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Call for Papers FQS 10(1): Qualitative Forschung zur interkulturellen Kommunikation

Methoden und Perspektiven in den Sozial-, Kultur- und Erziehungswissenschaften

Herausgeberinnen und Herausgeber

Jens Allwood (Universität Göteborg)
Assumpta Aneas Alvarez (Universität Barcelona)
Dominic Busch (Europa Universität Viadrina, Frankfurt/Oder)
David Hoffman (Universitätf Jyväskylä)
Matthias Otten (Universität Koblenz-Landau, Campus Landau)
Michele Schweisfurth (Universität Birmingham)

Hintergrund des geplanten Themenschwerpunkts im FQS

Mit dem gesellschaftspolitischen Aufmerksamkeitszuwachs für Fragen der interkulturellen Verständigung hat auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Themenfeld in den letzten drei Jahrzehnten einen starken Aufschwung erfahren. Myron LUSTIG und Jolene KOESTER unterscheiden dabei zwei eng verwobene Konstitutionsanlässe von Interkulturalität: grenzüberschreitende Internationalisierung und binnengesellschaftlichen Kulturpluralismus (LUSTIG & KOESTER 2005). Beide Prozesse durchdringen fast alle Gesellschaftsbereiche und bringen kontextbezogene Diskurse über interkulturelle Kommunikation, Kompetenz, Bildung, Identität etc. in Politik, Wirtschaft, Bildung, Medien, Wissenschaft usw. mit sich. Die Grundlagenforschung zur interkulturellen Kommunikation verweist dabei auf eine ausgeprägte Interdisziplinarität und anspruchsvolle kulturtheoretische Konzepte. Gleichzeitig werden interkulturelle Kommunikationsprozesse zum Gegenstand einer anwendungsorientierten Forschung, etwa dort wo Bildungsprogramme oder Organisationsentwicklungsprozesse "wissenschaftlich begleitet" werden.

Wenn die Erforschung interkultureller Kommunikation den Status einer nachhaltigen Analyse- und Erklärungsperspektive beansprucht, müssen nicht nur die grundlagentheoretischen und anwendungsbezogenen Aspekte, sondern auch die Begründungs- und Verfahrensweisen zur empirischen Analyse interkultureller Kommunikationsphänomene in ihrer interdisziplinären Stellung und ihren möglichen Anschlussfähigkeiten reflektiert werden (vgl. OTTEN, SCHEITZA & CNYRIM 2007). Aufgrund des interdisziplinären Charakters sind dabei Anregungen, Theorien und Impulse aus verschiedenen sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen relevant, was allerdings auch zu einer recht unübersichtlichen Forschungs- und Theorienlandschaft der interkulturellen Kommunikation führt.

Mit einem allgemein zu beobachtenden Bedeutungsgewinn qualitativer und hermeneutischer Methoden in den Sozial- und Kulturwissenschaften (DENZIN & LINCOLN 2005; FLICK, VON KARDORFF & STEINKE 2000; SILVERMAN 2006), wächst die Einsicht in die "kulturelle Ladung" der methodologischen Grundverständnisse und praktischen Anwendungen qualitativer Forschungsmethoden selbst. Oft werden sie erst vor dem Hintergrund der jeweiligen Sozialforschungs(sub)kulturen und intellektuellen Traditionen in einzelnen Ländern und Regionen verständlich (vgl. FLICK 2005; KNOBLAUCH, FLICK & MAEDER 2005; LOHFELD 2007).

Hier setzt der geplante Themenschwerpunkt von FQS an, der sich der großen Bandbreite an methodologischen und methodischen Fragen zur qualitativen empirischen Erforschung interkultureller Kommunikation widmen wird.

Gegenstandstheoretische Aspekte

Auf theoretischer Ebene lässt sich eine bevorzugte Wahl qualitativer und "verstehender" Forschungsmethoden mit dem spezifischen Erkenntnisgegenstand, also der Entstehung, Begründung und kommunikativen Wirkung kultureller Differenzkonstruktionen begründen. Mit Betonung des sozialkonstruktiven Charakters kultureller Differenz distanziert sich diese Perspektive von essenzialistischen und naturalistischen Kulturvorstellungen. Forschung zur interkulturellen Kommunikation im interaktionistischen Paradigma wendet sich demzufolge primär der interaktiven Herstellung kultureller Fremdheitserfahrungen im Sinne eines interaktiven othering zu (HALLAM & STREET 2000). Ähnlich wie in der qualitativen Migrationsforschung – vgl. FQS 7(3), Mai 2006 – ergeben sich auch in der qualitativen Forschung zur interkulturellen Kommunikation die Herausforderungen nicht zuletzt aus einer begründungsbedürftigen Kulturalität des "Gegenstandes".

Forschungspraktische Aspekte

Auf forschungspraktischer Ebene ergeben sich aus den skizzierten gegenstandstheoretischen Überlegungen methodische Konsequenzen, von denen hier nur einige exemplarisch angedeutet seien: die sprachliche und kulturelle Übersetzbarkeit des Forschungsprozesses und seiner immanenten Deutungen und Aussagen (RENN, STRAUB & SCHIMADA 2002; SCHRÖER 2002; TEMPLE 1997), Fragen des angemessenen Feldzugangs (GRIESE 2006) und nicht zuletzt der methodisch reflektierte Umgang mit dem unvermeidlichen kulturellen Bias im Forschungsprozess (grundlegend u.a. BERRY 1980; DIGNES & BALDWIN 1996). Neben der methodisch kontrollierten Erkundung "fremder Welten" verlangt eine reflektierte interkulturelle Forschungspraxis auch nach kultureller Selbsterkundung, z.B. durch auto-ethnografische Methoden (BOUFOY-BASTICK 2004).

Einige Leitfragen für die geplante Schwerpunktausgabe FQS 10(1)

Mit der Entwicklung und Ausdifferenzierung der interkulturellen Kommunikationsforschung rückt also gewissermaßen die "interkulturelle Kompetenz der Sozialwissenschaften" selbst in das Blickfeld (MATTHES 2000). Zu den hier angedeuteten methodologischen und methodischen Herausforderungen in der Erforschung interkultureller Kommunikation möchten wir unter Beachtung einiger denkbarer Leitfragen mit dem geplanten Special Issue ein interdisziplinäres Forum bieten:

  • Welche methodischen Ansätze aus dem Fundus der qualitativen Forschungsmethoden werden im Forschungsgebiet der interkulturellen Kommunikation genutzt und wie werden sie in ihrer Gegenstandsadäquatheit begründet, modifiziert und justiert?
  • Wodurch und worin manifestiert sich in der Anwendung der jeweiligen Forschungsmethode/n Kultur bzw. Interkulturalität?
  • Wie lassen sich Methodenkombinationen und interdisziplinäre Forschungsansätze für interkulturelle Kommunikationsforschung entwickeln und neu erfinden?
  • Wie lassen sich latenter Methodenethnozentrismus und kulturelle Einseitigkeit bei konzeptionellen Vorannahmen, Instrumenten, Interpretationen und Darstellungen angemessen im Forschungsprozess berücksichtigen und reflektieren?
  • Wie kann das relativ junge Forschungsfeld der interkulturellen Kommunikations- und Kompetenzforschung im Kontext klassischer Methoden und Konzepte qualitativer Sozialforschung systematisiert und verortet werden?

In dem Themenschwerpunkt sollen diese und weitere Fragen einzeln oder in ihrem Zusammenspiel – und nach Möglichkeit exemplarisch anhand konkreter eigener Forschungsbeispiele – behandelt und beantwortet werden. Wir laden dazu Beiträge in deutscher, englischer und spanischer Sprache ein, die den empirischen Zugang zu interkulturell gedeuteten Interaktions- und Kommunikationsprozessen im Hinblick auf methodologische (z.B. Kulturkonzept, Probleme empirischer Erfassbarkeit von Kulturdifferenz, Übersetzbarkeit und Kontingenz kultureller Sinnsetzungen) und forschungspraktische Herausforderungen (z.B. Feldzugänge, Interpretationsmethoden, Daten- und Methodenmix) reflektieren.

Neben dem klassischen Artikelformat sind auch Buchrezensionen, Interviews und praktische Vorstellungen von Forschungsinstrumenten willkommen, so lange sie einen klaren Bezug zum Leitthema haben.

Wir bitten interessierte Autorinnen und Autoren um die Zusendung (E-Mail) von Interessensbekundungen bis spätestens 30.04.2008 in Form eines kurzen Abstracts in englischer (und ggf. deutscher) Sprache (ca. 400 Wörter). Bitten geben Sie dabei an, in welcher Sprache (deutsch, englisch, spanisch) Sie den Artikel verfassen wollen. Nach Sichtung der eingegangenen Vorschläge werden wir Autorinnen und Autoren direkt um vollständige Beitragseinreichungen bitten.

Für die vollständigen Beiträge (30.000 – 40.000 Zeichen) ist der 30.08.2008 Einreichungstermin. Das Erscheinen der Schwerpunktausgabe ist für Januar 2009 als Ausgabe 10(1) geplant. Für die Manuskripterstellung beachten Sie bitte die FQS-Richtlinien.

Bitte senden Sie Ihr Abstract und Ihre Fragen an:

Dr. Matthias Otten

Universität Koblenz-Landau (Campus Landau)
Arbeitsbereich Interkulturelle Bildung
Thomas-Nast-Str. 44
D – 76829 Landau (Pfalz)

E-Mail: otten@uni-landau.de

Tel. ++49 (0)6341 – 990 251 oder 906 208

Literatur

Berry, John W. (1980). Introduction to methodology. In Harry C. Triandis & John W. Berry (Hrsg.), Handbook of cross-cultural psychology, Vol. 2 (S.1-24). Boston: Allyn & Bacon.

Boufoy-Bastick, Beatrice (2004). Auto-interviewing, auto-ethnography and critical incident methodology for eliciting a self-conceptualised worldview [36 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(1), Art. 37, http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-04/1-04boufoy-e.htm.

Denzin, Norman & Lincoln, Yvonne (2005). The handbook of qualitative research (3. Auflage). Thousand Oaks: Sage.

Dignes, Norman G. & Baldwin, Kathleen (1996). Intercultural competence. A research perspective. In Dan Landis & Rabi S. Bhaghat (Hrsg.), Handbook of intercultural training (2. Auflage, S.106-123). Thousand Oakes: Sage.

Flick, Uwe (2005). Qualitative research in sociology in Germany and the US – state of art, differences and developments [47 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 6(3), Art. 23, http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-05/05-3-23-e.htm.

Flick, Uwe; Kardorff, Ernst von & Steinke, Ines (Hrsg.) (2000). Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Griese, Hartmut (2006). Kriterien und Standards interkultureller Forschung – Methodologische Reflexionen nach einem deutsch-türkischen Projekt. Erziehungswissenschaft, 33(17), 72-78.

Hallam, Elizabeth & Street, Brian V. (2000). Cultural encounters. Representing "otherness". London: Routledge.

Knoblauch, Hubert; Flick, Uwe & Maeder, Christoph (2005). Qualitative methods in Europe: The variety of scocial research [10 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 6(3), Art. 34, http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-05/05-3-34-e.htm.

Lohfeld, Wiebke (2007). Rezension zu: Sharlene Hesse-Biber & Patricia Leavy (2006). The practice of qualitative research [100 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(1), Art. 13, http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-08/08-1-13-d.htm.

Lustig, Myron W. & Koester, Jolene (2005). Intercultural Competence. Interpersonal communication across cultures (5. Auflage). Boston: Pearson.

Matthes, Joachim (2000). Wie steht es um die interkulturelle Kompetenz der Sozialwissenschaften. IMIS-Beiträge, 15, 13-29.

Otten, Matthias; Scheitza, Alexander & Cnyrim, Andrea (2007). Die Navigation im interkulturellen Feld. Eine gemeinsame Einleitung für beide Bände. In Matthias Otten, Alexander Scheitza & Andrea Cnyrim (Hrsg.), Interkulturelle Kompetenz im Wandel. Band 1: Grundlegungen, Konzepte, Diskurse (S.15-40). Frankfurt am Main: IKO Verlag.

Renn, Joachim; Straub, Jürgen & Schimada, Shingo (Hrsg.) (2002). Übersetzen als Medium des Kulturverstehens und sozialer Integration. Frankfurt am Main: Campus.

Schröer, Norbert (2002). Interkulturelle Verständigung. Konstanz: UVK.

Silverman, David (2006). Interpreting qualitative data: Methods for analysing talk, text and interaction (3. Auflage). London: Sage.

Temple, Bogusia (1997). Watch your tongue: Issues in translation and cross-cultural research. Sociology, 3(31), 607-618.


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Stand: 02.06.2008

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