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Volume 6, No. 2, Art. 19 Mai 2005Qualitative Prostitutionsforschung im Wiener Rotlichtmilieu der frühen 80er JahreRalf OttermannReview Essay:Roland Girtler (2004). Der Strich. Soziologie eines Milieus (5. Aufl.)Wien: LIT, 316 Seiten
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Diskussion zu diesem Artikel: |
1. |
Zu Person und Werk Roland GIRTLERs |
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Roland GIRTLER, Jg. 1941, ist Professor am Institut für Soziologie der Universität Wien. Er ist bekannt für seine qualitative Feldforschung über sog. Randkulturen (Ganoven, Obdachlose, Prostituierte etc.) sowie umstritten ob seiner Forschungsmethoden und Forschungsethik. GIRTLER beruft sich u.a. auf die Tradition der Chicagoer Schule (vgl. GIRTLER 1996). Deren Vertreter pflegten sich direkt ins Feld zu begeben, um die ihnen sowie dem Rest der Gesellschaft weitgehend fremden bzw. weithin unbekannten Sitten und Gebräuche devianter Subkulturen zu studieren. Sie setzten damit dort an, "wo andere Methoden am Ende des Lateins sind" (KARSTEDT 2000, S.143), "denn mit standardisierten Methoden lässt sich kaum in die wirklich interessanten 'Felder' vorstoßen" (GIRTLER 1996), sofern das entsprechende Vorwissen für die Entwicklung eines diesbezüglich sinnvollen Messinstruments fehlt. Gleichwohl ist GIRTLER aber nicht nur den Vertretern der quantitativen Sozialforschung ein Dorn im Auge:
Tatsächlich plädiert der Soziologieprofessor GIRTLER auf seiner Homepage für so etwas wie eine "soziophile" Feldforschung, innerhalb derer method(olog)ische mit ethischen Aspekten verknüpft sind. Die "große und vornehme Aufgabe" des Soziologen sei es so GIRTLER durch "gute Studien", zu denen die Beschreibungen des Alltags von Menschen in ihren Gruppen mit all ihren sozialen Kontakten, ihren Problemen, ihren Strategien des Überlebens, ihren Symbolen und Ritualen gehören, dazu beizutragen, dass Menschen sich gegenseitig akzeptieren und achten. Von daher fordert er vom ("soziophilen") Feldforscher u.a.,
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2. |
Zum Buch "Der Strich. Soziologie eines Milieus" |
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"Der Strich. Soziologie eines Milieus" (GIRTLER 2004), erschienen im LIT Verlag Wien, soll laut Klappentext ein "unterhaltsamer Führer" durch die "Schattenwelt" des "Rotlichtmilieus" sein. Der Leser werde versorgt mit "verlässlichen Informationen über alles Wissenswerte" zur Prostitution, über ihre Geschichte sowie das Leben und die Praktiken von Prostituierten, Zuhältern und Freiern. Das Buch beruhe auf "detaillierten Kenntnissen, entstanden durch langjährige Forschungen im Wiener Milieu" in den frühen 80er Jahren (mit "langjährig" könnte der "Zeitraum" der "Untersuchung zwischen Ende 1981 und Sommer 1983" [GIRTLER 2004, S.240] gemeint sein). [3] Das Buch der "Der Strich" liegt so Die Deutsche Bibliothek (DDB) nunmehr in seiner 5. Auflage vor. Bei der angeblich "ersten" Auflage von 1987 handelt es sich nach meinem Wissen indessen bereits um eine für die Taschenbuchausgabe überarbeitete Fassung des Originals "Der Strich. Erkundungen in Wien" von 1985. Die Auflagen von 1987, 1988 und 1990 tragen laut DDB den Untertitel "Sexualität als Geschäft". In diversen Literaturverzeichnissen werden die Auflagen von (1985) 1987, 1988 und 1990 allerdings auch mit dem Untertitel "Das Geschäft mit der Sexualität" zitiert. Die erweiterte Neuauflage von 1994 bekam laut DDB den Untertitel "Erotik der Straße", der jetzt, im Jahre 2004, durch "Soziologie eines Milieus" ersetzt wurde. [4] Der Anspruch vorliegender Medieneinheit ist der einer auf den Methoden qualitativer Forschung beruhenden soziologischen Studie, nicht etwa der einer Reportage oder eines Sachbuchs. Ich werde das Werk deshalb an heutigen Standards qualitativer Sozialforschung einerseits und am gegenwärtigen Stand soziologischer Prostitutionsforschung andererseits messen soweit es meine Kenntnisse zulassen. Sowohl method(olog)ische als auch (forschungs-) ethische Aspekte die eingangs bereits angeschnitten wurden, weil sie für die Leserschaft von FQS von besonderem Interesse sein dürften werden von GIRTLER in "Der Strich" lediglich am Rande behandelt; gleichwohl bilden sie einen wesentlichen Bestandteil dieser Rezension, um Güte und Reichweite der Ergebnisse der qualitativen Prostitutionsforschung im Stile GIRTLERs abschätzen zu können (Punkte 3 und 4). Vorab aber wird der Inhalt des Buchs anhand seines Aufbaus (2.1), grundlegender Definitionen des Gegenstandsbereichs der Prostitutionsforschung GIRTLERs (2.2) sowie einiger seiner Thesen zur Prostitution (2.3) erörtert. [5] |
2.1 |
Der Aufbau des Buches |
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"Der Strich. Soziologie eines Milieus" (GIRTLER 2004) beginnt mit einem "rückblickenden Vorwort" (S.1-13), gefolgt von einer thematischen "Einleitung" (S.15-24), die auf den Seiten 19-24 die (für FQS relevanten) "Methodischen Überlegungen" enthält. Das erste Kapitel (S.25-77) beschäftigt sich mit den "Prostituierten", ihren Motiven, ihrer sozialen Herkunft, ihren beruflichen Karrieren, ihrem Privatleben sowie den besonderen Problemen, mit denen sie im Alltag sowie Verlauf des Lebens zu kämpfen haben. Das zweite Kapitel (S.79-156) befasst sich mit den "Zuhältern" in ähnlicher Weise, aber auch mit deren Aufgaben und Funktionen, ihren Umgang untereinander sowie ihr Verhältnis zu den Prostituierten und ihre Rolle im Hinblick auf deren "Kunden" betreffend, welche den Gegenstand des dritten Kapitels (S.157-186) bilden. Das vierte Kapitel (S.187-202) thematisiert den "Zugang zum Strich", die Einführung ins Milieu und das Erlernen des Gewerbes. Das fünfte Kapitel (S.203-240) gibt einen Einblick in das "Leben am Strich", unterschieden nach den verschiedenen Arbeitsplätzen (Straße, Wohnung, Bordell). Im sechsten Kapitel (S.241-266) geht es um die "sexuellen Praktiken und ihre Preise", wobei sich gerade hier aber auch schon im Vorwort und in anderen Kapiteln der soziologisch-analytische Zweck der "episch breiten Schilderung" (MÜHLHÄUSER 1987, S.134) nicht immer erschließt. Im siebten Kapitel "Theoretische und zusammenfassende Gedanken" resümiert GIRTLER (2004, S.267-274) seine Befunde, um sich im darauf folgenden achten Kapitel (S.275-276) kurz "Gedanken zu der eigentümlichen Beziehung von Sexualität und Tod" zu machen. Das neunte und letzte Kapitel (S.277-309) trägt den bezeichnenden, aber meines Erachtens (s.u.) etwas unglücklichen Titel "Zur Geschichte der Prostitution die immer gleiche Welt der Dirnen". Als "Anhang" (S.310-313) ist ein Glossar zu den im Text vorkommenden Begriffen des Wiener Dialekts, der Gaunersprache bzw. des Rotlichtmilieus beigefügt. Auf den Seiten 314-316 schließlich findet sich "ausgewählte Literatur" zum Thema. [6] |
2.2 |
Der Gegenstand der Prostitutionsforschung GIRTLERs |
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Unter "Strich" versteht GIRTLER, etwas abweichend vom (heute) allgemein üblichen Sprachgebrauch, jeden Ort also Straße, Wohnung oder Bordell an dem Prostituierte ihre Geschäfte eingehen und zum Teil auch abwickeln. An diesen Orten gelten sowohl einige gesetzliche als vor allem auch etliche informelle, gleichwohl nicht unverbindliche Verhaltensnormen, die die sozialen Interaktionen und Beziehungen zwischen Prostituierten, Kunden und Zuhältern regeln (GIRTLER 2004, S.203). GIRTLERs Studie bezieht sich auf (freiwillige) weibliche Prostitution (quasi) institutionalisierter und gewerbsmäßiger Art. Unter Prostitution versteht er "eine z.T. gesetzlich und z.T. informell geregelte und sozial gebilligte bzw. geduldete soziale Einrichtung, bei der Frauen Geschlechtsverkehr im engsten und weitesten Sinn gegen Geld ermöglichen" (a.a.O., S.17). Mit der Wendung "Geschlechtsverkehr im weitesten Sinne" greift GIRTLER der möglichen Kritik vor, dass nicht nur sexuelle Praktiken im engeren Sinne, wie z.B. Vaginal-, Oral- und/oder Analverkehr, nachgefragt werden, sondern einerseits bisweilen lediglich das Gespräch bzw. der soziale Kontakt mit einer Frau gesucht, andererseits aber auch ausgefallene Praktiken, sog. Perversionen wie z.B. die "strenge Kammer", "Natursekt" (Urinieren) oder "Kaviar" (Defäkieren), angeboten werden, es also gar nicht zum "Geschlechtsverkehr im engeren Sinne" kommen muss, sondern lediglich sexuell konnotierte Handlungen oder Situationen erwartet und ermöglicht werden. Der Definition entsprechend werden andere (v.a. aus Sicht der Soziologie sozialer Probleme, abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle ebenfalls interessante) Formen der Prostitution, wie z.B. Gelegenheits-, Kinder- und Zwangsprostitution oder die Prostitution von Callboys und Strichjungen, nicht behandelt (vgl. LAMNEK 2003, S.478ff.; STALLBERG 1999, S.598). [7] Die Zahl der Prostituierten in Wien, auf die sich GIRTLERs zu Beginn der 1980er Jahre durchgeführte Studie bezieht, wird von ihm auf ca. 2000 Frauen geschätzt, "von denen ca. 900 als Geheimprostituierte angesehen werden können" (GIRTLER 2004, S.17), also amtlich (noch) nicht registriert waren. Über die Anzahl an Zuhältern und Freiern stellt GIRTLER zwar keine Überlegungen an, dennoch dürfte sich die Anzahl der Zuhälter wohl immer unter der der Huren bewegen und die Anzahl an Freiern die Anzahl an Huren deutlich übersteigen (vgl. LAMNEK 2003, S.478f.; STALLBERG 1999, S.600f.). Indessen geht es GIRTLER "vorrangig weniger um Zahlen als um das wirkliche Handeln und Denken der mit der Prostitution in Beziehung stehenden Menschen"; es geht ihm darum, einen "Einblick in diese spezielle Randkultur" zu gewinnen (GIRTLER 2004, S.267). Von anderen Studien zur (weiblichen) Prostitution unterscheide sich seine Untersuchung vor allem dadurch, dass sie "sehr intensiv" den Bereich des Kunden und des Handelns des Zuhälters mit einbeziehe, zwei Betrachtungsebenen, die in der ihm bekannten Literatur kaum oder gar nicht behandelt würden (a.a.O., S.19). [8] |
2.3 |
GIRTLERs "abweichende" Thesen zur Prostitution |
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GIRTLER gelangt aufgrund seines Forschungsansatzes zu einigen Befunden, die nicht nur gängigen gesellschaftlichen Vorurteilen bzw. sozialen Stereotypen hinsichtlich der Prostitution und ihrer Akteure widersprechen, sondern partiell auch von anderen wissenschaftlichen Befunden abweichen, was v.a. auf unterschiedlich geartete Erkenntnisinteressen, Fragestellungen, Definitionen und Methoden zurückzuführen ist. [9] Beispielsweise ist Prostitution nach GIRTLER (2004, S.277f.) keineswegs "das älteste Gewerbe der Welt". Sie sei vielmehr zum einen an die Existenz der Städte gebunden, da diese erst jene Anonymität böten, unter deren Schutz Kunde und Dirne zueinander fänden. Zum anderen benötige die Prostitution, wie jedes andere Geschäft auch, den Markt, auf dem Leute zusammenkommen und im Menschenwirbel untertauchen könnten. Laut SCHOECK (1982, S.270) hingegen konnte selbst bei kleinen Horden beobachtet werden, dass Männer sich den Geschlechtsverkehr von Frauen derselben Gruppe durch Angebot begehrter Naturalien (z.B. Nahrungsmittel) kauften und darüber feilschten. Es stellt sich daher die Frage, ob GIRTLERs Definition von Prostitution als gewerbsmäßige Ausübung sexuell konnotierter Handlungen gegen Geld im Hinblick auf kulturhistorisch vergleichende Sozialforschung nicht zu kurz greift. Gemäß SCHOECK jedenfalls wären die Anonymität der Städte sowie die Existenz von Märkten, auf denen "seit frühester Zeit fahrendes Volk, Bettler, Vaganten, Betrüger, Taschendiebe, Kartenspieler, aber auch Dirnen ihren Interessen nachgehen" (GIRTLER 2004, S.278) keine notwendigen Bedingungen bzw. konstitutiven Elemente von Prostitution. Zudem ist Anonymität nach GIRTLERs eigenen Ausführungen zur Geschichte der Prostitution gar nicht notwendig, sofern, prostitutive Handlungen anzubieten und nachzufragen, legal und legitim ist:
Das änderte sich gemäß GIRTLER erst aufgrund des "Aufkommen[s] des Protestantismus mit seiner Vorstellung von der 'gottgefälligen Arbeit'. Als eine solche sah man die der Dirnen nicht an" (GIRTLER 2004, S.295) und ihre Dienstleistungen wurden fortan als ehrlos und sündhaft stigmatisiert. Diese kulturhistorischen Ausführungen GIRTLERs widersprechen einem weit verbreiteten sozialen Stereotyp, das sich auch innerhalb der Prostitutionsforschung als gängige wissenschaftliche These wiederfindet: "Das Vorhandensein von Prostitution sowie auch die negative Bewertung prostitutiven Handelns scheinen relativ unabhängig von gesellschaftlichen Bedingungen zu sein; es gibt sie immer und überall" (STALLBERG 1999, S.601). Andererseits widerspricht sich GIRTLER selbst, wenn er von der "ihrem Wesen nach" und trotz ihrer "Buntheit" "immer gleichen Welt der Dirnen" spricht (GIRTLER 2004, S.277). Er scheint diese These allerdings vor allem auf "die Tricks der Frauen am Strich und ihre Kontakte zu den Gästen" (a.a.O., S.2) einerseits sowie andererseits auf den Zugang zum "Strich", also auf soziale Handlungs-, Interaktions- und Beziehungsmuster zu beziehen: "Damals wie heute werden Mädchen sowohl durch Freundinnen animiert als auch durch potentielle Zuhälter mit Überredungskunst und Finten dazu bewogen, auf den Strich zu gehen" (a.a.O., S.309). Letztlich gehe es Prostituierten wie Zuhältern lediglich darum, auf relativ mühelose Art und Weise schnell und auch ohne etwas gelernt zu haben an möglichst viel Geld zu kommen, wozu es allerdings einerseits (kulturübergreifend?) eines spezifischen Wissens und wirkungsvoller Kontakte zum Rotlichtmilieu sowie andererseits (in unserem Kulturraum!) der Bereitschaft bedarf, sowohl gegen die protestantische Arbeitsethik als auch gegen gesellschaftliche Sexualnormen zu verstoßen und mit entsprechenden Kosten bzw. Risiken der Geheimhaltung, Stigmatisierung und Kriminalisierung zu leben (vgl. GIRTLER 2004, S.25ff., 267ff.; LAMNEK 2003, S.483; STALLBERG 1999, S.603f.):
Andere, nicht-soziologische Erklärungen, etwa anlagetheoretischer oder psychologischer Art, lehnt GIRTLER ab. Das, was GIRTLER leicht missverständlich, wie ich meine als "rein milieutheoretische Erklärung der Prostitution" bezeichnet (GIRTLER 2004, S.267) und empirisch begründet, ist aus kriminalsoziologischer Sicht indessen eine um die kulturhistorisch vergleichende Perspektive bereicherte Kombination u.a. aus devianzsoziologischer Lerntheorie, Anomietheorie, Theorie der differenziellen Kontakte und Gelegenheiten, Subkulturtheorie sowie Labeling approach (vgl. OTTERMANN 2003b; STALLBERG 1999, S.603). GIRTLERs Thesen über die Motive und Bedingungen weiblicher Prostitution unterscheiden sich inhaltlich jedenfalls kaum von den weithin akzeptierten Befunden sonstiger Prostitutionsforschung, die sich an jenen herkömmlichen Theorien abweichenden Verhaltens orientiert:
Darüber hinaus aber sind vor allem diejenigen Ausführungen GIRTLERs interessant, die sich mit den unbeabsichtigten Handlungsfolgen bewussten Tuns prostitutiver Akteure befassen, jedoch ebenfalls im Hinblick auf das gegebene soziologische Theoriearsenal von GIRTLER nicht explizit diskutiert, sondern teilweise lediglich auf manifeste Funktionen bezogen werden, die kaum oder gar nicht über die subjektiven Alltagstheorien der Milieuangehörigen hinausgehen, von soziologischer Warte aus indessen und partiell abweichend von GIRTLERs Lesart zumindest auch als (latent) dysfunktionale Sinnzuschreibungen interpretiert werden können:
Freilich lässt sich nicht nur GIRTLERs Material entnehmen, dass die externale Autonomie der Prostituierten ihre Grenzen hat, insofern Prostituierte etwa in Abhängigkeit von ihrem erotischen Kapital und sonstigen Ressourcen in ungleichem Maße über die Chance verfügen, sich bestimmten Kunden oder sexuellen Praktiken zu verweigern bzw. sich auf eine begrenzte Klientel bzw. Praxis zu konzentrieren. Bei entsprechender Marktmacht kann die Autonomie einer Prostituierten ziemlich weit reichen, unter ungünstigen Bedingungen, etwa aufgrund geringer Nachfrage oder äußerer Zwänge, sich aber auch völlig auflösen (vgl. STALLBERG 1999, S.598). Im Hinblick auf latente Dysfunktionalität interessanter scheint mir indessen der milieutypische Versuch zu sein, mittels internaler Autonomie, nämlich der Unterscheidung von Sexualität als Geschäft und Sexualität als Form der Zuneigung, milieutypische Probleme auf quasi institutionalisierte Art zu lösen. So seien gemäß den subkulturellen Normen des Rotlichtmilieus Freier als Sexualobjekte für Huren Tabu; für sexuelle Befriedigung und menschliche Wärme sei mitunter der Zuhälter zuständig, der denn auch als "Freund" bezeichnet wird, wenn nicht sogar der Lebenspartner ist, was so gar nicht dem gesellschaftlichen Vorurteil vom gewalttätigen und ausbeutenden Zuhälter entspreche (GIRTLER 2004, S.17f., 120ff., 127ff., 163 ff., 270). Allerdings ist im Falle des Zuhälters als Intimpartner die Trennlinie zwischen "Sexualität als Zuneigung" und "Sexualität als Geschäft" bereits weniger deutlich. Dieser wird nach GIRTLER nämlich
Selbst wenn Huren ihren Zuhälter als Partner und zugleich als Mittel zum Zweck (Beschützer, Sexualobjekt, Seelentröster, Geschäftpartner, Drohpotenzial, Statussymbol ihres Erfolges o.ä.) sehen mögen, können Zuhälter Zuwendung derweilen lediglich vordergründig und mit Hintergedanken praktizieren, um Frauen "um den Finger zu wickeln" und von sich abhängig zu machen, und mittels des von ihnen angeschafften Geldes auf "die besten Pferde in ihrem Stall" verweisen, um ihre eigenen Verführungskünste, manipulativen Fähigkeiten und Machtansprüche im Revier gegenüber ihren Kollegen zu demonstrieren.
Wie auch immer zu denjenigen, die den Huren und Zuhältern ihre Existenz ermöglichen, den Kunden, wird gemäß den Normen und Praktiken der prostitutiven Subkultur (laut den Äußerungen von Zuhältern und Prostituierten) jedenfalls nicht nur eine professionelle Distanz (Geschäftsbeziehung), sondern auch eine psychosoziale Distanz (Antipathie) aufgebaut, die Prostituierten wie Zuhältern selbst(wert)dienliche Handlungen erlaubt, welche ansonsten (ohne Abwertung der Freier) normativ/moralisch prekär wären. So meint eine von GIRTLER interviewte Hure, ein Zuhälter sowie GIRTLER schließlich selbst beispielsweise:
Huren bedenken offenkundig nicht immer, dass sexuelles Werbeverhalten in unserem Kulturkreis für Männer generell relativ kostspielig und riskant ist (zumal dann, wenn es um attraktive, von vielen Männern umworbene Frauen geht). Wer eine Frau in der Hoffnung beschenkt, einlädt, ausführt oder aushält, dass hinterher (eventuell dauerhaft) noch "etwas läuft", riskiert auf seinen kostspieligen Investitionen (an Zeit, Geld, Engagement etc.) sitzen zu bleiben, d.h. die erhoffte, den Investitionen entsprechende sexuelle Gegenleistung nicht zu erhalten. So betrachtet, kann das gezielte Aufsuchen von Prostituierten aus der Sicht der Freier durchaus zweckrational, weil vergleichsweise günstig und weniger riskant sein (vgl. GIRTLER 2004, S.158). Allerdings verschwimmen bei dieser Betrachtungsweise die Grenzen zwischen sozioökonomisch orientierter (Intim-) Partnerwahl und Prostitution. Denn Frauen jenseits und diesseits des Rotlichtmilieus unterscheiden sich aus dieser Perspektive wenn es ihnen um die sozioökonomischen Ressourcen der Männer geht (vgl. OTTERMANN 2000, S.536ff.) meines Erachtens lediglich darin, dass sie sich mehr oder minder professionell und öffentlich prostituieren und den entsprechend unterschiedlichen Risiken der Stigmatisierung und Kriminalisierung ausgesetzt sind. Erst die Selbststigmatisierung und Registrierung als Hure lässt prostitutives Verhalten, das in seiner figurativen Bedeutung verstanden auch jenseits des Rotlichtmilieus existiert (vgl. SCHOECK 1982, S.270), als professionell, als etwas vom Laienhaften und Allgemeinen Verschiedenes erscheinen, wenn auch (in unserer Gesellschaft) für den Preis extraordinärer sozialer Kontrolle (vgl. GIRTLER 2004, S.47f.). Umgekehrt, so möchte ich im Unterschied zu GIRTLER hervorheben, schmerzt es mitunter auch professionelle Huren, von potenziellen Freiern abgewiesen oder ignoriert zu werden. Sie nehmen es trotz aller Professionalität bisweilen persönlich, wenn die Darbietung ihrer sexuellen Reize bzw. weiblichen Attraktivität nicht zum gewünschten Geschäftsabschluss führt. Wer ihr erotisches Kapital verschmäht und sozioökonomisch nicht zu würdigen weiß, muss mit verbalen Aggressionen rechnen. Der Wunsch nach sozialer Anerkennung ihrer weiblichen Attraktivität, nach der Bestätigung, eine begehrenswerte Frau zu sein, verbindet die "professionellen Huren" salopp formuliert dann doch wieder mit den "herkömmlichen Schlampen" (vgl. OTTERMANN 2000, S.517, 536ff.). Und hier stellt sich mir dann die (Dysfunktionalitäts-) Frage, ob Prostitution nicht auch vor dem Hintergrund einer geschlechtstypisierend ungleichen Verteilung erotischen und sozioökonomischen Kapitals thematisiert oder problematisiert werden könnte und ob es nicht auch die Frauen diesseits und jenseits des Rotlichtmilieus selbst sind, die sich vor diesem Hintergrund einander das Leben schwer machen, weil sie in einer zweigeschlechtlich organisierten Gesellschaft um knappe sozioökonomische Ressourcen streiten, deren Erschließung an die soziale Anerkennung von Seiten der Männer gebunden ist, eine begehrenswerte und achtbare Frau zu sein. [17] Sieht man von der figurativen Bedeutung von Prostitution und gesamtgesellschaftlichen Komplikationen ab, und konzentriert man sich stattdessen auf den potenziellen Mehrwert, den professionelle Prostitution erzeugt, so lässt sich gegen eine die Sexarbeit erleichternde professionelle Distanz gegenüber Kunden in Kombination mit der schauspielerischen Fähigkeit, ihnen das Geschenk einer schönen, sexuellen Illusion zu bereiten (geschäftstüchtige konventionelle Täuschung) schwerlich etwas einwenden: denn beiden Prostituierten wie Freiern ist damit gedient (vgl. SCHUSTER 2002; OTTERMANN 2000). Selbst dass "Zuhälter an den Einkommen ihrer Prostituierten partizipieren, ist an sich nicht zu kritisieren. [...] Solche Abhängigkeiten gibt es in allen Arbeitsverhältnissen" (LAMNEK 2003, S.494). Auch dass es dabei im Wesentlichen darauf ankomme, den Kunden so schnell wie möglich möglichst viel Geld beispielsweise für jede weitere Berührung oder Sicht bzw. Hülle, die fällt aus der Tasche zu ziehen, ohne dass sie es mitkriegen (vgl. GIRTLER 2004, S.236ff.), während diese an möglichst viel Leistung für möglichst wenig Geld interessiert sein dürften, steht noch nicht im Widerspruch zum Geschäftsgebaren anderer an Profit orientierten Professionen. Die Grenzen zwischen geschäftsüblichen Risiken und Nepp sind hier wie da fließend (vgl. OTTERMANN 2000). Prostitutive Akteure jedoch, deren geschäftliches Überleben von ihrem guten Ruf abhängt, beispielsweise weil sie auf Stammkundschaft angewiesen sind, halten ihre geschäftstüchtigen Praktiken in für die Freier berechenbaren Grenzen (vgl. GIRTLER 2004, S.248f.). Problematisch aber wird es, wenn Zuhälter, Huren und Freier füreinander nur noch Verachtung übrig haben. Denn psychosoziale Distanz in diesem Sinne erleichtert in Kombination mit Anonymität (bzw. voraussichtlich einmaligen Interaktionen) u.a. die maximale finanzielle, auch betrügerische und gewaltförmige Ausbeutung von Kunden durch minimale Gegenleistung bei einem Minimum an schlechtem Gewissen (vgl. OTTERMANN 2000). Andererseits aber gestaltet sich der Umgang mit Ekelgefühlen als umso schwieriger, je weniger Sympathien man denjenigen gegenüber aufbringt, mit denen man professionell intim ist (vgl. RINGEL 2003). So gesehen, könnte die subkulturelle Norm der Wahrung von psychosozialer (nicht nur professioneller) Distanz gegenüber Freiern Prostituierten mitunter die Möglichkeit professionellen Ekelmanagements (und persönlichen Ausstiegs per Zufallsbekanntschaft) nehmen und sie stattdessen zu Drogen, Tabletten und Alkohol greifen lassen. Werden sie abhängig davon wie vom Luxus des vielen Geldes und ihren zuhälterischen Freunden, dann kann das letztlich in der Gosse enden. Diese ist denn auch nach GIRTLER (2004, S.61ff., 70ff., 91ff.) eine nicht unübliche Endstation der beruflichen Karriere sowohl von Prostituierten als auch Zuhältern, u.a. weil der milieutypisch demonstrative Umgang mit Luxussymbolen die prostitutiven Akteure das leicht verdiente Geld ebenso leichtfertig wieder ausgeben lässt, so dass es für den Ausstieg aus dem Gewerbe und die Altersvorsorge nicht mehr zur Verfügung steht. [18] Mit diesen Beispielen sei angedeutet, dass das von GIRTLER zusammengetragene empirische Material, aus dem heraus er seine Thesen zur Prostitution unvoreingenommen entwickelt zu haben behauptet, auch alternative, etwa auf die Dysfunktionalität (sub-) kultureller Normen und Symbole, Denk- und Verhaltensweisen abstellende Lesarten zulässt, die in GIRTLERs typologischer und theoretischer Aufarbeitung nicht immer, wenn überhaupt eine entscheidende Rolle spielen. Aus feministischer Sicht wurde von daher beispielsweise früh die Kritik laut, dass GIRTLER
Auch jene Soziologen, die weniger die Zweigeschlechtlichkeit denn die Abweichung von Normen und soziale Probleme in unserer Gesellschaft zu thematisieren pflegen, sehen Abgrenzungsprobleme zwischen Freiwilligkeit und Zwang bei der Prostitution. Die Einbettung von prostitutiven Beziehungen in den gesamtgesellschaftlichen Kontext (mit teils umgekehrten Vorzeichen) macht die Interpretation jedoch auch nicht immer leichter:
Der damit angedeutete fließende Übergang zwischen "freiwilliger" und "Zwangsprostitution" dürfte zur Übertragung der Abneigung gegenüber der letzteren auf erstere und zu deren (Image-) Schaden zumindest beitragen (vgl. BOATCA 2003). Die Thematisierung und Problematisierung von Betrug und Gewalt, die beide den "freien Willen" untergraben, scheinen in der soziologischen Analyse bzw. theoretischen Aufbereitung des empirischen Materials bei GIRTLER jedenfalls etwas zu kurz zu kommen allerdings nicht nur die Huren als Opfer (von Zuhältern, Kunden und Agenten sozialer Kontrolle, v.a. Polizei und Gesundheitsämter) betreffend; vielmehr verhalten sich gemäß dem empirischen Material GIRTLERs auch die Huren betrügerisch (gegenüber Kunden, Zuhältern und Kontrollagenten), drohen mit (der) Gewalt (ihrer Zuhälter, Kolleginnen oder Kontrollagenten) oder üben sie (physisch, psychisch oder verbal gegenüber Kolleginnen, Zuhältern, Freiern und Kontrollagenten) selbst aus. GIRTLERs Studie liefert einiges an Anschauungsmaterial, das zur kritischen Analyse sowohl des Rotlichtmilieus als auch der Gesamtgesellschaft, die an seinem Zustand nicht unschuldig erscheint, Anlass geben könnte. Derartige Kritik setzt allerdings voraus, dass die entsprechenden (sub-) kulturellen Denk- und Verhaltensweisen sinn- und kausaladäquat erschlossen wurden und die Art ihrer Erschließung für potenzielle Kritiker nachvollziehbar ist. [21] |
3. |
Die freie Feldforschung GIRTLERs |
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Um eine Einschätzung von Forschungsergebnissen empirischer Studien zu ermöglichen, sollten gemäß den heutigen Standards qualitativer Sozialforschung (vgl. LAMNEK 2005) Informationen zur Konzeption, Populationswahl, Durchführung, Protokollierung und Auswertung von Interviews, Beobachtungen etc. in den method(olog)ischen Darstellungen des Forschungsprozesses eigentlich dokumentiert werden (vgl. FRIEBERTSHÄUSER 1997b, S.392). In dem extrem kurzen Methodenteil der vorliegenden Medieneinheit (GIRTLER 2004, S.19-24) ist dies sieht man von der Thematisierung des Zugangsproblems einmal ab allerdings nicht in hinreichendem Maß der Fall. Indes hat sich GIRTLER in anderen Schriften zu seinem Vorgehen geäußert (z.B. GIRTLER 1984, 1995, 1996), das er in der vorliegenden Medieneinheit nicht zu Unrecht als unüblich bezeichnet (GIRTLER 2004, S.7). Auch in Einführungs-, Lehr- und Handbüchern zur Qualitativen Forschung wird auf GIRTLERs Methoden eingegangen (z.B. FRIEBERTSHÄUSER & PRENGEL 1997; LAMNEK 1995, 2005), so dass eine Einschätzung der Ergebnisse der GIRTLERschen Prostitutionsforschung über Umwege letztlich doch möglich ist. [22] Bezüglich der Erfassung der speziellen Denk- und Handlungsmuster von Rand- bzw. Subkulturen sei "die Mehrzahl der modernen Soziologen" so merkt GIRTLER in seinem Handbuchbeitrag "Forschung in Subkulturen" unter Berufung auf René KÖNIG an zu kritisieren, "weil sie so tun, als ob sie das gesamte soziale Leben kennen würden. Sie sehen nicht, dass es selbst in der eigenen Welt Gruppen bzw. Subkulturen gibt, die einem fremd sein können" (GIRTLER 1995, S.385). Wenn aber von Fremdheit/Unbekanntem auszugehen ist, dann können Hypothesen nicht vorab, sondern erst während des Forschungsprozesses gebildet werden (vgl. GIRTLER 1984, S.30f.; LAMNEK 1995, S.143).
Es sei notwendig, sich fremden Lebenswelten, zumal solchen, in denen sich Menschen auf abweichendes Verhalten einlassen und gemeinsame Ansichten sowie Werte, Normen und Symbole entwickeln, die denen der Gesamtgesellschaft zumindest teilweise widersprechen, wie ein Ethnologe zu nähern (vgl. GIRTLER 1995, S.386). Der Forscher habe sich in das soziale Feld zu begeben, um dort mittels Beobachtung und Befragung Informationen zu sammeln, die ihm die zu Untersuchenden von sich aus geben. Dazu gehöre vor allem auch, dass die Untersuchenden, die Informationen, die sie geben, "frei formulieren und interpretieren können, ohne dass ihnen a priori das theoretische Raster und die Relevanzsysteme des Forschers aufgestülpt werden" (LAMNEK 1995, S.143).
Einen adäquaten Einblick in die Denk- und Handlungsmuster der Sub- bzw. Randkultur der Prostitution verspricht uns GIRTLER anhand seiner auf den qualitativen Feldforschungsmethoden des freien Interviews und der teilnehmenden Beobachtung beruhenden soziologischen Analyse des Wiener Rotlichtmilieus zu Beginn der 80er Jahre geben zu können. Gleichwohl will GIRTLER den Geltungsbereich seiner Theorie, die er (überwiegend) anhand empirischen Materials aus diesem raum-zeitlich begrenzten Milieu entwickelt, nicht auf dieses beschränkt sehen:
Über die kulturhistorisch-vergleichende Forschungsmethode GIRTLERs ist in vorliegender Medieneinheit nichts zu finden. Seiner Homepage indessen ist zu entnehmen, dass er selbst Homers Odyssee als historische Quelle betrachtet: "Schließlich erfährt der Kulturwissenschafter eine Menge aus der 'Odyssee' über das Leben im Alltag der Antike" (http://gerda.univie.ac.at/ifs/institut/mitarbeiter.php?id=7&show=4). Doch leider erfährt der Leser der vorliegenden Medieneinheit weder, um welche korrekturbedürftigen "Kleinigkeiten" es sich im Einzelnen handelt, noch führt GIRTLER aus, warum die Verifikation der eigenen Befunde durch einen (einzigen?) Angehörigen des Untersuchungsfeldes ihm als Feldforscher so viel bedeutet. Falls hiermit so etwas wie eine Gültigkeitsprüfung im Sinne kommunikativer Validierung, also der Versuch, sich seiner Interpretationsergebnisse durch erneutes Befragen der Untersuchungsobjekte zu vergewissern, gemeint ist (vgl. LAMNEK 1995, S.166), bliebe immer noch zu klären, warum dem Alltagswissen eines (einzelnen!) Milieuzugehörigen ein höherer Erkenntnisstatus einzuräumen sein sollte als beispielsweise dem Expertenwissen akademischer Kollegen. Denn kommunikative Validierung durch Rückbindung an die Untersuchten ist nicht in jedem Fall angebracht: "Unangemessen ist kommunikative Validierung, wenn die generierte Theorie jenseits der Zustimmungsfähigkeit der untersuchten Personen liegt" (STEINKE 2000, S.329), sofern es dafür z.B. soziologischer oder kulturwissenschaftlicher Fachkenntnisse bedarf, etwa wenn es um sog. tiefer liegende bzw. latente Sinnstrukturen, also um Konstruktionen zweiter Ordnung geht (vgl. LAMNEK 2005). Wenn im Hinblick auf derartige wissenschaftliche Konstrukte nun wiederum unklar bleibt, wie Beobachtungen und Alltagswissen von Milieuangehörigen in soziologische Hypothesen bzw. Theorie übersetzt wurden, dann lässt sich deren Entstehung und Begründung nicht intersubjektiv nachvollziehen; dann ist selbst eine Validitätsprüfung durch Fachkollegen kaum möglich, was letztlich auf den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit hinauslaufen kann (vgl. LAMNEK 1995, S.155). [26] GIRTLER ist sich des Unterschieds zwischen Alltagstheorien und wissenschaftlichen Konstrukten bewusst, zieht daraus aber keine Konsequenzen hinsichtlich der Angemessenheit seiner Art der Validierung.
Für eine kommunikative Validierung des deskriptiven Teils der Studie hätte es in jedem Fall aber der erneuten Befragung mehrerer Akteure bedurft. Nicht nur mehrere der Zuhälter, sondern auch der Prostituierten und deren Kunden hätten um eine abschließende Bewertung der Befunde GIRTLERs gebeten werden müssen. Dies um so mehr, als GIRTLER bereits die Idee zu seiner Studie über die Welt der Prostitution einer Zufallsbekanntschaft mit einem Zuhälter verdankt, den er anlässlich eines längeren Krankenhausaufenthaltes zum Bettnachbar hatte. Obwohl GIRTLER die Bedeutung solcher Zufallsbekanntschaften würdigt und sie zu dokumentieren fordert, bleibt im Einzelnen unklar, inwieweit besagter Zuhälter letztlich Einfluss auf GIRTLERs Ideen und Konzeption der Studie genommen hat (GIRTLER 2004, S.15f.). Bisweilen hat es auch den Anschein, dass Zuhälter relativ häufig zu Wort kommen, wenn es eigentlich um die Erfahrungswelt der Prostituierten, also deren Sicht der Dinge geht, während dies im umgekehrten Fall wenn es um den Erfahrungsraum der Zuhälter geht relativ weniger der Fall ist. Den Zuhältern wird dadurch eine größere Definitionsmacht bezüglich der Konstruktionen erster Ordnung eingeräumt als den Huren. Dies kann (bei Feministinnen) den Eindruck erwecken,
Im Übrigen ist auch in ethischer Hinsicht kommunikative Validierung, im Sinne der Konfrontation der Untersuchten mit den Befunden des Forschers, nicht immer ratsam (vgl. GRIESE 1996, S.210), zumal dann, wenn sie in der Studie "schlecht abschneiden", an ihrem Selbstbild oder gar im Hinblick auf ihre weiteren Lebenschancen Schaden nehmen und dadurch gegen kommende Forschergenerationen aufgebracht werden könnten. So thematisiert GIRTLER beispielsweise durchaus Gewalt und Betrug als Strategien der Zuhälter gegenüber den Prostituierten, stuft aber gewaltförmige Handlungsmuster als in unteren sozialen Schichten, denen die Zuhälter "grundsätzlich" entstammen sollen, gängige und weithin tolerierte Praktiken ein (GIRTLER 2004, S.127). Tatsächlich scheint Gewalt entsprechend den Befunden heutiger Gewaltforschung primär den Mittelschichtstandards der definitionsmächtigen sozialen Kontrollagenten (Bourgeoisie, Gesetzgeber, Polizisten, Juristen) zu widersprechen, aber nicht dem sog. "Kodex der Straße" (bzw. einem "Kommunikationsstil"), der offenkundig auch für weite Teile des Rotlichtmilieus gilt. Gewaltförmige Handlungspraktiken scheinen in diesem Milieu zumindest teilweise umweltadäquat, weil die Sitten hier (in einem formell relativ wenig regulierten Raum) insgesamt rauer sind als in anderen Segmenten der Gesellschaft (vgl. OTTERMANN 2003a, S.174). Entsprechend müsse eine Prostituierte damit rechnen, verprügelt zu werden, wenn sie etwa ihren Zuhälter bei der Polizei anzeige oder Geld unterschlage, also gegen informelle, aber verbindliche Normen einer partiell rechtsfreien Zone verstoße (GIRTLER 2004, S.133). Problematisch werden die Interpretationen GIRTLERs indes dann, wenn sie die Deutungen gewalttätiger oder gewaltbereiter Zuhälter übernehmen, ohne sie mit alternativen Lesarten und soziologischen Erklärungen zu konfrontieren. Aussagen von Zuhältern, wie z.B. "Es gibt genug Masochistinnen unter den Huren. Die brauchen ihre Hiebe jeden Tag [...]. Ohne dem ist sie nicht auf den Strich gegangen" (a.a.O., S.130), weist GIRTLER (a.a.O., S.133f.) etwas vorschnell dem psychoanalytischen Gegenstandsbereich zu, obwohl eine solche Laientheorie über die angeblichen Bedürfnisse bestimmter Huren beispielsweise auch soziologisch, etwa als milieutypisches Neutralisierungs-, Rechtfertigungs- oder Bagatellisierungsmuster gewalttätiger bzw. gewaltbereiter Zuhälter, hätte interpretiert werden können. Auch hätte der fließende Übergang von freiwilliger zu Zwangsprostitution durch soziologisch distanzierte und kritische Konstruktionen zweiter Ordnung wenigstens als Möglichkeit ins Auge gefasst werden können. So lässt sich dem Material beispielsweise entnehmen, dass nicht wenige der Frauen zumindest auch mittels List und Betrug ("Schmäh", "Überredungskunst", "Finten", "Vertrauensmissbrauch") eingewickelt und dazu gebracht werden, auf den Strich zu gehen, ohne dass GIRTLER dadurch seine Definition von Prostitution als "freiwillig" gefährdet sieht, geschweige denn problematisiert. In Kombination mit der forschungsethischen Forderung GIRTLERs, nicht schlecht über jene zu berichten, die einem einen Einblick in ihre Welt gewähren, kann kommunikative Validierung im Stile GIRTLERs darauf hinauslaufen, dass sich die (von "festen Forschungsleitlinien") "freie" Feldforschung de facto in die Abhängigkeit vom antizipierten Wohl(wollen) ihrer Forschungsobjekte begibt, und zu selektiver Berichterstattung (ver-) führen. Ähnlich wie im Falle einer von außerwissenschaftlichen Interessen und Ressourcen abhängigen Auftragsforschung kann das letztlich auf das Motto hinauslaufen "Wes Brot ich ess', des Lied ich sing'!" und damit jeglichem Versuch einer kritischen Sozialforschung von vornherein den Garaus machen (vgl. OTTERMANN 2004a, 2004b). [29] |
3.1 |
GIRTLERs Lösung des Zugangsproblems bei der Erforschung von Randgruppen |
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Um bei der Erforschung von Randkulturen zu validen Ergebnissen kommen zu können, braucht es nach GIRTLER als erstes einen "guten und für den Forschenden befriedigenden Zugang" zum Feld, "denn jede soziale Einheit, die man untersuchen will, hat ihre Geheimnisse und ihre Ressentiments gegenüber Außenstehenden" (GIRTLER 2004, S.21). Selbst wenn eine "Gruppe keine im engen Sinne abweichende ist, so besitzt sie doch verborgene Strategien und Geheimnisse, über die man keinem Außenstehenden und schon gar nicht einem Soziologen gerne etwas erzählt" (GIRTLER 1995, S.386). Um mögliche Widerstände zu vermeiden, sei es für den Forscher und den Erfolg der Forschung deshalb wichtig, als Mensch akzeptiert zu werden. Um eine gute Studie in Randkulturen durchführen zu können, bedarf es nach GIRTLER
Tatsächlich ist der erfolgreiche Versuch, psychosoziale Nähe (Sympathie) herzustellen, auch aus fraudologischer Sicht geeignet, Bedenken der Interaktionspartner abzubauen, Widerstände zu brechen und Vertrauen herzustellen. Zudem reduziert psychosoziale Nähe (im Unterschied zu psychosozialer Distanz) neben anderen Faktoren die Wahrscheinlichkeit, aggressiv behandelt bzw. getäuscht zu werden (vgl. OTTERMANN 2000). GIRTLER stellte diese Nähe zu prostitutiven Akteuren über ihm wohl gesonnene Personen aus einer früheren Untersuchung der Wiener Unterwelt her:
Es gehöre zu den "großen Glücksmomenten" eines Feldforschers, wenn er einen solchen Menschen gefunden habe, der ihm "Freund und Führer durch die Welt der Subkultur" sei. Das ist wörtlich zu nehmen, denn "subkulturelle Freunde dieser Art" eröffnen nach GIRTLER nicht nur den Zugang zum Feld, sondern können den Forscher auch darauf hinweisen, wenn ihm etwas vorgemacht bzw. er angelogen werde sowie Schutzfunktionen übernehmen (GIRTLER 1995, S.386f.). Aber nicht nur im Hinblick auf den Schutz des Forschers sowie die Validierung seiner vorläufigen Befunde, sondern auch hinsichtlich der Auswahl der Huren und Zuhälter, also der Populationswahl, ist die Kontaktperson in GIRTLERs Studie von zentraler Bedeutung:
Darüber hinaus ging GIRTLER (2004, S.20) bei der Auswahl der Interviewpartner "nicht von einem festen Sample bzw. einer festen Zahl von Personen aus, die nach einem bestimmten Verfahren ausgewählt und befragt" wurden. Wörtlich genommen wäre das misslich, denn einerlei ob es sich um quantitative oder qualitative Forschung handelt, ist für die Güte einer Stichprobe ausschlaggebend, dass theoretisch relevante Verzerrungen möglichst ausgeschlossen werden können. In beiden Forschungsrichtungen stellt sich die Frage, wie sichergestellt werden kann, dass für die Untersuchungsfragestellung und das Untersuchungsfeld relevante Fälle in die Studie einbezogen werden. Die Populationswahl entscheidet dabei, welche Aussagen später überhaupt getroffen werden können; sie determiniert deren Gültigkeit und Reichweite. Hierbei besteht die größte Gefahr darin, dass Fälle, die für die Fragestellung relevant sind, gar nicht in den Blick kommen (vgl. KELLE & KLUGE 1999, S.38ff.; LAMNEK 2005, S.189). [33] Wie viele und welche Personen er befragt bzw. wie viele und welche Fälle er im Einzelnen erhoben hat, teilt GIRTLER in vorliegender Medieneinheit leider nicht mit (was allerdings auch an seiner komplexen Erhebungsmethode liegt, s.u.). Nicht alle Zuhälter und Prostituierte standen seinem Ansinnen positiv gegenüber (GIRTLER 2004, S.22). Es ist zwar anzunehmen, dass sich GIRTLER am Konzept des theoretical sampling sensu GLASER und STRAUSS (1998, Orig. 1967) orientierte (vgl. KELLE & KLUGE 1999, S.44ff.; LAMNEK 1995, S.194f.), dennoch bediente er sich zumindest nicht explizit und systematisch dieser Auswahlmethode. Zwar hätte er sich zwecks Auslotung maximaler Unterschiede auch um Interviews mit weniger intelligenten bzw. möglichst ungebildeten Huren und Zuhältern bemühen können, doch scheint dies für GIRTLER keine sinnvolle Samplingstrategie zu sein. In seinem Beitrag "Feldforschung" beruft er sich diesbezüglich auf Herbert BLUMER:
GIRTLER scheint sich bei der Populationswahl weitgehend auf die (Weiter-) Vermittlungen von Interviewpartnern und Beobachtungsmöglichkeiten durch Milieuangehörige, d.h., auf das Schneeballsystem verlassen zu haben, was die Gefahr der Unausgewogenheit der Stichprobe bzw. mangelhafter Repräsentanz/Repräsentation des Milieus unter Berücksichtigung seiner inneren Unterschiede und Extreme (nicht zu verwechseln mit statistischer Repräsentativität, die ohne standardisierte Auswahlverfahren nicht zu erzielen ist) in sich birgt (vgl. LAMNEK 2005). Gleichwohl habe er versucht, sich "kontinuierlich an diese Lebenswelt heranzutasten" bis er "der festen Meinung war, einen guten Einblick gefunden zu haben" (GIRTLER 2004, S.20). Das entspricht zumindest der Intention nach dem Prinzip der theoretischen Sättigung, dem Grundsatz, den Prozess des theoretical sampling dann zu beenden, "wenn keine theoretisch relevanten Ähnlichkeiten und Unterschiede mehr im Datenmaterial entdeckt werden können" (KELLE & KLUGE 1999, S.46). Die Erhebungsmethoden, derer er sich dabei in Kombination bediente, bezeichnet GIRTLER als freies Interview bzw. ero-episches Gespräch einerseits und als teilnehmende unstrukturierte Beobachtung andererseits, wobei ersteres letztlich wohl immer im Rahmen der letzteren, eben auf die Art und Weise freier Feldforschung stattfand (vgl. GIRTLER 2004, S.19; GIRTLER 1995, S.386). [35] |
3.2 |
Das freie Interview bzw. ero-epische Gespräch |
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Da der teilnehmenden Beobachtung bei der Erforschung von Prostitution (forschungs-) ethische Grenzen gesetzt sind sofern der Feldforscher weder gegen akademische Ehren- resp. Ethikkodizes noch die guten Sitten verstoßen bzw. kollegiale und gesellschaftliche Ächtung einschließlich eines Imageschadens für sich und seine Zunft riskieren will, etwa indem er sich selbst am Geschäft der Prostitution beteiligt oder als Freier oder Voyeur betätigt spielen Erzählungen und Berichte eine wichtige Rolle als Informationsquellen, beispielsweise was die diversen sexuellen Praktiken oder die Tricks von Prostituierten betrifft. Während der Feldforschung erhält man über die Gespräche, die man mit den interessierenden Personen führt, auch Informationen über Dinge, die man nicht direkt beobachten kann bzw. unmittelbar erfahren will bzw. darf (oder hinsichtlich drohender Statusinkonsistenz zumindest offiziell nicht erfahren haben sollte). Dabei fiel GIRTLER auf, dass derartige Gespräche bisweilen erst durch Anmerkungen, (Verständnis-) Fragen und (Zwischen-) Erzählungen seinerseits aufrecht erhalten bzw. in Gang gesetzt wurden und ihm Dinge erzählt wurden, die er ansonsten vielleicht nicht erfahren hätte. Ohne derartige Forscherinterventionen bestünde die Gefahr, dass die Gesprächspartner vor allem das ihnen Selbstverständliche, aber auch solche Dinge nicht mitteilten, die für den Forscher wichtig sind, den Gesprächspartnern selbst aber nicht von sich aus erwähnenswert erscheinen. Selbst Suggestivfragen sind in der freien Feldforschung GIRTLERs kein Tabu. "Suggestivfragen bzw. ähnliche das Gespräch diktierende Fragen sind auch dann zu empfehlen, wenn der Interviewer durch eine bewusst falsche Unterstellung den Interviewten zu weiteren Informationen anregen will" (GIRTLER 1984, S.160). [36] Gerade Suggestivfragen und die dadurch ausgelösten Diskussionen könnten dazu dienen, den Interviewpartner zu einer Erzählung oder Richtigstellung herauszufordern und so dazu beitragen, wichtige Informationen zu erhalten. Da der Gesprächspartner der eigentliche Experte seiner Lebenswelt sei, sollte er idealer Weise vom Forscher dazu gebracht werden, ihn als jemanden zu sehen, dem man etwas erklären bzw. erzählen muss, um richtig verstanden zu werden. Um das Interview zu einem effizienten zu machen, müsse also auch der Interviewer sich engagieren (vgl. FRIEBERTSHÄUSER 1997b, S.388f.; GIRTLER 1984, S.158ff.).
GIRTLER nennt diese Art der freien Interviewführung den Begriff "Interview" findet er schlecht, "denn er entstammt der Journalistensprache" in Anlehnung an die altgriechischen Wörter "Erotema" (Frage) und "Epos" (Erzählung) bzw. "erotan" (fragen) und "eipon" (reden, mitteilen) "ero-episches Gespräch". Dieses komme alltäglichen Gesprächssituationen dadurch nahe, dass nicht nur der Interviewte erzählt, sondern auch der Interviewer, die Gesprächspartner also nicht statisch auf die Rollen des Fragenden/Zuhörenden und Antwortenden/Erzählenden festgelegt sind, sondern sich möglichst natürlich, beispielsweise in einem Nachtlokal bei einem Glas Bier, mehr oder minder tiefgründig unterhalten, "wobei sich jeder von beiden in das Gespräch einbringt dabei wird getrunken und gescherzt" (http://gerda.univie.ac.at./ifs/mitarbeiter.php?id=7show4). Dadurch, dass die Technik des ero-epischen Gesprächs an Alltagserfahrungen anknüpfe, sei sie besonders geeignet, einen Zugang zu Personen aus Rand- bzw. Subkulturen herzustellen, die sich erfahrungsgemäß stärker gegenüber standardisierten Befragungen verschließen als Personen aus anderen sozialen Kreisen (vgl. FRIEBERTSHÄUSER 1997b, S.390).
Sowohl Interviewer- als auch Situationseffekte GIRTLER unterhält sich beispielsweise auch mit mehreren Prostituierten bzw. Zuhältern oder Prostituierten und ihren Zuhältern gleichzeitig lassen sich im Falle engagierter Gesprächsführung in alltagsnahen "Interviewsituationen" nicht ausschalten; sie sind bei GIRTLER vielmehr als Bestandteil der Datengewinnungsstrategie mitunter gewollt. Gleichwohl wäre es gerade im Hinblick auf die Auswertung von freien Interviews bzw. ero-epischen Gesprächen meines Erachtens sinnvoll, diese Interviewereffekte, Gesprächssituationen sowie die Gesprächsverläufe überhaupt im Einzelnen explizit und systematischer, als es in der vorliegenden Medieneinheit der Fall ist, zu reflektieren, zu dokumentieren und in die Analyse mit einzubeziehen. Da ganze, längere und zusammenhängende Erzählungen sich als wörtliche Zitate in vorliegender Medieneinheit finden, wäre es auch interessant zu wissen, wie diese Dokumente im Einzelnen zustande gekommen sind, ob es sich also etwa im jeweiligen Fall um ein Gedächtnisprotokoll, eine Mitschrift oder sogar um eine Transkription eines Tonbandmitschnitts handelt. In Kombination mit der Forderung, in der Darstellung das Prozedere intersubjektiv nachvollziehbar zu machen, um auch Fachkollegen in die Lage zu versetzen, mitreden zu können, muss ich daher der Kritik zustimmen, die bereits in einer Rezension der Erstauflage geäußert, aber von GIRTLER bei den Überarbeitungen seines Buches nicht berücksichtigt wurde:
GIRTLER führte ero-epische Gespräche lediglich mit Prostituierten und Zuhältern. Die Freier nehmen in seiner Untersuchung hingegen eine Sonderstellung ein, denn sie wurden im Unterschied zu den Zuhältern und Huren nicht nur verdeckt beobachtet (s.u.), sondern auch gar nicht erst interviewt, d.h. nach ihrer Sicht der Dinge befragt:
Mir ist unverständlich, warum GIRTLER sich hinsichtlich der Erfahrungswirklichkeit der Freier nicht die gleiche Mühe macht wie im Hinblick auf die Zuhälter und Prostituierten. Mir ist unklar, wieso er nicht wenigstens versucht, mit Freiern, etwa mit den Gästen in Nachtlokalen, ins Gespräch zu kommen. Diese Sonderbehandlung widerspricht meines Erachtens GIRTLERs eigenen methodologischen und ethischen Grundsätzen:
Über mögliche Probleme der Freier im Umgang mit Prostituierten und Zuhältern erfahren wir jedenfalls nichts aus Sicht der ersteren. Im Hinblick auf die Freier stützt GIRTLER sich vielmehr auf Second-Hand-Theorien von Prostituierten und Zuhältern und eben nicht auf Informationen aus erster Hand. Bei den Alltagstheorien der Prostituierten und Zuhälter über Freier könnte es sich aber lediglich um milieutypische soziale Stereotype bzw. Vorurteile handeln und nicht um jene "sozial relevanten Einstufungen", die sich GIRTLER von ihnen erhofft. Den Freiern wird jedenfalls nicht die gleiche Definitionsmacht in der Weise einer Konstruktion erster Ordnung eingeräumt wie den Zuhältern und Huren: die Typologie der Prostituierten bzw. ihrer Handlungskonzepte gründe darauf, "wie sich die Dirnen selbst gegenseitig einstufen" (GIRTLER 2004, S.69); ähnliches behauptet GIRTLER auch bezüglich des Zustandekommens der Zuhältertypologie (a.a.O., S.153ff.). Während die typologischen bzw. theoretischen Aussagen GIRTLERs über Zuhälter und Prostituierte folglich auf deren Selbstbeschreibungen beruhen, basieren seine Aussagen hinsichtlich der Freier auf Fremdbeschreibungen. Die aus den von Prostituierten und Zuhältern vorgenommenen alltagstheoretischen Typisierungen der Freier abgeleiteten Aussagen GIRTLERs erscheinen gewagt, weil sie auf selektiver, den milieutypischen Stereotypen entsprechender Wahrnehmung basieren könnten. So kursiert unter Zuhältern und Prostituierten beispielsweise die These, dass "sexuelle Perversionen" vor allem von Angehörigen der Oberschicht nachgefragt werden (vgl. GIRTLER 2004, S.178f.). An "strenger Behandlung" (Züchtigung durch Prostituierte) seien vor allem solche Personen interessiert, die in ihrem sonstigen Leben andere unterdrücken, während solche, die in ihrem Berufs- oder Privatleben wenig zu melden hätten, ihren Frust vermehrt in Form von sadistischen Praktiken gegenüber den Huren auslassen wollten (a.a.O., S.262, 264). GIRTLER übernimmt diese Vorstellungen bzw. Fremdbeschreibungen von Freiern, unterscheidet Alltagstheorien, d.h. eventuell auf selektiver Wahrnehmung beruhende milieutypische Stereotype, meines Erachtens somit nicht hinreichend von empirisch begründeten soziologischen Aussagen. [42] |
3.3 |
Die teilnehmende unstrukturierte Beobachtung |
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GIRTLER führt als Feldforscher teilnehmende Beobachtungen in natürlichen Beobachtungssituationen durch. Hierbei ist er bis zu einem gewissen Grad in das soziale Geschehen, das Gegenstand der Beobachtung ist, zumindest partiell mit einbezogen, beispielsweise als Gast von Nachtlokalen. Aufgrund dessen, dass die Lebenswelt und ihre in soziologischer Hinsicht relevanten Merkmale ihm nicht vorab bekannt waren, konnte sich GIRTLER eine strukturierte Beobachtung mittels eines vorab erstellten Beobachtungsschemas nicht anbieten, das zum einen angibt, was zu beobachten ist und wie dies zu geschehen hat, sowie zum anderen die Zahl und Art der Beobachtungseinheiten und deren Dimensionen definiert (vgl. LAMNEK 2001, 2005). Aus GIRTLERs "Methoden der qualitativen Sozialforschung. Anleitung zur Feldarbeit" (1984) ist darüber hinaus bekannt, dass er die unstrukturierte und damit flexible Beobachtung generell bevorzugt. Die unstrukturierte Beobachtung "ist die klassische Methode der Ethnologie und auch der Soziologie, die sich in der Soziologie allerdings nicht so richtig durchzusetzen vermochte" (GIRTLER 1984, S.49). Zudem spricht er sich hier aus ethischen Gründen für die offene gegenüber der verdeckten Beobachtung aus: "Grundsätzlich spricht jedoch einiges gegen die verdeckte Beobachtung, so daß sie sehr nahe dem Betrug kommt" (GIRTLER 1984, S.62; vgl. auch OTTERMANN 2000, 2004a, 2004b). In der vorliegenden Studie wissen allerdings lediglich die Huren und die Zuhälter, dass sie von einem Sozialforscher beobachtet werden. Die Freier hingegen wissen das nicht.
GIRTLER unterschätzt offenkundig seinen eigenen aktiven sowie aufgrund der Komplexität natürlicher Beobachtungssituationen notwendig selektiven Beitrag bei der Beobachtung: "einzelne Szenen" und "verschiedene Typen von Kunden" (der "schüchterne", "unangenehme" etc.) scheinen ihm als solche, ohne sein Zutun, bereits gegeben. Seine Beobachtungen der Freier bleiben auch nicht unbeeinflusst von den (einseitigen) Deutungen der Zuhälter und Huren, deren Perspektive er übernimmt, ohne sich zu fragen, ob die Perspektive der Freier vielleicht eine ganz andere ist. So könnte beispielsweise folgende von GIRTLER beobachtete Kommunikation zwischen Huren und einem Freier auf Missverständnissen beruhen, die durch unterschiedliche Rahmungen der Situation zustande kommen, und nicht wie GIRTLERs Interpretation nahe legt auf "unangenehmen" Eigenschaften des Freiers:
Dabei ist zum einen zu fragen, ob dieser Freier weiß (und gemäß GIRTLERs eigenen Thesen von den geheimnisvollen subkulturellen Denk- und Verhaltensweisen a priori überhaupt wissen kann), dass Küssen und Schmusen für gewöhnlich nicht zum Angebot von Prostituierten gehören, sofern sie auf professionelle und psychosoziale Distanz bedacht sind. Gerade der Mund (und besonders die Zunge) gilt diesen nicht selten als intimste Zone, der im Unterschied zu ihren Genitalien, die außerhalb der Prostitution als die intimste Zone gelten für Freier Tabu und dem Intim- oder Lebenspartner bzw. jenen vorbehalten bleibt, die man wirklich mag (vgl. GIRTLER 2004, S.167; SCHUSTER 2002). Zum anderen stellt sich mir die Frage, warum GIRTLER die Aussage des Freiers nicht ernst nimmt, dass er aufgrund körperlicher sowie sozioökonomischer Defizite Probleme mit den Frauen habe. Für Huren ist dessen breites Becken und sein kleiner Penis sicherlich kein Problem, weil es jenen nicht um Partnerwahl, Erotik oder ein sexuell erregendes Erlebnis, sondern ums Geschäft geht. Genau das könnte der Freier aber nicht bedacht haben, so dass er eigentlich nicht provozieren, sondern die vermeintlichen "Expertinnen der Liebe" vielleicht um Rat (und Tat) bitten wollte. Die Huren fühlten sich hierfür offenkundig wohl auch weil es keinen Geschäftsabschluss verhieß nicht zuständig. Das anschließende Betteln um Signale erotischer Zuwendung gegen Geld könnte vor dem Hintergrund einer solchen Interpretation dann zumindest auch als Ausdruck einer "tragischen Figur" oder einer "Folge von Missverständnissen" und eben nicht nur als Provokation eines "unangenehmen Kunden" interpretiert werden. [45] Im Hinblick auf die teilnehmende unstrukturierte Beobachtung im Stile GIRTLERs ist folgendes zu bedenken: Die im Rahmen der Darstellung des Beobachteten "gewählten Formulierungen sind selbst Interpretationen der Situation und bergen die Tendenz zur Stützung vereinseitigender Sichtweisen" (FRIEBERTSHÄUSER 1997a, S.525). Nun ist es dem Beobachter bereits während der Beobachtungssituation unmöglich, sämtliche (relevante) Aspekte der Situation zu erfassen und gleichzeitig aufzuzeichnen. Wahrnehmung und Darstellung sind von daher notwendig selektiv. Eine Aufzeichnung während der Beobachtung lenkt die Aufmerksamkeit zudem vom zwischenzeitlichen Geschehen im Forschungsfeld auf die eigenen Notizen, so dass man eventuell interessante Ereignisse verpasst. Sich während der Beobachtung deshalb keine Notizen zu machen, erfordert aber ein gutes Gedächtnis sowie ein möglichst baldiges Abfassen eines Beobachtungsprotokolls nach dem Verlassen des Beobachtungsfeldes. Um das Gedächtnis nicht zu überfordern, die Zeitspanne der Ablenkung möglichst kurz zu halten und möglichst viel vom Geschehen mitzubekommen, kann man sich mit kurzen Notizen auf Bierdeckeln, Zeitschriftenrändern oder Briefumschlägen behelfen. Wenn man solche Notizen aber nicht möglichst bald überträgt, werden sie zu unergründlichen Geheimnissen (FRIEBERTSHÄUSER 1997a, S.522ff.). GIRTLER notiert sich zumindest noch am Tag der Beobachtung Schlagwörter und formuliert oder diktiert am nächsten Morgen die Inhalte (GIRTLER 1984, S.140f.; LAMNEK 2001). [46] Die teilnehmende unstrukturierte Beobachtung stellt im Vergleich zu standardisierten Beobachtungen in jedem Fall aber höhere Anforderungen an die Fähigkeiten zur schriftlichen Dokumentation von Gesehenem, Gehörten und Erlebtem. Vor allem aber ist bei der Erstellung von Beobachtungsberichten "die Trennung zwischen einer Beschreibung des tatsächlich Beobachteten und den Interpretationen, Gedanken und Klassifikationen des Beobachters" (FRIEBERTSHÄUSER 1997a, S.524) wichtig. Zur Beobachtung gehört daher auch "die Selbstbeobachtung und die Dokumentation der eigenen Gedanken, Emotionen, Projektionen" (FRIEBERTSHÄUSER 1997a, S.525). Da diese in der Darstellung GIRTLERs nicht immer ausreichend ausformuliert werden, ergeben sich für den Leser noch andere Interpretationsmöglichkeiten als diejenigen, die von GIRTLER angeboten werden. [47] |
3.4 |
Zu GIRTLERs Typen- und Theoriebildung |
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Die Bildung von Typen (Merkmalskombinationen) ist eine gängige Auswertungsmethode innerhalb der qualitativen Forschungspraxis. Typen werden sowohl in deskriptiver als auch in theoretischer Absicht gebildet. Auf deskriptiver Ebene dienen sie dazu, den Untersuchungsgegenstand überschaubar zu machen und dessen Charakteristika hervorzuheben, so dass zentrale Gemeinsam- oder Ähnlichkeiten sowie bedeutsame Unterschiede im Datenmaterial bzw. untersuchten Feld deutlich werden. Diese Deutlichkeiten können wiederum dazu anregen, über die den "Typen" möglicherweise zugrunde liegenden Mechanismen nachzudenken. Hier liegt der heuristische Wert von Typenbildungen: sie regen zu Hypothesen- und Theoriebildungen an (vgl. KELLE & KLUGE 1999, S.9; KLUGE 2000; LAMNEK 2005, S.230ff.). Typen, Typologien und Theorien indes emergieren nicht von selbst aus dem empirischen Material, d.h. ohne das Zutun des Forschers; vielmehr bestimmt dieser, anhand welcher Merkmale bzw. Vergleichsdimensionen die untersuchten Fälle gruppiert, also Merkmalskomplexe (Felder) erstellt werden (vgl. KLUGE 1999, S.158). Angesichts unterschiedlicher Typenbegriffe, wie z.B. Ideal-, Real-, Proto-, Durchschnitts- und Extremtypen, wäre es daher interessant zu wissen, um welchen "Typus von Typisierung" es sich denn bei GIRTLERs Befunden nun eigentlich handelt und wie seine Typisierungen vonstatten gingen (vgl. KLUGE 1999, S.257); denn "nur für einen eindeutig definierten Typusbegriff lassen sich auch allgemeine Regeln formulieren, um zu einer systematischen und nachvollziehbaren Typenbildung zu gelangen" (KLUGE 1999, S.17), sowie entsprechende Typologien kontrollieren, d.h. von Kollegen, als akademischen Kontrollagenten von Wissenschaftlichkeit, nachvollziehen (peer review). [48] Die Auswertung der Beobachtungen und Gespräche endet bei GIRTLER letztlich zu Beginn und am Ende der jeweiligen Kapitel und des Buchs in "Typen" und "Typologien" sowie entsprechenden verallgemeinernden bzw. theoretischen Aussagen über das "Typische" der Prostitution. Dabei werden auch Aussagen darüber gemacht, was für Prostituierte, Zuhälter und Kunden eher untypisch ist bzw. die (un-) typische Hure, den (un-) typischen Zuhälter und (un-) typischen Freier ausmacht. Es werden also nicht nur sog. Prototypen herangezogen, um das als wesentlich erkannte bzw. am Idealtypischen gemessene anhand besonders treffender und konkreter Beispiele zu veranschaulichen, sondern es werden auch quasi quantitative Aussagen über Realtypen gemacht (vgl. KLUGE 1999).
Das klingt plausibel, ist in method(olog)ischer bzw. epistem(olog)ischer Hinsicht aber problematisch und kann zu unzulässigen Schlussfolgerungen führen. Denn Quantifizierung, d.h. die zahlenmäßige Erfassung von Sachverhalten setzt zwar Qualifizierung, also empirisch und/oder theoretisch begründete Kategorienbildung und damit Interpretation voraus; ohne standardisierte Auswahl-, Erhebungs- und Auswertungsverfahren aber sind quantitative Aussagen über Kategorien bzw. Typen nicht möglich bzw. legitim. Dieses zu ignorieren, ist das Manko qualitativer Studien, die Quasistatistiken aufstellen. In jedem Fall problematisch ist der quantifizierende Komparativ beim Vergleich der gebildeten Kategorien oder Typen. GIRTLERs Typologie der Zuhälter basiert beispielsweise auf den Extremtypen "partnerschaftlich ausgerichtete Zuhälter" versus "gewalttätige Zuhälter". Gewalt sei aber "nicht typisch mit dem Zuhälter verknüpft. In der modernen Szene der Prostitution wird jener Zuhälter, der seine Strategien auf Gewalt aufbaut, eher als minderwertig und problematisch gesehen" (GIRTLER 2004, S.154). Derartige Aussagen legen dem Leser nahe, von der relativen Seltenheit gewalttätiger Zuhälter auszugehen, selbst wenn dies explizit gar nicht behauptet würde. [50] Auch wenn lediglich geschrieben wird, dass eine bestimmte Handlungs- oder Denkweise besonders häufig anzutreffen, weit verbreitet oder besonders typisch sei, dann haben solche Aussagen zumindest unterschwellig einen quantitativen Sinn. Für die Absicherung derartiger quantitativer Aussagen bestehen aber "Regeln, deren Mißachtung auch in qualitativer Forschung nicht gerechtfertigt ist" (OSWALD 1997, S.77). Ohne Standardisierung bleiben Gültigkeit und Reichweite quantitativer Aussagen auf die Auswahl-, Erhebungs- und Auswertungseinheiten beschränkt, die in der Studie tatsächlich berücksichtigt wurden; Ansprüche auf Repräsentativität können nicht erhoben werden. Aus GIRTLERs "Der Strich" wird aber nicht einmal ersichtlich, auf welche Einheiten sich die mitunter quasistatistischen Aussagen eigentlich beziehen. [51] Die Untersuchungsanlage entscheidet jedenfalls, welche Aussagen gemessen an geltenden wissenschaftlichen Normen legitimer Weise getroffen werden können. GIRTLERs Befunde können sich aufgrund der Anlage seiner Untersuchung und sofern er sie auch von Kollegen als empirisch begründete Soziologie der Prostitution verstanden haben will regulär lediglich auf jene "freiwillige" weibliche Prostitution im Wiener Rotlichtmilieu zu Beginn der 80er Jahre beziehen, die ihm über persönliche Kontakte zu Zuhältern und Prostituierten offenbart wurde. Als solche sollte man sie dann aber auch zur Kenntnis nehmen, zumal einige der Befunde GIRTLERs von Mainstream-Thesen vorherrschender Prostitutionsforschung partiell abweichen (die kulturhistorisch vergleichende Dimension wäre dann wohl unausweichlich ebenfalls zu berücksichtigen). [52] Hinsichtlich der (angeblich unvoreingenommenen) empirisch begründeten Typologien und Theorien bzw. Konstruktionen zweiter Ordnung bleiben in vorliegender Medieneinheit allerdings einige Fragen offen. GIRTLERs Methoden der Auswahl, Erhebung, Auswertung, Interpretation und Verallgemeinerung bleiben innerhalb der Darstellung teils schleierhaft und erschweren dadurch die Nachvollziehbarkeit, Plausibilität und Kontrollierbarkeit seiner Aussagen. Darauf weist bereits FLICK (1995) hin und zitiert zur Demonstration der Schleierhaftigkeit der Vorgehensweisen GIRTLER selbst:
FLICK empfiehlt, zunächst einmal die Einzelfälle als solche zu behandeln und dann erst verallgemeinernde Vergleiche zwischen den Einzelfällen an- und darzustellen. Dies erlaube die "Verortung der 'illustrativen Zitate', mit denen etwa im Sinne Girtlers die gefundene Typik plausibilisiert wird, im Kontext ihrer Entstehung" (FLICK 1995, S.169). Nach KELLE und KLUGE (1999), die die methodologischen Richtlinien für systematische und nachvollziehbare Typen- und Theoriebildungen herausgearbeitet haben, zeichnet sich darüber hinaus eine qualitative Untersuchung erst durch die beständige Integration von empirischen und theoretischen Arbeitsschritten, innerhalb derer die "Bildung von Typen [...] zum Bindeglied zwischen Empirie und Theorie und damit zur Grundlage empirisch begründeter Theoriebildung" (KELLE & KLUGE 1999, S.37; Herv. R.O.) wird, als gelungen aus. [54] |
4. |
Unterm Strich |
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Friedrich W. STALLBERG konstatiert zum Stand der empirischen Prostitutionsforschung im Jahre 1999, dass sie "weitgehend explorativer Art und methodologisch wenig ehrgeizig" sei, ihre Einblicke häufig "durch Gelegenheitsgespräche und -beobachtungen (Schneeballforschung)" gewinne, allenfalls den "Rang von Stadtstudien" einnehme und ganz selten "Prostitution im Rahmen der gesamten nationalen Gesellschaft" erforsche. Zudem reduzierten "Skandalisierung und Parteinahme" des Öfteren "die Offenheit für die Sache und die beteiligten Strukturen und Personen" (STALLBERG 1999, S.596f.). Im Hinblick auf den sozialwissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs stellt er fest, dass vor allem die Prostituiertenbewegung im Bündnis mit Sozialarbeit und Rechtswesen die gesellschafts- und herrschaftskritische Öffentlichkeit für die Problemperspektive der Prostituierten gewonnen habe. Diskutiert werde immer mehr "auf der Grundlage eines Verständnisses der Prostituierten als professioneller Sexarbeiterin, deren Risiken und Leiden primär in der Diskriminierung ihrer selbst gewählten Tätigkeit" gesehen würden, woraus sich dann "das entschiedene Eintreten für die gesellschaftliche Anerkennung von Prostitution als legitimer Berufsarbeit" ergebe (STALLBERG 1999, S.592f.). Diesem Anliegen entgegen stünde eine (Sperrbezirks-) Prostitutionspolitik, die Huren (nicht nur räumlich, sondern auch) rechtlich diskriminiere, ihre soziale Randständigkeit fördere, sie ans (kriminogene) Rotlichtmilieu binde und ihnen dadurch Ausstiegschancen nehme sowie ihre "Ausbeutung durch Sexunternehmer, Vermittler, parasitäre Partner" fördere. Dem versuchten neuerdings zunehmend entstehende "Hilfs- und Beratungseinrichtungen für weibliche Prostituierte" entgegen zu wirken (STALLBERG 1999, S.606). [55] Roland GIRTLERs "Der Strich" findet in STALLBERGs Handbuchartikel über Prostitution keine Erwähnung. Anderswo subsumiert man ihn entweder einschränkend unter "Rotlichtimpressionen" (vgl. LAMNEK 2003, S.483f.) oder rückt ihn abschätzig in die Nähe von "Wallraff-Methoden" und "Enthüllungsjournalismus" bzw. unwissenschaftlicher "Reportage" (vgl. OSWALD 1997, S.79f.), obwohl jenes Buch doch gerade dadurch besticht, dass es zumindest dem Anspruch nach mittels qualitativer Methoden die Perspektiven von Huren, Zuhältern, Freiern und (heutigen) formellen Agenten sozialer Kontrolle (Polizei, Gesundheitsamt) sowie informellen Kontrollagenten (Bürgertum, Doppelmoralisten) zusammen zu bringen versucht. GIRTLER demonstriert anhand eines nicht nur für Soziologen interessanten Themas, dass qualitative Feldforschung geeignet ist, weithin unbekannte Denk- und Verhaltensweisen zu erschließen und der sozialwissenschaftlichen Analyse zugänglich zu machen. "Der Strich" hilft a priori Befremdliches mit anderen Augen zu sehen und ist somit auch ein potenzieller Beitrag zur zwischenmenschlichen Verständigung. In der Auflage von 2004 geht es GIRTLER darüber hinaus sogar darum, den kulturhistorisch variablen gesamtgesellschaftlichen Kontext von Prostitution einschließlich der durch sozialen Wandel mitbedingten, unterschiedlich ausgeprägten (subkulturellen) Problemlagen aufzuzeigen. STALLBERGs und anderer Ignorierung von "Der Strich" als einem sozial- und kulturwissenschaftlichen Beitrag zur Prostitutionsforschung dürfte allerdings in erster Linie an GIRTLERs umstrittenen Forschungspraktiken liegen:
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