Volume 1, No. 2, Art. 2 – Juni 2000

Zu diesem Band: Qualitative Methoden und Psychologie im deutschen Sprachraum

Franz Breuer & Katja Mruck

Qualitativ-methodische Ansätze führen in der deutschsprachigen Psychologie in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ein Schattendasein. In der Wissenschaftsgemeinschaft der Psychologen dominiert nachhaltig eine "quantitative" Ausrichtung, die sich einem naturwissenschaftlichen Erkenntnisideal (prototypisch: dem bedingungskontrollierten Labor-Experiment) verpflichtet fühlt. In diesem Rahmen dürfen qualitativ arbeitende Psychologen froh sein, wenn man sie gewisse Nischen besetzen läßt. Meist bleiben sie Randexistenzen in ihrer Fachgemeinde, nicht selten werden sie mehr oder weniger offen belächelt, teilweise auch diskriminiert und abgewertet. Auch wenn aus verschiedenen Feldern psychologischer (Berufs-) Praxis zunehmend Hinweise auf die Bedeutung und Notwendigkeit (auch) einer "qualitativen" (einzelfall-, verstehens-, alltagswelt-, biographie-, dialogisch orientierten u.ä.) Arbeitsweise gegeben werden, zeigt sich die universitäre Psychologie im deutschen Sprachraum weiter ziemlich resistent gegenüber "qualitativen Anfechtungen". In der disziplinären Mikropolitik gibt es für qualitative Psychologen wenig Chancen (Stellen, Forschungsressourcen etc.). Das hat außer- wie innerfachliche Gründe, denen hier nicht nachgegangen werden soll. [1]

In den letzten Jahren meint man allerdings, eine "frische Brise" einer qualitativ-methodischen Ausrichtung zu verspüren. In der methodenbezogenen Fachliteratur und auf der Ebene der Fachorganisationen gibt es Artikulationen einer qualitativen Orientierung, auch scheint die Mehrzahl der quantitativ arbeitenden Psychologen dieser Orientierung nicht mehr per se feindselig oder ignorierend gegenüberzustehen. Der Erfolg dieser Initiativen erscheint uns bisher allerdings eher mäßig. So gibt es beispielsweise sehr wenige psychologische Publikationsorgane (wissenschaftliche Zeitschriften), in denen Berichte über qualitativ durchgeführte Untersuchungen eine Chance haben bzw. gut aufgehoben sind. Mangels Resonanz in den eigenen fachlichen Reihen pflegen qualitative Psychologen Austausch und Kooperation häufig lieber mit Forschern anderer sozialwissenschaftlicher Disziplinen und begeben sich so mitunter aus dem "Kernbereich" ihres Faches hinaus. Die Bekanntheit qualitativ arbeitender Psychologen beschränkt sich – so vermuten wir – nicht selten auf voneinander relativ abgeschirmte "lokale Szenen", "soziale Netze" und "Zitierkartelle". Es wird inzwischen an/in gar nicht so wenigen Orten und Kontexten qualitativ geforscht, aber man weiß es wechselseitig oftmals nicht voneinander, nimmt einander nicht oder nur wenig zur Kenntnis. Entsprechend gering ist mitunter die Kenntnis über qualitativ-psychologische Ansätze auch in den qualitativen "Stammdisziplinen" Soziologie und Erziehungswissenschaft. [2]

Auf diesem Hintergrund haben wir es für sinnvoll erachtet, eine möglichst breit angelegte und nicht apriorisch (durch methodologische, ideologische o.ä. Ausschluß-Prinzipien) eingeengte Recherche anzustellen, um qualitativ arbeitende Psychologinnen und Psychologen in möglichst vielen universitären u.a. Forschungseinrichtungen zu erreichen. Wir haben Psychologinnen und Psychologen, die sich selbst (in mehr oder weniger striktem, exklusivem Maße) dieser Orientierung zurechnen, gebeten, ihre Forschungskonzeption, Herangehensweisen, ihre empirischen Projekte etc. in einem kurzen Überblick vorzustellen. [3]

Zu diesem Zweck haben wir im Spätsommer 1999 einen Rundbrief an die Leiterinnen und Leiter der Psychologischen Institute aller deutschsprachigen Universitäten und Hochschulen verschickt, in dem diese gebeten wurden, einen "Aufruf zur Mitarbeit" an diesem Band an jene Mitglieder der Institution weiterzuleiten, bei denen sie sich ein einschlägiges Interesse vorstellen können. Was mit dem Schreiben innerhalb der einzelnen Universitäten/Institute konkret gemacht worden ist, entzieht sich zumeist unserer Kenntnis. Es sind auf diese Weise sowie durch die Ankündigung des Bandes in verschiedenen deutschsprachigen Mailinglisten und durch Weiterreichungen innerhalb der sozialen Netzwerke qualitativ arbeitender Psychologen schließlich jene Beiträge zustande gekommen, die den ersten und Haupt-Teil des vorliegenden FQS-Bandes ausmachen. [4]

Einen Ausschnitt unseres "Aufrufs zur Mitarbeit", den wir auf diese Weise verteilt haben, zitieren wir hier:

Wir "... haben einige Fragen zusammengestellt, an denen Sie sich bei der Schilderung Ihres Ansatzes (in 'lockerer Weise') orientieren sollten. Wir wollen so einerseits den Charakter des von uns gewünschten Beitrags deutlich machen und andererseits eine gewisse Strukturähnlichkeit zwischen den Beiträgen erzielen.

Oberthema/-frage: Was ist 'Ihr Ansatz' in der qualitativ-sozialwissenschaftlichen Psychologie? – mit folgenden potentiellen Unteraspekten:

  • An welche Vorbilder und Traditionen schließen Sie im Rahmen dieses Ansatzes an?

  • Was sind Ihre eigenen Weiterentwicklungen?

  • Welches sind Ihre Hauptanliegen, Intentionen, 'Missionen'?

  • Welche theoretischen und/oder methodologischen 'Knackpunkte' beschäftigen Sie?

  • Welche inhaltlichen Thematiken und Probleme sind für Ihren Forschungskontext charakteristisch?

  • Wie sehen Sie Ihre theoretischen und methodischen Bezüge und Verankerungen in der Psychologie?

  • Wie sehen Sie Ihre Bezüge und Verankerungen in der Wissenschaftsgemeinschaft der Psychologen?

  • Wie sieht für Sie das Bezugnahme- und Kooperationsverhältnis zu Nachbardisziplinen aus?

  • Was sind Ihre bevorzugten Informationskontexte (welche Zeitschriften, Medien, Tagungen, Diskussionskontexte, Webseiten u.ä.)? ...

  • Der Kurzbeitrag selbst sollte 1500 Worte nicht überschreiten. ..." [5]

Die von den Autorinnen und Autoren realisierte Ausrichtung ihrer Beiträge an dieser Vorgabe fiel dann in der Tat sehr "locker" und variantenreich aus. Einige Beiträger/innen benutzten sie gewissermaßen im Sinne einer "offenen schriftlichen Befragung" und antworteten zu genau den dort gestellten Fragen; andere gaben eine Darstellung ihres Ansatzes, ihrer Untersuchung, spezifischer methodischer Aspekte o.ä. ohne direkten Bezug zu den vorgegebenen Leitfragen. Wir haben die unterschiedlichen "Interpretationen" unseres Aufrufs in dieser formalen Hinsicht weitgehend akzeptiert und haben – da auch mit der Längenvorgabe der Texte in großer Variationsbreite umgegangen wurde – die Umfang-Begrenzung für alle Autorinnen/Autoren liberalisiert. [6]

Im folgenden ersten Teil des zweiten Bandes von FQS werden die Ergebnisse unserer Recherche-Bemühung vorgestellt. Zum einen finden sich Präsentationen von Forschungsstilen, die bereits gewisse Traditionen entwickelt und sich in vielerlei empirischen Untersuchungen manifestiert haben. Zum anderen werden konkrete empirische Einzelprojekte dargestellt, mehr oder weniger umfänglich und forschungskontextuell eingebettet, die mit bestimmten qualitativ-methodischen Ausrichtungen und Verfahren operieren. Weiterhin werden einige spezifische Probleme qualitativer Methodik in psychologischen Forschungsprojekten skizziert und darauf bezogene Lösungsmöglichkeiten vorgestellt bzw. diskutiert. Und schließlich gibt es einige Programmatik-Texte, die qualitativ-psychologische Methodik in ihrer disziplinären Verortung und wissenschaftspolitischen Situiertheit behandeln. Da die hier versammelten Beiträge nicht sämtlich eindeutig bzw. nicht angemessen genau (nur) einer dieser "Textsorten" zugeordnet werden können, haben wir ihre Aufeinanderfolge (formal) entsprechend der alphabetischen Reihenfolge ihrer Autorinnen/Autoren festgelegt. [7]

Zusätzlich sei an dieser Stelle auf einiges verwiesen, was die hier vorgestellte Sammlung nicht leisten kann. Hierzu gehört zunächst, daß – obwohl 35 Autor(inn)en in 25 Beiträgen mit unterschiedlichen methodologischen/theoretischen Orientierungen und aus unterschiedlichen Praxis- und Inhaltsbereichen an dem Schwerpunktthema "deutschsprachige qualitative Psychologie" mitgearbeitet haben – der hier gesammelte Stand keinesfalls als repräsentativ für die gesamte deutschsprachige qualitative Psychologie betrachtet werden kann. Zum einen handelt es sich, obwohl Institute in Deutschland, Österreich und der Schweiz von uns angeschrieben wurden, vor allem um deutsche Beiträge (nur ein Beitrag einer Schweizer Autorin, der zudem nur in englischer Sprache als Volltext vorliegt, hat Eingang in den Schwerpunkt "deutschsprachige qualitative Psychologie" gefunden). Zum anderen scheinen – betrachtet man den Stand für Deutschland genauer – einige systematische Lücken erkennbar: Zwar haben Autor(inn)en in FQS 1(2) mitgearbeitet, die sich etwa (ethno-) psychoanalytischen, tiefen- und/oder gestaltpsychologischen oder narrationspsychologischen Traditionen verpflichtet fühlen oder handlungstheoretischen und/oder subjektwissenschaftlichen Ansätzen etwa der Kritischen Psychologie zugehören bzw. an diese anschließen. (Ebenfalls noch einmal verwiesen sei an dieser Stelle auf Beiträge deutschsprachiger Psycholog[inn]en in der ersten FQS-Ausgabe vom Januar 2000, die teilweise auch im Zusammenhang dieses zweiten Bandes von Interesse sein dürften; siehe dort etwa die Beiträge von BRÄUTIGAM, JONAS & BOOS, LÖSCHPER, MEY, MRUCK, SCHMITT und WITZEL.) Nicht präsentiert sind jedoch z.B. Autor(inn)en, die ihre Arbeit im Feld der phänomenologischen Psychologie ansiedeln, ebenfalls fehlen bestimmte Orte wie z.B. die Universität Erlangen mit einem durchaus starken kultur- und handlungstheoretischen Zweig, und deutlich unterrepräsentiert sind psychologische Praktiker(innen), die nicht in universitären Einrichtungen tätig sind. [8]

Trotz der hier erwähnten Einschränkungen würden wir uns sehr freuen, wenn die Zusammenstellung dieser Selbstpräsentationen zu einer stärkeren "Vernetzung" qualitativ-methodisch arbeitender Psychologen im deutschsprachigen Raum führt, wenn die Wahrnehmung der psychologischen Ansätze in sozialwissenschaftlichen Nachbardisziplinen geschärft und bereichert wird und so auch interdisziplinäre Kooperationen angeregt werden – und nicht zuletzt dann, wenn die deutschsprachige "qualitative Psychologie" größere Aufmerksamkeit und Beachtung in der internationalen sozialwissenschaftlichen Diskussion bekäme. [9]

Zitation

Breuer, Franz & Mruck, Katja (2000). Zu diesem Band: Qualitative Methoden und Psychologie im deutschen Sprachraum [9 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(2), Art. 2, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs000221.

Revised 7/2008



Copyright (c) 2000 Franz Breuer, Katja Mruck

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