbstanalyse des Forschers (siehe TIETEL 1994). Das heißt, daß
der Forscher seine eigene Situation und Befindlichkeit in der Begegnung
mit Mitgliedern der Organisation sei es bei der teilnehmenden
Beobachtung, bei informellen Treffen oder, wie im vorliegenden Falle, während
der Durchführung eines themenzentrierten Interviews zu analysieren
und zu verstehen vermag. Dies umfaßt nicht nur kognitive Ebenen des
Verstehens, sondern vor allem die Aufmerksamkeit für die affektiven
Reaktionen, für die Gefühle, Phantasien und (Gegen-) Übertragungen, die
sich beim Forscher im Kontakt mit Mitgliedern einer Organisation
einstellen. Um noch einmal WELLENDORF zu paraphrasieren: Die affektiven
Reaktionen des Forschers sind, auch dann noch, wenn sie als unangenehm und
belastend empfunden werden, nicht etwas, was einen Mangel und ein Versagen
anzeigen und möglichst schnell beseitigt werden sollte. Sie sind
nicht anders als Beobachtungen, Interviewaufzeichnungen oder das Aufspüren
institutioneller Praktiken und Gewohnheiten wichtiges Material, aus
dessen Analyse man Einsichten in die institutionellen Probleme gewinnen
kann. Das setzt voraus, daß der Forscher seine Gefühlsreaktionen
daraufhin zu befragen versteht, ob sie möglicherweise Ausdruck eines
institutionellen Konfliktes sind, der sich auf diese Weise anzeigt. Im
Anschluß an DEVEREUX (1967) haben ERDHEIM und NADIG (1984 und 1988) auf
die Notwendigkeit hingewiesen, die Beziehung zwischen Forscher und
'Informant' neu zu definieren. Not täte, so die Autoren, im Rahmen
der Sozialwissenschaften eine Form von Selbstanalyse,
die Feldforschern die Bearbeitung ihrer Erfahrung ermöglicht. Eine Möglichkeit
hierzu bietet die Forschungssupervision, die BAURIEDL (1993) zufolge dem
Forscher hilft, seine Motive und blinden Flecken in bezug auf sein
Forschungsfeld zu verstehen und so zu einer differenzierteren Sicht der
untersuchten Fragestellung sowie zu einem freieren und offeneren Umgang im
Forschungskontakt zu kommen.5)
[5]
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Verfehlte Begegnung
das Beispiel der Anfangssequenz eines Interviews
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Im Zuge einer Interviewserie mit Betriebsräten
über ihre Erfahrungen mit der Beteiligung von Beschäftigten bei der Einführung
neuer Technologien führte ich gemeinsam mit einer Kollegin ein
themenzentriertes Interview6) mit Herrn Meister, Betriebsratsmitglied eines mittelgroßen Unternehmens
im süddeutschen Raum. Uns saß mit Herrn Meister ein in Fragen neuer
Technologien kompetenter Betriebsrat gegenüber, der, wie sich im Verlauf
des Interviews zeigte, umfangreiches Wissen über die mit der Technikeinführung
zusammenhängenden organisatorischen, sozialen und personellen Fragen mit
einer machtbewußten und kämpferischen Betriebsratshaltung verbindet; ein
für uns inhaltlich ergiebiger Interviewpartner, ein für die Belange der
Interessenvertretung bei der Einführung neuer Technologien aufschlußreiches
Interview. Und dennoch und dieser Aspekt ist es, warum ich dieses
Interview hier aufgreife ein Interview, das uns als Interviewer sehr
an die Grenzen unserer 'Kunst' führte. Während sich in den meisten
Interviews dieser Serie eine Gesprächsatmosphäre einstellte, die unserem
jeweiligen Gegenüber die Möglichkeit bot, jenseits des aktuellen
Handlungsdrucks des Betriebsratsalltags für die Zeitspanne des Interviews
innezuhalten und im Gespräch mit uns über Herausforderungen der
Betriebsratsarbeit und den Wandel der Betriebsratsrolle angesichts der
Beteiligung der Belegschaft bei der Einführung neuer Technologien
nachzudenken, gelang es uns in diesem Interview nicht, gemeinsam in das
Thema 'einzuschwingen' und in einem emphatischen Sinne ins Gespräch
zu kommen. Man kann sagen, daß es sich klimatisch eher um ein eine
verfehlte Begegnung handelte; eine Begegnung zudem, die mich persönlich
in ungewohntem Maße in Frage stellte. [6]
Die Geschichte dieser verunglückten
Begegnung beginnt bereits damit, daß Herr Meister aufgrund unklarer
Informationen durch unsere Kontaktperson im Betrieb erst am Tag des
Interviews durch uns erfährt, daß er nicht zu einer Gruppendiskussion
mit Bereichsbetriebsräten eingeladen ist, sondern wir mit einigen
Betriebsratsmitgliedern, unter anderem mit ihm, vertiefende
Einzelinterviews führen wollen. Er fühlt sich dadurch, so unser
Eindruck, spürbar zurückgewiesen, und er äußert die Befürchtung, daß
wir die jeweiligen Sichtweisen der Betriebsräte gegeneinander ausspielen
könnten. Wir haben damit vermutlich eine Erfahrung aktualisiert, die
Betriebsräte in den betriebspolitischen Machtspielen nicht selten machen,
und die sie gegenüber allen Versuchen der Vereinzelung mißtrauisch sein
läßt. Herr Meister erscheint pünktlich zum verabredeten Interviewtermin
und drückt seine offenbar noch bestehende Verstimmung dadurch aus, daß
er im deutlichen Unterschied zu den anderen Interviewpartnern auf
dem von uns entferntesten Stuhl an einem langen Tisch Platz nimmt.
Gestaltet er damit bereits ein räumlich distanziertes Setting, teilt er
des weiteren kurz und entschieden mit, daß er allenfalls eine Stunde Zeit
habe und pünktlich gehen werde (angekündigt war, daß das Interview
zwischen einer und 1½ Stunden dauern könnte). Herrn Meisters Blick fällt
dann stirnrunzelnd auf das aufgebaute Mikrophon 'davon ist nicht die
Rede gewesen', und er hätte sonst unsere Fragen vorher haben wollen.
Bis zu dieser Stelle könnte man sagen, daß sowohl Herr Meister als auch
wir darunter zu leiden hatten, daß unsere Kontaktperson im Betriebsrat
die Zustimmung ihrer Kollegen einholen und diese (mittels einer von uns
erstellten Projektbeschreibung) ausführlich informieren wollte, was dazu
führte, daß wir auf die sonst übliche vorherige persönliche Absprache
über Thema und Rahmenbedingungen der Forschungsgespräche verzichteten.
Teils sahen wir davon ab, weil wir ganz froh waren, daß uns dieser immer
auch zeitaufwendige Schritt abgenommen wurde, teils aber auch, weil unser
Kontaktmann dies sehr bestimmt für unnötig erklärte, und wir die Befürchtung
hatten, daß er weitere Aktivitäten unsererseits als Affront erleben könnte.
Herr Meister sieht sich jedenfalls durch die Bandaufnahme wieder einer
Situation ausgesetzt, die ihm Unbehagen bereitet. Und auch wir fühlen uns
in unserer Haut keinen Deut behaglicher. [7]
Wir erläutern Sinn und Zweck der
Aufzeichnung und wollen uns mittels der freundlichen Rückversicherung:
"Sie haben unsere Projektkurzfassung bekommen?" unserem
inhaltlichen Anliegen nähern. Was wir erhalten, ist ein knappes und
bestimmtes "Nein!" Nun gut nächster Anlauf. Herr
Meister war uns als Technikexperte des Betriebsrates angekündigt worden,
was ich mit dem Satz: "Von Ihnen haben wir gehört, daß sie für
alles, was mit EDV und Technik zu tun hat, zuständig sind"
ansprechen will. Wieder kurz und knapp: "Ist falsch." Es
waren erst wenige Minuten vergangen, und doch überkommt mich mehr und
mehr das Gefühl, in einer verfahrenen Situation zu stecken. Herr Meister
scheint zu spüren, daß sich auf unserer Seite eine Irritation
ausbreitet, und macht folgendes Angebot: "Vielleicht sag ich Ihnen
mal ganz kurz was über meine Person, damit Sie sich da so'n bißchen
orientieren können." Mit diesem Vorschlag, den wir erleichtert
akzeptieren, befreit er uns zwar aus einer Verlegenheit; man kann jedoch
auch überlegen, ob er uns, szenisch gesehen, nicht wiederum mitteilt:
'Nicht Sie sagen, was ich habe und was ich bin. Das mache ich schon
selbst. Wenn hier einer orientiert, dann ich." [8]
Es fällt ihm jedoch gar nicht ein, sich
uns jetzt vorzustellen. Erst einmal will er genauer wissen, woran er mit
uns ist: "Aber vorher würde mich noch interessieren, was Sie
sonst machen, wenn Sie nicht im Forschungsprojekt an der Uni arbeiten.
Arbeiten Sie fest an der Uni, haben Sie 'ne Doktorandenstelle oder sind
Sie als Dozent beschäftigt?" Augenscheinlich kann er sich aus
unserer Antwort kein zufriedenstellendes Bild machen, denn er hakt nach,
ob wir denn "Hundertprozentstellen" (also ganze Stellen)
haben. Mich überkommt der Eindruck, daß ihn nicht nur beispielsweise
aus der Perspektive eines ständig mit Arbeitsverträgen beschäftigten
Betriebsrates interessiert, wie unsere arbeitsvertragliche Lage in der
Institution Universität, sondern vor allem, wie unser Status einzuschätzen
ist: Sind wir (nur) Doktoranden, haben wir bloß zeitlich befristete und
obendrein nur halben Stellen, oder sind wir 'ganze' Wissenschaftler,
sozusagen ernstzunehmende Gegenüber? An dieser Stelle kann ich das Bedürfnis
nicht zurückhalten, darauf hinzuweisen, daß ich bereits promoviert bin
und über eine volle Stelle verfüge, wobei sich etwas in mir dagegen sträubt,
auf die zeitliche Begrenzung dieser Stelle (immerhin komfortable sechs
Jahre) hinzuweisen. Die merkwürdige Ambivalenz, die die Anfangssequenz
dieses Interviews bislang begleitet, spüre ich auch in seiner nächsten
Äußerung:
"Da sind sie ja in Ihrer Zunft
richtig glückliche Menschen. Ich hab 'n paar Sozialwissenschaftler im
Bekanntenkreis, die sind alle arbeitslos oder haben Umschulung gemacht,
weil da überhaupt nix zu machen gewesen ist, immer nur befristete
Arbeitsverträge, an Universitäten, in der Öffentlichen Verwaltung,
auch Psychologen teilweise. Und die sind eben häufig arbeitslos oder
in anderen Jobs." [9]
Die schwierigen Arbeitsmarktverhältnisse für
Sozialwissenschaftler sind mir wohl vertraut. Dennoch führt seine Äußerung
nicht dazu, daß ich mich zu den `richtig glücklichen Menschen´ zähle;
es regt sich in mir eher ein eigentümliches Schuldgefühl, so als sähe
ich mich vor die Frage gestellt, ob ich es denn verdient habe, nicht zu
der von ihm skizzierten Gruppe von Menschen mit prekären Arbeitsverhältnisse
zu gehören. Ich vermute bei ihm Neid und registriere in mir Regungen von
Rivalität. Neid insofern, als man umgeben von arbeitslosen Akademikern ja
wenig Grund hat, mit jenen tauschen zu wollen, was einem das eigene
Schicksal, keinen akademischen Abschluß zu haben, erträglicher macht. Während
ich mich zunehmend abgewertet und in meiner professionellen Eigenständigkeit
nicht anerkannt fühle solche wie mich kennt man und hat sie gleich
mehrfach im Bekanntenkreis , beginnt Herr Meister, sich im Gegenzug
aufzubauen. Er kommt auf sein Angebot zurück, uns etwas über seine
Person zu sagen, und zählt eine große Anzahl wichtiger Etappen und
Aktivitäten auf, die seinen bisherigen Berufsweg im Unternehmen markiert
haben: er habe "die ganze Bandbreite der Datenverarbeitung
durchlaufen", "selber DV-Systeme konzipiert", "Organisationsuntersuchungen
gemacht", diese und jene "Software eingeführt",
hier "sehr aktiv" dieses, dort "sehr
intensiv" jenes "neu konzipiert" und "umorganisiert",
vieles "federführend" und so weiter und so fort. Herr
Meister schließt mit der gleichen doppelten Botschaft, die uns bereits zu
Beginn irritierte, daß er "eigentlich der falsche Ansprechpartner
für uns" sei, nichtsdestotrotz "das eine oder andere zu
unserem Thema sagen könnte", weil er eben "auf dem
Gebiet nach wie vor für sehr kompetent gilt". [10]
Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, daß
inzwischen ein Viertel der Stunde, die wir zur Verfügung haben,
abgelaufen sind. Aus einer kurzen Verschnaufpause heraus sagt Herr
Meister: "Ja dann stellen Sie mal Ihre Fragen". Diese
Aufforderung öffnet das Tor zur nächsten verunglückenden Sequenz, denn
im Gegensatz zu seinen Vorstellungen von einem Forschungsinterview
beginnen wir nicht mit im klassischen Sinne vorgesehenen Abfragen,
sondern, da uns an einer erfahrungsgesättigten Eingangsschilderung
gelegen ist, mit einer relativ offenen Frage über die organisatorischen
Auswirkungen der Technikeinführung aus Sicht des Betriebsrates und die
Erfahrungen, die er selbst im Zuge dessen mit der Beteiligung von Beschäftigten
gemacht hat. Rückblickend können wir uns über unsere fehlende
Flexibilität nur wundern, unser 'Interviewprogramm' angesichts des
bisherigen Gesprächsverlaufs nicht situativ angepaßt, also umgestellt zu
haben. Wir fühlen uns offensichtlich so unter Druck (gesetzt), daß wir
uns weder kurz untereinander verständigen, noch das 'Desaster'
antizipieren können, in das wir mit unserer Frage schlittern sollten.
Denn während unsere bisherigen Gesprächspartner auf vergleichbare
Eingangsfragen hin facettenreich zu erzählen beginnen, setzt sich hier
das Ping-Pong-Spiel unverzüglich fort:
"Also ich könnte Ihnen jetzt die
ganze Kassette vollsprechen. Da könnt ich Ihnen jetzt 'n halbstündigen
Vortrag drüber halten, über dieses eine Thema. Ich glaub' wir kommen
so nicht weiter. Sie müssen präzisere Fragen stellen, weil ich hab nur
eine Stunde Zeit. Ich hab um 14 Uhr den nächsten Termin. Also das, das
nützt nix!" [11]
Im Nachhinein kann ich in dieser Äußerung
durchaus auch (!) eine Bitte um Präzisierung sehen und darüber
nachdenken, ob er mit unserer offenen Fragestellung angesichts der
Komplexität des Themas vielleicht schlichtweg Schwierigkeiten hatte; in
der Situation selbst fühlte ich mich wie ein gemaßregelter und
zurechtgewiesener dummer Junge. Und während ich innerlich nach Worten,
das heißt nach einem neuen Anlauf ringe, fährt er schon fort:
"Ich kann also wirklich, weil ich
bin auch an einem Forschungsprojekt beteiligt, federführend beteiligt,
das ich selber mit initiiert habe, das sich gerade mit solchen Fragen
beschäftigt. Von daher könnt' ich da wahnsinnig viel drüber erzählen.
Da sitzen also Menschen wie Sie sitzen da zwei Jahre lang mit im Unternehmen
und schauen sich an, wie das geht und zwar nach einer Methode, die wir
uns vorher überlegt haben, wie sie vielleicht besser wäre ...".
[12]
Wieder spüre ich deutlich Abwertung und
Rivalität. Rivalität nicht nur in der Mitteilung, daß er selbst
eigentlich vom Fach ist und über "solche Fragen"
forscht, sondern auch darin, daß er beharrlich unsere Art und Weise, das
Interview zu gestalten, zurückweist; Abwertung in der Mitteilung, daß er
"solche Menschen" wie uns quasi für sich arbeiten läßt,
die obendrein nicht mal kurz zu einem Interview einschweben, sondern
ordentlich "zwei Jahre lang mit im Unternehmen" sitzen
und sich alles genau anschauen. [13]
Ich breche hier ab. Einen Umschwung bekommt
das Interview, als ich nach einigen weiteren eher mißglückenden Anläufen,
trotz zunehmend konkreterer und präziserer Fragen unsererseits (die dazu
führen, daß er zu allem, was er nicht präzise und sicher zu wissen
meint, lieber nichts Falsches sagen will), meine Ratlosigkeit offen
eingestehe: "Ich hab mir gerade auch überlegt: was können wir
Sie denn überhaupt Sinnvolles fragen. Das finde ich grad' schwierig
rauszukriegen." Herr Meister läßt uns in der Folge doch noch an
seinem eingangs erwähnten Erfahrungs- und Wissensschatz teilhaben und
schildert einige konflikthafte Episoden und 'Knackpunkte', so daß wir
zumindest mit dem auf Band 'konservierten' Inhalt letztlich doch noch
ganz zufrieden `abziehen´. [14]
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Postskriptum,
Reflexion im Team, Forschungssupervision
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Methodisch gehen wir so vor, daß wir im
Anschluß an ein Interview ein Postskriptum erstellen, in dem all das
festgehalten wird, was uns, von der Begrüßung bis zur Verabschiedung, an
der Interviewsituation und -beziehung, an unserem Gegenüber und vor allem
auch an uns selbst aufgefallen ist. Vor allem auch Gefühle, Irritationen,
Phantasien und Körperwahrnehmungen sowie während des Interviews nicht geäußerte
Einfälle und erste Interpretationsideen haben hier ihren Ort. Ist damit
bereits ein erster Schritt in Richtung Auswertung getan, der durch die
Besprechung im Forschungsteam vertieft und differenziert wird, erfolgt in
der Forschungssupervision ein erneuter Blick auf das Material. Die
Supervision unterscheidet sich darin vom Nachdenken im Forschungsteam, daß
in diesem methodisch kontrollierten Setting durch die Unterstützung
eines erfahrenen Supervisors die während unserer Schilderungen
gegebenenfalls auftretenden szenischen Reproduktionen der Interviewdynamik
erkannt und verstanden werden können. Ein besonderes Gewicht kommt
hierbei der Aufdeckung von Themen und Beziehungsfiguren
zu, die aus dem inhaltlichen Gesprächsverlauf und dem manifesten
Interaktionsgeschehen ausgeschlossenen sind. Hierbei ist vor allem auf die
im Interpretationsprozeß nun folgende fokussierende und damit komplexitätsreduzierende
Wahrnehmungseinstellung zu achten: Die Überdeterminierung7) des vorliegenden Materials kann nur dann im Sinne der
Forschungsfragestellung produktiv bewältigt werden, wenn die die
themenzentrierte Interviewführung und fokussierte Interviewauswertung
stets begleitende offene und ungerichtete Aufmerksamkeit für latente
Prozesse8) im Verlauf des Auswertungsprozesses zurückgenommen und die Interpretation
konsequent auf das Forschungsthema bezogen wird. Konkret heißt das, daß
wir uns trotz der Fülle möglicherweise auch klinisch verwertbaren
Materials weder mit auffälligen Charakterzügen unserer Interviewpartner
beschäftigen noch den ebenfalls in jeder Forschungsbegegnung
aufscheinenden persönlichen Eigenheiten der Interviewer nachgehen
zumindest insofern dies die professionelle Reflexion auf die
Interviewerrolle übersteigen würde. Ähnlich der Grundeinstellung, wie
sie in Balintgruppen praktiziert wird9),
gilt auch hier: Alles was im Beziehungsraum des Interviews geschieht, hat
einen Bezug zum Forschungsthema. Diesen Bezug plausibel und
nachvollziehbar herauszufinden und darzustellen, ist die methodische
Aufgabe und Schwierigkeit der Interpretation. [15]
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Die Reduktion des
Beziehungsraumes und der Verlust der eigenen Bewegungsfreiheit
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Das Postskriptum nach dem Interview mit
Herrn Meister diente mir zunächst einmal dazu, all die Gefühle
'loszuwerden', auf denen ich während des Interviews, also während
des Bemühens, doch noch leidlich professionell das Gespräch zu führen
und die Informationen zu bekommen, derentwegen wir das Interview geführt
haben, 'sitzen geblieben' bin. Insofern ist das
Postskriptum immer auch ein schriftlicher 'Container' für die Übertragungs-
und Gegenübertragungsgefühle, die sich während des Interviews
einstellen, dort jedoch vom Interviewer möglichst in sich bewahrt und
nicht zurückgegeben, sprich: nicht agiert werden.10) Hier konnte ich mir sowohl den Ärger von der Seele schreiben, den mir das
Interview verursacht hatte, als auch die Gefühle von Zurückweisung,
Ablehnung, Degradierung und Infragestellung meiner Kompetenz, die ich im
Kontakt mit Herrn Meister erlebt habe (und die sich in abgeschwächter
Form beim Abhören des Bandes zum Korrekturlesen des Transkriptes noch
einmal in Erinnerung brachten). Gedanken wie "Rettungsboote
ausfahren, nicht untergehen" finden sich im Postskriptum als
Erinnerungsreste, Hinweise auch auf Stellen, an denen ich wieder dabei
war, "Oberwasser" zu bekommen. Wie selten bei einem Interview
war ich "froh, als das Interview zu Ende war". Ich habe
"tief durchgeatmet", als Herr Meister den Raum verließ. [16]
Vor allem eine Beziehungserfahrung beschäftigte
uns anschließend sowohl im Team als auch in der Supervision: die Figur
des Ausschlusses eines Dritten, die Reduktion des triangulären
Beziehungsraumes auf dyadisch-geschlossene Beziehungsebenen. Nicht nur, daß
es ausgesprochen schwierig war, den Raum zwischen unserer und Herrn
Meisters Vorstellung vom Interview zu gestalten (hier überhaupt einen
Spaltbreit Raum zu schaffen) sowie im weiteren Interviewverlauf einen Fuß
in Herrn Meisters thematische Anschauungen zu Technikeinführung,
Beteiligung und Betriebsratsarbeit zu bekommen, auch zwischen mir und
meiner Kollegin kam der Spielraum fast gänzlich abhanden. Während wir es
in der Regel ganz gut schaffen, während eines Interviews aufeinander zu
achten, uns in der Interviewführung abzuwechseln und
damit eine Dreierkonstellation zu gestalten, kämpfte ich in diesem
Interview weitgehend für mich alleine darum, die Fäden wieder in die
Hand zu bekommen und soweit dies überhaupt gelang in der Hand zu
behalten. Hier und dort ein um sein 'Standing' ringender 'Lonesome rider'; die anwesende Frau kam kaum zu Wort, blieb aus der Rivalität
der Männer ausgeschlossen.11) Im Beziehungsraum dieses Interviews war es nahezu unmöglich, daß die
miteinander über ein Thema Sprechenden etwas gemeinsam entwickeln,
bildlich gesprochen, ein gemeinsames Interview-Kind 'zeugen' konnten.
Im Gegenteil. Vergleichbar BIONs Diktum, daß es im Prinzip zwei mögliche
Reaktionen auf unvertraute Situationen gebe, nämlich die eine: "Hier
ist etwas, was ich nicht verstehe ich muß es herausfinden", eine
andere aber: "Hier ist etwas, was ich nicht verstehe ich werde es
umbringen" (zit. in WELLENDORF 1995, S.253), kann man m.E. sagen, daß
im hier zur Rede stehenden Interview offene, unvertraute, nicht
definierte, nicht auf `harten Fakten´ beruhende thematische und
Beziehungssachverhalte ausgeschlossen und beseitigt wurden. [17]
Dem eklatanten Mangel an gemeinsamem
Spielraum auf der intersubjektiven Ebene der Forschungsbeziehung sowie auf
der Ebene des Forschungsthemas korrespondiert, wie die weitere Bearbeitung
in der Supervision ergab, auf der intrasubjektiven Ebene der Verlust
meines eigenen inneren Spielraumes und meiner gedanklichen
Bewegungsfreiheit. Ich verlor weitgehend meine Fähigkeit, mich von dem
Beziehungsgeschehen ein Stück weit zu distanzieren, die Fähigkeit,
zumindest ein wenig inneren Raum zu behalten, in dem ich das
Interviewgeschehen sowie meine eigenen emotionalen Erfahrungen einem
Denkprozeß unterziehen und mich dadurch ein Stück weit von den einschränkenden
Eindrücken hätte freimachen können. Offenbar
identifizierte ich mich derart mit den Übertragungen und Projektionen
(bzw. 'projektiven Identifikationen', siehe OGDEN 1988) meines Gegenübers,
daß ich wie der von SCHOENHALS (1993, S.199) beschriebene
"nicht-denkende" Therapeut zu einem "nicht-denkenden"
Interviewer mutierte.12) Diese subjektive Erfahrung kann als weiteres Indiz für die Schwierigkeit
angesehen werden, im Interview einen triangulären Beziehungs- und
thematischen Raum herzustellen und aufrechtzuerhalten. [18]
Die Erkenntnis, in welchem Maße in diesem
Falle der Beziehungsraum des Interviews sich hier zu einer Art
'Nicht-Raum', oder vielleicht gar 'negativem Raum', gestaltete, in
dem meine/unsere Bemühungen um dialogische Begegnung und gemeinsame
Zuwendung zum Thema immer wieder der Tilgung anheim fielen (und auch ich
meines Denkraumes ein ganzes Stück beraubt wurde), ermöglicht einen
neuen Blick auf das Beziehungsgeschehen in der Anfangssequenz des
Interviews. Dachte ich zunächst, daß es wesentlich um Rivalität
zwischen Herrn Meister und mir ging, blitzt nun hinter der
Konkurrenzthematik eine weitere Thematik auf, die sowohl für das
Beziehungsgeschehen im Interview als auch für die Forschungsfragestellung
grundlegender erscheint: Die offensichtliche (manifeste) Rivalitätsthematik
überlagert die nur szenisch wahrnehmbare Problematik, daß es scheinbar
keinen Spielraum, keinen gemeinsamen Erfahrungsraum sowie keine
Anerkennung einer Differenzierung zwischen den Akteuren geben darf, in der
sich etwas (immer auch potentiell produktives) Unvorhergesehenes ereignen
könnte. An der geschilderten Interviewsequenz wird nun augenfälliger,
wie wenig sich im Beziehungsraum des Interviews auf der einen Seite ein
Betriebsrat mit einem eigenen Erfahrungshintergrund und Wissen aus seiner
spezifischen Lebenswelt, und auf der anderen Seite ein Forscher und eine
Forscherin mit ihrem Erfahrungshintergrund und Wissen aus ihrer
spezifischen Lebenswelt, entlang eines Themas begegnen, mit dem beide
Unterschiedliches verbinden. Es wird augenfälliger, wie wenig der
Beziehungsraum des Interviews dazu genutzt wird, mit Neugierde und
Toleranz für thematische und kulturelle Unterschiede und Eigenheiten an
der wechselseitigen 'Über-Setzung' zu arbeiten. Der Raum der möglichen
'interkulturellen' Begegnung im Beziehungsraum des Interviews, den
MORGENTHALER (1984, S.10) mit seinem Satz "Look, I am a
foreigner" so vortrefflich verdichtet, wird von unserem Gegenüber
konstant getilgt zugunsten der Inszenierung eines immer schon Bekannten
und Vertrauten. Herr Meister kennt und hat alles, was unsere
professionelle Eigenheit und Differenz ausmachen könnte. Auf diesem
Hintergrund kann und muß dann nur noch entschieden werden, wer der
Bessere unter den Gleichen ist und die Kontrolle über die Situation ausübt.
[19]
Es soll abschließend nur noch angedeutet
werden, daß wir durch dieses Interview nicht nur einen unmittelbaren
Eindruck von der durch Mißtrauen geprägten Kultur dieses Unternehmens
bekamen, sondern die szenische Interpretation der Verwendung des
Beziehungsraums des Interviews durch Herrn Meister unseren Blick schärfte
für bestimmte Handlungsweisen und Haltungen des Betriebsrates bei der
Einführung neuer Technologien und vor allem hinsichtlich der Beteiligung
von unmittelbar von dieser Technikeinführung betroffenen Beschäftigten.
Angesichts einer potentiell riesige Informationsmengen produzierenden
Technologie war der Betriebsrat dieses Betriebes bemüht, durch möglichst
konkrete und präzise Festlegungen den Arbeitgeber in ein sehr enges
Anwendungs-Korsett zu zwängen, das, so unsere Interpretation, nicht nur
kontraproduktive Festlegungen mit sich brachte und die Spielräume auch für
die Beschäftigten einengte, sondern obendrein den eigenen betriebsrätlichen
Handlungsspielraum beschränkte. Vor allem aber hinsichtlich der Beschäftigtenpartizipation
waren wir durch das beschriebene szenische Geschehen dafür sensibilisiert
zu sehen, wie wenig Spiel-, Handlungs- und Entscheidungsraum den
beteiligten Beschäftigten des Einführungsprozesses bezüglich der sie
betreffenden technisch-organisatorischen Belange eingeräumt wurde. An
bestimmten kritischen Punkten des Einführungsprozesses kündigte der
Betriebsrat die triadische Beziehung zwischen Management, Betriebsrat und
Beteiligten auf, zog sich auf eine enge Interpretation der gesetzlichen
Mitbestimmung zurück und verengte damit den betriebspolitischen
Aushandlungsraum auf die klassische Dichotomie zwischen Arbeitgeber und
Arbeitnehmervertretung: wenig Raum für eine raumöffnende dritte
Perspektive, für eine dritte Akteursgruppe, für einen
organisationsumgreifenden Lernprozeß. [20]
1) Unter anderem in zwei
größeren Forschungsprojekten, an denen ich beteiligt war (siehe LEITHÄUSER/LÖCHEL/SCHERER/TIETEL
1995 sowie LEITHÄUSER/SCHERER/TIETEL 1997). <zurück>
2) Siehe LÖCHEL 1997,
STAHLKE 1999 und SCHORN 2000. <zurück>
3) Siehe zu den
verschiedenen Ansätzen des szenischen Verstehens sowie zu den
Besonderheiten der Validierung szenischer Informationen LÖCHEL (1997,
S.45ff sowie S.69ff.). <zurück>
4) Der hier nur
angedeutete (Organisations-)Kulturbezug und der darin implizierte
Kulturbegriff werden in meiner Habilitationsschrift weiter ausgearbeitet.
Ich beziehe mich dabei sowohl auf symbolisch-interpretative Kulturansätze
im Gefolge von GEERTZ (1987), als auch auf stärker funktionalistisch
orientierte Konzepte, wie beispielsweise das Organisationskultur-Konzept
von SCHEIN (1995). <zurück>
5) Analog der klinischen
Erfahrung, daß nicht alle Gefühlsregungen des Therapeuten im Kontakt mit
seinem Klienten auf jenen zurückzuführen sind, sondern sich zur Gegenübertragung
des Therapeuten auf den Klienten seine eigene (immer auch konflikthafte,
wunsch- und angstgeleitete) Übertragungsbereitschaft gesellt, und
entsprechend der weiteren klinischen Erfahrung, daß der Klient nicht nur
sich in seiner Konflikthaftigkeit inszeniert, sondern von allem Anfang an
auch auf den therapeutischen Rahmen, das therapeutische Setting und die
Person des Therapeuten re-agiert, gehörten zu einer vollständigen
Beschreibung des Geschehens im Beziehungsraum des Interviews auch die
entsprechenden 'Anteile' des Interviewers, die keineswegs darin
aufgehen, den hier beschriebenen Verständnisraum zur Verfügung zu
stellen. So ist nicht nur der Interviewpartner, sondern auch der
Interviewer Mitglied einer bestimmten (wissenschaftlichen) Kultur, deren
Bräuche, Normen, Spielregeln, Rituale, Sprachspiele, Verhaltensweisen,
Denkgewohnheiten und (häufig unbewußte) Grundannahmen ihm selbst nur zu
einem gewissen Teil bewußt sind. Die in meiner thematischen Fokussierung
aufscheinende Idealisierung des Interviewers mag man mir nachsehen; sie
steht im Dienste einer fokussierenden Komplexitätsreduktion. <zurück>
6) Das
"themenzentrierte" Interview lehnt sich in Durchführung und
Auswertung an das von LEITHÄUSER und VOLMERG (1979, 1988) entwickelte
Verfahren der "themenzentrierten Gruppendiskussion" an. Siehe
hierzu LÖCHEL (1997, S.53ff) sowie SCHORN (in diesem Band). <zurück>
7) Der auf FREUD zurückgehenden
Begriff der "Überdeterminierung" bringt zum Ausdruck, daß
sowohl der innerhalb einer sozialen Interaktion zustande gekommene
Interviewtext als auch die hierbei registrierten szenischen Informationen
auf eine Vielzahl determinierender Faktoren verweisen (siehe LAPLANCHE und
PONTALIS 1972, S.546ff.). <zurück>
8) Diese doppelte
Wahrnehmungseinstellung lehnt sich an die von STERBA (1934) beschriebene
"therapeutische Ichspaltung" sowie an das von BION beschriebene
Modell des "bivokalen Sehens" (siehe KREJCI 1999) an. Ohne daß
dies zum Ausschlußkriterium erklärt werden soll, ist eine eigene
methodische (z.B. therapeutische) Selbsterfahrung sicherlich eine günstige
Voraussetzung für die Fähigkeit, dem thematischen und beziehungsmäßigen
Interviewgeschehen nicht nur zu folgen, sondern dieses auch aktiv zu
gestalten und gleichzeitig auf latentes (unbewußtes) Geschehen sowie die
eigenen gefühlsmäßigen Regungen und Phantasien zu achten. <zurück>
9) In Balintgruppen gilt
die Regel, daß der (unbewußte) Gruppenprozeß, der sich zwischen den
Mitgliedern der Gruppe sowie zwischen den Gruppenmitgliedern und dem
Gruppenleiter einstellt, "in den Dienst der Fallarbeit" tritt,
d.h. zum Verständnis des eingebrachten Falles und nicht zur
Selbsterfahrung der Teilnehmer genutzt wird (siehe ARGELANDER 1972). <zurück>
10) Diese Haltung des
Interviewers bezüglich seiner eigenen sowie der Affekte und Projektionen
des 'Befragten' ist ähnlich denen eines psychodynamisch orientierten
Beraters: er nimmt sie erst einmal auf, bewahrt sie in sich und nutzt sie
als Erkenntnisinstrument. Hier scheiden sich nun das Interview- und das
Beratungssetting, gehört es doch (in der Regel) nicht zum Rahmen des
Forschungsinterviews, diese Erkenntnisse in Form von gezielten
Interventionen dem weiteren Prozeß für die Bearbeitung zur Verfügung zu
stellen (siehe hierzu TIETEL 2000). <zurück>
11) Es soll hier nur
angedeutet werden, daß sich eine ähnliche Beziehungskonstellation auch
in der betreffenden Supervisionssitzung einstellte und dort besprochen
wurde. Auch die Tatsache, daß wir mit der Ablehnung, Herrn Meister an der
Gruppendiskussion mit einigen seiner Kollegen teilnehmen zu lassen, die
Forschungsbeziehung unsererseits mit einem Ausschluß begannen, wurde in
der Supervision reflektiert. <zurück>
12) Hieraus erschließt
sich im Übrigen eine weitere wichtige Funktion der forschungsbegleitenden
Supervision. Diese kann ein Ort sein, die eigenen emotionalen
Verstrickungen und gedanklichen Verwicklungen, die sich während der
Forschungsbeziehungen einstellen, aufzuspüren und zu verstehen. Es geht
in der Supervision also nicht zuletzt darum, sich aus diesen Verwicklungen
zu lösen und damit reflexive Distanz sowie den eigenen Denkspielraum zurückzugewinnen.
<zurück>
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Hochschulassistent an der Universität Bremen; seit 1992 im Institut für
Psychologie und Sozialforschung (hierzu weitere Informationen unter: (http://www.psychologie.uni-bremen.de/IPS/) (Broken link, FQS, May 2003),
seit 1995 auch an der Akademie für Arbeit und Politik der Universität
Bremen.
Arbeitsschwerpunkte: Sozialpsychologie der
Technik, psychoanalytische Ansätze der Organisationsforschung und
Organisationsberatung, Supervision und Teambildung (hierzu weitere
Informationen unter http://www.dgsv-region-weser-ems.de/tietel.htm),
Erwachsenenbildung
Kontakt:
Akademie für Arbeit und Politik
Parkallee 39
D - 28209 Bremen
FAX: +49 / (0)421 / 218 4415
Tel.: +49 / (0)421 / 218 7779
E-Mail: etietel@aap.uni-bremen.de
URL: http://www.aap.uni-bremen.de
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):
Tietel, Erhard (2000, Juni). Das Interview
als Beziehungsraum [20 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung /
Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 1(2). Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-00/2-00tietel-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
Revised 1/2007
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Letzte Änderung: 09.01.2007
Volume 1, No. 2 Inhaltsverzeichnis
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