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Die Metaphernanalyse kommt ohne eine vorgängige Sozialisation in der Sprache und der Lebenswelt im Allgemeinen, ohne eine bereits erworbene oder im Laufe der Forschung hinzugewonnene Feldkompetenz im Besonderen nicht aus, und kann damit auf dieses "Vermögen" des forschenden Subjekts nicht verzichten. HABERMAS rekurriert auf diese Kompetenz, wenn er sich in seinem Verständnis von Hermeneutik an GADAMER orientiert: "Hermeneutik bezieht sich auf ein "Vermögen", das wir in dem Maße erwerben, als wir eine natürliche Sprache "beherrschen" lernen: auf die Kunst, sprachlich kommunizierbaren Sinn zu verstehen und, im Falle gestörter Kommunikation, verständlich zu machen." (HABERMAS 1970, S.73) [51]
Er begreift Hermeneutik als praktisches Wissen und Vorverständnis der Welt, welches die Bildung von Standards der Reflexion und ihre Beschreibung überhaupt erst ermöglicht. Hermeneutisches Verstehen sei weder der Theorie noch der Erfahrung zuzuordnen, da es beiden zuvorkomme und die Schemata möglicher Weltauffassung erst bilde (ebd., S.167-172). Die systematische Metaphernanalyse ist auf dieses der Theorie zuvorkommende Verstehen unmittelbar angewiesen dies haben die Anmerkungen zu Rolle der Forschungssubjekte im zweiten Teil der Ausführungen gezeigt. Andererseits zielt Metaphernanalyse auf die von HABERMAS genannten "Schemata möglicher Weltauffassung". Hier ist nicht der Raum, die Debatte zwischen GADAMER und HABERMAS über das Verhältnis zwischen Verstehen und Methoden der Forschung im Hinblick auf die Metaphernanalyse zu rekonstruieren (vgl. SCHMITT 1995), ich will zur Selbsteinordnung kurz auf das Resultat dieser Debatte verweisen: Spätere Diskutanten stimmten darin überein, dass sich sozialwissenschaftliches Verstehen auf ein Verstehen des Verstehens beziehe. Jenseits des alltäglichen Verstehens unter pragmatischen Zwängen ginge es darum, ein Verstehen zweiter Ordnung zu ermöglichen, welches das Verstehen im Alltag rekonstruiere (BERGOLD & BREUER 1987, S.23f., GRAUMANN, MÉTRAUX & SCHNEIDER 1991, S.67, JÜTTEMANN 1992, S.144ff.). Hier kann die Metaphernanalyse unmittelbar anschließen, indem sie die sprachlichen Muster, durch die hindurch verstanden wird, selbst zur Sprache bringt. [52]
Das Verstehen des Verstehens bedarf der Verlangsamung und Verfremdung. Das rechtfertigt Forschungsmethoden, die diesem Ziel dienen.15) Das Befolgen handwerklicher Regeln im Vorfeld der Interpretation kann verhindern, dass voreilige, mit weiterer Kenntnis anderer metaphorischer Konzepte obsolete Schlüsse gezogen werden. Methodische Regeln erschweren also ein verkürztes Verstehen der Zusammenhänge in der symbolisch strukturierten Welt und ermöglichen nicht-intendierte Lernprozesse. Sie vermindern daher das Risiko von Fehlinterpretationen, aber sie eliminieren es nicht. Heuristische Regeln des Ablaufs einer Metaphernanalyse und Hinweise zur Gewinnung von Interpretationen sind daher keine Einschränkung des forschenden Subjekts, sondern Möglichkeiten seiner Erweiterung.16) [53]
Zur Verringerung von voreiligen Schlüssen trägt das Wissen um Grenzen des Ansatzes bei. Die vorgeschlagene Analyse kann metaphorische Denkstrukturen und davon abgeleitete Handlungsformen identifizieren. Phänomene, welche nicht in metaphorischer Sprache zu erfassen sind, fallen damit aus dem Fokus der Analyse heraus, auch wenn LAKOFF und JOHNSON den Metaphernbegriff sehr weit fassen17). Diese in Abschnitt 1.5 diskutierten Einschränkungen legen nahe, je nach Forschungsfrage die Triangulation mit anderen Formen der Auswertung zu empfehlen. Bei einem solchen Herangehen ist dann die Frage nach den Gütekriterien einer Analyse für jede einzelne Studie zu beantworten. Viele von LAKOFF und JOHNSON inspirierte Studien stellen sich dieser Frage nicht das hier vorgelegte Regelwerk trägt dazu bei, sie beantworten zu können. [54]
1) Ich verweise neben später genannten AutorInnen auf das Portal http://www.metaphorik.de, das mit einer gut sortierten Linkliste den derzeitigen (nicht nur deutschsprachigen) Stand der linguistischen Diskussion repräsentiert. <zurück>
2) Ich habe den Ablauf einer systematischen Metaphernanalyse bereits in längerer (1995, 1997) und kurzer Form (SCHMITT 2000a) vorgestellt. Gegenüber den letzten Publikationen zum Thema haben sich die Durchführung erleichternde Veränderungen des methodischen Vorgehens ergeben. Völlig neu ist die Übersicht über die mit der Metaphernanalyse möglichen Interpretationen im zweiten Teil des Aufsatzes. Ich bin Judith BARKFELT und Heike SCHULZE für Kritik und Hinweise sehr dankbar. <zurück>
3) Auf Sampling-Strategien gehe ich hier nicht ein. Auch wenn die systematische Metaphernanalyse einen geringeren Arbeitsaufwand als z.B. die Objektive Hermeneutik nach OEVERMANN (OEVERMANN, ALLERT, KONAU & KRAMBECK 1979) fordert, so sind doch der zu bewältigenden Zahl von Texten bzw. Interviews Grenzen gesetzt. Der Grundsatz einer "maximalen Variation der Perspektive" in der Tradition der "grounded theory" scheint mir für viele Untersuchungen der sinnvollste zu sein (STRAUSS & CORBIN 1996). <zurück>
4) Ankerbeispiele werden zeitgleich mit diesem Aufsatz bereitgestellt (siehe die angehängten Materialien). Mit ähnlich eindeutigen Operationalisierungen hat POLLIO (POLLIO et al. 1977, S.71f) recht hohe Übereinstimmungen zwischen verschiedenen Ratern herstellen können, auch er verweist auf die Notwendigkeit eines Trainings. <zurück>
5) Gegenüber älteren Versionen der Metaphernanalyse ist hier eine arbeitserleichternde Einsparung eingeführt worden. Nur für experimentierende Zwecke der Methodenentwicklung war es sinnvoll, alle Metaphern eines Textes, unabhängig von der Berührung mit dem Zielbereich, zu analysieren; ihre Kenntnis brachte sehr wenig, was den Analysen hinzuzufügen gewesen wäre. <zurück>
6) Das ist natürlich eine sehr weite Bestimmung des möglichen Zielbereichs in konkreten Untersuchungen werden diese Zielbereiche enger gefasst. <zurück>
7) Diese Regel hat das Ziel, der Aufmerksamkeitslenkung durch bereits erkannte Konzepte zu entgehen. Natürlich bleiben einzelne Redewendungen übrig, die nicht zu Clustern mit gleichem Ziel und gleicher Quelle der Metaphorisierung geordnet werden können und oft persönlich-idiosynkratische, subkulturelle oder historische bzw. nicht mehr gebräuchliche Formulierungen darstellen. Hier wäre einzeln zu explizieren, ob sie nicht doch auf ein zu entdeckendes metaphorisches Konzept verweisen (als "Spitze eines unentdeckten Eisbergs"), und eine Erweiterung der Textbasis nach sich ziehen sollten. <zurück>
8) Eine Ähnlichkeit zu der von KLEINING 1995 formulierten "100%-Regel", alle (und vor allem die nicht passenden!) Daten einzubeziehen, ist unvermeidbar (ebd., S.272). <zurück>
9) In diese Gefahr geraten STRAUB und SEITZ (1998) ein wenig durch ihre exemplarische Darstellungsweise, wenn in ihrer historisch-psychologischen Analyse z.B. der "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische "Großdeutschland" im Jahr 1938 durch eine Interviewte metaphorisch (nur) als "Einverleibung" und als "Aufspringen auf einen fahrenden Zug" rekonstruiert wird es dürfte weitere metaphorische Konzepte dieses Ereignisses gegeben haben. <zurück>
10) Ankerbeispiele zur zweiten Regel siehe Anhang. <zurück>
11) ... und interpretationsgenerierende Diskussionen bei Nichtübereinstimmungen, vgl. meine Anmerkungen zur Darstellung von BUCHHOLZ in SCHMITT 2002c. <zurück>
12) HITZLER sieht jedoch nicht, dass auch methodische Prozeduren diesem Zweck der Verlangsamung des Verstehens dienlich sein können, und schreibt pauschal abwertend von "schematisch arbeitenden 'qualitativen' Analysekonzepten" (ebd., Absatz 24). Darüber hinaus sitzt er einer naiven Metaphorik auf, wenn er schreibt, dass die von ihm dargestellten hermeneutischen Ansätze im Gegensatz dazu versuchten, "methodisch kontrolliert durch den oberflächlichen Informationsgehalt des Textes hindurchzustoßen zu 'tieferliegenden' Sinn- und Bedeutungsschichten" (ebd., Kursivierung R.S.). Zumindest an dieser Stelle ist es ihm nicht gelungen, hinter / unter / über das kulturelle metaphorische Stereotyp von der uninteressanten Oberfläche und dem tiefen, tiefen Sinn zu gelangen. Die räumlich-metaphorische Konstruktion, dass Sinn "hinter" oder "unter" den Texten lauert, beschränkt die Möglichkeiten, Sinn zu bedenken und zu erfahren. Die Entgegensetzung von Sinnverstehen und Methode hat in der Debatte zwischen GADAMER und HABERMAS ihren Vorläufer, vgl. HABERMAS 1970. <zurück>
13) BUCHHOLZ und v. KLEIST (1995) haben ein metaphernanalytisches Vorgehen vorgestellt, das die Metaphern ohne vorbereitenden Schritt in ihrer Sequenzialität untersucht. Sie riskieren damit m. A. nach ein Übersehen alltäglicher und damit latent wirkender Metaphern, ebenso können Widersprüche im metaphorischen System einer Person bzw. eines Textes aus dem Blick geraten, da die Erkennung von Metaphern als unproblematisch vorausgesetzt wird. <zurück>
14) Für weitere Beispiele siehe SCHMITT 2000c, in "Exkurs 3. Körper, Psyche und Faschismus". <zurück>
15) DEVEREUX (1984) hat zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass Forschungsmethoden auch der Abwehr und Distanzierung von unangenehmen Inhalten dienen können. Der sich auf ihn zuweilen berufende Pauschalverdacht gegenüber Forschungsmethoden wird jedoch der abwehr-behindernden, weil verlangsamenden und ent-ängstigenden Funktion von Forschungsmethoden nicht gerecht. <zurück>
16) Subjektives "Vermögen", "Erweiterung" und "Lernen": Damit metaphorisiere ich selbst Subjektivität im Rahmen einer "ressourcenorientierten" Sichtweise, nicht als defizitäre Einschränkung oder Störung. <zurück>
17) Wobei SURMANN 2002 am Beispiel von Menschen mit einer Epilepsie zeigen kann, dass gerade bei der Versprachlichung eines bewusstseinsüberfordernden Erlebens Metaphern eine wichtige Rolle spielen. Eine kurze Übersicht über Probleme des Ansatzes von LAKOFF und JOHNSON siehe SCHMITT 2001. <zurück>
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Rudolf Schmitt, Studium von Psychologie und Germanistik in Marburg und Berlin, jeweils mehrere Jahre in Einzelfall- und Familienhilfe und Psychiatrie beschäftigt, seit 1997 Professur für Psychologie am FB Sozialwesen der HTWS Zittau-Görlitz, wissenschaftlicher Schwerpunkt: Metaphernanalyse als sozialwissenschaftliches Forschungsverfahren; siehe seinen Beitrag in FQS: Skizzen zur Metaphernanalyse. Rudolf SCHMITT hat in zurückliegenden Ausgaben von FQS eine Besprechung zu Qualitative Forschung. Ein Handbuch und ein Rezensionsaufsatz Von der Schwierigkeit, Verstehen zu verstehen zu "Sozialwissenschaftliche Hermeneutik. Eine Einführung" verfasst.
Kontakt:
Prof. Dr. Rudolf Schmitt
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Fachbereich Sozialwesen
Brückenstr. 1
D-02826 Görlitz
E-Mail: r.schmitt@hs-zigr.de
URL: http://www.hs-zigr.de/~schmitt/
Metapherndefinitionen und Beispiele nach LAKOFF und JOHNSON
Konzeptuelle Metaphern
sind sprachliche Bilder, die aus einem (meist sinnlich-konkreten) gemeinsamen Bereich von Erfahrung auf einen unscharfen und zu strukturierenden Bereich übertragen werden.
Das Leben (und der Alltag) ist ein Weg
Das war eine Gratwanderung, sie kommt nicht voran mit ihrer Arbeit, erfahren, bewandert, auf die schiefe Bahn geraten, Vergangenheit. Wie geht es? Es geht so.
Liebe ist Einheit (und Einverleibung)
Eins werden, ein Herz und eine Seele sein, ich könnte dich fressen, meine bessere Hälfte, Vereinigung.
Liebe ist ein gemeinsamer Weg
Ihre Wege kreuzten sich, sie kamen sich nahe, von da an gingen sie miteinander, dann ging es auseinander und jeder seine Wege, sie ließen sich scheiden (am Scheideweg sein).
2. Orientierende Metaphern
LAKOFF und JOHNSON zählen hierzu alle sprachlichen Hinweise, die auf eine räumliche Strukturierung von Kognitionen und Emotionen schließen lassen (oft Präpositionen und Adjektive); auf der Basis der räumlichen Orientierung lässt sich meistens dann eine konzeptuelle Metapher (s.o.) formulieren, d.h. die räumliche Konzeptualisierung geht der metaphorischen Konzeptualisierung voraus.
Freude und Erfolg ist oben, Trauer und Verlust ist unten
High sein, erhebendes Gefühl, abheben, himmelhoch jauchzend, hohe Motivation, sich aufraffen, niederschmetternd, versumpfen, bedrückt, Depression (lat. deprimere: herunterdrücken, lat. depressus: niedrig gelegen), er ist tief gesunken, down sein.
3. Ontologisierende (vergegenständlichende) Metaphern
LAKOFF und JOHNSON verstehen darunter die Fähigkeit, komplexe Erfahrungen und Begriffe als Ding zu behandeln. Dabei projizieren wir die körperliche Grunderfahrung des abgeschlossenen Körperschemas auf diese Begriffe, um sie handhaben zu können, ohne dass diesen Begriffen eine solche Abgeschlossenheit zukäme (Behälter-Schema). Zweite Möglichkeit: Wir behandeln diese Erfahrungen bzw. Begriffe als (zählbare, messbare) Substanz analog Sand oder Mehl. Auf diese Ontologisierung / Vergegenständlichung baut dann in der Regel eine konzeptuelle Metapher auf. Wie bei den orientierenden Metaphern geht der Konzeptbildung daher ein anderer kognitiver, schemabildender Mechanismus voraus.
Psyche ist ein Gefäß
Er kommt aus sich heraus, verschließt sich, öffnet sich, sie platzt vor Wut, es bricht aus ihm heraus, er hat einen Sprung in der Schüssel, Hohlkopf, sich aufblasen, Dampf ablassen, Gefühlsstau, innere Leere auffüllen.
Zuwendung ist (messbare) Substanz, Helfen ist Geben und Nehmen
Er bekommt mehr Zuwendung, weniger Aufmerksamkeit, Streicheleinheiten, sie kann die Hilfe annehmen, es geht leer aus, es hat nichts gekriegt, Gespräche anbieten, Ratschläge geben.
Hinweis: In späteren Publikationen haben LAKOFF und JOHNSON die orientierende und die ontologisierende Metaphernbildung zusammengefasst zu "kinaesthic image schemas" und einige weitere Schemata hinzugefügt (Teil-Ganzes, Verbindung, Kern-Rand, Ursprung-Pfad-Ziel, Kraft etc. Zusammenfassung in SCHMITT 1995, S.102ff.). Für systematische Metaphernanalysen sind als Ergebnis die konzeptuellen Metaphern wichtig, unabhängig, ob orientierende, ontologisierende oder andere schemabildenden Mechanismen bei der Metaphernbildung beteiligt waren.
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Eine Metapher liegt dann vor, wenn
ein Wort / eine Redewendung in einem strengen Sinn in dem für die Sprechäußerung relevanten Kontext mehr als nur wörtliche Bedeutung hat; und
die wörtliche Bedeutung auf einen prägnanten Bedeutungsbereich (Quellbereich) verweist,
der auf einen zweiten, oft abstrakteren Bereich (Zielbereich) übertragen wird.
Beispiel aus einem Interview mit einer Frau zum sozialintegrierten Alkoholkonsum:
"Es hat schon geschmeckt ... Ein bißchen lockerer tritt man da auf, nicht wahr. Als Jugendliche ist man ein bißchen verklemmt, wenn so ein paar Jungs rumgesprungen sind. (lacht) ... da haben wir Bowle getrunken und da bin ich dann auch ein bißchen, nicht mehr so verklemmt, nicht. Den Leuten gegenüber ein bißchen offener. ... Man muß halt mehr aus sich raus kommen. Und das ist bei mir ein bißchen ... Ich bin halt ein ruhiger Typ."
Durchführung der Identifikationsregel:
Es hat schon geschmeckt: Hier kann frau/mann etymologisches Tiefseetauchen veranstalten und auf einen tiefen, tiefen Sinn stoßen; für heutige SprecherInnen gleicht die wörtliche Bedeutung jedoch der im Kontext zu erwartenden, kann also nicht als Metapher rekonstruiert werden.
Ein bißchen lockerer tritt man da auf: "lockerer" kann verschiedene Quellen haben: Seile, aber auch Muskeln. Der Zielbereich der Formulierung ist die Wirkung von Alkohol auf die soziale Interaktion: also eine Metapher. Dass der Quellbereich noch nicht eindeutig bestimmt werden kann (was im Vergleich mit anderen Metaphern dieser Sprecherin besser gelingt), ist kein Hindernis, diese Metapher in die erste Sammlung aufzunehmen.
Als Jugendliche ist man ein bißchen verklemmt: Was kann "verklemmt" sein? In der Regel eine mechanische Apparatur, aber auch andere physikalische Gegenstände, deren Bewegung gehemmt ist. Der Quellbereich ist also zunächst ebenfalls nur vorläufig bestimmbar, aber die Übertragung auf Beschreibung einer Person und ihres (nüchternen) Verhaltens gegenüber dem anderen Geschlecht (Folgezeile) ist deutlich: also eine Metapher.
wenn so ein paar Jungs rumgesprungen sind: Nun können die Jungs tatsächlich "rumgesprungen" sein. Aber im Kontext des Interviews geht es eher um die schlichte Anwesenheit (in mäßiger Bewegung), also handelt es sich um ein Bild für welches Ziel? Noch schwer zu fassen, es geht um "lose" Kontakte zwischen den Geschlechtern, und es ist in völligem Gegensatz zu ihrem Gefühl, "verklemmt" zu sein, formuliert. Der Quellbereich "Körperliche Bewegung" ist deutlich, der Zielbereich (noch) undeutlich, die Übertragung aber offensichtlich: eine Metapher.
Den Leuten gegenüber ein bißchen offener: "Offen" oder "zu" sein: Die Person ist nach dem Behälter-Schema gedacht, Ziel der Metaphorisierung ist das Selbsterleben in sozialer Interaktion unter Alkoholgenuss.
Man muß halt mehr aus sich raus kommen: Wiederum das Behälterschema, wiederum der gleiche Zielbereich der Metaphorisierung.
Ich bin halt ein ruhiger Typ: "Ruhig" und sein Gegenteil "laut" sind Beschreibungen, die auf auditive Wahrnehmung verweisen (Quelle also ist das (An-)Hören von Personen), das Ziel der Beschreibung ist eine Selbst-Beschreibung (visuelle, kinästhetische etc. Beschreibungen wären kontrastierend möglich), daher eine Metapher.
Hinweis: Manche Formulierung wird nicht im ersten Durchgang als Metapher erkannt werden, weil sich Quelle oder Ziel der metaphorischen Übertragung erst im Vergleich mit anderen eigentümlichen Formulierungen des Textes erkennen lassen. Beispiel aus einem Interview zum Alkoholkonsum in einer Äußerung über Abhängige: "Man kann solchen Leuten als Normalsterblicher nicht helfen". "Normalsterblicher" ist im oben beschriebenen Sinn zunächst kaum als Metapher zu erkennen. Auf dem Hintergrund, dass Alkoholismus als fernes Schicksal begriffen wird, das einem "erwischt" oder das ohne eigenes Zutun "passiert", und dass Hilfe nur bei den "Göttern in Weiß" in einer fernen psychiatrischen Klinik vermutet wird, ist das eine Metapher.
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Stellen Sie metaphorische Wendungen zusammen, die den gleichen (konkret-sinnlichen) Quellbereich und den gleichen (abstrakten) Zielbereich beschreiben, und geben Sie ihnen eine Überschrift, die das metaphorische Modell in der Gleichung {Zielbereich} = {Quellbereich} zusammenfasst.
Beispiel 1:
Du empfindest die Probleme bloß nicht so, als gewichtig, wenn du betrunken bist
man kommt mit Leuten leichter ins Gespräch, wenn man nicht mehr nüchtern ist
Es war einfach unbeschwerter nach dem zweiten Bier
Alle drei Zitate beziehen sich auf Zustände der Angetrunkenheit, die auch Zielbereich einer laufenden Untersuchung sind: Welche Erfahrungen und Erwartungen sind mit Alkoholgenuss verknüpft? Der gemeinsame Quellbereich lässt sich als "Last", "Anstrengung", "Gewicht" formulieren welche Formulierung besser geeignet ist, würden weitere Metaphern zeigen. So schlage ich als Formulierung des metaphorischen Konzepts zunächst vor: "Betrunkenheit macht Schweres leichter".
Beispiel 2:
Die haben sich da getroffen und gestritten
er versucht einen Zugang zu ihm zu finden
Was ist der gemeinsame Quellbereich? Man könnte argumentieren: "Treffen" und "Finden" brauchen einen Raum, um zu passieren ... Das ist in diesem Fall aber eine sehr angestrengte Konstruktion eines Quellbereichs, die den "Raum" in seiner abstraktesten Qualität, nämlich irgendwie vorhanden zu sein, nutzt; metaphorisch gesprochen: Das war ein Versuch, auf einer Glatze Locken zu drehen. Also: Kein gemeinsamer Quellbereich, kein metaphorisches Modell, auch wenn der Zielbereich (Interaktion) gemeinsam ist.
Beispiel 3:
er ist ihm aus dem Weg gegangen
er macht Fortschritte in seiner Therapie
Hier lässt sich der gleiche Quellbereich (Weg-Metaphorik) finden, aber kein gemeinsamer Zielbereich: Im ersten Beispiel wird eine Interaktion beschrieben, das zweite Beispiel benennt individuelle Entwicklung: Es lässt sich also nicht zu einem gemeinsamen Modell zusammenstellen.
Beispiel 4:
die hat gesprudelt vor Leben
die hat gesprüht und erzählt
da sind bei ihr dann alle Dämme gebrochen, und sie hat erzählt und geweint
Wir können den Metaphern den gleichen Quellbereich (bewegte Flüssigkeit) und den gleichen Zielbereich (emotionaler Austausch) zuschreiben. Die entsprechenden Überschriften könnten lauten:
Emotionale Lebendigkeit ist fließendes Wasser.
Emotionale Lebendigkeit ist Wasser, das über seine Grenzen geht.
Emotionale Lebendigkeit ist Flüssigkeit unter Druck.
Zwischen diesen Überschriften ist noch nicht zu entscheiden; es sind vorläufige Konstruktionen. Die Erfahrung zeigt, dass es auch zu früh ist, nach drei Metaphern schon eine Überschrift zu formulieren. Es kann uns passieren, dass wir noch weitere Metaphern finden, die das Bild der brechenden Dämme um andere ergänzen:
Beispiel 5:
das ist aus ihr herausgebrochen
ich fand, dass sie da zu offen war
im Dorf hieß es, dass sie seit damals nicht mehr ganz dicht war
Von einer Flüssigkeit ist jetzt nicht mehr die Rede. Der konkrete Quellbereich könnte formuliert werden als Behälter, der abstrakte Zielbereich als Psyche, und eine Überschrift könnte lauten: "Die Psyche von Y ist ein tendenziell brüchiger Behälter".
Nun haben wir zwei metaphorische Modelle, die sich berührende Sachverhalte beschreiben, und das Bild der brechenden Dämme passt in beide Modelle. Was tun?
Weitere Metaphern einordnen. Bei zweimal drei Metaphern sind Entscheidungen über das zugrundeliegende Modell nicht ausreichend fundiert.
Falls man viele Metaphern hat: Sofern es nur einzelne Metaphern sind, die in zwei Modellen auftauchen, kann man sie in beiden Modellen belassen; es gibt komplexere Metaphern, die auf mehreren Verbildlichungen aufbauen (vgl. "auf die schiefe Bahn geraten", sowohl die Weg-Metapher wie das metaphorische Schema von "oben" und "unten" werden hier genutzt).
Man kann versuchen, ein gemeinsames Modell zu formulieren; in diesem Fall: "Y wird erlebt als brüchiger Behälter, der unter dem Druck von als Flüssigkeit gedachter Emotionen bricht." Dieses ist nun schon eine sehr komplexe Interpretation, mit der Wahrnehmung und soziale Interaktion beschrieben wird; fast schon ein Teil des Endergebnisses einer Fallstudie.
Hinweise
Es finden sich metaphorische Wendungen, die in mehrere metaphorische Konzepte passen: So werden Psychologen in Gefängnissen von den Inhaftierten als "Dachdecker" beschrieben: Hier spielt die räumliche Metaphorisierung des Geistes in der Höhe eine Rolle (räumlich-orientierendes Schema), dann kann der Mensch als Haus metaphorisiert werden (Sonderform der Behälter-Metaphorik, vgl. "nicht ganz richtig im Oberstübchen sein"). Schließlich ist bereits das metaphorische Konzept rekonstruiert worden: "Psychosoziale Arbeit ist handwerkliche Arbeit" (vgl. "Psychoklempner"). Die Einordnung von Redewendungen wie "Dachdecker" bereitet daher Probleme. Eventuell sind sie in mehrere Konzepte einzuordnen, oder es ergibt sich aus der Sammlung zwanglos ein "starkes" metaphorisches Konzept, in das diese Formulierung passt.
Unterschiede zwischen wortsemantischen und pragmasemantischen Ansätzen:
Beispiel: "da geht 'ne Entwicklung vonstatten"
Eine wortsemantische Zuordnung wird "ent-wickeln" eher auf das Hantieren mit Band oder Faden beziehen. Eine pragmasemantische Zuordnung, die den weiteren Verwendungsbereich des Wortes umfasst, wird "Entwicklung" eher im biologischen Bereich der "Entwicklung" von Lebewesen sehen. Beide werden im Zielbereich wieder übereinstimmen und sich fragen, auf welchen sozialen Tatbestand dieses Bild übertragen wird.
Es scheint mir sinnvoll, die Entscheidung, ob nun der Quellbereich als "Faden, Band" oder als "biologische Entwicklung" gedeutet wird, am Text zu fällen, ob dort weitere Metaphern im Kontext von Faden / Band oder weitere Beispiele für die Biologisierung sozialer Entwicklungen zu finden sind. Eventuell trifft beides zu dann sind beide metaphorische Konzepte zu bilden und "Entwicklung" unter beiden zu kodieren.
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Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):
Schmitt, Rudolf (2003, Mai). Methode und Subjektivität in der Systematischen Metaphernanalyse [54 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 4(2). Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/2-03/2-03schmitt-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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