Volume 1, No. 1, Art. 4 – Januar 2000

Qualitative Sozialforschung in Deutschland

Katja Mruck unter Mitarbeit von Günter Mey

Zusammenfassung: Angesichts der (sub-) disziplinären Vielgestaltigkeit qualitativer Sozialforschung in Deutschland soll der vorliegende Beitrag einen ersten und notwendig schemenhaften Überblick geben über einige paradigmatische Gemeinsamkeiten und historische Entwicklungslinien, über verwendete Erhebungs- und Auswertungsverfahren, über die Situation in Forschung und Lehre und über die Nutzung von Internet-Ressourcen. Abschließend werden einige Aspekte skizziert, die besonders diskussions- und entwicklungsbedürftig erscheinen.

Keywords: qualitative Verfahren, qualitative Forschung, qualitative Lehre, reflexive Wende, textuelle Wende, Interdisziplinarität, Deutschland, Gütekriterien, Deutungsgruppen, Internet

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Paradigmatische Gemeinsamkeiten: zu einigen geteilten Prämissen der deutschsprachigen qualitativen Forschung

3. Traditionslinien: Zur Geschichte der deutschsprachigen qualitativen Forschung

4. Inventur: Zum Stand der deutschsprachigen qualitativen Forschung

4.1 Forschungsperspektiven

4.2 Datenerhebung und Dokumentation

4.3 Auswertungsverfahren

4.4 Gütekriterien

4.5 Forschung und Lehre

5. Ein Anfang: zur Internet-Präsenz qualitativer Forschung

6. Perspektiven

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin und zum Autor

Zitation

 

1. Vorbemerkung

Als ich im Frühjahr 1999 gemeinsam mit Günter MEY einen Beitrag über qualitative Forschung für ein klinisch-psychologisches Lehrbuch fertigstellte, schien mir dies relativ unproblematisch, da ich mich mit dem Stand der qualitativen Sozialforschung vergleichsweise gut vertraut glaubte. Diese Phantasie eines "guten Überblicks" wurde durch wachsende Internet-Erfahrungen teilweise erschüttert: Ich lernte immer neue Kolleg(inn)en und deren Beiträge aus anderen Disziplinen, Ländern und Wissenschaftskulturen kennen, und nach der ersten Irritation, doch viel mehr Lernende/Unwissende als Expertin zu sein, als ich nach Jahren der Vertrautheit mit qualitativer Forschung erwartet hatte, folgten Neugier und der Versuch, mein Selbstverständnis und mein Verständnis qualitativer Forschung neu zu ordnen.1) [1]

Der hier nur kurz angedeutete Prozeß betrifft auch die qualitativen (Sub-) Kulturen vor der eigenen Haustür, d.h. im deutschsprachigen Raum. Auch hier ist ein gravierender Unterschied, ob ich mehr oder weniger einsam – oder mit Kolleg(inn)en der eigenen Disziplin – Beiträge aus anderen Disziplinen rezipiere (auch Fachtagungen sind oft disziplinär abgegrenzt), oder ob ich im Kontakt mit anderen erst deren Wissensstand und auch die Schwierigkeiten der interdisziplinären Interaktion zu erkennen, zu ertragen und produktiv zu lösen versuche. [2]

Auch den vorliegenden Beitrag zum Stand der deutschsprachigen qualitativen Sozialforschung verstehe ich als einen solchen Lösungsversuch. Viel lieber hätte ich ihn mit Kolleg(inn)en aus anderen Disziplinen gemeinsam verfaßt, dies war, obwohl ich mich zunächst darum bemüht habe, aus verschiedenen Gründen nicht möglich.2) Möglich und nötig wurde eine bereits bewährte Zusammenarbeit: Aus pragmatischen Gründen und infolge eines fortdauernden gemeinsamen Interesses habe ich Günter MEY gebeten, mit mir an diesem Beitrag zu arbeiten. Wir haben uns entschieden, Teile, die bereits in dem erwähnten Überblicksartikel (MRUCK & MEY 2000) so entwickelt und formuliert sind, daß wir sie ungern "neu erfinden" würden, eng an diese Vorarbeit angelehnt hier aufzunehmen (dies betrifft insbesondere die Kapitel 2. 4.1 und 4.4). Andere wurden grundlegend überarbeitet und mit Anmerkungen versehen, wieder andere (Kap. 4.5, 5. und 6.) zusätzlich verfaßt. [3]

Da wir beide in der Psychologie beheimatet sind, beinhaltet, was wir vorstellen, ein notwendig perspektivisches – (berufs-) biographisch und disziplinär gezeichnetes – Bild über den Stand der deutschsprachigen qualitativen Forschung, von dem wir hoffen, daß es denjenigen, die mit diesem Stand nicht vertraut sind, einen ersten Eindruck und einige Hinweise zur weiteren Beschäftigung mit dieser reichhaltigen und heterogenen Forschungslandschaft erlaubt. Von den Leser(inne)n, die mit uns Teil dieser Kultur sind, erhoffen wir uns Kommentierungen, Korrektur und Revision, d.h. eine Orientierung, die im Einleitungsbeitrag (MRUCK in diesem Band) als "Prosuming" bezeichnet wurde. Im besten Falle würde auf diese Weise der Beitrag, den ich gerne von vornherein mit anderen geschrieben hätte und der nun statt in einer Ein-Autorinnenschaft in einer gemeinsamen Autor(inn)enschaft entstanden ist, nach und nach in eine plurale Autor(inn)enschaft überführt ... [4]

2. Paradigmatische Gemeinsamkeiten: zu einigen geteilten Prämissen der deutschsprachigen qualitativen Forschung

Deutschsprachige qualitative Forschung, dies bedeutet ein breites Spektrum verschiedener Forschungsorientierungen und konkreter Erhebungs- und Auswertungsverfahren, es bedeutet "sehr unterschiedliche theoretische, methodologische und methodische Zugänge zur sozialen Wirklichkeit" (von KARDORFF 1991, S.3). Wie schwer sich angesichts dieser Vielfalt und Heterogenität ein Überblick schon für eine Disziplin gestaltet bzw. wie voraussetzungsvoll dies entlang der Komplexität eines solchen Unterfangens und der notwendigen Perspektivität des Verfassers bzw. der Verfasserin ist, hat Ronald HITZLER (1999) in einem Beitrag zum "Stand der Diskussion (in) der deutschsprachigen interpretativen Soziologie" ausgeführt. Gleichwohl gibt es scheinbar eine Art kleinsten gemeinsamen Nenner an "paradigmatischen Gemeinsamkeiten" (LEGEWIE 1991). So sieht HITZLER (1999, unpag.) den "allgemeinsten, sozusagen epistemologischen Sinn interpretativer Soziologie ... in der Rekonstruktion von Sinn". Ernst von KARDORFF erachtet als zentral für die qualitative Forschung das methodische Grundprinzip eines "deutenden und sinnverstehenden Zugangs zu der interaktiv 'hergestellt' und in sprachlichen wie nicht-sprachlichen Symbolen repräsentiert gedachten sozialen Wirklichkeit" (1991, S.4). [5]

Von dieser Überlegung ausgehend, zeichnen sich für die Diskussion innerhalb der deutschsprachigen qualitativen Sozialforschung einige zentrale Prinzipien bzw. Postulate ab:

  • Das Fremdheitspostulat untersagt anschließend an ethnologische Debatten (KÖNIG 1984) ein selbstverständliches Voraussetzen von wissenschaftlichen Verstehensmöglichkeiten und Konzepten auch für die eigene Kultur, d.h. in qualitativen Forschungsarbeiten sollte nicht per se von einem geteilten (Vor-) Verständnis ausgegangen werden.

  • Deshalb tritt – dem Prinzip der Offenheit (HOFFMANN-RIEM 1980) folgend – an die Stelle eines die eigenen Konzepte voraussetzenden, hypothesenprüfenden Ansatzes der Verzicht auf eine Hypothesenbildung ex ante. Forschende sollten mittels möglichst offener, wenig vorstrukturierender Methoden im Rahmen einer sukzessiven Annäherung an das jeweils interessierende Forschungsfeld zu einer Theorie- bzw. Hypothesenbildung gelangen. Ein ebenfalls weithin geteiltes Diktum, das insbesondere an das Prinzip der Offenheit anschließt, präzisiert zusätzlich, daß methodische Entscheidungen den Erfordernissen des jeweiligen Gegenstandes nachgeordnet, "gegenstandsangemessen" (JÜTTEMANN 1983) sein sollen.3)

  • Das Prinzip der Kommunikation4) schließlich knüpft an die These der historisch-(sub-)kulturellen Situiertheit von Erkenntnisobjekt und Erkenntnissubjekt an: Während unter einem quantitativen Paradigma der "Dekontextualisierung" bei der Suche nach dem "wahren Wert" jenseits des "Stör-'Rauschens'" subjektive und "kontextuelle Faktoren so weit wie möglich normiert, standardisiert, minimiert und/oder ausgeschaltet werden" (BERGOLD & BREUER 1992, S.27), wird für die qualitative Sozialforschung die Teilhabe der Forschenden bzw. die Kommunikation zwischen Forscher(inne)n und Beforschten als konstitutives und reflexionsbedürftiges Element des Verstehensprozesses erachtet. Daß dieses Prinzip zwar methodologisch häufig vertreten wird, aber in der Forschungspraxis ebenso häufig unberücksichtigt bleibt, haben wir an anderer Stelle ausgeführt (MRUCK & MEY 1996a). Wir kommen in Abschnitt 6 darauf zurück. [6]

3. Traditionslinien: Zur Geschichte der deutschsprachigen qualitativen Forschung

Ganz überwiegend haben hermeneutische und phänomenologische, aber auch psychoanalytische Orientierungen, die als zentral für die Entwicklung einer qualitativen Forschungstradition erachtet werden können, ihre erste Entfaltung in der deutschen Philosophie bzw. in den sich am Ende des 19. bzw. zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelnden deutschsprachigen Geistes- und Sozialwissenschaften erfahren. Diese wegweisende Rolle deutscher, österreichischer und schweizerischer Wissenschaftler(innen) erlebte spätestens mit der Zäsur durch den Faschismus und die überwiegend quantitative Orientierung in den Sozialwissenschaften ab 1945 einen Einbruch, der den Einsatz qualitativer Methoden in Forschung und Lehre bis heute meist an die Ränder der jeweiligen Disziplinen verbannte. (Günter MEY hat diese Wendung weg von einer auch qualitativen Tradition zu Beginn dieses Jahrhunderts hin zu einer dominant quantifizierenden Orientierung in diesem Band für die Entwicklungspsychologie beschrieben.) [7]

In der Folge erreichten sinnverstehende Ansätze den deutschsprachigen Raum erst wieder Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre vor allem im Zuge eines Re-Imports von qualitativen Methodologien und Verfahren aus dem nordamerikanischen Raum. Die Rezeption von für die qualitative Forschung wichtigen Arbeiten von Paul F. LAZARSFELD oder Robert K. MERTON, von Barney G. GLASER und Anselm L. STRAUSS, von Howard S. BECKER und Blanche GEER, von George Herbert MEAD und Aaron C. CICOUREL und von vielen anderen fand zunächst vor allem in der Soziologie und in den Erziehungswissenschaften statt.5) Hier unterscheiden LÜDERS und REICHERTZ in einem nach wie vor sehr lesenswerten Beitrag aus dem Jahr 1986 für die Entwicklung und Verbreitung qualitativer Sozialforschung zwei Phasen:

  • Eine erste "Etablierungsphase" resultierte den Autoren zufolge aus dem Zusammentreffen von politisch-emanzipatorischen Ansätzen einer "subjektivitäts- und betroffenenorientierten Sozialforschung" (1986, S.90), welche an die Tradition der Aktions- und Handlungsforschung anknüpften, mit einer seit Ende der 60er Jahre einsetzenden Auseinandersetzung mit quantifizierenden Methodologien. Im Zuge einer verstärkten Rezeption phänomenologischer, hermeneutischer und interaktionistischer Ansätze in Teilen der Sozialwissenschaft kam es dann auch zur Herausbildung eigenständiger Forschungstraditionen, verbunden mit der Hoffnung, qualitative Methoden würden erlauben, die Komplexität sozialer und psychischer Welten angemessen abzubilden. Diese Phase wurde von ausführlichen methodologischen Diskussionen über Besonderheiten eines qualitativen Paradigmas begleitet. Zusätzlich galt Fragen der Datenerhebung eine hervorgehobene Aufmerksamkeit.

  • Für die dann folgende zweite Phase überwog eher das Interesse an konkreter empirischer Projektarbeit denn an metatheoretischen Debatten. Kennzeichnend für diese Phase war eine sehr weitgehende Heterogenität hinsichtlich behandelter Themen, rezipierter Theorietraditionen und verwandter Vorgehensweisen. [8]

Die Vorreiterschaft vor allem der Soziologie und Erziehungswissenschaft in dieser Zeit für den Bereich der deutschsprachigen qualitativen Forschung – auch was die aktuelle Etablierung an Instituten, in Lehre und Forschung und die Verankerung in Fachgesellschaften usw. angeht – hat diesen einen Status von Leitdisziplinen zukommen lassen, während andere Disziplinen wie etwa die Psychologie verglichen hiermit eher als Sekundärdisziplinen zu bezeichnen sind. Gleichwohl existiert ein teilweise – wenn auch bezogen auf die Rezeptionsgeschichte: verzögert – geteilter Fundus, während Berührungspunkte z.B. zu Ethnologie, Geschichte und Philosophie fast vollständig fehlen (siehe Anmerkung 5) für ein aktuelles Beispiel, das zeigt, daß solche Berührungen gleichwohl vereinzelt stattfinden und fruchtbar sind). [9]

Zusätzlich zu der von LÜDERS und REICHERTZ vorgeschlagenen Differenzierung kann mittlerweile zusätzlich von einer dritten Phase qualitativer Sozialforschung gesprochen werden:

  • Diese dritte Phase zeichnet sich vor allem durch die Verschiebung des method(olog)ischen Fokus von der Datenerhebung auf die Datenauswertung, durch ein Bemühen um die Kombination qualitativer und quantitativer Verfahren und durch die Entwicklung und den Einsatz von computergestützten Auswertungsverfahren aus. Teilweise ist auch – anschließend etwa an Arbeiten aus dem Umfeld der Wissenschaftsforschung oder an ethnologische und ethnopsychoanalytische Diskurse (siehe die Anmerkungen 3 und 4) – die Bemühung um ein Selbstreflexiv-Werden qualitativer Sozialwissenschaft vermehrt vorfindbar. [10]

4. Inventur: Zum Stand der deutschsprachigen qualitativen Forschung

Schon die deutschsprachige qualitative Psychologie, die hinsichtlich ihrer Verankerung in der Gesamtdisziplin eher peripher scheint6), "zerfällt" in viele Subkulturen und Orientierungen. Für die hier tätigen Wissenschaftler(innen) ist ihre Verortung in Diskursen der Gemeindepsychologie, der Gesundheitspsychologie, der narrativen Psychologie, der Kulturwissenschaften, der Kritischen Psychologie, der psychoanalytischen Sozialforschung usw. mitunter mindestens gerade so wichtig wie die in der "Mutterdisziplin" Psychologie. Blickt man über die Grenzen der Psychologie hinaus, so findet sich eine große Zahl an unterschiedlichen methodologischen und metatheoretischen Orientierungen und genutzten Verfahren, die im folgenden kurz skizziert werden. [11]

4.1 Forschungsperspektiven

Ein Versuch, qualitative Ansätze entlang dreier Forschungsperspektiven zu ordnen, stammt wiederum von LÜDERS und REICHERTZ (a.a.O.). Für die erste Orientierung, die auf den Nachvollzug des subjektiv gemeinten Sinns zielt, steht das Subjekt mit seinen Deutungsmustern, Handlungsmöglichkeiten etc. im Vordergrund des Interesses. Dessen Selbst- und Weltsicht soll in einem dialogisch konzipierten Forschungsprozeß rekonstruiert werden. [12]

Eine zweite Richtung zielt auf die Deskription sozialen Handelns und sozialer Milieus. Hierzu zählen zum einen ethnomethodologische und narrationsstrukturelle Ansätze, die zumeist mit transkribierten Interviews arbeiten. Zum anderen gehören hierzu Ansätze der Milieu- und Lebensweltdeskription, die phänomenologisch oder ethnographisch orientiert sind. Ein besonderer Augenmerk liegt dabei auf der Datenerhebung und dem Ziel einer "nicht-interpretativen" Beschreibung von Verhaltensweisen und Milieus. [13]

Bei einer dritten Richtung schließlich steht die Rekonstruktion deutungs- und handlungsgenerierender Strukturen im Vordergrund. Diesen um die Differenzierung in "Oberflächenderivate (subjektiver Sinn, Intention)" und "Tiefenstruktur (Handlungsbedeutung, latente Sinnstruktur)" (a.a.O., S.95) bemühten Forschungsrichtungen gehört insbesondere die Objektive Hermeneutik zu, die beansprucht, die objektive Bedeutungsstruktur von konkreten Äußerungen im Rahmen der "Sequenzanalyse" zu entdecken. Ebenso zählen hierzu Ansätze, die durch den Einsatz psychoanalytischer Methoden auf eine Dechiffrierung des individuellen und/oder kollektiven Unbewußten zielen. [14]

Hinzu kommen weitere Forschungsorientierungen, die teilweise quer zu LÜDERS und REICHERTZ' Ordnungsversuch stehen, so z.B. die Handlungsforschung, die Kritische Psychologie oder feministische Ansätze bzw. ganze Forschungsfelder wie das der Biographischen Forschung. Einen Überblick bietet etwa die von MAYRING (1993) herausgegebene "Einführung in die Qualitative Sozialforschung" oder das "Glossar qualitativer Verfahren" von Jutta SCHÄFER (1995), in dem neben einer kurzen Beschreibung des jeweiligen Verfahrens Hinweise auf weiterführende methodische Literatur und auf Anwendungsbeispiele gegeben werden. Für eine zusätzliche Vertiefung siehe auch das von FLICK, von KARDORFF, KEUPP, von ROSENSTIEL und WOLFF 1991 erstmals herausgegebene "Handbuch Qualitative Sozialforschung" oder das gerade neu erschienene "Handbuch Erziehungswissenschaftliche Biographieforschung" von Heinz-Hermann KRÜGER und Winfried MAROTZKI (1999). [15]

4.2 Datenerhebung und Dokumentation

Bei der Datenerhebung kommen in der deutschsprachigen qualitativen Sozialforschung vorrangig Interviewverfahren zum Einsatz, daneben – allerdings seltener – z.B. auch Gruppendiskussionen, nichtreaktive Verfahren, das qualitative Experiment, introspektive Verfahren, Netzwerkkarten, projektive Verfahren oder Feldforschungsmethoden. Insgesamt zeigt sich überwiegend eine Selbstbescheidung auf sprachliche Dokumente; Bilder, Zeichnungen und andere Zugänge werden eher vernachlässigt.7) [16]

Interviews umfassen entsprechend der jeweiligen Forschungsperspektive eine Spanne von hochstrukturierten bis hin zu maximal offenen Verfahren, die den Gestaltungsspielraum sowohl der Interviewenden als auch der Interviewten sehr verschieden definieren. Ein Überblick über das Feld der Interviewverfahren findet sich bei Christel HOPF(1991). Besonders häufig genutzt werden das narrativ-biographische Interview von Fritz SCHÜTZE (1983) und das problemzentrierte Interview von Andreas WITZEL (1985, für eine aktuelle Zusammenfassung siehe WITZEL in diesem Band) bzw. diesen verwandte und teilweise von diesen abgeleitete Interviewformen. Beide Verfahren zeichnen sich dadurch aus, daß es nicht beim "Abfragen biographischer Daten ... [bleibt], sondern dem Befragten durch thematische Erzählanstöße die Freiheit ... [eingeräumt wird], seine eigene Sicht auf sein bisheriges Leben oder einen Lebensabschnitt als 'Lebensgeschichte' darzustellen" (LEGEWIE 1987, S.138).8) [17]

In der Interviewpraxis überwiegt allerdings meist ein naturalistisches Verständnis von Interviewsituationen: Interviewte werden als "Informationslieferant(inn)en" oder "Berichterstatter(innen)" verstanden, eine Reflexion der beiderseitigen Subjektivität und der kommunikativen Geladenheit von Interviewsituationen unterbleibt zumeist. An anderer Stelle haben wir am Beispiel einer empirischen Studie zu zeigen versucht, in welcher Weise

"Forschende und Beforschte entlang der in ihrer Biographie erworbenen je eigenen Schamgrenzen, der (antizipierten) eigenen und der vollzogenen Fremdwahrnehmung, der angestrebten Selbstdarstellung und in Vollzug ihrer jeweiligen Interessen [ein Interview] gestalten, indem sie reden und schweigen, beobachten und beobachtet werden." (MRUCK & MEY 1996b, S.25) [18]

Ausgehend von den dort skizzierten Erfahrungen mit Interviewsituationen ist eine in der Diskussion oft vorfindbare Polarisierung – nämlich zwischen der Annahme einer prinzipiellen Asymmetrie zwischen Forschenden und Beforschten einerseits und dem Anspruch, in Interviewsituationen (zumindest tendenziell) "ideale Sprechsituationen" realisieren zu wollen und zu können andererseits – zumindest präzisierungsbedürftig:

"Während der Vorstellung prinzipiell asymmetrischer Interviewsituationen eine Absolutsetzung der Perspektive der Forschenden vorausgeht, wird in dem Konzept nicht-strategischer Kommunikation ein Ideal transportiert, das weder für Forschende noch für Beforschte einlösbar ist. Denn beide befinden sich von Beginn an in einem Geflecht von explizierten und nicht explizierten Wünschen, Interessen, Ansprüchen etc. Wechselseitige Instrumentalisierung ist nicht die zu vermeidende oder vermeidbare Ausnahme, sondern ein notwendiger, häufig allerdings insbesondere im Bereich qualitativer Forschung tabuisierter Bestandteil jeder Forschungssituation." (MRUCK & MEY 1996a, S.16) [19]

Mit der vorrangigen Verwendung von Interviews ist meist die Nutzung von Audioaufnahmen und deren anschließende Transkription verbunden. Wie sehr selbst im Falle einer Videoaufzeichnung die Fixierung auf textliches Material dominiert, wird an der Deutung einer Videosequenz mittels unterschiedlicher Verfahren, z.B. Konversations- und Metaphernanalyse, in dem in seiner Komposition ausgesprochen spannenden Herausgeberband von Michael B. BUCHHOLZ (1995) deutlich: Niemand aus dem Kreis der hinzugezogenen Autor(inn)en hat die Besonderheit der Erhebungssituation, die Audio- und Videoaufzeichnung und deren Nutzung durch den teilnehmenden Patienten, die offenkundige Anwesenheit "einer dritten Person", an die im Gesprächsverlauf einiges adressiert wurde, überhaupt für erwähnenswert oder reflexionsbedürftig befunden. [20]

Unabhängig von der Aufzeichnungsform ist für die weitere Bearbeitung eine Verschriftung anzufertigen; oft wird, wenn möglich, das gesamte Material verschriftet. Hierzu merkt etwa Barney GLASER bereits für Bandaufnahmen kritisch an: "These days taping interviews is almost a way of life. One of the strongest evidentiary invasions into grounded theory is the taping of interviews" (1998, S.107). Auch wenn seine hierzu bezogene – allerdings auf Einzelforscher(innen) beschränkte – Gegenposition: "do not tape interviews" in ihrer Rigorosität auch bedenklich scheint, wäre eine flexible, der jeweiligen Forschungsfrage und dem Stand der Theoriebildung angemessene Wahl und Handhabung von Aufnahme und Verschriftung mitunter ratsam. Ähnliches gilt für die Anwendung von Verschriftungsregeln, bei deren Auswahl häufig die Bemühung um eine möglichst ausführliche Verschriftung vorherrschend scheint, wohl dem Wunsch folgend, so ein immer besseres "Abbild" der Erhebungssituation zur Grundlage der folgenden Analyse machen zu wollen. Dies übergeht zum einen, daß jede Transkription eine "Verfremdung einer lebendigen Interaktion zu einem eher statischen Text" (JAEGGI, FAAS & MRUCK 1998, S.5) bedeutet, zum anderen kann mit BREUER (1999) angenommen werden, daß eine Verschriftung mit wachsender Präzision und Detailliertheit unreliabler wird. [21]

Ob und in welchem Umfang Datenschutzvereinbarungen, Vereinbarungen zur Archivierung und zur Re-Analyse von qualitativem Material verwandt werden, ist abhängig von disziplinären und lokalen Gepflogenheiten. Während hierzu vor allem durch das britische "Qualidata Archival Resource Centre" (http://www.essex.ac.uk/qualidata/) wichtige Pionierarbeit geleistet wurde und wird, stecken (inter-) disziplinäre Diskussionen im deutschsprachigen Raum noch in den Anfängen.9) [22]

4.3 Auswertungsverfahren

Das Spektrum der Auswertungsverfahren variiert – je nach Erfahrung, theoretischem Ansatz und Forschungsinteresse – zwischen Rezeptur einerseits und der Betonung der nötigen Adaption im Kontext der jeweiligen Anwendung, mithin auch der kontextspezifischen Neuentwicklung von Verfahren andererseits. [23]

Zum einen gibt es Auswertungsstrategien für spezielle Erhebungsverfahren. So hat SCHÜTZE Vorschläge zur Auswertung narrativer Interviews vorgestellt, WITZEL zum problemzentrierten Interview. Hinzu kommen abgegrenzte Verfahren wie die Qualitative Inhaltsanalyse (MAYRING 1997), die Diskurs- und Konversationsanalyse oder die Objektive Hermeneutik (siehe hierzu etwa HITZLER & HONER 1997), die Dialogische Hermeneutik (siehe zusammenfassend SCHEELE 1991), tiefenhermeneutische bzw. psychoanalytische Auswertungsverfahren (siehe z.B. LEITHÄUSER & VOLMERG 1988) oder unterschiedliche Varianten der Typen- oder Metaphernanalyse10). Ferner kommen komplexe Strategien zum Einsatz, z.B. die Induktive Diagnostik oder die Komparative Kasuistik (JÜTTEMANN 1985 und 1990) oder die Grounded Theory (GLASER & STRAUSS 1967, STRAUSS 1991, STRAUSS & CORBIN 1996, GLASER 1998), die Verfahrenshinweise für den gesamten Forschungsprozeß beinhalten. [24]

Im deutschsprachigen Raum häufig verwendete Verfahren sind insbesondere die Qualitative Inhaltsanalyse und die Grounded Theory. Auch werden zur Auswertung vor allem in der Soziologie und Psychologie vermehrt computergestützte Textverarbeitungsprogramme verwandt.11) Die hiermit vollzogene Textualisierung und Computerisierung ist zwar hilfreich für einzelne Auswertungsschritte und wichtig für einen Zugewinn an Reputation entgegen den Vorwürfen des bloß Subjektivistischen und Essayistischen qualitativer Sozialforschung, aber mitunter auch problematisch hinsichtlich einiger Essentials qualitativen Forschens. Uwe LAUCKEN merkt in diesem Zusammenhang für die Entwicklung der Sozialpsychologie an, daß "die Art und Weise, wie Wissenschaften sich legitimieren und welche Legitimationen ihnen öffentlich abverlangt werden, ... sich in den letzten Jahrzehnten bemerkenswert gewandelt [hat]" (1997, S.145). So sei nicht nur vermehrt eine "Merkantilisierung der Wissenschaft" (a.a.O., S.147f) feststellbar, sondern auch – und teilweise damit korrespondierend – eine "Technisierung der Wissenschaft" (a.a.O., S.149f), in deren Folge wissenschaftliche Bemühungen, die jenseits dieser Prinzipien arbeiten, als obsolet betrachtet werden bzw. veraltet erscheinen (vgl. Abschnitt 6.) [25]

4.4 Gütekriterien

Während im Rahmen quantitativer Methodologien akzeptierte Kriterien darüber existieren, wann eine Messung als objektiv, zuverlässig oder gültig erachtet wird, fehlen für die qualitative Forschung allgemein akzeptierte Kriterien der Bewertung der Wissenschaftlichkeit. Nur sehr wenige Autor(inn)en versuchen, die klassischen Testgütekriterien auch für qualitative Forschungsarbeiten einfach zu übernehmen.

  • Als besonders unangemessen wird unter einer qualitativen Perspektive der Anspruch auf Objektivität erachtet, weil die Subjektivität der Forschenden nicht als Störvariable eliminiert, sondern für den Verständigungs- und Verstehensprozeß genutzt werden soll (siehe LEGEWIE 1987, S.144 und ausführlicher zu der hier geforderten "reflektierten Subjektivität des Verstehens" als Bewertungskriterium qualitativer Forschungsarbeiten, die weder meßtechnisch noch auf andere Weise neutralisiert werden kann und soll, BREUER 1996a, S.36ff).

  • Zurückgewiesen wird auch der Anspruch auf Reliabilität, da eine (Erhebungs-) Situation, etwa ein Interview, als singuläres, lebensgeschichtlich besonderes Ereignis verstanden wird: "Menschen (also auch Versuchspersonen) entwickeln sich kontinuierlich, situative Bedingungen verändern sich, unterliegen dem sozialen Wandel" (MAYRING 1993, S.107). Philipp MAYRING weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, daß sich der Gegenstand bereits durch den Eingriff der Forschenden bzw. durch die Messung verändert, eine Position, die auch Siegfried LAMNEK vertritt, wenn er zusammenfassend feststellt: "wegen der besonderen Berücksichtigung des Objektbereiches, der Situationen und der Situationsdeutungen in Erhebung und Auswertung verbietet sich geradezu die oberflächliche und nur scheinbare Vergleichbarkeit von Instrumenten, wie sie durch die abgelehnte Standardisierung in der quantitativen Sozialforschung hergestellt wird" (1993, S.177f.).

  • Die größte Aufmerksamkeit gilt der Validität, deren Bedeutsamkeit für die qualitative Forschung auch daran erkennbar ist, daß unter diesem Begriff mitunter Fragen diskutiert werden, die sich sonst teilweise den anderen Gütekriterien zugeordnet finden. Hier hat unter einer qualitativen Perspektive eine Verschiebung "vom Meßtechnischen zum Interpretativ-Kommunikativen" (a.a.O., S.171) stattgefunden. In diesem Sinne plädiert u.a. Heiner LEGEWIE dafür, "kommunikationstheoretische Kriterien" (1987, S.144) einzuführen, mit denen seiner Auffassung nach auch Einzelaspekte der Objektivität und Reliabilität berücksichtigt werden können. Für die Validierung von Interviewäußerungen hat LEGEWIE (a.a.O.) im Anschluß an HABERMAS Kriterien ausgearbeitet. Bezogen auf die Validität der Interpretationen und Verallgemeinerungen kommt Prozessen der Konsensherstellung innerhalb der qualitativen Forschung eine besondere Bedeutung zu. Hier kann ein Konsens zwischen den Interpret(inn)en in einer Auswertungsgruppe angestrebt werden (konsensuelle Validierung), zwischen Interpret(inn)en und Befragten (kommunikative Validierung, bei der die Interpretationen und Rekonstruktionen den Beforschten vorgestellt und mit ihnen diskutiert werden, um deren Rückmeldung einzuholen) und schließlich zwischen den Interpret(inn)en und außenstehenden Personen, z.B. Expert(inn)en oder Kolleg(inn)en anderer Forschungsgruppen, ein Vorgehen, das auch als argumentative Validierung bezeichnet wird. [26]

Zu einem weiteren Standard qualitativer Forschung, der auch die Veröffentlichung von Texten betrifft, gehört das Offenlegen des Vorverständnisses und Vorgehens. Dieses Postulat bleibt in den Forschungsberichten jedoch zumeist uneingelöst. Die immer wieder geforderte Offenlegung und Transparenz wird oft den Anforderungen z.B. wissenschaftlicher Zeitschriften untergeordnet.12) Ähnliches gilt für die Schreibweise und Darstellung insofern, als sie jenseits der Forderung einer (auch sprachlichen) Kontextualisierung meist dem üblichen Duktus einer scheinbar subjektunabhängigen Forschung folgt: Am Ende der meisten empirischen Arbeiten "ist das interagierende, wählende, vorwissende, mitfühlende Forscher(innen)subjekt zurückgetreten zugunsten eines (Ab-) Bildes des anderen, des Objekts, das wieder ein bißchen wirkt wie ein Foto ohne Kamera und ohne Fotograph(in)" (MRUCK 1999, S.5). Hier wäre eine systematische Reflexion und Bezugnahme von qualitativer Forschung auf Arbeiten aus der Wissenschaftsgeschichte, der Wissenschaftssoziologie und der jüngeren Wissenschaftsforschung sinnvoll (und umgekehrt: die meisten dieser Arbeiten bemühen sich um eine Verständnis der Konstruktion von Wissen und Wissenschaft vor allem für den Bereich naturwissenschaftlicher Forschung).13) [27]

4.5 Forschung und Lehre

Was Forschung und insbesondere Forschungsförderung angeht, werden qualitative Studien – verglichen mit ihrem quantitativen Pendant – weiterhin eher stiefmütterlich behandelt: nur ein Bruchteil vergebener Gelder geht in die Finanzierung von qualitativen Forschungsvorhaben. In bestimmten Disziplinen wie der Psychologie ist mitunter sogar eine "strategische Interdisziplinarität" bei der Beantragung von Geldern bestimmter Förderinstitutionen ratsam, da psychologische Gutachter(innen) qualitativer Forschung meist sehr skeptisch gegenüberstehen. Auch in anderen Disziplinen werden qualitative Forschungsprojekte immer noch manchmal "milde belächelt". So merkte eine Kollegin auf die Mail-Nachfrage (siehe Anmerkung 2) zum Stand der deutschsprachigen qualitativen Sozialforschung in Bezug auf ein Treffen von Forschungsprojekten an:

"Mir scheint gerade in der Industriesoziologie der Glaube vorzuherrschen, daß individuelle oder kollektive Befindlichkeiten genauso objektiv meßbar sind, wie Betriebsgrößen und Zeittakte. Vielleicht lag es aber auch an der Situation: Die überwiegend männlichen und z.T. sehr renommierten Vertreter ihres Faches fühlten sich vermutlich auf den Schlips getreten. Das eigene Geschlecht gilt als unhinterfragbar, weshalb dann danach forschen? Kurzum: Qualitative Forschung, glaube ich, stößt in der Arbeits- und Industriesoziologie auf einige Widerstände. Dies nicht nur, weil sie relativ traditionsreich ist und bisher vornehmlich mit quantitativen Verfahren gearbeitet hat, sondern auch, weil sie gut geeignet ist, das Gewohnte und Akzeptierte (wie die Prädestiniertheit der Männer, seien es Manager, seien es Forscher, für das Berufsleben) zu hinterfragen." (Mail-Umfrage, siehe Anmerkung 2) [28]

Verbesserungen der Förderungssituation und der Repräsentanz qualitativer Forschung finden sich, was die Psychologie angeht, bestenfalls bereichsspezifisch, so etwa in der Psychotherapieforschung:

"Hier hat sich meines Erachtens in den letzten Jahren sehr viel getan, was die allgemeine Akzeptanz und Anwendung qualitativer Methoden angeht. Sehr pauschal gesagt, ist hier die rein quantitative Psychotherapieergebnisforschung an ihre Grenzen gelangt, man weiß nun mehr oder weniger genau, welche Psychotherapieformen bei welchen Störungen wirksam sind usw. Seit einigen Jahren nun wird vermehrt beforscht, worin eigentlich die Tätigkeit von Psychotherapeuten besteht, was genau klinische Praktiker in klinischen Situationen tun, welche Entscheidungen sie auf welcher Basis treffen usw. Hierzu werden nun vermehrt auch qualitative Methoden verwendet, weil diese theoriegenerierend sind, und weil sie Mikroanalysen sprachlichen Handelns erlauben. Diese Entwicklung spiegelt sich z.B. darin, daß an den Jahrestagungen der 'Society for Psychotherapy Research', der wichtigsten internationalen Organisation, seit kurzem etwa 10% der Beiträge auf qualitativen Untersuchungen basieren." (Mail-Umfrage, siehe Anmerkung 2) [29]

Akzeptiert werden Forschungsprojekte (etwa in der Soziologie) dann besonders, wenn sie sehr breit – zum Beispiel in Sonderforschungsbereichen (SFB) – und als Methodenkombination angelegt sind:

"Die Akzeptanz qualitativer Methoden hat sich – gemessen an den Gutachterurteilen, aber auch an Reaktionen der kontaktierten Wissenschaftler ... – über die SFB-Jahre hinweg deutlich verbessert ... [Unsere Forschung] am SFB – und darin sind qualitative Methoden und die Kombination mit quantitativen und Interdisziplinarität eingeschlossen – hat einen von den Gutachtern bei der letzten Begutachtung hochgelobten internationalen Ruf bekommen." (Mail-Umfrage, siehe Anmerkung 2) [30]

Auch in der Geschlechterforschung "erfreuen" sich qualitative Methoden "zunehmender Beliebtheit", so die bereits erwähnte Kollegin. In einer anderen Mail wurden die Gesundheitswissenschaften genannt, in denen qualitative Forschung als "ein inzwischen akzeptierter Newcomer" betrachtet werde. Eher positive Rückmeldungen gab es darüber hinaus für bestimmte disziplinäre und lokale Schwerpunkte, so etwa für die Erziehungswissenschaften Magdeburg und Hamburg:

"Nach meinen Erfahrungen der letzten 3 Jahre ist die Akzeptanz und das Interesse an qualitativer Forschung zunehmend gestiegen. Professoren raten heute viel eher als früher dazu, Dissertationen oder Habilitationen auf dem Gebiet der qualitativen Forschung anzusiedeln. Studenten wollen immer mehr über Arbeiten auf diesem Gebiet erfahren." (Mail-Umfrage, siehe Anmerkung 2) [31]

Solche lokalen Sammelpunkte bzw. Nischen finden sich – auch was die qualitative Lehre angeht – scheinbar für alle Disziplinen, so z.B. für die Psychologie in Bremen, München oder Berlin. Zur Situation in der Lehre schrieb ein Kollege:

"Psychologie tut sich am härtesten (im Vergleich mit Soziologie und Erziehungswissenschaften) mit qualitativen Ansätzen; ein leichtes Umdenken [ist erkennbar], seit im Diplom-Studiengang Methoden und Evaluation auch im zweiten Studienabschnitt auftauchen (vgl. den Artikel von Moosbrugger in Psychologische Rundschau, 50, Heft 3, S.165-67, 1999). Er hatte eine Umfrage an allen Psychologischen Instituten gemacht, was in diesem neuen Bereich gelehrt wird, einer von fünf Bereichen in den Rückmeldungen war dabei 'Qualitative Methoden (Interview, Inhaltsanalyse, Biographische Verfahren, Fallanalyse, Exploration, Hermeneutische Verfahren)'!" (Mail-Umfrage, siehe Anmerkung 2) [32]

Dieser vorsichtige Optimismus findet sich noch nicht in dem Abriss, den Christel HOPF und Walter MÜLLER 1994 zur Entwicklung und zum Stand der empirischen Sozialforschung in Deutschland und spezieller zur Lage der Soziologie verfaßt haben:

"Bedauerlich ist ..., daß im Rahmen der Universitätsausbildung qualitative Verfahren nicht den Stellenwert haben, den sie wegen ihrer Bedeutung für die Auseinandersetzung mit elementaren Fragestellungen in der Soziologie haben müßten. So ist die Ausbildung in den Methoden der empirischen Sozialforschung an den meisten Universitäten sehr stark durch die Ausbildungsansprüche im Bereich der quantitativen Verfahren bestimmt. Kein Wunder, wenn Studierende und Absolventen der Soziologie vielfach Probleme mit der Umsetzung elementarster Anforderungen an qualitative Forschung haben." (1994, S.43f) [33]

Auch die aktuellen Berliner Erfahrungen mit der Lehre qualitativer Methoden in der Psychologie geben wenig Anlaß zu Optimismus, da qualitative Forschung hier gegenwärtig infolge von Stellenkürzungen sukzessive ausgedünnt wird: Im Grundstudium war sie ohnehin kaum repräsentiert, obwohl ein Kapitel über "Qualitative Methoden" in die neue Auflage des weit verbreiteten Lehrbuchs "Forschungsmethoden und Evaluation für Sozialwissenschaftler" (BORTZ & DÖRING 1995) Eingang gefunden hat und diese nach einem Vorschlag dort Teil des Curriculums im Grundstudium sein sollten (S.3). Zusätzlich steht mittlerweile etwa für den Bereich der Klinischen Psychologie einer großen studentischen Nachfrage nach qualitativer Methodenausbildung und Betreuung ein immer knapper werdendes Angebot gegenüber. Diese Tendenz zeigt sich auch für das Zusatzstudium: "Qualitative Methoden in den Sozialwissenschaften" an der Freien Universität Berlin (http://www.fu-berlin.de/qlmethoden/welcome.html [Broken link, FQS, December 2004]). Hier kann – so ist der Webseite für den Studiengang zu entnehmen – der "Beginn des neunten Durchgangs des dreisemestrigen Zusatzstudiums 'Qualitative Methoden in den Sozialwissenschaften' als gemeinsames Studienangebot unterschiedlicher Fachbereiche der Freien Universität Berlin ... aufgrund fehlender Lehrkapazität noch nicht terminiert werden", obwohl es sich um ein in Deutschland einmaliges Studienangebot für Graduierte handelt. [34]

Ein wichtiges Angebot für Doktorand(inn)en und Habilitand(inn)en, das sich großer Resonanz erfreut, ist der von dem "Zentrum für Qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung" jährlich veranstaltete bundesweite "Workshop zur qualitativen Bildungs- und Sozialforschung" (Informationen zum 3. Workshop im November 1999 finden sich unter http://www.uni-magdeburg.de/iew/html/zbbs.html [broken link, FQS March 02]). [35]

5. Ein Anfang: zur Internet-Präsenz qualitativer Forschung

Die Internet-Präsenz der deutschsprachigen qualitativen Forschung kann hier nur kurz angerissen werden. Festzuhalten ist, daß neben der Veröffentlichung von Texten, Veranstaltungshinweisen und privaten oder Institutswebseiten vermehrt auch andere Medien im Internet genutzt werden. [36]

Hierzu gehören etwa

  • Linksammlungen wie die Rubrik Qualitative Sozialforschung bei psychologie.de, in der Informationen und Links u.a. zu Tagungen, Instituten, Webseiten und Texten zusammengefaßt sind;

  • Webseiten, die universitären Instituten zugehören, und über die Textsammlungen, Kontaktinformationen usw. zugänglich sind, etwa die von ATLAS, die des "Zentrum für Qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung" oder die im Aufbau befindliche des Zentrum für qualitative Psychologie der Universität Tübingen. Ein interessantes Angebot, das allerdings auf die betreuten Studierenden beschränkt bleiben muß, wird derzeit als eines gemeinsamen Lehrtextarchiv von mehreren Hochschullehrern verschiedener Münchener und Berliner Universitäten entwickelt;

  • der "Webring qualitative Forschung", dem eine noch kleine Zahl überwiegend deutschsprachiger Webseiten von Einzelpersonen, Gruppen und Institutionen zugehören; hier ist eine zusätzliche Vernetzung etwa mit dem "Webring Qualitative Research" denkbar;

  • die bereits erwähnten Mailinglisten QSF-L und "Biographieforschung" (siehe Anmerkung 2), die zumindest potentiell Foren der Information und des Austauschs zwischen den dort subskribierten Teilnehmer(inne)n sind. Obwohl beide Listen keinen explizit disziplinären Schwerpunkt haben, zeigen die (bisher seltenen) Diskussionen, die dort stattfinden, schon durch die Selbstauswahl der Teilnehmenden eine mitunter deutlich disziplinäre Zentrierung. Beide Listen fungieren derzeit am ehesten als Informationsbörsen, für offensivere Nutzungen des Internets z.B. im Sinne einer argumentativen Validierung fehlen Anwendungsbeispiele. [37]

Kommunikation via Internet wird – so die bisherige Erfahrung im deutschsprachigen Raum – schwieriger, je mehr es nicht nur um Dyaden geht und je mehr Inter-Aktion nötig und sinnvoll wäre: Dies gilt gleichermaßen für qualitative Online-Chats, Online-Forschung und Online-Lehre. Für den ersten qualitativen Chat-Versuch im deutschsprachigen Raum mußten – da andere Gesprächspartner(innen) ausblieben – virtuelle Pendants geschaffen werden, um zumindest die Möglichkeiten und Grenzen des Chats-Programms auszuprobieren ;-). Während im Bereich qualitativer Marktforschung seit einiger Zeit eine wachsende Zahl an Angeboten zu verzeichnen ist, haben qualitative Online-Forschungsarbeiten im wissenschaftlichen Bereich erst begonnen; siehe als Beispiel etwa die Beiträge von Karl KOLLMANN (in diesem Band) oder von Kai J. JONAS und Margarete BOOS (in diesem Band) und die von Winfried MAROTZKI, Dorothee MEISTER, Mike SANDBOTHE und Uwe SANDER herausgegebene Reihe "Bildungsräume digitaler Welten", deren erster Band gerade erschienen ist (MAROTZKI, MEISTER & SANDER 2000). Dies gilt selbstredend auch für eine methodische und methodologische Reflexion auf die durch die Nutzung des WWW, durch den Übergang von Text zu Hypertext veränderte empirische Basis qualitativer Forschung. Hier gibt der Text von Johannes MOES in diesem Band einige wichtige Denkanstöße. [38]

6. Perspektiven

Wir haben uns im Vorangegangenen bemüht, einen Überblick über den Stand der deutschsprachigen qualitativen Sozialforschung zu geben, der notwendig beschränkt und ergänzungsbedürftig bleibt. Eine besondere Schwierigkeit und Chance liegt in der sehr gemischten Leser(innen)schaft, an die dieser Beitrag adressiert ist: Einige werden mit der deutschsprachigen qualitativen Forschung ebenso wenig vertraut sein wie wir es umgekehrt z.B. mit der japanischen oder mexikanischen waren, andere sind, was diesen Stand angeht, vergleichsweise erfahren. Insoweit besteht die Gefahr, für die einen zu spezifisch zu sein, als daß das Geschriebene nachvollziehbar wäre, den anderen so viel bereits Bekanntes zuzumuten, daß deren Geduld und Interesse strapaziert werden. Doch auch für diese beiden – entlang unserer Intention – eher unangenehmen Fälle erlauben die mit dem Internet verfügbaren Kommunikationsmöglichkeiten Klärungen, die in Printmedien so nicht zur Verfügung stehen: die einen könnten durch Nutzung des Discussionboards auf Explikation drängen, die anderen unsere Ausführungen kommentieren und/oder ergänzen. [39]

Wir selbst möchten an dieser Stelle abschließend zwei Tendenzen akzentuieren, die die aktuelle Situation der deutschsprachigen qualitativen Forschung u.E. in sich birgt: Die eine betrifft die fortdauernde Randständigkeit qualitativer Forschung und eine mögliche Aussicht auf Anerkennung, die zweite einige problematische Implikationen, die mit dem Ringen um Anerkennung (und mit dem Erhalt von Anerkennung?) verbunden sein könnten. [40]

1. Der Entstehung der modernen Sozialwissenschaften folgte die Trennung zwischen "Erklären" und "Verstehen" auf dem Fuß. Obwohl diese Trennung schon für die Naturwissenschaften problematisch war und ist – jede "Beobachtung", gleich ob alltäglich oder wissenschaftlich, ob in den Natur- oder Sozialwissenschaften, ist theoriehaltig und -gebunden, ist Interpretation im Lichte des jeweils zu einer Zeit und in einer Disziplin vorherrschenden "Paradigmas" (KUHN 1962) bzw. "Denkstils" (FLECK 1935) – haben die Debatten um eine qualitative vs. quantitative Orientierung die Entwicklung der Sozialwissenschaften seit der Jahrhundertwende immer wieder begleitet. Während in den Naturwissenschaften jedoch eine zunehmende Wendung weg von physikalisch-mechanistischen und hin zu biologisch-organismischen Leitmetaphern zu verzeichnen ist (vgl. WALDROP 1992), herrscht in den "weichen" Wissenschaften weiterhin eine Neigung zur "Entsubjektivierung, Dekontextualisierung und Quantifizierung von Sozialerfahrung" (BONSS 1982, S.59) vor. [41]

Diese von BONSS im Jahr 1982 diagnostizierte Neigung ist quer durch alle Disziplinen nach wie vor als Tendenz überwiegend, aber es zeigen sich einige Risse und Umorientierungen. Deutlich wird dies etwa an der "5. International Conference on Social Science Methodology", die vom 3. bis zum 6. Oktober 2000 in Köln stattfinden wird: Von den insgesamt 96 Sessions, die dort angeboten werden sollen, beschäftigen sich 23 mit qualitativen Forschungsmethoden (http://www.za.uni-koeln.de/rc33/preliminary_prog-fr.htm [Broken link, FQS, January 2004]). Diese eindrucksvolle Präsenz qualitativer Forscher(innen) wird etwas relativiert, wenn man sich vergegenwärtigt, daß hier die Separation qualitativer Forschung in einem Block fortdauert, während z.B. die Blöcke Datenerhebung oder "International Comparative Research" ganz überwiegend oder ausschließlich quantitativen Ansätzen vorbehalten sind. Auch fällt auf, daß von den qualitativen Sessions nur fünf von deutschen Forscher(inne)n angeboten werden. Ein noch genauerer Blick zeigt, daß drei dieser fünf sich mit computergestützten Verfahren oder mit der Beziehung zwischen qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden beschäftigen. Ein ähnliches Bild ergibt ein Blick auf die Webseiten des "Zentralarchivs für Empirische Sozialforschung an der Universität zu Köln" (ZA, http://www.za.uni-koeln.de/), einer der Veranstalter der Kölner Tagung: Dort finden sich unter den Punkten "Forschung & Entwicklung" u.a. "Methodenforschung" und "historische Sozialforschung", unter "Methodenforschung" dann eine Subrubrik "Textanalyse". Das wenige auf diesen Webseiten potentiell für qualitative Forscher(innen) Anschlußfähige ist in diesen Rubriken "Textanalyse" und "Historische Sozialforschung" zusammengefaßt, und auch dort überwiegen neben wieder Quantitativem schwerpunktmäßig computergestützte Verfahren und Archivierungsbemühungen für größere Datenmengen. In diesen Bereichen scheint tatsächlich ein wichtiges Entwicklungspotential für qualitative Forschung zu bestehen, das auch ein Kollege in der erwähnten Mail-Umfrage benannte:

"Entwicklungsmöglichkeiten sehe ich neben der Weiterentwicklung und Propagierung der Methodenkombination ... [in] Sekundäranalysen aufgrund der immer besseren Programme für Datenbanken und der verbesserten und verbilligten Hardware. Gerade angesichts des enormen Aufwandes an Zeit und Kosten für z.B. Interviews und deren Transkription liegt es mit dem Ertrag noch im argen." (Mail-Umfrage, siehe Anmerkung 2) [42]

Und ein anderer:

"Ich erhoffe mir Impulse aus der Praxis- und Evaluationsforschung und halte eine grundlegende Debatte über unterschiedliche Typen von qualitativen Methoden und deren jeweilige Qualitätskriterien für unabdingbar. Außerdem denke ich, daß 'Erkenntnis aus nichtnumerischen Daten' ein großes Zukunftsthema ist – wo die qualitative Methodik eine Chance zu einem Beitrag hätte, aber sich auch beeilen muß – sonst sahnen andere ab: Cognitive Science, Wissensmanagement etc." (Mail-Umfrage, siehe Anmerkung 2) [43]

Auch angesichts der zuvor skizzierten Beobachtung vermuten wir, daß beide Kollegen mit den benannten Entwicklungsmöglichkeiten, die zugleich Möglichkeiten der Anerkennung von Vertreter(inne)n eines verstehenden Paradigmas durch Vertreter(innen) eines erklärenden Paradigmas sind, Recht haben. Computergestützter Verfahren zur qualitativen Datenanalyse können in all den Bereichen (und es sind viele!), in denen es um die regelgeleitete Reduktion und Verdichtung großer Mengen alltagssprachlichen Materials geht, sinnvoll zum Einsatz kommen. Es ist auch anzunehmen, daß dies um so erfolgversprechender ist, je mehr qualitative Methodik – als Rezeptur präsentiert – an das anschließt bzw. dem ähnelt, was quantitativ orientierten Forscher(inne)n und Gutachter(inne)n vertraut erscheint, eine Vermutung, die durch folgende Mitteilung im Rahmen der Umfrage in den Mailinglisten zum Stand und zu Perspektiven qualitativer Forschung gestützt wird:

"Innerhalb der traditionellen akademischen Psychologie wird die qualitative Inhaltsanalyse als ein Verfahren, das relativ streng regelgeleitet vorgeht und die Verbindung zu quantitativen Analysen herstellt, noch am ehesten akzeptiert, den Eindruck habe ich bei meinen Gastvorträgen u.ä. der letzten 15 Jahre an 'traditionellen' Instituten der Psychologie gewonnen." (Mail-Umfrage, siehe Anmerkung 2) [44]

2. Angesichts der Eingangsüberlegung von der Unmöglichkeit einer subjekt- oder kontextlosen Beobachtung wäre auch eine prinzipielle Revision der ganz weitgehend subjekt- und kontextlos konzipierten quantitativen Sozialforschung denkbar – also eine Näherung des Erklärens- an das Verstehensparadigma. Die unter 1. skizzierte Entwicklung läßt jedoch eher vermuten, daß die in Aussicht stehende Möglichkeit der Anerkennung und die mit ihr einhergehende Aussicht z.B. auf Forschungsfinanzierung die umgekehrte Gefahr birgt, daß die von BONSS für den quantitativen Mainstream der Sozialwissenschaften diagnostizierte Neigung zur "Entsubjektivierung, Dekontextualisierung und Quantifizierung von Sozialerfahrung" nun auch deren qualitatives Pendant noch mehr erreicht, als dies ohnehin bereits der Fall ist. [45]

Aktuell ist es bereits der Fall, da im Rahmen einer Orientierung, die in der Ethnologiedebatte als "textuelle Wende" (FUCHS & BERG 1993) bezeichnet wird, insbesondere für qualitativ-empirische Arbeiten Texte als der scheinbar feste und sichere Boden behandelt werden, der vielen Forscher(inne)n mit einer an Alltagssprache und Sinnverstehen orientierten, eher "weichen" qualitativen Forschung, nötig scheint. Dem steht eine Position entgegen, die in der Ethnographie auch als "reflexive Wende" bezeichnet und eingefordert wird, nämlich anzuerkennen, daß der "Text ... nie identisch [ist] mit der Wirklichkeit, die er abbildet, er drückt sie immer nur aus und ist damit mehr und weniger zugleich" (JEGGLE 1984, S.25). [46]

Die Unumgehbarkeit von Interpretation macht auch für den Bereich qualitativer Methodologien viel mehr als bisher eine systematische Reflexion auf Methodennutzung als Herstellungsprozeß von Daten zwischen den beteiligten Forscher(inne)n, den Forschungsteilnehmer(inne)n und den eventuellen Abnehmer(inne)n/Nutzer(inne)n – in den je spezifischen Wissenschafts- und Alltagskulturen – notwendig. Dies schon deshalb, weil eine wichtige Besonderheit des qualitativen Ansatzes darin besteht, daß auch die Verfahren selbst – anders als es bei der Anwendung von Parametern in Statistikprogrammen praktiziert wird – als interpretationsbedürftig betrachtet werden müssen: Sie können nicht einfach "übernommen" werden, sondern sie bedürfen der kontinuierlichen Rückkopplung "an den untersuchten Gegenstand und den Kontext, in dem er untersucht wird. Konsequent zu Ende gedacht führt dies weg von einer Anwendung vorhandener Methoden im üblichen Sinne und hin zu einer jeweils neu erfolgenden Methodenentwicklung aus der Fragestellung und dem Forschungsgegenstand heraus" (FLICK 1992, S.49). Entwicklungsoffenheit und Interpretationsbedürftigkeit betreffen alle Phasen des qualitativen Forschungsprozesses von Erhebung über Verschriftlichung und Dokumentation hin zu Auswertung und Vertextlichung/Veröffentlichung (siehe hierzu BREUER 1999 und MRUCK & MEY 1996b). [47]

Als für die empirische Arbeit relevante Reflexions"stützen" können die vorab erwähnten Arten der kommunikativen, konsensuellen und argumentativen Validierung eingesetzt werden, wobei Validierung sich auf ein immer schon kontextuell hervorgebrachtes Wissen, auf immer nur vorläufige Produkte bezieht, die wieder kontextuell genutzt werden können (oder eben nicht). Die hier inhärente Nicht-Übereinstimmung (der Perspektiven, Befunde etc.) wäre im Unterschied zu traditionellen Methodologien, denen sie als Einschränkung von Objektivität und Reliabilität gilt, als zusätzliche Erkenntnischance zu nutzen, indem Perspektivendivergenzen zwischen verschiedenen Teilhabenden – Forschenden und Beforschten, verschiedenen Forscher(innen) in einem Team, Forschenden und externen Kolleg(inn)en, Forschenden und Praktiker(inne)n – variiert, kontrastiert und zueinander in Beziehung gesetzt werden können. (Für eine Bemühung, dies für die Arbeit mit Qualifizierungsarbeiten umzusetzen, siehe BREUER 1996b, MRUCK & MEY 1998.) [48]

Die Notwendigkeit der Reflexion trifft schließlich auch diejenige qualitative Orientierung, die wir mit dem Begriff der "textuellen Wende" bezeichnet haben: Die Nützlichkeit z.B. von computergestützten Auswertungsprogrammen und deren Akzeptanz auch jenseits qualitativer Sozialforschung entläßt nicht aus der methodologischen Pflicht, die Implikationen und Konsequenzen, die sich aus deren Nutzung für den Forschungsprozeß ergeben zu reflektieren. Insoweit verstehen wir "textuell" und "reflexiv" nicht notwendigerweise als Gegensatzpaar, sondern als potentiell ergänzungsbedürftige und sich ergänzende Näherungsweisen. Wünschen würden wir uns allerdings für beide Orientierungen ein Offensiver-Werden qualitativer Forschung für all die Wissenschaftsbereiche, die sich im weitesten Sinne mit "Sozialempirie" (BONSS 1982) befassen und die ganz weitgehend eines Paradigmas bedürfen, für das Sinnherstellung und Sinnverstehen zentrale Ausgangspunkte sind. [49]

Anmerkungen

1) Möglicherweise erleben auch die Leser(innen) dieses Bandes eine mitunter ähnliche Irritation: Für mich selbst hat die Herausgabe von Band 1 bedeutet, erste Einblicke z.B. in den Stand qualitativer Forschung in Japan (SUZUKI in diesem Band) oder Mexiko (CISNEROS in diesem Band), aber auch in die Nutzung und den Nutzen des Einsatzes qualitativer Methodik in Disziplinen wie der Agrarökonomik (BITSCH in diesem Band) oder der Sportwissenschaft (HUNGER & THIELE in diesem Band) zu erhalten. <zurück>

2) Zu den Gründen gehört neben der Kürze der Zeit für die Vorbereitung, daß wir m.E. ein bewußt gemeinsames disziplinäres Resümieren und Schreiben mehr als bisher lernen müssen. Um zumindest einige zusätzliche Stimmen einzuholen, habe ich dem Vorbild von Bobbi KERLIN (in diesem Band) folgend in die beiden deutschsprachigen qualitativen Mailinglisten "Qualitative Sozialforschung" (QSF-L) und "Biographieforschung" (http://www.zbbs.de/mailing.html) eine Nachfrage geschickt. Der ursprüngliche Text vom 19.10.1999 lautete:

"Liebe Listenteilnehmer(innen),

ich schreibe gerade an einem Beitrag über den Stand der deutschsprachigen qualitativen Sozialforschung, der in der 1. Ausgabe von FQS im Januar erscheinen wird. Da Bobbi Kerlin dies parallel für die nordamerikanische Forschung vorbereitet & gerade eine Nachfrage an eine amerikanische Liste gestartet hat, habe ich überlegt, euch ähnliche Fragen zu stellen ...

Welche Trends & Verschiebungen habt ihr während der letzten beiden Jahrzehnte (oder kurz- oder langfristiger?) im Bereich der qualitativen Forschung beobachtet, innerhalb & außerhalb der Universitäten, on- &/oder offline? Ist die Akzeptanz qualitativer Methodik in eurem Fach/eurem Forschungsfeld/eurer Universität usw. größer oder kleiner geworden? In welchen empirischen Bereichen gibt es eurer Beobachtung/Erfahrung zufolge vermehrte/verminderte Nutzung welcher qualitativen Verfahren? Wo seht ihr künftige Perspektiven/Entwicklungsmöglichkeiten/Probleme? Wie wichtig sind für euch Nationalität/Disziplin usw., was die Rezeption qualitativer Beiträge angeht (mal jenseits des Credos für Interdisziplinarität, Internationalität usw. -> was nutzt ihr/was nutzt euch tatsächlich an Tagungen, Texten, Zeitschriften usw.)? Was ist eurer Einschätzung nach charakteristisch/treffend für den Stand qualitativer Forschung an der Jahrhundertwende? Habt ihr bestimmte, euch besonders wichtig erscheinende Literaturhinweise, bezogen auf die hier skizzierten Fragen?

Ich freue mich über jedes Feedback, auch wenn ihr etwas beisteuern möchtet, was ich im Vorangegangenen nicht erwähnt habe. Wenn ihr antwortet, laßt mich auch wissen, ob ich ggf. aus euren Mails zitieren kann."

Mit ca. 20 Antworten bei einer Basis von etwa 250 Teilnehmer(inne)n für beide Listen (allerdings teilweise mit Doppelmitgliedschaften) war der Rücklauf eher gering. Da ich zudem nur von einzelnen eine explizite Zusage zur namentlichen Zitation aus ihren Mails erhalten habe, habe ich mich entschieden, Zitate für diesen Beitrag prinzipiell anonymisiert (und mit kleineren Rechtschreibkorrekturen versehen) zu verwenden. Auf eine kleine Sammlung zu einer "qualitativen Hitliste", d.h. zu Büchernennungen, die mir Antwortende auf eine zusätzliche Explikation meinerseits auf eine Nachfrage aus einer Liste hin zukommen ließen, verzichte ich an dieser Stelle; erwähnt sei lediglich, daß Soziolog(inn)en und Erziehungswissenschaftler(innen) teilweise Literatur mit deutlich disziplinären Schwerpunkten nannten, während antwortende Psycholog(inn)en, wohl auch wegen der dürftigen Ausstattung der eigenen Disziplin, sich eher breiter disziplinär "zu bedienen" scheinen. <zurück>

3) Die Probleme einer vermeintlichen Gegenstandsangemessenheit seien hier nur kurz skizziert: 1. In aller Regel ist die Frage der Methodenwahl nicht einfach einem "Gegenstand" anzulasten, sondern sie ist abhängig von bestimmten Vorlieben bzw. sie ist (berufs-) biographisch vorentschieden, teilweise allerdings gebrochen entlang der Möglichkeiten und Grenzen z.B. von Forschungsfinanzierung. 2. Der Gegenstandsbegriff bzw. die Forderung, ihm methodische Entscheidungen nachzuordnen, ist mit einem auch in traditionell qualitativem Denken formulierten theoriegenerierenden Ansatz nur schwer vereinbar: Ich kann nicht das zur Entscheidung von Methoden heranziehen, was ich erst im Laufe des Forschens "entdecken" zu wollen behaupte. 3. Der Gegenstandsbegriff entstammt einem Denken und einem wissenschaftstheoretischen Kontext, für den die Trennung in Subjekt und Objekt (der Beobachtung) noch recht unproblematisch schien; er ist zurückzuweisen für ein konstruktivistisches Paradigma, das von der gemeinsamen Herstellung von Wirklichkeiten ausgeht (siehe hierzu ausführlicher MRUCK 1999). <zurück>

4) Wesentlich für ein Verständnis dieses Prinzips bzw. für die Anerkenntnis, daß mit jeder Definition, Beobachtung oder Untersuchung "Störungen" einhergehen, die reflexionsbedürftig sind, sind die Arbeiten des französischen Ethnopsychoanalytikers Georges DEVEREUX, die in denjenigen Bereichen der deutschsprachigen qualitativen Sozialforschung, die dem "Prinzip der Kommunikation" eine zentrale Rolle beimessen, breit rezipiert werden. DEVEREUX hat solche "Störungen" bereits 1967 als "Eckpfeiler einer wissenschaftlichen Erforschung des Verhaltens" gesehen: Jeder "Verhaltensforscher muß lernen zuzugeben, daß er niemals ein Verhaltensereignis beobachtet, wie es in seiner Abwesenheit 'stattgefunden haben könnte', und daß ein Bericht, den er zu hören bekommt, niemals mit dem identisch sein kann, den derselbe Berichterstatter einer anderen Person gibt" (1967, S.29). Auch die Unterschiede zwischen den Berichten verschiedener Forscher(innen) wären hiernach nicht Ausdruck einer (mit Fortschritt der Wissenschaften aufzulösenden) Unzulänglichkeit auf Seiten der Untersuchenden oder der von ihnen verwandten Methodik, sondern selbst "einer theoretischen Erklärung bedürftig". <zurück>

5) Wesentlich für diese Rezeption war, daß sich einige Wissenschaftler(innen) auch um ein Bereitstellen bzw. um die Übersetzung entsprechender Beiträge für die deutschsprachige Diskussion bemühten, so etwa Christel HOPF und Elmar WEINGARTEN (1979) oder Klaus GERDES (1979). Ebenfalls wichtig für diese Diskussion waren u.a. die Herausgeberbände der ARBEITSGRUPPE BIELEFELDER SOZIOLOGEN (1973, 1976); für eine frühe Bemühung, systematisch die unterschiedlichen Stränge qualitativer Methodologien zu bündeln, siehe auch Andreas WITZEL (1982). Ein ähnliches Phänomen findet sich derzeit für die ethnologische Debatte um die "Krise der ethnographischen Repräsentation" infolge eines von Eberhard BERG und Martin FUCHS (1993) herausgegebenen Bandes mit Beiträgen u.a. von James CLIFFORD und Paul RABINOW, von Stephen TYLER und Dennis TEDLOCK. Durch diese Sammlung/Übersetzung auch älterer amerikanischer Ansätze ist die Frage nach der Möglichkeit der Repräsentation auch innerhalb der eigenen Kultur, die Frage danach, "in wessen Namen der Sozialwissenschaftler denn spricht, wenn er sagt, daß etwas dies bedeutet und nicht jenes" (SIXEL 1980, S.335), z.B. in der deutschsprachigen qualitativen Psychologie oder Erziehungswissenschaft sicher wesentlich befördert worden. Auf die Bedeutsamkeit der Überlegung, daß "über andere zu reden heißt, über sich selbst zu reden", daß die "Konstruktion des Anderen ... zugleich die Konstruktion des Selbst" (FUCHS & BERG 1993, S.11) mit einschließt, kommen wir am Ende des Beitrages zurück. <zurück>

6) So bemerkt etwa Franz BREUER, daß Forschende sich mit der Entscheidung für eine qualitative "Vorgehensorientierung in eine marginale Position innerhalb der psychologischen Scientific Community begeben, deren dominante Vorstellungen von Wissenschaftlichkeit durch ein quantitativ-nomothetisches Ideal geprägt sind (wobei sich in jüngerer Zeit in dieser Hinsicht eine gewisse Aufweichung und Geschmacks-Liberalisierung abzuzeichnen scheint)" (BREUER 1996b, S.80; Hervorhebungen im Original). " <zurück>

7) Zur Wiedernutzbarmachung der Introspektion siehe den "Themenschwerpunkt Introspektion als Forschungsmethode", dem Jahrgang 7, Heft 2 des "Journal für Psychologie" gewidmet ist, sowie KLEINING und WITT in diesem Band. Die "Zehn Gebote der Feldforschung" hat Roland GIRTLER über seine Beiratswebseite zur Verfügung gestellt, siehe hierzu auch seine "Methoden der qualitativen Sozialforschung" (1992). <zurück>

8) Für eine vergleichende Diskussion von narrativem und problemzentrierten Interview siehe MEY (1999, S.138-150). <zurück>

9) Wichtige Initiativen für die deutschsprachige Diskussion und Vernetzung gehen hier aktuell insbesondere vom Sonderforschungsbereich 186 "Statuspassagen und Risikolagen im Lebensverlauf" (http://www.sfb186.uni-bremen.de) der Universität Bremen aus, siehe auch KLUGE und OPITZ (1999). Band 3 von FQS, der dem Thema "Text . Archiv . Re-Analyse" gewidmet ist und in einer Zusammenarbeit von Mitarbeiter(inne)n dieses SFB, von "Qualidata" und aus der Arbeitsgruppe "ATLAS" (Archiv für Text, Lebenswelt, Alltags-Sprache) herausgegeben werden wird, soll Einblick in den internationalen und interdisziplinären Stand der Diskussion in diesem Bereich geben. <zurück>

10) Siehe die unter 4.1 erwähnte Überblicksliteratur. Zur Typenanalyse siehe auch KLUGE in diesem Band und die Literaturhinweise, die über die Beiratswebseite von Uta GERHARDT zugänglich sind, zur Metaphernanalyse SCHMITT (1999) und in diesem Band. <zurück>

11) Eine Einführung in Fragen der Nutzung von Software zur Unterstützung von qualitativer Datenanalyse von Susanne FRIESE findet sich über http://quarc.de. Zu "Theory Building in Qualitative Research and Computer Programs for the Management of Textual Data" siehe auch KELLE (1997). <zurück>

12) Eine wesentliche Intention von FQS als Online-Journal ist es, diesen Beschränkungen der Print-Medien durch die Nutzung von Internet-Ressourcen entgegenzuwirken (siehe auch FQS -Konzept). <zurück>

13) Neben Klassikern wie Ludwik FLECK (1935), Thomas S. KUHN (1962) oder Robert K. MERTON (1973) sind hier die Arbeiten von Karin KNORR CETINA zur erwähnen, so etwa ihre frühe Studie zur "Fabrikation von Erkenntnis" (1981); siehe auch z.B. BONSS und HARTMANN (1985), BONSS, HOHLFELD und KOLLEK (1993) oder FELT, NOWOTNY und TASCHWER (1995). Einige Überlegungen zum Fehlen einer Disziplin Wissenschaftspsychologie in den Reflexionswissenschaften finden sich in MRUCK und MEY (1996a). <zurück>

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Zur Autorin und zum Autor

Katja MRUCK

Günter MEY

Zitation

Mruck, Katja unter Mitarbeit von Günter Mey (2000). Qualitative Sozialforschung in Deutschland [49 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(1), Art. 4, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs000148.

Revised 7/2008



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