Volume 1, No. 2, Art. 31 – Juni 2000

Editorial Note FQS-Debatten

Franz Breuer

Mit der auf den aktuellen Trend der qualitativen Sozialwissenschaft an deutschen Universitäten bezogene Feststellung, "... die sprunghafte und sehr schnelle Ausweitung der Methodenausbildung (noch vor der Entwicklung und Kanonisierung von Geltungskriterien) produziert nicht nur mehr gute Arbeiten, sondern naturgemäß noch mehr schlechte" im nachfolgenden Aufsatz von Jo REICHERTZ möchten wir eine Debatte über Gütestandards und -kriterien qualitativer Sozialwissenschaft vom Zaun brechen.

Diese Debatte soll in den nächsten FQS-Bänden weitergeführt werden – sie wird zunächst moderiert von Jo REICHERTZ und Franz BREUER, perspektivisch sollen Kolleg(inn)en aus anderen Ländern zur Mitmoderation eingeladen werden. Wir wünschen uns Beiträge zu dieser Problematik aus unserer Leserschaft: Dazu können Sie das Discussion Board von FQS nutzen – oder Sie können, wenn Sie eine ausführlichere, qualifizierte Stellungnahme verfassen möchten, einen Beitrag für die FQS-Debatte schreiben (nehmen Sie dazu bitte mit der Redaktion oder den FQS- Debatte-Moderatoren Kontakt auf). Darüber hinaus werden wir Autorinnen und Autoren von uns aus ansprechen und um Beiträge zu einer solchen Diskussion bitten.

Die Positionen zum Problem der Gütekriterien in der qualitativen Sozialforschung bewegen sich in einem breiten Spektrum – zwischen grundsätzlicher Übernahme (mit gewissen Modifikationen und Anpassungen) der klassisch-kanonischen Standards des "quantitativen" Forschungsmodells bis zu der Auffassung, hier müßten grundsätzlich andere Wege gegangen werden. Manche der klassischen Kriterien erscheinen epistemologisch obsolet (ein Begriff wie "Objektivität" – wie immer er methodologisch gedeutet werden mag – klingt uns fragwürdig), andere erscheinen dem qualitativen Empirieverständnis unangemessen (etwa ein Begriff wie "Reliabilität", der Merkmalsinvarianz zwischen zwei unterschiedlichen Beobachtungen unterstellt). Die Richtung des Wegs zu einem "alternativen" Kriterien-Kanon ist offensichtlich jedoch noch nicht konsensuell ausgemacht. Viele Gewißheits-Konzepte der klassischen Epistemologie (etwa die Idee der "einen Wahrheit") gelten nicht mehr.

Für die Frage der (legitimen) "Anzahl der Wahrheiten" sind jedoch noch keine allseits überzeugenden Lösungen gefunden worden. Diese grundsätzliche Unsicherheit erschüttert – im Prinzip – die Basis wissenschaftlicher Erkenntnisansprüche. – Solche Fragen werden jedoch nicht nur in der "weltentrückten" Sphäre der Erkenntnistheorie diskutiert, sondern gleichzeitig in einer "handfest" forschungspragmatischen – in der es um das Agieren konkreter Wissenschaftler-Personen, die Positionierung von Forschungsansätzen in der kognitiven und sozialen disziplinären Matrix, die Verteilung von Ressourcen für Forschungsarbeiten u.ä. geht.

Durch diesen "weiten Blick" zwischen Epistemologie und Pragmatik des wissenschaftlichen Handeln in einem sozialen Kontext zeichnen sich die hier präsentierten Überlegungen und Argumentationen von Jo REICHERTZ aus. Nachfolgende Beiträge dieser FQS-Debatte werden dazu Stellung beziehen, andere Akzente setzen, andere Problembereiche aufzeigen, andere Ansichten artikulieren.

Franz BREUER

Herausgeber und Co-Moderator FQS-Debatte

Zitation

Breuer, Franz (2000). Editorial Note FQS-Debatten. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(2), Art. 31, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0002311.



Copyright (c) 2000 Franz Breuer

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