Volume 1, No. 3, Art. 8 – Dezember 2000

Probleme der Archivierung von Oral History-Interviews. Das Beispiel des Archivs "Deutsches Gedächtnis"1)

Almut Leh

Zusammenfassung: Die derzeit wohl größte Sammlung von Oral History-Interviews in Deutschland befindet sich im Archiv des Instituts für Geschichte und Biographie in Hagen. Unter dem Namen "Deutsches Gedächtnis" werden dort – neben einer Vielzahl mentalitätsgeschichtlicher Texte – etwa 1500 lebensgeschichtliche Interviews mit Zeitzeugen aus Ost- und Westdeutschland archiviert, und zwar in Form von Audio- bzw. Videobändern (knapp ein Zehntel der Interviews sind per Videokamera aufgezeichnet) und deren Transkripten (als elektronische Textdatei und Papierausdruck). Oftmals kommen noch Fotos, persönliche Dokumente, Tagebücher, Briefe oder andere Schriftquellen des jeweiligen Zeitzeugen hinzu, so dass – bei laufenden Neuzugängen – eine große Menge qualitativer personenbezogener Daten auf unterschiedlichen Datenträgern archivalisch bewältigt werden muss. Aus der Vielzahl der Probleme, die sich aus der Besonderheit des Archivmaterials ergeben, möchte ich drei herausgreifen: die Anonymisierung, die Erschließung und den physischen Verfall.

Keywords: Oral History, Archivierung, Nutzungsrechte, Anonymisierung, Datenbank, digitale Speichermedien

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Anonymisierung und Überlassung der Rechte

3. Erschließung

4. Der physische Verfall

5. Bilanz

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung

Die derzeit wohl größte Sammlung von Oral History-Interviews in Deutschland befindet sich im Archiv des Instituts für Geschichte und Biographie der Fernuniversität Hagen. Unter dem Namen "Deutsches Gedächtnis" werden dort im Augenblick etwa 1500 lebensgeschichtliche Interviews mit Zeitzeugen aus Ost- und Westdeutschland archiviert und für wissenschaftliche und publizistische Zwecke genutzt. [1]

Das Archiv ist einer von vier Aufgabenbereichen des Instituts. Die anderen Aufgaben sind die Durchführung erfahrungsgeschichtlicher Forschungsprojekte mit einem Schwerpunkt auf der filmischen Präsentation der Ergebnisse in Ausstellungen und Museen bzw. als Dokumentarfilme für das Fernsehen, die Herausgabe einer einschlägigen wissenschaftlichen Zeitschrift im deutschen Sprachraum, der Zeitschrift BIOS, und die Durchführung einer regelmäßigen Veranstaltungsreihe – teils wissenschaftlicher, teils populärer Ausrichtung – aus dem methodischen und thematischen Spektrum der Arbeit des Instituts2). [2]

In den letzten Jahren hat sich das Institut für Geschichte und Biographie zu einem Zentrum lebensgeschichtlicher Forschung in Deutschland entwickelt, wobei der engen Verzahnung von eigenen Forschungsarbeiten und Archiv in mehrerer Hinsicht besondere Bedeutung zukommt. Man könnte sogar sagen: Ohne die eigenen Forschungsprojekte gäbe es das Archiv nicht. Das hat historische und praktische Gründe. [3]

In den achtziger Jahren haben Lutz NIETHAMMER und Alexander VON PLATO eine Reihe großangelegter Oral History-Projekte durchgeführt, in denen mehrere hundert Personen unterschiedlicher regionaler, politischer, konfessioneller und sozialer Herkunft aus Ost- und Westdeutschland interviewt wurden (NIETHAMMER 1983a, NIETHAMMER 1983b, NIETHAMMER & VON PLATO 1985, VON PLATO 1984). So entstand eine große Menge an Quellenmaterial, das zwar zunächst im Rahmen der jeweiligen Projektzusammenhänge ausgewertet wurde, dessen Nutzung aber auch darüber hinaus möglich und wünschenswert schien. Es war deshalb naheliegend, die Interviews in ein Archiv einzubringen, das eine künftige Nutzung sicherstellte. Mit dieser Absicht wurde 1990 das "Dokumentations- und Forschungszentrum für Biographieforschung und Oral History" an der Fernuniversität Hagen gegründet. Daraus ging drei Jahre später das "Institut für Geschichte und Biographie" hervor, in dessen Archiv "Deutsches Gedächtnis" das Interviewmaterial aufbewahrt wird. [4]

Viele Interviews sind seither hinzugekommen. Zum großen Teil stammen auch diese aus den eigenen Forschungen der letzten Jahre. Mit der wachsenden Bekanntheit des Instituts nicht zuletzt durch die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen ist das Archiv aber auch zu einer Sammelstelle für narrative, lebensgeschichtliche Interviews anderer Wissenschaftler geworden. Durch die Archivierung ihres Materials in einem öffentlichen Archiv ermöglichen sie die Überprüfbarkeit ihrer Ergebnisse und stellen gleichzeitig die von ihnen erhobenen Quellen für andere Forschungsvorhaben zur Verfügung. Gerade die weitere Nutzung liegt vielen angesichts des hohen Arbeitseinsatzes bei der Erhebung des Materials besonders am Herzen. [5]

In dieser Weise ist der eingangs genannte Bestand von zur Zeit 1500 Interviews entstanden, die alle als Tonkassetten sowie als Transkripte in Form von Textdateien und Ausdrucken archiviert werden. In den letzten Jahren wurden die von uns geführten Interviews vermehrt per Videokamera aufgezeichnet, weil sie für Dokumentarfilme oder zur Präsentation in Ausstellungen und Museen weiterbearbeitet wurden. Etwa ein Zehntel unseres Bestandes ist deshalb zusätzlich in Form von Videokassetten vorhanden. Oftmals kommen noch Fotos, persönliche Dokumente, Tagebücher, Briefe oder andere Schriftquellen des jeweiligen Zeitzeugen hinzu, so dass – bei laufenden Neuzugängen – eine große Menge qualitativer personenbezogener Daten auf unterschiedlichen Datenträgern archivalisch bewältigt werden muss. [6]

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass lebensgeschichtliche Interviews zwar den Kernbestand des Archivs bilden, die Bestände inzwischen aber weit darüber hinaus gehen. Das "Deutsche Gedächtnis" versteht sich als Archiv für "subjektive Erinnerungszeugnisse" aller Art und archiviert deshalb auch autobiographische Texte, Tagebücher, Briefsammlungen, Fotoalben und ähnliches. [7]

Aus der Besonderheit des Archivmaterials ergeben sich eine Reihe von Problemen bezüglich der Anonymisierung und der Weitergabe, von denen ich – ausgehend von den Erfahrungen im "Deutschen Gedächtnis" – einige näher betrachten möchte. Da es mein vordringliches Interesse ist, in einen Erfahrungsaustausch über die Archivierung qualitativer Interviews einzutreten, werde ich gerade solche Aspekte thematisieren, für die wir gegenwärtig noch keine abschließende oder befriedigende Lösung gefunden haben. [8]

2. Anonymisierung und Überlassung der Rechte

In der Regel wird beim Oral History-Interview schriftlich oder mündlich auf Tonband ein Vertrag über die Nutzung des Interviews geschlossen, der dem Interviewer das Recht der Auswertung und dem Interviewten die Anonymisierung seiner Daten zusichert. Für die Einhaltung dieser Absprache steht der Interviewer mit seinem Wort bzw. seiner Unterschrift ein. Wenn das Interview per Video aufgezeichnet wird und in einem Film genutzt werden soll, ist die Anonymisierung natürlich nicht möglich. Da sich der Interviewpartner dieser Tatsache aber bewusst ist, kann er sich im Gespräch darauf einstellen. [9]

Solange das Interview ausschließlich vom Interviewer im Rahmen seiner Forschungen genutzt wird, ist der Nutzungsvertrag für beide Seiten überschaubar. Aus der Sicht des Interviewpartners bedeutet dies: Er hat den Interviewer im Laufe des Gesprächs kennen lernen können, und in den meisten Fällen wird ein Vertrauensverhältnis entstanden sein, dass dem Interviewten die Sicherheit gibt, dass sich sein Gegenüber an die zugesicherte Anonymisierung halten wird und dass die Interpretation dessen, was er ihm im Gespräch anvertraut hat, im großen und ganzen seinem eigenen Deutungshorizont entsprechen wird. Dass die Interpretation letztlich zumeist doch über die Selbstdeutung des Interviewten hinausgeht, muss das Vertrauen in den Interview-Vertrag nicht beeinträchtigen. Da ein langfristiges Interesse am weiteren Forschungsprozess seitens der Interviewten eher die Ausnahme ist, lesen nur wenige, was der Forscher letztlich aus dem Gespräch mit ihnen gewonnen hat. Ob sie immer damit einverstanden sind bzw. wären, ist eine andere Frage.3) [10]

Sobald das Interview für Forschungen Dritter freigegeben und zu diesem Zweck in ein Archiv überführt wird, wird die Situation komplizierter. Aus der persönlichen Zweierbeziehung zwischen Interviewtem und Forscher wird das anonyme Verhältnis eines Wissenschaftlers zu seiner Quelle. Wer selbst Interviews geführt hat und auch schon einmal Interviews anderer ausgewertet hat, wird den Unterschied nachvollziehen können, der sich nicht in einem "besser" oder "schlechter" fassen lässt. Ich möchte behaupten, dass zum selbst geführten Interview eine größere Nähe vorhanden ist, die sowohl in einem tieferen Verständnis als auch in einer größeren Vorsicht bei der Interpretation zum Ausdruck kommen kann, während man einem "fremden" Interview mit mehr Distanz begegnet, was zu einer schärferen Interpretation führen kann, die treffender, aber auch unangemessener sein kann. Verallgemeinerungen sind hier sicher nicht möglich. Dass unterschiedliche Deutungen – abhängig von der Person des Forschers, aber auch von Fragestellung, Zeit und Perspektive der Forschung – möglich sind, begründet meines Erachtens gerade den Sinn der Archivierung und damit der weiteren Nutzbarmachung solchen Materials. [11]

Für den Interviewpartner bedeutet der Übergang seines Interviews in das Archiv die Öffnung seiner Lebensgeschichte für Fremde. Er kann nicht wissen, wer mit welchen Forschungsabsichten künftig das Interview mit ihm nutzen wird. Um diesen Sachverhalt abzusichern, kann ein Interview nur dann archiviert werden, wenn der Interviewpartner explizit sein Einverständnis dazu gegeben hat. Entweder enthält der Interview-Vertrag ohnehin einen Passus über eine etwaige weitere Nutzung in Form der Archivierung, oder das Einverständnis dazu muss im Zuge der Archivierung eingeholt werden. In unseren eigenen Projekten ist natürlich die spätere Archivierung im "Deutschen Gedächtnis" immer schon Teil der Absprache mit dem Interviewpartner. [12]

So wichtig wir auch diesen Vertrag nehmen, eine ideale Lösung stellt er nicht dar. Nach deutschem Archivrecht unterliegen personenbezogene Daten einer Sperrfrist von fünfzig Jahren. Indem der Interviewpartner sich mit der Archivierung seiner Daten einverstanden erklärt, wird diese Regelung zunächst zwar außer Kraft gesetzt; er kann das Einverständnis aber jederzeit zurücknehmen. Ob diese Möglichkeit mit dem Tod erlischt oder ob auch die Nachfahren noch das Recht haben, das Einverständnis zu widerrufen, ist nicht eindeutig geregelt. Allerdings ist davon auszugehen, dass deutsche Gerichte den Schutz der Persönlichkeit sehr hoch veranschlagen. Von diesem Schutz ausgenommen sind lediglich Personen des öffentlichen Lebens, mit denen wir es in der Oral History meist gerade nicht zu tun haben. Alles in allem ist deshalb die Archivierung lebensgeschichtlicher Interviews ein heikles Unterfangen, bei dem ein großer Aufwand auf letztlich unsicherer Grundlage betrieben wird. Tatsächlich wirkt der Interview-Vertrag meines Erachtens weniger als juristische Größe denn als zwischenmenschliche Übereinkunft, als eine Art Selbstverpflichtung, der gemäß der Interviewpartner sein einmal gegebenes Wort nicht ohne zwingende Gründe zurücknehmen wird. [13]

Ein wesentliches Problem besteht sicher in der Anonymisierung. Denn was im Transkript per Wechselbefehl einfach zu machen wäre, ist bei der Primärquelle, dem Tonprotokoll, unmöglich oder sehr aufwendig. Deshalb wird das Interview bei uns in nicht-anonymisierter Form archiviert. Mit anderen Worten: Wer bei uns ein Interview hört oder ein Transkript liest, erfährt zwangsläufig zumindest den Namen, oft auch die Anschrift des Interviewpartners. Die meisten Tonbänder und damit auch die Transkripte beginnen bei uns mit: "Ich sitze hier mit Herrn oder Frau X in der Soundso-Straße in Berlin oder sonstwo zum Interview." [14]

Wir lösen dieses Problem, indem sich jeder Archivnutzer schriftlich verpflichten muss, die Daten im Falle einer Veröffentlichung zu anonymisieren. Außerdem weisen wir ihn darauf hin, dass er nicht eigenständig Kontakt mit dem Interviewpartner aufnehmen darf, sondern nur mit unserer Vermittlung. Man sollte sich aber bewusst sein, dass die Weitergabe von Oral History-Interviews ein sensibles Unternehmen ist, bei dem man immer zwischen der Verantwortung gegenüber den Interviewpartnern einerseits und dem Anspruch der Archivnutzer an eine Dienstleistung andererseits abwägen muss. [15]

3. Erschließung

Wer ein Archiv aufsucht, interessiert sich für Material zu einem bestimmten Thema und kann dabei in der Regel auf mehr oder weniger gute Findbücher oder Kataloge zurückgreifen. Im "Deutschen Gedächtnis" ist dies eine elektronische Datenbank, in der jedes Interview mit bis zu 127 Kriterien beschrieben ist. Diese Kriterien geben Auskunft über die biographischen Daten des Interviewpartners, vom Geburtsjahr über die familiäre und regionale Herkunft, den schulischen und beruflichen Werdegang sowie die familiäre Entwicklung bis hin zu politischen und religiösen Orientierungen des Interviewpartners, seiner Eltern und seines Lebenspartners. Außerdem wird der Stand der Archivierung festgehalten, etwa Art und Menge der Datenträger, Zeitpunkt und Dauer des Interviews, Bearbeitungsstand usw. Alle diese Kriterien können – einzeln oder logisch verknüpft – als Suchaufträge formuliert werden. Mit Hilfe der elektronischen Datenbank können also Interviews mit Personen bestimmten Geschlechts, bestimmter Geburtsjahrgänge, bestimmter Herkunft oder ähnliches ausfindig gemacht werden. [16]

Überfordert ist die Datenbank allerdings zumeist dann, wenn nicht nach äußeren Biographiemerkmalen gesucht werden soll, sondern nach inhaltlichen Gesichtspunkten, wenn der Interviewte z.B. eine bestimmte Erfahrung gemacht haben oder Zeitzeuge eines bestimmten Ereignisses gewesen sein soll. Denn angesichts der enormen Komplexität des qualitativen Interviewmaterials ist es unmöglich, dieses anhand einer begrenzten Anzahl von Kriterien erschöpfend zu beschreiben. [17]

Auf der anderen Seite sind bei keinem unserer Interviews alle 127 Kriterien mit Einträgen versehen. Zum Teil deshalb, weil im Interview keine entsprechende Aussage gemacht worden ist. D.h. wenn über den Beruf der Mutter nicht gesprochen wurde, bleibt das entsprechende Feld ohne Eintrag. Zum anderen beruhen die Leerstellen aber auch auf einer unzureichenden Kenntnis des jeweiligen Interviews. Wegen des hohen Zeitaufwandes ist es uns nicht möglich, jedes Interview für die Aufnahme in die Datenbank vollständig durchzuarbeiten. Oft liegt dem Eintrag nur die Kenntnis der ersten Selbstbeschreibung des Interviewten in der Eingangssequenz zu Grunde. Wir bemühen uns allerdings um eine sukzessive Verbesserung unserer Datenbank, indem wir z.B. Archivnutzer bitten, die Datenbögen der Interviews, die sie bearbeiten, zu vervollständigen. [18]

Dennoch bleibt das grundsätzliche Problem: Sobald die Kriterien eines Suchauftrages nicht mit denen der Datenbank identisch sind, bleibt nur die zeitaufwendige Suche nach entsprechenden Begriffen innerhalb der Transkripte. Durch die Vorteile der elektronischen Suche lässt sich dieses Vorgehen zwar beschleunigen, führt aber dennoch zu Fehlern, da sie unabhängig von der Bedeutung der Begriffe im Kontext oder grammatikalischer Abweichungen erfolgt. Zudem müssen in einem zweiten Schritt die entsprechenden Passagen auf den Tonträgern gesucht werden. Und obwohl in den Transkripten etwa einmal pro Seite die Bandlaufzahl notiert wird, erfordert das Auffinden wiederum viel Zeit. [19]

Komfortabler wäre es sicher, wenn alle Daten eines Interviewpartners auf einer CD-ROM gespeichert wären, also das Tondokument, das Transkript, der Eintrag in der Datenbank und eventuell weitere personenbezogene Bild- und Textdokumente. Dadurch wäre zumindest ein rascherer, passgenauer Wechsel zwischen Transkript und Tonquelle möglich, und vorhandene Bilder und Texte könnten entsprechenden Referenzstellen zugeordnet werden. [20]

Unter den gegenwärtigen Umständen ist die Nutzung eines Archivs wie des unseren insgesamt sehr zeitaufwenig. Dass wir außerdem darauf bestehen, dass die Interviews bei uns im Archiv bearbeitet werden, erschwert sicher zusätzlich den Zugang. Unter dem Aspekt des Schutzes der Interviewpartner ist es mir allerdings schwer vorstellbar, Transkripte oder Tonträger herauszugeben oder gar per Post oder e-Mail zu verschicken. [21]

4. Der physische Verfall

Das gesamte Archivmaterial auf CD-ROM zu brennen, würde nicht nur die Nutzung erleichtern, sondern wäre vor allem auch aus einem anderen Grund sehr wünschenswert. Das zur Zeit wohl drängendste Problem unseres Archivs ist der fortschreitende Verfall der Ton- und Videobänder. Die elektromagnetischen Aufzeichnungen unterliegen einem rapiden Alterungsprozess, verbunden mit fortschreitenden Qualitätsverlusten, so dass die langfristige Sicherung der Quellen selbst absolute Priorität haben muss. Die analogen Ton- und Videobänder zu digitalisieren und dann auf CD-ROM zu brennen, wäre der derzeit wohl angezeigte Weg für einen zumindest längerfristigen Erhalt. [22]

Dieser Weg ist uns allerdings aus finanziellen Gründen versperrt. Denn obwohl die Kosten für dieses Verfahren in den letzten Jahren erheblich gesunken sind, ist es angesichts der Menge des Materials für uns immer noch nicht erschwinglich. Bei einer Größenordnung von 1500 Interviews auf durchschnittlich drei 90-Minuten-Kassetten geht es hier um annähernd 5000 Tonkassetten und einige hundert Videokassetten. Es ist auch schwierig, sich für eine bestimmte Datenspeicherungsmethode zu entscheiden, da angesichts der raschen Entwicklung neuer Technologien auch das Speichermedium CD-Rom nicht der endgültige Stand der Technik sein wird. Was also tun mit dem Archivmaterial, das in unseren Kellerräumen lagert? [23]

Unsere ältesten Aufnahmen sind inzwischen zwanzig Jahre alt und damit deutlich zu alt für das Speichermedium. Wertvolles Interviewmaterial – wertvoll als Quelle und im Sinne der Herstellungskosten – verfällt. Manche Tonaufnahmen weisen schon beträchtliche Qualitätsverluste auf, so dass das von uns heute eher argwöhnisch als Sekundärquelle betrachtete Transkript die längere Lebensdauer haben wird. Eine Situation, die wir dringend ändern müssen. [24]

5. Bilanz

Ein Text mit der Überschrift "Probleme" steht in der Gefahr, das Positive zu vernachlässigen. Deshalb möchte ich zum Schluss die Blickrichtung noch einmal umkehren. Sicher würde niemand die Risiken und Probleme in Kauf nehmen, hätte sich nicht die Archivierung lebensgeschichtlicher Interviews als sehr sinnvoll erwiesen. Nach rund zwanzig Jahren Erhebung und Archivierung verfügen wir heute über einen Quellenbestand, der die Bearbeitung vieler mentalitäts- und erfahrungsgeschichtlicher Fragestellungen zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ermöglicht, etwa nach der Entwicklung von Konsens- und Dissenselementen in einer Gesellschaft, nach der Verarbeitung politischer Brüche, die im Deutschland des 20. Jahrhundert so zahlreich sind, oder nach der Bedeutung früherer Erfahrungen für spätere Phasen der Geschichte.4) Viele Interviews sind schon jetzt unwiederbringlich, weil die Generation der damals Befragten nicht mehr lebt oder weil die politischen Zusammenhänge, in denen sie entstanden sind, heute nicht mehr existieren. In diesem Sinne werden die Quellen natürlich mit der Zeit immer "wertvoller". [25]

Eine Bestätigung ist sicher vor allem die Nutzung des Archivs, bei der wir einen stetigen Anstieg feststellen können. Dass viele Forscher dabei zu dem Ergebnis kommen, sie sollten selbst weitere Interviews machen, möchte ich eher als Qualität denn als Manko werten. Denn natürlich kann auch ein lebensgeschichtlich angelegtes Interview nicht zu jedem Forschungsinteresse befriedigend Auskunft geben. Fragen, die man selbst gerne gestellt hätte, bleiben vielleicht ungefragt. Themen, die einen brennend interessieren, kommen möglicherweise nur am Rande zur Sprache. In dieser Hinsicht unterscheidet sich das Oral History-Interview eben nicht von anderen historischen Quellen. Dieses Quellendefizit ist aber nur einer der Gründe, weitere Interviews zu führen. Vor allem ist es die Auseinandersetzung mit den lebensgeschichtlichen Interviews selbst, die bei vielen die Neugier weckt, sich ihrerseits auf die Spur der Erfahrung zu begeben. [26]

Anmerkungen

1) Der folgende Text war der Beitrag der Autorin zur "European Social Science History Conference", Amsterdam, Niederlande, im April 2000. <zurück>

2) Weitere Informationen über die Arbeit der Instituts für Geschichte und Biographie unter: http://www.fernuni-hagen.de/INST_GESCHUBIOG/. <zurück>

3) Zu dieser und zu weiteren forschungsethischen Fragen in der Zeitzeugenbefragung vgl. meinen Beitrag in BIOS 2000. <zurück>

4) Vgl. PLATO 1998 und 2000. <zurück>

Literatur

Leh, Almut (2000). Forschungsethische Probleme in der Zeitzeugenforschung. BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History, 13, 64-76.

Niethammer, Lutz (Hrsg.) (1983a). "Die Jahre weiß man nicht, wo man die heute hinsetzen soll." Faschismuserfahrungen im Ruhrgebiet. Berlin/Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf.

Niethammer, Lutz (Hrsg.) (1983b). "Hinterher merkt man, daß es richtig war, daß es schiefgegangen ist." Nachkriegserfahrungen im Ruhrgebiet. Berlin/Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf.

Niethammer, Lutz & Plato, Alexander von (Hrsg.) (1985). "Wir kriegen jetzt andere Zeiten." Auf der Suche nach der Erfahrung des Volkes in nachfaschistischen Ländern. Berlin/Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf.

Plato, Alexander von (1984). "Der Verlierer geht nicht leer aus." Betriebsräte geben zu Protokoll. Berlin/Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf.

Plato, Alexander von (1998). Erfahrungsgeschichte – von der Etablierung der Oral History. In Gerd Jüttemann & Hans Thomae (Hrsg.), Biographische Methoden in den Humanwissenschaften (S.60-74). Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Plato, Alexander von (2000). Zeitzeugen und historische Zunft. Erinnerung, kommunikative Tradierung und kollektives Gedächtnis in der qualitativen Geschichtswissenschaft – ein Problemaufriss. BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History, 13, 5-29.

Zur Autorin

Almut LEH, geboren 1961, M.A., Studium der Geschichte und Philosophie, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichte und Biographie, Redakteurin von "BIOS - Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History", Mitglied des Council der Internationalen Oral History Association.

Kontakt:

Almut Leh

Institut für Geschichte und Biographie
Liebigstr. 11
D - 58511 Lüdenscheid

E-Mail: almut.leh@fernuni-hagen.de

Zitation

Leh, Almut (2000). Probleme der Archivierung von Oral-History-Interviews. Das Beispiel des Archivs "Deutsches Gedächtnis" [26 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum Qualitative Social Research, 1(3), Art. 8, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs000384.

Revised 7/2008



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