|
|
||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Was denken Studierende der Psychologie über das Gehirn-Bewusstsein-Problem, über Willensfreiheit, Transzendenz, und den Einfluss philosophischer Vorentscheidungen auf die Berufspraxis? Eine Fragebogenstudie mit 800 Studierenden der Psychologie, Philosophie, Theologie und Naturwissenschaften Jochen Fahrenberg Zusammenfassung: Die Antworten auf die Frage "Was ist der Mensch" gehören in die Philosophische Anthropologie und als empirisch zu untersuchende Überzeugungen in die Differentielle Psychologie. Solche Untersuchungen fehlen bisher. Der hier entwickelte Fragebogen enthält 64 Fragen, Skalen und Trilemmata u.a. zu den Themen Gehirn und Bewusstsein, Willensfreiheit, Schöpfung und Evolution, Gottes-Glauben, Theodizee-Problem, Sinnfragen des Lebens. An sieben Universitäten in West- und Ost-Deutschland wurden 563 Studierende der Psychologie und – primär in Freiburg – 233 Studierende der Philosophie, Theologie, Geistes- und Naturwissenschaften erfasst. Das Menschenbild der Studierenden wurde in einzelnen Aspekten sowie nach ausgewählten theoretischen Konzepten beschrieben. Es sind die Grundüberzeugungen hinsichtlich Monismus-Dualismus-Komplementarität, Atheismus-Agnostizismus-Deismus-Theismus, Einstellung zu Transzendenz-Immanenz, Selbsteinstufungen der Religiosität und des Interesses an Sinnfragen. Die Ergebnisse lassen eine Vielfalt von Überzeugungen erkennen, wobei insgesamt nur wenige Unterschiede zwischen Männern und Frauen oder zwischen ersten und mittleren Semestern bestehen. Mit der Methode statistischer Zwillingsbildung ließ sich zeigen, dass die Menschenbilder der Studierenden verschiedener Fächer (Psychologie, Philosophie, Naturwissenschaften) ähnlich sind. Wie in der vorausgegangenen Untersuchung (Fahrenberg 1999; Fahrenberg & Cheetham 2000) sind die meisten Befragten überzeugt, dass solche philosophischen Auffassungen Konsequenzen für die Berufspraxis von Psychotherapeuten, Ärzten und Richtern haben werden. Keywords: Menschenbild, Philosophische und Psychologische Anthropologie, Gehirn und Bewusstsein (Leib-Seele-Problem), Willensfreiheit (freier Wille), Sinn des Lebens, Weltanschauung, Überzeugungen und Einstellungen von Studierenden der Psychologie Zusammenfassung des Forschungsprojekts Die Antworten auf die Frage "Was ist der Mensch" gehören als Wesensbestimmungen in die Philosophische Anthropologie und als empirisch zu untersuchende Überzeugungen in die Differentielle Psychologie. Eine dieser Grundfragen betrifft die Willensfreiheit, eine andere das Leib-Seele-Problem: Besteht zwischen dem Bewusstein und der Hirnphysiologie eine kausale Wechselwirkung oder sind Bewusstseinsprozesse lediglich Innenansichten dieser Hirnphysiologie? In einer vorausgegangenen Untersuchung ergab sich, wie unterschiedlich die Auffassungen von Studierenden hinsichtlich Dualismus und Monismus ausgeprägt sind. Die meisten Befragten waren überzeugt, dass die jeweiligen Überzeugungen wahrscheinlich Konsequenzen für die Theorien, die Methoden und die Berufspraxis haben werden: bei Psychologen, Psychotherapeuten und Ärzten (Fahrenberg 1999). Die neue Fragebogenerhebung erstreckte sich durch die Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen auf mehrere Lehrveranstaltungen an sieben Universitäten, so dass mehr als 800 Studierende erreicht wurden. Der Fragebogen enthält 64 Fragen zu Themen wie: Gehirn und Bewusstsein, Willensfreiheit-Determinismus, Schöpfung und Sonderstellung des Menschen in der Evolution, Anlage-Umwelt-Problem, Religiosität und Interesse an Sinnfragen des Lebens, Gottes-Glauben und Atheismus, Theodizee-Problem, religiöse Auffassungen sowie Überzeugungen hinsichtlich übernatürlicher (paranormaler) Phänomene, Sinngebung des Lebens, multi-kulturelle Einstellung, Toleranz und Letztbegründung der Moral. Als wichtige Grund-Überzeugungen werden hier gesehen: (1) die Entscheidung zwischen Monismus, Epiphänomenalismus, Dualismus (als Wechselwirkung oder nur als Doppelaspekt-Lehre) und Komplementaritäts-Vorstellung, (2) der Glauben an Gott (Theismus, Deismus, Agnostizismus, Atheismus), und (3) die Einstellung zu Transzendenz und Immanenz, d.h. Annahme einer eigenständigen spirituell-geistigen Welt oder die Begrenzung auf die Immanenz. Darüber hinaus werden die Selbsteinstufungen der Religiosität und des Interesses an Sinnfragen zur Gruppierung verwendet. Die Auswertung erfolgte unter drei Gliederungspunkten: (1) Die 563 Studierenden der Psychologie werden mit ihren Überzeugungen, z.T. mit Aufgliederungen nach den Bedingungen Frau/Mann, erstes/mittleres Fachsemester, West/Ost, dargestellt. (2) Für die relativ homogene Gruppe aller Studierenden der Psychologie im ersten Fachsemester, zusammengefasst über sieben Universitäten und hinsichtlich der Proportion West- und Ost-Deutschland gewichtet, wird eine quasi-repräsentative Beschreibung versucht. (3) Mit der Methode statistischer Zwillingsbildung werden Gruppen von Studierenden der drei Fächer Psychologie, Philosophie und Naturwissenschaften, vorwiegend an der Universität Freiburg, verglichen. Von den 563 Studierenden der Psychologie hat sich etwa die Hälfte der Befragten bereits "etwas" (46%) oder "ausführlich" (7%) mit diesen Themen beschäftigt. Weitgehend unabhängig von der Semesterzahl meinen ca. 70 bis 90% , dass sich diese philosophischen Vorentscheidungen auf die Berufspraxis auswirken können. Damit ist die Relevanzbehauptung im Sinne der vorausgegangenen Untersuchung bestätigt. Diese hohe Quote der Zustimmung könnte als Antwort-Tendenz oder als spontane Reaktion auf die Absicht dieses Fragebogens interpretiert werden. Gegen diese pauschale Annahme sprechen u.a. differentielle Urteile hinsichtlich der drei Berufsgruppen (Ärzte, Psychotherapeuten, Richter) und das unterschiedliche Vorwissen. Wer eine Präferenz für den Dualismus oder die Komplementaritäts-Idee äußert, ist von den praktischen Auswirkungen philosophischer Vorentscheidungen eher überzeugt als die Monisten. Nach ihrer Auffassung von allgemeinsten Seinsprinzipien (Gehirn-Bewusstseins-Problem, Leib-Seele-Problem) gefragt, akzeptieren viele das Konzept der Komplementarität, fast ebenso viele ziehen den Dualismus vor und nehmen an, dass Bewusstseinsprozesse kausal auf die Hirnphysik wirken können. Monismus und Epiphänomenalismus werden nur selten gewählt. Die Frage nach Gott wird häufig im Sinne des Deismus oder im Sinne eines persönlichen Gottesbezuges (Theismus) beantwortet. Daneben gibt es eine sehr viel kleinere Zahl von atheistisch oder agnostisch Eingestellten. Die Unterschiede zwischen Frauen und Männern kommen durch die etwas häufiger atheistisch-agnostischen Auffassungen der Männer und die eher deistischen Antworten der Frauen zustande. Bei der Frage nach der Existenz Gottes werden – entgegen der Erwartung – bei den Studierenden der Psychologie keine statistischen Unterschiede hinsichtlich West/Ost gefunden. Im Trilemma Gehirn und Bewusstsein entscheiden sich 91% für die Behauptung, dass es eine psycho-physische Kausalität gibt. Auch das Trilemma zu Willensfreiheit-Determinismus führt zu einer mehrheitlichen, jedoch nicht so einhelligen Antwort, denn 68% der Psychologie-Studierenden sind überzeugt, einen freien Willen und moralische Verantwortung zu haben; die neuropsychologisch-tiefenpsychologisch begründete Behauptung eines "unfreien" Willen wird immerhin von 32% geteilt. Im Trilemma der Gerechtigkeit Gottes (Theodizee) gibt es ebenfalls eine klare Mehrheitsmeinung: zu 62% wird die Konfiguration gewählt, welche angesichts der Realität des Bösen in der Welt sowohl an der Allmacht als auch an der Güte Gottes (oder dessen Existenz) zweifelt. Auch bei der Einstufung der Religiosität fehlen die Unterschiede, die wegen der anderen religiösen Sozialisation in den neuen Bundesländern zu erwarten sind (vgl. ALLBUS-Umfrage 2002, insgesamt und bei der vergleichbaren Untergruppe im Alter 18 bis 29 Jahre mit Abitur). Dass die Wahl des Studienfachs Psychologie tendenziell mit diesen Überzeugungen zusammenhängt, d.h. überproportional viele Studierende (bezogen auf die Erwartungswerte) gläubig sind, lässt sich hier nicht entscheiden. Die Daten weisen nicht auf eine engere kirchliche Bindung hin. Wenn die Befragten ihre "Religiosität" und ihr "Interesse an Sinnfragen" einstufen, differenzieren sie deutlich zwischen der religiösen und der nicht religiösen Orientierung – und gegeben den Sinnfragen einen höheren (numerisch sogar doppelten) Stellenwert. Als aktive Mitglieder in ihrer Religionsgemeinschaft bezeichnen sich nur 14% (dazu 48% als passive Mitglieder) und 38% sind nicht Mitglied bzw. sind ausgetreten. Die geringe Kirchlichkeit und die aus eigener Sicht nicht besonders ausgeprägte Religiosität sind deutlich. Vor diesem Hintergrund sind die anderen Befunde zu sehen. Der von vielen Studierenden bejahte Bezug zur Transzendenz, zu einer spirituellen Welt, korrespondiert mit dem ausgeprägten, hohen Interesse an Sinnfragen, aber auch mit der Einstellung zu paranormalen Phänomenen bei einem nicht geringen Anteil der Befragten. Als Interpretation ergibt sich für die Studierenden der Psychologie zusammenfassend: Trotz der geringeren Bedeutung von Kirche und traditioneller Religiosität besteht mehrheitlich eine deistisch bis theistische Orientierung – bei ausgeprägtem Interesse an Sinnfragen und Spiritualität. Für die Untergruppe der Studierenden im ersten Fachsemester Psychologie trifft das geschilderte Überzeugungsmuster weithin zu, kann hier sogar als ein quasi-repräsentatives Ergebnis gelten. Die Relevanz philosophischer Annahmen über den Menschen für die Berufspraxis wird sehr entschieden bejaht, unabhängig davon, dass sich etwa die Hälfte noch nicht oder kaum mit diesen Themen befasst hat. Die im Fragebogen erfassten Überzeugungen der Frauen und Männer, der Studierenden im ersten und in den mittleren Fachsemestern sind sehr ähnlich. Auch mit den Menschenbildern von Studierenden der Philosophie und der Naturwissenschaften besteht in vieler Hinsicht Übereinstimmung. Es gibt nur wenige – und zufallskritisch betrachtet – unsichere Effekte, die jedoch konvergent zu sein scheinen. Im Vergleich zu den Naturwissenschaftlern besteht tendenziell eine Präferenz für den Dualismus mit psycho-physischer Kausalität oder für das Komplementaritäts-Konzept. Die Studierenden der Psychologie neigen im Vergleich zu denen der Philosophie und im Vergleich zu den Naturwissenschaftlern eher zum Theismus. Im Vergleich zu den Naturwissenschaftlern bejahen Psychologen eher die Auswirkung philosophischer Vorentscheidungen auch auf die ärztliche Berufspraxis und äußern ein größeres Interesse an Sinnfragen. Ausblick Wenn es an empirischen Untersuchungen mangelt, könnte das auch durch wissenschaftstheoretische Positionen begründet sein: Die persönliche Weltanschauung soll aus der Forschung und Praxis ausgeklammert werden. Dies scheint eine – auch in der Wissenschaftstheorie der universitären Psychologie – verbreitete Auffassung zu sein. In den Sozial- und Geisteswissenschaften sind diese Fragen geläufiger, doch fehlen differentielle (sozial-) psychologische Untersuchungen. Außerdem betreffen viele dieser Fragen Themen über die im Alltag selten gesprochen wird. Es ist die Privatsphäre der Weltanschauung. Für diese Vermutung spricht eine statistische Analyse der publizierten Selbstdarstellungen von 49 Psychologen bzw. Psychotherapeuten und 23 Philosophen (Fahrenberg 2004). Die meisten dieser Autobiographien enthalten natürlich Informationen über Elternhaus und Erziehungseinflüsse, über Ausbildung, Berufsleben u.a. Bei den Psychologen kommt zwar häufiger das Thema Menschenbild vor, die persönlichen Überzeugungen bleiben jedoch in der Regel verborgen, trotz der möglichen Bedeutung dieser "letzten" Fragen für das Philosophieren, für Persönlichkeitstheorien oder Psychotherapie-Ziele. Offensichtlich wird hier eine Privatsphäre gewahrt. Oder es gilt die Annahme, das eigene Menschenbild sei für das Denken und Lehren über den Menschen bzw. für die pädagogischen und psychotherapeutischen Anwendungsfelder völlig unerheblich? Welche Überzeugungen verhältnismäßig stabil bleiben und welche durch das Studium der Psychologie verändert werden, könnten weitere Untersuchungen aufzeigen. Sehr viele der 42 Ärzte und Psychotherapeuten, die von Kornelia Wider (vgl. Fahrenberg 2004, 2006) interviewt wurden, teilten die Relevanzbehauptung im Hinblick auf ihre eigene Praxis. Im Kontext jener Studie, zeigte sich auch, dass die vermuteten Konsequenzen höchstens in konkreten Entscheidungssituationen genauer evaluiert werden können, wenn Informationen, Kriterien und Urteilsprozesse möglichst standardisiert und transparent sind. Vielfach, so meinten die interviewten Ärzte und Psychotherapeuten, stehen andere praktische Notwendigkeiten und "klinische" Gründe im Vordergrund. Die vorgegeben, konstruierten Entscheidungssituationen waren deshalb immer noch zu unrealistisch, so dass plausible Analysen – statt auf der Einstellungs-Ebene – wahrscheinlich nur in der realen Entscheidungssituation zweckmäßig sind. Dieser Diskussionsansatz über mögliche differentielle Effekte bei faktischen Entscheidungen kann hier nicht weitergeführt werden, so sehr es auch wissenschaftsmethodisch und letztlich wieder psychologisch-anthropologisch interessant ist. Anmerkung Die Fragebogen wurden mit der dankenswerten Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen in einzelnen Lehrveranstaltungen in Psychologischen Instituten in den alten und neuen Bundesländern ausgegeben. Die vorliegende Untersuchung wurde ermöglicht durch die dankenswerte Unterstützung: von Frau Prof. Dr. Bärbel Bergmann, Dresden, Herrn Prof. Dr. Heinz Holling, Münster, Dr. Klaus-Martin Klein, Bonn, Dr. Thomas Kubiak, Greifswald, Dipl.-Psych. Rainer Leonhart, Freiburg, Dipl.-Psych. Lars Michael, Berlin, Prof. Dr. Uwe Mortensen, Münster, Prof. Dr. Martin Peper, Freiburg, Prof. Dr. Gerhard Stemmler, Marburg. In die Untersuchung wurden außerdem Studierende der Philosophie, der Theologie und der Naturwissenschaften in Lehrveranstaltungen der Universität Freiburg aufgenommen. Herr Prof. Dr. Gunter Gebauer, Berlin, hat weitere Studierende der Philosophie für das Projekt motiviert. Quellenhinweise Fahrenberg, Jochen (1999). Das Leib-Seele-Problem aus der Sicht von Studierenden verschiedener Fächer. Zeitschrift für Klinische Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie, 47, 207-216. Fahrenberg, Jochen (2004). Annahmen über den Menschen. Menschenbilder aus psychologischer, biologischer, religiöser und interkultureller Sicht. Heidelberg: Asanger. Fahrenberg, Jochen (2006). Annahmen über den Menschen. Eine Fragebogenstudie mit 800 Studierenden der Psychologie, Philosophie, Theologie und Naturwissenschaften. Forschungsbericht aus dem Institut für Psychologie Universität Freiburg i. Br., Nr. 164. http://www.psychologie.uni-freiburg.de/forschung/index.html/fobe90.html Fahrenberg, Jochen & Cheetham, Marcus (2000). The mind-body problem as seen by students of different disciplines. Journal of Consciousness Studies, 7, 47-59. Jochen Fahrenberg ist em. Professor am Institut für Psychologie der Universität Freiburg. Jahrgang 1937, Studium der Psychologie, Philosophie, Soziologie in Freiburg, London und Hamburg; Promotion 1962, Habilitation 1966. Gründung der Forschungsgruppe Psychophysiologie 1970; Lehrstuhl für Psychologie 1973 –2002. Arbeitsgebiete: Psychophysiologie, Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung, Methodenlehre der Psychologie. Adresse: Institut für Psychologie, Universität Freiburg i. Br., Belfortstrasse 20, D-79085 Freiburg Postanschrift: Prof. Dr. Jochen Fahrenberg, Waldhofstrasse 42, 79117 Freiburg E-Mail: fahrenbe@psychologie.uni-freiburg.de Letzte Änderung: 30.03.2006
[qualitative-research.net]
[Home] [Über
FQS] [Rubriken]
[Service]
[Beitragseinreichung]
© 1999-2008 Forum Qualitative Sozialforschung
/ Forum: Qualitative Social Research
|