Volume 1, No. 2, Art. 9 – Juni 2000

Objektive Hermeneutik in der Vaterforschung

Mathias Graf & Heinz Walter

Zusammenfassung: Vor dem Hintergrund einer längeren Tradition mit qualitativen Verfahren operierender Abschlussarbeiten im Fach Pädagogische Psychologie werden solche beschrieben und diskutiert, die im Rahmen einer aktuellen Vaterforschung Fragestellungen mit Hilfe der Objektiven Hermeneutik verfolgen. Im weiteren wird auf Probleme eingegangen, die sich bei der Realisierung der Objektiven Hermeneutik immer wieder ergeben und die sich bei Abschlussarbeiten in akzentuierter Form stellen.

Keywords: pädagogische Psychologie, Vaterforschung, qualitative Sozialforschung, objektive Hermeneutik, Publikationsprobleme, Darstellungsumfang, scheinbare Wertungen

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Entwicklung qualitativ ansetzender Arbeiten in der Konstanzer Vaterforschung

3. "Knackpunkte" bei der Darstellung objektiv-hermeneutischer Ergebnisse

3.1 Ausführlichkeit der Darstellung

3.2 Intentionalistische Sprache und scheinbare Bewertungen

Literatur

Zu den Autoren

Zitation

 

1. Einleitung

Im Arbeitsbereich Pädagogischen Psychologie an der Universität Konstanz finden seit nunmehr gut zwanzig Jahren in Diplomarbeiten und Dissertationen unterschiedliche Vorschläge aus dem Arsenal qualitativer Verfahren Anwendung; dies jeweils in Abhängigkeit von Fragestellung und jenem institutionellen Kontext, in dem die gewonnenen Ergebnisse vorgestellt werden und über ihre Diskussion etwas bewegen sollen. [1]

So wurde etwa eine Dissertation zur Fragestellung "Wie sieht guter Psychologieunterricht aus?" von dem Vorwissen der Autorin um Bedingungen des Psychologieunterrichts an der gymnasialen Oberstufe geleitet; sowie von deren Ziel, die Weiterentwicklung von psychologiedidaktischen Konzepten und Lehrplänen zu stimulieren (BOVET 1993). Konsequent folgte daraus die Wahl des methodischen Vorgehens: Problemorientierte Interviews (WITZEL 1982) mit Gymnasiallehrern als Experten; Sequenzanalyse, Erstellung von Memos und kommunikative Validierung; schließlich systematische Identifizierung von "Komponenten", d.h. von Gemeinsamkeiten der Aussagen in mehreren Interviews hinsichtlich "Entscheidungs- und Problemfelder(n) (...), welche die Befragten im Blick haben, wenn sie ihre Vorstellungen von einem guten und machbaren Psychologieunterricht darlegen, und dann die Auffassungen der Befragten darüber, wie sie bezüglich dieser Entscheidungs- und Problemfelder am besten im Unterricht vorgehen". Über die von den Interviewees bereits angestellten Überlegungen und selbstreflexiven Äußerungen hinaus waren "Erklärungen dafür zu finden, wie die Auffassungen zustande gekommen und begründet sein können, Argumente für und gegen sie zu sammeln" (BOVET 1993, S.97). Doch eine notwendige Voraussetzung der Intention, mit der vorgestellten Arbeit eine fachdidaktische und curriculare Diskussion zu stimulieren, schien gerade dadurch gewährleistet, dass die bewusstseinsfähige Ebene in der Auseinandersetzung mit den Inhalten der Interviews höchstens in – für Psychologen – tolerierbarem Maße verlassen wurde, die Interpretationen also nicht über Gebühr "provozierten". Der Gewinn der Entscheidung für das angedeutete Vorgehen und gegen ein solches in der Tradition quantitativer empirischer Sozialforschung dürfte jedem Rezipienten der Arbeit unmittelbar vor Augen stehen – allemal vor dem Hintergrund der "Geschlossenheit" des bis dahin ex cathedra einschlägig Vorgetragenen. [2]

Im Rahmen unseres aktuellen Interesses an Vätern (vgl. WALTER 2000), insbesondere an deren Erleben ihrer Vaterschaft, sind wir auch allzu oft auf Modelle und Untersuchungen gestoßen, die – gemessen an unseren eigenen Vorstellungen – bezüglich des interessierenden Phänomenspektrums und/oder der Phänomendifferenzierung deutlich "zu frühe" Apriori enthalten. Ein wünschenswert breites wie tiefes Ausloten dieses bereits prima vista so facettenreichen Phänomenbereichs wird um qualitative Bemühungen nicht umhin kommen. Zudem legen die vielen Hinweise auf eine den Betroffenen nicht bewusste Fundierung vaterschaftsbezogenen Handelns und Erlebens (z.B. DELAISI DE PARSELVAL 1985) ein geeignetes hermeneutisches Verfahren nahe. Doch die Intention, zu frühe Apriori-Feststellungen zu vermeiden, und der Hinweis auf (noch) nicht bewusstseinsfähige Essentials des Forschungsgegenstandes begründen auch in anderen Themenfeldern ein qualitatives Vorgehen. Besonders lohnend und aussichtsreich erscheint ein solches in der Vaterforschung jedoch auch deshalb, weil es sich bei den Gatten- und Eltern-Kind-Beziehungen nicht um Rollenbeziehungen handelt, sondern um diffuse Sozialbeziehungen (OEVERMANN 1996). Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sich aus ihnen – im Gegensatz zu rollenförmigen Beziehungen – keinerlei Themen ausschließen lassen und die Gestaltung der Beziehung grundsätzlich offen ist (wenngleich sich empirisch besonders häufig gelebte Formen finden lassen). Für die Operationalisierung im Rahmen einer quantitativ arbeitenden Forschungsstrategie stehen hier m.a.W. noch weniger als sonst klare Rollenbeschreibungen zur Verfügung, die vorab als Grundlage für eine Kategorienerstellung dienen könnten. Sowohl auf metatheoretischer als auch auf methodologischer Ebene trägt der Forschungsansatz der Objektiven Hermeneutik diesen angesprochenen Zusammenhängen Rechnung. Er geht von latenten handlungssteuernden Strukturen aus und versucht, über ein entsprechendes methodisches Vorgehen diese Strukturen zu rekonstruieren. [3]

Ab 1994 besuchten mehrere Diplomanden den einwöchigen Sommerkurs "Objektive Hermeneutik" von Ulrich OEVERMANN an der Universität Frankfurt. Diese Möglichkeit war ein erheblicher Gewinn gegenüber den Jahren davor, in denen die Diplomanden und Doktoranden, die sich für ein qualitatives Vorgehen entschieden, sich dieses zunächst anhand verfügbarer Literatur selbst erarbeiten mussten; wenn wir den methodologischen und methodischen Auseinandersetzungen dieser Arbeiten u.a. in unserem Forschungskolloquium dann auch überproportional viel Zeit einräumten. Zwischenzeitlich hat sich die Situation vor Ort in zweifacher Hinsicht verbessert: Seit der Besetzung des Lehrstuhls für Kultur-, Wissens- und Religionssoziologie mit Hans-Georg SOEFFNER lehrt und forscht ein vielfach ausgewiesener qualitativer Sozialforscher mit seinen Mitarbeitern an der Universität Konstanz. Und die psychologische Methodenausbildung selbst gibt sowohl im Grund- wie auch im Hauptstudium Gelegenheit, mit Grundannahmen und Verfahren qualitativer Methodik in Kontakt zu kommen. [4]

2. Zur Entwicklung qualitativ ansetzender Arbeiten in der Konstanzer Vaterforschung

Seit rund sechs Jahren setzt der Arbeitsbereich Pädagogische Psychologie in seiner Forschung einen Schwerpunkt im Bereich der Vaterforschung. Es handelt sich dabei um einen Forschungsbereich, der insbesondere im deutschsprachigen Raum – gemessen an seiner Bedeutsamkeit – nach wie vor relativ wenig Beachtung findet, auch wenn der 1985 von FTHENAKIS gegebene Überblick darüber hinwegtäuschen mag. Um einen aktuellen Überblick über von deutschsprachigen Autoren eingenommene theoretische Positionen und beigebrachte empirische Befunde bemüht sich deshalb ein aktueller Sammelband (WALTER 2000); der u.a. auch der Tendenz in der internationalen Vaterforschung Rechnung trägt, die Väter selbst in ihrem Verhalten und Erleben zu fokussieren, sich nicht nur – wie in den Anfängen der Vaterforschung – auf deren Bedeutsamkeit für die Entwicklung ihrer Kinder zu konzentrieren. [5]

Im Rahmen der Arbeiten zur qualitativen Vaterforschung werden Interviews mit Vätern geführt. Diese folgen dem Vorgehen des Narrativen Interviews nach Fritz Schütze (vgl. HERMANNS 1991), initiieren die Erzählung also mit einem erzählgenerierenden Stimulus. Anders als beim Problemzentrierten Interview werden Anregungen zur Vertiefung einzelner Äußerungen erst gegeben, nachdem der Interviewpartner seine Erzählung zunächst für beendet erklärt. Die aus diesen Gesprächen dann mittels objektiv-hermeneutischer Interpretation gewonnenen Fallstrukturhypothesen können im Gegensatz zum Vorgehen in der oben kurz skizzierten Arbeit (BOVET 1993) jedoch nicht mehr einer kommunikativen Validierung zugeführt werden; denn das, worauf Objektive Hermeneutik abzielt, erfasst eben gerade nicht subjektive Erlebensstrukturen, sondern stellt Rekonstruktionen von objektiven Fallstrukturen dar, die den Subjekten selbst nur sehr bruchstückhaft bewusst sind (OEVERMANN 1993). [6]

Das zuletzt Angesprochene machte sich u.a. in folgender Schwierigkeit im Umfeld der ersten an den Vorgaben der Objektiven Hermeneutik orientierten Arbeit (VARGAS-PENA 1995) bemerkbar: Da von den Vätern ihr subjektives Erleben von Vatersein erfragt wurde, insbesondere wo und wie sie sich in diesem unterstützt oder nicht unterstützt fühlten, war ihnen angeboten worden, die Auswertungsergebnisse nach deren Fertigstellung einsehen zu können. Sie sollten – noch orientiert an dem egalitären Beziehungsmuster kommunikativer Validierung – das Recht haben zu sehen, was aus ihren Erzählungen "gemacht" worden war. Die Interpretation der Protokolle ergab dann bei einem der Interviewten jedoch eine sehr problematische Konstellation in der Vater-Kind-Beziehung. Die Übergabe der Interpretationsergebnisse an den entsprechenden Vater stellte nun eine Zumutung für diesen dar (vgl. HILDENBRAND 1999). [7]

Im Rahmen der zweiten Arbeit (GRAF 1997) wurde deshalb auf ein solches Angebot verzichtet. Diese konzentrierte sich auf Strukturreproduktionen und -transformationen (vgl. GRAF & WALTER 2000) beim Übergang zur Vaterschaft. Hierfür wurde die Datenerhebung insofern erweitert, als neben den Gesprächen mit den Vätern auch deren biographische Daten erhoben wurden. Die Auswertung der beiden Datenarten sollte die Frage beantworten, welchen (objektiven) Sinn das Kind im Leben eines spezifischen Mannes macht; und ob die Geburt des Kindes und die darüber neu entstandene triadische Konstellation möglicherweise eine Strukturtransformation erzwingt. Hierzu wurden zunächst die biographischen Daten sequenzanalytisch ausgelegt. Für jedes Datum wurde jeweils ein Optionshorizont erstellt, der die Möglichkeiten für das jeweils nächste Datum ausloten sollte. Durch die Konfrontation mit dessen tatsächlicher Ausprägung konnte so nach und nach ein generatives Prinzip rekonstruiert werden, nach dem der betreffende Mann sein Leben bisher gestaltete. Die Frage war dann: Wenn dies das Prinzip ist, nach dem dieser Mann bisher gelebt hat, welchen Platz hat ein Kind darin; und wie wird das familiale Leben aussehen, wenn er diese Struktur weiterhin reproduziert? Oder aber: Welche Schwierigkeiten können sich für die weitere Realisierung dieser Struktur ergeben; und welche alternativen Möglichkeiten wären im Sinne einer Strukturtransformation am wahrscheinlichsten? Die Auswertung des Interviews, in dem ja ein aktuelles Selbstdeutemuster des Vaters vorlag, diente zur Beantwortung dieser Fragen. Darüber hinaus ermöglichten die gewonnenen Ergebnisse eine bedingte Prognostik für das weitere Leben des Mannes. Eine solche Prognostik wird in der Objektiven Hermeneutik möglich, indem Szenarien von konkreten Ausgestaltungen im Falle von weiteren Strukturreproduktionen entworfen oder aber Spielräume für Strukturtransformationen ausgeleuchtet werden. [8]

Wie sowohl aus theoretischen Formulierungen als auch aus empirischen Zusammenhängen (z.B. BERMAN & PEDERSON 1987) längst bekannt, verwies die intensive Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Datenmaterial erneut auf die Bedeutung detaillierter Informationen auch über die Frau des Mannes, die Mutter des Kindes. Denn letztere gehört konstitutiv zur Vaterschaft eines Mannes dazu (HERLTH 2000, KING 2000). Und da es sich, wie oben ausgeführt, bei der betreffenden Beziehung um eine diffuse Sozialbeziehung handelt, kann noch weniger als in anderen Lebensbereichen (z.B. Mann als Arbeitnehmer, als Vereinsmitglied etc.) von bestimmten, durch Rollenbeschreibungen festgelegten Charakteristika der Beziehungspartner ausgegangen werden. Deshalb reichten in den mit den Vätern geführten Interviews gelegentliche Hinweise auf die Biographie der Mutter, ggf. auch deren Einschätzung des väterlichen Handelns kaum aus, um zu einer validen Prognostik zu kommen. In der dritten Arbeit (WERZ 1999) wurde demzufolge nicht nur der Vater befragt, sondern auch dessen Frau. Der erzählgenerierende Stimulus für die Väter beinhaltet, wie auch in den beiden Arbeiten zuvor, die Aufforderung, über ihr Erleben als Vater zu erzählen. In Ergänzung dazu wurde die Mutter nun gebeten, sich über ihre Wahrnehmung ihres Mannes als Vater zu äußern. Nach der Interpretation der jeweiligen biographischen Daten lagen bei dieser Arbeit zwei generative Prinzipien vor, das des Mannes und das der Frau. Die Frage, wie ein Kind in das Leben des Mannes integriert werden kann, war infolgedessen bereits deutlich stringenter zu beantworten, da die Frage eingeengt werden konnte mit dem Zusatz: wenn er das Kind mit einer Frau bekommt, die ihr Leben bisher nach den eruierten Regeln gestaltete. Damit wurde die Perspektive gleichzeitig von der Vaterzentriertheit auf die gesamte Familie ausgeweitet. [9]

Theoretisch eingebettet sind die drei Arbeiten in unterschiedliche, aus der spezifischen Fragestellung abgeleitete Kontexte. In der ersten wird Bezug genommen auf verschiedene rituelle bzw. psychosomatische Erscheinungsformen, die bei werdenden Vätern während der Schwangerschaft und/oder während/nach der Geburt zum einen in traditionellen Kulturen, zum anderen in postmodernen Gesellschaften zu finden sind und unter dem Begriff "Couvade" zusammengefasst werden (SCHMIDT 1954, MAYER & KAPFHAMMER 1993). Die zweite Arbeit wird aus einer Auseinandersetzung mit der (In-) Adäquanz des PARSON'schen Rollenkonzepts bei der Bestimmung von familialen Beziehungen entwickelt (OEVERMANN 1996). Neue Probleme tun sich auf, wenn man versucht, die Grundannahmen der Objektiven Hermeneutik mit denen der systemischen Sichtweise (v. SCHLIPPE & SCHWEITZER 1998) von familialem Geschehen in Einklang zu bringen. Dieser Versuch wird in der dritten Arbeit unternommen. Derzeit ist eine weitere Arbeit in Vorbereitung, die das Konzept des "ungelebten Lebens" in die Vaterforschung einführen will. V.v. WEIZSÄCKER geht im Rahmen dieses von ihm systematisch ausgearbeiteten Konzepts davon aus, dass nicht realisierte, weil von der betroffenen Person nie ergriffene oder aber für sie objektiv nie möglich gewesene Optionen die Befindlichkeit von Menschen ebenso nachhaltig beeinflussen wie etwa ein eingetretenes kritisches Lebensereignis (vgl. ZACHER 1984). Vor solchem Hintergrund sollen Männer befragt werden, die in ihrem Leben freiwillig oder unfreiwillig die Lebensoption "Vater werden" nie realisiert haben. Untersucht werden soll, wie sich diese Tatsache in das Leben dieser Männer integrieren lässt, bzw. wie es sich darin auswirkt. Das Aufgreifen dieses Konzepts stellt neben seiner inhaltlichen Brisanz auch insofern einen sehr interessanten Ansatz dar, als er sich eines Zugangs bedient, der auch konzeptionell in die Methode der Objektiven Hermeneutik eingeht: In der Sequenzanalyse fließen die dem interpretierten Individuum grundsätzlich offenstehenden aber von ihm nicht gewählten Lebensoptionen als sehr wesentliches bedeutungsgenerierendes Material in die Interpretation ein. [10]

3. "Knackpunkte" bei der Darstellung objektiv-hermeneutischer Ergebnisse

Das Arbeiten mit einem hermeneutischen Verfahren stellt den Anfänger wie den Insider mit großer Regelmäßigkeit vor von Fall zu Fall zu lösende "Knackpunkte", die der mit quantitativen Verfahren Operierende nicht kennt. Angesprochen sind hier nicht Fragen der Stichprobengröße oder der Generalisierbarkeit; sie werden eher "von außen" gestellt; und man hat gelernt, damit angemessen umzugehen. Wir meinen hier vielmehr das Problem der Ausführlichkeit der Darstellung: der Anfänger fühlt sich irgendwann als der hinsichtlich beschriebener Seiten "überbordende" Außenseiter unter seinen Abschlussarbeiten quantitativ angehenden Kommilitonen; der Insider sucht nach ausreichendem Raum für eine Publikation; beide fragen sich nach noch akzeptabler Verdichtung und dem damit verbundenen Vorenthalten von Information. Und wir meinen hier das Problem der intentionalistischen Sprache, bezüglich derer sich rasch der Vorwurf anmaßender Bewertungen erhebt. – Da es sich um zwei Probleme handelt, mit denen jeder mit der Objektiven Hermeneutik Arbeitende konfrontiert ist, sei abschließend darauf eingegangen – angesichts der erwarteten Kürze wohl am anschaulichsten durch starken zitierenden Rückgriff auf den Erfinder dieses hermeneutischen Verfahrens vermittelt. [11]

3.1 Ausführlichkeit der Darstellung

"Die nachfolgende Untersuchung fordert dem Leser viel Geduld und wohlwollende Konzentration ab", schreibt OEVERMANN (1993, S.141) am Beginn einer exemplarischen Sequenzanalyse, die sich über mehr als 100 Buchseiten erstreckt und auch dann nur deswegen endet, weil sie von den Herausgebern abgebrochen wird. In einer Anmerkung des Autors zu Beginn heißt es: "Eine detaillierte Sequenzanalyse hat immer ein schwieriges Darstellungsproblem zu bewältigen" (S.265). An anderer Stelle sprechen OEVERMANN und Mitarbeiter in diesem Zusammenhang von

"gravierenden, dringend zu explizierenden technischen Problemen hermeneutischer Verfahren (...). Sie treten massiv bei der explosionsartigen, mengenmäßigen Erweiterung des primären Datenmaterials infolge sorgfältiger Interpretation auf. Die quantitative Forschung hat dagegen den großen Vorzug, die Phase der Datenaufbereitung zugleich mit einer erheblichen Reduktion der Datenmengen verbinden zu können. Daraus resultieren sehr ernst zu nehmende Vorteile in der Darstellbarkeit der Materialanalysen" (OEVERMANN, ALLERT, KONAU & KRAMBECK 1979, S.433). [12]

In der Tat scheint das Problem, in welcher Ausführlichkeit die Ergebnisse von Sequenzanalysen zu präsentieren sind, nach wie vor nicht gelöst. Und es bleibt fraglich, ob es überhaupt befriedigend zu lösen ist, wenn man unter einer solchen Lösung eine knappe Explikation versteht, die sowohl dem Anspruch genügen soll, die gewonnenen Ergebnisse überzeugend nachvollziehbar zu präsentieren, als auch dem, dem Leser den größten Teil der geleisteten, extensiven Interpretationsarbeit zu ersparen. Der Weg von den "nackten Daten" bis zur "endgültigen Strukturhypothese" ist ein sehr komplexer, sehr verzweigter. Wenn der Zusammenhang zwischen beiden geradlinig und einfach, auf den ersten Blick erkennbar wäre, würde sich Sozialwissenschaft im wesentlichen erübrigen. Um dem Fall gerecht zu werden und auch, um dem Leser zu vermitteln, dass es wirklich "die Sache" (OEVERMANN 1993, S.141) ist, die zum Sprechen gebracht wird, und nicht ein im Kopf des Interpreten vorab konstruiertes Theoriegebäude, muss dem Leser zugemutet werden, nahezu den kompletten Weg der Sequenzanalyse mitzugehen. Dies umso mehr, wenn man davon ausgeht, dass es sich um einen argwöhnischen, qualitativem Vorgehen grundsätzlich kritisch gegenüberstehenden Rezipienten handelt. Gerade ihm kann natürlich nicht erspart werden, sich von der Nachprüfbarkeit des sequenzanalytischen Weges in aller Ausführlichkeit zu überzeugen, weil nur so "das ungerechtfertigte Odium der Beliebigkeit und Weichheit zu tilgen (ist), das hermeneutischen Methoden anhaftet" (OEVERMANN 1993, S.42). Werden diese Forderungen bis ins Letzte ernst genommen, entstehen bereits bei der Interpretation eines einzigen Falles wahre "Mammutarbeiten". Die Darstellung eines solchen Falles nimmt in einer der erwähnten Diplomarbeiten beispielsweise 82 Seiten in Anspruch, die gesamte Arbeit erstreckt sich über 232 Seiten (ohne Transkripte). [13]

Einen wiederholt gewählten Ausweg aus einer solchen Zumutung an den Leser stellt die Veröffentlichung von hermeneutischen Ergebnissen anhand von kurzen Interviewstücken dar (z.B. BURKART 1983, LEBER 1995). Diese Passagen dienen dabei nicht nur der beispielhaften Veranschaulichung der präsentierten Strukturhypothese. Wenn sich eine Fallstruktur tatsächlich in jeglichen Handlungen des entsprechenden Falles repräsentiert, dann kann bereits aus wenigen Sprechakten ein sehr großer Teil einer Fallstrukturhypothese herausgeschält werden. Das heißt, die wesentlichen Interpretationsschritte, die zu den endgültigen Ergebnissen geführt haben, können anhand einiger weniger Sequenzen nachvollziehbar gemacht werden. Sinnvollerweise wird dazu der Anfang eines Interviews herangezogen werden (OEVERMANN, ALLERT & KONAU 1980). [14]

Eine weitere bedenkenswerte Vorgehensweise bestünde darin, analog zur Darstellung von quantitativen Arbeiten zu verfahren. Dort wird der größte Teil des Datenmaterials und der Datenauswertung in Veröffentlichungen vorenthalten. So wird kein Autor beispielsweise alle ausgefüllten Fragebögen oder detaillierte Rechenschritte seiner Untersuchung abdrucken. Es genügt, die Verfahren zu benennen, die eingesetzt wurden bzw. mit denen gerechnet wurde, sowie die Ergebnisse in Form der Größe von bestimmten Parametern zu präsentieren. Bei quantitativen Arbeiten ist es also nie möglich, alle Schritte von den Rohdaten zu den endgültigen Ergebnissen nachzuvollziehen. Die Entsprechung bei qualitativen Arbeiten bestünde darin, das Interpretationsverfahren zu benennen, um daran anschließend direkt die Ergebnisse der Arbeit vorzustellen. [15]

3.2 Intentionalistische Sprache und scheinbare Bewertungen

Eine weitere Schwierigkeit in der Darstellung objektiv-hermeneutisch gewonnener Ergebnisse liegt in der Sprache selbst. Mitunter entsteht der Eindruck, dass den Interpretierten zum einen bewusst Intentionales unterstellt würde, zum anderen dass die Interpreten die interpretierte Lebenspraxis hinsichtlich der Kategorien "gut" und "schlecht" beurteilten. [16]

Wenn wirklich "die Sache selbst zum Sprechen gebracht werden" soll, so ist es unumgänglich, die Interpretation auch in der "Sprache des Falles" zu führen; was heißt, daß dazu keine eingeschliffene, scheinbar "wertfreie" Fachterminologie verwendet werden kann, sondern dass in der Umgangssprache, in der der Fall vorliegt, formuliert werden muss. Diese Tatsache birgt die Gefahr eines Missverständnisses bei der Rezeption der Analyse in sich, denn

"eine Schwierigkeit der umgangsprachlich gebundenen Interpretation besteht darin, daß alle Zuschreibungen von Motivierungen als subjektive Intentionen erscheinen, die bewußtseinsfähig sind, weil unsere Umgangssprache, wie schon Freud bemerkte, von einem 'intentionalistischen' oder auch 'narzißtischen' Vorurteil geprägt ist und sich andere als bewußte Motivierungen nicht vorstellen kann" (OEVERMANN et al. 1980, S.49). [17]

Eng mit dem Problem der intentionalistischen Umgangssprache ist das Problem verbunden, dass die Formulierungen, die sich in der Analyse des Textes ergeben, zum Teil den Anschein erwecken, als ob der Interpret über den Interviewee zu Gericht sitzen würde, mit dem Finger auf menschliches Versagen zeigen wolle oder mittels unerträglicher Besserwisserei bestrebt sei, in den Niederungen und Wunden rechtschaffenen Alltagslebens von Personen herumzustochern und sich somit über diejenigen zu erheben, die sich zuvor gutgläubig in den Dienst der Wissenschaft stellten, indem sie intime Details aus ihrem persönlichen Alltagsleben preisgaben, nicht ahnend, dass sie hinterher derart "missbraucht" würden. Darum kann es nicht gehen, und darum geht es auch nicht. Es geht vielmehr um die Rekonstruktion des Falles, der auch – und zu allermeist wird er es – konflikthafte Konstellationen beinhalten kann. Oder anders ausgedrückt: "Hermeneutische Kritik ist weder Strafgericht noch Besserwisserei. Sie will vielmehr etwas über das in Dokumenten und in der Deutung enthaltene Wissen wissen, über seine Herkunft, Konstitution, Wirksamkeit und über seine Alternativen" (SOEFFNER 1989, S.93). Wenn eine objektiv-hermeneutische Interpretation mitunter trotzdem den Anschein hat, den Interviewee zu bewerten, so ist auch hier die Ursache in der Natur der zu verwendenden Sprache zu suchen: "Die Umgangssprache und das umgangssprachlich eingekleidete Denken enthalten (...) ein 'intentionalistisches' Vorurteil, unterschieben Intentionen, wo zunächst nur Bedeutungen vorliegen, und verführen auf diese Weise zu einem Denken, das Handlungsabläufe als Schuld und Verantwortung Personen zurechnet" (OEVERMANN et al. 1979, S.359). [18]

Literatur

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Zu den Autoren

Mathias GRAF, geb. 1964, verheiratet, 2 Kinder (4 und 7 Jahre alt). 1990 Ergotherapie-Examen in Ingolstadt. Danach Studium der Psychologie an der Universität Konstanz. Seit 1992 Trainer, seit 1993 Ausbilder und Supervisor für Paar-Kommunikationskurse. Seit 1997 als Diplom-Psychologe jeweils halbtags tätig an einer Pro Familia Beratungsstelle (Lebens-, Partnerschafts- und Sexualberatung) und als wissenschaftlicher Angestellter im Arbeitsbereich Pädagogische Psychologie an der Universität Konstanz. Lehre und Forschungsschwerpunkte: Familienpsychologie und hermeneutische Methoden.

Kontakt:

Mathias Graf

Universität Konstanz
Arbeitsbereich Pädagogische Psychologie
Fach D 43
D - 78457 Konstanz

E-Mail: Mathias.Graf@uni-konstanz.de
URL: http://www.uni-konstanz.de/FuF/SozWiss/fg-psy/ag-paed/fg-psy-paed.htm

 

Heinz WALTER, geb. 1942, Studium der Psychologie und Erziehungswissenschaft, Philosophie, Volkskunde/Ethnologie und Ethologie an den Universitäten Graz, Münster und Bochum. Lebt seit 1970 am Bodensee, seit 1972 mit Christine WALTER-KUPRIAN, seit 1975 mit Florian, seit 1977 mit Laurens, seit 1982 mit Matthäus. Ab 1973 Professor für Psychologie an der Universität Konstanz. Lehre und Forschungsschwerpunkte: lebenslange Entwicklung im familialen, schulischen, beruflichen, regionalen sowie gesellschaftlich-historischen Kontext; entsprechende Buch- und Zeitschriftenpublikationen. Fortbildung in Psychoanalyse seit 1980; einschlägige Tätigkeit ab 1985. Beiträge zur Lehrer- und Elternfortbildung.

Kontakt:

Prof. Dr. Heinz Walter

Universität Konstanz
Arbeitsbereich Pädagogische Psychologie
Fach D 43
D - 78457 Konstanz

E-Mail: Heinz.Walter@uni-konstanz.de
URL: http://www.uni-konstanz.de/FuF/SozWiss/fg-psy/ag-paed/fg-psy-paed.htm

Zitation

Graf, Mathias & Walter, Heinz (2000). Objektive Hermeneutik in der Vaterforschung [18 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(2), Art. 9, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs000293.



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