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Volume 2, No. 2 – Februar 2001 Zu der Replik von Franz Breuer Jo Reichertz Franz Breuer macht in seiner Replik im wesentlichen die Erkenntnistheorie stark. Er macht sie zu einer Art Supertheorie, die darüber befinden kann und muss, welche Aussagen erlaubt sind und welche nicht. Er überseht m.E. dabei, dass auch die Erkenntnistheorie eine Theorie ist, eine Theorie also wie alle anderen – gemacht von Menschen im Rahmen ihrer Berufsausübung, also im Rahmen einer sozialen Praxis – systematisiertes und systematisch erworbenes Wissen zu einem bestimmten Gegenstand. Nur dass sich dieses Wissen nicht um "Geld" oder "Liebe" dreht (Was ist es und wie kann man es erlangen?), sondern um Erkenntnis (Was ist Erkenntnis und wie kann man sie erlangen?). Die Erkenntnistheorie ist zudem eine recht brauchbare Waffe in der Hand konkurrierender, speziell in der Wissenschaft ansässiger Berufstätiger, mit der sie Gegner aus dem eigenen wie gegnerischen Lager aus dem symbolischen und wirtschaftlichen Feld schlagen können. Mit der Erkenntnistheorie kann man die Theologen und die Mystiker desavouieren, aber auch den quantitativ oder auch qualitativ verfahrenden Kollegen von der Konkurrenz - je nach Stringenz und Strenge der zugrunde gelegten Erkenntnistheorie. Kurz: die Erkenntnistheorie ist eine spezifische Rechtfertigungsstrategie, ersonnen von Menschen, die mit genau dieser Strategie arbeiten. Die Hoffnung, dass diese Strategie allerdings auch zur wahren Erkenntnis führen könnte, gilt jedoch als trügerisch bzw. sie ist mit guten Gründen widerlegt. Was tun in einer solchen Situation? Betrachtet man die Wissenschaftsgeschichte, dann findet man nur wenige Beispiele dafür, dass neue Erkenntnis sich der Einhaltung der erkenntnistheoretischen Postulate verdankt. Oft genug waren jedoch Intuition, Zufall, Eigeninteresse und Dickköpfigkeit die Väter und Mütter des Neuen. Sollten wir die Erkenntnistheorie nicht dort lassen, wo sie ihren Platz hat: in der Ausbildung, wo sie den Verstand und das Methodenverständnis schult und in der wissenschaftliche Debatte, wenn es darum geht, das Procedere wissenschaftlicher Forschung zu reflektieren. Und ist nicht Erkenntnistheorie mit der Leiter Wittgensteins zu vergleichen, die man wegwirft, wenn man sie erklommen hat? Jo Reichertz (Jo.Reichertz@t-online.de) Letzte Änderung: 09.01.2007 Volume 2, No. 2 Inhaltsverzeichnis [qualitative-research.net]
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