Volume 1, No. 3, Art. 52 – Dezember 2000

Tagungsbericht:

Raimund Dehmlow

Eine Fehldiagnose und die Folgen: 2. Internationaler Otto Gross Kongress. Burghölzli, Schweiz

Vom 27.-29. Oktober fand auf Einladung der Internationalen Otto Gross Gesellschaft in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, dem "Burghölzli", der 2. Internationale Otto Gross Kongress statt, der unter dem Motto "Otto Gross, Psychiatrie, Psychoanalyse und Literatur" stand.

Zahlreiche Referentinnen und Referenten aus verschiedenen Ländern Europas, den USA und Japan präsentierten und diskutierten den Einfluss des österreichischen Arztes und Psychoanalytikers (1877-1920) in Psychiatrie, Psychoanalyse und Literatur, der sich 1908 zur Behandlung im Burghölzli aufhielt und der er sich später durch seinen spektakulären Sprung über die Klinikmauer entzog. Die damalige Diagnose "Dementia praecox" des Oberarztes Carl Gustav JUNG lieferte die Grundlage für die später auf Druck des Vaters Hans GROSS gerichtlich festgestellte Wahnsinnskuratel, für deren Aufhebung Otto GROSS bis zu seinem Tod unablässig kämpfte. Nach Ansicht des GROSS-Biographen und Zürcher Psychoanalytikers Emanuel HURWITZ, der selbst als Oberarzt am Burghölzli tätig war, traf JUNG eine Fehldiagnose: nach heutigen Erkenntnissen litt er an einer Neurose und den Folgen jahrelangen, exzessiven Drogengebrauchs. Eugen BLEULER, 1908 Leiter des Burghölzli, hat die Diagnose seines Oberarztes JUNG – wie aus aufgefundenen Dokumenten hervorgeht – zwar gestützt, sich allerdings einer eigenen ärztlichen Stellungnahme enthalten. Der heutige Klinikleiter, Prof. Dr. med. Daniel HELL und der Zürcher Stadtrat Robert NEUKOMM, der beim Kongress Stadt und Kanton Zürich vertrat, unterstützten durch ihre Anwesenheit und in ihren Grußworten die Bemühungen einer – wenn auch späten - Rehabilitation von GROSS.

Der Kongress führte erstmals auch die frühen GROSS-Biographen, den amerikanischen Literaturwissenschaftler Martin GREEN, den Berliner Soziologen Nicolaus SOMBART und den Schweizer Emanuel HURWITZ, zusammen, die mit eigenständigen Monographien in den 70er Jahren eine "GROSS-Renaissance" einleiteten. Die GROSS-Tochter Sophie TEMPLER-KUH, Ehrenpräsidentin der einladenden Gesellschaft und zwei Nichten der GROSS-Tochter Camilla ULLMANN, die im Mai des Jahres in München verstarb, waren gleichfalls anwesend.

Zum Kongress erschienen mehrere Veröffentlichungen zu GROSS:

  • Internationaler Otto Gross Kongress Bauhaus-Archiv, Berlin 1999. Hrsg. von Raimund Dehmlow & Gottfried Heuer. Marburg an der Lahn, Hannover: Verlag LiteraturWissenschaft.de, Laurentius Verl. 2000

  • Gross, Otto: Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe. Hamburg: Edition Nautilus 2000 Otto Gross: Werke. Die Grazer Jahre. Herausgegeben von Lois Madison. Hamilton, N.Y.: Mindpiece 2000.

Im Jahr 2002 ist ein weiterer Kongress in München, für 2003 in Graz, der Heimatstadt von GROSS, geplant.

Autor

Raimund DEHMLOW

Kontakt:

Raimund Dehmlow

Internationale Otto Gross Gesellschaft e.V., Geschäftsstelle
Kirchröder Str. 44F
D - 30625 Hannover

Tel./Fax: 0049/(0)511-535 33 74

E-Mail: raimund.dehmlow@ottogross.org
URL: http://www.ottogross.org

Zitation

Dehmlow, Raimund (2000). Tagungsbericht: Eine Fehldiagnose und die Folgen: 2. Internationaler Otto Gross Kongress. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum Qualitative Social Research, 1(3), Art. 52, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0003523.

Revised 8/2008



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