Volume 1, No. 3, Art. 50 – Dezember 2000

Tagungsbericht:

Roland Posner

The Rhetoric of Gestures. Centro Internazionale di Semiotica e di Linguistica, Urbino, Italien

Vom 12. bis 16. Juli gab es im Rahmen des Semiotischen Sommerinstituts am Centro Internazionale di Semiotica e di Linguistica in Urbino einen Workshop über "The Rhetoric of Gestures", der von Roland Posner (Arbeitsstelle für Semiotik der TU Berlin) organisiert wurde. Die Veranstaltung hatte zwei verschiedene Ziele. Sie richtete sich zum einen an die in Urbino anwesenden Semiotiker und sollte auf zeichentheoretischer Basis eine Brücke schlagen zwischen der vorwiegend in den Sozialwissenschaften betriebenen empirischen Gestenforschung und dem in den Geisteswissenschaften üblichen Ansatz, der zur Analyse semantischer Strukturen und pragmatischer Verwendungszusammenhänge von Gesten im Alltag das begriffliche Instrumentarium der Rhetorik benutzt. Zum anderen widmeten sich die versammelten Gestenforscher der Klärung von organisatorischen Fragen zur Institutionalisierung der International Society for Gesture Studies (ISGS), deren Gründung auf dem Internationalen Symposium "The Semantics and Pragmatics of Everyday Gestures" im April 1998 in Berlin beschlossen und auf der "International Conference on Gestures: Meaning and Use" im April 2000 in Porto bekräftigt wurde (siehe die Berichte in Zeitschrift für Semiotik 20, 436-439 und 22, 271-274). Diese beiden Ziele spiegelte das Programm, das für die erste Tageshälfte jeweils Arbeitsgruppendiskussionen über Aufgaben, Struktur, Statuten, Öffentlichkeitsarbeit sowie Forschungs- und Lehrkonzeptionen der ISGS anberaumte und für die zweite Tageshälfte öffentliche Vorträge ankündigte.

Als Ergebnis der Arbeitsgruppendiskussionen sei hier festgehalten,

  • dass die ISGS sich eine Satzung geben wird, die ein durch die Generalversammlung zu wählendes Scientific Committee vorsieht, in dem alle Länder und alle Fachgebiete mit Gestenforschergruppen vertreten sein sollen, sowie als ausführende Instanz ein Executive Board, das durch das Scientific Committee zu wählen ist;

  • dass die ISGS als ihr wissenschaftliches Organ eine Zeitschrift mit dem Titel "Gestures" haben wird, die ab 2001 von Adam KENDON und Cornelia MÜLLER herausgegeben und vom Verlag John Benjamins (Amsterdam und Philadelphia) halbjährlich publiziert werden und auch in elektronischer Fassung erhältlich sein wird, so dass das Körperverhalten auch in Video Clips dokumentierbar sein wird;

  • dass der nächste internationale Gestik-Kongress 2002 an der Universität Austin (Texas) stattfinden wird.

Die Vortragsserie wurde eröffnet von Grigorij KREIDLIN (Moskau), der über "Ethics and Etiquette in Gestural Signs" sprach und dabei insbesondere auf die Mitteilungen hinwies, die eine Person allein durch die von ihr eingenommene Körperhaltung machen kann: Scham, Wachsamkeit, Alarmbereitschaft, Offensive, Defensive, Verlangen, Saturiertheit. Dann sprach Roland POSNER (Berlin) über "Rhetorical Figures in the Gesturalization of Body Movements". Er setzte an bei den Verfahren zur Produktion von über die wörtlich verstandene verbale Formulierung hinausgehenden Bedeutungen, die die antike Rhetorik aufgelistet und die Lütticher Gruppe auf semiotischer Grundlage expliziert hat, und verglich sie mit den Verfahren, die Körperbewegungen eine Bedeutung verleihen - wobei sich interessante Gemeinsamkeiten zeigten. Auch Cornelia MÜLLER (Berlin) ging von der antiken Rhetorik aus und zeigte unter dem Titel "The Domestication of Gesture: Reconstructing a Standard of Rhetorical Education from Antiquity to the Present", wie die bereits in der Antike vom Redner geforderte Körperbeherrschung sich über die Jahrhunderte hinweg verfeinerte und in ein starres System von Geboten und Verboten verwandelte, das ohne gesellschaftliche Ächtung zu durchbrechen erst seit dem Ende der Aufklärung möglich wurde. Reinhard KRÜGER (Berlin) konzentrierte sich auf diese Normverletzungen und machte sich Gedanken über "Gestural Insults in Literary Monologue and Dialogue: The Cases of Italian and French Renaissance". Er machte an anschaulichen Beispielen klar, wie all das, was verbal auszudrücken als unanständig galt, trotz aller Domestizierung durch die Rhetorik in der Körpersprache von nicht als adelig oder bürgerlich angesehenen Personen seinen unangreifbaren Ausdruck fand. Serge SANTI (Aix-en-Provence) begründete unter dem Titel "Une représentation tri-dimensionnelle des relations entre sensorialité, motricité, langage verbal et émotions dans les échanges à valeur communicative" die Methodologie der Forschungen zum Verhältnis zwischen Gestik und Stimmqualitäten, die er zusammen mit Isabella GUAITELLA (Aix-en-Provence) betreibt. Frau GUAITELLA untersuchte danach "L'organisation gestuo-vocale de l'interaction interpersonnelle" und gab den zuvor erfolgten Debatten über die Prozesse der Gestualisierung (POSNER) und der Domestizierung des Körpers (MÜLLER und KRÜGER) mit ihren Ausführungen über den Übergang vom Tier zum Menschen durch "Selbsttheatralisierung" einen neuen Akzent, der anschließend einerseits mit Bezug auf GOFFMAN und andere Sozialwissenschaftler, andererseits mit Bezug auf RABELAIS, DIDEROT, LESSING und KLEIST diskutiert wurde. Massimo SERENARI (Berlin) griff in seinem Vortrag mit dem Titel "Gesture - Caricature - Rhetoric" das Thema der Normverletzung wieder auf und zeigte, dass sich bei der bildlichen Darstellung von Körpersprache im Laufe der Geschichte in der europäischen Karikatur Normen der Normverletzung herausgebildet haben. Den Normen der Gestendarstellung ging auch Vessela LOZANOVA (Sofia und Berlin) nach, die sich unter dem Titel "La force illocutionnaire des gestes dans les icones orthodoxes" der Frage widmete, wer auf Bildern mit Gestendarstellung mit wem kommuniziert: der Maler mit den Betrachtern, die dargestellte Person mit anderen dargestellten Personen oder der Maler mit Hilfe der dargestellten Personen mit den Betrachtern. Besonders interessant wird diese Frage, wenn die dargestellte Person ein Engel oder Gott ist, die als Allwissende sowohl bildintern als auch bildextern kommunizieren und, wie LOZANOVA nachwies, oft ausdrücklich in dieser Doppelrolle dargestellt werden. Auch der abschließende Vortrag von Lluís PAYRATÓ (Barcelona) problematisierte die illokutiven Kräfte der Gesten und diskutierte, wie sich im Rahmen der Gestendarstellung im Bild die illokutiven Kräfte der Darstellungsebene und der dargestellten Ebene überlagern. Sein Vortrag mit dem Titel "How to Do (Relevant) Things with (Emblematic) Gestures" zeigte zugleich, wie nahe von der Rhetorik inspirierte Fragestellungen den Themen der Analytischen Philosophie und linguistischen Pragmatik sind.

Die Teilnehmer dieses Workshops, dessen Vorträge 2001 im Rahmen der "documenti di lavoro e pre-pubblicazioni" unter der Herausgeberschaft des Leiters der Semiotischen Sommerinstitute in Urbino, Giuseppe PAIONI erscheinen werden, waren sich einig, dass der Workshop seine beiden Ziele erreicht hat, und vereinbarten, sich bald wieder in dieser Zusammensetzung zu treffen, um sich gegenseitig zeigen zu können, wie sie die in Urbino gewonnenen Anregungen verarbeitet haben.

Autor

Roland POSNER

Kontakt:

E-Mail: posner@kgw.tu-berlin.de
URL: Arbeitsstelle für Semiotik, TU Berlin

Zitation

Posner, Roland (2000). Tagungsbericht: The Rhetoric of Gestures. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum Qualitative Social Research, 1(3), Art. 50, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0003509.



Copyright (c) 2000 Roland Posner

Creative Commons License
This work is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License.