Volume 1, No. 2, Art. 38 – Juni 2000

Rezension:

Werner Schreiber

Irmgard Jansen (1999). Mädchen in Haft. Devianzpädagogische Konzepte. Opladen: Leske + Budrich, ISBN 3-8100-2287X, 28.00 DM

Inhaltsverzeichnis

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

Im praktischen Umgang mit schwierigen, psychosozial belasteten Jugendlichen hat die wissenschaftliche Sozialpädagogik bislang wenig handlungsrelevante Konzeptionen und Theorien hervorgebracht. Noch immer ist hier Fritz REDLs Studie über "Kinder die hassen" (REDL & WINEMAN 1951) in Bezug auf theoretische Tiefe, phänomenologische Anschaulichkeit und analytische Schärfe unerreicht. Umso größere Aufmerksamkeit verdient die 1999 erschienene Arbeit von Irmgard JANSEN (mit einem Vorwort von Stephan QUENSEL), deren Studie über eine von sozialpädagogischer Forschung bislang vollkommen vernachlässigte Klientel (jugendliche weibliche Strafgefangene) in einer außerordentlich spannend zu lesenden Integration von theoretischer Analyse und eigener 16jähriger professioneller Erfahrung an die Arbeiten von REDL anschließt und sie, angereichert durch die Wissensbestände tiefenpsychologischer Therapieforschung, überschreitet und richtungsweisend weiterführt. Ich verstehe die Arbeit als Beitrag zu einer qualitativ orientierten sozialpädagogischen Forschung. [1]

Die Verfasserin vertritt unter methodologischer Perspektive gesehen eine deutlich phänomenologisch-hermeneutisch, strukturale Position. Sie benutzt dabei, gewissermaßen um die Flut der wahrnehmbaren Phänomene in ihrem Handlungsfeld zu strukturieren, eine Reihe von sogenannten Integratoren. So z.B. die Orientierung auf biographische Kontinuität, auf Kontexte, auf bewußte und unbewußte Prozesse. Die Arbeit versteht sich als phänomenologisch, insofern sie ausgeht von den wahrnehmbaren Ausdrucksphänomenen der Lebenswelt im Kontext des Strafvollzugs. Sie ist hermeneutisch, indem sie diese Wirklichkeit mehrperspektivisch einordnet und auf ihren sozialen Sinn hin befragt. [2]

Unter methodischen Gesichtspunkten arbeitet die Verfasserin neben protokollierten Fallanalysen mit Verfahren teilnehmender Beobachtung und dichter Beschreibung, mit fokussierten, teilstrukturierten und anamnestischen Interviewverfahren. Es ist dabei im Besonderen hinzuweisen auf die Bedeutung der Anamnese in dieser Arbeit: Sie umschließt Persönlichkeit und Biographie ebenso wie die aktuelle Lebenssituation der Klientel. [3]

In dieser phänomenologisch-hermeneutischen Grundorientierung (gestützt insbesondere auf die Arbeiten von Hilarion PETZOLD) beschreibt und analysiert die Verfasserin im ersten Hauptteil ihrer Arbeit die Vielzahl interaktiver Grundmuster der Gefangenen, die – als Ausdruck einer lebenslangen Pathogenese – den Alltag des Jugendstrafvollzugs interaktiv bestimmen. Die Verfasserin diagnostiziert diese Grundmuster mit Fallbeispielen unterlegt als Muster des Widerstands und der Abwehr, als Manifestation eines Bildungsprozesses, erworben und nicht hintergehbar in Kontexten von Vernachlässigungsfamilien, in umfassend toxischen und schädigenden Milieus. [4]

Gestützt auf neuere Arbeiten klinischer Entwicklungspsychologie, orientiert an integrierenden Konzepten des symbolischen Interaktionismus, an Konzepten von Leiblichkeit, von bewußten und unbewußten Prozessen und an tiefenpsychologischen (nicht psychoanalytischen) Theorien von Relationalität, verdeutlicht die Verfasserin die Handlungsmuster der Gefangenen als zwar disfunktional und letztlich entwicklungshemmend, gerichtet gegen jede Form pädagogisch-therapeutischer Annäherung, aber gleichzeitig eben auch als Ausdruck des Überlebenswillens in extrem lebensfeindlichen Kontexten früher Kindheit und späterer, subkultureller social worlds von Kriminalität, Prostitution und Drogenszene. [5]

Die von der Verfasserin in zweiten Hauptteil vorgelegte Beschreibung und Deutung von Problemkonstellationen in der Entwicklungsgeschichte der inhaftierten Mädchen werden von ihr systematisch bezogen auf Rollenmuster weiblicher Kindheit und Jugend, die sich dann fortsetzen in subkulturellen, männlich dominierten Gruppenkontexten. Insofern erscheint mir die Arbeit nicht allein richtungsweisend für die Devianzforschung. Sie erscheint auch singulär als Ausdruck von Genderforschung bezogen auf die Pathogenese weiblicher, devianter Identität. [6]

Vor dem Hintergrund einer verstehenden, am je eigenen sozialen Sinn biographisch erworbener Widerstandsmuster der Klientel interessierten Diagnostik (äußerst selten in der sozialpädagogischen Fachliteratur zu finden), entwickelt die Verfasserin im dritten Hauptteil ihrer Analyse devianzpädagogische Zielsetzungen und daraus abgeleitete Verfahren und Methoden, und zwar unter den restriktiven Bedingungen eines an Ressourcen armen Strafvollzugs, der den Widerstand der Gefangenen zu brechen sucht bzw. ihm entgegentritt in Konzepten von Disziplinierung und Bestrafung, von Sicherheit und Ordnung. Dem gegenüber entwickelt die Verfasserin in Anlehnung an REDL und an Ergebnisse transaktionaler und integrativer Therapieforschung eigene Modelle sozialpädagogischen Begleitens und Intervenierens, Modelle professionell beiläufiger Nachsozialisation. Sie sind keineswegs beschränkt auf die sich im Strafvollzug befindliche Klientel, sondern erscheinen richtungsweisend für den theoriegeleiteten Umgang mit psychosozial belasteter Klientel. [7]

Literatur

Petzold, H. (1993). Integrative Therapie, Bd. 1-3. Paderborn: Junfermann.

Quensel, St. (1999). Vorwort. In I. Jansen (Hrsg.), Mädchen in Haft (S.9-11). Opladen: Leske + Budrich.

Redl, F. & Wineman, D. (1951). Kinder die hassen. München/Zürich: Piper.

Zum Autor

Werner SCHREIBER

Kontakt:

Dr. habil. Werner Schreiber

Hochschule Vechta
Institut für Erziehungswissenschaft
Burgstraße 18
D - 49377 Vechta

E-Mail: werner.schreiber@uni-vechta.de

Zitation

Schreiber, Werner (2000). Rezension zu: Irmgard Jansen (1999). Mädchen in Haft. Devianzpädagogische Konzepte. Opladen: Leske + Budrich. [7 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(2), Art. 38, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0002388.

Revised 7/2008



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