Volume 1, No. 2, Art. 18 – Juni 2000

Konstruktion und Rekonstruktion narrativer Identität

Gabriele Lucius-Hoene

Zusammenfassung: Der vorgestellte Arbeitsschwerpunkt der Autorin ergibt sich aus der Erarbeitung eines psychologischen Phänomenbereichs – der subjektiven Erfahrung von chronischer Krankheit und Behinderung, insbesondere von Hirnschädigung – mit Hilfe eines spezifischen methodischen Zugangs, dem autobiographischen narrativen Interview. Im Mittelpunkt der Nutzung und der methodischen Weiterentwicklungen des Ansatzes steht die Frage nach der "narrativen Identität" und ihrem empirischen Niederschlag in den generierten Erzähltexten. Narrative Identität wird hierbei als situierte, pragmatisch bestimmte, autoepistemische und interaktiv gestaltete Leistung im Forschungskontext auf dem Hintergrund kulturell vermittelter Erzähltraditionen verstanden. Es wird ein systematischer Analyseansatz erarbeitet, der interaktive und kontextuelle Aspekte des Interviews wie rhetorische und Positionierungsstrategien des Erzählens berücksichtigt.

Ebenso wird der Frage nach der häufig zitierten "narrativen Bewältigung" von Krankheit und Behinderung nachgegangen. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt ist den autobiographischen Erzählungen von Partnern zum Problemfeld Behinderung und die Verschränkung von Identität und Alterität im Vergleich der entstandenen Erzähltexte gewidmet.

Die Arbeit läßt sich somit im Überschneidungsbereich von autobiographischer Erzähl-, Identitäts- und Bewältigungsforschung im Rahmen einer qualitativen Methodologie verorten.

Keywords: autobiographisches Erzählen, narrative Identität, Erzählanalyse, Gesprächsanalyse, chronische Krankheit und Behinderung, Bewältigung

Inhaltsverzeichnis

1. Ausgangsfragestellung und Problemkontext

2. Die Lebenserzählung als aktuelle Identitätsherstellung und Bewältigungsleistung

3. Theoretische, methodologische und methodische Fragestellung

4. Theoretische und methodische Bezüge innerhalb der Psychologie und den Nachbardisziplinen

5. Arbeitskooperationen

6. Exemplarische eigene Arbeiten

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Ausgangsfragestellung und Problemkontext

Mein Ansatz innerhalb der qualitativ-sozialwissenschaftlichen Psychologie läßt sich m.E. am Besten von den Fragestellungen und Zielen meines inhaltlichen Forschungsfeldes her plausibilisieren und – wie es einer narratologisch orientierte Forscherin verziehen sein mag – in seiner Entwicklungsgeschichte darstellen. [1]

Ich befasse mich seit 25 Jahren, zunächst als klinisch tätige Ärztin und seit 1979 als Rehabilitationspsychologin, mit dem Problemfeld der psychischen und sozialen Auswirkungen chronischer Krankheit und Behinderung und darin schwerpunktmäßig mit Patienten, die eine Hirnschädigung erlitten haben. Dabei beschäftigte mich zunächst vor allem die Erkenntnis, wie unterschiedlich die jeweiligen Einschränkungen und Belastungen jenseits der medizinisch begründbaren Schädigungen von den Betroffenen erfahren und geschildert werden. Mein Interesse gilt deshalb seit jeher der "Innenseite" des Erlebens einer schweren körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung und dem Wunsch, meine therapeutische und Beratungs- wie Ausbildungstätigkeit von einem Verständnis der subjektiven Erfahrung abzuleiten. Hier schloß sich als weiterer Schwerpunkt die Frage nach den Bewältigungsressourcen an, wie sie auch im Rahmen der psychologischen Coping-Forschung gestellt wird. Mein spezifischer Ansatzpunkt ist hierbei die Ebene der Interpretationsleistungen und Sinnstiftungsprozesse, d.h. die Art und Weise, wie die betroffenen Personen die Erlebnisse, Erfahrungen und Veränderungen im Zusammenhang mit der Krankheit und ihren Folgen bearbeiten und in ihre biographisch begründete Selbstsicht und Erfahrungsgeschichte integrieren. Da sich eine chronische Erkrankung oder Behinderung immer auch im sozialen Umfeld auswirkt und gemeinsame Bewältigungsleistungen erforderlich macht, erweitert sich die Fragestellung für mich auf das Erleben der nahen Bezugspersonen und zu einer systemischen Perspektive auf geteilte wie divergierende Sinnstiftungsleistungen aller Betroffenen. [2]

Meine Erfahrungen mit der psychiatrischen oder psychoanalytischen Fallgeschichte lenkten meine Suche nach einem systematischen empirischen Zugang zunächst in die Richtung biographischer Forschung. Die Hinwendung zur Etablierung der subjektiven Erfahrungsgestaltung als eigenständigem Phänomenbereich und die Suche nach entsprechenden Erfassungsmöglichkeiten führten mich – fast zwangsläufig – zu einer Befassung mit dem "narrativen Interview" und seinem methodologischen Hintergrund in den Arbeiten von Fritz SCHÜTZE (1977, 1981, 1987). Der Einsatz des narrativen Interviews erwies sich dabei für meine Fragestellungen und meine Erzähler mit ihren Problemwelten als sehr sinnvoll, weil ich an ihrer Alltagswelt anknüpfen, sie in die Position von Experten für ihre Lebenssituation versetzen und ein intensives Interesse an ihren Erfahrungen vermitteln konnte, was die Kommunikation erleichterte und den Erzählprozeß für beide Seiten fruchtbar werden ließ. [3]

2. Die Lebenserzählung als aktuelle Identitätsherstellung und Bewältigungsleistung

Meine primär psychologisch motivierten und an den Sinnstiftungsprozessen orientierten Fragestellungen führten dazu, daß sich mein Fokus im Verlauf meiner Arbeit mit narrativen Interviews spezifizierte. Auch wenn man davon ausgeht, daß es sich bei der Lebenserzählung um eine konstruktive Leistung des Erzählers handelt, in der autobiographische Erinnerungen in einer spezifischen Erzählsituation in eine sprachliche Form gebracht werden und Form, Inhalt und Funktion eine Einheit bilden, so lassen sich bei der interpretativen Analyse doch die aus den Verweisungen herausgearbeiteten Phänomene jeweils in Richtung auf einen vorrangig interessierenden Aspekt des komplexen Erzählvorgangs hin auflösen. So steht für mich weniger die Frage nach den berichteten Ereignissen wie in der Oral History oder den sich manifestierenden biographischen Strukturen wie in eher soziologisch motivierten Ansätzen (z.B. bei SCHÜTZE 1981) im Zentrum meines Interesses, sondern die Art und Weise, wie die Erzähler die aktuelle Kommunikationssituation während des Interviews auffassen und nutzen, um sich mit ihren Erinnerungen und Erfahrungen auseinanderzusetzen, mit ihren narrativen und rhetorischen Mitteln eine bestimmte Selbst- und Weltsicht her- und darzustellen und diese sich selbst wie dem Hörer plausibel zu machen. Die Fragen nach dem subjektivem Erleben wie nach den Bewältigungsleistungen auf der Ebene von Sinnstiftungsprozessen konvergieren nun für mich schwerpunktmäßig in der zu leistenden "Identitätsarbeit" während des Erzählens, ihrer Begründung und Rechtfertigung in den jeweiligen biographischen Erfahrungen und ihrem Niederschlag in den sprachlichen Äußerungen der Betroffenen. Somit wurde das autobiographische Erzählen als Prozeß der aktuellen Identitätsherstellung und einer sich im Erzählen vollziehenden Bewältigungsleistung zum Zentrum meines Interesses. [4]

Dies führte zu zwei veränderten Schwerpunktsetzungen in der Auffassung des narrativen Interviews. So steht für mein Erkenntnisinteresse seine biographische Dimension weniger um ihrer selbst willen im Blickfeld, sondern vielmehr als narrative Ressource, d.h. als Potential für den Erzähler, seine aktuell erforderliche Identitätsarbeit zu leisten. Diese Funktion übernimmt sie für mich in zweierlei Hinsicht. Zum einen bietet sie dem Erzähler eine zeitliche Organisationsstruktur und Folie für die Aufordnung und Darstellung der Erfahrung und erleichtert damit auch weniger sprachkompetenten Gesprächspartnern die kommunikative Vermittlung. Zum anderen intensiviert sie durch die oftmals ganz neue Zuwendung zur eigenen Erfahrungsgeschichte den selbstreflexiven Prozeß und liefert die Begründungselemente für die Herausarbeitung des "Gewordenseins". Die Erarbeitung der biographischen Dimension setzt also eigentheoretische und autoepistemische Prozesse in Gang, deren Erfassung und Beobachtbarkeit während ihres Vollzuges zu den besonderen Vorzügen des Erzählinterviews gegenüber standardisierten Erhebungsinstrumenten gehören: Es vermittelt Erkenntnismöglichkeiten, die weit über die eher statisch und auf propositionale Zuordnungen angelegten Verfahren der klassischen Selbstkonzeptforschung hinausgehen. [5]

Die zweite Veränderung ergibt sich durch die zunehmende Fokussierung der interaktiven Dimension des Interviewprozesses, des Aushandlungsaspekts und der rhetorisch vermittelten strategischen Positionierungsleistungen der erzählenden Personen. Das Erzählinterview wird somit nicht mehr als Zugang zur geschichtlichen Wirklichkeit der Erzähler aufgefaßt, sondern als ein Herstellungsprozeß, der pragmatisch-interaktiv und aus den aktuellen Interessen der Selbsterforschung, Selbstbehauptung und Selbstdarstellung motiviert ist. [6]

3. Theoretische, methodologische und methodische Fragestellung

Meine zentrale theoretische und methodologische Fragestellung läßt sich mit der Suche nach einem empirischen Substrat der "narrativen Identität" umschreiben. Während die philosophischen, epistemologischen und psychologischen Aspekte einer solchen "narrativen Identität" weitgehend auf der Ebene eines theoretischen Konzepts oder einer Metapher beschrieben werden (KRAUS 1996, MEUTER 1995, RANDALL 1995, RICOEUR 1990, THOMÄ 1998) stellt sich hier für ein empirisches Forschungsvorgehen die Aufgabe, eine entsprechende Datenbasis zu schaffen und mit den Mitteln erzähl- und konversationsanalytisch fundierter Interpretationsverfahren methodische Möglichkeiten zu erarbeiten, wie diese "narrative Identität" als empirisches Phänomen beschreibbar ist. Speziell für den Bereich der Erfahrung von Krankheit, Behinderung und Traumatisierung schließt sich an die Frage nach der narrativen Identität auch die nach der "narrativen Bewältigung" an, die vor allem auch in therapeutischen Kontexten als mögliches und erwünschtes Resultat autobiographischen Erzählens beschworen wird (z.B. bei SCHAFER 1992). Beide – narrative Identität und narrative Bewältigung – werden in zahlreichen angelsächsischen und deutschen Schriften als quasi-existente Domänen menschlicher Sinnstiftungsprozesse oder Handlungen postuliert. Ziel meiner Bemühungen ist es, in autobiographischen Erzählungen, die im Rahmen von Forschungsvorhaben elizitiert wurden, aufgrund ihrer besonderen epistemologischen und Herstellungsbedingungen eine solche empirische Basis zu finden. "Narrative Identität" läßt sich dabei als die Lösung der Handlungsaufgabe für den Erzähler verstehen, in einer bestimmten sozial bedeutsamen Situation seine Person in seiner Lebenserzählung verstehbar und plausibel her- und darzustellen. Die entsprechenden Leistungen lassen sich systematisch aus den wechselseitigen Verweisungen und Mustern auf verschiedenen Ebenen des Textes (z.B. implizite und explizite Selbstcharakterisierungen, Positionierungsleistungen von sich selbst und den Interaktionspartnern in der erzählten Welt und in der Erzählsituation, Aushandlungs- und Rechtfertigungsaktivitäten, Konstruktionen von Welten und Deutungen von Ereignissen in ihrer Beziehung zum eigenen Selbstverständnis, Nutzung von kulturell verankerten Sinnstiftungs- und Erzählmustern) herausarbeiten. Die interpretative Arbeit besteht dabei aus der Entfaltung des Mitgemeinten im Gesagten durch eine extensive Analyse des Textes mit Hilfe gesprächsanalytischer Verfahren (DEPPERMANN 1999, SCHIFFRIN 1994). Hier gehe ich vor allem von den rhetorischen und erzählstrategischen Aktivitäten der Informanten aus, beachte aber auch die Nutzung kulturell vorgegebener Geschichtentopoi als Medien der Selbstvergewisserung und als Erzählressourcen (ROESLER, i.Vorb.). [7]

Als Illustration soll ein kurzer Textausschnitt aus einem Interview mit einem Erzähler dienen, der an einer Studie mit Kriegshirnverletzten (LUCIUS-HOENE 1987) teilnahm. Das Exzerpt (vgl. auch in LUCIUS-HOENE 1998) beschränkt sich auf einen kurzen Interakt, in dem die Interviewerin nach Abschluß der Spontanerzählung den Informanten, der seine Lebensgeschichte mit dem Eintritt der Verletzung als junger Mann begonnen hatte, nach seinen Kindheitserinnerungen fragen wollte:

Interviewerin: Wie ist denn Ihre Kindheit verlaufen?

Erzähler: Was heißt hier Kindheit? Ich bin auf dem Land großgeworden.

Dem Erzähler gelingt es hier, mit dieser Antwort in mehrfacher Hinsicht Aspekte seiner Identität her- und darzustellen. Zum einen vermittelt er biographische Information - er ist auf dem Land großgeworden. Wäre es ihm jedoch nur darum gegangen, so hätte er nicht den sprachlichen Aufwand treiben müssen. Indem er die Interviewfrage mit einer rhetorischen Gegenfrage zurückweist, vermittelt er, daß diese bereits im Ansatz falsch ist: Bei einem Menschen wie ihm, der auf dem Land großgeworden ist, macht es keinen Sinn, von Kindheit zu reden. "Kindheit" in der Frage der Interviewerin wird hier von ihm nicht als Abschnitt des Lebenslaufs, als Zeit des Nicht-Erwachsen-Seins aufgefaßt, sondern in einem emphatischen Sinne konstruiert und dann von ihm zurückgewiesen als etwas, das bei ihm gar nicht stattfinden konnte. Indem er der Interviewerin eine solche Auffassung von Kindheit – im Sinne einer entwicklungspsychologisch wichtigen und positiven Phase – unterstellt, kann er sich von ihr distanzieren und sie gleichzeitig in eine andere Welt positionieren. So erscheint sie als naiv und uniformiert und einer privilegierten Weltsicht verhaftet, die mit seinen realen Lebenserfahrungen nichts zu tun hat. Seine Identität konturiert er in diesem Interakt also zum einen als die eines biographisch schwer benachteiligten Menschen, der sich aber zum anderen mit seinen spezifischen Erfahrungen dem naiven theoretischen Weltbild einer Wissenschaftlerin überlegen fühlen und ihr das auch vermitteln kann.

Diese Textstelle erlaubt also die Bildung von Hypothesen zur Identitätskonstitution des Erzählers, die dann in der Bearbeitung des gesamten Textes geprüft und modifiziert werden können. [8]

Als besondere methodische Fragestellungen konzentriere ich mich auf den interaktiven Herstellungsprozeß narrativer Interviews sowie auf Fragen der Integration verschiedener Ebenen der textanalytischen Arbeit im Hinblick auf die Herausarbeitung der "narrativen Identität", wie dies z. B. auch in den Ansätzen von BAMBERG (1999) und SCHIFFRIN (1996) geschieht. Ein weiterer Interessenschwerpunkt liegt auf der Frage nach einem empirischen Substrat der "narrativen Bewältigung" und ihrem Bezug zu Ergebnissen der Coping-Forschung. [9]

4. Theoretische und methodische Bezüge innerhalb der Psychologie und den Nachbardisziplinen

Meine Verankerungen und Bezugnahmen ergeben sich unabhängig von den jeweiligen disziplinären Zuordnungen aus methodischen Anlehnungen und aus inhaltlichen Parallelen vor allem auf folgenden Ebenen: [10]

  • Im gemeinsamen Interesse am Umgang mit Erzählungen als Erkenntnisquelle und den Möglichkeiten ihrer interpretativen Analyse im Sinne der obigen Fragestellungen. Hier profitiere ich sowohl von linguistischen und literaturwissenschaftlichen Ansätzen der Erzählanalyse als auch von konversationsanalytischen, diskursanalytischen und ethnographischen Methoden der Textanalyse. Methodologisch richtungsweisend, wenn auch nicht immer identisch sind dabei vor allem die neueren Arbeiten innerhalb der sozialwissenschaftlich orientierten Narratologie, wie sie z.B. von BRUNER (1987, 1990), POLKINGHORNE (1988, 1996, 1998), oder MC ADAMS (1993, 1996), andererseits von ROSENTHAL und FISCHER-ROSENTHAL (ROSENTHAL 1995, FISCHER-ROSENTHAL & ROSENTHAL 1997) vertreten werden, zum anderen eher linguistische Ansätze (BAMBERG 1999, JOHNSTONE 1996, LINDE 1993, RIESSMAN 1993) und die Forschungsperspektive der "Discursive Psychology", wie sie in den Arbeiten von WETHERELL, POTTER und EDWARDS (EDWARDS 1997, EDWARDS & POTTER 1992, POTTER 1996) oder DAVIES und HARRÉ (1990) eingenommen wird. Auch innerhalb der psychoanalytisch fundierten Erzählforschung bestehen Parallelen oder Interessenüberschneidungen verbunden mit einem Austausch, wie z.B. mit Brigitte BOOTHE (1994, 1998) oder Wendy HOLLWAY und Tony JEFFERSON. [11]

  • In einer im weitesten Sinne sozialkonstruktivistisch orientierten Forschung zu Identitätsentwürfen und Identitätsarbeit (KEUPP 1999, KEUPP & HÖFER 1997) und ihren "postkonstruktivistischen" Weiterentwicklungen, wie sie etwa im "polyphonen" oder "dialogischen" Selbst beschrieben werden (HERMANS & HERMANS-JANSEN 1995, HOLSTEIN & GUBRIUM 2000, ROWAN & COOPER 1999) [12]

  • In der Forschung zum Krankheitserleben und ihrer narrativen Darstellung, den "Illness Narratives", wie sie in der Medizinpsychologie, -soziologie und -anthropologie, aber auch in der Literaturwissenschaft betrieben wird (FRANK 1995, HAWKINS 1999, KLEINMAN 1988, zum Überblick siehe auch HYDÉN 1997). Hier sind auch neuere deutsche Arbeiten in den Sozialwissenschaften und der Psychologie zu nennen, wie z.B. die einer biographisch-narrativ orientierten Perspektive auf das Erleben von Krankheit und Behinderung von Andreas HANSES (1996) oder Marianne PIEPER (1993) sowie die in Vorbereitung befindliche Arbeit von Christian ROESLER [13]

  • In der qualitativ orientierten medizinpsychologischen Forschung zu Krankheitserleben, Krankheitsverarbeitung und subjektiven Krankheitstheorien wie z.B. in den Arbeiten von VERRES und KLUSMANN (VERRES 1986, VERRES & KLUSMANN 1998) oder H. FALLER (1998) [14]

  • In der Phänomenologie der Körpererfahrung und Bewußtseinsleistungen sowie ihrer Störungen (FISCHER-ROSENTHAL 1999, MERLEAU-PONTY 1974, PLÜGGE 1967) [15]

5. Arbeitskooperationen

Eine intensive und jahrelange Kooperation hinsichtlich der methodologischen Fundierung von Analyseverfahren zum narrativen Interview wie auch der praktischen Forschungsarbeit verbindet mich mit Arnulf DEPPERMANN, Frankfurt, der als Psychologe und Sprachwissenschaftler vor allem die gesprächsanalytischen Möglichkeiten der Textarbeit beiträgt. Gemeinsam arbeiten wir daran, die obengenannten Fragestellungen einer "narrativen Identität" in einen praktischen Arbeitsstil umzusetzen. In diesem Zusammenhang verbindet uns eine weitere Kooperation mit Michael BAMBERG, Clark University, USA. [16]

Beispielhaft für eine disziplinübergreifende Arbeit an einem Problemfokus erscheinen mir meine Erfahrungen mit der Teilnahme am Sonderforschungsbereich 541 der Deutschen Forschungsgemeinschaft "Identitäten und Alteritäten" (Projekt "Medien der Selbstvergewisserung, zusammen mit Michael CHARLTON, Freiburg), der zahlreiche kulturwissenschaftliche, sprach- und sozialwissenschaftliche Fächer unter seiner Thematik vereint und die jeweiligen Ansätze füreinander fruchtbar macht. [17]

Dementsprechend sind die wichtigsten Informationskontexte für mich auch solche Angebote, die sich nicht an eine Fachgruppe richten, sondern an fächerübergreifenden Themen oder forschungspraktischem Handeln orientieren. Dies sind z. B. die Zeitschrift "Narrative Inquiry", die Serie "The narrative study of lives" , die Mailinglisten "Biographieforschung" (biographieforschung@uni-magdeburg.de) oder "Gespraechsforschung" (mailliste@gespraechsforschung.de) sowie entsprechende Tagungen. Eine "fachspezifische" Ausnahme bildet die Zeitschrift "Theory and Psychology". [18]

6. Exemplarische eigene Arbeiten

Lucius-Hoene, G. (1997). Leben mit einem Hirntrauma. Autobiographische Erzählungen Kriegshirnverletzter und ihrer Ehefrauen. Bern: Huber

Lucius-Hoene, G. (1998). Erzählen von Krankheit und Behinderung. Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie 48, 108-113.

Lucius-Hoene, G. & Deppermann, A. (im Druck). Narrative identity empiricized. A dialogical and positioning approach to autobiographical research interviews. Narrative Inquiry, 10.

Lucius-Hoene, G. & Deppermann, A. (In Vorbereitung). Rekonstruktion erzählerischer Identität. Ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews. [19]

Literatur

Bamberg, M. (1999). Is there anything behind discourse? Narrative and the local accomplishment of identities. In W. Maiers, B. Bayer, B. Duarte Esgalhado, R. Jorna & E. Schraube (Hrsg.) Challenges to theoretical psychology. Selected/edited proceedings of the seventh Beannial Conference of The International Society for Theoretical Psychology Berlin, 1997. North York: Captus University Publications. (Vorabmanuskript)

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Zur Autorin

PD Dr. Gabriele LUCIUS-HOENE ist Ärztin und Diplompsychologin und arbeitet in Freiburg am Lehrstuhl für Rehabilitationspsychologie des Psychologischen Instituts der Universität.

Arbeitsschwerpunkte: Rehabilitation hirngeschädigter Menschen, autobiographisches Erzählen bei Krankheit und Behinderung

Kontakt:

PD Dr. Gabriele Lucius-Hoene

Psychologisches Institut der Universität Freiburg
Abteilung für Rehabilitationspsychologie
D - 79085 Freiburg

Tel.: +49 / 0761 / 203 3050
Fax: +49 / 0761 / 203 3040

E-Mail: lucius@psychologie.uni-freiburg.de

Zitation

Lucius-Hoene, Gabriele (2000). Konstruktion und Rekonstruktion narrativer Identität [19 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(2), Art. 18, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0002189.



Copyright (c) 2000 Gabriele Lucius-Hoene

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