Volume 1, No. 3, Art. 47 – Dezember 2000

Rezension:

Udo Kelle

Clive Seale (1999). The Quality of Qualitative Research1). Göttingen: Wallstein, 214 pages, Cloth (ISBN 07619 5597 6) £ 50.00, Paper (ISBN 07619 5598 4) £ 16.99

Inhaltsverzeichnis

Anmerkung

Zum Autor

Zitation

 

Fragen nach der Validität qualitativer Forschungsmethoden und ihrer Ergebnisse haben immer wieder Anlass zu Debatten gegeben. Mit der Monographie wird nun neuerlich ein umfangreicher Beitrag zu diesem Thema in Form eines systematischen Handbuchs vorgelegt. Dass der Autor hierbei den Begriff der "Qualität" und nicht den der "Validität" in den Mittelpunkt stellt, reflektiert den Stand einer recht kontroversen Diskussion, in der oft argumentiert wird, dass der Terminus Validität erkenntnistheoretische Annahmen transportiert, die durch einen qualitativen Zugang zur sozialen Welt ja gerade überwunden werden sollen. Radikalisiert wurde diese Sichtweise zudem in den letzten 15 Jahren durch eine Reihe von Arbeiten vor allem aus der Feder amerikanischer und britischer Kulturanthropologen, die den in der qualitativen Forschung oftmals dominierenden Naturalismus mit seiner Rhetorik eines direkten Zugangs zu "sozialen Welten aus erster Hand" als rhetorische Fiktion aufgedeckt und den literarischen Charakter mancher ethnographischer Feldberichte verdeutlicht haben. [1]

SEALE würdigt den Wert solcher "dekonstruktionistischer" Beiträge, kritisiert aber massiv jene radikalen Konsequenzen, die hieraus zahlreiche, unter der Flagge postmoderner Philosophie segelnde Sozialforscher gezogen haben: ein extremer erkenntnistheoretischer Relativismus, für den Fragen nach Validität angesichts der Existenz von "multiplen, gleichermaßen gültigen Weltsichten" obsolet sind, erweist sich SEALE zufolge bei näherem Hinsehen als selbstwidersprüchlich. Und auch die im letzten Jahrzehnt vielfach unternommenen (oft politisch motivierten) Versuche, durch neue Formen der Darstellung von Forschungsergebnissen der Sichtweise der Beforschten zu ihrem Recht zu verhelfen, hätten in eine Sackgasse geführt: dadurch, dass etwa Interviewtranskripte kommentarlos dem Leser präsentiert werden, lässt sich die faktisch vorhandene, ggfs. subtile Einflussnahme des Untersuchers auf die Materialauswahl und -präsentation letztendlich nicht verhindern, sondern höchstens verdecken. [2]

Gegenüber postmodernem Relativismus und radikalem Konstruktivismus plädiert SEALE für einen durch die postmoderne Kritik informierten, "subtilen" und fallibilistischen Realismus, als dessen Wurzeln der Kundige leicht die PEIRCEsche und POPPERsche Philosophie ausmachen wird (auch wenn SEALE einen solchen Bezug nicht explizit herstellt). Ein solcher Standpunkt erkennt die Tatsache an, dass Forschungsberichte i.d.R. einen stark konstruierten (und dabei zum Zweck der "Überredung" des Lesers auch ästhetisierenden) Charakter aufweisen, ohne dass deswegen der Bezug zu einer von Forscherkonstruktionen unabhängigen sozialen Realität aufgegeben werden muss – die praktische Herstellung dieses Bezugs macht vielmehr das zentrale Qualitätsmerkmal von Forschung aus. SEALE plädiert dabei für Pragmatismus bei der Auswahl von methodischen Ideen und Konzepten und empfiehlt, auch auf solche Verfahren methodischer Kontrolle zurückzugreifen, die im Kontext einer Forschungstradition entwickelt wurden, deren erkenntnistheoretische Prämissen der Untersucher nicht unbedingt teilt. Hinzu kommt, dass SEALE zufolge Sozialforschung bis zu einem bestimmten Grad ein "Handwerk" darstellt, dessen Praktiken sich nicht deduktiv aus epistemologischen Prämissen oder abstrakten Regeln ableiten lassen, obwohl der kreative Rückbezug auf methodologische Debatten ein unverzichtbares Stimulans wissenschaftlicher Reflexivität bleibt und im Forschungsalltag eine unerlässliche Orientierung bietet. SEALES Plädoyer für eine Hintanstellung von Grundsatzkontroversen zu Gunsten einer pluralistischen Verwendung methodischer Konzepte kann Widersprüche allerdings nicht ganz vermeiden: jemand, der den als Mittelweg zwischen naivem Empirismus und radikalem Konstruktivismus empfohlenen "subtilen" oder "fallibilistischen" erkenntnistheoretischen Realismus nicht akzeptieren mag, wird mit vielen der dargestellten Methoden zur Qualitätsverbesserung nicht viel anfangen können. [3]

Die besondere Stärke der Monographie besteht nun darin, dass der Autor seine eigene Position in Auseinandersetzung sowohl mit aktuellen als auch mit klassischen Diskussionsbeiträgen und Forschungsbeispielen entwickelt. Deshalb findet der Leser hier einen umfassenden Überblick über Debatten in der (angloamerikanischen) qualitativen Sozialforschung der letzten beiden Jahrzehnte und gleichzeitig einen enormen Fundus von Beispielen aus der Forschungspraxis, wobei das Ganze in didaktisch beispielhafter Weise durch zahlreiche Zusammenfassungen und eine klare Gliederung aufbereitet wurde. Ein Kriterienkatalog für die Beurteilung qualitativer Forschung und Diskussionshilfen im Anhang runden das Buch ab und machen es zu einem brauchbaren Werkzeug für Forschung und Lehre gleichermaßen. [4]

Im ersten, der pragmatischen Orientierung des Autors entsprechend kurz gehaltenen wissenschaftstheoretischen Teil der Monographie referiert SEALE die für die aktuelle qualitative Methodendiskussion bedeutsamen erkenntnistheoretischen Grundpositionen und gibt anschließend einen Überblick sowohl über Gütestandards, die im Rahmen der konventionellen quantitativen Umfragemethodik entwickelt wurden, als auch über verschiedene Standards für gute Forschung, die von qualitativ orientierten Methodikern vorgeschlagen wurden. [5]

Im zweiten, mit "Research Practice" übertitelten Teil wendet sich der Autor Verfahren der methodischen Kontrolle zu, die im Kontext unterschiedlicher qualitativer Ansätze entwickelt wurden: im Einzelnen referiert er dabei über Strategien der Triangulation und der "kommunikativen Validierung", über die Suche nach "negative cases" und nach falsifizierender Evidenz im Datenmaterial (ein Vorgehen, das eine lange Tradition in der qualitativen Forschung hat), über GLASERs und STRAUSSŽ Konzept empirisch begründeter Theoriebildung, über Probleme der Generalisierung qualitativer Forschungsergebnisse (wobei er ausführlich auf die häufig verwendeten Begriffe der "dichten Beschreibung" und der "theoretischen Generalisierung" eingeht), über die Einbeziehung quantifizierender Techniken, sowie über verschiedene Möglichkeiten, Analogien für Konzepte der Reliabilität und Replizierbarkeit in der qualitativen Forschung zu entwickeln. In den letzten beiden Kapiteln stellt SEALE anhand von Beispielen verschiedene Möglichkeiten "reflexiven Schreibens" einander gegenüber, wobei er auch auf jenen "textuellen Radikalismus" eingeht, der im Rahmen postmoderner Ansätze Bedeutung gewonnen hat, und dem er abschließend sein eigenes, "subtil realistisches" Verständnis von Reflexivität bei der Präsentation von Forschungsergebnissen entgegenstellt. [6]

So kann der deutsche Leser mit SEALEs Monographie nicht nur die hier zu Lande nach wie vor bestehende Rezeptionslücke postmoderne und poststrukturalistische Ansätze betreffend schließen, er kann sich auch davon überzeugen, wie sehr die deutsche Diskussion oft abgekoppelt von internationalen Entwicklungen verläuft. Angesichts der fortgeschrittenen Methodendiskussion in unserem Sprachraum muss man die Zurückhaltung, die sich deutsche qualitative Sozialforscher beim Publizieren ihrer Arbeiten in englischer Sprache auferlegen, bedauerlich finden. Einen beredten Hinweis für die bislang mangelnde internationale Resonanz der hiesigen qualitativen Methodendiskussion liefert jedenfalls der Umstand, dass kaum eine Hand voll deutschsprachiger Autoren Erwähnung in SEALEs Buch findet. Auch aus diesem Grund ist dieser Arbeit, die den Stand der Debatte über Validität in der qualitativen Forschung sicher für etliche Jahre bestimmen wird, eine weite Verbreitung in Deutschland zu wünschen. [7]

Anmerkung

1) Die Rezension wurde zuerst veröffentlicht in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 52, 588-590. Wir danken für die Erlaubnis zur Wiederveröffentlichung. <zurück>

Zum Autor

Dr. Udo KELLE

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Zitation

Kelle, Udo (2000). Rezension zu: Clive Seale (1999). The Quality of Qualitative Research [7 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(3), Art. 47, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0003477.



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