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Volume 5, No. 3, Art. 22b – September 2004

"Forschung ist harte Arbeit, es ist immer ein Stück Leiden damit verbunden. Deshalb muss es auf der anderen Seite Spaß machen". Anselm Strauss im Interview mit Heiner Legewie und Barbara Schervier-Legewie.

Anhang 1: Qualitative Forschung nach der Grounded Theory – Anselm Strauss als Supervisor

Heiner Legewie

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Diskussion zu diesem Artikel:

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Diskussionsforum

 

Anlässlich unseres Besuchs in seinem Forschungsseminar im Mai 1994 hatten meine Frau Barbara und ich Gelegenheit, an einer Supervisionssitzung mit Anselm STRAUSS teilzunehmen. Hier meine Tagebuchaufzeichnung der Sitzung: [1]

Maria ist eine mexikanisch-amerikanische Studentin der Krankenpflege (in den USA ein Hochschulstudium), Anfang 30, seit ca. 10 Jahren in den USA. Sie bat dringend um eine Extrasitzung für ihre Examensarbeit, gegen die Anwesenheit der zwei Gäste aus Deutschland hat sie keine Einwände. Anselm empfängt sie in seinem winzigen Zimmer im Department of Social and Behavioral Sciences auf dem Campus der UCSF-Medical School, die Tür bleibt offen. Maria sitzt vor ihm wie eine brave Schülerin. [2]

Maria hat 20 mexikanisch-amerikanische Frauen mit Übergewicht und Diätversuchen interviewt. Es geht um fördernde und hindernde Bedingungen für gesunde Ernährung, Diät und Gymnastik. Anfangs spricht Maria darüber, dass es schwierig sei, ihre Kategorien in Englisch zu formulieren und zu einer seriösen wissenschaftlichen Darstellung zu gelangen. Anselm fragt, ob das Ansprüche der Prüfungskommission oder ihre eigenen seien, warum sie nicht mit spanischen Kategorien arbeite? Es stellt sich heraus, dass sie selber sehr unter Druck steht, viel (zu viel?) mit anderen Studenten diskutiert und sich dabei verunsichern lässt. Maria hat eine Graphik vorbereitet, in deren Mittelpunkt als Kernkategorie "voluntad propria" steht, der eigene Wille abzunehmen. Mit dieser Kernkategorie sind eine Reihe äußerer und innerer "harnesses" (Zügel) verbunden, die an der Durchführung einer Diät hindern. Äußere Behinderungen ergeben sich insbesondere durch das soziokulturelle Milieu und Wertesystem mexikanischer Einwanderer und die Lebenssituation der Frauen dicht an der Armutsgrenze. Sie haben teilweise 4-6 Kinder zu versorgen und außerdem weitere Familienmitglieder. Die Ehemänner stehen der Diät entweder ablehnend oder gleichgültig gegenüber, obwohl die Frauen teilweise massiv über- gewichtig sind und deswegen auch gesundheitliche Symptome aufweisen. Hier ist das weibliche Schönheitsideal der "molligen Frau" wichtig (zu uns gewendet meint Anselm, auf jiddisch sage man "saftig"), aber auch die Vorstellung der Männer, eine übergewichtige Frau sei für andere sexuell nicht attraktiv. Hinzu kommen die höheren Kosten für gesunde Nahrungsmittel und die Zuständigkeit der Frau, für die Familie zu kochen. Ein weiteres Problem ist die Beaufsichtigung der Kinder, die es den Frauen erschwert, entsprechende Kurse in der Gemeinde zu besuchen – ein mexikanischer Mann würde kaum bereit sein, diese Verpflichtung zu übernehmen. Trotz dieser Schwierigkeiten finden manche Frauen Wege, ihre Diät durchzuführen, wobei sie das teilweise sogar ihrem Mann gegenüber verheimlichen. Auf der anderen Seite werden innere Gründe (vorhandene oder fehlende "voluntad propria") als wichtig oder sogar ausschlaggebend für das Gelingen oder Misslingen der Diät angegeben. [3]

Anselm fordert Maria auf, eine Reihe von Vergleichen zu ziehen: Wie sieht es mit dem Willen zum Abnehmen aus bei Frauen der amerikanischen Mittelklasse? Wie wird es vermutlich bei den Töchtern dieser Frauen in 20 Jahren sein? In welchen Kulturen gibt es überhaupt das amerikanische Schlankheitsideal? [4]

Maria ist selber Einwanderin der 1. Generation, sie ist mollig, und ihr Mann mag es nicht, wenn sie abnimmt. Anselm fragt sie, woher ihre Vorstellungen über Übergewicht kommen. Maria bezeichnet sich selber als in den traditionellen Werten ihrer Herkunftskultur verankert, ihre Vorstellungen zur Schädlichkeit von Übergewicht seien ausschließlich durch ihr Fachwissen als Krankenschwester geprägt. 40% der Mexikanerinnen litten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen die sehr häufig durch Übergewicht bedingt seien. [5]

Anselm hebt hervor, dass es eigentlich ein Wunder sei, dass erstens diese Frauen überhaupt ein Konzept von Übergewicht entwickeln – eine Frage des Körperbildes und der Geschlechtsidentität, zweitens dass sie unter diesen Umständen eine Diät durchführen und drittens dass sie dies z. T. heimlich ("invisible") machen. Er fordert Maria auf, die "Geschichte" ihrer Untersuchung zu erzählen und diesen Gesichtspunkt dabei zu berücksichtigen, d.h. stärker auf die positive Leistung der Frauen in Richtung einer Veränderung einzugehen. Maria ist einigermaßen hilflos und verwirrt, sie will aufgeben, erwartet Hilfe oder eine Lösung ihres Problems von Anselm. Es läge auf der Hand, in wenigen Sätzen die "Geschichte" der Untersuchung zusammenzufassen, doch Anselm tut ihr nicht den Gefallen. [6]

Hierbei wird deutlich, wie sehr Maria unter Leistungsdruck steht, wöchentlich ihre Arbeit in studentischen Arbeitsgruppen vorträgt, sich durch die Vorschläge anderer leicht von den eigenen Vorstellungen abbringen lässt. Anselm entlässt sie mit der Aufgabe die "Geschichte" der Untersuchung zu formulieren. Maria bedankt sich fast überschwenglich dafür, dass wir bei der Sitzung anwesend waren. [7]

Im Gespräch nach der Beratung betont Anselm, dass es der Studentin nicht geholfen hätte, wenn er ihr eine Lösung für ihr Problem vorgeschlagen hätte. Wenn wir nicht zugehört hätten, wäre er im Übrigen auf die persönliche Bedeutung des Themas für Maria und dessen Einfluss auf ihre Sichtweise ausführlicher eingegangen. [8]

Mich hat beeindruckt, wie konsequent Anselm seine Beratung am Vorgehen orientiert, wie er es in " Basics of Qualitative Research" beschriebenen hat, und gleichzeitig, wie kreativ und phantasievoll er dabei vorgeht und so zu einer Vertiefung des Problemverständnisses bei der Studentin beiträgt. Und natürlich: Ruhe, Gelassenheit, Humor. [9]

Zitation

Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt (und zusätzliche Absatznummern, wenn notwendig):

"Forschung ist harte Arbeit, es ist immer ein Stück Leiden damit verbunden. Deshalb muss es auf der anderen Seite Spaß machen". Anselm Strauss im Interview mit Heiner Legewie und Barbara Schervier-Legewie. Anhang 1: Qualitative Forschung nach der Grounded Theory – Anselm Strauss als Supervisor [9 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 5(3), Art. 22b. Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-04/04-3-22b-d.htm [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].


Letzte Änderung: 15.12.2004

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(ISSN 1438-5627)

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