Volume 1, No. 1, Art. 31 – Januar 2000

FQS – Einige abschließende Überlegungen zum ersten Band

Franz Breuer & Katja Mruck

1. Einleitende Bemerkung

2. Zum ersten Band

3. Die weiteren Bände

Zum Autor und zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitende Bemerkung

Anliegen des Eröffnungsbandes von FQS war es, einen Überblick über Ansätze, methodische Prozeduren, Entwicklungen und (mögliche) Perspektiven für die qualitative Sozialforschung in unterschiedlichen Disziplinen und Ländern zu geben; dieser Überblick muß notwendigerweise fragmentarisch bleiben. [1]

Viele Beiträge des ersten Bandes wurden (mindestens) in deutscher und englischer Sprache zur Verfügung gestellt. Hierzu gehören auch Beiträge zu Umsetzungen einer qualitativen Forschungsorientierung z.B. in Disziplinen oder Ländern, die sich bisher eher am Rande der Diskurse zu qualitativer Sozialforschung bewegen, sowie Verfahren, die bisher zumeist nur in nationalen Grenzen bekannt sind/rezipiert werden. [2]

Die Schwerpunkte und Autorinnen/Autoren des ersten Bandes ergaben sich z.T. auch durch pragmatische Umstände – wie "Szene"-Kenntnisse, vorhandene Netz-Zugänge, Kontakte der Herausgeber(in), Kommunikations-Netzwerke u.ä. Unser Interesse geht längerfristig in Richtung auf eine Systematisierung und Vervollständigung hinsichtlich der Einbeziehung von Ansätzen/Disziplinen/Orten (siehe Abschnitt 3.). [3]

Im folgenden sollen kurz einige Überlegungen skizziert werden, die sich aus den in dem 1. Band versammelten Beiträgen ergeben haben. [4]

2. Zum ersten Band

Die Lektüre der Beiträge im vorliegenden FQS-Band dürfte den Eindruck vermitteln, daß der Ansatz der qualitativen Sozialforschung in vielerlei Hinsicht den (wissenschaftshistorischen) "Kinderschuhen" entwachsen ist und sich – biographie-metaphorisch weitergesprochen – im Entwicklungsstadium der Pubertät befindet. (Diese Diagnose trifft allerdings in den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und für die unterschiedlichen Länder nicht in gleicher Weise zu.) Dieser Eindruck resultiert aus der Beobachtung, daß in vielen (Sozial-) Wissenschaftsdisziplinen, in denen "quantitative" Methoden den Mainstream konstituieren, in denen aber auch (in Minderheiten- oder Rand-Gruppen) "qualitativ" gearbeitet wird, dies gewissermaßen in Opposition bzw. in Absetzung von der "quantitativen" Wissenschaftsauffassung geschieht. Die Mainstream-Vertreter(innen) bekennen sich in der Regel zu einem – fiktiven – Idealmodell naturwissenschaftlicher Erkenntnisproduktion und diskreditieren nicht selten (offen oder hinter vorgehaltener Hand) "qualitative" Herangehensweisen als unwissenschaftlich. Autorinnen und Autoren, die (im Prinzip) qualitative Methoden bevorzugen (bzw. an diese "glauben"), ergehen sich unter diesen Rahmenbedingungen mitunter in einer Kritik-Attitüde: Sie setzen sich mit der ihnen übermächtig erscheinenden, durch "quantitative" Methodik bestimmten Wissenschaftsauffassung auseinander und sind ganz wesentlich von dieser Anti-Haltung bestimmt. Dies wird oft von Klagen (über die "Unterdrückung" durch die Mainstream-Vertreter) und von einer defensiv-rechtfertigenden Haltung gegenüber Zweifeln an der eigenen Wissenschaftlichkeit begleitet. Häufig wird ein großer argumentativer Aufwand betrieben, um für die eigene methodische Vorgehensweise einen legitimen Platz und wissenschaftliche Dignität zu beanspruchen. Unklar bleibt, wen (welche potentielle Lesergruppe) man mit solchen – zumeist sehr global gehaltenen – Argumentationsanstrengungen überzeugen oder umstimmen will. (Als Herausgeber und Reviewer der für FQS eingesandten Beiträge haben wir die Autorinnen und Autoren häufig gebeten, solche Rechtfertigungs-Argumentationen wegzulassen.) Es fehlt – so könnte man zusammenfassend charakterisieren – vielen Verfechter(inne)n einer qualitativen Sozialforschung noch ein gutes Stück an Selbstbewußtsein und Selbstverständlichkeit hinsichtlich des wissenschaftlichen Werts der eigenen Denk- und Arbeitsweise. [5]

Der konstruktive Aspekt der "pubertären" Situation besteht darin, daß die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler damit befaßt sind, eine Programmatik (vermutlich besser im Plural: Programmatiken) einer alternativen (eben qualitativen) Forschungs-/Erkenntnisbildungs-Konzeption zu entwickeln: entsprechende erkenntnistheoretische und methodologische Überlegungen anzustellen, methodische Postulate zu erheben etc. Diese Konzeptionen haben ihre Problemlöse-Potenz ja noch nicht umfassend unter Beweis stellen können, die Anhängerschaft lebt ganz wesentlich vom Versprechen und vom Glauben, über ein "besseres", "angemesseneres" Instrumentarium zu verfügen. Ihre gegenstandsbezogenen und methodologischen Basispostulate sind sehr heterogen. Und mitunter scheint uns die Warnung durchaus angebracht, es dem quantitativen Mainstream nicht in puncto Umkehrung des Verhältnisses von Gegenstands-(angemessenheits-) und Methoden-Primat gleichzutun. [6]

Die Gründung von FQS – die im deutschsprachigen Raum in einem merkwürdigen zeitlichen Einklang stattfindet mit der Gründung mehrerer anderer "qualitativ-sozialwissenschaftlicher" Zeitschriften und Buchreihen (diese allerdings offline) – ist möglicherweise auch ein Ausdruck dafür, daß eine neue Entwicklungsphase aufscheint, mit der auch die Pubertät der "Bewegung" ein Ende finden könnte: Die "jungen Leute" machen sich – auch in Disziplinen, deren jüngere Tradition ganz konträr geprägt ist – selbständig, sie bauen ihre eigenen Behausungen, Publikationsorgane, Kommunikationsnetzwerke etc. – sie haben den "Marsch durch die Institutionen" angetreten etc. Es sieht danach aus, als könnte die qualitative Methodik in der nächsten Zeit aus ihrer Randexistenz mehr heraustreten und eine größere Rolle auch in jenen Sozialwissenschaften spielen, die sich einer solchen Denkweise bisher versperrt bzw. sie diskreditiert haben. [7]

3. Die weiteren Bände

Einige Grundlinien qualitativer Sozialforschung, die im ersten Band bereits berührt sind, sollen in den weiteren Bänden sukzessive entfaltet, präzisiert und systematisiert werden. Dies betrifft zunächst disziplinäre Orientierungen: Band 2 wird sich mit dem Diskussionsstand, den Problem-Fokussierungen und den Szenen/(Sub-) Kulturen qualitativen Arbeitens in der (deutschsprachigen) Psychologie beschäftigen, Band 6 versucht eine solche Näherung für die Kulturwissenschaften, Band 7 für die Kriminologie. Um eine ähnliche Zusammenschau bemühen wir uns perspektivisch auch für andere Disziplinen wie etwa die Soziologie, die Ethnologie/Volkskunde, die Pädagogik, die Geschichtswissenschaft usw. [8]

Andere Bände werden sich mit Thematiken beschäftigen, die wir jenseits nationaler und disziplinärer Diskurse für wesentlich erachten. Hierzu gehört zum einen ein Schwerpunkt, in dem Fragen der Dokumentation, Archivierung und Re-Analyse (Band 3), des Verhältnisses zwischen qualitativen und quantitativen Methoden (Band 4) und der Nutzung von Technik im qualitativen Forschungsprozeß (Band 8) behandelt werden. Während dieser Teil qualitativer Sozialforschung aktuell sehr viel Aufmerksamkeit erhält, auch für quantitativ orientierte Forscher(innen) interessant scheint und wachsende Aussicht auch auf Forschungsförderung birgt, betrifft ein zweiter Schwerpunkt für potentielle Geldgeber weniger attraktive Topoi, die gleichwohl mit zentralen Implikationen eines interpretativen und sinnverstehenden Paradigmas verknüpft sind, und denen die Bände 5 ("Ein Text – verschiedene Lesarten") und 9 ("Subjektivität und Selbstreflexivität im qualitativen Forschungsprozeß") gewidmet sind. [9]

Andere Themen für zukünftige Bände werden aktuell diskutiert: Hierzu gehört die Anwendung qualitativer Methoden in Feldern, die sich neu konstituiert haben und teilweise schräg zu den alten akademischen Disziplinen stehen: Evaluation, Wissensmanagement, Gesundheitswissenschaften usw. Zum anderen gehört hierzu die methodische und methodologische Wendung auf das Medium, dem FQS seine Existenz verdankt: das Internet und die mit ihm verknüpfenden Herausforderungen an die qualitative Online-Forschung und -Lehre. (Die Frage der Lehr- und Lernbarkeit qualitativer Forschung – online und offline – soll in einem eigenen Band diskutiert werden.) [10]

Im Rahmen von Online-Foren (Discussionboards, Online-Chats, Kommentare) sollen Diskussionen, Anfragen, Kritiken etc. aus jeweils anderen Fachrichtungen oder Disziplinen zu den Bänden und den in ihnen versammelten Beiträgen beigesteuert werden. Auf diese Weise kann zunächst eine inhaltliche Basis hergestellt werden, von der aus dann ein intensivierter Austausch möglich ist. Wir hoffen, daß schon der erste Band für diesen Prozeß, der sicher auch sehr viel Geduld, Toleranz und Auseinandersetzungsbereitschaft benötigen wird, Appetit macht! [11]

Zum Autor und zur Autorin

Franz BREUER

Katja MRUCK

Zitation

Breuer, Franz & Mruck, Katja (2000). FQS – Einige abschließende Überlegungen zum ersten Band [11 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 1(1), Art. 31, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0001312.



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