Volume 1, No. 2, Art. 24 – Juni 2000

Zur Zukunftsfähigkeit der (qualitativen) Psychologie1)

Hans-Jürgen Seel2)

Zusammenfassung: Versucht man, die Zukunftschancen für die Psychologie zehn Jahre nach Gründung der "Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP)" einzuschätzen, so haben wir einen ständig wachsenden Bedarf an professioneller psychologischen Dienstleistungen zu konstatieren. Solche Dienstleistungen werden jedoch nicht automatisch von PsychologInnen nachgefragt werden. Der gegenwärtige Zustand der psychologischen Wissenschaft in Deutschland als eine nomothetische Wissenschaft stellt keine optimale Grundlage für die Ausbildung professioneller BeraterInnen z.B. im psychosozialen und im Management – Bereich dar, weil praktisch arbeitende PsychologInnen meistens mit Einzelfällen zu tun haben, was wesentlich eine qualitative Arbeitsweise erfordert. Deshalb wird die Zukunft der Psychologie nicht zuletzt von der Elaboration qualitativer methodologischer Konzepte innerhalb einer pluralistischen psychologischen Wissenschaft abhängen. Vorbedingung für eine Sicherung der Identität des Fachs ist die Etablierung eines wissenschaftlichen Meta-Diskurses, der unterschiedliche methodologische Zugangsweisen zum wissenschaftlichen Objekt akzeptiert. Ein solcher sich der Alltagssprache bedienender Diskurs wird Protopsychologie genannt. Protopsychologie muss sich auseinandersetzen mit der Zuordnung unterschiedlicher methodologischer Zugangsweisen zu speziellen Typen von Situationen gesellschaftlicher Praxis in einer pluralistischen Gesellschaft und dabei die Nützlichkeit wissenschaftlichen psychologischen Wissens nachweisen.

Auf der Grundlage dieser Argumentation muss ebenfalls die Struktur der wissenschaftlichen Produktion überdacht werden, weil in der Zukunft psychologisches Wissen mehr in praktisch-psychologischer Tätigkeit als in wissenschaftlichen Labors geschaffen werden muss; anderenfalls kann es nicht übertragen werden auf die Arbeitssituation praktisch tätiger PsychologInnen und keine Grundlage abgeben für eine Beteiligung von PsychologInnen an gesellschaftskritischen Diskursen.

Keywords: Zukunft der Psychologie, qualitativ, Pluralismus, Wissenschaftstheorie, Methodologie, Praxis, Protopsychologie, Psychotherapeutengesetz, Wissensmanagement

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zunehmende gesellschaftliche Bedeutung psychologischer Dienstleistungen

3. Zur Zukunftsfähigkeit der psychologischen Wissenschaft

4. Zur aktuellen Praxis des Umgangs mit und zwischen verschiedenen methodologischen Positionen innerhalb der wissenschaftlichen Psychologie

5. Plädoyer für einen protopsychologischen Diskurs

6. Ebenen des protopsychologischen Diskurses

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

Vor nahezu zehn Jahren hat sich die 'Neue Gesellschaft für Psychologie (NGfP)' mit den Absichten gegründet (http//www.ngfp.de):

"Wir wollen als Psychologinnen und Psychologen

  • gesellschaftliche Verantwortung für eine humane Gestaltung menschlichen Zusammenlebens übernehmen

  • ein kritisches, reflexives Wissenschaftsverständnis weiterentwickeln und die Gleichstellung der Geschlechter im Wissenschaftsbetrieb vorantreiben

  • eine gegenstandsangemessene Forschung fördern, welche die gesellschaftliche (kulturelle) und geschichtliche Bedingtheit des Psychischen realisiert und

  • sich an Alltagsnähe und Praxisbezug orientiert, psychologische Praxis wissenschaftlich begleitet und reflektiert und dabei an die geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Traditionen anknüpft und sie erneuert

  • die fächerübergreifende Kooperation mit anderen Disziplinen pflegen

  • die Identität des Faches trotz grundsätzlich anzustrebender Vielfalt der Diskurse entwickeln

  • die Hochschulen und den Wissenschaftsbetrieb demokratisieren." [1]

In der NGfP haben sich vor allem qualitativ, geisteswissenschaftlich oder hermeneutisch arbeitende PsychologInnen zusammengeschlossen, weil sie der Ansicht waren (und sind), dass solche Ansätze in der deutschsprachigen Wissenschaftslandschaft angesichts einer übermächtigen, nomothetisch dominierten wissenschaftlichen Psychologie einen zu geringen Stellenwert erhalten und sich nicht genügend entfalten können, andererseits aber für die Zukunft des Fachs Psychologie insgesamt wichtig sind. (Vgl. die in diesem Zusammenhang ausgetauschten Argumente z.B. von HERRMANN 1991 und LEGEWIE 1991 in Report Psychologie vom Februar 1991 und im Heft 1, 1992 des Journals für Psychologie.) [2]

Aktuell befindet sich die NGfP in einer Kontroverse über die gutachterliche Praxis des wissenschaftlichen Beirats nach §11 Psychotherapeutengesetz. Nach diesem Psychotherapeutengesetz müssen die Länderbehörden Entscheidungen über die Zulassung von Psychotherapieverfahren für die direkte Abrechnung mit den Krankenkassen treffen, und zwar, "in Zweifelsfällen ... auf der Grundlage eines Gutachtens eines wissenschaftlichen Beirates" (§11), an das sie sich aber nicht zwangsläufig halten müssen. [3]

Die Kritik der NGfP entzündet sich daran, dass der wissenschaftliche Beirat selbst Kriterien der Wissenschaftlichkeit formuliert hat und zwar solche, die an einem eng interpretierten nomothetischen Wissenschaftsideal mit zugrunde liegenden linearen Kausalitätsvorstellungen orientiert sind und diesen Kriterien auch Verfahren wie die wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie und die systemische Familientherapie unterwirft, obwohl diese an einem anderen methodologischen Grundkonzept orientiert sind. Damit wird faktisch der einheitswissenschaftliche Dominanzanspruch der nomothetischen Methodologie über andere ausgeübt. [4]

Gleichzeitig diskreditieren die vom Beirat formulierten Kriterien von Wissenschaftlichkeit nicht nur die praktische Arbeit jener PsychotherapeutInnen als unwissenschaftlich, die nach anderen als den bisher zugelassenen Verfahren vorgehen, sondern de facto schätzungsweise 70 bis 80 % der gesamten praktischen Tätigkeit von PsychologInnen auch z.B. in der Arbeits- und Organisationspsychologie oder in der Gemeindepsychologie oder in Beratungsstellen und anderen psychosozialen Tätigkeitsfeldern – einschließlich der Arbeit von SozialpädagogInnen. Die damit implizierte antiplurale und die praktische Arbeit diskriminierende Haltung war der Anlass für die NGfP, gemäß ihren Wertvorstellungen massiven Protest anzumelden (Vgl. dazu NEUE GESELLSCHAFT FÜR PSYCHOLOGIE 2000). [5]

Der Vorgang zeigt gleichzeitig, dass es der NGfP nicht gelungen ist, ihre Vorstellungen von Pluralität der wissenschaftlichen Methodologie in der Psychologie auf breiter Basis zu verwirklichen. [6]

Dies soll zum Anlass genommen werden, ein Schlaglicht auf die aktuelle Situation der wissenschaftlichen Psychologie in den deutschsprachigen Ländern zu werfen und darüber nachzudenken, ob angesichts sich abzeichnender Zukunftsentwicklungen für das Fach die pauschal als 'qualitativ' bezeichnete Psychologie eine Rolle spielt und wie im Falle einer positiven Antwort die notwendige methodologische Pluralität im Fach verwirklicht werden kann. Dabei verfolgen wir die These, dass die Zukunftsfähigkeit des Faches Psychologie wesentlich von ihrer gesellschaftlichen Nützlichkeit abhängt, und dass wiederum diese gesellschaftliche Nützlichkeit eine befriedigende Ausgestaltung des Verhältnisses von Wissenschaft und Praxis und in engem Zusammenhang damit die Verwirklichung methodologischer Pluralität erfordert. [7]

Die folgenden Überlegungen wurzeln in einer psychologischen Grenzgänger-Biografie, die mit Grundlagenforschung begonnen hat, dann verschiedene Felder praktischer psychologischer Dienstleistungen durchlief und entsprechende Erfahrungen in psychosozialen, gemeindepsychologischen und organisationspsychologischen Bereichen sammelte, und sich dann wieder der Wissenschaft zuwandte. Anders als weitaus die meisten psychologischen Praktiker, deren Hoffnungen auf Hilfestellungen für ihre Arbeit von der (nomothetischen) Wissenschaft gründlich enttäuscht wurden (und werden) und die deshalb deren Forschungsergebnisse als für sie weitgehend nutzlos abgeschrieben haben, blieb aber das Interesse für und die Hoffnung auf die Wissenschaft erhalten, was dann auch zur Position des Vorsitzenden der NGfP führte. Ein wesentlicher Grund für die untypisch zähe Beibehaltung dieser Hoffnung liegt sicherlich darin, dass die erwähnte Grundlagenforschung zu Beginn der Psychologenbiografie (KAISER & SEEL 1981) sich als äußerst nützlich für die nachfolgende Praxis erwies und damit die grundsätzliche Möglichkeit einer wissenschaftlichen Begründung und Verbesserung von Praxis beweist; gleichwohl ist der Blick auf die Zukunft des Fachs auch von Sorge geprägt. Die praktischen Erfahrungen im organisationspsychologischen Arbeitsbereich haben sicherlich auch den Blick auf das 'Unternehmen Wissenschaft' und damit die folgenden Überlegungen geprägt, aber das ist wohl eher von Vorteil als von Nachteil. [8]

2. Zunehmende gesellschaftliche Bedeutung psychologischer Dienstleistungen

Die gesellschaftliche Bedeutung psychologischer Dienstleistungen in verschiedenen Praxisfeldern wächst derzeit unübersehbar und wird mit Sicherheit in der Zukunft noch sehr viel drastischer zunehmen, darin sind sich alle Prognosen einig. Inwieweit mit dieser zunehmenden Bedeutung auch unmittelbar eine Nachfrage nach psychologischen Dienstleistungen einhergeht und ob diese Nachfrage auch auf ausgebildete Diplom-PsychologInnen zielen wird, ist jedoch eine andere Frage. Derzeit versuchen bereits VertreterInnen anderer Disziplinen, sich eine Scheibe vom Kuchen zu sichern; die Palette reicht von Medizinern über Pädagogen, Soziologen, Sozialpädagogen bis hin zu Betriebswirtschaftlern und auch Ingenieuren (denen PsychologInnen durchaus als 'Kollegen' mit ähnlichen Aufgabenstellungen begegnen, wenn sie psychologische Themen, z.B. in der betrieblichen Erwachsenenbildung, bearbeiten). [9]

Erwartet wird darüber hinaus, dass in der Zukunft die akademische Grundausbildung eine relativ weniger wichtige Rolle spielen wird zugunsten von Fort- und Weiterbildungen in einem 'lebenslangen Lernprozess' und praktischen Erfahrungen in einem Arbeitsfeld. Ausgenommen von solchen Prozessen sind anscheinend (noch?) viele Professionen im Gesundheitsbereich, insbesondere im Bereich der Geltung des Psychotherapiegesetzes. [10]

In den übrigen Bereichen reüssieren auch Menschen mit anderer akademischer Grundausbildung (wie z.B. in der Mediation), wobei man feststellen kann, dass sie in der Regel bestimmte spezialisierte Bereiche ganz gut beherrschen, aber leicht scheitern können, wenn breiteres Hintergrundwissen erforderlich wird, wenn also im Beispiel Mediation die Konflikte komplexer, mit größeren emotionalen Anteilen belastet sind und wenn verdeckte, vielleicht sogar unbewusste Motive etc. eine Rolle spielen, was ja nicht gerade selten ist und wo sich eine solide psychologische Grundbildung doch wieder als wertvoll erweist. [11]

Wie wichtig in Zukunft also als akademische Grundausbildung die Psychologie bleiben bzw. werden wird, wird sehr davon abhängen, inwieweit es den Ausbildungsinstitutionen (d.h. den Universitäten und den Fachhochschulen) gelingt, eine geeignete breite Basisqualifikation für die Anforderungen der Praxis an die Qualität psychologischer Dienstleistungen zu vermitteln, die jedoch mit der bloßen Ausbildung nicht zu Ende geht, sondern eine beständige Weiterbildung i.S. des lebenslangen Lernens zur Verfügung stellt, und inwieweit es ihnen und den Verbänden gelingt, den Wert solcher Qualifikationen bei den potentiellen 'Kunden' glaubhaft zu machen. Der Wert der wissenschaftlichen Psychologie wird sich aber nicht nur an dieser unmittelbaren Nützlichkeit für die praktisch arbeitenden PsychologInnen zu bemessen haben, sondern auch an ihrer Nützlichkeit für das Selbstverständnis des Menschen in der Welt. [12]

3. Zur Zukunftsfähigkeit der psychologischen Wissenschaft

Für die skizzierten Anforderungen ist eine wissenschaftliche Fundierung in der Praxis verwertbarer Ausbildungsgänge mit kritischer Auseinandersetzung in gesellschaftlicher Verantwortung unerlässlich. Hier sind allerdings einige gravierende Defizite zu konstatieren: [13]

Wie das Beispiel der Arbeit des wissenschaftlichen Beirats nach §11 PsychThG zeigt (s.o.), tut sich die den Wissenschaftsbetrieb dominierende nomothetische Mainstream-Psychologie sehr schwer damit, mit allen solchen Aufgabenstellungen adäquat und differenziert umzugehen, die mit der beruflichen Praxis von Psychologinnen und Psychologen zu tun haben; unabhängig von Themen und Inhalten wird alles dem methodologischen Einheitskonzept unterworfen (selbst dann, wenn z.B. der gesetzliche Auftrag eigentlich ein ganz anderes Verfahren vorschreibt) und so Pluralität tendenziell unterbunden. [14]

Der größte Teil der psychologische Dienstleistungen anbietenden praktisch arbeitenden Psychologinnen und Psychologen, seien sie nun wie im erwähnten aktuellen Fall die klinischen TherapeutInnen, aber auch genauso die im Arbeits- und Organisations-Bereich oder in der Gemeindepsychologie usw. tätigen psychologischen BeraterInnen, arbeiten notwendigerweise ganz überwiegend einzelfallbezogen, wesentlich qualitativ und sinndeutend (hermeneutisch) oder systemisch intervenierend; hier begegnen sich Subjekte, hier organisieren sich selbst Systeme usw., weshalb für diese Praxis linear-kausale Wahrscheinlichkeitsaussagen auf der Grundlage großer Zahlen wenig hilfreich sind (vgl. z.B. LEGEWIE 1999). [15]

Es kommt vielmehr eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze auf der Grundlage verschiedener (meta-) theoretischer und methodologischer Positionen erfolgreich zum Einsatz (wie z.B. psychoanalytische Positionen, Gestaltansätze, systemische Konzepte...), die in ihrer Pluralität die Vielfältigkeit unserer Kultur widerspiegeln und den fruchtbaren Nährboden für lebendige Diskussionen, die Entwicklung neuer theoretischer Perspektiven und kreative Neuentwicklungen in den verschiedenen Praxisbereichen abgeben (vgl. z.B. für den Bereich Gesundheit SCHLICHT 1999 nach SCHÖNPFLUG 2000). Diese Vielfalt ist sicherlich eine Stärke, hat sie doch dazu geführt, dass sich mittlerweile ein bemerkenswertes praktisches psychologisches Wissen angesammelt hat, das allerdings weitgehend kontext- und personengebunden bleibt. Dieses immense Erfahrungswissen in der psychologischen Praxis hat sich weitgehend unabhängig von der Wissenschaft entwickelt, so dass man berechtigt schon von den (mindestens) zwei Kulturen im Fach Psychologie reden kann, was weniger dieser Praxis als vielmehr der Elfenbeinturm-Mentalität der akademischen Psychologie anzulasten ist. [16]

Die in der Institution Wissenschaft faktisch geltenden Kriterien für den Erfolg persönlicher Berufskarrieren haben mittlerweile praktisch fast gar nichts mehr mit irgendwelchen Anforderungen oder Problemstellungen der praktisch tätigen PsychologInnen zu tun, sondern orientieren sich nahezu ausschließlich an den internen Kriterien der gesellschaftlichen Institution Wissenschaft. So hat sie mittlerweile ihren eigenen Bereich gesellschaftlicher Praxis geschaffen, in dem sie sich gut und gegen Störungen von außen weitgehend abgesichert eingerichtet hat. Wegen der (im Prinzip zu begrüßenden) engen Koppelung von Wissenschaft und Ausbildung an den Universitäten wirkt sich dies auch negativ auf die Ausbildung aus, die zum großen Teil so konzipiert zu sein scheint, als würde sie bevorzugt für den wissenschaftlichen Nachwuchs an den Universitäten ausbilden, obwohl dieser Bereich rein quantitativ den geringsten Anteil der als PsychologInnen Tätigen ausmacht. [17]

Diese Situation ist mittlerweile Anlass zu recht drastischen Formulierungen über die Situation der Sozialwissenschaften insgesamt:

"Ironischerweise scheinen gegenwärtig die stärksten Reminiszenzen an den Positivismus noch eher in den Sozial- als in den Naturwissenschaften beheimatet zu sein: Insoweit sie versuchen, die Wissenschaftlichkeit der Naturwissenschaften nachzuahmen, scheinen sie damit auf einem ziemlich primitiven und veralteten Verständnis naturwissenschaftlicher Methodologie zu beruhen." (MOTTIER 1999, S.129) [18]

Sicherlich muss es auch einen Raum geben für eine Grundlagenforschung in der Psychologie, die nicht unmittelbar an praktische Anforderungen gebunden ist. Aber können wir so lange warten, bis die nomothetische Grundlagenforschung in der Psychologie Ergebnisse hervorbringt wie den oft zitierten Laser als Ergebnis physikalischer Grundlagenforschung, und uns so lange mit "Glücksgefühlen" zufrieden geben, die sie den beteiligten Forschern schenkt (SCHÖNPFLUG 2000, S.169), während in der Zwischenzeit andere Professionen oder gar obskure Sinnversprecher aus der esoterischen Ecke die solcherart entstehenden Leerräume in der Gesellschaft und ihrer Kultur besetzen? Oder sollten wir nicht besser die Frage stellen, wie psychologische Grundlagenforschung aussehen muss, die solche Erkenntnisse überhaupt grundsätzlich hervorbringen kann? Ist z.B. nomothetische Grundlagenforschung dazu überhaupt in der Lage, und falls ja, für welchen Bereich der Psychologie? [19]

Solange die Psychologie sich solchen Fragen nicht stellt, ist die derzeitige Ausbildung von PsychologInnen an den Universitäten auf dem besten Wege, dafür zu sorgen, dass in Zukunft in anderen akademischen Fächern Ausgebildete zunehmend die Bearbeitung psychologischer Aufgaben in der Praxis übernehmen werden, weil sie ihre Arbeit genau so gut oder besser: genau so schlecht als wissenschaftlich begründet verkaufen können. Bereits jetzt schätzen psychologische Praktiker weite Bereiche der universitären wissenschaftlichen Psychologie als Orchideenfach ein. [20]

Auf diesem Hintergrund wäre in der qualitativ arbeitenden wissenschaftlichen Psychologie derzeit eine Schlüsselrolle für die Zukunft des Fachs zu sehen, weil sie die Chancen des Fachs Psychologie im Wettbewerb der Professionen wegen ihrer besseren Tauglichkeit für die Grundlegung des Großteils praktischer psychologischer Dienstleistungen insgesamt verbessern kann, wenn sie sich nicht dazu verführen lässt, ebenfalls in abgehobene Elfenbeinturm-Ebenen abzudriften – auch diese Gefahr ist angesichts der Strukturen in der Wissenschaft durchaus real. [21]

Bleibt die Frage, wie dies nun alles in einem Fach miteinander plural unterzubringen ist, d.h. auf welche Weise kann ein plurales Wissenschaftsverständnis unter Beibehaltung der Identität des Fachs realisiert werden? Zunächst dazu einige Bemerkungen, wie solche Fragen derzeit gehandelt werden; dabei kommt auch der organisationspsychologisch geprägte Blick auf das 'Unternehmen psychologische Wissenschaft' zum Tragen. [22]

4. Zur aktuellen Praxis des Umgangs mit und zwischen verschiedenen methodologischen Positionen innerhalb der wissenschaftlichen Psychologie

Als grundlegende Voraussetzung für eine starke Stellung der Psychologie im Fächerkanon muss in der wissenschaftlichen Psychologie eine (andere) Diskurskultur etabliert werden. Während in den (anderen) Sozialwissenschaften bereits rückblickend davon die Rede ist, "dass der entscheidende Durchbruch der postempiristischen Wissenschaftstheorien in einer wissenschaftssoziologischen Studie gelang: in Thomas S. Kuhns 'The Structure of Scientific Revolutions'" (RECKWITZ 1999, S.21), blieb in der Psychologie bspw. die Diskussion um die 'Sozialpsychologie des Experiments' in den 70er und 80er Jahren erstaunlich folgenlos, obwohl sich in der Konsequenz jedes Experiment im Grunde als ein Rollenspiel erweist, wenn man die Probanden informiert, oder aber zu einer ethisch fragwürdigen Manipulation wird, wenn man sie nicht darüber informiert, dass sie sich in einem Experiment befinden. Hier wie auch in anderen Zusammenhängen setzte sich nicht das bessere bzw. das kritische Argument durch, sondern es wurde, lange bevor dies ein ehemaliger Bundeskanzler zur Perfektion trieb, die Kunst des 'Aussitzens', d.h. die Kunst des Nicht-Reagierens auf kritische Argumente gepflegt, während im Hintergrund Machtstrukturen aufgebaut wurden, die sich bevorzugt der Revierabsicherung widmeten ('Unterstützt Du meinen Förderantrag, so helfe ich Dir bei Deinem!') und zwischen denen kaum noch irgendwelche wissenschaftlichen Argumente ausgetauscht wurden. Das Aussitzen kritischer Argumente ist durchaus 'erfolgreich', wie die Geschichte der Neuen Gesellschaft für Psychologie zeigt, hat sie doch auf die ihrer Gründung zugrunde liegenden Argumente bisher nur sehr wenig Gegenargumente erhalten (vgl. Journal für Psychologie Heft 1, 1992). [23]

Eine leider häufig anzutreffende 'Argumentationsfigur' begnügte sich (und begnügt sich auch weiterhin) damit, mit dem Hinweis auf die noch nicht genügend 'wissenschaftlich fundierte' Aufarbeitung alternativer methodologischer Grundpositionen die Mittel, die nötig wären, um eben dies zu leisten, nicht zu bewilligen. Diese Argumentationsfigur funktioniert nicht nur im Bereich der Forschungsförderung, sondern auch dann, wenn es um den Zugang zu den wirtschaftlichen Töpfen der Krankenversicherungen geht (vgl. das aktuelle Gutachten). [24]

Eine etwas andere Form des 'Dialogs' zwischen verschiedenen methodologischen Grundpositionen geht beispielsweise von der Frage aus, ob es sein könnte, dass das Festhalten an einer wissenschaftstheoretischen Position begründet ist im dahinter steckenden Wunsch nach der Beibehaltung einer bestimmten Praxis der Organisation der Wissensproduktion. Auch in diese Richtung gehen bereits Argumente, am prominentesten vielleicht DEVEREUX (1984) In diesem Fall könnte die letztlich durchaus berechtigte Angst dahinter stecken, sich im Falle einer anderen wissenschaftstheoretisch-methodologischen Grundposition auf eine andere Form der Organisation der Wissensproduktion einlassen zu müssen und damit auf eine andere Form der Beziehungsgestaltung, in der sich der eine oder andere Protagonist eines nomothetischen Wissenschaftsverständnisses möglicherweise nicht bewähren oder sogar scheitern könnte. Sie befänden sich in guter Gesellschaft der Führungskräfte, die bei der Verlagerung von Verantwortung an den Ort der Wertschöpfung mit Ängsten reagieren – natürlich kann diese Gleichzeitigkeit auch bloßer Zufall sein. [25]

Auch könnte man auf den folgenden Sachverhalt aufmerksam machen: Die Diskussion zur Sozialpsychologie des Experiments verdeutlichte, dass das ethisch vertretbare Experiment im Grunde ein Rollenspiel ist, und dass die Verabredung zu diesem Rollenspiel nicht auf einer experimentellen, sondern auf einer dialogischen Ebene stattfinden muss, weshalb eigentlich der Dialog zwischen Wissenschaftler und Proband immer dem Experiment vor- und übergeordnet ist und nicht umgekehrt. [26]

Vielleicht sollte man sich einmal vergegenwärtigen, was eigentlich geschieht, wenn – sagen wir – ein systemischer Psychotherapeut mit einem Klienten arbeitet, der sämtliche Beziehungsgestaltung durch autoritäres Verhalten und die Androhung von Gewalt ersetzt, und wenn nun dieser Therapeut wiederum zum Gegenstand einer linear-kausalen empiristischen Untersuchung zwecks Einschätzung der Wissenschaftlichkeit seines Tuns gemacht wird, worauf wir nun wieder eine psychoanalytische Deutung des empiristischen Handlungsmusters als Angstbewältigung draufsetzen, evtl. ergänzt durch eine epidemiologische Untersuchung zur Frage, ob und warum Inhaber von Methoden-Lehrstühlen in der Psychologie überdurchschnittlich häufig in ihrer Freizeit zu esoterischen Zirkeln neigen. Worauf man dann wieder, sagen wir mit Hilfe der Grounded Theory, nach den Deutungsmustern jener WissenschaftlerInnen fragt, die zu einer psychoanalytisch-klinischen Interpretation der empiristischen Vorgehensweise neigen usw. usw. [27]

Wer jemals eine Partnerschaftsberatung mit Psychologe und Psychologin als Klienten gemacht hat, weiß, in welche Sackgassen es führen kann, wenn PsychologInnen sich mit Hilfe von fachlichen Deutungen des Verhaltens und der Motive von KontrahentInnen als Waffe streiten. [28]

Außer, dass solche Überlegungen zur Belustigung oder zur Selbststabilisierung beitragen können, machen sie jedenfalls zwei für die Psychologie wesentliche Aspekte deutlich:

  • Es macht eben doch einen Unterschied aus, ob der Forschungsgegenstand (wie in der Psychologie) selbst potentiell Subjekt von verschiedenen Paradigmen folgenden Handlungen ist bzw. sein kann oder ob der Forschungsgegenstand diese Qualität nicht aufweist (wie in den Naturwissenschaften). Wenn dies aber so ist, so gibt es keinen Grund, diese Qualität nur den wissenschaftlich Tätigen zuzugestehen und nicht im Grundsatz auch den zum Gegenstand gemachten nichtwissenschaftlichen Subjekten, was z.B. klar für eine Psychologie des reflexiven oder epistemischen Subjekts spricht (GROEBEN & SCHEELE 1977 und spätere).

  • Auch hier zeigt sich, dass es nicht bloß um das bessere Argument, sondern auch um das Abstecken von Machtbereichen geht, um die Wissenschaftshoheit und die Frage, welches das wissenschaftliche 'Oberparadigma' ist. Nur so sind Äußerungen zu verstehen, die z.B. Pluralität unter dem Dach der nomothetischen Wissenschaft propagieren. [29]

Sofern es dabei auch um Politik und um den Zugang zu den Töpfen der Krankenkassen geht, könnten solche Fragen auch politisch und juristisch zu klären versucht werden – auch hierzu kann man sich aus den Vorgängen um das Psychotherapeutengesetz genügend Anschauungsmaterial beschaffen. Im Vergleich dazu scheint, nicht zuletzt auch im Interesse der Darstellung des Faches in der Öffentlichkeit, die Einleitung eines ernsthaften 'protopsychologischen Diskurses' entschieden die bessere Lösung. [30]

5. Plädoyer für einen protopsychologischen Diskurs

Auch angesichts starker Argumente für eine qualitative Psychologie sollten wir nun aber nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und nach der Überwindung einer empiristischen einheitswissenschaftlichen Dominanz nun die Vorherrschaft einer anderen Methodologie anstreben, das alleinige Heil in einer Psychologie suchen, die nur noch qualitativ arbeitet, zumal das, was da als 'qualitativ' bezeichnet wird, durchaus eine bemerkenswerte methodologische Buntheit und Vielfältigkeit umfasst. [31]

Welche aussichtsreichen 'Richtungen' lassen sich derzeit neben der empiristischen Tradition ausmachen und wie lassen sie sich rubrizieren? RECKWITZ (1999) schlägt vor, die derzeitige Landschaft in den Sozialwissenschaften nach drei 'Versionen des Cultural Turn' zu beschreiben, er meint damit das 'Praxis-Paradigma' (in der Tradition der phänomenologisch-hermeneutischen Tradition, des Strukturalismus, WITTGENSTEINs Spätphilosophie und deren Umkreis; schließlich die Bewegung des Pragmatismus), das 'Autopoiesis-Paradigma' i.S. des (radikalen) Konstruktivismus und das 'Text-Paradigma'. Dem könnte man sich in der Psychologie eigentlich durchaus anschließen und versuchen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede spezifisch für das Fach herauszuarbeiten (vgl. MRUCK & MEY 2000). Der systematische 'Praxis-Test' dieser Paradigmen unter dem Gesichtspunkt ihrer Tauglichkeit für eine wissenschaftlich begründete Psychologie hat bereits begonnen, und zwar vor allem in den Bereichen Psychotherapie und Arbeits- und Organisationspsychologie. Es lassen sich allerdings durchaus auch noch einige Aufgaben in diesem Zusammenhang formulieren, für die einige Forschungsmittel sinnvoll eingesetzt werden sollten, damit die Psychologie im (zukünftigen) Wettbewerb der Disziplinen bestehen kann. [32]

Angesichts dieser Vielfalt stellt die Wahrung der Identität des Fachs eine bemerkenswerte Aufgabe dar, doch kann die als Schreckgespenst projizierte Gefahr bloßer Beliebigkeit anstatt Wissenschaftlichkeit durchaus vermieden werden, und zwar mit Hilfe einer Protopsychologie, also einem Diskurs über die Wissenschaft Psychologie, u.a. über ihren Gegenstand und ihre Aufgabe, über das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis und über Kriterien von Wissenschaftlichkeit vor jeder wissenschaftstheoretischen bzw. methodologischen Position auf der Basis einer alltagssprachlichen Verständigung (TROJAN & LEGEWIE 1999 zeigen, wie man auf dieser Ebene mit der Methodenvielfalt in der Gesundheitsforschung umgehen kann). Auch dieser Gedanke ist nicht neu, wurde er doch bereits für die Physik als 'Protophysik' diskutiert und elaboriert (auch hier lohnt sich also ein genauerer Blick auf die so oft als Vorbild herangezogene 'exakte Naturwissenschaft': KAMLAH & LORENZEN 1967, BÖHME 1976), er ist auch verträglich mit HUSSERLs wissenschaftstheoretischer Position, dass jede Wissenschaft letztlich in der Lebenswelt ihre Wurzeln hat und sich entsprechend legitimieren muss. Natürlich muss nun nicht wieder bloß das Vorbild der Physik einfach übernommen werden, ein protopsychologischer Diskurs muss für die und in der Psychologie durchaus anders geführt werden als die Protophysik. Es geht mir zunächst mehr um die Ebene des Diskurses und um die ihn leitenden Themen, die sich wesentlich um die Frage drehen:

Mit Hilfe welcher Methodologie kann welche Art von Wissen geschaffen werden, und zu welcher Art der Verwendung taugt dieses Wissen, auf welche Weise kann es grundsätzlich von Nutzen sein?

Wobei der hier verwendete Begriff des Nutzens oder der Nützlichkeit nicht bloß die unmittelbare Verwertung in einer Praxis (z.B. mit Abrechnung durch die Krankenkassen) meint, sondern einen Nutzen auf der Ebene des Selbstverständnisses des Menschen in seiner Welt (und damit nicht unmittelbar anwendungsbezogene Grundlagenwissenschaft) einschließt. [33]

Ausgangspunkt entsprechender Überlegungen muss keinesfalls unbedingt eine abstrakte Philosophie, sondern kann auch die Praxis psychologischer Dienstleistungen sein, die – wie ein kurzer Blick schon zeigt – aus gutem Grund je nach Anforderung ihre Zugangsweise zum Gegenstand wechselt, was auf der wissenschaftlichen Ebene einem Wechsel der methodologischen Grundposition entspräche. [34]

Wir könnten also etwas differenzierter fragen, ob sich Bereiche erkennen lassen, in denen eine quantitativ arbeitende nomothetische Psychologie Erfolge aufweist und im Vergleich andere Bereiche, für die qualitativ, hermeneutisch oder systemisch oder ... arbeitende Ansätze mehr beitragen – wobei man fairerweise natürlich auch den Einsatz von (Forschungs-) Mitteln berücksichtigen müsste. [35]

Eine entsprechende Analyse ließe sich sicherlich noch besser mit empirischer Unterstützung fundieren, doch dürften jetzt schon Thesen mit einer gewissen Plausibilität formulierbar sein: Wir können z.B. begründet vermuten, dass die nomothetische Psychologie in solchen Bereichen gesellschaftlicher Praxis ihre größten Erfolge aufweist, wo einige wenige Menschen innerhalb gewisser Grenzen (wie in einem Experiment) die 'unabhängigen Variablen' setzen, mithin die Lebensumstände oder Rahmenbedingungen für das Handeln vieler anderer Menschen definieren, und dies mit dem Ziel, Mittelwerte von Verhaltensmaßen zu beeinflussen. Das ist z.B. in der Politik der Fall, wenn irgendwelche Programme evaluiert werden sollen, oder bei der Einführung von Maßnahmen in einer Arbeitsorganisation durch den Vorstand, oder bei der Einführung neuer Produkte auf dem Markt. Ähnliches gilt für epidemiologische Untersuchungen usw., entsprechende wissenschaftliche Forschungsprogramme haben hier ihren Stellenwert und erweisen sich in der Praxis als sehr nützlich. Auch der in der Organisationsberatung tätige Psychologe braucht entsprechende Verfahren, wenn er z.B. den Erfolg der Einführung von Mitarbeiter-Auswahlverfahren prüfen will. Ihre Schwächen haben diese Verfahren in der Regel im Bereich des Verstehens bzw. der Interpretation der Daten und auf der Ebene der praktischen Anleitung des Beraters für den Umgang mit Gruppen bei der Rückmeldung der Ergebnisse, bei der Moderation von Entscheidungsfindungsprozessen usw. [36]

Umgekehrt erweist sich eine qualitative Vorgehensweise überall dort offensichtlich als besonders nützlich, wo es um das Sinn- und Zusammenhangsverstehen, um Hilfestellungen für praktisches Tun und solche Aufgaben geht, die als Bewältigung von Einzelfällen bezeichnet werden können, wobei 'Einzelfall' nicht nur das Individuum umfasst, sondern auch die Organisation, das Problem usw. Dies zeigt sich ganz besonders in den Praxisfeldern, in denen wohl die meisten praktisch arbeitenden PsychologInnen tätig sind: Psychotherapie, psychosoziale Beratung, Arbeits- und Organisationspsychologie und Gemeindepsychologie. [37]

Eine systematische Unterstützung pluraler Praxis stellt allerdings nun wieder ganz besondere Anforderungen an eine Protopsychologie: Sie muss sich bewähren als ein begriffliches Ordnungssystem, das einerseits eine Klärung des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Praxis (oder 'Anwendung' – wobei dieses Wort bereits ein bestimmtes Verhältnis impliziert und deshalb besser nicht vorschnell verwendet werden sollte) ermöglicht und andererseits einen souveränen Umgang mit verschiedenen Paradigmen erlaubt. Hierbei könnte sich der Bezug auf 'Standardsituationen' nach HOLZKAMP (1995), als sehr hilfreich erweisen, denn auf dieser Grundlage lässt sich eine systematische, begründete, kritisierbare Zuordnung von methodologischen Standards treffen. [38]

Natürlich ist (empirisch) nicht zu erwarten, dass solche Fragen irgendwann einmal endgültig geklärt sein können, aber es ist (normativ) zu erwarten, dass wenigstens ein offener Diskurs darüber geführt wird. Themen in einem solchen Diskurs könnten beispielsweise Kriterien von Wissenschaftlichkeit sein wie: 'Kritisierbarkeit von Aussagen und Methoden', 'Nachprüfbarkeit anhand definierter Kriterien', 'allgemeine Benutzbarkeit des erarbeiteten Wissens'. [39]

6. Ebenen des protopsychologischen Diskurses

In einem protopsychologischen Diskurs müssen auf verschiedenen Ebenen zueinander passende Lösungen für die Zukunft des Fachs erarbeitet werden. Die oben angestellten Überlegungen zur unterschiedlichen Eignung von wissenschaftlichem Wissen für verschiedene Klassen oder Typen von Situationen gesellschaftlicher Praxis, das mit Hilfe verschiedener methodologischer Regeln gewonnen wurde, unterstellen im Grunde eine Strukturgleichheit oder -Passung von gesellschaftlichen Alltagssituationen, methodologisch begründeten Vorgehensweisen zur wissenschaftlichen Produktion von Wissen und den Ergebnissen, also der Struktur des wissenschaftlichen Produkts. Sie gehen über eine rein wissenssoziologische Fragestellung weit hinaus, die sich mit der Struktur des Wissenschaftssystems und mit dessen Folgen befasst. [40]

Der Zusammenhang ist eigentlich nicht besonders komplex und kaum zu leugnen: Er ist begründet in dem schlichten Umstand, dass aus wissenschaftstheoretischen Überlegungen abgeleitete methodologische Regeln die gesellschaftlich-kulturelle Weise des Umgangs mit dem jeweiligen Gegenstand reflektieren und unvermeidlich eine Beziehung des wissenschaftlichen Subjekts zum Gegenstand und damit eine Praxis konstituieren. Dies muss, wenn wie im Fach Psychologie auf den beiden Seiten dieser Beziehung Menschen stehen, eine soziale Praxis des Miteinander-Umgehens sein. Der Gedanke ist ebenfalls nicht neu, sondern wurde bereits von verschiedenen Autoren in verschiedenen Kontexten artikuliert: Johan GALTUNG bspw. hat bereits 1977 (deutsch 1978) nach wie vor aktuelle Aussagen zum Zusammenhang zwischen der Struktur der Gesellschaft, der Struktur der wissenschaftlichen Produktion und der Struktur des wissenschaftlichen Produkts gemacht. [41]

Auch die Argumente von BRUNER (1997) sind auf dieser protopsychologischen Ebene zu diskutieren, z.B. wenn er auf Wolfgang KÖHLERs imaginären Dialog in The Place of Value in a World of Facts rekurriert, in dem die Befürchtung einer Angleichung der gesellschaftlichen Realität an die Realität einer reduktionistischen psychologischen Wissenschaft formuliert wird, was HOLZKAMP (1972) bekanntlich ebenfalls thematisiert hat. Auf dem Hintergrund der konstruktiven Wissenschaftstheorie hat LORENZEN (1980) mit seiner Aussage, dass die Physik deshalb eine Wissenschaft sei, weil sie als Stilisierung einer (gesellschaftlichen) Praxis (nämlich der Technik) zu deren Verbesserung grundsätzlich beitragen kann, denselben Grundgedanken formuliert. [42]

In der Psychologie wird dieser Zusammenhang jedoch kaum reflektiert. Allenfalls werden als Folge nicht weiter hinterfragter Ansprüche der Methodologie, mit denen man irgendwie sozial umgehen, sich irgendwie arrangieren muss, ethische Probleme diskutiert. Kaum einmal werden solche Überlegungen aber zur Kritik an einer Wissenschaftstheorie herangezogen, die durch ihre methodologischen Regeln einer Praxis Vorschub leistet, die ethisch eigentlich nicht gewollt sein kann oder die nicht realisierbar ist. [43]

Diese Themen stellen sich in der aktuellen Situation aber nicht nur für einen mehr oder weniger intensiv geführten Ethik-Diskurs im Elfenbeinturm, sondern im Zusammenhang der Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Fachs: Wenn die Zukunft des Faches wesentlich von der Nützlichkeit für die gesellschaftliche Praxis abhängen wird, dann muss auch das von der Wissenschaft geschaffene Wissen nützlich für diese Praxis sein. Und das heißt zweierlei: Das Wissen muss zum einen beitragen zum besseren (Selbst-) Verständnis des Menschen in der Welt – was wir vielleicht als 'kulturelle Nützlichkeit' bezeichnen können –, und es muss für diejenigen unmittelbar praktisch nützlich sein, die für die Bewältigung ihrer beruflichen professionellen Praxis wissenschaftliche Hilfestellung benötigen. [44]

Psychologisches Wissen, das beitragen soll zum besseren Selbst-Verständnis des Menschen in der Welt, muss zwangsläufig auf die gesellschaftliche Praxis bezogen sein, diese aber auch transzendieren können, weil eben das Selbstverständnis des Menschen in der Welt wesentlich von dieser gesellschaftlichen Praxis bestimmt wird. Eine bloße Verdoppelung dieser Praxis im wissenschaftlichen Handeln würde dementsprechend keinen wesentlichen Beitrag zur Klärung des Selbstverständnisses des Menschen in der Welt erwarten lassen. Jedoch: "Die Intellektuellen in einer demokratischen Gesellschaft bilden eine Gemeinschaft von Kulturkritikern. Leider haben sich die Psychologen nur selten als solche verstanden, weil sie größtenteils von dem Selbstbild des positivistischen Naturwissenschaftlers besessen sind" (BRUNER 1997, S.49). [45]

Die mit der professionellen Bearbeitung praktischer Aufgaben beschäftigten PsychologInnen benötigen sowohl wissenschaftliche Hilfestellung zur Verbesserung und Legitimierung ihrer Tätigkeit, genauso aber auch kritische Reflexion im Rahmen einer Institution, die außerhalb der alltäglichen beruflichen Arbeit einen Diskurs-Raum bietet, in dem beispielsweise ethische Fragen unabhängig von Marktzwängen und Professionspolitik diskutiert werden können, in dem aber auch kritisch zu gesellschaftlichen Entwicklungen Stellung bezogen wird, über die die Psychologenschaft kompetent urteilen kann. Wie notwendig für die ganz konkrete praktische Arbeit eine in einem einigermaßen repressionsfreien Raum zu führende ethische und kritische Diskussion bspw. für die im A&O Bereich tätigen psychologischen BeraterInnen ist, wird an anderer Stelle (SEEL 2000) ausgeführt, wobei sich ebenfalls zeigt, dass es dabei nicht gleich immer um die großen gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozesse gehen muss. [46]

Solche Überlegungen führen letztlich zu einem Überdenken der Struktur der 'Wissensproduktion' (GALTUNG) und wenn man schon von 'Produktion' spricht, auch zu der Frage, woran sich die Qualität dieses Produkts, das 'Wissen' heißt, und das irgendwo geschaffen wird, zu bemessen hat: Gibt es dazu eigentlich noch eine Alternative zu einem Prozess der Wissensgewinnung, der von der Praxis Anfragen, Problemstellungen und praktisch bewährte Lösungsmöglichkeiten in die Wissenschaft einspeist, damit diese sie reflektieren, wissenschaftlich aufarbeiten und einem größeren Kreis zugänglich machen kann? Wie aber ist dann die Beziehung zwischen den Institutionen und Organisationen und den in ihnen agierenden Menschen zu gestalten? Ist die Wissenschaft dann Kontrolleur oder Dienstleister für die praktisch arbeitenden PsychologInnen? [47]

Das Gutachten des wissenschaftlichen Beirats zum Psychotherapeutengesetz unterstellt hier offensichtlich eine Kontrollbeziehung der Wissenschaft gegenüber der praktisch-psychologischen Tätigkeit und geht damit voll nicht nur an der praktischen Problemlage sondern auch an dem gesetzlichen Auftrag vorbei. Es fügt sich damit aber andererseits gut in die Rationalität der Behörden, die Entscheidungen zu treffen haben, die sie auf diesem Wege bequem abgenommen bekommen. Taugt solche Wissenschaft aber als Spiegel zur Reflexion des Selbstverständnisses des Menschen in der Welt? [48]

Ein unverstellter und unvoreingenommener Blick auf die Zukunft des Faches könnte dazu ganz andere als die bisherigen Antworten erfordern – der Wissenschaftler als kritisch forschender Praktiker (JAEGGI 1991) ist unter diesem Gesichtspunkt nach wie vor aktuell. (Praktisch arbeitende PsychologInnen wissen natürlich auch, dass Herrschaftsverhältnisse auch innerhalb der Person etabliert werden können, es reicht also nicht, die bloße personale Identität von Praktiker und Forscher herzustellen.) [49]

Mit solchen Überlegungen befände sich die Wissenschaft in guter Gesellschaft. Auch anderswo wird die Verantwortung dorthin verlegt, wo der Wertschöpfungsprozess stattfindet: nahe an die 'Produktion'. Dass hierzu methodologische Standards, die Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben können, grundsätzlich möglich sind, zeigen Ansätze, die z.B. der Supervision in diesem Prozess einen großen Stellenwert einräumen (vgl. BILLMANN-MAHECHA 1981, GIESECKE & RAPPE-GIESECKE 1997, SEEL 1998). Zu welchen Ergebnissen eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Einschätzung der Effizienz von Handlungswissen kommen kann, die sich bis in die Nähe von Qualitätsmanagement wagt, vgl. z.B. LEGEWIE (2000). [50]

Damit verbinden sich Überlegungen zur Neukonzipierung der Ausbildung von PsychologInnen an den Universitäten und Fachhochschulen unter dem Gesichtspunkt des lebenslangen Lernens mit den Bedürfnissen praktisch tätiger Berater und notwendigerweise mit einer neuen Sichtweise der Wissensproduktion. Es gibt genügend Themen für einen lohnenden protopsychologischen Diskurs. [51]

Anmerkungen

1) Ich danke F. BREUER für viele wertvolle Hinweise. <zurück>

2) derzeit Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) <zurück>

Literatur

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Zum Autor

Hans-Jürgen SEEL, Prof. Dr. phil. Professor an der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg Fb Sozialwesen. Arbeitsschwerpunkte: Beratung in psychosozialen und organisationalen Arbeitsfeldern, ästhetische Kommunikation; sozialwissenschaftliche Wissenschaftstheorie und Methodologie

Seit Februar 1999: 1. Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP)

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E-Mail: hans-juergen.seel@rzmail.uni-erlangen.de
URL: http://www.ngfp.de

Zitation

Seel, Hans-Jürgen (2000). Zur Zukunftsfähigkeit der (qualitativen) Psychologie [51 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(2), Art. 24, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0002240.

Revised 7/2008



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