Volume 1, No. 1, Art. 30 – Januar 2000

Überlegungen zum Peer-Reviewing in FQS

Gwen Peniche & Jarg Bergold

1. Potentiale des Peer-Reviewing

2. Hindernisse im Review-Prozeß

3. Versuch einer Neu-Bewertung des Peer-Konzepts: Fragen, die ein Review-Modell beantworten muß

4. Vorschläge für ein mehrstufiges Review-Modell in FQS

4.1 Kriterien für das Reviewing

4.2 Die Reviewer(innen)

4.3 Schritte des Review-Prozesses

4.3.1 Vorauswahl der Manuskripte und Auswahl der Reviewer(innen)

4.3.2 Konstruktive Kritik als Bestandteil des mehrstufigen Review-Konzepts

4.3.3 Entscheidung des Autors/der Autorin

4.3.4 Weiterer Review-Prozeß

4.3.5 Veröffentlichung eines Beitrags und (mit Einverständnis) der Schritte des Review-Prozesses

Zur Autorin und zum Autor

Zitation

 

FQS bemüht sich um innovative Akzentsetzungen in allen das Journal betreffenden Bereichen. Hiervon ist die Bewertung und Auswahl von Beiträgen, die für eine Veröffentlichung eingereicht werden, nicht ausgenommen. Ein für Fachjournale sehr häufig genutztes Verfahren ist das des Peer-Reviewing. Im Verlauf der Cyberkonferenz "Peer Review in the Social Sciences" vom 26. Mai bis zum 15. Juni 1999 wurden viele Probleme erörtert, die mit dem Bewertungs- und Auswahlprozeß von Beiträgen für wissenschaftliche Zeitschriften einhergehen. Im folgenden werden zunächst einige der dort diskutierten Besonderheiten des Reviewing skizziert. Da wir eine unkritische Übernahme traditioneller Bewertungs- und Auswahlprozeduren nicht für sinnvoll erachten, wird anschließend vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ein erster Vorschlag für ein Review-Modell für FQS entwickelt und zwecks weiterer Überarbeitung zur Diskussion gestellt. Durch den zur Verfügung stehenden Platz, durch breite Zugangsmöglichkeiten und durch schnelle und effektive Kommunikations-, Review- und Publikationswege eröffnet das Internet nun unserer Meinung nach neue Möglichkeiten für das Peer-Reviewing. [1]

1. Potentiale des Peer-Reviewing

Peer-Reviewing bedeutet – zumindest potentiell – produktiven Austausch und konstruktives Feedback, die wesentlich zu der Qualität von veröffentlichten Artikeln beitragen können. Beide Seiten – Autor(in) und Reviewer(in) – können von dieser besonderen Interaktion profitieren: Der Reviewer/die Reviewerin kann das eigene Verständnis eines Forschungsfeldes oder einer Forschungsfrage vertiefen, aus innovativen Forschungsarbeiten lernen oder die eigenen Überzeugungen im Rahmen einer gut angelegten empirischen Studie bestätigt sehen. Vorteile für den Autor/die Autorin bieten Hinweisen zur Überarbeitung und Korrektur des Manuskripts. Damit wird die Qualität der endgültigen Veröffentlichung möglicherweise verbessert; indirekt kann der Autor/die Autorin auf diesem Weg auch neue Einsichten z.B. für die Planung möglicher Folgeuntersuchungen gewinnen. Zusätzlich kann, wenn der Review-Prozeß (zumindest teilweise) öffentlich verläuft, der Autor/die Autorin im Falle einer Ablehnung vor Willkür und möglichem Ideen-Diebstahl geschützt werden. Und auch Leser(innen) können, so die Informationen über den Review-Prozeß und seine (Zwischen-) Produkte verfügbar sind, von den dort gegebenen Hinweisen lernen. [2]

2. Hindernisse im Review-Prozeß

Hindernisse für ein konstruktives Reviewing können sowohl aus dem akademischen Feld und seinen "Gesetzen" als auch aus Besonderheiten der konkreten, in den Prozeß involvierten Personen resultieren. So können etwa Vorurteile bezüglich Themenwahl, Stil, Forschungs(sub)kulturen, Geschlecht, Status, "richtiger" Methodenverwendung etc. auf den Review-Prozeß Einfluß nehmen. Und obwohl ein Reviewing, das in solchen persönlichen und insitutionalisierten Vorurteilen (und sei es ungewollt) gründet bzw. diese aufrechterhält, nicht in unserem Interesse ist, sind wir uns bewußt, daß Offenheit/Transparenz und Fairness zwar Zielwerte von FQS sind: Um deren Realisierung müssen wir uns jedoch kontinuierlich und in Details bemühen, gerade weil sehr viele unterschiedliche (und teilweise möglicherweise konfligierende) disziplinäre und nationale Standpunkte in FQS zusammentreffen. [3]

3. Versuch einer Neu-Bewertung des Peer-Konzepts: Fragen, die ein Review-Modell beantworten muß

Im Gegensatz zur Idee des Peer-Review-Modells ist der akademische Bereich hierarchisch strukturiert bzw. nur bedingt durch Peer-Gleichheit gekennzeichnet, abgesehen vielleicht davon, daß alle Teilnehmer einen akademischen Grad der einen oder anderen Art innehaben. Folgt man der Peer-Metapher für das Reviewing in wissenschaftlichen Zeitschriften, so ergeben sich einige Schwierigkeiten: Wie kann eine als Peer auf gleicher Ebene angesiedelte Person die Ideen des anderen Peers zurückweisen? Wer ist überhaupt Peer? (So werden bisher z.B. nur selten in praktische Arbeitsfelder eingebundene Personen für das Reviewing hinzugezogen, obwohl diese im Lichte ihrer Erfahrungen gerade die Brauchbarkeit universitärer Publikationen in einem zusätzlichen – und sicher nicht immer unwichtigen – Lichte betrachten könnten.) [4]

Konkreter ergeben sich vor dem Hintergrund der oben nur kurz skizzierten Überlegungen folgende Fragen, die berücksichtigt werden müssen, soll ein Review-Modell für FQS entwickelt werden:

  • Sollte Reviewing als ein- oder mehrstufiger Prozeß konzipiert werden?

  • Entlang welcher Kriterien und Verfahrensweisen sollten Peer-Reviewer(innen) ausgewählt werden?

  • Welche Leitlinien sollen welchen Reviewer(inne)n an die Hand gegeben werden und wie strikt sind diese zu befolgen?

  • Wie können konstruktive Kritik und ein konstruktives Feedback im Review-Prozeß gefördert werden?

  • Wie kann der Autor/die Autorin im Review-Prozeß geschützt werden?

  • Welche Möglichkeiten bestehen (und durch wen kontrolliert), die Qualität der Reviews zu bewerten?

  • Sollte für alle das gleiche Modell zur Anwendung kommen, selbst wenn die Beteiligten unterschiedlichen Disziplinen entstammen?

  • Auf welche Weise können unterschiedliche Perspektiven auch im Beurteilungsprozeß in angemessener Weise Berücksichtigung finden? [5]

FQS muß sich als interdisziplinäre Zeitschrift mit diesen Frage auseinandersetzen und zur Einigung über die Selektion der Reviewer(innen), über Leitlinien und Kriterien, über die zum Reviewing gehörigen Schritte und über Möglichkeiten der Qualitätsverbesserung und -kontrolle kommen. [6]

4. Vorschläge für ein mehrstufiges Review-Modell in FQS

Das im folgende entwickelte Konzept zum Reviewing in FQS verstehen wir als ersten Vorschlag, als Arbeitsmodell, das offen ist für Diskussionen, Überarbeitungen und Ergänzungen. Anmerkungen, Kritik und Anregungen sind jederzeit willkommen. [7]

4.1 Kriterien für das Reviewing

Es gibt sicher kein perfektes Peer-Reviewing, zu viele Aspekte sind hier bedeutungsvoll. Im Sinne allgemeiner Zielkriterien fühlen wir uns gleichwohl einem Review-Modell verpflichtet, das sich um Fairness, Offenheit/Transparenz und Nützlichkeit/Praktibilität für alle Beteiligten bemüht. Die im Review-Modell angelegte Beziehung erachten wir als potentiell wechselseitig und flexibel, wir wertschätzen eine Kommunikation zwischen einander gleichgestellten Peers anstelle statischer, hierarchischer oder einschüchternder/eingeschüchterter Umgangsweisen. Auch wenn konstruktives Reviewing – als Geben und Nehmen produktiver Feedbacks – keinesfalls ein einfacher oder selbstverständlicher Prozeß ist, bedeutet es im gelungenen Falle einen Lernprozeß für alle beteiligten Personen. [8]

Folgende allgemeine Leitlinien sollen für das Peer-Reviewing in FQS Anwendung finden:

  • Das Verfahren soll den grundsätzlichen Gütekriterien qualitativer Forschung entsprechen und daher für die Leser(innen) vor allem nachvollziehbar und offen sein. Wir sind der Meinung, daß gerade das Internet die Chance bietet, ein solches nachvollziehbares Verfahren zu etablieren.

  • Es soll auch einem weiteren Grundprinzip qualitativer Forschung, nämlich dem Schutz der Beteiligten, entsprechen. Um ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Autor(inn)en, Reviewer(inne)n und Redaktion entstehen zu lassen, ist es notwendig, daß vor allem die Autor(inn)en nicht fürchten müssen, bloßgestellt zu werden.

  • FQS will die (Zusammen-) Arbeit im Bereich der qualitativen Sozialforschung fördern. Der Review-Prozeß muß daher so gestaltet werden, daß alle Autor(inn)en die Chance bekommen, durch die Art des Reviewings Förderung in ihrer inhaltlichen und methodischen Arbeit zu erfahren.

  • Interdisziplinarität und Internationalität sind zentrale Merkmale von FQS. Hieraus ergibt sich die Notwendigkeit, daß jeder eingereichte Beitrag aus mindestens zwei disziplinären Perspektiven beurteilt werden sollte. Außerdem sollen – wenn irgend möglich – Reviewer(innen) unterschiedlicher nationaler Herkunft beteiligt werden. [9]

4.2 Die Reviewer(innen)

Prinzipiell sollten die Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats für Reviews zur Verfügung stehen. Darüber hinaus möchten wir in Anlehnung an einen Vorschlag der APA (www.apa.org/journals/underrep.html), den wir im folgenden verändert übernehmen, auch Mitglieder von wissenschaftlichen Gruppierungen für den Reviewingprozeß gewinnen, die (noch) nicht im Beirat vertreten sind. [10]

Wenn Sie selbst nicht Mitglied des Beirats sind und Interesse haben, Reviewer(in) bei FQS zu werden, wenden Sie sich bitte an Katja Mruck. Für eine Bewerbung als Reviewer(in) sind folgende Punkte zu beachten:

  • Sie sollten bereits selbst in Zeitschriften veröffentlicht haben, die ein Peer-Reviewing vorsehen, da die eigene Erfahrung in diesem und mit diesem Prozeß für die Arbeit als Reviewer(in) sinnvoll erscheint.

  • Um geeignete/interessierte Reviewer(innen) für eingereichte Manuskripte auswählen zu können, benötigen wir genauere Informationen über Ihre Arbeit und Ihre Forschungsinteressen. Versuche Sie deshalb, wenn Sie sich als Reviewer(in) bewerben wollen, in diesem Punkt so präzise wie möglich zu sein.

  • Reviewing kostet Zeit. Wenn Sie also für das Reviewen eines eingereichten Manuskripts ausgewählt wurden, stellen Sie sicher, daß Sie diese Zeit in angemessener Weise aufbringen können. [11]

4.3 Schritte des Review-Prozesses

Prinzipiell geben wie einem offenen Reviewing den Vorrang vor blinder Begutachtung, da wir annehmen, daß eine andere Review-Kultur sich erst entwickeln kann, wenn Reviewer(in) und Autor(in) bekannt sind. Ein Problem eines offenen Reviewing könnte sein, daß prominente oder mächtige Autor(inn)en vielleicht bevorzugt behandelt werden; dies würde aber durch eine Veröffentlichung erschwert/sichtbar. Wir werden uns deshalb – sofern die je konkret Beteiligten einverstanden sind – um ein Offenlegen des Review-Prozesses bzw. um eine Veröffentlichung der Schritte und (Zwischen-) Produkte im Netz bemühen. [12]

4.3.1 Vorauswahl der Manuskripte und Auswahl der Reviewer(innen)

Bei Schwerpunktbänden

Im Falle von Schwerpunktbänden bestimmen die jeweiligen Band-Herausgeber(innen) den Kreis der einzubeziehenden Beitragenden. Zusätzlich können Interessent(inn)en Beiträge für vorgesehene Schwerpunktbände bei den Band-Herausgeber(inne)n einreichen, an die Redaktion gesandte Beiträge werden an diese weitergeleitet. Die Bandherausgeber(innen) fungieren zugleich als verantwortliche Reviewer(innen), die mit dem Autor/der Autorin und der Redaktion in Kontakt bleiben. Bei Eingang des Manuskripts wird in Absprache zwischen Redaktion und Bandherausgeber(inne)n ein(e) Reviewer(in) aus einer anderen Fachrichtung ausgewählt. [13]

Bei thematisch freien Einzelbeiträgen

Interessierte Autor(inn)en sollten zunächst eine Anfrage (mit Titel und Abstract) per e-Mail an Katja Mruck schicken. Sollte der avisierte Beitrag für FQS geeignet/von Interesse sein, folgt eine Bitte um Zusendung des gesamten Manuskripts per e-Mail durch die geschäftsführende Herausgeberin. Bei Eingang des Manuskripts werden von der Redaktion dann zwei Reviewer(innen) ausgewählt, die aus unterschiedlichen Disziplinen stammen müssen. Die fachlich nahestehende Person ist der verantwortliche Reviewer/die verantwortliche Reviewerin, die/der den Kontakt mit dem Autor/der Autorin und der Redaktion unterhält. [14]

4.3.2 Konstruktive Kritik als Bestandteil des mehrstufigen Review-Konzepts

Die Reviewer(innen) beurteilen den Beitrag, indem sie auf die besonderen Stärken verweisen, Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen oder den Autor/die Autorin anregen, die gesamte Arbeit neu zu konzipieren. Im weiteren Verlauf der Arbeit an FQS sollen detaillierte Standards entwickelt und den Reviewer(inne)n zur Verfügung gestellt werden. Bewährte Standards sind u.a. Treatment of Relevant Literature, Appropriateness of Length, Clarity of objectives, Conceptual Rigor, Methodological Rigor, Coherence of Organization, Defined Conclusion. Da jedoch in FQS Wissenschaftler(innen) sehr unterschiedliche Fächer beteiligt sind, wollen wir zunächst nicht zu viel festlegen, sondern erst mit zunehmender Erfahrung Hinweise für "gute Wissenschaft" gemeinsam herausarbeiten. [15]

Wenn beide Reviewer(innen) den Artikel akzeptieren, ist er angenommen, lehnen beide ab, wird er zurückgewiesen. Wenn unterschiedliche Meinungen bestehen, sollen Verbesserungsvorschläge vom positiv urteilenden Reviewer/der positiv urteilenden Reviewerin gemacht werden, denen der ablehnende Reviewer/die ablehnende Reviewerin zustimmen kann. Wenn dies nicht gelingt, muß ein dritter Reviewer/eine dritte Reviewerin eingeschaltet werden. [16]

4.3.3 Entscheidung des Autors/der Autorin

Der Autor/die Autorin entscheidet über Annahme oder Zurückweisung der Vorschläge und verändert ggf. das Manuskript. [17]

4.3.4 Weiterer Review-Prozeß

Das überarbeitete Manuskript wird dem/der verantwortlichen Reviewer(in) erneut zugeschickt und sie/er überprüft die Änderungen und schaltet ggf. den/die zweite(n) Reviewer(in) erneut ein. Er/sie schlägt der Redaktion dann die Annahme, einen neuen Review-Durchgang – bei großen Diskrepanzen zwischen den Reviewer(inne)n evtl. durch einen weiteren Reviewer/eine weitere Reviewerin – oder die Ablehnung vor. [18]

4.3.5 Veröffentlichung eines Beitrags und (mit Einverständnis) der Schritte des Review-Prozesses

Im Falle der Annahme wird der Artikel im Band veröffentlicht. Zugleich soll für die Leser(innen) Gelegenheit gegeben werden, möglichst den gesamten Review-Vorgang einzusehen. Wenn Autor(in) und Reviewer(in) einverstanden sind, stellt der verantwortliche Reviewer/die verantwortliche Reviewerin den Review-Ablauf im Netz zur Verfügung. Am Ende des Artikels läßt sich dann dieser Ablauf mit den verschiedenen Versionen der Arbeit und den Kommentaren der Reviewer(innen) über ein Link aufrufen. Dies legt zum einen den Review-Prozeß offen und ermöglicht es zum anderen potentiellen Autor(inn)en, die Standards und Kriterien des Journals kennen zu lernen. [19]

Im Falle der Nicht-Annahme kann auf Wunsch des Autors/der Autorin am Ende des Heftes ebenfalls über ein Link der vorgeschlagene Artikel samt Review-Prozeß eingesehen werden. Um den Autor/die Autorin zu schützen, soll dies allerdings nur auf ausdrücklichen Wunsch des Autors/der Autorin erfolgen. [20]

Zur Autorin und zum Autor

Gwen PENICHE

Jarg BERGOLD

Zitation

Peniche, Gwen & Bergold, Jarg (2000). Überlegungen zum Peer-Reviewing in FQS [20 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(1), Art. 30, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0001305.



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