"Psychotherapie und Sozialwissenschaft
– Zeitschrift für Qualitative Forschung"

Gegründet: 1999
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht

Theaterstr. 13
D-37073 Göttingen

Herausgeber:

Jörg Bergmann, Gießen/Bielefeld
Brigitte Boothe, Zürich
Michael B. Buchholz, Göttingen
Jürgen Straub, Essen/Gießen
Ulrich Streeck, Göttingen

1. Was ist der Fall in der Psychotherapie?

2. Psychotherapie braucht qualitative Forschung – qualitative Forschung braucht Psychotherapie

3. Psychotherapie als soziales Ereignis – kein medizinisches Modell

4. Fragen und Anliegen der Zeitschrift

5. Themen für Manuskripteinsendung

6. Bisher erschienene Beiträge

7. Der Beirat

8. Kontakte und Manuskriptsendungen

PuS

 

1.

Was ist der Fall in der Psychotherapie?

Zur Beantwortung dieser Leitfrage will die neue Zeitschrift das interdisziplinäre Gespräch zwischen Psychotherapie, Sozial- und Literaturwissenschaften sowie angrenzenden Gebieten fördern. Initiatoren und Herausgeber verbindet die Überzeugung, daß das, was Psychotherapie ausmacht, keineswegs nur mit dem medizinischen Paradigma der Krankenbehandlung verstanden, sondern darüber hinaus als soziales Ereignis begriffen werden muß. Die empirische Forschung in der Psychotherapie hat das Ende der Metaanalysen erreicht – wofür ein ganz neuer Beleg die ungemein kenntnisreiche Überblicksstudie von Bruce E. Wampold (2001) ist. Psychotherapie kann auch von anderen Wissenschaften intensiv profitieren und anderen ihr Wissen zureichen.

2.

Psychotherapie braucht qualitative Forschung – qualitative Forschung braucht Psychotherapie

Die Erforschung psychotherapeutischer Prozesse hat enormen Aufschwung genommen und öffentliche Resonanz gefunden, zugleich aber haben sich die Diskurse der Forscher und die der professionellen Psychotherapeuten weit ausdifferenziert und spezialisiert. Bemühungen um Integration der Psychotherapie in die Medizin bringen laufend neue Kompensationen hervor, gleichwohl ist ihre Stellung im Medizinsystem marginal geblieben. Aus wissenssoziologischer Sicht ist die Randständigkeit der Psychotherapie Teil eines noch nicht abgeschlossenen Selbstreinigungsprozesses der medizinischen Disziplin, der sich auf alle anthropologischen und soziologischen Dimensionen ihres Gegenstandes bezieht und diesen immer mehr auf seine naturwissenschaftlich vermeßbaren Bestandteile reduziert. Die Relevanz von Ergebnissen der empirischen Psychotherapieforschung für die professionelle Praxis ist äußerst fraglich. Zweifel sind berechtigt, ob psychotherapeutisches Handeln durch Leitlinien normiert oder durch Behandlungsmanuale standardisiert werden kann. Die empirische Forschung in der Psychotherapie reagiert durchaus sensibel auf diese Probleme und riskiert einen Blick in Nachbargebiete, insbesondere zu qualitativen Forschungsansätzen, wie sie in den Sozialwissenschaften schon lange erprobt sind.

Angesichts dieser Situation haben sich die Herausgeber entschlossen, die interdisziplinäre Kooperation zwischen Psychotherapie und Sozialwissenschaften voranzubringen. In den Human- und Sozialwissenschaften haben sich Arbeitschwerpunkte mit interpretativen, qualitativen Forschungs- und Theorieansätzen entwickelt. Die Herausgeber eint die Überzeugung, daß im Feld zwischen Psychotherapie und Sozialwissenschaften mittlerweile Zugänge entwickelt sind, die für die Erschließung kommunikativer Prozesse ergiebige Einsichten ermöglichen und feinkörnig genug sind, um die Sensibilitäten von Psychotherapeuten zu steigern – und umgekehrt gibt es in den Sozial- und Literaturwissenschaften einen breiten Bedarf, psychotherapeutische Erfahrungen zu verarbeiten. Allein schon bei der Frage, wie ein qualitatives Forschungsinterview geführt werden kann, springt das ins Auge.

3.

Psychotherapie als soziales Ereignis – kein medizinisches Modell

Immer schon haben sich Psychotherapeuten für "die Gesellschaft" interessiert und Sozialwissenschaftler haben theoretisch und methodisch auf psychotherapeutisches Wissen zugegriffen. Die neuen, zum Teil strikt empirisch vorgehenden methodischen Zugänge der Konversationsanalyse, der Ethnografie der Kommunikation oder aus der kognitiven Linguistik entstehende Verfahren wie die Metaphernanalyse, sodann die objektive Hermeneutik, die Inhaltsanalyse von Erzählungen oder die Beobachtung des mimisch-gestischen Austauschs gestatten nun, "Gesellschaft" als dasjenige zu bestimmen, dem wir alltäglich nicht nur ausgesetzt sind, sondern das wir "herstellen", also auch in psychotherapeutischen Interaktionen. Gesellschaft – das sind nicht nur großformatige Ereignisse wie Kriege, Wahlen, Arbeitslosigkeit oder einschränkende Normensysteme, sondern auch die kleinen Ereignisse wie ein Gespräch mit den Nachbarn, eine Vereinssitzung oder intime familiäre Beziehungen – und immer auch deren Scheitern. Gesellschaft wird nicht einfach erduldet, sondern "gemacht". Menschen deuten ihre Krisen und Belastungen, ihre Krankheiten und Störungen, sie machen sichtbar und hörbar, wie sie sich, ihre Verwirrungen und Normalitäten verstehen und verstanden wissen wollen. Sie tun dies auch beeinflußt von der therapeutischen Kultur der Zeit, ein Thema, für das Literaten oft einen ausgeprägten Sinn entwickelt haben.

4.

Fragen und Anliegen der Zeitschrift

Zu verstehen, wie das andauernd, stündlich und täglich mit allem, was Menschen im Umgang miteinander tun, geschieht, ist das Anliegen dieser Zeitschrift. In diesem Sinne ist auch Psychotherapie gesellschaftliches Ereignis. Sie wird es noch mehr und erst recht, wenn ihre Ergebnisse und Befunde auf den Bildschirmen der Gesellschaft übermittelt und dort neue soziale Realitäten miterzeugt werden. Jede in sich einzigartige therapeutische Interaktion hat so immer auch mit vielschichtigen Umwelten fertig zu werden.

In dieser Zeitschrift werden deshalb Beiträge erscheinen, die interdisziplinär angelegt sind. Fragen lauten etwa:

5.

Themen für Manuskripteinsendungen

Diese Palette von Fragen soll die Richtung angeben, die die Zeitschrift eingeschlagen hat. Wir legen bei den Beiträgen Wert darauf, daß Material präsentiert wird, welches Leserinnen und Lesern nicht nur emotionalen Nachvollzug erlaubt, sondern die Möglichkeit bietet, zu alternativen Schlüssen zu gelangen.

Material – das können sowohl Transkripte von Interaktionen und psychotherapeutischen Sitzungen sein, aber auch illustrative Material – das können sowohl Transkripte von Interaktionen und psychotherapeutischen Sitzungen sein, aber auch illustrative Kasuistiken, die das interaktive Moment des Be-Handelns erkennen lassen. Solche Episoden müssen nicht der therapeutischen Welt entstammen – vielleicht geschieht ja Bedeutsames auch bei Gesprächen in der Sauna, zwischen Freunden oder beim Friseur oder beim Lesen eines Dramas. Die Materialpräsentation soll Auseinandersetzung ermöglichen und den empirischen Gehalt auslotbar machen. Darüber hinaus sind die Spalten der Zeitschrift auch offen für methodische und philosophische Themen, wie aus Phänomenologie, Sprachanalyse oder Hermeneutik für unser Themenfeld eingebracht werden können. Herausragende fremdsprachige Arbeiten werden in Übersetzungen aufgenommen.

Auseinandersetzung findet aber auch innerhalb der Zeitschrift statt. Wir werden von Zeit zu Zeit Autorinnen und Autoren darum bitten, Beiträge mit Kommentaren zu versehen, auf die der Erstautor wiederum abschließend antworten kann.

Auseinandersetzungen sind schließlich auch nach außen hin, zu tagespolitischen Ereignissen fällig, und hierfür gibt es eine Rubrik für Polemisches. Rezensionen sind vorgesehen.

Alle, die sich vom hier entworfenen Themenzuschnitt angesprochen fühlen, sind eingeladen uns ihre Beiträge einzureichen. Sämtliche Beiträge werden anonym an Gutachter versandt, die einer Veröffentlichung zustimmen müssen. Wir hoffen, auf diese Weise den Ansprüchen unserer Leser an Qualität und Lesbarkeit am ehesten gerecht zu werden.

6.

Bisher erschienene Beiträge

Die Kooperation zwischen Psychotherapie und Sozialwissenschaft kann nicht nur programmatisch verkündet, sie kann gehaltvoll realisiert werden. Das belegt die folgende Zusammenstellung der Beiträge. Jedes Heft ist mit einem Editorial versehen, es erscheinen Rezensionen:

1999, Heft 1

Michael B. Buchholz und Ulrich Streeck: Qualitative Forschung professionelle Psychotherapie

Martin Dornes: Formen der Eltern-Kleinkind-Beratung und –Therapie: Ein Überblick

Johanna Lalouschek: Tabuthema Brustkrebs? Die discursive Konstruktion von medizinischer und kultureller Bedeutung in Gesundheitssendungen des Fernsehens
 

1999, Heft 2

Nicole Kronberger: Schwarzes Loch, geistige Lähmung und Dornröschenschlaf: Ein metaphernanalytischer Beitrag zur Erfassung von Alltagsvorstellungen von Depressionen

Herbert Will: Ist Widerstand eine Tatsache, eine Interpretation oder eine Interaktion? Zum Widerstandskonzept in der klassischen Psychoanalyse

Bettina Hoeltje: "Und der Vater ist gestorben" – Kindliches Spiel um Geschlechtsidentität und Sexualität. Hermeneutische Interpretationsversuche videografierter Szenen

Karin Martens-Schmid: Tagungsbericht über das 6. Arbeitstreffen "Qualitative Forschung in der Psychotherapie" 1998
 

1999, Heft 3

Eckard Daser: Kognitive und interaktionelle Elemente der Empathie

Heike Hülzer: Metapher – Verständigungsfalle und Verstehenshilfe

Elisabeth Gülich und Martin Schöndienst: "Das ist unheimlich schwer zu beschreiben". Formulierungsmuster in Krankheitsbeschreibungen anfallskranker Patienten: Differentialdiagnostische und therapeutische Aspekte
 

1999, Heft 4

Jörg Bergmann: Diskretion in der psychiatrischen Exploration – Beobachtungen über Moral in der Psychiatrie

Bruno Hildenbrand: Was ist für wen der Fall? Problemlagen bei der Weitergabe von Ergebnissen von Fallstudien an die Untersuchten und mögliche Lösungen

Wilfried Kossen: Ein Verleumder vor Gericht – die Gestaltung einer Fernsehdiskussion mit Daniel J. Goldhagen

Michael Neumann: Ein Fall von Gewalt. Ein soziologischer Kommentar zu Situation, Motiv und Gelegenheit

Kritische Stellungnahmen:

Ulrich Streeck: Psychoanalytische Diagnostik aus der Ferne – Anmerkungen zu einer Falldiskussion

Brigitte Boothe: Anmerkungen zu einer psychoanalytischen Falldiskussion
 

2000, Heft 1

Emanuel A. Schegloff: Das Wiederauftauchen des Unterdrückten

Anna Kazanskaya und Horst Kächele: Kommentar zu Schegloff "Das Wiederauftauchen des Unterdrückten"

Michael B. Buchholz, Ralph Grabhorn, Norbert Hartkamp, Cornelia von Kleist, Hans-Geert Metzger, Annegret Overbeck und Aglaja Stirn: Illegitime Deals – Ein Teamprozeß unter der Lupe

Ulrich Streeck und Andreas Dally: Das fremde Geschlecht. Zur Darstellung von Geschlechtszugehörigkeit im psychotherapeutischen Dialog mit einem Transsexuellen
 

2000, Heft 2: Themenheft "Erzählen in der Psychotherapie"

Armin Koerfer, Karl Köhle und Rainer Obliers: Narrative in der Arzt-Patient-Kommunikation

Karin Martens-Schmid: Narrative Problempräsentation in einem familientherapeutischen Erstinterview

Michael B. Buchholz: Die Traumerzählung in der familientherapeutischen Sitzung

Agnes von Wyl: Was magersüchtige und bulimische Patientinnen erzählen
 

2000, Heft 3: Themenheft "Diagnostizieren"

Michael B. Buchholz: Diagnose – oder Verständigung in Beziehungen

Jörg Frommer: Qualitative Diagnostikforschung in der Psychotherapie

Charles Goodwin: Die Ko-Konstruktion von Bedeutungen in Gesprächen mit einem Aphasiker

Peter von Matt: Immermann diagnostiziert Grabbe: der Autor als Richter
 

2000, Heft 4

Bernhard Grimmer: Kreditierung in einer psychoanalytisch orientierten Psychotherapie

Brigitte Boothe und Ulrich Streeck: Selbstgerechtes Wohlwollen in der Psychoanalyse

Aglaja Stirn, Gerd Overbeck und Jochen Jordan: Veränderungen im stationären Psychotherapieverlauf einer essgestörten Patientin

Martin Altmeyer: Im Spiegel der neueren Sprachphilosophie: Psychoanalyse und Intersubjektivität
 

2001, Heft 1: Themenheft "Erzählen – Fühlen – Handeln"

(In diesem Heft ist das Transkript einer von Rainer Krause, Saarbrücken, durchgeführten therapeutischen Sitzung abgedruckt, das von mehreren Autoren mit qualitativen Verfahren analysiert und kommentiert wird)

Rainer Krause: Einführung. Die Untersuchung einer psychoanalytischen Fokaltherapie

Brigitte Boothe: Erzähldynamik und psychischer Verarbeitungsprozeß. Eine narrative Einzelfallanalyse

Cord Benecke und Rainer Krause: Fühlen und Affektausdruck. Das affektive Geschehen in der Behandlung von Herrn P.

Ulrich Streeck: "Ja, genau, genau". Bestätigungen als Versuche des Patienten, die Kompetenz des Therapeuten als eigene zu deklarieren. Eine gesprächsanalytische Untersuchung
 

2001, Heft 2

Ulrich Stuhr, Ulrich Lamparter, Friedrich Wilhelm Deneke, Matthias Oppermann, Sigrid Höppner-Deymann, Brigitta Bühring und Michael Trukenmüller: Das Selbstkonzept von "Gesunden". Verstehende Typenbildung von Laien-Konzepten sich gesundfühlender Menschen

Gisela Wiegand: Psychoanalyse und Bindungstheorie. Untersuchung unhinterfragter Prämissen

Stefanie Wilke, Claudia Pauli-Magnus, Claudia Oberbracht, Tilman Grande, Thorsten Jakobsen und Gert Rudolf: Psychoanalytiker kommentieren ihre Behandlungen. Ein Beitrag zur qualitativen Psychotherapieprozessforschung

Martin Altmeyer: "Big Brother" und andere Inszenierungen von postmoderner Identität. Das neue Subjekt entsteht im Auge der Kamera
 

2001, Heft 3: Themenheft "Religiöse Orientierungen im Wandel: Konversion und Vision"

Ulrike Popp-Baier: Von der Möglichkeit, ein anderer Mensch zu werden. Psychologische Analysen von Konversionserzählungen

Monika Wohlrab-Sahr: "Ich hab das eine gegen das andere ausgetauscht sozusagen". Konversion als Rahmenwechsel

Hubert Knoblauch und Bernt Schnettler: Die kulturelle Sinnprovinz der Zukunftsvision und die Ethnophänomenologie
 

2001, Heft 4: Themenheft "Sprechen vom Körper – Sprechen mit dem Körper (1)"

Brigitte Boothe: Das Körperliche im Spiegel des psychoanalytischen Fallberichts

Ada Borkenhagen: Körper- und Selbsterleben von Frauen, die sich zu einer Schönheitsoperation entschieden haben

Aglaja Stirn: Vom Initiationsritual zur geschmückten Haut. Tätowierungen im Spiegel von Stammestraditionen und neuem Kunstverständnis
 

2002, Heft 1: Themenheft "Sprechen vom Körper – Sprechen mit dem Körper (2)"

Cornelia Müller: Eine kleine Kulturgeschichte der Gestenbetrachtung

Ulrich Dausendschön-Gay/Ulrich Krafft: Text und Körpergesten. Beobachtungen zur holistischen Organisation der Kommunikation

Jürgen Streeck/Ulrich Streeck: Mikroanalyse sprachlichen und körperlichen Interaktionsverhaltens in psychotherapeutischen Beziehungen
 

7.

Der Beirat

Anna Auckenthaler, Berlin – Jessica Benjamin, New York – Hans Bosse, Frankfurt a.M. – Harald Burger, Zürich – Manfred Cierpka, Heidelberg – Martin Dornes, Frankfurt a.M. – Jörg Frommer, Magdeburg – Heidi Gideon, Göttingen – Helmut Göbel, Göttingen – Charles Goodwin, Los Angeles – Norbert Hartkamp, Düsseldorf – Heiko Hausendorf, Bielefeld – Bruno Hildenbrand, Jena – Horst Kächele, Ulm – Werner Kallmeyer, Weinheim – Heiner Keupp, München – Armin Koerfer, Köln – Hans-Christoph Koller, Hamburg – Joachim Küchenhoff, Basel – Irene Kühnlein, Augsburg – Karin Martens-Schmid, Köln – Wolfgang Mertens, München – Stephen Mitchell, New York (+) – Bernd Nitzschke, Düsseldorf – Ulrich Oevermann, Frankfurt – Gerd Overbeck, Frankfurt – Christa Rohde-Dachser, Frankfurt – Emanuel A. Schegloff, Los Angeles – Roland Schleiffer, Köln – Rudolf Schmitt, Berlin – Walter Schönau, Groningen – Michael Schröter, Berlin – Jürgen Streeck, Austin – Reinhart Wolff, Berlin

8.

Kontakte und Manuskriptsendungen

Boothe@klipsy.unizh.ch

Ulrich.streeck@nlikh-tiefenbrunn.niedersachsen.de