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Volume 1, No. 3 Dezember 2000
Zur Entwicklung ambivalenter Entwurfsstrukturen eines
Kinder-Serienstars. Präsentation von Auszügen aus einer Studie im Rahmen
der qualitativen Biografieforschung
Eva Schäfer
Zusammenfassung: Anhand vorliegender Interviewmaterialien von einer jungen Kinder-Seriendarstellerin möchte ich das Material in Auszügen und meine Auswertungsüberlegungen präsentieren. Dem Leser wird Einblick in den für meine Untersuchung relevanten Objektbereich gegeben. Exemplarisch wird über den Weg der Theoriegenerierung gezeigt, welche Begleitumstände die Chance aktiver Medienarbeit (Mitwirkung in einer Kinderserie) für die Lebensorientierung und den Lebensentwurf mit sich bringen kann.
Keywords: Erziehungswissenschaftliche Biografieforschung,
Statuspassage, Serieneinstieg, Grounded Theory, Selbstkonzept,
Lebenskonzept
1. Zielsetzung
2. Kontext der
Interviewsituation, Anonymisierung und Besonderheiten bei der
Transkription
3. Formulierung der
Kurzbiografie
4. Allgemeines zur
Sequenzierung, Kategorisierung und Segmentierung
5. Empirische Befunde
6. Interpretation der empirischen Befunde anhand der
wesentlichen Kategorien
6.1 Aufbau eines frühen Erwartungsfahrplans, der an
den Bruder angelehnt wird
6.2 Schwierigkeiten mit Gefühlen von Passung in
institutionelle Umgebungen
6.3 Präsentation des Selbstbildes, Selbstkonzeptes
und der Selbstgestaltung
6.4 Lernbiografische Aspekte
6.5 Berufsbiografische Anfänge: Statuspassagen,
Synchronarbeit und Serieneinstieg
6.6 Leibbiografie
7. Zusammenfassung: Ambivalente Entwurfsstrukturen
eines Serienstars
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Mit dem folgenden Aufsatz möchte ich einerseits einen Beitrag zur
erziehungswissenschaftlichen Biografieforschung leisten, andererseits mit
Sozialwissenschaftlern über ein Forschungsfeld ins Gespräch kommen, über
das bisher noch keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen vorliegen.
Seit 2,5 Jahren betreibe ich Feldforschungen im Bereich von
"Fernsehserien mit Kindern für Kinder". [1]
Mit den Hauptdarstellern verschiedener Kinder-Serien sowie
Regisseurinnen, Redakteuren und Kinderbetreuern der Serien habe ich in den
letzten zwei Jahren offene, dialogisch-narrative und Experten-Interviews
geführt. Ein Interview einer Hauptdarstellerin möchte ich in Auszügen
vorstellen1).
Am Ansatz der lebensweltlichen Ethnografie2)
orientiert, ging es bei diesen Interviews darum, dass die Jugendlichen
unter besonderer Berücksichtigung des Serieneinstiegs erzählten, was
ihnen in ihrem bisherigen Leben und an ihrer Lebensgeschichte wichtig
erschien. Entsprechend dem dieser Forschungsrichtung zugrundeliegenden
interpretativen Paradigma soll die Wirklichkeit der Menschen, die durch
ihre soziale Praxis entworfene Wirklichkeitssicht, rekonstruiert werden
(FLICK 1995). Den Objektbereich der Ethnografie kann man mit
Feldforschung, den der Ethnomethodologie, der für mich ebenfalls relevant
ist, mit Sinnerzeugung beschreiben. Nicht das Warum einer Handlung,
sondern das Wie ihres Vollzuges aus der Perspektive des Subjektes
interessiert und lässt sich über teilnehmende Beobachtungen im Feld und
Interviewerhebung und -auswertung ermitteln. Dass dieser Ansatz durch sein
Ziel, kognitive Orientierungsschemata und subjektive Selbst- und
Weltsichten aufzudecken, bildungstheoretisch anschlussfähig ist, haben
BOHNSACK, MAROTZKI und KRÜGER in ihren Arbeiten immer wieder betont
(BOHNSACK 1999, S.9-10; JÜTTEMANN & THOMAE 1998, S.IX-XI, KRÜGER
& MAROTZKI 1999, S.17-28; MAROTZKI & KRÜGER 1999, S.7-9). [2]
Mein Forschungsinteresse richtet sich einerseits auf die Identitäts-
und Differenzbildungen, die Selbst- und Weltbilder und entstehenden
Entwurfsrahmen der Kinderdarsteller, zum andern auf Übergangsphänomene
vom Status Kind zum Status Erwachsener. Für meine in erster Linie
interpretative Arbeitsweise (s.o.) war es produktiv, textanalytische
Verfahren mit feldanalytischen Vergleichen bzw. Interpretationen sowie mit
Prinzipien der hermeneutischen Fallrekonstruktion zu verknüpfen, so wie
es GLASER und STRAUSS im Sinne der Grounded Theory für angemessen
halten. Methodische Prinzipien dieser Dreifachausrichtung sind:
Fokussierung der dichten Symbolisierungen im Text (Interview)
Beobachtung der relevanten Vergleichshorizonte im Feld
Perspektiven- und Materialtriangulation. [3]
Der transdisziplinäre Charakter, der allen qualitativen Methoden eigen
ist, wird von BOHNSACK und MAROTZKI wie folgt beschrieben:
"Qualitative Methoden operieren gleichsam noch unterhalb der je
disziplinspezifischen Zugänge und Theoriemodelle. Als Methoden der
Interpretation und Analyse überbrücken sie die Diskrepanz zwischen
diesen unterschiedlichen Theoriemodellen einerseits und dem, was
Gegenstand theoretischer Aussagen ist, nämlich dem Alltagshandeln, den
alltäglichen Praktiken der Konstruktion und Typenbildung, andererseits.
Qualitative Methoden leisten zuallererst die Re-Konstruktion alltäglicher
Konstruktionen. Es geht also darum, der natürlichen, d.h. der alltäglichen,
routinisierten Ordnung und der Wissensbestände derjenigen, die Gegenstand
der Forschung sind, Rechnung zu tragen, und die Geordnetheit ihrer
kommunikativen Regelsysteme zur Explikation zu bringen ... Die Aufgabe
qualitativer Forschung ist somit grundlegend weder als ein Verstehen
noch als ein Erklären in angemessener Weise zu charakterisieren
(beide Konzepte sind zu eng und erkenntnistheoretisch zu befrachtet).
Vielmehr geht es elementarer Weise um die Explikation alltäglicher
Orientierungsmuster und kommunikativer Regelsysteme. Erst wenn diese
Explikation der Konstruktionen erster Ordnung geleistet ist, wird
es in der empirischen Forschung möglich, in gegenstandsadäquater oder gültiger
Weise mit den je disziplinspezifischen Wissensbeständen und
Theoriemodellen als den Konstruktionen zweiter Ordnung zu
operieren" (BOHNSACK & MAROTZKI 1998, S.7). [4]
Als eine Explikation alltäglicher Orientierungsmuster in diesem Sinne
kann mein Aufsatz verstanden werden. Nach GLASER und STRAUSS bedeutet das
Vorhaben, "eine Theorie auf der Grundlage von Daten zu generieren,
dass die meisten Hypothesen und Konzepte nicht nur aus den Daten stammen,
sondern im Laufe der Forschung systematisch mit Bezug auf die Daten
ausgearbeitet werden" (GLASER & STRAUSS 1998, S.15). Das
bedeutet, dass die Ideen nicht aus dem Datenmaterial stammen müssen.
Meine im Feld durch teilnehmende Beobachtungen gewachsene Idee besteht
darin, die Selbst- und Weltsichten und die Orientierungsgefüge - d.h. die
tragenden Säulen für den Lebens-Entwurf - im Lebenslauf eines
Serienstars mit einem ethnografischen, deskriptiv-beschreibenden Ansatz -
vom Interviewmaterial ausgehend - herauszuarbeiten. [5]
Bei dem hier vorliegenden Fall geht es um einen weiblichen Serienstar,
den ich aus Gründen der Anonymisierung Miriam nenne. Ich gehe davon aus,
dass durch die Fallrekonstruktion das Potential von Miriams
sprachlich-kommunikativen Konstitutions- und Reproduktionsmechanismen für
die Präsentation ihrer sozialen Realität und ihrer geplanten Karriere
deutlich wird. Übergreifend können so Problementfaltungen Jugendlicher
und damit verbundene soziale Prozesse wahrnehmbar und analysierbar werden.
Im folgenden erläutere ich meine Arbeitsweise, die der Theoriegenerierung
dient. [6]
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Kontext der Interviewsituation, Anonymisierung und Besonderheiten der Transkription
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Die Kinderdarstellerin hat ein Bild frei zwischen dem Drehen, und die
Pressesprecherin der Produktion hatte mir diesen Termin empfohlen, weil
die Jugendliche sonst nicht mehr so häufig bei den Dreharbeiten dabei
ist. Sie ist eine der Hauptdarstellerinnen inzwischen sind aber neue
hinzugekommen - und hatte schon als Synchronsprecherin Erfahrungen im
Filmbereich, bevor sie bei der Serie anfing. Ich hatte bei Miriam
dienstags auf ihrem Anrufbeantworter angekündigt, dass ich sie gern
interviewen würde. Die Suche nach Interviewpartnern wurden anfänglich
nach dem Schneeballverfahren durchgeführt, das bedeutet, dass ich mir von
dem zuletzt Interviewten den nächsten Interviewpartner vorschlagen ließ.
Da Miriam damals die erste war, die mir bei meinem ersten Besuch der
Dreharbeiten begegnet war, wollte ich seinerzeit schon mit ihr das
Interview durchführen. Sie wirkte auf mich durch die Frisur und das
souveräne Auftreten auffällig, ein guter Ausgangspunkt so dachte ich
für die komparative Analyse, bei der es von Vorteil sein kann, nach
Vergleichspersonen zu suchen, die durch Auffälligkeiten eine Basis für
minimale bzw. maximale Vergleiche bieten (vgl. GLASER & STRAUSS 1998,
S.33ff.). Damals war es aber aus drehtechnischen Gründen nicht möglich,
Miriam zu interviewen, und so kam es erst jetzt zu dem Termin. [7]
Im Anhang gebe ich einen Auszug der
Interviewaufzeichnung in verschriftlichter (Transkript) wieder. Aus
Anonymisierungsgründen habe ich den Namen der Interviewten, den
Seriennamen und verschiedene Textstellen geändert, die auf die Identität
der Seriendarstellerin hinweisen könnten. Was gemeint ist, steht in den
Klammern hinter der Auslassung. Ich benutze die Transkriptionsregeln (vgl.
BOHNSACK 1999, S.233) in der von Aglaja PRZYBORSKI systematisierten Form (s. BOHNSACK 1999, S.248). Vier Auffälligkeiten dieser Transkriptionsregeln:
Die Anzahl der Sekunden, die eine Pause dauert, werden durch arabische
Ziffern in Klammern wiedergegeben: z. B. 3 Sekunden Pause: (3).
Lachend gesprochen wird durch @Rahmung markiert: z. B. @immer@
Abbruch eines Wortes: viellei-
Kleinschreibung, auch nach Punkten. [8]
Im folgenden gebe ich zwei Hauptsequenzen (Lebenslaufnarration und
Serieneinstieg) und eine längere Passage mit verschiedenen sekundären
Erzähllinien des Interviews wider. Bei allen Interviews habe ich in der
Erzählaufforderung grundsätzlich nach dem bisherigen Leben (der
Lebensgeschichte) unter besonderer Berücksichtigung des Serieneinstiegs
gefragt. Der erste Interviewausschnitt gibt von Zeile 1124 die erzählauffordernde
Einstiegsfrage und die anfängliche Narration Miriams zu den wesentlichen
Stationen ihres Lebens wider. Die Passage ab Zeile 131193 bezieht sich
auf die Nachfrage zum Serieneinstieg und die Erzählungen Miriams, wie es
zum Serieneinstieg kam und auf Äußerungen zur Serie. Eine für Miriams
Berufssicht zentrale Passage beginnt ab Zeile 261. Ab Zeile 434 werden
Miriams Erfahrungen mit der Filmbranche und ihre Zukunftspläne
thematisiert, ab Zeile 622 stellt Miriam ihre derzeitigen Lieblingsfächer
und Schulerfahrungen dar. [9]
Die Textreduktion erfolgt zum einen aus forschungsethischen Gründen
(es werden Erzählpassagen weggelassen, die rein private Belange
betreffen, von denen nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, dass sie für
Miriam nach einer Veröffentlichung unschädlich sind). Zum andern sind
nicht alle Erzähllinien für die Interpretationsbezüge relevant. Alle
Zitate Miriams auch die später bei meinen Interpretationen aus dem
Interviewtext zitierten Stellen setze ich kursiv. Zum Hintergrund ist
zu sagen, dass Miriam das abgetippte Interview zugeschickt bekam und damit
einverstanden war, also nichts gestrichen oder geändert hat. Sie ist mit einer Veröffentlichung des Gesamtinterviews bzw. wie
hier geschehen mit der Veröffentlichung langer Passagen des Interviews
einverstanden. [10]
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Formulierung der Kurzbiografie
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Miriam ist 16 Jahre alt, in (Land) geboren, in (Ort) und aufgewachsen
zunächst in der (anderer Ort), später in (vorgenannte Stadt) mit der
Mutter und dem Bruder A. Das gemeinsame Leben mit Eltern und Bruder wird
als schöne Zeit erinnert. Aber die Entscheidung der Mutter, von dort
wegzuziehen, verändert Miriams Leben. Schon früh ist die Mutter mit den
Kindern von (Land) nach (vorgenannte Stadt) gezogen, wo sie ursprünglich
herkommt. Die Mutter hat den Vater sitzen lassen, was die Kinder logischerweise
nicht so toll (Z 45) fanden. Nach einer Eingewöhnungszeit haben sich
Bruder und Schwester mit der Stadt zufrieden gegeben, obwohl die Berge in
(Geburtsland) aus Miriams Perspektive als schöner empfunden werden. [11]
Miriam hat die (Schule) besucht, musste aber nach dem Serieneinstieg
bei X (Serienname) die Schule verlassen. Auf (Miriams 1. Schule) wird die
berufsmäßige Ausübung filmischer Tätigkeiten nicht geduldet. Sie hat
geahnt, dass der "Rausschmiss" auf sie zukommt, weil ihrem
Bruder das gleiche Jahre vorher auch schon passiert war. Miriam ist seit 7
Jahren Synchronsprecherin und seit 2 Jahren Hauptdarstellerin bei X
(Serienname). Privat nimmt Miriam gern experimentelle Sachen mit der
Kamera auf, reist gern, liest NIETZSCHE und LESSING und trifft sich gern
mit ihren Freundinnen und Freunden. [12]
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Allgemeines zur Sequenzierung, Kategorisierung und
Segmentierung
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Die Segmentierung des Materials erfolgte anhand der
narrationsstrukturellen Elemente (aber, und dann, und jetzt, dann etc.)
und die inhaltliche Beschreibung richtet sich nach den thematischen
Deskriptoren und Kategorien, die in der Darstellung unter 4. jeweils
rechts neben den Segmenten vermerkt sind. [13]
Bei dem vorliegenden Interviewauszug kann man nach der
narrationsstrukturellen Methode SCHÜTZEs (1981) Segmente anhand der
Satzanfänge mit und dann, aber, ja dann und eigentlich
bilden. Ab Zeile 41 beginnt danach das zweite Erzählsegment: aber
meine Mutter, ab Z 46 das dritte: ja, dann waren wir hier in
(vorgenannte Stadt), ab Z 50 das vierte: und dann bin ich auf die
(Schule) ... Ein neues Segment markiert immer den Wechsel zu einer
weiteren zentralen Station des Lebens oder sonstigen relevanten Überlegung.
Über diese Form der Textanalyse kann man von der Struktur des Textaufbaus
Hinweise auf die inhaltlichen Relevanzsetzungen der Interviewten erhalten.
Nach dem von GLASER und STRAUSS empfohlenen Vorgehen des offenen Kodierens
bin ich den Interviewtext Zeile für Zeile durchgegangen und habe im Sinne
des axialen Kodierens einzelne Kategorien insofern weiter ausgearbeitet,
dass ich sie nach verschiedenen Ebenen sortiert habe. So entstanden die
Kategorien 2. und 1. Ordnung. Eine Integration der verschiedenen
Kategorien zu einem Entwurfs- bzw. Biografiemodell wurde im Sinne einer
theoretischen Kodierung vorgenommen. [14]
Die Zuordnung der sequenztypischen Zitate richtet sich nach den überwiegend
thematisierten Polen: Selbst- und Weltbild, Berufs-, Lern- und
Leibbiografie. Ich habe danach 5 Hauptkategorien 1. Ordnung gebildet,
denen ich die verschiedenen thematisierten Pole als Subkategorien, etwa 20
Kategorien 2. Ordnung zuordnen kann. Dem Material kommen die Deskriptoren
am nächsten. Die Kategorien sind schon theoriegeladen, die Kategorien 1.
Ordnung sind abstrakter als die 2. Ordnung. Im folgenden gebe ich einen
Auszug des Kodiervorgangs wieder, der die Sequenzierung und
Kategorienbildung nachvollziehbar macht. [15]
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Sequenzierung
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Deskriptoren
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Kategorie 2. Ordnung
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Kategorie 1. Ordnung
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Z 37-38 Überlegung Miriams, was in ihrem
bisherigen Leben wichtig war
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Selbstpräsentation
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Selbstbild
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Bildungsbiografie
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Z 38-41 Geburt und schöne frühe
Kindheit mit Eltern
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Frühe Kindheit
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Statuspassage
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Bildungsbiografie
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Z 44-45 Trennung der Mutter vom Vater und Umzug
in andere Stadt mit Bruder
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Familiäre und räumliche
Veränderung
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Vaterverlust, Fremdheit
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Bildungsbiografie,
autobiografische Verlaufskurvenerfahrung
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Z 46-49 Andere Schwierigkeiten in der anderen,
neuen Stadt schnell überwunden
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Flexibilität
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Zugehörigkeit
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Lernbiografie
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Z 49-50 Erwähnung Einschulung
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Schule
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Statuspassage
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Lernbiografie
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Z 51-55 (Hintergrundskonstruktion)
schöne Zeit im Kindergarten, Übernahme der Position
des Bandenanführers vom Bruder, Stolz
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Frühe Kindheit,
Erwartungsfahrplan
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Selbstbild
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Uneigentlicher Entwurf
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Z 56-63 Schule, anfänglicher Stolz, auf
diese Schule gehen zu dürfen, spätere Kritik der
Lernresultate
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Schule, Besonderung
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Enttäuschungserfahrung
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Lernbiografie
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Z 64-69 Ablösung von Schule, mit Bruder
Jobeinstieg bei Synchron, Erlaubnis der Mutter, die früher
selbst beim Radio war
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Schulsicht, Berufseinstieg
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Abgrenzung,
Statuspassage
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Lernbiografie
Berufsbiografie
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Z 73-76 erste Filmrolle des Bruders und sein
Rausschmiss von der Schule
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Institutionelle Repressalien/
Schule
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Gesellschaftliche Intervention
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Lernbiografie
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Z 79-80 Miriams Beginn mit X (Serienname),
Rausschmiss Schule
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Serieneinstieg
Schulwechsel
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Statuspassage
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Lern-/Berufsbiografie
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Z 83-101 Miriams gutes Verhältnis zum
älteren Bruder
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Erwartungsfahrplan
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Familiäre Identität
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Bildungsbiografie
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Z 101-109 Segelepisode: Mutter schickt Miriam mir
Bruder segeln, Trainer total blöd, macht Miriam
runter, Angst vor Wasser
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Trainererfahrung
Angst
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Abgrenzung
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Lernbiografie
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Z 112-124 Aufgabe der Hobbys, Einzelkür
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Selbsterprobung,
Besonderung
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Orientierung
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Leibbiografie
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Z 132-135 Serieneinstieg, Miriam ironisiert ihre
lange Mitwirkung bei Serie X
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Gefühl, nicht mehr in die Serie zu
passen
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Ambivalenter Status
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Berufsbiografie,
Entwurf
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Da die Themen bei Miriam häufig wechseln, halte ich eine
kleinschrittige Sequenzierung für geboten. Zeile für
Zeile wird der hauptsächliche Inhalt des Gesagten
zusammengefasst (Deskriptoren) und abstrahiert (Kategorien 1. und
2. Ordnung). Kategorien und Deskriptoren sind aber von den Daten
indizierte Konzepte, die die Generierung einer materialen Theorie
ermöglichen (vgl. GLASER & STRAUSS 1998, S.46). Diese
Methodik ist für meinen Untersuchungszusammenhang deshalb so
produktiv, weil die Erkenntnisresultate an die subjektive
Erfahrungswelt und die Konzeptualisierungsformen der Interviewten
anknüpfbar sind. Als Hauptkategorien 1. Ordnung entdeckte
ich:
Lernbiografie
Leibbiografie
Berufsbiografie
Bildungsbiografie
Entwurf/Biografie [16]
Die Kategorie Entwurf/Biografie könnte auch als
Oberkategorie fungieren. Sie unterteilt sich in den
uneigentlichen, biografisch nicht relevanten Entwurf und den
bewussten, biografisch relevanten Entwurf. An einigen Stellen
kommt es zu Doppelkodierungen, wenn zwei Kategorien
gleichermaßen passen. Die Kategorie Selbstbild bildet eine
Subkategorie zur Kategorie Bildungsbiografie, die ich im
Unterschied zur Kategorie Lernbiografie dann bilde, wenn
Veränderungen in den Selbst- und Weltbildern sich andeuten.
Anhand der gebildeten Kategorien wird die Fallrekonstruktion nun
durchgeführt. Da im Rahmen der Kategorie Selbstbild viele
Formen der Selbstpräsentation, des Altersselbst usw. zur
Sprache kommen, halte ich es für sinnvoll, hier eine
gesonderte Interpretation der empirischen Befunde zum
Selbstkonzept vorzunehmen. Deskriptoren sind Zusammenfassungen
von vorkommenden Thematisierungen, die im vorliegenden Fall
häufig auf institutionelle Ablaufmuster verweisen: Kindheit,
Kindergarten, Schullaufbahn, Berufs- bzw. Serieneinstiege werden
von allen befragten Kinderstars thematisiert und sind für
die Methode der minimalen/maximalen Kontrastierung relevant (vgl.
GLASER & STRAUSS 1998, S.63). Eine weitere Abstraktion der
Kategorien 2. Ordnung für die spezielle Fallgeschichte von
Miriam führt zu den Kategorien 1. Ordnung, die schon relativ
theoriehaltig sind. [17]
Bei der Kategorie des menschlichen Entwurfs, die aus den Daten aller Interviews und meinen teilnehmenden Beobachtungen im Feld erschlossen werden konnte, orientiere ich mich theoretisch an SARTREs Begriff des Entwurfs. Bei der Existentialhermeneutik SARTREs geht es darum, den Seinsentwurf als Sinnentwurf, als existentiale Dimensioniertheit von Interaktionsprozessen herauszuarbeiten. Ein in SARTREs Sinn existentielles Getriebensein heraus aus entfremdeten Beziehungen und hin zu autonomen, existentiell gehaltvollen Beziehungen, kann meiner Ansicht nach auch als antreibender Motor für Kinder gesehen werden, sich neben institutionell verordneten Abläufen wie der Schule noch einen Zusatzbereich für ihre Wünsche und kreativen Interessen zu suchen. "Ich bin ja nichts als mein Selbstentwurf über eine bestimmte Situation hinaus, und dieser Entwurf zeichnet mich von der konkreten Situation aus vor, so wie er andererseits die Situation von meiner Wahl aus beleuchtet" (SARTRE 1994,
S.949). [18]
Der Entwurf macht nach SARTRE die Verantwortlichkeit des
für-sich deutlich, nur indem wir uns als Urheber der
Situation begreifen, bekommen alle möglichen
Lebensereignisse durch unseren Entwurf einen Sinn (vgl. SARTRE
1994, S.950). Diese Verantwortlichkeit hängt nach SARTRE mit
einem ständigen Sich-Wählen zusammen und beginnt
bereits bei der Geburt: "Also wähle ich in gewissem Sinn,
geboren zu sein. Diese Wahl selbst ist vollständig mit
Faktizität affiziert, weil ich ja nicht umhinkann zu
wählen; aber diese Faktizität wird ihrerseits nur
erscheinen, insofern ich sie auf meine Zwecke hin
überschreite" (SARTRE 1994, S.954). [19]
Dieses von SARTRE benannte Überschreitungspotential war
für Winfried MAROTZKI der Ausgangspunkt, die Kategorie des
Entwurfs SARTREs in den Focus von Bildung zu rücken und zu
zeigen, dass der Begriff der Biografie ganz wesentlich auf dieser
Entwurfskategorie fußt, wenn nicht gar in eins fällt
mit ihr: "Das zentrale Theoriestück der Sartreschen
Philosophie, das ich zu diesem Zweck heranziehen werde, bezieht
sich auf die Kategorie des menschlichen Entwurfs.
Biografietheoretisch darf der menschliche Entwurf als identisch
mit dem biografischen Entwurf angesehen werden" (MAROTZKI 1990,
S.134). [20]
Für mich zeigt das Datenmaterial der Serienstars, dass
gerade bei den Erzählpassagen, in denen Entwürfe
thematisiert werden, eine besondere Relevanzsetzung von den
Interviewten vorgenommen wird. Die Theorie des Entwurfs kann so
in Bezug zum Material gesetzt werden, weil an ihr die
Änderungen der Welt- und Selbstreferenzen der Subjekte, von
denen MAROTZKI in Anlehnung an SARTRE spricht, verdeutlicht
werden können.
"Die Änderung der Welt- und Selbstreferenzen des Subjektes beinhalten
eine Änderung der Temporalitätsstruktur des biografischen Entwurfs. (...) Eine
Biografie als Bildungsprozess zu rekonstruieren bedeutet demzufolge, sie als
Prozess der Entstehung, der strukturstabilen Dominanz und Umstrukturierung von
Entwürfen als Möglichkeitsstruktur des Subjektes, die ja Selbst- und
Weltreferenz enthalten und allererst verbürgen, zu rekonstruieren"
(MAROTZKI 1990, S.138). [21]
Bei dieser bildungstheoretischen Perspektive, die MAROTZKI einschlägt, geht
es ihm um den Hinweis, dass Fallrekonstruktionen insbesondere dann Sinn machen,
wenn der Fokus auf Modalisierungsprozesse der Selbst- und Weltreferenz gelegt
wird. Relevant kann für die Rekonstruktion von Miriams Fallgeschichte unter
diesem Horizont z. B. die Frage sein, ob sie in Hinsicht auf die tentative
Wirklichkeitsauslegung eine experimentelle Haltung gegenüber sich selbst und
der Welt einnimmt, ob sie auferlegte Erfahrungsverarbeitungsweisen unterläuft,
ob sie sich Zugänge zu Vieldeutigkeiten erschließt. Indikatoren für solche
tentative Prozesse und da setzt die Interview-Textanalyse ein können
Ellipsen, tropische Figuren oder Äußerungselemente sein, die in
uneigentlich-übertragener Weise auftreten (vgl. MAROTZKI 1990, S.160). Im
folgenden zeige ich, welche Befunde sich durch die Sequenzierung und
Kategorisierung ergeben. [22]
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Ich möchte vermeiden, den gesamten Interviewtext zu paraphrasieren, obwohl
ein gewisses Maß an Paraphrasierung nach der Methode der Grounded Theory
(GLASER & STRAUSS 1998) unvermeidbar ist, denn die Art und Weise, wie der
Interpret den Interviewtext versteht, ist im ersten Schritt kaum anders als als
Paraphrase zu leisten. Aus diesem Grund versuche ich, die Auswahl der
empirischen Befunde schon auf die Individualität von Miriams Entwurf zu
fokussieren. Die Gesamtsicht auf den Text lässt erkennen, dass ein
Schwergewicht auf den Erzählungen liegt, die dem Medienbereich und der eigenen
In-Verhältnis-Setzung zu diesem Bereich zugeordnet werden können. Zum Teil
wird der Medienbezug auch durch meine Fragestellungen bzw. Nachfragen in den
narrativ-dialogischen Interviews der von mir für die Jugendlichen
entwickelten Interviewform vorgegeben (bei der spontanen Methode der
Gesprächsführung sind mir einige Interviewfehler unterlaufen, auf die ich hier
nicht weiter eingehe). Es zeigt sich jedoch im Vergleich mit den anderen von mir
durchgeführten Interviews, dass bei Miriams Erzählungen ein stärkerer Bezug
zu dieser Thematik auch über die vorgegeben Fragestellungen hinaus vorliegt. Zu
Beginn der Erzählung steht Miriam vor der Schwierigkeit der Gewichtung. Dass
sie aus dem langen Einstiegsimpuls auf die Frage einsteigt, was in ihrem Leben
wichtig erscheint, hat damit zu tun, dass ich dies in der Zusatzfrage noch
einmal zusammenfassend formuliere. Miriams Reaktion kann als Kritik an dieser
Fragerichtung verstanden werden. Es ist aber auch möglich, dass sie mit der
Bemerkung: ja, ich weiß jetzt gar
nicht, was mir da so wichtig erscheint (Z 37, 38) die Besonderheit ihres
Daseins und bisherigen Lebens herunterspielen will, oder sie nutzt diese
Nachfrage, um noch einmal nachzudenken und sich zu erinnern. Miriam beginnt die
Lebenslaufschilderung schließlich mit der Geburt im Ausland. In der
Anfangserzählung kommen hauptsächlich familiäre Besonderheiten in der
Kindheit wie Trennung der Eltern, Umzug mit der Mutter und die mit dem Bruder
gemeinsam verbrachten Kindheitsstationen (Kindergarten, Schule) zur Sprache.
[23]
Als einen zentralen empirischen Befund kann man aus der Anfangserzählung die
Wichtigkeit des Vaterverlustes für die eigene Sicht auf das Selbst, den
Hinweis, dass sie und der Bruder der Entscheidung der Mutter, den Vater zu
verlassen, ablehnend gegenüberstanden, festhalten. Formal ist auffällig, dass
Erzählumwege auftauchen, als Miriam schnell auf die Schule zu sprechen kommen
will. Eigentlich beginnt sie, von der Schule zu erzählen, korrigiert aber diese
Erzählrichtung, indem sie in zeitlich kontinuierlichem Verlauf erst mit dem
Kindergarten beginnt. Hieran wird deutlich, dass Miriam eine
Hintergrundskonstruktion vornimmt, die im Sinne einer kontrastiven
Schematisierung gegen die Verlaufskurvenerfahrung der Trennung vom Vater gesetzt
wird. Ich komme später bei der Interpretation der empirischen Befunde hierauf
zurück. In dem Kindergarten war Miriam zusammen mit dem Bruder, da war's
schön, da war's wirklich schön (Z 51, 52), sie hatten dort ein riesiges
Gelände mit Wald und Spielplatz, der Bruder war Bandenanführer und als der aus dem Kindergarten
rausgekommen ist, hab ich sein Zepter übernehmen
dürfen, war ich ganz stolz (Z 54, 55). Auch die Einschulung wird mit
Stolz verbunden, dass Miriam dort zur Schule gehen darf, wird als Besonderheit
empfunden. Die ersten Jahre der Lernerfahrungen werden dann allerdings als
unspektakulär geschildert, das Malen mit den Wachsmalern stellt für
Miriam eine Unterforderung dar, auch der Unterricht in Englisch und Französisch
ab der ersten Klasse hat aus ihrer Perspektive bis heute nicht viel gebracht.
Ab hier stellt sich die Frage der Passung in den institutionell vorgegebenen
Rahmen. [24]
Mit neun Jahren beginnt Miriam sich mit ihrem Bruder auf eine
Zeitungsannonce hin für Synchron zu bewerben. Mit Erlaubnis
der Mutter, die früher selber beim Kinderradio gearbeitet
hat, versuchen die Geschwister ihr Glück, und es klappt. Der
Bruder hat seine erste große Rolle, allerdings mit der
Folge, dass er die Schule verlassen muss. Diese institutionelle
Einmischung befürchtet Miriam ebenfalls hab ich mir schon
gedacht, na vielleicht nicht so schlau, bin aber
weiterhingegangen (Z 77, 78), das hält sie jedoch nicht
davon ab, weiter zur Schule zu gehen, denn sie fühlt sich in
der Klasse wohl. [25]
Eine der Hauptsequenzen ist dann die Erzählung über
die berufsbiografischen Erfahrungen mit den Synchron- und
Serienarbeiten sowie die Veränderungen des Alltags durch den
Serieneinstieg. Hier kann die konzeptuelle Kategorie Statusgewinn
als eine mit dem Serieneinstieg verbundene Kategorie generiert
werden. Als Subsequenzen würde ich die Erzählungen der
Freizeitgestaltung mit Freundinnen und Freunden, das
Fernsehverhalten (z.B. Big-Brother-Fan) sowie die zum Teil
nachteilig erlebten Lernerfahrungen beim Segeln und in der Schule
bezeichnen. Die in der Hauptsequenz geschilderte
Einstiegssituation als Synchronsprecherin stellt eine
Besonderheit für ein neunjähriges Mädchen dar, die
jahrelange Arbeit hat sich bei der Auswahl für eine
Hauptrolle bei X als gute Voraussetzung erwiesen. Miriam ist nach
ihren Erzählungen den anderen X-Hauptdarstellern von Anfang
an voraus, einerseits, weil sie schon sehr gut sprechen kann,
eine der wichtigsten Voraussetzungen für
Fernseh-Schauspieler. Andererseits, weil sie schon früh in
das institutionelle Ablaufmuster Berufseinstieg einsozialisiert
ist. Das setzt, so kann man als empirischen Befund festhalten,
einen besonderen Erwartungsfahrplan in Gang. Sie musste erst drei
Wochen später zu den Dreharbeiten erscheinen und gilt als
Vorbild, eine Rolle, die ihr eigentlich von Anfang an nicht
gepasst hat und zu der sie ein zwiespältiges Verhältnis
hat. Als weiteren empirischen Befund kann man die umfangreichen
Erzählpassagen zum Bruder herausstellen (Z 66ff., Z 83ff., Z
148ff., Z 159 etc.). Der Bruder ist für Miriam Idol. Miriam
strebt einen ähnlichen Berufsbereich wie der Bruder an. Sie
möchte entweder Schauspielerin oder, und hier liegt die
Priorität, Kamerafrau werden. Das gibt ihr Motivation, sich
in besonderer Weise für alles, was mit Film zu tun hat, zu
engagieren. Sie hat sich mit dem Bruder nach der Überlegung,
dass sie als Synchronsprecher auch gleich mal Schauspieler
werden kann, bei einer Agentur angemeldet. Das Glück,
das Miriams Bruder mit dieser Vorgehensweise hatte (er ist sofort
für einen großen Film engagiert worden, hat eine
Hauptrolle gehabt und ist laut Miriam der Hyperjungschauspieler
überhaupt), ist für sie motivierend gewesen, es auch
mal zu versuchen und prompt kam das Angebot zum Casting zu X.
[26]
Auffällig an Miriams Selbstsicht ist die Differenz, in
die sie sich zu Gruppen ihres Umfeldes setzt, z. B. beschreibt
sie sich für die kleine Gruppe beim Voltigieren als ein
bisschen zu intelligent (Z 118). Für Miriam war die
Vorstellung, in einer Kinderserie mitzuspielen, negativ
konnotiert, aber den Argumenten des Bruders, dass dies auf
jeden Fall ein Einstieg wäre und sie diese Arbeit ja nicht
so lange machen müsste, kann sie sich nicht
verschließen. Auch die Mutter redet zu (Z 162-165) und
Miriam geht schließlich zum Castingtermin, wo sie ganz
viele Freunde trifft, sich prima unterhält. Als sie
telefonisch davon erfährt, dass sie in der Endausscheidung
ist, wird ihr bewusst, dass sie da eigentlich gar nicht
hinwollte, aber sie wertet es als Fügung, an der sie auch
nichts dran machen kann (Z 171). [27]
Die von der Producerin gemachte Vorgabe Vorbild passt
nicht zu Miriams Selbstverständnis: Benehmen ist halt
nicht so mein Ding (Z 184ff). Hier zeigt sich eine bewusst
gesetzte Differenz zur Erwartung anderer, sie solle die Rolle
eines Vorbildes einnehmen. Auf ihre Sicht, was für sie ein
guter Schauspieler ist, gibt sie reflektiert und differenziert
Auskunft (Z 263-287). Hinsichtlich Miriams Erfahrungen mit
Institutionen ist als Befund der erzwungene Schulwechsel auf ein
anderes Gymnasium und die zweimalige sofortige Einstellung auf
Bewerbungen zu nennen, wodurch die Transformation ihres bisher
dominanten Schülerstatus und der damit verbundenen
biografischen Ordnungsstruktur eingeleitet ist. [28]
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Interpretation der empirischen Befunde anhand der
wesentlichen Kategorien
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Unter der ethnografischen Perspektive versuche ich im folgenden
Kontextualisierungsmarker und Schlüsselsymbole des Interviewtextes zu erfassen.
Der Prozess der systematischen empirischen Erkundung aller herangezogenen
soziokulturellen Muster, die den Kontextualisierungsauffälligkeiten zugrunde
liegen, jedoch nicht auf dem Interviewtext allein, sondern auf
Begleitmaterialien (Protokolle, Experteninterviews, teilnehmende Beobachtungen)
beruhen, kann hier nicht dargestellt werden. Es geht mir aber bei der
ethnografischen Betrachtung um eine Form des empathischen Fremdverstehens. Diese
grundlegende Erkenntnishaltung rangiert "erkenntnislogisch
gewissermaßen als epistemische Metaperspektive
vor jeder spezifischen Wahl von Methodentechniken" (SCHÜTZE 1994,
S.201). Bei der Interpretation versuche ich, die subjektive Perspektive
Miriams deutlich zu machen. Mit der Anfangserzählung spannt Miriam den
thematischen Rahmen auf, unter dem sie ihr Erfahrungsmaterial aufordnet. Damit
macht sie deutlich, was ihr an ihrer Lebensgeschichte wichtig erscheint. In der
Anfangssequenz stellt die in Z 37 55 im Vordergrund stehende Thematik der
Kindheit den Hauptdeskriptor dar, ab Z 41 wird durch den
Detaillierungsdeskriptor familiäre Veränderung
eine Schlüsselstelle in Miriams Leben klar. Die gravierenden Erlebnisse in der
Kindheit (Heimatwechsel/Umzug/Vaterverlust) führen zu einer eigenen Ausprägung
der emotionalen Struktur und der sich durchziehenden Problematik der
Selbstverortung, die in verschiedenen Erzähllinien auftaucht. So bricht sich
die den Bruder ins Zentrum der Darstellung bringende Erzähllinie hinter dem
Rücken der autobiographischen Erzählung immer wieder Bahn. [29]
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Aufbau eines frühen Erwartungsfahrplans, der an den
Bruder angelehnt wird
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Den Beginn des Interviews bildet die Ereigniskette Geburt, Umzug ohne Vater
in eine andere Stadt und dortige Eingewöhnungszeit. Recht früh taucht für
Miriam durch den Vaterverlust das erste Krisenphänomen auf. Die Mutter hat
Miriams Verlaufskurve, die durch den Vaterverlust entstand, ausgelöst, weil sie
den Vater verlassen hat und mit den Kindern in ein anderes Land zog. Es scheint
so, dass dadurch eine Beziehungsverlaufskurve zwischen Mutter und Tochter
ausgelöst wurde. Erzählungen, in denen die Mutter vorkommt, sind im Interview
auffällig rar. So kann bei Miriam von einer doppelten Verlusterfahrung in der
Kindheit gesprochen werden, die die Wurzel des Wandlungsprozesses darstellt und
mit dafür verantwortlich ist, dass Miriam eine außergewöhnliche
Wir-Gemeinschaft zum Bruder ihrem signifikanten Anderen aufbaut. Miriam
setzt ihre lebensgeschichtliche Darstellung mit einem Erlebnis aus der
Kindergartenzeit fort: Sie durfte das Zepter des Bruders als Bandenanführer
übernehmen (Z 52-55). Zur "heilen" Welt des besuchten Kindergartens
bildet der Abenteuerbereich der Bande und der Status der Anführerin einen
Gegensatz. Symbolisch wird mit der sprachlichen Formulierung der Übernahme
eines Zepters auf einen mit Ehre und Anerkennung verbundenen Akt verwiesen.
Das Bild des Zepters, das Anführerstab und Stütze in einem meist männlichen
Terrain bedeutet, verwendet Miriam, um die Wichtigkeit und den Wert zu
unterstreichen, den das Hineinwachsen in die Rolle des Bruders nach dessen
Weggang von der Schule und nach der früheren doppelten Verlusterfahrung von
Vater und Mutter (s.o.) für sie bedeutet. An dieser Hintergrundskonstruktion
kann man die biografische Arbeit Miriams erkennen, sie erinnert sich an
familiäre Verbundenheitserfahrungen, die einen Gegenpol zu den erlebten
familiären Krisenerfahrungen bilden. Strukturell deckt sich die frühe
Übernahme einer Anführerposition mit der späteren Vorbildrolle beim
Serieneinstieg. Mehrere Stellen im Interview, die als derartige
Kontextualisierungsmarker begriffen werden können, deuten daraufhin, dass sich bei
Miriam über die Bereitschaft des Bruders, Miriam in sein Leben einzubeziehen
bzw. die selber einmal innegehabten Rollen an sie weiterzugeben, eine gewisse
Erwartungshaltung ausgeprägt hat, ähnliche Erfolge zu erreichen und Rollen
einzunehmen wie der Bruder. Die subjektive Relevanz von X (Serienname) ist für
die Zukunftsorientierung nicht so groß wie der Wunsch, sich im
Spielfilmbereich, wo der Bruder mittlerweile Fuß gefasst hat, zu etablieren.
Innerhalb der beruflichen Orientierung findet sich in den Erzählungen ein
Schlüsselsymbol: die Kamera. [30]
Sie erhofft sich auch in beruflichen Feldern, die denen des
Bruders nahe stehen, Partizipation. Auffällig ist der
früh gefasste Entschluss, Kamerafrau werden zu wollen, denn
hier entwickelt Miriam ein biografisches Handlungsschema, um der
mächtigen Bruderfigur Eigenes entgegenzusetzen und
gleichzeitig am Umfeld des Bruders weiterhin zu partizipieren.
Mit der Kamera kann Miriam zeigen, was da vorne wirklich
läuft. Außerdem kann sie auch den Bruder als
Schauspieler vor die Kamera holen. Für den Bruder als
Schauspieler dürfte Kamerafrau als ein attraktiver und
respektabler Beruf gelten. Die Wahrscheinlichkeit, sich in den
Berufsfeldern Schauspielerei und Kamera zu begegnen, ist
darüber hinaus groß. Es handelt sich bei Miriams
Wunsch, Kamerafrau zu werden, um einen einleuchtenden
berufsbiografischen Plan. [31]
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Schwierigkeiten mit Gefühlen von Passung in
institutionelle Umgebungen
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Die Selbstverortungsformen, die Miriam in Bezug auf eine
Passung zwischen ihrem Berufswunsch und den real gegebenen
Möglichkeiten vornimmt, sehe ich als bildungsbiografisch
relevant an. Bei Miriam zeigt sich das Problem, dass sie in
einigen Bereichen ihre Erwartungen und Interessen noch nicht
ausleben kann, weil sie noch zu jung ist. Auch an dieser Stelle
ist ein Rekurs auf MAROTZKIs SARTRE-Interpretation
aufschlussreich:
"Das Subjekt ist für ihn (SARTRE, E.S.) (...) durch seine
Beziehung auf die Richtung seines Werdens definiert, also von der
Zukunft her. Der Mensch ist nicht, was er ist, sondern was er
nicht ist, so könnte man pointiert formulieren (vgl. Sartre
1943, 724), denn der Mensch ist ein Wesen der Möglichkeiten.
Diese Überlegungen stellen für Sartre die Grundlage
für seinen Freiheitsbegriff dar. Die interne Spannung des
Entwurfs zwischen Faktizität und Transzendenz löst
nämlich eine absetzende Bewegung aus, die auf das Noch-Nicht
geht, die auf möglicherweise erst aufschimmernde
Möglichkeiten drängt" (MAROTZKI 1990, S.138f.). [32]
In dieser Zwischenstruktur des Noch-Nicht sehe ich ein
grundsätzliches Phänomen für Kinder, die einem
gewissen Beschleunigungskurs unterliegen, sei es durch
frühzeitigen Verlust eines Elternteils und damit verbundener
(erzwungener) frühzeitiger Selbständigkeit, sei es
durch frühzeitigen Einstieg ins Berufsleben. Auf die
früher vollzogenen Übergänge zwischen Kindheit und
Jugendalter aufgrund von familiären Belastungen weisen auch
neuere Jugendforschungsarbeiten hin:
"Betrachtet man die Auswirkungen solcher Belastungen auf die
Körperliche Entwicklung, muss zwischen Jungen und
Mädchen unterschieden werden. Die Abwesenheit des Vaters in
der Kindheit (...) geht bei Mädchen mit einer beschleunigten
körperlichen Entwicklung einher, insbesondere dem
früheren Einsetzen der ersten Regelblutung (...) Auch
für psychosoziale Übergänge werden ähnliche
Befunde vorgelegt. So werden Jugendliche, die in einer
Scheidungsfamilie oder in einer Familie mit starken finanziellen
Problemen aufwachsen, sozusagen früher erwachsen. Dies kann
sich in stärkerer Verantwortung im Haushalt oder
finanzieller Unterstützung durch Berufstätigkeit
äußern" (ZINNECKER & SILBEREISEN 1998, S.359). [33]
Es könnte sein, dass die Negativerfahrungen mit dem
frühen Vaterverlust eine familiäre Belastung in der
Kindheit für Miriam darstellten, die den Übergang zur
Selbständigkeit in der frühen Jugend beschleunigt hat.
Es gibt durch den frühen Einstieg bei Synchron Anhaltspunkte
dafür. Hinzu kommen Negativerfahrungen mit den
Einzelküren, den Hobbys, die wieder aufgegeben wurden, des
erzwungenen Schulwechsels. In diesem Punkt des
Sich-Zugehörig-Fühlen-Könnens liegt ein Problem:
Miriam steht oft vor der Schwelle des Noch-Nicht, Sie konnte, als
sie klein war, noch nicht entscheiden, beim Vater zu bleiben, sie
kann jetzt noch nicht in den Filmbereich, in dem der Bruder schon
tätig ist, sie kann noch nicht ihre Beziehung zu dem
Teamkollegen frei gestalten, sie konnte noch nicht in die
nächsthöhere Voltigiergruppe, sie ist noch zu jung, um
am Philosophie-Unterricht teilnehmen zu können. Ausgehend
von der Art, wie sich Miriam altersmäßig
präsentiert, können die Passungsschwierigkeiten in
Bezug zu ihrer zukünftigen Lebensplanung gesetzt werden.
[34]
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Präsentation des Selbstbildes, des Selbstkonzeptes und
der Selbstgestaltung
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Eine Rekonstruktion derjenigen Einflüsse auf das Selbst,
die von der Selbstkonzeptforschung als thematisch relevant
angesehen werden, wie z.B. der Einfluss bedeutsamer
Bezugspersonen auf die Genese des Selbstkonzepts, der
Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten und Werte,
kann sich für die Interpretation von Miriams
diesbezüglichen Aussagen als fruchtbar erweisen (vgl.
FISSENI 1999). Mich interessieren speziell die Auswirkungen von
Miriams Selbstkonzept auf den Handlungsbereich der Lebensplanung
und -gestaltung, und zwar im Hinblick auf ihren Beziehungs- und
Arbeitsbereich. Miriams Selbstpräsentation möchte ich
mich unter folgenden Aspekten nähern: I. Altersselbst und
II. Selbstbild und Selbstgestaltung [35]
Zu I.) In der Jugendforschung wird davon ausgegangen, dass
sich relativ früh in der kindlichen Entwicklung ein Aspekt
des Selbst herausbildet, der die eigene Person im sozialen und
kulturellen System des Lebenslaufs verortet (ZINNECKER &
SILBEREISEN 1998, S.175). Bei dieser Verortung wird
subjektiv-situativ dem Selbst ein Altersstatus zugewiesen. In das
Selbst- und Fremdbild eines solchen Altersstatus fließen
verschiedene Momente ein, die den Aufbau eines Altersselbst
beeinflussen können. ZINNECKER und SILBEREISEN
unterscheiden
das kalendarische Alter,
das soziale Handlungs-Alter (ausgedrückt durch
Statuspassagen, die Beteiligungen der Heranwachsenden am
gesellschaftlichen Handlungsraum eröffnen),
das biologische Alter (ausgedrückt im körperlichen
Entwicklungsstand).
Es wird davon ausgegangen, dass alle drei Bereiche zum sozialen Altersstatus
in wechselnder Kombination beitragen, der sich im persönlichen
Alters-Selbst verarbeitet findet. Miriams subjektives Altersselbst scheint
zwischen Jugendlicher und Erwachsener zu liegen. Sie kleidet sich jugendlich und
spricht und denkt zum Teil wie eine Erwachsene. [36]
Zu II.) Kinder im Übergang zur Jugend erfahren eine
Vielzahl an Veränderungen, die dazu führen, vermehrt
Fragen zur eigenen Person zu stellen, etwa darüber, als wer
sie sich erleben, wie andere sie sehen, was sie von sich und
ihrer Umwelt erwarten. Diese Überlegungen münden in
Einstellungen und Überzeugungen zur eigenen Person, die sich
mit dem Begriff Selbstkonzept fassen lassen. Dieses Konzept
beinhaltet das Wissen eines Jugendlichen über sich selbst.
[37]
Miriams Selbstpräsentation hängt mit ihrem
Selbstkonzept zusammen, das sich bei ihr seit dem Übergang
von der Kindheit in die Jugendphase in Richtung Passung ins
Film- und Fernsehgeschäft konkretisiert hat. Das
Selbstkonzept Miriams, als wer sie sich erlebt, ist schon relativ
abgerundet. Sie erlebt sich z. B. als Jugendliche, die schon
arbeiten kann, Anerkennung im Schauspielberuf bekommt und
Beziehungen zu Männern aufbauen kann. Normalerweise wird das
Selbstkonzept von Kindern und Jugendlichen zu einem großen
Teil vor dem Hintergrund schulischer Sozialisationsgegebenheiten
entwickelt. Die Selbsteinschätzung hat in diesem Sinne ein
institutionelles Korrektiv durch leistungsmäßige
Bescheinigung von Erfolgs- und Misserfolgserlebnissen (vgl.
ZINNECKER & SILBEREISEN 1998, S.292). [38]
Eine Besonderheit (im Vergleich zu diesen Erfahrungen von
Forschungen im Bereich der Jugendkultur) stellt bei Miriam die
Tatsache dar, dass sich ihr Selbstkonzept nicht zu einem
großen Teil vor dem Hintergrund schulischer, sondern
beruflich-filmischer Sozialisationsgegebenheiten ausprägt.
Sie präsentiert sich als "Macherin", die auch mal sechs
Stunden hintereinander Synchronarbeiten erledigt, wenn sich
anders die Dreharbeiten und Synchron nicht kombinieren lassen.
[39]
Miriams Reflexionen über das, was einen guten
Schauspieler ausmacht, zeigen, wie sehr sie sich mit dem Metier
Film/Schauspielerei auseinandersetzt (vgl. Z 265ff.). Mit dem
einleitenden Satz knüpft Miriam an ihre eigenen Leistungen
an. Gut zu sprechen ist für einen Filmschauspieler heute
unbestritten sehr wichtig. Sie weiß, dass sie mit ihrem
Können als Synchronsprecherin einen unschlagbaren Vorteil
gegenüber allen Anfängern hat und thematisiert dies
indirekt. Das anschließende Lachen zeigt aber, dass sie ihr
eigenes Selbstbewusstsein in dieser Hinsicht auch wieder
amüsiert. Dem Gesprächspartner wird so die
Möglichkeit gegeben, sie eben nicht als zu selbstbewusst
oder etwa "eingebildet" zu empfinden. [40]
Zu I.3.) Miriam ist ihrem biologischen Alter nach normal
entwickelt. Sie hat die Größe und das
körperlich-weibliche Entwicklungsstadium einer
16jährigen. [41]
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Die Passagen Kindergarten, Schule, Einstieg bei Synchron
überlagern sich sprachlich, wie sie sich auch im zeitlichen
Ablauf in der Vergangenheit überlagert haben. Den Satz, den
Miriam ab Zeile 64 beginnt: Ja, dann hab ich mich irgendwann
auf der (Schule), weil ich angefangen hab mit Synchron...
führt sie nicht zu Ende, der Abbruch des anfänglichen
Gedankens könnte auf eine besondere Bedeutung dieses nicht
zu Ende geführten Satzes verweisen. Der Detaillierungszwang
führt zu genaueren Erklärungen, wann mit Synchron
begonnen wurde und wie es überhaupt dazu kam, sich dort mit
dem Bruder zu bewerben. Eine Wiederaufnahme des Anfangsgedankens
unterbleibt jedoch. Sinngemäß geht es Miriam bei der
Erzählung ihrer Schulzeit um die Mitteilung, dass sie genau
wie ihr Bruder wegen des Serieneinstiegs von der Schule gehen
musste. Der Rausschmiss stellt ein Krisenphänomen dar, denn
Miriam fühlte sich auf der Schule mit den netten Leuten
wohl. Sich genau so zu entwerfen, wie sie es eigentlich
möchte, frühere Schule und Dreharbeiten parallel laufen
lassen, wird ihr zwar verwehrt, führt aber bei Miriam dazu,
dass sie das Resultat, den Rausschmiss aus der Schule,
rückblickend als zwangsläufige Folge ihres
Serieneinstiegs und damit als den endgültigen
Verlagerungsschwerpunkt ihres Lebens zum Film hin, betrachtet.
[42]
Im Vergleich zu dem anfänglichen Stolz von Miriam, auf
die frühere Schule gehen zu dürfen und damit etwas
besonderes zu sein, zeugt die Schilderung auf Z 57ff. von der
Enttäuschung, die die Lernformen auf dieser Schule mit sich
brachte. An anderer Stelle schildert Miriam die Vorteile der
späteren Arbeit in dieser früheren Schule: dann hab
ich halt achte Klasse (Schule) Jahresarbeit, hab ich mir gedacht,
jetzt kannst du dich mal informieren, hab ich halt über
Kamera geschrieben und es halt einfach viel Spaß gemacht
und von dem Zeitpunkt hab ich gewusst, das oder nichts, und hab
mir halt auch ne Handy-Cam gekauft (Z 533-538). Seit
den Erfahrungen in der Schule scheint sich bei Miriam in
besonderer Weise eine kreative Bedürfnisstruktur ausgebildet
zu haben. Auf die Frage nach ihren Lieblingsfächern sagt
Miriam spontan, sie habe eigentlich keine. Es stellt sich dann
aber auf Nachfrage nach den Leistungskursen heraus, dass Deutsch
ihr Lieblingsfach ist. Ihre Lesevorlieben (LESSING) untermauern
diese Vorliebe. Liest man die Passage über den
Deutschunterricht (s.o.) als Eigentheorie über Lernen, so
scheint Anja ihrem Lehrer mit ihrem entdeckenden Vorgehen etwas
entgegensetzen zu wollen. Sie möchte sich die Bücher
und Filme selber erschließen und nicht die
Schlüsselpunkte schon vorher verraten bekommen. Man kann aus
Miriams Schilderungen, schnell Texte lernen zu können und
eigene Deutungen zu Büchern zu haben, schließen, dass
Interesse an Lernvorgängen vorhanden ist und ihr Lernen (bis
auf Französisch) relativ leicht fällt. [43]
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Berufsbiografische Anfänge: Statuspassagen,
Synchronarbeit und Serieneinstieg
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Man kann den Übergang von der Kindheit zur Jugend in
Übereinstimmung mit kulturanthropologischen Ansätzen
als eine Statuspassage verstehen, als einen institutionell und
rituell geregelten Übergang (vgl. FRIEBERTSHÄUSER
1992).
"<Übergangsstatus> ist ein Konzept, das Zeit in
sozialstrukturellen Begriffen fasst. Es ist eine Taktik von
Sozialsystemen, eine Person für eine gewisse Periode im
Übergang zwischen zwei Status zu halten (...) Das
heißt, der Übergangsstatus <Initiand> wird
für einen spezifischen Fall die Zeitspanne beschreiben, die
es dauert, aus einem Nicht-Mitglied ein Mitglied einer Gruppe zu
machen; so wird z.B. aus einem Zivilisten in einer
mehrwöchigen Grundausbildung ein Soldat gemacht, oder ein
Heranwachsender übt sich einige Jahre darin, ein Erwachsener
zu werden" (GLASER & STRAUSS 1998, S.92). [44]
An den Schilderungen der alltäglichen Abläufe wird
zu entschlüsseln versucht, wie normativ verankerte Konzepte
und biografische Entwürfe entstehen. GLASER und STRAUSS
haben in ihrem Buch über Statuspassagen eine Reihe von
Kriterien benannt, die für die Analyse eines Übergangs
von einer Lebenslaufphase in die andere interessant und
charakteristisch sein können (GLASER & STRAUSS 1971,
S.4f.). Diese Charakteristika, die ich im folgenden ansatzweise
aufzähle, treffen auch auf Miriams Verlagerung der
Gewichtung vom Schülerstatus zum Starstatus sowie vom
jugendlichen zum erwachsenen Status zu. Auf S.4 ihres Buches
Statuspassage werden folgende Kriterien benannt: "...
The passage may be considered in some measure desirable or undesirable by the person making the passage ...
The passage may be inevitable ...
The passage may be reversible to some degree ...
A passage may be repeatable or nonrepeatable ...
The person, who goes through the passage may do so alone, collectively, or in
aggregate with any number of other persons.
It follows that when people go through a passage collectively ... they may
not be aware that they are all going through it together ...
It is worth distinguishing between the above situation and one where,
although aware, the person can or cannot communicate with the others ...
The person making the passage may do so voluntarily or have no choice
in the matter ..." [45]
Neben diesen Kriterien wird noch betont, dass die Passage
zentral für die Statuspassagiere sein muss, und die Dauer
eine Rolle für die Analyse spielt (des weiteren vgl. GLASER
& STRAUSS 1998, S.91ff.). Man kann anhand der
Erzählungen Miriams nun zeigen, dass sie die Passagen
Synchron- und Serieneinstieg willentlich und lustvoll eingegangen
ist und dass beide Einstiege zentral für ihr Leben sind. Die
Passagen sind in der Form nicht wiederholbar, wären aber
umkehrbar gewesen, denn Miriam hatte jederzeit die
Möglichkeit, auszusteigen. Wie sie Handlungsabläufe
hinsichtlich ihrer Berufsbiografie präsentiert, kann gut an
der längeren Erzähl-Passage ab Zeile 137 gezeigt
werden, wo sie schildert, wie es zum Serieneinstieg kam: Zu
Beginn dieser Erzählpassage schildert Miriam in lockerer
Weise, wie ihr Bruder und sie, gleich nachdem wir bei Synchron
waren, gedacht haben, och wenn wir schon synchronisieren,
können wir auch mal Schauspieler werden (Z 139, 140) und
wie dieser Gedanke dann in die Tat umgesetzt wird. Miriam
schildert zunächst das Glück des Bruders, der entdeckt
wird und sofort eine Film- und eine Fernsehrolle bekommt. Das ist
für sie der Motor, es auch zu versuchen, kann ja nicht
schaden (Z 146). In die Agenturkartei hatte sie sich mit
ihrem Bruder eintragen lassen. Eingeschoben wird, dass sie mit
ihrem Bruder immer die Agenturen gewechselt hat. Textanalytisch
betrachtet deutet der Einschub darauf hin, dass ihr die
gemeinsamen Aktionen mit dem Bruder wichtig erscheinen. [46]
Miriam schildert den Serieneinstieg rückblickend so, dass die Rolle bei X
nicht ihr primärer Wunsch für eine Film- bzw. Fernsehrolle gewesen ist. Die
schon anfänglich vorhandene Skepsis wird im weiteren Erzählverlauf an
verschiedenen Stellen durchgehalten hab ich erst mal so
nachgefragt, ja was is denn das? oder auch bei dachte ich mir
schon so, mm toll, Kinderserie, wie Lindenstraße für
Kinder! (Z 155-158). Die Zweifel, ob diese Kinderserie Miriams
Ansprüchen genügen kann, verfliegen zunächst. Sie kommen aber wieder, als die
Nachricht von der Endausscheidung kommt: Z 168ff. ja, dann riefen sie mich
irgendwann an, tja, du bist dann jetzt wohl in der
Endausscheidung, dachte ich mir huups, da wollte ich eigentlich
gar nicht hin, ja jetzt bist du da, kannste auch nichts dran
machen. Die Feststellung kannste auch nichts dran
machen wirkt merkwürdig, spiegelt aber den saloppen Umgang Miriams mit
nachträglichen Rechtfertigungen für ihre Entscheidungen. Die Art, das eigene
Selbst als Akteurin aus dem Zusammenhang, wie es zum Serieneinstieg kam,
herauszuhalten, hat mit dem (in Miriams Augen) Kinder-Image von X zu tun. An
dieser Schilderung zeigt sich, dass Miriam noch auf der Suche nach einem ihr
gemäßen Schauspieljob ist, das schlechte (Kinder-) Image von X verdirbt ihr
die Einstellungschancen. Bewertet wird dies von Miriam mit ist
ziemlich traurig, damit will sie die Vorurteilsstruktur, die in der
Filmbranche vorherrscht, kritisieren. Die Filmleute sind nach Miriam alle locker drauf, man kann sich prima mit denen
unterhalten (Z 509, 510) und man wird von diesen Leuten nicht als Würmchen
abgestempelt, nur weil man Jugendlicher ist (Z 511). Solche Kollegen wünscht
Miriam sich auch für später. Schon seit sie zehn Jahre alt ist, weiß sie,
dass sie Kamerafrau werden will (Z 521). [47]
Die Passage ab Zeile 524ff. macht die biografisch relevante
Entwurfsstruktur hinsichtlich ihres Berufs ganz deutlich. Es ist
zwar Raum für verschiedene Entwürfe, aber ihr
Berufsentwurf ist auf Kamerafrau-Werden festgelegt. Obwohl ihr
schon zwei Kameras gestohlen wurden, kauft sie sich wieder eine
neue und sagt: aber ohne Kamera kann ich nicht mehr leben, die
muss überall dabei sein (Z 542-543). Das gebrochene
Distanz-Nähe-Verhältnis dem Kinder-Soap-Genre
gegenüber zeigt sich auch in der Kritik ihrer Rolle:
Meine Rolle hat ja nie viel zu tun gehabt, das war dann halt mal
kurz mit Eva (Kolleginnenname geändert) und einmal
mit Sue (Name geändert) und jetzt kam dann so ne
Sache, die fand ich ganz nett, wo meine Mutter dann arbeitslos
wurde, das war ganz nett und jetzt die Sache, mit meinem Vater,
wo ich den suchen gehe, ist auch nicht so übel, aber sonst
ist die Rolle einfach nee, aber schön ist sie schon (Z
185-191). Miriam steht im Zwiespalt, wie sie eigentlich zu der
Rolle und der Mitwirkung bei X stehen soll. Nach über
zweijähriger Mitwirkung bei X ist zudem eine gewisse
Müdigkeit dem Drehverlauf gegenüber eingetreten. Die
zwiespältige Bewertung und Darstellung der
Handlungsabläufe zieht sich durch (vgl. auch die Schilderung
der "verhassten" Vorbildrolle Z 182ff.). [48]
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Miriam beschreibt sich mit Blick auf den Berufswunsch
Kamerafrau als klein und zierlich (Z 459, 460), sie hatte
als Kind Angst vor Wasser, sie kann sprechen (synchronisieren),
aber nach eigenen Aussagen nicht gut singen. Viel mehr
(außer den Erfahrungen mit Ballett und der Einzelkür
beim Voltigieren) erfahren wir nicht über Miriams
Verhältnis zu ihrem Körper. [49]
Die Interviewsituation trägt zu einem relativ
distanzierten Verhältnis zwischen Interviewerin und
Informantin bei. Bei laufendem Tonband sind die Emotionen etwas
zurückgenommen und ich habe im Interview, aus einer Scheu
heraus, eine gewisse Distanz zu intimen Sphären brechen zu
können, nicht nach Gefühlslagen gefragt. Es könnte
sein, dass die Entwicklung der Geschlechtsidentität bei
Miriam noch nicht abgeschlossen ist. Mir ist klar, dass ich bei
derartigen Spekulationen unter anderem "Zuschreibungen eines
weiblichen Geschlechtscharakters durch die patriarchale
Dominanzkultur" unterliege (DAUSIEN 1999, S.179). Dem
äußeren Eindruck nach scheint Miriam ein
natürliches Verhältnis zu ihrem Leib zu haben (sie
sitzt aufrecht und hat leichte, fließende Bewegungen
während des Interviews), sie lacht gern und wirkt so, als
würde sie sich in ihrer Haut wohlfühlen. [50]
In ihrer Erzählung berichtet Miriam im Kontext mit dem Segeln einmal von
Angstgefühlen vor Wasser, als sie ein kleines Kind war: und ich hatte Angst vor Wasser, das war
nicht so der Hit (Z 108f.). Sonst erfahren wir wenig über Miriams Ängste
oder sonstigen leiblichen Belange. Angesprochen auf ihre Lieblingsfilme
schwärmt Miriam von
Anatomie, einem Psychothriller:mein absoluter
Lieblingsfilm ist Anatomie, der ist Wahnsinn, verdammt gut, ich
hab die ganze Zeit so gelacht, ich konnt mich kaum noch halten
vor Lachen, es war echt der witzigste Film (Z 326-330). Wie viele
Jugendliche scheint Miriam das Horrorfilmgenre zum Abreagieren zu nutzen, dass
sie über Horror lachen kann, ist auffällig. Vielleicht hat auch dies etwas
damit zu tun, dass sie als erwachsen gelten möchte. Von der Regisseurin wird
beschrieben, dass Miriam sich ihrer Weiblichkeit bewusst ist und dies modisch
unterstreicht. Das könnte bedeuten, dass sie auch als Frau wahr- und
ernstgenommen werden möchte. [51]
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Zusammenfassung: Ambivalente Entwurfsstrukturen eines
Serienstars
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Mit der Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften
korrespondiert eine zunehmende Pluralisierung der Lebensformen,
Erklärungsmodelle, Wertvorstellungen und Verhaltensmuster.
Bisher geschlossene Lebensweltbereiche werden zunehmend
durchlässig und verlieren somit ihre sozialintegrative
Funktion. Angesichts vielfältiger und einander zum Teil
widersprechender Lebensformen, die die Gesellschaft als lockere
Verknüpfung auszeichnen, lässt sich Subjektivität
und Identität nur noch im Sinne pluraler Lebensentwürfe
denken. Die gesellschaftlichen Strukturveränderungen
betreffen dabei nicht nur die äußeren Lebensbereiche,
sondern transformieren auch die inneren Bereiche des Erfahrens
und Entfaltens von Entwürfen. Zu hoffen wäre, dass
Subjektivität sensibel bleiben kann für die
Möglichkeitsstruktur menschlicher Lebensentwürfe sowie
dafür, zweifelhafte individuelle Unternehmungen,
Unsicherheiten der Verortung und Ambivalenzen auszuhalten und in
biografischer Balance zu halten (vgl. RUGE 1997). Vor dem
Hintergrund sich immer rascher verändernder
gesellschaftlicher Bedingungen sind junge Menschen heute mehr als
frühere Generationen gefordert, ihre Biografie, mithin ihre
Identität und ihren Entwurf vom Leben zu gestalten bzw.
situationsspezifisch umzuwerfen und neu zu kreieren (PAUS-HAASE
1999). [52]
Ich will versuchen, zusammenfassend die besondere Struktur von
Miriams Lebensentwurf im Sinne der philosophischen
Begrifflichkeit des Entwurfs von SARTRE herauszuarbeiten und
beginne damit, die biografische Relevanzsetzung herauszustellen,
weil Miriam dadurch als Subjekt ihrer Geschichte ernst genommen
wird. [53]
Als Situationen hoher biografischer Relevanz können die
räumliche Trennung vom Vater, die Beziehungsgestaltung zum
Bruder, der Rausschmiss aus der Schule und der Erfolg als
Synchronsprecherin und Schauspielerin angesehen werden.
Auffällig ist auch, dass die Verortung im sozialen und
kulturellen System des Lebenslaufs bei Miriam, was die
institutionellen Rahmen betrifft, oft nicht gelingt. Es konnte
anhand der Äußerungen Miriams gezeigt werden, dass
ihre Zwischenstellung zwischen Schülerin und
Berufsanfängerin eine "Noch-Nicht-Struktur" mit sich bringt,
die ihr Entscheidungen und Orientierungen über ihre jetzige
Situation hinaus erschweren. Das führt zu einer gewissen
Ambivalenz in ihrer Entwurfsstruktur (vgl. HARTWIG 1996), denn
ihr stehen differente, sich zum Teil widersprechende Lebensformen
und Haltungen zur Verfügung, die sie beliebig wechseln kann:
mal ist sie Schülerin, mal Serienstar. Sie ist zwar noch
Jugendliche, hat aber schon an der (Berufs-) Welt der Erwachsenen
teil. Sie kann ihr Handeln in dieser Welt zwar schon erproben,
aber noch nicht auf Dauer (zumindest nicht in der Serie)
einrichten. Das Noch-Nicht-Können führt zu einem Mangel
an Sein und wirkt verunsichernd und befreiend, was Erwartungen
betrifft. [54]
Miriam steht der Mitwirkung bei der Serie X ambivalent
gegenüber. Sie wählt den Ausstieg aus der Serie, wenn
ein anderes Angebot kommt. Die hier zugrunde liegende
Entwurfsstruktur besteht in einer reflexiven Distanz zur eigenen
Lebensform mit der Möglichkeit, sich andere Lebensformen
wählen zu können. Aus meiner Sicht entspricht die
kritische Auseinandersetzung Miriams mit ihrem Berufsfeld und die
Fähigkeit, ihre (Berufs-) Orientierungen hinsichtlich der
eigenen Lebensführung in einen sinnvollen
Bedeutungszusammenhang zu bringen (Hobby Kamera/Kamerafrau) einem
elaboriert-strukturierten Bildungsniveau. Damit meine ich eine
tentative Erfahrungsverarbeitungsweise, wie sie MAROTZKI im
Gegensatz zur subsumtiven herausgearbeitet hat (vgl. MAROTZKI
1991, S.151). [55]
Miriams Probehandlungen bei den Dreharbeiten kann man als Aneignungen von
Kompetenz im Aktionsfeld Schauspieler betrachten. Während der Dreharbeiten wird
die Möglichkeit geboten, sich innerhalb der medialen Angebote zu orientieren
und die unterschiedlichen Konstruktionen von Wirklichkeit, die beispielsweise in
der Serie gezeigten Bilder unterschiedlicher Lebensentwürfe auf sich zu
beziehen und sich dem für interessant empfundenen probend anzuverwandeln. Auch
Miriam entwickelt einen Entwurf von der Serien-Welt und von sich selbst in
dieser Welt, Realitäts- und Selbstkonzepte fließen in diese Entwürfe ein.
Insgesamt fällt bei den Erzählungen auf, dass Miriams subjektive Entwürfe und
die äußeren Bedingungen, seien es familiäre Gegebenheiten/Veränderungen oder
institutionelle Schranken, auf die sie trifft, häufig nicht passen. Die
Filmwelt scheint hier eine Ausnahme zu bilden, denn sie wird als passend zum
Selbst empfunden. Die auf den Berufswunsch, Kamerafrau zu werden, bezogene
Äußerung das oder nichts (Z 537, 538) zeigt die existentielle Sicht
auf den berufsbiografischen Entwurf. Darüber hinaus wird das Gefühl des
Aufgehobenseins deutlich und die Motivation, sich in dem Berufsfeld Kamera/Film
festlegen zu wollen. Diese Struktur, Pläne zu schmieden, ist für Miriam eine
Besonderheit, denn sie liebt es sonst, spontan zu agieren. Die
Widersprüchlichkeit in den Erzählungen zeigt sich strukturell sowohl in
berufsbiografischer, wie auch lern- und leibbiografischer Perspektive, bei
letzterer nicht so ausgeprägt wie in den anderen Bereichen, aber hier sehe ich
einen Hinweis dadurch gegeben, dass sie sich als klein und zierlich beschreibt,
aber im szenischen Auftreten groß und stark gibt. Die unkonventionelle Art der
Menschen, mit denen sie durch Synchronisation und Dreharbeiten nun häufiger
beruflich zu tun hat, trug dazu bei, dass Miriam dieses Berufsfeld für ihre
Berufsziele gewählt hat. Hier liegt die Linie, die sie auch mit ihrem Bruder
als gemeinsamen Lebensweg ausbauen will. [56]
Das Interview mit Miriam zeichnet sich durch ein relativ hohe
Selbstläufigkeit aus, wie die ausgewählten Passagen
verdeutlichen. Neben Stationen und Problemen aus der Kindheit
äußert sich Miriam ausführlich zu ihren
Berufseinstiegen in den Bereich Synchron und Serie. Auf die
Frage, was sie unter einem guten Schauspieler versteht, folgt
eine aufschlussreiche Schilderung des bisherigen
Berufsverständnisses. Bei diesen Ausführungen handelt
es sich um eine elaborierte argumentativ-assoziative
Auseinandersetzung mit differenzierten Aspekten der Medien- bzw.
Filmwelt. Das besondere Engagement Miriams für den
Filmbereich liegt in ihrer Hoffnung begründet, hier einen
Orientierungsrahmen für ihr zukünftiges Leben zu
finden. Angesichts des Individualisierungsschubes in der Moderne
kann dies als Suche nach geeigneten Räumen zur
Selbstentfaltung betrachtet werden. MAROTZKI sieht SARTREs
radikale Sicht des Kontingenzcharakters in der Moderne aus diesem
Grunde als besonders aktuell an.
"Kontingenzsteigerung bedeutet ja, dass das Subjekt
verstärkt auf sich selbst geworfen wird, indem es aus
stabilisierenden Sozialbeziehungen freigesetzt wird. Es muss den
Sinn seiner Existenz selbst herstellen; es muss seine Existenz
selbst rechtfertigen, indem es selbst Sinn konstituiert. In dem
Maße, in dem das Subjekt nicht mehr auf gesellschaftlich
konsensuell etablierte allgemein verbürgte Sinnressourcen
zurückgreifen kann, erfüllt sich das Sartresche Diktum,
dass der einzelne zum Freisein verdammt sei (vgl. Sartre 1943, S.
189)." (MAROTZKI 1991, S.84) [57]
Miriam stellt in diesem Sinne den Sinn ihrer Existenz
selbst her, indem sie sich selbständig um Jobs bemüht,
in denen sie ihrer Kreativität nachgehen kann und ihr die
Leute, die dort ebenfalls arbeiten, gefallen. Der Berufseinstieg
ist durch die langjährige Synchronarbeit bereits vollzogen.
Für Miriam hat die bisherige Synchron- und Serienerfahrung
aber auch eine allgemeine Interessens- und Horizonterweiterung
mit sich gebracht. An Miriams Abwicklung des Erzählschemas
lässt sich ein relativ schneller Übergang zur
Beschreibung ihrer aktuellen Lebenssituation feststellen, eine
z.T. ausführliche Darstellung ihrer Handlungsstrategien, um
die Konsistenz ihres Selbstbildes zu belegen, und ein Hang zu
Hinweisen auf den Bruder. Sie strebt die Einbindung ihrer
familiären Identität, die zum großen Teil auf dem
guten Verhältnis zum Bruder gründet, in den
Lebensentwurf an. Auffällig ist, dass sie in der Lage ist,
ihre Identität in der Auseinandersetzung mit den jeweiligen
Herausforderungen zu wahren bzw. jeweils neu zu bearbeiten, um
sich mit ihrer Persönlichkeit gestaltend in den Alltag
einzubringen. Ihr Entwurf schließt auch die gemeinsame
Lebensbahn mit dem Bruder ein, sie möchte mit ihm
zusammenarbeiten. Miriams Entwurf besticht durch hohe
Reflexionsfähigkeit, sie geht in die Tiefe bei dem und
für das, was sie interessiert, und aus diesem Tiefgang
eröffnen sich für Miriam neue Impulse. Auch hieran
zeigt sich die ambivalente Entwurfsstruktur. Miriam kann z. B.
die gelesenen Sätze aus Büchern mit dem verbinden, was
sie in ihren Experimenten vorfindet, sie schafft sich selber
immer neue Andockplätze und konstruiert danach auch ihr ganz
persönliches Zukunftsbild, so wie sie sich sehen
möchte. Sie sieht sich als Lernende und als Macherin, die
schon arbeiten kann. Für Miriam ist das ganz
selbstverständlich, sie sucht nach produktiven Verbindungen
und findet sie. Ergänzungsverhältnisse werden
geschaffen, wie das Beispiel mit der Jahresarbeit über
Kamera zeigt. [58]
In Miriams Fall sehe ich die beschleunigte Meisterung des
Übergangs von kindlicher Schülerin zu erwachsener
jugendlicher Berufsanfängerin, die durch die frühe
familiäre Belastungserfahrung des Aufwachsens ohne Vater
begünstigt wurde, als produktiv für ihre Entwicklung
an. Zu dieser Sicht gelange ich durch ihre eigenen
Äußerungen wie dargelegt, aber auch durch meine
teilnehmenden Beobachtungen bei den Dreharbeiten, die zeigten,
dass Miriam bei dem X-Team (Serienteam) sehr beliebt ist und viel
Anerkennung erfährt. Sie ist eine der wenigen, für die
schon nach einem Anschlussjob gesucht wurde. Anhand ihrer
prägnanten Schilderung der Berufspläne lässt sich
ein reflektierter Entwurf ihres Lebens erkennen. In Miriams
gezielten Strebungen, sich kreativ zu entfalten, steckt ein
Überschreitungspotential in dem Sinne, wie es SARTRE einmal
formuliert hat: "Für uns ist der Mensch durch das
Überschreiten einer Situation gekennzeichnet, durch das, was
ihm aus dem zu machen gelingt, was man aus ihm gemacht hat,
selbst wenn er sich niemals in seiner Vergegenständlichung
erkennt" (SARTRE 1964, S.75, zitiert nach MAROTZKI 1991, S.135).
[59]
Die Situation ist für SARTRE der Wahl- und
Aktionsbereich. Die Möglichkeiten des Wählens und
Agierens konstituieren das, was SARTRE "meine Situation" nennt,
deren Quelle ich bin (vgl. DANTO 1993, S.81). Mit
Situation ist danach das aktive Strukturieren der Welt gemeint.
Mit SARTRE könnte man sagen, dass Miriam in der Lage ist,
ihre Situation jederzeit zu nutzen, indem sie ihre Welt
strukturiert und bestrebt ist, die Faktizität zu
überschreiten. [60]
1) Der Name der Serie wird aus Gründen der Anonymisierung
nicht genannt. Zusätzlich wurden mögliche Hinweise auf die Identität meiner
Interviewpartnerin entfernt bzw. verändert.
<zurück>
2) Lebensweltliche Ethnografie konzentriert sich darauf, zu
rekonstruieren, wie ein zur Diskussion stehender Wirklichkeitsbereich aus der
Perspektive des Betroffenen aussieht und erlebt wird. Es interessieren die
subjektiven Sichtweisen der Handelnden auf ihre Relevanzsysteme.
<zurück>
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Eva SCHÄFER ist Lehrbeauftragte der Universität
Hamburg, Fachbereich Erziehungswissenschaft und der
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Institut
Erziehungswissenschaft, Allgemeine Pädagogik.
E-Mail:
eruge49561@aol.com
Auszug aus dem Transkript
Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche
Absatznummern, wenn notwendig):
Schäfer, Eva (2000, Oktober). Zur Entwicklung ambivalenter
Entwurfsstrukturen eines Kinder-Serienstars. Präsentation von Auszügen aus
einer Studie im Rahmen der qualitativen Biografieforschung [60 Absätze]. Forum
Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [Online
Journal], 1(3).
Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-00/3-00schaefer-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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Letzte Änderung: 03.02.2003
Volume 1, No. 3 Inhaltsverzeichnis
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