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Volume 4, No. 3, Art. 9 – September 2003

Leila: Dissoziative (Medien-) Interaktion und Lebensweg einer jungen Erwachsenen. Eine (medien-) biografische und psychotraumatologische Fallstudiex)

Harald Weilnböck

Zusammenfassung: Vor dem Hintergrund von theoretischen Korrespondenzen und methodischen Synergien zwischen der qualitativ-soziologischen Narrationsanalyse und dem Erzählbegriff der neueren Psycho- und Beziehungsanalysen sowie der Psychotraumatologie wird das Desiderat eines interdisziplinären handlungstheoretischen Modells von narrativen Prozessen formuliert, das auch für Medien- und Kulturwissenschaften anschließbar ist. Die exemplarische narrativ-biografische Fallstudie untersucht die Interview-Erzählung der Abiturientin Leila, die aktiv und kompetent am schulischen und kulturellen Leben teilnimmt, hinsichtlich ihrer Lebensgeschichte und ihres Medienrezeptionsverhaltens. Psychotraumatologisch beschreibbare Belastungsfaktoren der früh zerrütteten und gewaltlatenten Elternbeziehung und einer auch in der Jetztzeit nicht spannungsfreien Familiensituation werden vor dem Hintergrund einer bis in die Zeit des Nationalsozialismus reichenden familiären Dreigenerationen-Dynamik sichtbar. Während Leilas Vater von irakisch-iranischer Herkunft ist, stammt ihre Mutter von einer vormals gut situierten Königsberger Bürgerfamilie ab, die nach dem zweiten Weltkrieg nach Norddeutschland geflohen war. Die historischen Täter- bzw. Opferaffiliationen der Familie stellen sich in der Präsentation auf unklare Weise dar. Diese verschiedenen psychotraumatologischen Belastungsfaktoren schlagen sich bei Leila zum einen in psychoaffektiven Wahrnehmungs-, Narrations- und Medienhandlungsmustern nieder, die auf dissoziative psychische Dynamiken schließen lassen. Diese werden sowohl in ihrem aktuellen Erzählmodus in der Interviewsituation als auch in der Rekonstruktion ihrer Fernseh- und Lektürenutzung deutlich gemacht. Zum anderen führen die psychotraumatologischen Belastungsfaktoren in Leilas gegenwärtigem sozialen Leben dazu, dass zentrale Freundschaftsbeziehungen ein rekurrentes (projektiv-identifizierendes) Konflikt- und Gewaltgeschehen aufweisen und dass sie in ihrer engagierten schulischen Arbeit einen Misserfolg erleidet. Eine korrespondierende Konfliktdynamik ist auch im (Gegen-) Übertragungsgeschehen zwischen Leila und dem männlichen der beiden InterviewerInnen erkennbar.

Keywords: Sozialforschung, Lese- und Medienforschung, Narrationsanalyse, Biografieforschung, Psychoanalyse, Psychotraumatologie, Dissoziation, Übertragung, Holocaust

1.

Synergien zwischen biografietheoretischer Narrationsanalyse und der neueren Psycho- und Beziehungsanalyse bzw. Psychotraumatologie

2.

Leila, eine medienbiografische Fallstudie in beziehungsanalytischer und psychotraumatologischer Sicht

3.

Leilas Haupterzählung in der Handlungsstruktur: Gefahr, Moderation, Suche von Gefahr/Schutz

4.

"Messer unter dem Kissen" – frühe Beziehungstraumatik und traumakompensatorisches Erzählschema

5.

Täter-Opfer-Inversion: Narrative Engramme der familiären Dreigenerationen-Dynamik aus der Zeit des Nationalsozialismus

6.

Die unwillkürliche Re-Inszenierung von psychotraumatischer Konfliktdynamik

7.

Leilas Medieninteraktion der frühen Kinderzeit

8.

Leilas Medieninteraktion zum Zeitpunkt des Interviews

9.

Esoterik und Nordisches als spezielles Genre

10.

Nordische Wurzeln: Zur Destruktivität von transgenerational-medialen Spaltungsübertragungen

11.

Schluss

Anmerkungen

Literatur

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1.

Synergien zwischen biografietheoretischer Narrationsanalyse und der neueren Psycho- und Beziehungsanalyse bzw. Psychotraumatologie

Die philosophische Dichotomie von Individuum und Sozietät beruht auf einer langen Tradition, die vor allem in den Geisteswissenschaften, aber auch in der älteren Psychoanalyse und – von der makrosozialen Perspektive her kommend – auch in der quantitativ-empirischen Sozialforschung wirksam ist. Jedoch scheint diese erkenntnistheoretische (und immer auch erkenntnisverhindernde) Dichotomisierung in verschiedenen gesellschaftswissenschaftlichen Bereichen der jüngeren Zeit zunehmend an bestimmender Kraft zu verlieren. Sowohl die neueren Sozialwissenschaften als auch die neueren Psycho- und Beziehungsanalysen konzentrieren sich verstärkt auf die Beobachtung und theoretische Modellierung von interaktiven Prozessen und Verlaufsgestalten des Kommunizierens und Sinnverstehens. Die Sozialwissenschaften haben so genannte "qualitative" und "hermeneutische" Mittel, wie z.B. ausführliche narrative Interviewverfahren (mit Einzelnen und Gruppen) entwickelt, und die Psychotherapien haben die klassischen Neutralitäts- und Abstinenzregeln in einer Weise umformuliert, die mehr beidseitige, szenisch-narrative Interaktion entstehen lässt. (Die psychoanalytische Erzählforschung erforscht diese Interaktionen.) Die Bemühungen beider Felder richten sich darauf, am Individuum die biografische Genese von psychoaffektiven Handlungsmustern zu rekonstruieren und zu beschreiben (bzw. zu verändern). Dabei ist auch Aufmerksamkeit dafür entstanden, wie sehr man im Grunde auf einer gemeinsamen Materialgrundlage steht: Denn die beforschten Prozesse der Interaktion, sowohl in der Psychotherapie als auch in den qualitativ-soziologischen Erhebungen, sind solche des Erzählens, der Narration vor und mit einem (impliziten) Gegenüber. Die mögliche Rückwirkung, die sich aus dieser perspektivischen Gemeinsamkeit heraus für die kulturwissenschaftlichen Felder ergibt, wird evident, wenn man bedenkt, dass die psychoaffektiven Handlungsmuster Einzelner immer in der Verschränkung von lebensweltlich-direkter Interaktion mit Anderen und medial-indirekter Interaktion mit Medienprodukten entstanden sind und dass sie sich als solche im ständigen Medienverbund der Person, also im Gesamt der von ihr genutzten Schrift-, Ton- und Bildmedien fortentwickeln.1) Die jeweils rezipierten Medienerzählungen haben in dieser handlungstheoretischen Perspektive einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert. Die heuristische Möglichkeit einer Synthese von soziologischen, psychologischen und kulturwissenschaftlichen Verfahren und Gegenständen zeichnet sich ab – freilich auch die Notwendigkeit der erkenntnistheoretischen Integrationsarbeit. [1]

In diesem Sinn will ich im Folgenden einige grundlagentheoretische Überlegungen zu den theoretischen Korrespondenzen und methodische Synergien anstellen, die zwischen der biografietheoretischen Narrationsanalyse einerseits und der neueren Psycho- und Beziehungsanalyse sowie der Psychotraumatologie andererseits bestehen. Diese beiden wissenschaftsgeschichtlich jungen und noch in jeweils marginaler Position befindlichen Bereiche (die zudem noch wenig Kenntnis voneinander haben) stellen das nach wie vor dominierende individualphilosophische Axiom des abendländischen Denkens entschieden und begründet in Frage. Und sie tun dies, indem sie gleichzeitig neue hermeneutische und rekonstruktive Methodiken entwickeln: So hat vonseiten der Narrationsanalyse Wolfram FISCHER-ROSENTHAL unter dem Aspekt des "langen Abschieds aus der selbstverschuldeten Zentriertheit des Subjekts" sehr eindrücklich auf die erkenntnisverhindernde "Melancholie der Identität" in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften hingewiesen. FISCHER-ROSENTHALs Appell richtet sich an neue Perspektiven einer "dezentrierten biografischen" Beschreibung von Individuen, die in ihrer dialektischen Verfasstheit zwischen eigenständiger persönlicher Lebensgestaltung und sozio-biografischer Bedingtheit begreiflich werden. Ein ganz ähnlicher Impuls bewegt Gottfried FISCHER, wenn er vom individualphilosophischen "Intrapsychismus" der älteren Psychoanalyse spricht, der die psychosozialen und ökologischen Bedingungen des psychischen Lebens unterschlägt. Der Aufweis der theoretisch-methodischen und inhaltlichen Korrespondenzen zwischen Narrationsanalyse und Psychotraumatologie/Psychoanalyse scheint also vielversprechend. Vor allem jedoch sollen diese Korrespondenzen anhand einer exemplarischen Fallstudie der Biografieforschung in ihrer interdisziplinären Leistungsfähigkeit konkret nachvollziehbar gemacht werden. Es handelt sich dabei um eine Fallbearbeitung aus einer größeren medien-biografischen Studie, die den handlungstheoretischen Zusammenhang von biografischem Erleben und (affektiv-kognitivem) Medienhandeln von jungen Erwachsenen auf systematische Weise zu ergründen versucht (GARBE, SCHOETT, SCHULTE BERGE und WEILNBÖCK 1999).2) Die Ausgangsfragestellung ist eine zweifache, nämlich (1) wie psychoaffektive Medienhandlungsmuster biografisch herausgebildet werden und (2) wie Individuen mittels Medienhandlungen ihre biografische Arbeit und ihre lebensweltliche Handlungssteuerung strukturieren und Aufgaben des sozialen und emotionalen Lernens bewältigen. In medientheoretischer Hinsicht fußt die Untersuchung auf dem handlungstheoretischen Struktur- und Prozessmodell der Medienrezeption und -sozialisation von CHARLTON und NEUMANN-BRAUN (1992), das Medienkonsum als regelgeleitete (Medien-) Interaktion und als ein "wechselseitig orientiertes soziales Handeln" von biografisch und situativ verfassten intentionalen Subjekten versteht. CHARLTON (1997, S.25). CHARLTON (1993, S.11f.) hatte auf den aus der britischen Sprachpsychologie bezogenen Begriff des dialogism verwiesen, der "die zahlreichen strukturell relevanten Gemeinsamkeiten" zwischen lebensweltlichen "Alltagsdialogen" von "Mediennutzern" einerseits und den "inneren Dialogen mit Medienaussagen" bzw. der "Kommunikation des Rezipienten mit dem Medium" in den Blick zu nehmen erlaubt. Der handlungstheoretischen Ausrichtung des Modells entsprechend unterstreicht CHARLTON (1993, S.23) mit Verweis auf Umberto ECOs Verständnis der offenen Leser-Text-Interaktion die Aspekte der "Zweckgebundenheit, Geplantheit, der Selektivität und der Widerständigkeit" der subjektiven Medieninteraktion. Dass bei einer solchermaßen komplexen sozialwissenschaftlichen Fragestellung beziehungsanalytische und psychotraumatologische Aspekte eine bedeutende Rolle spielen, wird kaum verwundern. Und so stellte sich uns in der Fallgeschichte der Abiturientin Leila der Lebensverlauf einer jungen Frau dar, die erfolgreich und überaus aktiv am schulischen Leben ihres Gymnasiums beteiligt ist und insgesamt eine hohe interaktive und Medienkompetenz erreicht hat, deren vielfältige Aktivitäten und zentrale Freundschaftsbeziehungen jedoch aufgrund von psychotraumatologisch beschreibbaren Belastungsfaktoren ihrer persönlichen und familiären Biografie von spezifischen rekurrenten Konfliktdynamiken beeinträchtigt sind. Zudem stellt sich die Frage, inwiefern und in welchem Ausmaß trotz der hohen Text- und Medienkompetenz eine dissoziativ strukturierte Form der Medieninteraktion vorliegt (das definitionsgemäß auf systematischen thematischen Ausblendungen und Verschiebungen beruht und von intensiven affektiven Konfliktdynamiken gekennzeichnet ist), inwiefern also Leilas Narrations- und Rezeptionsverhalten einer dissoziativen Struktur folgt. [2]

Die Untersuchung der Leilas Lebensverlauf inhärenten Handlungssteuerung bedient sich des narrationsanalytischen Mittels des narrativ-biografischen Interviews und der rekonstruktiven Auswertung. Die Beschreibung und Analyse der psychosozialen Genese und affektiven Valenzen dieser Handlungssteuerung wird dabei jedoch in interdisziplinärer Weise auch Erkenntnisse der Psychoanalyse und Psychotraumatologie mit einbeziehen. Die biografietheoretische Fundierung der soziologischen Narrationsanalyse erfolgt durch Gabriele ROSENTHAL (1995) und Wolfram FISCHER-ROSENTHAL (1991, 1999).3) Die AutorInnen formulieren einen handlungstheoretischen Ansatz, indem sie Biografie – das Erzählen über das eigene Erleben – als Verhältnisbestimmung bzw. dialektische Beziehung von erlebter und erzählter Lebensgeschichte begreifen. Dabei konstituiert sich biografisches Erzählen wechselseitig aus den im "Gedächtnis vorstellig werdenden und gestalthaft sedimentierten" Erlebnissen und aus dem gedanklichen, mithin erzählenden "Akt der Zuwendung" zu ihnen, der aus der jeweiligen Gegenwart immer wieder neu und in situativ spezifisch geprägten Weisen erfolgt. Das solchermaßen als lebenslanger Prozess der psychoaffektiven Selbstvergewisserung verstandene Erzählen stellt die biografische Arbeit der Person dar. Mithin können die Handlungsstrukturen, die die narrativen Selbstäußerungen steuern und die Formen des Erlebens und Handelns der Person prägen, aus ihren Erzählungen erschlossen werden. Diese theoretischen Feststellungen der Biografieforschung enthalten mannigfaltige Korrespondenzen mit psychoanalytischen und psychotraumatologischen Grundlegungen, deren jüngerer, traumatologischer Aspekt kürzlich insbesondere durch Gottfried FISCHER und Peter RIEDESSER systematisiert wurde. Auch in den theoretischen sowie praxeologischen Dimensionen von Therapie haben die Prozesse des Erzählens zentrale Bedeutsamkeit. Bereits FREUDs Begriff der Nachträglichkeit von Erinnerung und Erzählen trägt der Tatsache Rechnung, dass Erzählen eine Funktion nicht so sehr der Vergangenheit als vielmehr der Gegenwart ist und sich retrospektiv-kreativ an den Gegebenheiten der momentanen Lebenssituation des Subjekts herausbildet. Ferner unterstreichen FREUDs Ausführungen zur Deckerinnerung das kreative und fiktionale Element der narrativen Selbstpräsentation. Die jüngere psychoanalytische Erzählforschung konkretisiert dies: "Narrative Darstellungen erweisen sich somit geradezu als prototypische Exempel eines Umgangs mit faktischen Gegebenheiten" des persönlich-biografischen Erlebens, "der durchdrungen ist von interpretativen Vorentscheidungen und subjektiven, interessegeleiteten Vorannahmen" der BiografIn. "Dieses Charakteristikum macht die Erzählung für den psychologischen Zugang interessant" (BOOTHE 1994, S.11) und – so wäre hinzuzufügen – gleichermaßen für den sozialwissenschaftlichen Zugang. Auch die neueren Ansätze der psycho- und beziehungsanalytischen (Gegen-) Übertragungsanalyse4) (sowie der Gruppenanalyse) sind von einem solchermaßen situationsspezifischen und handlungstheoretischen Verständnis von Erzählen und Erzählanalyse getragen, indem sie Narration als unmittelbar interaktives und szenisches Geschehen zwischen zwei Personen in einem soziohistorischen Feld begreifen. Selbstverständlicher als in der Biografieforschung ist dabei in den Psychoanalysen die hohe Bedeutung der affektiven Besetzungen und ihrer interpersonellen Übertragung a priori in Rechnung gestellt. [3]

Das Erzählen wird also sowohl in therapiewissenschaftlichen als auch in qualitativ-soziologischen Forschungsbereichen als Kristallisationspunkt von psychoaffektiver Selbst-Versicherung und -Erkenntnis begriffen und mit einer theoretischen und methodologischen Höchstrelevanz versehen. Die soziologische Narrationsanalyse zieht entsprechende methodische Konsequenzen, indem sie den Verfahren des offenen biografisch-narrativen Interviews und der rekonstruktiven Fallanalyse folgt und damit, etwa im Unterschied zu standardisierten oder leitfaden-gestützten Interviews (oder statistischen Erhebungen), den Gestaltungsraum für die interviewte BiografIn maximal ausdehnt. Dadurch erst können die erhobenen Daten im Kontext ihrer biografischen und funktional-handlungsdynamischen Einbettung sichtbar werden. Denn die Handlungsstrukturen der biografischen Arbeit treten erst dann in Erscheinung, wenn genau nachvollzogen werden kann, worüber die BiografIn aus eigenem Antrieb spricht oder worüber sie nicht spricht und wie und in welcher Ausführlichkeit sie die jeweiligen Inhalte darbietet, d.h. wie sie über sie in den unterschiedlichen Textsorten des Berichts, der Argumentation, der Erzählung etc. spricht, wie sie die Daten arrangiert und zu bestimmten Lebensbereichen in Bezug setzt, ferner wie sie sie in thematische Felder und in eine biografische Ablaufgestalt einbettet. Formal in hohem Maße aufschlussreich sind dabei die Beobachtungen hinsichtlich der in der jeweiligen Sequenz verwendeten Textsorte bzw. hinsichtlich des Narrationsgrades der Darbietung, der bei bestimmten Thematiken sinken oder ansteigen mag und u.U. dazu führt, dass der Erzählfluss in Gang gerät, stockt oder sich Raffungen ergeben. In einem psychoanalytischen Setting ist dieser maximale Gestaltungsraum der AnalysandIn ohnehin selbstverständlich gegeben. [4]

Dementsprechend besteht eine zentrale methodologische Korrespondenz zu den Therapiewissenschaften, insbesondere zur psychoanalytischen und psychotraumatologischen Erzähltheorie darin, dass beide Interaktions-Settings systematisch auf die Aktivierung von Erzählmaterial abzielen. Die Erhebungsmethode des biografisch-narrativen Interviews legt einen besonderen Schwerpunkt darauf, Aussagen in der detaillreichen und affekthaltigen Form der Erzählung anzuregen – in Unterschied und Ergänzung z.B. zu den Formen des Berichts, der Beschreibung und der Argumentation. Sie werden als relativ weniger detaillierte und affektreduziertere Formen der narrativen Darbietung definiert, die den persönlichen Erzählrelevanzen der BiografIn nicht so eng verbunden sind. Diese Methode setzt deshalb (jedoch erst nach der autonomen Haupterzählung) eine Technik des narrativen Nachfragens ein. Denn die qualitative Soziologie geht mit Fritz SCHÜTZE in Weiterführung der linguistischen Erzählanalyse davon aus, dass eigenerlebte Erfahrungen und Handlungen sich am eindrücklichsten und psychisch tiefgreifendsten in der Textform der Erzählung vermitteln.5) Die psychoanalytische Erzähltheorie geht in analoger Weise davon aus, dass die "autobiografische Selbstrepräsentation" gerade dann von höchstem analytischen Interesse ist, "wenn echte Erzählvorgänge eingebaut werden" und es zur "Darbietung von Stories" kommt. Es handelt sich dabei um die "Schilderung einer Gegebenheit, [und] einer Situation", die "sich für den Erzähler und seinen emotionalen Bezug als besonderes Ereignis heraushebt" und sich zur "narrativen Einheit zusammenschließt" (BOOTHE mit Verweis auf WIEDEMANN & STIERLE 1994, S.57f).6) [5]

Diesem theoretischen Schwerpunkt entsprechend ist es auch in der Praxis der Therapie eines der grundsätzlichsten Kriterien für ein erfolgreiches Durcharbeiten (von Traumata), dass Erzählbarkeit entsteht, d.h. dass die Person eine affekt- und erfahrungshaltige persönliche Erinnerung an sowie faktisches Wissen über (traumatische) Erlebnisse erreicht und somit – erzählend – in eine psychoaffektive Erfahrungsintegration eintreten kann (FISCHER), die Prozesse des Trauerns (und der Freude) bewirkt. Dieses Kriterium der Erzählbarkeit ist also, wie die Erzählung in der soziologischen Narratologie, an einen Modus der Erinnerung und Darstellung geknüpft, der die persönlich-biografischen und affektiven Erfahrungsrelevanzen des Einzelnen – gerade auch dann, wenn sie traumatischer Natur sind – so weitgehend wie möglich erschließt. (Dies geschieht insbesondere dann, wenn sie nicht lediglich mittels der tendenziell dissoziativen Sprachlösungen von affektreduziertem Bericht oder Beschreibung oder der rationalisierenden Argumentation bezeichnet werden, deren Funktion es ist, die traumatischen oder konflikthaften Affekte und Inhalts-Assoziationen abzuwehren.) Die psychoanalytische Erzählforschung (die ihren theoretischen Akzent nicht so sehr auf traumatische Geschehnisse als auf intrapsychisches Konflikterleben setzt) trifft eine ähnliche Unterscheidung, wenn sie mit Brigitte BOOTHE zwischen zentripetalem, auf affirmative Selbst-Bestätigung zielendem Erzählen und zentrifugalem, auf erweiternde Selbst-Transzendenz zielendem Erzählen differenziert. Denn damit ist ein Wechselverhältnis von narrativer Erfahrungs- und Erinnerungsvertiefung versus narrativer Abwehr von Erfahrung, Affekt und Erinnerung beschrieben.7) In seiner Wirkung auf das interagierende Gegenüber – diese Dimension ist für medien- und kulturwissenschaftliche Fragestellungen gleichermaßen bedeutsam – sind diese beiden funktionalen Dimensionen des Erzählens am günstigsten mittels der Unterscheidung zwischen konkordanten und komplementären Text- und Erzählübertragungen zu erfassen (und zu operationalisieren). Die konkordanten Übertragungen von als Abwehr fungierenden Affekten (z.B. der Depression, Manie, Aggression, Melancholie etc.) entsprechen der Funktion des zentripetalen Erzählens, und die komplementären Übertragungen entsprechen den abgewehrten Affekten (zumeist der Trauer und der Freude).8) Nur "im zweiten Fall", dem zentrifugalen Erzählen, ist laut BOOTHE "damit zu rechnen, dass die Erzählung im Therapieprozess auf Veränderung hinarbeitet" (1994, S.37). Eine deutliche Prägnanz des komplementären Übertragungsgeschehens wäre also als Voraussetzung für zentrifugale Narration und mithin dafür zu verstehen, dass traumatische oder konflikthafte Erfahrungsinhalte – von beiden Erzählpartnern – integriert werden können (und nicht etwa rationalisierend und in einem diffusen Mischgefühl der Melancholie oder Angstlust verbleiben, das das affektive Korrelat von Wiederholungszwang und neuerlichen Handlungsmustern der Destruktivität darstellt). In konzeptioneller Hinsicht wären gerade die komplementären Übertragungsfunktionen im zentrifugalen Erzählen als Prozess eines Affekt-Containing in der Text-Leser-Beziehung zu skizzieren. Während also die qualitative Sozialwissenschaft das Erzählen und dessen Analyse für die Ermittlung der individuellen Handlungssteuerung im sozialen Feld nutzt, bedient sich die Therapie des Erzählens für die Ermittlung und Linderung von subjektiv untragbaren persönlichen Belastungszuständen. Erzählen therapeutisch verstanden ist das Immer-wieder-neu-Erzählen der eigenen Lebensgeschichte in zunehmend reichhaltigeren und die persönlichen Affektrelevanzen treffenderen Versionen und Details; und Erzählen qualitativ-sozialwissenschaftlich verstanden birgt die essenziellen, biografisch gebildeten Handlungsregeln von Person und sozialem Typus. Die in der Biografieforschung konzipierte biografische Arbeit der Person hat einerseits soziologisch-handlungstheoretische Relevanz und enthält andererseits ein therapeutisches Potenzial, das im so genannten therapeutischen Durcharbeiten die Auswirkungen von belastender (Konflikt-) Erfahrung lindern kann. Auf der Ebene der medien- und kulturwissenschaftlichen Betrachtung fällt der Blick auf die Funktionen und Wirkungen von medialen Erzählungen und Rezeptionsmustern, die die Verlaufsgestalt der narrativen Selbstverständigung auf gesellschaftlicher Ebene prägen. Der Versuch, diese verschiedenen Ebenen theoretisch und methodologisch zu einem handlungstheoretischen Konzept von narrativen Prozessen zu integrieren, wird eine Verschränkung der Modelle und auch der Terminologien zur Folge haben. [6]

Die folgende exemplarische Fallstudie aus dem jungen Feld der (Medien-) Biografieforschung soll das theoretisch-methodologische Ergänzungsverhältnis zwischen qualitativ-soziologischer Narrationsanalyse und Psychoanalyse/-tramatologie veranschaulichen. Es wird sich eine Handlungsstruktur der dissoziativen (Medien-) Interaktion rekonstruiert. Sie bezeichnet ein Erzählen und Rezipieren von Narrativen in einem tendenziell dissoziativen, assoziations-reduzierten Modus, der sich dadurch auszeichnet, dass das narrative Subjekt eine – gemessen an psychotraumatologischen Maßstäben – relativ schwache persönlich-differenziale Relevanzsetzung des Wahrgenommenen vornimmt. Dissoziative Interaktion lässt sich sowohl in Leilas aktuellem Erzählmodus in der Interviewsituation als auch in ihrer Fernseh- und Lektürenutzung aufweisen. In Anlehnung an den psychotraumatologischen Begriff der allgemeinen traumakompensatorischen Handlungsschemata, die die lebensweltlich-direkte Sozialinteraktion einer Person prägen, wird für den Bereich der Medieninteraktion vorgeschlagen, den Begriff der traumakompensatorischen Erzähl- und Rezeptionsschemata einzuführen. Diese Schemata in ihrem lebensgeschichtlichen und psychogenetischen Zusammenhang zu beschreiben und zu rekonstruieren ist das Ziel der vorgelegten Fallstudie. Dabei ist auf die methodische Kontrolliertheit und den überaus umfangreichen (jedoch forschungsökonomisch abgewogenen) zeitlichen Aufwand hinzuweisen, der in eine Fallausarbeitung der narrativen Biografieforschung (hier der Medienbiografie-Forschung) nach ROSENTHAL/FISCHER-ROSENTHAL investiert werden muss.9) Die Erhebung erfolgte mittels zweier durchschnittlich zweistündiger Interviews, einem allgemeinen lebensgeschichtlichen und einem speziellen mediengeschichtlichen Interview.10) Diejenigen Interviews, die nach der Auswahl per theoretischem Sampling im Sinne der Grounded Theory nach GLASER und STRAUSS11) eine umfassende Ausarbeitung erfuhren, wurden vollständig transkribiert und ergaben jeweils bis zu hundert Seiten Transkript. Die Auswertung per rekonstruktiver Fallanalyse umfasste fünf separate Auswertungsschritte: (1) Analyse der biografischen (Medien-) Daten, (2) Text- und thematische Feldanalyse (der erzählten Lebens- und Mediengeschichte) mit Mitteln der sequenziellen Hypothesenbildung, (3) Feinanalyse selektierter Interviewpassagen, (4) Rekonstruktion der Fallgeschichte (d.h. der erlebten Lebens- und Mediengeschichte) und (5) Kontrastierung der erlebten mit der erzählten Lebens-/Mediengeschichte, wobei unter Mediengeschichte in Analogie zur Lebensgeschichte die narrative Darbietung begriffen wird, die die Person auf die Eingangsfrage nach ihrer lebenslangen Medieninteraktion erzählt.12) Jeder dieser Schritte wurde in systematischer, methodisch kontrollierter Weise vollzogen. Wenn also im Folgenden handlungsstrukturelle Befunde über das Erleben und Erzählen der jungen Erwachsenen Leila im Horizont ihre Lebensgeschichte und Medienerfahrung vorgestellt werden und wenn diese mittels kurzer exemplarischer und manchmal symbolisch verdichteter Sprachwendungen Leilas bezeichnet werden, dann handelt es sich nicht, wie man vielleicht denken könnte, um spontane hermeneutische Schlüsse, die in einer mehr oder weniger impulsiven Weise aufgrund eines persönlichen oder auch gemeinschaftlichen Kontemplationsverfahrens vor dem Transkript erzielt wurden. Vielmehr gründen die Erkenntnisse auf vielfach abgewogenen und geprüften Schlussfolgerungen nach Maßgabe der narrationsanalytischen Hypothesenbildung (wobei viele alternative Hypothesen, die auf den ersten Blick ähnlich plausibel schienen, begründet verworfen wurden).13) Das Sample der Untersuchung setzte sich aus 15-20jährigen Mädchen und Jungen aus allen Schularten, inklusive berufsbildenden Schulen, zusammen, so dass ein breites soziales und Bildungsspektrum vorlag. Zudem handelte es sich bei dieser Altersgruppe um die zweite Generation mit einer "Medienkindheit", die bereits in ihrer Kindheit die Einführung des Privatfernsehens und die Verbreitung des Videorecorders erlebt hatte. Das Forscherteam bestand aus vier gemischt-geschlechtlichen ForscherInnen, von Hause aus LiteraturwissenschaftlerInnen, wobei immer zwei Personen schwerpunktmäßig an der Durchführung der Erhebung und den ersten Schritten der Auswertung arbeiteten. Die Fallausarbeitung wurde jeweils von einer Person durchgeführt und in Supervisionssitzungen von der Forschergruppe begleitet. Ausgewählte Aspekte von Fällen wurden zudem in einer Fallsupervisions-Sitzung mit einer externen Fachperson für qualitative Sozialforschung besprochen. [7]

2.

Leila, eine medienbiografische Fallstudie in beziehungsanalytischer und psychotraumatologischer Sicht

Für Leilas (Ls) erzählte Lebensgeschichte trifft eine vielfach bestätigte Forschungserfahrung der soziologischen Narrationsanalyse in besonderem Maße zu: dass nämlich ganz wesentliche Handlungsregeln ihrer Selbstpräsentation sich bereits in denjenigen Sequenzen mit großer Prägnanz niederschlagen, mit denen sie ihre Erzählung beginnt. Schon während die InterviewerInnen die narrative Eingangsfrage nach ihrer Lebensgeschichte stellen, interveniert Leila (L) mit einem scherzhaft warnenden Einwurf. Als nämlich der offene Zeitrahmen akzentuiert wird ("du kannst dir so viel Zeit nehmen wie du, wie du möchtest"), unterbricht L: "/((schmunzelnd)): hä hä: das is sehr unvorsichtig muss ich gleich mal sagen/". Als die Interviewerin daraufhin einen narrativen Impuls setzte ("unvorsichtig"?), antwortet L mit der eher gestisch-paralinguistischen (und evaluativen) Äußerung: "so lalala ((lacht)) genau"; dann erst kann die Eingangsfrage zuende formuliert werden. Ungewöhnlicherweise enthält also bereits die Sequenz der Eingangsfrage auch Erzählsequenzen der Interviewten; und für diese gilt es (genauso wie für die Haupterzählung) zu ermitteln, welchem Präsentationsinteresse und/oder welcher Präsentationsregel diese Intervention (Evaluation) folgt. Hierzu kann zunächst eine abstrakte sprachlogische Ableitung vollzogen werden: Wörtlich genommen präsentiert L sich hier als eine Person, die sich selbst (in ihrem narrativen Interaktionsverhalten) für gefährlich hält, denn sie mahnt implizit zur Vorsicht, indem sie unser zeitlich offenes Vorgehen als "unvorsichtig" bezeichnet. Der Präsentationsaspekt des Selbst als Gefahr ist ergänzt dadurch, dass L ihre Warnung "lachend", also in einem scherzhaften Modus ausspricht. Dadurch ist dem Thema der Gefahr auch ein Handlungsaspekt der Moderation durch Witz beigegeben. Ferner ist sogar ein Handlungsmoment der Suche nach Gefahr implizit, insofern die Quelle der Gefahr, Ls eigenes Interaktionsverhalten, eben ein eigenes, intentionales und kontinuierlich sowie mindestens teilweise bewusst wiederholtes Verhalten darstellt, das L, so lässt sie uns indirekt wissen, unter geeigneten Umständen immer wieder aufsucht. Retrospektiv bestätigt hat sich dabei auch die Hypothese: Indem L so direkt auf den offenen Zeitrahmen als eine Gefahr reagiert, äußert sich auch ein indirekter Handlungsappell an uns, ihr zu helfen, sich und uns vor der Uneingegrenztheit des Rahmens und damit vor der Gefahr (wie auch dem witzigen "lalala") zu schützen. Es zeichnete sich also bereits hier eine komplexe, in sich konflikthafte Präsentationsregel ab, die sich als heuristische Präsentations- und Handlungsregel formulieren lässt: die Regel des Selbst als/in Gefahr und gleichzeitig witzige Moderation und Suche von Gefahr sowie von Schutz. [8]

Die heuristische Formulierung dieser Handlungsregel erfolgt hier notwendigerweise noch weitgehend abstrakt. Jegliche genauere biografische Bedingungen wie auch die genaue Funktion im Hier und Jetzt der Präsentation können hier noch nicht präzise bezeichnet und beschrieben werden. Mag sein, dass L hier ankündigt, dass sie die Inhalte oder den Umfang dessen, was sie zu erzählen hat, für so anstrengend hält, dass es uns emotional und kräftemäßig überfordern würde. Mag sein, dass dem "so lalala" Ls Selbsteinschätzung zugrunde liegt, sie würde uns nicht mit anstrengenden Inhalten, sondern mit (subjektiv so empfundenen) Oberflächlichkeiten erschöpfen, und dass sie uns (und sich) bewusst oder unbewusst andere Inhalte und Themen vorenthält, die in der Erzählung zwar kopräsent sind, aber nicht ausgeführt werden können/wollen. Ferner vorstellbar ist – gerade aufgrund der wörtlichen Bedeutung von "gefährlich" –, dass L befürchtet, wir könnten (aus welchen Gründen auch immer) Angst vor ihr und/oder um sie bekommen. Über solche Fragen schon hier entscheiden zu wollen, hieße unfundiert zu psychologisieren. Auch ist erneut zu unterstreichen: Dass diese Handlungsregel überhaupt rekonstruktive Bedeutsamkeit erhalten würde, war nicht von vornherein abzusehen und hat sich erst im Fortgang der Auswertung (unter Ausschluss anderer alternativer Hypothesen) so erwiesen, da L auch im weiteren Verlauf des Interviews Thematisierungen von Gefahr/Vorsicht, Moderation, sowie Suche von Gefahr/Schutz einbrachte, die mit diesem ersten Strukturbefund korrespondieren und ihn differenzieren. Es hat sich dabei allgemein als eine heuristisch günstige Hilfestellung herausgestellt, spezifische Applikationen der abstrakten Regel zu formulieren, die die Aufmerksamkeit der Auswertung zu schärfen vermögen. So z.B. lautet diese Regel in einem engeren, auf die Funktion des Erzählens bezogenen Sinn folgendermaßen: Vorsicht! Die Gefahr, Lust und der Schutz des uneingegrenzten Erzählens; und in der fiktiven (heuristischen) Ichform: "Vorsicht! Ich erzähle viel, schnell und grenzenlos; ich tue dies mit Witz, und ich tue dies so lange – auch bis zur Erschöpfung meiner selbst und anderer ("lalala"), und darin liegt eine Gefahr – bis mein Erzählen auf eine Grenze/Orientierung trifft und Schutz vor der Gefahr entsteht."14) Was die Dimension der psychoanalytischen bzw. -traumatologischen Implikationen dieser Handlungsregel anbetrifft, kann hier zunächst allgemein vermerkt werden, dass die Thematisierung von in sich gegenstrebigen Handlungsfunktionen der Gefahr/Lust/ Vorsicht sowie von Moderation/Schutz u.U. auf Erfahrungen von psychotraumatologischer Relevanz hindeuten. Hinsichtlich des vermutlichen Gegenübertragungs-Geschehens scheint plausibel, dass diese frühe Intervention Ls in die Richtung einer projektiv-identifizierenden Verstrickung mit den InterviewerInnen zielt. In diesem Kontext käme dem Handlungsmoment des uneingegrenzten Erzählens psychoanalytisch gesprochen eine dissoziative Qualität zu. [9]

Bevor die systematische Aufbereitung von Ls Interview fortschreiten kann, muss im kurzen Exkurs eine allgemeine, einer simplen Eindrucksanalyse entstammende Beobachtung angemerkt werden, die die InterviewerInnen und FallsupervisorInnen unwillkürlich über L angestellt haben und die die formulierte Präsentationsregel in genereller Weise bestätigt. Keine andere InterviewpartnerIn hat die ihr zur Verfügung gestellte Zeit so umfänglich mit Präsentationen vielfältigen Inhalts gefüllt wie L; bei keiner InterviewpartnerIn dürfte der rein quantitative Quotient von Inhaltsindizes per Zeiteinheit so hoch sein, also die Präsentationsgeschwindigkeit so hoch liegen, wie bei L. Keine hat so schnell so viel Material dargeboten. Es zeigt sich eine Präsentationsdynamik des (zuweilen beinahe manisch wirkenden) Erzähldrangs, deren Funktion noch unklar ist. Dabei war der Haupteindruck, den L hinterließ, nicht so sehr der der Hastigkeit. Wenngleich kein Zweifel bestand, dass L überaus schnell und nachdrücklich erzählte und zu Zeiten nach Luft schnappte, ins Husten geriet, die Stimme verlor und zuletzt auch erschöpft schien, wirkte sie in ihrer Darbietung durchweg amüsant und inspiriert. Dieses Gesamtbild entspricht also dem formalen Befund des Vorsicht! Die Gefahr, Lust und der Schutz des uneingegrenzten Erzählens. Dem Aspekt der Suche nach Schutz und Eingrenzung entspricht die konkrete Beobachtung, dass L im Verlauf ihrer Haupterzählung von Anbeginn immer wieder Rahmenschaltelemente einsetzt, die ihre prinzipielle Unsicherheit darüber zum Ausdruck bringen, was für ihre lebensgeschichtliche Erzählung relevant ist und/oder was ihr persönlich der Thematisierung wert ist. Dabei stellen diese Unsicherheitszeichen immer auch Problematisierungen des inhaltlich und zeitlich offenen Interviewrahmens dar. So beginnt L ihre Haupterzählung mit dem Satz: "ja muss ich mal überlegen wie geht's los" (Seq 4); es folgen im weiteren Verlauf die Rahmenschaltelemente: "ja, was gibts denn noch" (Seq 9); "ja (1) was gibts noch, was wollt ihr noch so wissen, so?" (Seq 13); "ja (1) hm, was gibts noch" (Seq 16); "ja muss mal überlegen, was hatten wir" (Seq 21). Mit diesen Rahmenschaltelementen vermittelt L den Eindruck einer Unsicherheit, die nicht von der Befürchtung, es könne ihr nichts mehr einfallen, geprägt ist, sondern von einer Haltung, in der alle Inhalte, von denen sie denkt, sie könnte sie möglicherweise ("noch") einbringen, für sie selbst ohne spezifische gestaltgebende Relevanz sind. So entsteht neben dem Anschein des hohen persönlichen Einsatzes der Erzählerin immer auch der eigentümlich gegenläufige Eindruck, als ob es ihr persönlich einerlei wäre, was sie aus der Fülle ihrer Erlebnisse auswählt, und als ob sie sich lediglich an einer abstrakten Vollständigkeit und nicht an einer persönlichen Relevanz der Themen orientierte (und/oder ausschließlich daran, was sie für unsere Erwartungen hält). Die Hypothese hinsichtlich einer Funktion von Gefährlichkeit sowie von Schutz-, Gestaltungs- und Abgrenzungssuche basiert hier also zunächst auf Unsicherheitsäußerungen hinsichtlich der persönlichen Relevanzen, die die Biografin für ihr Wahrnehmen und Erzählen zu definieren sucht15): Im spezifischen Handlungsfeld des Erzählens (im Gegensatz zu anderen, direkter handelnden Interaktionsbereichen) kann die Uneingegrenztheit von Erzählen (und Verstehen) als Gefahr erlebt werden. Dem Aspekt des Schutzes entsprechen dann Handlungen, die eine Eingrenzung und Profilierung von persönlichen Relevanzen im Erzählen (und Erleben) bewirken.16) [10]

Hinsichtlich des in Ls Präsentation wirksamen Handlungsaspekts Selbst als Gefahr ist ferner die Beobachtung hinzuzufügen, dass der Aspekt der Gefahr nicht nur thematisch-semantisch in ihren ersten Äußerungen enthalten ist, sondern tatsächlich auch interaktiv-szenisch manifest wird. Indem nämlich L die Formulierung der Eingangsfrage unterbricht, tut sie der Gestalt dieser einzigen Aussage Abbruch, die den InterviewerInnen in diesem Format für lange Zeit überhaupt gegeben ist; sie wird dieser Aussage gewissermaßen gefährlich und unterstreicht gestisch, dass tatsächlich Grund zur "Vorsicht" geboten ist. In noch deutlicherer Weise wird der Aspekt Leila als Interaktions-Gefahr in dem Handlungsbereich sichtbar, der noch vor der Eingangsfrage und Haupterzählung liegt. Da L etwa zwanzig Minuten zu früh bei uns ankommt (und dadurch auch insgesamt entschieden in den Ablauf der Eröffnungssituation eingreift), kommt es bereits während der Zeit der Interview-Vorbereitungen zu viel informeller Interaktion. In einem Moment, als die weibliche Interviewerin, die sich bereits vorgestellt hat, den Raum noch einmal verlassen musste, ist L kurz mit dem männlichen Interviewer alleine, der die Technik installiert. Dabei fällt auf, dass L ganz unvermittelt und in witziger Weise einige populär-feministische Sentenzen äußert, die sie von einer Freundin zitiert: Die drei Minisequenzen (Seq A, 1/13) lauten:

"Frauen haben gegenüber Männern eigentlich nur einen ganz großen Vorteil [...] sie sind einfach Frauen";

"und was haben die Männer für Träume? ja gar keine";

"hm, (wie wär das:) Frauen haben Gefühle Männer (springen dich an) // I2: "aha" // L: "ja das /((schmunzelnd)): hat meine Freundin gesagt [...] nein um Gottes Willen, also ((lacht etwas))".17) [11]

Insofern in diesen populär-feministischen Witzen eine offensive, wenn nicht gar beleidigende Note gegenüber dem anwesenden Mann enthalten ist, demonstriert L bereits im Vorlauf des Interviews auf szenisch-interaktive Weise (mittels Agieren), dass ihr Interaktionsverhalten tatsächlich Anlass zur "Vorsicht" gibt. Denn L wird selbst zur Gefahr und bestätigt ihre eigene Warnung, indem sie den männlichen Interviewer, der gewissermaßen "unvorsichtig" war, in verblüffend unvermittelter Weise einer Provokation aussetzt. Gleichzeitig jedoch präsentiert sich L durch dieses offensive Manöver in einer Position, die sich der Gefahr einer Gegenattacke vonseiten des männlichen Gegenübers aussetzt. Zudem entspricht diese Interaktions-Sequenz auch in allen anderen Hinsichten der oben formulierten Präsentationsregel. Denn die Provokation bzw. Gefahr ist gleichzeitig durch den Modus des Witzigen moderiert; und indem L diese Sentenzen ausdrücklich als Zitate (einer Freundin) markiert und mit einem "nein um Gottes Willen, also ((lacht etwas))" letztendlich zurücknimmt, stellt sie gleichzeitig auch eine Funktion des Schutzes her. Auch die heuristische Formulierung: Vorsicht! Die Gefahr, Lust und der Schutz des uneingegrenzten Erzählens, erweist sich hier in eindrücklicher Weise als treffend. Denn neben den Aspekten von Gefahr und Schutz ist gerade die Lust am uneingegrenzten Erzählen spürbar, wenn L in geraffter (evtl. dissoziativer) Weise Sentenzen ihrer Freundin akkumuliert und also im lustbetont sprudelnden Bericht von Zitaten die Grenze einer persönlichen Relevanzsetzung entbehrt.18) [12]

In psychotraumatologischer Dimension bilden sich hier erneut die Grundzüge einer (Sprach-) Handlungsdynamik von Gefahr/Vorsicht, Moderation, Suche von Gefahr/Schutz ab, wobei sich hier die Gefahr thematisch auf den Aspekt des männlichen Angriffs auf die Frau präzisiert: "Frauen haben Gefühle Männer (springen dich an)". Die konkrete lebensgeschichtliche und analytische Frage, inwiefern sich hier auf szenische Weise abbildet, was L in einem bewusstseinsfernen Erlebensbereich tatsächlich an traumatischen Handlungen erfahren hat, und inwiefern sie diese Erfahrung in strukturelle Handlungsregeln der persönlichen Lebens- und Interaktionsgestaltung mit den sozialen Anderen und/oder den rezipierten Medienprodukten umsetzt, muss der separaten Recherche der biografischen Daten vorbehalten bleiben. (In begrifflicher Hinsicht jedenfalls entspricht der biografietheoretischen Strukturhypothese zur Handlungssteuerung der Person der psychotraumatologische Begriff des traumakompensatorischen Handlungsschemas.19)) Von gleichermaßen narratologischer und psychotraumatologischer Relevanz ist auch die Tatsache, dass zwischen der Lust an und wiederholten Suche nach der Gefahr einerseits und dem Schutz vor ihr andererseits eine subjektiv unvermerkte strukturelle Ambivalenz besteht. In funktionaler Hinsicht schlägt sich dies auch darin nieder, dass dem Aspekt der Gefahr (hier der Provokation von Seiten Ls und der Gegenprovokation, die sie damit aufruft) in diesem Kontext der Uneingegrenztheit der persönlichen Relevanzsetzung die Funktion zukommt, auf dem sekundären Weg des Agierens unwillkürlich eine (kompensative) Grenzsetzung und Gestaltbildung zu erwirken. Indem nämlich L ihre Sentenzen in provokativer Raffung vorbringt, fordert sie den Widerspruch (oder auch die affirmative Reaktion) des Gegenübers heraus, die es ihr erleichtert, – konfrontativ oder affirmativ – eine eigene Relevanzsetzung und Standpunktverortung zu erzielen. [13]

3.

Leilas Haupterzählung in der Handlungsstruktur: Gefahr, Moderation, Suche von Gefahr/Schutz

Vor dem Hintergrund dieses ersten handlungsstrukturellen Befundes, der bereits auf der Grundlage des Interviewvorlaufs und -beginns erstellt werden konnte, soll nun im Folgenden die Haupterzählung Ls betrachtet werden. Erst deren Untersuchung kann erweisen, ob und in welchen Hinsichten sich die hypothetische Annahme der Handlungsregel: Selbst als/in Gefahr und gleichzeitig witzige Moderation und Suche von Gefahr sowie von Schutz bestätigen lässt und auf welche biografischen und psychotraumatologischen Bedingungen sie zurückzuführen ist. Der erste Themenbereich, den L ausführt, könnte unter das Motto "Mein Vater und meine Geburt" gefasst werden:

"L: ja muss ich mal überlegen wie geht s los, ja, meine Eltern haben, also mein Vater is oder war Diplomingenieur, und hat also is wie ich ja auch schon am Telefon so an-, klingen hab hab anklingen lassen // I2: hmh // L: ähm, kommt aus m Irak, meine Großmutter is ne Russin aus m Aserbeidshan und mein Großvater Iraner, ähm:, hmh also vor der weißen Revolution ham uns dann auch mal n paar Dörfer gehört ((lacht)) // I2: hmh //, aber danach, also als der ( ) gestürzt wurde wars alles weg, und ähm, mein Vater hat se hat halt also hier in Deutschland studiert, is dann hier Diplomingenieur geworden, und ähm, hat dann meine Mutter geheiratet und die sind dann, in n Sudan geflogen, oder, haben dann da gewohnt [...] // I1: hmh //, und ähm, für meine Geburt is meine Mutter dann extra nach Düsseldorf geflogen hatten wir ne Wohnung hier in Deutschland". [14]

L beginnt ihre Darstellung mit einer jener Rahmenschaltungen der Unsicherheitsbekundung ("Wie geht's los?"). Gleich darauf trifft sie die spontane Entscheidung, ihren Beginn als Tochter "meiner Eltern" zu präsentieren; sie verwirft diese Entscheidung jedoch im selben Moment wieder, korrigiert sich mitten im Satz und beginnt, sich als Tochter ihres Vaters darzustellen ("ja muss ich mal überlegen wie gehts los, ja, meine Eltern haben, also mein Vater ..."). Die thematische Fokussierung auf den Vater bleibt auch im weiteren Verlauf in Kraft. L präsentiert sich in der Linie der väterlichen Herkunftsfamilie und deren Milieu sowie mit Bezug auf dessen berufliche Laufbahn (das Studium des Vaters, sein Beruf als Ingenieur, seiner ethnischen Herkunft als Iraker, die russisch-aserbeidschanische Großmutter Großmutter, der ehemalige Besitz der iranischen Großeltern väterlicherseits, die Heirat des Vaters, den Auslandsaufenthalt im Sudan). Auch die narrative Kontextualisierung ihrer Geburt, für die die Mutter aus dem Sudan "extra nach Düsseldorf geflogen" ist, ist nicht so sehr auf die Mutter als vielmehr auf den Vater bezogen. Denn die diesbezügliche Analyse der biografischen Daten ergibt, dass der besondere Aufwand, den L hier hervorkehrt, aufgrund des durch den Beruf des Vaters gegebenen Sozialstatus ermöglicht war und die "Düsseldorfer Wohnung", die L ausdrücklich erwähnt, eine Eigentumswohnung war, die dem Vater gehörte. Die Mutter, mit der L seither zusammenlebt und die alleinerziehend für sie sorgte, kommt in diesen ersten Sequenzen des Eingangsberichts nur als diejenige vor, die vom Vater geheiratet wurde ("[er] hat dann meine Mutter geheiratet"). Die entschiedene Abwendung, mit der L in ihrer Erzählung vom Aspekt der "Eltern" und der Mutter absieht und die Geschichte des "Vaters", seines Berufes und seiner Familie fokussiert, ist umso bemerkenswerter, als wir aufgrund der separat durchgeführten Datenanalyse wissen, dass die Eltern seit Ls 5. Lebensjahr geschieden sind, der Vater schon seit Ls 3. Lebensjahr nur sehr eingeschränkt präsent war und L bis zu ihrem 18. Geburtstag keinerlei Kontakt zu ihm hatte.20) [15]

Ls gegenwärtige Realität und beinahe ihre gesamte bewusste kindliche Erfahrung, in der der Vater und dessen Familie keinerlei konkrete Rolle spielte, geht in die Erzählung über ihre ersten Jahre überhaupt nicht ein. Der Vater erscheint nicht als einer, der von der Familie getrennt und praktisch immer vollkommen absent gewesen ist. Und auch die iranischen Großeltern, die bereits vor Ls Geburt gestorben waren, sowie deren "Dörfer", die seit der iranischen Revolution verloren gegangen waren, bezieht L mit einem einfachen "uns" auf sich selbst: "uns haben dann auch mal n paar Dörfer gehört". Dass es seit der frühen Kindheit keinerlei Beziehung mehr zur väterlichen Familie gibt, wird erst in späteren Erzählphasen und in der Datenanalyse deutlich. Die Präsentationsweise Ls, die hier der Regel entspricht: "ich bin die Tochter nicht so sehr meiner Eltern, sondern meines Vaters und seiner Familie", steht in eklatantem Widerspruch zu dem, was das konkrete lebensweltliche Kindheitserleben Ls gewesen sein muss. Das heißt: L präsentiert sich und ihre Geschichte in einer tendenziell realitäts- oder erlebnis-fernen Weise, nämlich nicht mittels der Gegebenheiten, die unmittelbar präsent waren und die sie also lebenswirklich erfahren hat, sondern mittels derer, die absent waren und sich ihrer Verfügung entzogen (ihr Vater und dessen Familie). Beinahe scheint es, als ob die logischen Bedeutungen der Begriffe von Abwesenheit-Anwesenheit oder Verlust-Gewinn eine Verkehrung erfahren hätten. (An dieser Stelle bereits über die konkreten Ursachen dieser Verkehrung zu spekulieren, verbietet sich aus methodologischen Rücksichten.) Die rekonstruktive Fallanalyse beschränkt sich auf die Ermittlung der je zugrunde liegenden strukturellen Handlungsregel (bzw. Strukturhypothese); und diese kann hier eine der realitäts- und erlebnis-fernen Handlungsorientierung genannt werden. Ohne also bereits hier entsprechende Schlussfolgerungen geltend machen zu wollen, sei in interdisziplinärer Hinsicht darauf hingewiesen, dass die psychoanalytischen und psychotraumatologischen Begriffe, die dieser Handlungsregel der Erlebensferne entsprechen, die der Abwehrformen der dissoziativen Abspaltung und der Idealisierung sind. Die Idealisierung fokussiert irreale Vorstellungsinhalte und/oder solche von Entitäten, die lebensweltlich abwesend sind, und die dissoziativen Abspaltungen unterteilen das Wahrnehmungsfeld in rigoros-idiosynkratische Bereiche des Positiven und Negativen, die sich zudem häufig als Gegenstände des Absent-Positiven und des Präsent-Negativen konkretisieren.21) Ls Präsentation weist eine dementsprechende Struktur auf, indem sie die Präsentation des Selbst im Lichte des idealisierten Abwesenden (der väterlichen Familie) bei gleichzeitiger Ausblendung des Anwesenden (der mütterlichen Familie) vollzieht; und diese Struktur wird sich für weiterhin differenzierte Beobachtungen als tragfähig erweisen. In verfahrenstechnischer Hinsicht ergibt sich aus der begrifflichen Synergie von Narrationsanalyse und Psychoanalyse die Möglichkeit, bei zunehmender Erhärtung des Befunds der Handlungsregel der Erlebensferne in einer interdisziplinären methodisch-theoretischen Erweiterung der Beobachtungskriterien auch systematisch auf Phänomene der Idealisierung und der dissoziativen Abspaltung zu achten. [16]

Die Handlungs-/Erzähl-Struktur der realitäts- und erlebnis-fernen Handlungsorientierung sowie eine Latenz der Verkehrung von Abwesenheit-Anwesenheit (bzw. Verlust-Gewinn) wiederholt sich in bemerkenswerter Weise, als L an wenngleich bedeutend späterer Stelle (ca. eine Stunde später in der Nachfragephase) auch über die mütterliche Seite der Familie spricht:

"meine Urgroßmutter is ähm, auf die höhere Töchternschule in Königsberg, oder in Berlin nee in Berlin glaub ich gegangen war hatte n guten Namen, also ganz hoch angesehen, und ihr Mann, ähm, und sie besaßen n Gut, n ganz großes Gut mit ganz vielen Dienstleuten /I2: hmh/, und ähm vorm ersten Weltkriech hat mein Urgroßvater durch eine Bürgschaft das Gut verloren, auf dem, ich glaub das war sogar das Gut, auf dem in Ostpreußen der Kaiser, zu Gast war wenn er in Ostpreußen jagen war also es war wirklich also hoch angesehen". [17]

Auch hier nimmt ein Verlust, der in der familiären Vorgeschichte auf der Ebene der Urgroßeltern situiert wird, in Ls Präsentation beinahe die Qualität eines persönlichen Gewinns – gewissermaßen an historischer Bedeutung – an. Es liegt also ebenfalls eine Präsentationsstruktur der realitäts- und erlebnis-fernen Erzählorientierung im obigen Verständnis vor. (Wobei hier die geschichtliche Distanz zur Großelterngeneration den Aspekt der Erlebnisferne zusätzlich verstärkt.) Auf der psychoanalytischen Betrachtungsebene würde sich hier mehr als eine Hypothese an bieten: Vielleicht präsentiert sich L deshalb mit dieser Reihe von bunten Herkunfts-, aber auch Verlustdaten auf der von ihr relativ weit distanzierten Großelternebene und vielleicht tut sie dies deshalb in einem amüsierten und Interesse erregenden Präsentationsgestus, weil sie damit einen ganz wesentlichen selbst erfahrenen Verlust, nämlich den des Vaters (vielleicht auch noch andere ungenannte Verluste auf der Mutterseite), indirekt artikulieren und gleichzeitig auch in einen Gewinn umdeuten kann. Vielleicht will L einen besonderen Selbstwert suggerieren, indem sie sich als letzte (große) Überlebende einer großen Zeit der Familiengeschichte präsentiert. Oder sie will mit diesem erlebnis-fernen, aber unaufhaltsam sprudelnden Erzählen eine Orientierungsunsicherheit in der Präsentation des Anfangs ihrer Lebensgeschichte ("wie geht's los?") überwinden. Derlei psychoanalytische und -traumatologische Erwägungen werden im Fortgang der Auswertung kontinuierlich angestellt werden, ohne allerdings zu vergessen, dass sie nur mit Vorsicht erfolgen können, weil sie in diesem Forschungs-Setting keiner interaktiven und konsensuellen Validierung zugänglich sind und deshalb im klassischen Verfahren der rekonstruktiven Narrationsanalyse nur sehr eingeschränkt eingesetzt werden. Diese bescheidet sich hier also zunächst mit der Feststellung, dass die Strukturhypothese der realitäts- und erlebnis-fernen Erzählorientierung eine weitere Bestärkung erfahren hat. Und sie zieht den Schluss, dass für Ls Präsentation ihres frühen Lebens die Wirkung eines thematischen Negativfeldes angenommen werden muss.22) Ein solches thematisches Negativfeld kann freilich genau genommen niemals nur für L persönlich angenommen werden, sondern gilt immer auch wesentlich für das gesamte (narrative) System ihrer Familie. Denn Ls Präsentation ist nicht ohne die Strukturen und Leerstellen zu denken, in denen die zuhause vielfach erzählte und/oder ausgesparte Familiengeschichte tradiert wird. Und thematische Negativfelder werden insbesondere dann ausgebildet, wenn wesentliche Teile des persönlichen frühen Erlebens der BiografIn nicht in die Tradierung ihrer Familiengeschichte aufgenommen sind (und also desymbolisiert bleiben). In jedem Fall stellen Negativfelder einen allgemeinen Hinweis auf konflikthafte Themen der Familiengeschichte dar. [18]

4.

"Messer unter dem Kissen" – frühe Beziehungstraumatik und traumakompensatorisches Erzählschema

Angesichts eines thematischen Negativfeldes stellt sich zunächst die methodisch-technische Frage nach dem konkreten zeitlichen Ausmaß, in dem es sich entlang der sequenziellen Aufschichtung über die Erzählung erstreckt, sowie nach den thematischen Erlebnisinhalten, auf die es sich (negativ) bezieht. Auf dieser Grundlage können dann die betroffenen Lebensphasen und die Themen im Einzelnen näher eruiert (bzw. direkt angefragt werden). Für Ls Erzählung kann festgestellt werden, dass sich das Negativfeld auf "meine Eltern" bezieht, denn dieses Stichwort ist der Punkt, an dem L ihre Darbietung unterbricht und ihre Perspektive allein auf den Vater konzentriert ("ja muss ich mal überlegen wie geht's los, ja, meine Eltern haben, also mein Vater ..."). Die Themen des Negativfeldes, die L nicht ausführt (oder ausführen kann), haben also mit Ls Eltern zu tun und sind zunächst in der Zeit um die Geburt Ls und in den ersten drei Jahren zu lokalisieren. Um zu ermitteln, wie weit sich das Negativfeld sequenziell über die Erzählung erstreckt, ist nun darauf zu achten, an welcher Stelle L den Modus von Bericht und Argumentation verlässt, dem sie bis hierher gefolgt war und der ihr eine wertfreie sowie meinungs- und affekt-neutrale Darbietung ermöglichte. Wo nämlich Evaluationen und Erzählungen einsetzen, die in Ls Eingangsbericht vollkommen fehlen, lässt die blockierende Wirkung nach und der biografische Endpunkt des Negativfeldes kann angesetzt werden. Die erste Evaluation Ls ist zu verzeichnen (Seq. 7, 4,8 – 4,21), als sie über den Eintritt in den Kindergarten in ihrem dritten Lebensjahr berichtet ("war sehr schön"). Das Nachlassen der tabuisierenden und/oder der die Darbietung verwirrenden Wirkung des Negativfeldes für die Lebensphase ab drei Jahren ist zeitlich mit der Rückkehr nach Deutschland verknüpft und mit der Eröffnung des ersten außerfamiliären und außerhäusigen Bereichs. Ferner dürfte sich in diesem Zeitraum auch die Trennung der Eltern angebahnt haben, die sich schließlich scheiden lassen, als L fünf Jahre alt ist. Das Negativfeld konstituiert sich also aus Themen, die mit dem frühen gemeinsamen Leben der Eltern, den Umständen der Rückkehr der Familie nach Deutschland und der letztendlichen Trennung zu tun haben. (Entsprechend stark ausgeprägt sind die emotionalen und kognitiven Unsicherheits-Indikatoren bei der Präsentation der Trennung.)

"in den O-Dorf Kindergarten, war sehr schön ((lacht leicht)) /I1: hmh/, ham sich meine Eltern irgendwann scheiden lassen ich glaub s war, 87, 89 weiß ich gar nich so genau, war ziemlich klein // I1: hmh // und dann 87 oder 86 muss es gewesen sein, und ähm, bin ich in L-Stadt zur Schule gegangen". [19]

Um welche Erfahrungen es sich in dieser von einem Negativfeld überdeckten Zeit im Einzelnen gehandelt haben mag, ist zunächst gar keine vordringliche Frage; denn die narrationsanalytisch wichtigere Frage richtet sich darauf, mittels welcher Handlungsregeln L diese Erfahrungen verarbeitet. Und diese schlagen sich in ihrer Präsentationsweise nieder, wenn sie diesen Negativ-Themen in ihrer Erzählung begegnet. Da L in ihrer eigenständigen Präsentation der Haupterzählung den Vater und die junge Familie nicht mehr erwähnen wird, die Wirkung des Negativfeldes also durchgängig anhält, kommt diese Thematik erst später in der Nachfragephase zur Sprache. Als L eineinhalb Stunden später von uns auf ihre Erinnerungen an den Vater angesprochen wird, erwähnt sie einen Streit der Eltern:

"L: ja: also dadurch dass, als wir hierher also in L-Stadt schon waren dass er na- also alleine durch die Weltgeschichte gegondelt is ( ) so arbeiten musste, da hab ich ihn also nich so oft gesehen aber, ich kann mich noch an eine Szene erinnern wo er sich ganz fürchterlich mit meiner Mutter gestritten hatte, [...] und da hatten die sich angeschrien und angebrüllt und ja als Kind versteht man das natürlich nich so // I2: hmh // daran kann ich mich erinnern und dass er mir mal eine Barbie gekauft hat". [20]

Vom Thema des Streits kommt L also gleich wieder ab. Als sie erneut daraufhin angesprochen wird, erzählt sie knapp die Szene eines heftigen Wortwechsels zwischen den Eltern, die sie miterlebt hat, und beschließt ihre Äußerung mit folgender Evaluation:

"aber ich weiß auch nich ob ich da ne große Angst hatte oder, ich bin einfach wieder in s Bett gegangen, ich kann mich nur erinnern dass ich sie gesehen hab und bin dann einfach wieder // I1: hmh // ins Bett ich konnt es zwar nich verstehen aber ich glaub es hat mir auch, es hat mir auch keine Furcht eingeflößt // I1: hmh // wenn ich so drüber nachdenke ich bin einfach wieder in mein Bett gegangen und hab das dann gut sein lassen". [21]

Wie es bei einem für eine höchstens Vierjährige so beunruhigenden Erlebnis nicht überrascht, ist die der Präsentation inhärente Handlungsregel eine der thematischen Vermeidung bzw. der affektiven Abspaltung oder Verneinung ("es hat mir auch keine Furcht eingeflößt"), die mit der im Bisherigen formulierten Handlungsregel der Gefahr sowie der Erlebensferne korrespondiert. [22]

Es erhalten hier die psychotraumatologischen Erwägungen neue Hinweise; zumal L diese Szene auch in der für traumatische Erfahrungen typischen Weise in abbildexakter, visueller (eidetischer) Rekapitulation der Originalabläufe darstellt.23)

"und ähm gleich daneben so schräg also hier is mein Zimmer gewesen hier so, die Tür war hier, und hier war dann die Küche, Flur also das isn bisschen schwierig jetzt, und die sind dann ständich hin und her gerannt und, haben er also er hat meine Mutter angeschrieen und meine Mutter hat, also ihn angeschrien und, also, sonst ja also, so d d- hm so daran kann ich noch erinnern so nochm- mich dran erinnern dass mein Mutter dann eben Turban auf ( ) grad geduscht in ihrem blauen Bademantel, durch die Gegend gerannt ist". [23]

Hinzu kommt ein Hinweis auf eine psychosomatische Reaktion; denn L berichtet, dass sie zu dieser Zeit wiederholt unter organisch ungeklärten Fieberkrämpfen gelitten hat, und sowohl das Faktum selbst als auch die thematische Abfolge in der Präsentation weisen darauf hin, dass es sich dabei um den körper-symptomatischen Niederschlag einer beziehungsbedingten psychotraumatologischen Stresssituation handelt.

"ich bin einfach wieder n mein Bett gegangen und hab das dann gut sein lassen // I1: ja // L: also (1) weiß ich nich (1) ich weiß nur, als ich ich war, ziemlich, krank also ich war, als ich, ganz klein war wirklich also oft krank, ich hatte Fieberkrämpfe, auch bis schon einundvierzig Grad rauf und für so ein Kind ist das ja // I1: hmh // [...] und, ähm, die vom Krankenhaus hatten ihm, äh ihr dann empfohlen, ja in, ab in kaltes Wasser können aber Gehirnschäden bleiben // I1: uh // L: ((räuspert sich)) das wollte meine Mutter aber nich ja dann, um mich zu entkrampfen ich hab halt wirklich Fieberkrämpfe gehabt // I2: hmh //, und ich hatt von allen Bekannten alle ham mir geholfen ham Eis- Eisblöcke und und und Eis-, würfel und alles, rangekarrt und ähm, dann musst ich ins Krankenhaus und es war, ähm gar nich so sicher ob ich das überlebe, also das war wirklich ich lag dann da wö hab gekrampft und, keiner hat das Fieber runterbekommen". [24]

Im direkten Anschluss an den Bericht über den elterlichen Streit spricht L über die Fieberkrämpfe. Es deutet sich also in der thematischen Sequenzierung von Ls Erzählablauf durch die Aufeinanderfolge der Sequenzen Streit und Fieber ein direkter Zusammenhang an (den L jedoch offensichtlich nicht bewusst erwägen kann/will). [25]

In diesem Kontext bietet sich ein kurzer Exkurs über die Daten von Ls facettenreicher Krankheitsgeschichte an; denn L weist während ihrer gesamten Kindheit bis heute eine schwache gesundheitliche Verfassung auf, die für psychosomatische Überlegungen eine wichtige Rolle spielt. L gibt folgende Stichworte, die hier aus Platzgründen lediglich kontextfrei summiert werden können, die jedoch auch L selbst in überwiegend summarischer und dekontextualisierter Weise darbietet:

"jeweils drei Wochen Masern und Windpocken, also ganz heftich"; [...] "Gesichtspneumone, das heißt also das Gewebe hat sich vergiftet in meinen Gesicht"; [...] "Streptokoggen in die Wunde rein, ( ) und dann stand ich wieder an der Schwelle des Todes"; [...] "Keuchhusten"; [...] "Verdacht auf Tuberkulose"; [...] "schon immer n schwachen Kreislauf dann lag ich immer flach hat Gehirnerschütterungen, wie nichts also, auch richtich heftich dann durft ich drei Wochen immer nur in dunklen Räumen"; [...] "irgendwann mal n Verdacht auf Blinddarmreizung"; [...] "dann wurden mir die Mandeln raus genommen"; [...] "dann immer gleich Grippe mit hohen Fieberschüben Fieberkrämpfen ausgeartet"; [...] "irgendwie auch Kreislauf", "ne Sauerstoff-Fehlversorgung das heißt ich kann nich immer richtich durchatmen also ich krich nich genuch"; [...] "also niedriger Blutdruck, ne Kreislaufschwäche ((hustet)) und das bedingt dann, zeitweise Herzrhythmus-Störungen"; [...] "ja mein Rücken is auch kaputt"; [...] "dass war aber schon als ich Säugling war war sie [die Wirbelsäule, H.W.] nich richtich ausgebildet, also ich bin schon so auf die Welt gekommen sozusagen"; "als ich gewachsen bin früher sind meine Kniescheiben, ganz gerne mal aus ihren Fassungen gesprungen"; [...] "und sonst bin ich eigentlich kerngesund [...] ja aber ich merk das [die Herzrhythmus-Störungen] dann wirklich nichts also, ( ) wenn ich mich nich anstrenge so ( ) wie bis jetzt dann merk ich davon nichts". [26]

Bei aller Vorsicht, mit der derlei biografisch-narrative Angaben immer gelesen werden müssen, sie erwiesen sich für L insofern als zutreffend, als sich in der Datenanalyse hinsichtlich der Krankheitsgeschichte keine Widersprüche ergaben. Auch deutet in der Narration nichts darauf hin, dass L sie in dem Bestreben gegeben hat, Mitleid zu erregen. Denn die meisten dieser Äußerungen bringt L nicht aus eigenem Antrieb vor, sondern erst in der Nachfragephase. Der Präsentationsakzent liegt dabei vielmehr auf der Verharmlosung und sogar der witzigen Belustigung über diese Krankheiten, die L, ähnlich wie schon die Geschichten auf der Großelternebene, eher distanziert (evtl. dissoziiert) als interessante Kuriositäten aufzubereiten scheint. Der Akzent der Verneinung/Abspaltung tritt hinzu, insofern das abschließende Motto der Darbietung auf dem "eigentlich kerngesund" insistiert und L als unmittelbaren Leistungsnachweis auch die momentane Situation mit uns und ihre bisherige – in der Tat respektable – Erzählleistung anführt ("wenn ich mich nich anstrenge so ( ) wie bis jetzt"). [27]

Ein psychosomatischer Zusammenhang mit frühkindlichen familiären Stressfaktoren deutet sich zudem in der zum Zeitpunkt des Interviews seit zwei Jahren bestehenden depressiven Disposition Ls an, die sie in heilpraktisch-psychologische Behandlung führte. Nachdem L über den Streit der Eltern und ihre Fieberkrämpfe berichtet hat, macht sie noch weitere Angaben über die familiäre Spannungssituation ihrer ersten Jahre.

"das hab ich allerdings erst (im) hinterher erfahren ich, wusste, dass ich ne Zeit lang immer bei meiner Mutter im Bett schlafen sollte also ich durfte nich in meinem Zimmer schlafen ich musste in ihrem Bett schlafen, im Schlafzimmer // I1: hmh //, und später hab ich mitbekommen dass es so war weil, ähm, damit meine Mutter mich also ähm in Sicherheit weiß sozusagen". (Herv. H.W.) [28]

Erst zu diesem Zeitpunkt, eineinhalb Stunden nach Beginn des Interviews, in dem sich L vielfach als Vatertochter präsentiert hat, kommt dann eher nebenher Folgendes zur Sprache:

"mein Vater war wohl auch, Alkoholiker oder was weiß ich (1) und also das schwarze Schaf in seiner Familie auch, irgendwie, und hat wohl meine Mutter gewürgt (1) und hat zu ihr gesacht, ähm, ich hätt dich schon längst umgebracht wenn deine deine, deine Mutter nich so nett wäre dazu muss man sagen meine Oma war ne Hexe also wirklich die hat, ein bes- immer gegen den anderen aufgewiegelt // I2: hmh //, aber also hat sie gewürgt und gesacht ja also ich hätt dich schon längst umgebracht wenn deine Mutter nicht so nett wäre // I2: hmh //, und meine Mutter hab ich dann also, deshalb musst ich bei meiner Mutter im Bett schlafen damit er mir nichts tut, ich war noch sehr klein, und hatte also immer n Messer da unter ihrem Kissen gehabt also falls er reinkäme dass sie sich sofort da, das klingt immer so ganz spektakulär aber ich fand das, gar nich so ((lacht)) // I2: hmh //, wie gesacht ich kann mich nich dran erinnern also // I1: hmh". (Herv. H.W.) [29]

Auch hier ist die Auswertung zur Vorsicht aufgerufen, zumal L sich ausdrücklich auf die Erzählungen anderer bezieht. Es ist bei der Auswertung eines narrativ-biografischen Interviews zunächst gar nicht das erste Ziel, den Wahrheitsgehalt von Aussagen zu ermitteln.24) Die Frage ist vielmehr, auf welche Weise L die Themen präsentiert, die im Negativfeld ihrer Darbietung der frühen Familiengeschichte situiert sind, und welche allgemeine Handlungsregel aus der Präsentation gewonnen werden kann. Und hierzu ist hinsichtlich der beiden zitierten Aussagen (Streit, Messer) festzustellen, dass L sie in einem Präsentationsmodus der Entdramatisierung, Beschwichtigung oder Harmonisierung einbringt. Denn eine Situation des Streits bzw. eine Szene fürchterlichen Inhalts ("Messer unter dem Kissen") wird uns gegenüber in ihren Aspekten der Gefahr und Gewalt beschwichtigt bzw. verneint ("aber ich glaub es hat mir auch, es hat mir auch keine Furcht eingeflößt"; "das klingt immer so ganz spektakulär aber ich fand das, gar nich so"). Dabei ist immer zu bedenken, dass der Beschwichtigung und Verneinung in der Darstellung einer jungen Erwachsenen auf der Ebene des Erlebens eines vierjährigen Mädchens einem sehr viel tiefer greifenden Abwehrvorgang entspricht, nämlich dem der Derealisierung von Szenen der Angst und Gewalt. Bei den psychotraumatologisch beschriebenen Phänomenen der Derealisierung25), handelt es sich um Vorgänge, die zur vollkommenen oder teilweisen Ausblendung von (Gewalt-) Erfahrungen führen. Für Ls Präsentation muss also grundsätzlich mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass sie wesentliche Teile der zwischen den Eltern aufbrechenden Aggression im Damals des Erlebens nicht nur beschwichtigt, sondern gerade in affektiver Hinsicht unter Umständen vollkommen vergessen, mithin derealisiert hat. [30]

Wie auf den Bericht zu Beginn von Ls Präsentation treffen auch auf diese (inhaltlich dramatische) Erzählszene die handlungsdynamischen Strukturmerkmale Selbst als/in Gefahr und gleichzeitig witzige Moderation und Suche von Gefahr sowie von Schutz zu. Die Aspekte Gefahr und Moderation sind in eklatanter Weise inhaltlich präsent, während sich die Moderation hier als sprachliche Beschwichtigung/Verneinung von möglicherweise sehr schwerwiegenden gewalttätigen Übertretungen zwischen den Eltern und evtl. sich selbst konkretisiert. Ls durchgängiger Modus der Harmonisierung (Affektneutralisierung) stellt dann für Vater und Tochter gleichermaßen eine psychologische Form von Schutz dar; lediglich der Aspekt des Witzes ist hier nicht aktiviert. (Man mag allenfalls eine Latenz dergestalt annehmen, dass diese Geschichte, wenn sie denn durchaus nicht "spektakulär" sein soll, sich beinahe selbsttätig auf den Modus entweder des Unbedeutenden oder sogar des Amüsanten zubewegt.) Damit findet auch die oben erwogene psychoanalytische und -traumatologische Hypothese eine Bestärkung. Denn unter der durchaus plausiblen Voraussetzung, dass die frühe Familiensituation (auch wenn das Handlungsdetail um das "Messer unter dem Kissen" fantasmatischer Natur sein sollte) insgesamt von Aggression und Übergriffigkeit gekennzeichnet war, ist die narrative Selbstpräsentation unter den Strukturmerkmalen Gefahr, Moderation, Suche von Gefahr/Schutz als Folge der frühen Lebenssituation begreiflich. Die "Vorsicht", zu der L uns eingangs mahnte, wäre in diesem Zusammenhang dann als Projektion bzw. als die dissoziativ agierte Inszenierung einer Vorsicht und Schutzsuche zu verstehen, die L in ihrer lebensgeschichtlichen Frühzeit nicht in wünschenswerter Weise gewährt war. Ferner handelt es sich um eine "Vorsicht", die L in ihrer Gegenwart in Folge ihrer Entdramatisierung wie auch ihres provokativen Handlungsstils gegenüber sich selbst in eklatanter Weise vermissen lässt. Denn diese Faktoren der Handlungssteuerung begünstigen (projektiv-identifizierende) Eskalationen, was in aller Regel zu wiederholungshaftem Konfliktagieren führt. Wie oben angesprochen entspricht diese narrationsanalytisch ermittelte Handlungsstruktur-Regel dem, was in psychotraumatologischer Perspektive ein traumakompensatorisches Handlungsschema genannt wird. Auch der augenscheinliche Mangel an persönlicher Relevanzsetzung, aufgrund dessen L eine durchgängige Unsicherheit dahingehend aufwies, was für ihre lebensgeschichtliche Erzählung relevant ist und/oder was ihr persönlich der Thematisierung wert ist ("ja (1) was gibts noch, was wollt ihr noch so wissen, so?"), ist als Folge der frühen, aggressiv aufgeladenen Lebenssituation begreiflich. Denn ein Präsentationsstil, der in unvermerkter Ambivalenz zwischen lustbetontem Erzähleifer und Mangel an persönlich-differenzieller Relevanzsetzung steht und somit tendenziell dissoziativ geprägt ist, weist grundsätzlich auf psycho- und beziehungstraumatisches Erleben hin. Umso aussichtsreicher scheint es, in Anlehnung an die traumakompensatorischen Handlungsschemata, die die lebensweltlich-direkte Sozialinteraktion einer Person prägen, für die Medieninteraktion nach den traumakompensatorischen Erzähl- und Rezeptionsschemata des dissoziativen Handlungsbereichs zu suchen und sie in ihrem lebensgeschichtlichen und psychogenetischen Zusammenhang zu rekonstruieren. Für L wird sich im Folgenden die konkrete Frage stellen, inwiefern sich diese Schemata in ihrer Familiengeschichte (in Daten und Präsentation), in ihrem Sozialleben und in ihrer Medieninteraktion niederschlagen. [31]

5.

Täter-Opfer-Inversion: Narrative Engramme der familiären Dreigenerationen-Dynamik aus der Zeit des Dritten Reichs

Ls Präsentationsverfahren der Entdramatisierung und Harmonisierung von Themen/Erfahrungen der Gefahr und Gewalt ist noch durch einen weiteren psychotraumatologisch bedingten Mechanismus gestützt. Unter der Voraussetzung, dass der Vater tatsächlich, in welcher Form auch immer, für L eine Quelle der Aggression und Angst war, ist Ls Präsentation ansatzweise von einer so genannten Täter-Opfer-Inversion oder Täterentschuldigung geprägt.26) Dies zeigt sich daran, dass L trotz des gewalthaften Zusammenhangs von ihrem Vater verständnisvoll, aber ohne jegliche weitere Erläuterung als dem "schwarzen Schaf in seiner Familie" spricht und zwar genau dort, wo sie gleichzeitig die Gewaltaspekte derealisiert. Damit rückt die Vater-Figur ihrer Erzählung, die doch in vielfacher Hinsicht als Täter profiliert ist, in die Position des Opfers. (Nicht der möglicherweise empathische Perspektivenwechsel als solcher, der ja durchaus einsichtsreich sein kann, sondern die Tatsache, dass die Perspektiven akut und unvermerkt vermischt werden und vollkommen erläuterungslos verbleiben, weist auf eine Täter-Opfer-Inversion hin.) [32]

Der Mechanismus der Täter-Opfer-Inversion findet sich in prägnanter Weise noch in mindestens einem weiteren Kontext, der inhaltlich Ls Recherche von historischen Themen betrifft. (L ist Teilnehmerin eines Leistungskurses Geschichte und beschäftigt sich laut eigenem Bekunden bis an die Grenzen ihrer emotionalen Belastbarkeit mit dem Thema "Holocaust".) Hier ist also indirekt bereits die Frage nach Ls Medienhandeln berührt. Über die mütterliche Seite ihrer Familie, die aus Königsberg stammt und nach dem Krieg auf der Flucht in den Raum L-Stadt gekommen ist, berichtet L:

"meine, Oma mütterlicherseits also die Mutter meiner Mutter kommt, aus Königsberg direkt, und deren Vorfahren wieder aus Österreich irgendwann im dreißig jährigen Krieg sind se aus Österreich dann nach Polen geflüchtet, oder wie das damals war, und mein Opa also der Vater meiner Mutter kommt, aus Frankreich ursprünglich also n bisschen Franzosen // I1: hmh // Hugenotten die #dann auch // I1: #((lacht etwas))# // L: irgendwann geflüchtet sind#, ja s is ne bunte Mischung /((lachend)): ihr seht schon // I1: ((lacht etwas)) ja // L: ja und, ja, sind se dann nach hierher geflüchtet nach B-Dorf, und da sind se auch geblieben". (Herv. H.W.) [33]

Bemerkenswert an dieser Äußerung ist, wie L das, was sie uns als ihre Familiengeschichte mütterlicherseits präsentiert, mit einem Schwerpunkt im 16. Jahrhundert versieht. Hinsichtlich ihres Großvaters verdichtet L den Bericht in einer Weise, die für den Zuhörer zwangsläufig zu Missverständnissen führen muss. Sie berichtet, dass ihr Großvater "ursprünglich also n bisschen Franzose" wäre und von den "Hugenotten" abstammt; sie tut dies dermaßen gerafft, dass im Moment der Erzählung der Eindruck entsteht, der Großvater selbst wäre ein Hugenotte des 16. Jahrhunderts. Nach einer kurzen Einfügung ("bunte Mischung") schließt L unmittelbar die Erwähnung der Flucht der Großeltern an, als ob es sich um die Flucht der Hugenotten aus Frankreich nach Brandenburg-Preußen handele oder als ob diese Hugenotten damals nach B-Dorf geflohen wären.27) Bei der Flucht der Großeltern kann es sich freilich nur um die Flucht vor der sowjetischen Armee aus Königsberg handeln. Dort nämlich haben, wie wir später erfahren, die Großeltern noch im Jahre 1941 geheiratet. [34]

Was ist die präsentationssteuernde Handlungsregel, die dieser eigentümlichen Überblendung einer tatsächlichen mit einer historischen Fluchtgeschichte zugrunde liegt? Warum präsentiert L ihren Großvater und nur ihn ("Opa also der Vater meiner Mutter") und nicht etwa auch die Großmutter, die ja zusammen mit ihm fliehen musste, als ob dieser Großvater schon 1685 vor den französischen Katholiken geflohen wäre (die die Hugenotten [in der sog. Bartholomäusnacht] einer Massenvernichtung aussetzten). Ferner schließt sich die Frage an: Aufgrund welcher Handlungsregel vollzieht L an genau diesem Punkt den expliziten Rückbezug auf sich selbst und ihr Selbstverständnis als "bunte Mischung" (eine Selbstattribuierung, die freilich schon seit den ersten Zeilen ihrer Erzählung mit Bezug zur väterlichen Seite – Iran, Irak, Russland und Aserbeidschan – implizit vollzogen war)? Die allgemeinen geschichtlichen Umstände der Zeit und die sozialgeschichtliche Platzierung, in der sich Ls Großeltern damals befanden, sollen hier nur insoweit eruiert werden, als sie zur Beantwortung der Frage nach dem Präsentationsgestus beitragen können. Und in der Frage nach Ls Präsentation dieses Themas muss selbstverständlich immer mitbedacht werden, dass diese im Wesentlichen auf die innerfamiliäre Tradierung dieses Teils der Familiengeschichte zurückgehen wird. Hierzu müssen wir einige (familien-) biografische Daten heranziehen: Wir erfahren über Ls Großeltern und ihr Leben in der Zeit vor der Flucht nur, dass sie 1941 geheiratet haben; ferner macht L die allgemeine Bemerkung: "[die] Großeltern dann wirklich, die waren Ostpreußen vom, vom besten, auch preußische Erziehung bis in s Letzte". Diese Verheiratung erfolgte also nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Nachbarländer im Osten und während der Einrichtung der Konzentrationslager in Polen. Angesichts des Ausmaßes, das die Deportation und Vernichtung jüdischer Mitbürger in den Gebieten der baltischen Länder angenommen hatte, ist die Annahme zwingend, dass die Großeltern über eine gewisse persönliche Kenntnis und Erfahrung mit den Vorgängen der Deportation verfügten, sei es durch Mitwisserschaft oder evtl. durch Mitverantwortlichkeit (möglicherweise, wenngleich nicht wahrscheinlich, auch durch Mitopferschaft). Darüber hinaus sind die Großeltern später mit hoher Wahrscheinlichkeit Opfer der Vertreibung und evtl. Verfolgung durch die sowjetische Armee geworden. [35]

Das Interview enthält weitere für diese Thematik relevante Hinweise. Zum einen berichtet L beiläufig, dass nach dem Tod der Großmutter, der einige Monate vor dem Interview erfolgte, einige Familienakten aufgetaucht seien und dass diese jedoch von einem der Onkel entwendet wurden (wofür L finanzielle Motive geltend macht). Das einzige Detail, das L aus diesen Akten erwähnt, spricht sie nicht an dieser Stelle an, sondern erst später, als wir sie danach fragen, ob jüdisches Leben in ihrer Familie eine Rolle spielt. (Die Frage erfolgte, nachdem L über ihre extensiven Recherchen zum Thema jüdische Religion und Shoah berichtet und an anderer Stelle ebenfalls beiläufig erwähnt hatte, dass ihre 14 Jahre ältere Halbschwester mütterlicherseits, deren Existenz L bis zu ihrem vierten Lebensjahr verschwiegen wurde, ihre Kinder Joshua und David nannte; dabei verriet L mit keiner Geste, dass sie sich der jüdisch-alttestamentarischen Tradition dieser Namen bewusst war.) Auf diese Frage gibt L folgende Antwort:

"L: Ich weiß also ((lacht)), ganz platt ausgedrückt damals als meine Oma gestorben is (1) als die heiraten, geheiratet haben im Dritten, Reich war das noch '41 ham die (1) ja '40 '41 irgendwann, mussten die ja so n Stammbaum, also so einen Standesnachweis, verfasst keine Ahnung ((lacht)) // I1: ja // I2: hmh hmh // L: und da ham wir von meiner Oma von meinem Opa nich mehr die hat, meine Oma wohl ( ) von meiner Oma Unterlagen gefunden, und da:, also mein, der Vater meiner Oma war unehelich, und den hat eine jüdische Hebamme /((lachend)): auf die Welt gebracht/ // I2: ((lacht)) L: das aber nun aber nichts damit zu tun is mir grad nur so eingefallen" (Herv. H.W.). [36]

Wie immer eine solche Aussage in einer mündlich tradierten Familiengeschichte aus dem Königsberg des Dritten Reiches im Einzelnen zu verstehen sein mag – ob die "jüdische Hebamme" ein faktengetreues Datum darstellt, ob sie auf einen jüdischen Zweig der Familie hinweist (evtl. sogar metonymisch für ihn einsteht), von dem L keine Kenntnis hat und der der Vernichtung zum Opfer gefallen ist, oder aber ob die Geschichte über die "jüdische Hebamme" innerhalb der Familienerzählung funktionalisiert wurde, um eine Nähe zur Judenheit bzw. eine jüdische Scheinidentität zu suggerieren und damit Entschuldigung für Verantwortlichkeiten zu erreichen. Dies kann hier nicht ermittelt werden. (Auch die jüdische Namenswahl für die Kinder von Ls Halbschwester mag mit dergleichen Motiven zu tun haben.) Insgesamt kann man aufgrund der Präsentation und biografischen Daten davon ausgehen, dass Ls Großeltern mütterlicherseits in der damaligen historischen Konstellation dem Bevölkerungsanteil der Mitwisser und evtl. Mitbeteiligten angehört haben und ferner dass sie nach dem Krieg Opfer der Vertreibung durch die sowjetische Armee wurden. Und die Tatsache, dass eine Familiengeschichte der Mitwisser- oder Täterschaft, aber auch eine der Opferschaft in der Nachkriegszeit in aller Regel schwer erzählbar war (und die Akten entwendet sind), macht für diese mündlich tradierte Familiengeschichte eine Täter-Opfer-Inversion auf der Basis einer jüdischen Konnotation durchaus plausibel. Zweifelsfrei kann jedenfalls festgestellt werden, dass sich ein der Täter-Opfer-Inversion analoges Phänomen auf der Ebene von Ls Präsentation findet. Indem nämlich L die Flucht der Großeltern vor der sowjetischen Armee durch ihre eigentümliche thematische Überblendung mit Assoziationen der Hugenotten-Flucht aus Frankreich versieht, unterstreicht sie ausdrücklich deren Opferstatus, und zwar ohne von irgendeiner konkreten Opfererfahrung der Großeltern zu berichten. Und dies mag mit ein wesentlicher Grund dafür sein, dass sie in ihrer Familiengeschichte über die mütterliche Seite historisch so weit ausholt und so gerafft erzählt. (Die Annahme liegt nahe, dass L hier mehr oder weniger unbewusst eine Darbietungsstruktur der Großeltern nachvollzieht [die seit ihrem vierten Lebensjahr als ihre Ersatzeltern fungierten]).28) Der Opferstatus der jüdischen Hebamme hingegen, von deren Ermordung aufgrund der hohen Opferzahlen in der jüdischen Bevölkerung der baltischen Länder mit einiger Wahrscheinlichkeit ausgegangen werden muss, ist in Ls Äußerung nicht präsent, was angesichts ihrer Holocaust-Recherche überrascht ("das aber nun aber nichts damit zu tun is mir grad nur so eingefallen"). [37]

Mit Blick auf unser primäres Untersuchungsinteresse – die Handlungsstruktur von Ls Präsentationsverhalten – zeigt sich hier eine weitere Dimension der Handlungsregel: Vorsicht! Die Gefahr, Lust und der Schutz des uneingegrenzten Erzählens; und zwar stellt sich hier ihre Erstreckung in der familiären Dreigenerationen-Dynamik dar. Denn die in der Strukturregel enthaltenen Handlungsaspekte sind auch in diesen Sequenzen wirksam (und sie erweisen sich hier in ihrer spezifisch familiendynamischen Dreigenerationen-Dimension). Die Gefahr (und Gewalt) stellt einen herausragenden Inhaltsaspekt der von Konnotationen sowohl der Mitwisser-/Mittäterschaft als auch der eigenen Vertreibung gekennzeichneten Familiengeschichte dar; und die Gefahr erweist sich neuerlich auch auf der (formalen) Ebene der Präsentation Ls als eine der grenzverlorenen Überblendung von verschiedenen Thematiken und Geschichtsepochen.29) Die Erzähl-Lust Ls ist nach wie vor als ungebrochener Präsentationseifer evident, wie auch das Bemühen Ls, innerhalb unseres Settings und zusammen mit uns für dieses Erzählen einen ermöglichenden und schützenden Rahmen herzustellen. In psychotraumatologischer Perspektive lässt sich neuerlich die Beobachtung machen, dass das engagierte Erzählen der Biografin, das in historischer Hinsicht um inhaltliche und formale Aspekte von Gefahr kreist (ferner um Aspekte der manifesten sowie impliziten, mikrostrukturellen Gewalterfahrung, die eventuell durch transgenerationale Weitergabe von Traumatik übertragen wurde30)), auch auf familiengeschichtlicher Ebene keinerlei konkrete Gewalterfahrung erzählt, weil die entsprechenden Dissoziationen vorliegen. Zwar ist dieses engagierte Erzählen von einem wiederholungsdynamisch geprägten Versuch getragen, die Affekte und Assoziationen, die diese Gefahr und ihr formaler erzählerischer Niederschlag beinhalten/ausagieren (Angst, Wut, Orientierungs-Verunsicherung, Trauer), erzählend zu bannen und psychisch zu integrieren. Weil die Gefahr-Erlebnisse jedoch nicht erzählend aktualisiert werden können, besteht eine Situation der relativen, abwehrbedingten Dissoziation. Wie sich L oben nicht der Bedrohlichkeit sowie des Entsetzens und der Trauer erzählend inne werden kann, die ein Bild der frühen Kindheit von Eltern mit einem "Messer unter dem Kissen" aufruft, scheint sie auch hier vollkommen frei von allen Affekten und Erwägungen über Gewalt und Leid zu sein, die sich in der Geschichte der Großeltern wahrscheinlich zugetragen haben. (Lediglich ein – verschobener – Affekt über die unglücklichen Kindertage des überbehüteten Großvaters kommt zum Ausdruck.) Die Handlungsaspekte der Affekt-Harmonisierung und -Verneinung ("aber ich glaub es hat mir auch, es hat mir auch keine Furcht eingeflößt") sowie der tendenziellen Täter-Opfer-Inversion sind eine Folge dieser dissoziativen Struktur. Auch dass sich L in ihrem Erzählen an den Rand der physischen Erschöpfung begibt (wie schon bei ihren Holocaust-Studien), stellt eine direkte Konsequenz dieses Handlungszusammenhangs dar. In der familiengeschichtlichen Tiefendimension zeichnet sich ab, dass Ls dissoziative Handlungsstruktur bis mindestens auf die Großelternebene zurückzuverfolgen ist und somit noch von den Ereignissen der Zeit des Nationalsozialismus geprägt ist.31) [38]

6.

Die unwillkürliche Re-Inszenierung von psychotraumatischer Konfliktdynamik

Dass die Handlungsmuster und Affekte (der Angst, Wut und Orientierungs-Verunsicherung), die Ls Erzählstruktur der Gefahr sowie ihren Erzählinhalten ("Messer"; Flucht der preußischen Großeltern) inhärent sind, auch in Ls alltäglichen Lebenspraxen und Erlebensweisen wiederkehren und sich quasi selbsttätig (auch transgenerational) re-inszenieren, entspricht den von der Psychotraumatologie und Biografieforschung angenommenen Gesetzmäßigkeiten32). In der Jetztzeit zeigt sich diese Wiederkehr von Affekten und agierten Szenen der Gefahr eklatant zunächst im Rahmen ihrer schulischen Arbeit und dann in Ls schulkameradschaftlichem Beziehungsleben. In ihrer schulischen Arbeit präsentiert sich L als junge Erwachsene, die verschiedene historische und gesellschaftswissenschaftliche Interessen hat. Eine zentrale Stellung nimmt dabei das Thema "Holocaust" ein, dem sich L in einem über das Maß des schulisch Geforderten hinausgehenden Engagement gewidmet hat. Dies führte auch dazu, dass sie ihre gymnasiale Facharbeit über jüdische Mitbürger im Nationalsozialismus schrieb. Da L dieses Thema mittels eigenständiger Recherchen z.B. in der Stadtbibliothek und in Kursen der Volkshochschule erarbeitete und dabei verschiedene Text-, Ton- und Bildmedien nutzte, ist die Frage nach der Handlungsstruktur von Ls Mediennutzungsverhalten in spezifischer Weise berührt. In ihrer Darstellung des Rechercheinteresses am Thema "Holocaust" kam ein Aspekt des starken persönlichen und emotionalen Engagements sowie der (Über-) Anstrengung zum Ausdruck (der insofern auch mit der Interviewsituation selbst korrespondierte, als L sich uns gegenüber als engagierte, bis zur Erschöpfung gehende Erzählerin erwies):

"ich hab mich ich musste mich ja, nochmal in das Thema reinknieen, und dann dann war mir das so, wenn ich da abends dran gearbeitet hatte dann konnte ich auch nich da- musste überall Licht brennen, da konnte also da is mir richtich unheimlich geworden, und dann, also da Photos das sind ja alles Original-Fotos gewesen die verwesten Leichenberge und, die Beschreibung von Kindern und so weiter und so fort, da musste überall Licht an sein also ich konnte da, nich irgendwie wenn ich irgendwelche Schatten gesehen hab dann bin ich schon zusammengezuckt [...] man muss also ziemlich abgebrüht sein man muss schon ziemlich viel mit dem Thema gearbeitet haben um sagen zu können, so, ich hab, ausgeweint jetzt ich hab, meine Trauer is jetzt zu Ende ich muss da jetzt ma, // I2: hmh // also ganz objektiv fragen // I2: hmh //, und das hab ich nich geschafft // I1: hmh // also, das nimmt mich immer noch mit irgendwie weiß nich". [39]

Die Präsentationsregel Vorsicht! Die Gefahr, Lust und der Schutz des uneingegrenzten Erzählens zeigt sich im thematischen Zusammenhang der Holocaust-Recherche in einer bisher nicht sichtbaren Variante. Denn der Mangel an Eingrenzung und Integration betrifft hier eine akute Angst- und Schmerzerfahrung; sie rührt her von einer so genannten sekundären, mittelbaren Traumatisierung (die sich aus der Arbeit mit nicht selbst erlebtem traumatischem Erfahrungsmaterial ergibt33)). L hat es bis heute nicht "geschafft", sich "auszuweinen" und abends das Licht im Zimmer zu löschen ("das nimmt mich immer noch mit irgendwie weiß nich"). Die Handlungsstruktur der Gefahr schlägt sich hier in Dynamiken des emotionalen Grenz- und Kontrollverlusts nieder (und ist direkt mit dem Bereich des Medienhandelns verknüpft). Während also der Handlungsaspekt der Uneingegrenztheit bisher u.a. auch als einer des Mangels der persönlichen Relevanzsetzung (evtl. sogar einer "Oberflächlichkeit" des "lalala") erschienen war, zeigt sich Uneingegrenztheit hier mit umgekehrtem Akzent geradezu als eine psychoaffektive Überschwemmung durch Emotionen, die als Angst und Trauer beschrieben werden, deren spezifische persönliche Relevanzen jedoch noch unklar sind. [40]

In psychoanalytischer Dimension können einige Hinweise darauf verzeichnet werden, dass Ls affektive Reaktion nicht nur auf die per se belastende Natur des Themas zurückzuführen ist, sondern auch auf eine spezifische (Handlungs-) Disposition, die für projektiv-identifizierende Spaltungsübertragungen, also Übertragungen von gespaltenen (dissoziierten) Affektrepräsentanzen (sowohl in sozialer als auch medialer Text-Leser-Interaktion) empfänglich ist. Diese Affektübertragungen sind generell von einer relativ hohen Konflikthaftigkeit, Uneingrenzbarkeit, aber auch Ausblendungsneigung gekennzeichnet.34) Zunächst äußert L selbst das Gefühl einer Disproportionalität ihrer emotionalen Reaktion ("ich wundere mich, warum mich die hungernden Kinder in Afrika mich nicht so aufregen"). Darüber hinaus ist zu sagen: Im Lichte der psychoanalytischen Affekttheorie stellt die Tatsache, dass L gleichzeitig und für ein und dieselbe Situation von Affekten der Angst und der Trauer berichtet (Licht anschalten; Ausweinen), einen Widerspruch dar (der somit auf projektive und dissoziierende Ausblendungs-/ Abspaltungsdynamiken hinweist). Denn Angst und Trauer sind für den jeweiligen Einzelmoment unverträgliche Affekte; sie schließen sich wechselseitig aus.35) Ein indirekter Hinweis auf projektiv-identifizierende Affektübertragungen besteht auch darin, dass L mit ihrer Facharbeit trotz hohem Engagement in schulischer Hinsicht scheitert. Dies hatte damit zu tun, dass sie die genaue Orientierung der Aufgabenstellung (Titel: Die Situation der jüdischen Bürger im Dritten Reich) verfehlt, indem sie sich allein auf die Darstellung der KZs fixiert, und nur fünf von möglichen fünfzehn Punkten erhält. L ist also die thematische Grenzsetzung und Gestaltbildung ihrer Arbeit misslungen, und zwar aus affektiven Gründen, weil sie unter der Wirkung einer sie blockierenden (projektiv-identifizierenden) Affekt-Konstellation (Angst/Trauer) stand. [41]

Die affektive Struktur einer projektiv-identifizierenden Spaltungsübertragung in Ls Medieninteraktion über dieses Thema schlägt sich vor allem jedoch in der vollkommenen Ausblendung der eigenen Familiengeschichte nieder (die umso verblüffender ist, als L sich ihrer Familiengeschichte in so vielen Hinsichten überaus bewusst ist). Dies hat zur Folge, dass die spezifischen persönlichen Trauma-Assoziationen bzw. Empathie-Resonanzen, also die psychischen Assoziationen und Übertragungen, die sich zwischen dem textuell-medial dargestellten Traumathema und den historisch anders bedingten und qualitativ anders strukturierten Traumaerfahrungen der je persönlichen Erlebenssphäre der Person unwillkürlich ausbilden, hier vollkommen unbewusst bleiben.36) Ein erster Hinweis auf die Ausblendung der Familiengeschichte ist Ls Vagheit der Aussagen darüber, wie sie auf das Thema des Holocaust verfallen ist. L macht dahingehend nämlich keine eigenständigen Angaben und vermag auf Fragen nach einer persönlichen Motivation oder spezifischen thematischen Anregung keine Auskunft zu geben, die über die Nennung von bloßen Zufällen hinausginge:

"da muss ich überlegen ich glaube, das hat irgend n Auslöser, ich weiß gar nich ob das ich weiß gar nich [...], ja jetzt weiß ich meine Oma, hatte n Buch im Schrank stehen Der gelbe Stern, // I2: hmh // [...] es beschäftigt sich halt mit dem Holocaust von dreiundreißig bis fünfundvierzich, insgesamt, und das hab ich durchgelesen und war, furchtbar entsetzt und das hat mich, sofort entsetzt". [42]

Als L gefragt wird, wie es dazu kam, dass sie auf dieses Buch aufmerksam geworden ist, führt sie aus:

"Das war eine ganz witzige Geschichte oder s is gar nich witzig also, ich hatte davon ja keine Ahnung // I1: ja // L: äh, da, bei meiner Oma, oben im Regal stand wie gesacht dieses Buch, Der gelbe Stern, und ich hab ursprünglich angenommen als ich klein war dass da so=n so=n Telefonbuch so Telekom, Telekom oder so so oder nee, damals die Post genau // I2: logisch, ( ) // L: #so gelb und so nem Horn# und da dacht ich der gelbe Stern das muss n Postbuch sein // I2: ((lacht)) // L: den Sachverhalt fand ich ganz logisch, und dann hab ich mir das irgendwann, raus gegriffen und dann gedacht ja Moment äh was hat es damit auf sich und hab angefangen darin rum zu blättern, und da hat s mich auch schon ergriffen irgendwie weiß nich". [43]

Was ihre eigene Familiengeschichte der mütterlichen Seite in Königsberg betrifft, gibt L an keiner Stelle Zeichen eines Interesses und/oder Rechercheengagements hinsichtlich von deren Erlebnissen aus dieser Zeit. Als L über die im Februar verschwundenen Familienakten der Oma spricht, tut sie dies in einem rein finanziellen, erbschaftsbedingten Kontext und thematisiert keinerlei andere Möglichkeit einer familiengeschichtlichen Relevanz dieser Akten. Angesichts ihres historischen Interesses (und auch der Tatsache, dass sie Der gelbe Stern im Regal der Oma gefunden hat) überrascht dies, und es besteht neuerlich Anlass zur Annahme, dass Ls (mediengestützter) Gegenstandsbezug auch und gerade bei dieser engagierten Auseinandersetzung durch eine Handlungsregel der (dissoziierenden) Erlebensferne geprägt ist (die Abwehrformen der Abspaltung und der Idealisierung bedingen) wie auch der Uneingegrenztheit, also des in zweifacher Hinsicht – durch Vagheit und Überfülle – uneingegrenzten Erzählens. Die Narrationsanalyse dieser Sequenzen kann auf drei entsprechende Handlungsaspekte verweisen: (1) die Betonung des starken persönlichen Engagements, ja der emotionalen Überflutung, der L bis an den Rand der psychophysischen Erschöpfung folgt, (2) die Abwesenheit von Angaben über eine persönliche Motivation oder eine spezifische Anregung für dieses Thema und (3) die Nicht-Wahrnehmung des offenkundigen Bezugs zur eigenen Familiengeschichte der mütterlichen Seite. Die Kombination dieser Handlungsaspekte führt konkret zur persönlichen Überbelastung und zum schulischen Scheitern des Projekts. In psychogenetischer Hinsicht unterstreicht sie die psychotraumatologische Annahme einer dissoziativen Handlungsstruktur, wie sie als Folge von persönlich erfahrenen (manifesten bzw. beziehungstraumatischen) und/oder transgenerationalen Trauma-Belastungen entsteht. [44]

Die unkontrollierte Wiederkehr von Affekten und agierten Szenen der Struktur Gefahr, Moderation, Suche von Gefahr/Schutz ist für L nicht auf ihre schulische Arbeit begrenzt, sondern schlägt sich auch im schulkameradschaftlichen Beziehungsleben nieder. Und sie ist auch dort von dissoziativ (und projektiv-identifikatorisch) geprägten Handlungsstrukturen der Realitäts- und Erlebensferne gekennzeichnet. L unterhält seit über vier Jahren (von ihrem vierzehnten Lebensjahr an) eine persönliche und auch erotisch besetzte Freundschaftsbeziehung zu dem Mitschüler Herbert, die eine nicht ausdrücklich erklärte und eine nicht-sexuelle Beziehung geblieben zu sein scheint. So führt L Herbert uns gegenüber zunächst als "Bekannten" aus einem Tanzkurs ein, und dessen hohe Relevanz für sie wird erst nach und nach deutlich. Zudem lässt ihre Schilderung die Beziehung als eine fortgesetzte turbulente Reihung von mutwilligen z.T. handgreiflichen Provokationen, Konflikten, Wiederannäherungen und neuerlichen Sticheleien/Hänseleien erscheinen, wobei der jeweilige Gegenstand der Konflikte wie auch die Motivation für die Freundschaft in hohem Maße diffus bleiben. Die Beziehung scheint wenige Tage vor dem Interview gewaltsam eskaliert und abgebrochen worden zu sein. Auf die entsprechende Konfliktszene kommt L eher zufällig und in zunächst ganz anderem Zusammenhang zu sprechen:

"dazu muss ich sagen unser Jahrgang is sehr, kindisch wir nehmen uns gegenseitich die Haargummis weg, // I1: ((schmunzelt)) // L: stecken uns in irgendwelche Mülltonnen, ähm dann haben wir so Papierkisten da wird klein Leila gerne mal reingeschmissen und so, am Band so durch die Gegend rumgeschleudert, // I1: ((schmunzelt)) // L: letzten Freitach meinen dann also fünf meiner, Jahrgangskameraden, alle größer und stärker als ich sie könnten mich mal in so ne große Mülltonne stecken und nich so in so ne kleine sondern schon so ne große blaue ähm an der der Rand so richtich schön scharf is // I1: hm // P: ja und das passierte nich nur einmal sondern dreimal, und irgendwann ähm hatt ich dann die Schnauze voll und bin dann irgendwie weggehumpelt hab aber überhaupt nich gewusst häh wie dä, hab mich am nächsten Morgen im Spiegel angekuckt, und es sah gar nich, so lecker aus was mich da erwartet /((lachend)): hat/ /I1: hmh/". [45]

In welchem Ausmaß auch immer: L ist zum Ziel eines aggressiven Übergriffs durch eine Gruppe von Mitschülern geworden. Die Mutter fährt mit L ins Krankenhaus, die Erstattung einer Anzeige wird erwogen, erfolgt jedoch nicht; es wird eine schulinterne Mediation auf den Weg gebracht. Was L jedoch erst wesentlich später berichtet: Herbert ist einer der Beteiligten, und damit nicht genug, L berichtet, Herbert habe ihr dabei in einer gezielten Handlung "den Daumen nach hinten umgebogen", einen Finger, der bereits durch eine vorherige, eher scherzhafte Auseinandersetzung der beiden unabsichtlich einen Muskelfaserriss erlitten hatte und auf dessen Gesundheit L wegen ihres musikalischen Hobbys, dem Harfenspiel, unbedingt angewiesen ist ("also [...] ich mein er hat wirklich gezielt nach meinem Daumen gegriffen und ihn nach hinten umgebogen, und das obwohl er ganz genau weiß wie wie wie sehr ich auf meine Hände aufpassen muss"). Mögliche Abstriche in der Faktentreue der Erzählung einer turbulenten Szene seien a priori in Rechnung gestellt. Insgesamt zeigt sich jedenfalls ein Bild, in dem die langjährige und, wie auch immer, intensive und exklusive Beziehung Ls zu einem jungen Mann von, wie auch immer, übergriffigen und gewaltsamen Akzenten geprägt ist. [46]

Dass die geschilderte Handlung Herberts allerdings nicht der völlig idiosynkratische Akt eines per se sadistischen Menschen gewesen ist, sondern auch das Ergebnis eines beziehungsbedingten unbewussten szenischen Agierens beider Beteiligter (nach projektiv-identifikator