Volume 7, No. 2, Art. 25 – März 2006

Auf dem steinigen Weg zur Einlösung eines literaturwissenschaftlichen Desiderats: Empirisch-klinisch gestützte Forschung über Literatur und Psychotrauma1)

Harald Weilnböck

Review Essay:

Hannes Fricke (2004). Das hört nicht auf. Trauma, Literatur und Empathie. Göttingen: Wallstein, 282 Seiten, ISBN 3-89244-810-8, EUR 28

Zusammenfassung: Der Autor nimmt FRICKEs Buch über Zusammenhänge von Literatur, Film und Psychotrauma zunächst zum Anlass, mittels allgemeiner Beobachtungen zur nach wie vor prekären Lage der interdisziplinären Literatur- und Kulturforschung an die Absurditäten der postmodern inspirierten Trauma-Philosophie zu erinnern. Er unterstreicht, wie sehr diese Minderheitenposition insgeheim in den Interpretationsgewohnheiten der angestammten Geisteswissenschaften verankert ist. Diese scheinen sich im Moment in einer epistemologisch nach rückwärts gewandten Phase der Rephilologisierung zu befinden, die dem narrative turn – jener Entwicklung eines fächerübergreifenden Interesses am Erzählen als Basisprozess der menschlichen Psyche und Interaktion – nicht mit der gebotenen methodologischen Konsequenz folgen mag. Vielmehr sind institutionsdynamische Impulse der Abwehr handlungswissenschaftlicher Zugänge und der Entempirisierung und Ontologisierung von psychosozialen Sachverhalten wirksam, die sich neuerdings sogar bei sozialwissenschaftlichen und psychoanalytischen Autor/innen finden.

Die psychologisch orientierte Literaturforschung scheint dagegen in ein inneres Exil gedrängt. So legt der nicht germanistisch institutionalisierte FRICKE eine beeindruckende Sammlung von theoretisch und klinisch gut fundierten psychotraumatologischen Literaturkommentaren zu Texten und Filmen der internationalen (Off-) Kanon-Kultur vor. Der Band ist kasuistisch gegliedert und folgt den Rubriken der speziellen Psychotraumatologie. Dass die Interpretation nicht in jedem Fall maximal textnah verfährt, kann bei 23 Titeln nicht ausbleiben; und dass FRICKE entgegen seinem Vorsatz, die "Bewältigungsmöglichkeiten" für traumatische Erfahrungen "in der und durch die Literatur" zu erforschen, kaum rezeptionsästhetische und interaktionsanalytische Überlegungen zur Autor-Text-Leser-Interaktion anstellt, ist verständlich, wenn man den Aufwand einer qualitativ-empirischen, rekonstruktiven Literaturforschung bedenkt. In jedem Fall stellt FRICKE vortrefflich die Relevanz psychotraumatologischer Fragestellungen für das Verständnis von Literatur und Film unter Beweis.

Keywords: Psychotraumatologie, tiefenpsychologische Literaturuntersuchung, interdisziplinäre / qualitative Kulturforschung, Narratologie, narrative turn, geisteswissenschaftliche Rephilologisierung

Inhaltsverzeichnis

1. Die Tücken der postmodernen, philologischen Trauma-Philosophie

2. Der narrative Turn in den Gesellschaftswissenschaften

3. Der anti-narrative Turn der Rephilologisierung in den Geisteswissenschaften

4. Eine neue philologische Narratologie im Geiste einer ernsthaften Interdisziplinarität?

5. Kuriose gegen-aufklärerische Launen (auch) in Psychoanalyse und Sozialwissenschaften

6. Tiefenpsychologische Literaturforschung im inneren Exil

7. Hannes FRICKEs Buch

8. Einige kritische Anmerkungen

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Die Tücken der postmodernen, philologischen Trauma-Philosophie

Kulturanalytische Anwendungen von Begriffen und Modellen des Psychotraumas stehen bedauerlicherweise immer noch unter einem ungünstigen Stern, haben sie sich doch in der Vergangenheit allzu häufig auf die irreführenden – und eigentlich halbwissenschaftlich-esoterisch verfassten – Quellen der poststrukturalistischen Trauma-Philosophie bezogen. Hierüber darf man es eingangs an einigen Klärungen nicht fehlen lassen, bevor mit FRICKEs Sammlung von psychotraumatologischen Literaturkommentaren ein in mancher Hinsicht hoffnungsvolles Gegenbeispiel dargestellt werden kann. Dabei wird auch einiges über den institutionellen Habitus der angestammten Geisteswissenschaften gesagt werden müssen, um besser verstehen zu können, warum sie dem zukunftweisenden "narrative turn" der Gesellschaftswissenschaften, den FRICKE aufnimmt, nicht wirklich zu folgen vermögen und deshalb heute nolens volens ein "anti-narrativer" und mitunter sogar gegen-aufklärerischer Impuls zum Tragen kommt. [1]

Die von Richard RORTY und anderen ausgehende, überaus nachhaltig wirkende Konjunktur von geistesgeschichtlichen Betrachtungen über das Trauma bzw. über das Trauma und die Kunst geht ja auf eine letztlich fundamentalontologische Inspiration zurück. Sie ist im Grunde den kunstreligiösen Latenzen der traditionellen Geisteswissenschaften nachempfunden, und bei näherer Prüfung wird deutlich, dass sie mehr in verdeckter Nachempfindung älterer philosophischer Autoren, vor allem HEIDEGGERs, befangen ist, als dass sie der einschlägigen psychologischen Literatur verpflichtet wäre. Dabei wird in aller Regel über die psychotherapiewissenschaftliche Empirie und Methodologie vollkommen hinweggesehen oder schlimmer noch: diese wird als Begriffssteinbruch zur Erzeugung eines interdisziplinären Nimbus genutzt, der auch ein ambivalentes Bedürfnis der konventionellen Geisteswissenschaften abdeckt, dessen Verheißungen jedoch uneingelöst bleiben müssen. Denn einer der unausgesprochenen und eventuell unbewussten Impulse dieser Trauma-Philosophie war stets die Motivation, trotz oder gerade wegen der vereinzelten fremdwissenschaftlichen Anleihen aus bestimmten psychoanalytischen Quellen, sozusagen in schuldgefühlslogischer Gegenleistung zu den herausgenommenen fächerübergreifende Freiheiten, weiterhin auch die angestammten Interpretationsgewohnheiten der Philologien pflegen und befestigen zu können. [2]

Zu diesem Zweck hat man sich nicht gescheut, die tatsächlichen klinisch-psychologischen Zusammenhänge von seelischer Verletzung und therapeutischem sowie kulturellem Ausdruck des Leidens an ihr so sehr auf den Kopf zu stellen, dass es zuletzt heißen konnte: das Trauma müsste dem persönlichen Erzählen "unverfügbar bleiben" (WEINBERG 1999, S.206), dürfe also nicht einfach schnöde erinnert und ausgesagt, geschweige denn kulturell aufgehoben oder therapiert werden, und zwar "gerade deshalb", weil es ohnehin immer schon "dem Gedächtnis […] eingeschrieben" sei. Diese – (kontinental-) philosophische – Herangehensweise gipfelt in der Feststellung, dass das "im Trauma Vergessene" das "adäquat Bewahrte" ist, das dann, so wird man hinzufügen dürfen, vom poststrukturalistisch verstandenen "Begehren" und dessen flottierenden Signifikanten beständig umkreist werden darf, auf dass es nie erfasst würde und die Beteuerungen von LACANschen und ähnlichen Grundsätzen ewige Gültigkeit erhielten. Wer jedenfalls jenes "Vergessene" des persönlichen Leidens konkret zu erinnern und auszudrücken versuchen wollte – und hier erhebt sich der weniger flottierende als vielmehr unerbittlich strenge Zeigefinger dieses philosophischen Habitus –, macht sich in dieser Logik einer untunlichen "Exkorporation des Traumas" schuldig oder "[bricht] den Toten die Treue" (wie ich weiter unten noch genauer ausführen werde) (BRAESE 2003, S.969).2) [3]

Der Fokus des stets überaus vage formulierten Anliegens dieser eigentümlichen Trauma-Philosophie ist offensichtlich in einem anti-narrativen und anti-therapeutischen Affekt gebündelt. Jedenfalls scheint sich eine zutiefst philologische Haltung des "Bewahrens" – von Schrift, Kultur, Kunst etc. –, die allerdings ein paradoxes Bewahren des "Unverfügbar-Bleibens" ist, in ganz unvermerkter und widersprüchlicher Weise zu allererst gegen das Erzählen selbst zu richten und das narrative Erschließen von erlebter Erfahrung blockieren zu wollen, zumindest dort, wo es bestimmte, nicht weiter definierte Geschmacksgrenzen oder intellektuelle Vorlieben verletzt. Wer aber das Leiden und vor allem: die Geschichten hinter diesem Leiden nicht so freizügig wie möglich ausgesagt sehen will, und wer also ein "Bewahren" im Sinn des Ver-Wahrens und Verschließens eines unberührbaren Trauma-Schatzes im (BENJAMIN entlehnten) "Gedächtnis" betreibt, paktiert unwillkürlich mit der Gewalt in der Welt. Dies mag zunächst nur auf der abstrakten Ebene der intellektuellen Verwaltung von Kunst, Medien und deren Wissenschaften zum Tragen kommen. Jedoch diese sind, genau besehen, von nicht zu unterschätzender soziokultureller Bedeutung und haben maßgeblichen Einfluss darauf, wie Menschen und Gesellschaften im Nachhinein mit dem umzugehen lernen, was sie an Schlimmem erlebt und getan haben. [4]

Auch bewegt sich diese poststruktural und philosophisch inspirierte Abwehr des narrativen Erschließens von erlebter Erfahrung eigentlich ganz unvermerkt in der Nähe dessen, was in der Geistes- und Gesellschaftsgeschichte seit jeher als anti-intellektuelle oder gegenaufklärerische Strebung begriffen und zurecht mit einigem Problembewusstsein als ominös erachtet wurde. Und darin steht sie in einer langen literarischen und auch philologischen Denktradition, die weit hinter den Poststrukturalismus zurückgeht. Hier sollte man sich von den akademischen Aversionen, die anfänglich gegenüber den neuen postmodernen Theorien bestanden, nicht täuschen lassen; nicht zufällig haben sie inzwischen zu einigermaßen einträchtigen Arrangements gefunden. Sind doch die Postmodernen, wie von heute aus betrachtet deutlich wird, diejenigen unter den Konventionsverletzern der Siebziger- und Achtzigerjahre, die den allgemeinen Verfahrensgepflogenheiten und Interpretationsgewohnheiten der Geisteswissenschaften letztendlich am relativ wenigsten zusetzten, weil deren auf Sprachtheoreme orientierte "Fundamental- oder Transzendentalpsychologie" (RÜHLING 1996, S.495) dem krypto-metaphysischen Kunstverständnis der Philologien durchaus nahe ist: Die "Kongruenz zwischen Psychoanalyse und Textanalyse [macht] die Arbeit des nach Lacan vorgehenden Literaturwissenschaftlers viel verträglicher mit den üblichen Vorgehensweisen der Literaturwissenschaft" (MELLARD 1991, S.56; zit. n. RÜHLING a.a.O.). Deshalb also billigen die akademischen Institutionen den Postmodernen, obwohl diese an theoretischer "Konsistenz und Wohlbegründetheit" zu wünschen übrig lassen (RÜHLING 1996, S.497), inzwischen ein gewisses Nischenrecht zu und heimsen dafür den Nimbus des Interdisziplinären und Fantasievollen ein, das stets auch wohlmeinend ein wenig Gaga erträgt und teilweise sogar als geistige Kreativreserve einrechnet. [5]

2. Der narrative Turn in den Gesellschaftswissenschaften

Jedoch ein wesentlicher gemeinsamer Nenner im Habitus der traditionellen und postmodernen Geisteswissenschaften scheint in Vorgehensweisen der anti-narrativen Entempirisierung von psychosozialen Sachverhalten zu bestehen, hier von Sachverhalten der erlittenen Gewalt, welche – naturgemäß unter großen inneren Kämpfen – zu kulturellem, narrativem Ausdruck drängen. Die Thematiken von Leiden und Leidensausdruck interessieren auch die konventionellen Geisteswissenschaften eben nicht wirklich als empirische Phänomene des Handelns, Erfahrens und Erzählens, sondern vor allem als ästhetische und ethische Verhandlungsgegenstände. Und diese wurden nicht selten diffus-philosophisch z.B. als Gegenstände einer im Grunde erbaulichen Tragik der condition humana oder als Emanation der allgemeinen Gebrechlichkeit der Welt aufgefasst und von wechselnden künstlerischen und intellektuellen Geschmacksregimes beschworen. [6]

Umso mehr muss allerdings befürchtet werden, dass solche philologischen Geschmacks- und Exegesetraditionen den gewaltförmigen Anteilen der jeweils bestehenden Kultur- und Zivilordnungen unwillkürlich zupasse kommen, anstatt sie überwinden zu helfen, wie man dies der Welt der Kunst und des Geistes gemeinhin zutraut. Auch in wissenschaftlicher Hinsicht gilt: dergleichen anti-narrative Impulse der Entempirisierung, die Phänomene und textuelle Niederschläge von Erfahrungen der Gewalt und des mentalen Leidens ontologisieren anstatt sie zu rekonstruieren, sind der wissenschaftlichen Erkenntnis kaum förderlich. Vielmehr werden sie zumeist in den Dienst der beharrlichen Stabilisierung von denjenigen institutionellen Apriori gestellt, die der Weiterentwicklung von interdisziplinären Zugängen eher entgegenstehen. [7]

Gerade zum heutigen Zeitpunkt der Entwicklung der Wissenschaftslandschaft jedoch ist dieser stillschweigende philologische Impetus der Entempirisierung umso verwunderlicher und bedauerlicher, als sich seit geraumer Zeit über verschiedene gesellschaftswissenschaftliche Disziplinen hinweg die Konturen eines gemeinsamen Interesses am Wesen des menschlichen Erzählens bzw. der narrativen Verfasstheit des Selbst zu konsolidieren beginnt. In den mentalen und interaktionalen Prozessen der Narration wird zunehmend die Grundeinheit des menschlichen Wahrnehmens, Denkens und Handelns überhaupt erkannt und der Mensch als Homo Narrator begriffen (BOESCH 2000). Und so führte der so genannte narrative turn der Humanwissenschaften inzwischen dazu, dass sich verschiedenste Wissenschaftsbereiche darauf verlegt haben, die menschliche Psyche und Interaktion in Kategorien der intentionalen, zielorientierten und konstruktiven Erzählung zu begreifen. [8]

Für die Biografieforschung war die Verpflichtung auf ein narratologisches Gegenstandsverständnis immer schon evident. Denn diese erarbeitete ihre Schlussfolgerungen über Lebensläufe auf der Grundlage von ausführlichen biografischen Stehgreiferzählungen, d.h. von mündlich gegebenen Interviewäußerungen von Personen, die aufgerufen waren, ihr Leben zu erzählen und dadurch unwillkürlich in eine narrative Gestalt zu bringen, wie wir dergleichen ansatzweise ohnehin stets tun, wenn wir mit Anderen im Gespräch sind oder eine Konversation führen (vgl. z.B. ROSENTHAL 1995 oder LUCIUS-HOENE & DEPERMANN 2002). Aber auch andere Gesellschaftswissenschaften bedienten sich zunehmend der Methoden und Theoreme der Narrationsforschung – wenngleich zumeist begleitet von teilweise erbittert geführten methodologischen und epistemologischen Grundsatzdebatten, man muss beinahe sagen: Wissenschaftskriegen, die z.B. zwischen der quantitativen und qualitativen Sozialwissenschaft geführt wurden und teilweise auch heute noch andauern. [9]

Jedoch ist darüber z.B. die Geschichtswissenschaft in Teilen zu einer Wissenschaft nicht nur über die große Welt- und Staatsgeschichte, sondern auch über die kleinen Geschichten und Anekdoten geworden, die von Zeitzeugen einer historischen Phase berichtet werden und Aufschlüsse weniger über die makrologischen Ereignisverläufe und institutionellen Verhältnisse, als über die Bandbreite der persönlichen Motive und Wahrnehmungen von Beteiligten geben. Auch in der Geschichtswissenschaft war nämlich, mindestens seit Hayden WHITEs trefflicher Analyse, eine grundsätzliche methodologische Konsequenz notwendig geworden, um zu verhindern, dass die Historiografie nur als eine "subtile Form von Legitimationswissenschaft" agiert (KROVOZA 2003, S.933.), eine Befürchtung, mit der sich eigentlich auch die Geisteswissenschaften verstärkt auseinandersetzen müssten. Die "Änderung der Art und Weise, wie Geschichte betrieben wird" (a.a.O.), ist nun zuvorderst in der Konzentration auf die Analyse von subjektiven Geschichtsnarrativen erfolgt, die die öffentlichen und privat-familiären Diskurse über die Vergangenheit und insbesondere über deren gewaltförmigen, mithin der künftigen Veränderung und Verbesserung bedürftigen Phasen bestimmen. Es ist nun bezeichnenderweise mithilfe narratologischer Perspektiven, dass die Historiografie der ihr abgeforderten Ambition zu entsprechen sucht, "aus rein logischen Gründen […] eine kulturelle Praxis der Enttraumatisierung" zu sein (a.a.O., S.933). [10]

Am weitesten fortgeschritten ist die Narrationsforschung in den verschiedenen Bereichen der qualitativen Sozial- und Interaktionsforschung. Ausgehend von POLKINGHORNE (1991) und RICOEUR (1991, 1996) ist hier dem Grundsatz von der narrativen Verfasstheit des menschlichen Selbst am konsequentesten gefolgt worden, und zwar auch in methodologischer Hinsicht, indem das Verfahren des narrativen Interviews eingeführt wurde und somit die narrative Identität des Menschen durch Mittel der mündlichen Erzählung und Erzählanalyse erforscht wurde (SCHÜTZE 1977, ROSENTHAL 1995). Dabei haben insbesondere komplexe methodologische Fragen der Auswertung/Interpretation von narrativem Material eine zentrale Bedeutung (LUCIUS-HOENE & DEPPERMANN 2002), aus denen eigentlich auch die Geisteswissenschaften wertvolle Impulse gewinnen könnten. [11]

Die narratologisch-rekonstruktive Interaktionsforschung umfasst seither auch junge Forschungsbereiche wie z.B. die experimentelle Entwicklungspsychologie und die Kleinkind- und Säuglingsforschung, die sich in jüngerer Zeit konsequent auf eine narratologische Theorieplattform begeben haben und in feinteiliger, video-analytisch gestützter Rekonstruktion der interaktionalen Dynamik zwischen dem Kleinkind und seiner Umgebung nachgehen. Von nachhaltiger Wirkung ist hier der seit Jahrzehnten federführende Daniel STERN (2005; in Deutschland vor allem DORNES 1993 und GROSSMANN 2001), der schon für Kleinkinder vor dem Spracherwerb eine narrative Struktur der Psyche annimmt und von "proto-narrativen Hüllen" ("proto-narrative envelops"), d.h. einfachen narrationsähnlichen Denk- und Wahrnehmungsmodi in der mentalen Struktur des Kindes spricht. Denn es wäre – lange vor der Sprache – schon alles da, was eine Erzählung benötigt: ein Subjekt, eine (Ausdrucks-) Intention, eine Handlungszielrichtung, eine Vorher-Nachher-Perspektive und Veränderungswahrnehmung sowie eine kommunikative Orientierung auf einen Anderen.3) [12]

Diese bahnbrechenden grundlagentheoretischen Narrations-Theoreme haben sich als so fächerübergreifend erfolgreich erwiesen, dass sich inzwischen vor allem die neueren psychotherapie- und sozialwissenschaftlichen Bereiche wie z.B. die analytische Körperpsychotherapie (Peter GEIßLER, insbes. 2002) ausdrücklich in die narratologische Nachfolge STERNs stellen. GEIßLER zählt u.a. den von der Säuglingsforschung gebildeten Begriff der protonarrativen Hüllen zu den "konzeptuellen Essentials" und theoretisch-praxeologischen "Bausteinen" einer die leib-seelischen Prozesse der menschlichen Entwicklung und Interaktion erfassenden Hermeneutik. Aus der therapeutischen Praxis verweist er auf das vielfältige prozedurale Erfahrungswissen und die Mikropraktiken, die bereits in diesen Hüllen enthalten und dort "weder symbolisch, noch verbal, noch verdrängt" sind (S.54f.), sondern narrative Struktur haben und nur durch ein narratologisches Konzept theoretisch hinreichend modelliert werden können. Das heißt: eine Therapierichtung, die sich vorwiegend mit körperlichen, körperagierenden und psychosomatischen Äußerungsformen von Patienten beschäftigt und körpertherapeutische Interventionen in der Behandlung einsetzt, begreift die mutmaßlich so konkreten Phänomene der körperlichen und gestischen Reflexe als proto-symbolische Ausdrucksformen in einem narrationstheoretischen Zusammenhang.4) [13]

Der Schritt zu der – dem Psychoanalytiker Roy SCHAFER zugeschriebenen – psychotherapeutischen Binsenwahrheit ist nicht weit, die besagt, dass Psychotherapie nichts anderes wäre als das immer neue Erzählen von ein und derselben Geschichte, nur dass diese nach einer guten Weile trefflicher und besser erzählt würde als zuvor. Für die Suche nach den genauen Zusammenhängen von Erzählen und Therapie, die die vielfach gemachte Erfahrung einzuholen versucht, dass Erzählen und erzählendes Erinnern heilend wirken können, ist dann auf die Psychotherapie-Wissenschaft zu verweisen, die sich mit der narrativen Interaktion zwischen Therapeut/in und Patient/in beschäftigt und freilich auch narratologischer Natur ist und sein muss (BUCHHOLZ & STREECK 1999). [14]

Seitdem sich im Verlauf des letzten Jahrzehnts ein nachdrückliches Schwerpunktinteresse an psychischen Traumata und deren spezieller Traumatherapie artikuliert hat, ist begonnen worden, sich der Frage zuzuwenden, inwiefern und auf welche Weisen Erlebnisse der seelischen Verletzung erzählt werden und welche Form und Verfahren des Erzählens eine Linderung der erfahrenen mentalen Verletzung herbeiführen können. Hier sind vor allem REDDEMANN (2001) sowie FISCHER und RIEDESSER (1998) zu nennen (ferner HIRSCH 2004), auf deren Grundlage auch FRICKE arbeitet, wie auch die Zeitschrift Psychotherapie und Sozialwissenschaft, deren Ausgabe 1 des Jahres 2005 von BOTHE herausgegeben wurde und unter dem Motto der "Erzählbarkeit des Traumas" steht. Dort wird auf hohem empirischen Präzisionsniveau die narratologische Analyse von Interview- und Psychotherapie-Interaktion betrieben, die psychotraumatische Erfahrungen zum Gegentand haben. NEUKOM (2005) trägt darüber hinaus auch die Untersuchung einer Passage eines literarischen Textes bei, in dem Psychotraumata eine zentrale Bedeutung haben (vgl. auch NEUKOM 2003). [15]

Des weiteren zu erwähnen ist der ebenfalls wesentlich von BOOTHE angestoßene, gerade erschienene Herausgeberband von LUIF, THOMA und BOOTHE (2006), in dem auf der Basis von Begriffen der narrativen Intelligenz und erzählenden Konfliktbearbeitung ein weites Spektrum an Perspektiven und Anwendungen im Bereich der qualitativen, narratologischen Psychotherapie- und Interaktionsforschung ausgeleuchtet wird. Untersucht werden zunächst: Patientenerzählungen und zwar mit Mitteln der qualitativen Narratologie und Inhaltsanalyse, der Gegenübertragungsanalyse, auch der Linguistik und Literaturwissenschaft, der klinischen Emotionsforschung, der strukturalen und Tiefenhermeneutik, der genographischen Familienpsychologie sowie des OPD-Manuals (Operationalisierte psychodynamische Diagnostik); des weiteren untersucht werden Patiententräume, das schriftliche Erzählgeschehen der Psychose in Tagbüchern, die biografische Verlaufskurve depressiver Patienten, die körperlich-gestische Interaktion in psychotherapeutischen Gesprächen, psychosoziale Beratungs- und Therapiegespräche im interkulturellen Raum, biografiewissenschaftliche Katamnesegespräche mit ehemaligen Patient/innen; darüber hinaus: die Narrative der Nachkommen von psychisch kranken Eltern, Interviews mit Nazi-Tätern und -Mitläufern, narratives Material aus arbeits- und organisationspsychologischen Kontexten sowie aus der Erhebung von Selbst-Empfinden, psychosozialen Faktoren und ärztlicher Beziehung von medizinischen Patienten (Tinnitus, chronisch Schmerzkranke, Erzählungen über paranormale Erlebnisse). [16]

Diese von LUIF, THOMA und BOOTHE vorgelegte Sammlung von Konferenzbeiträgen mag exemplarisch die Bandbreite veranschaulichen, die die verschiedenen Bereiche der qualitativen, narratologischen Interaktionsforschung umfasst. Mit Blick auf die Geisteswissenschaften ist neben NEUKOM (2005, auch 2003) insbesondere auf den Beitrag von JESCH, RICHTER und STEIN (2006) hinzuweisen; denn die Literaturwissenschaftler/innen JESCH und STEIN legen eine exemplarische narratologische Rekonstruktion von mündlichen Therapieerzählungen vor, die in gut fundierter und systematischer Weise literatur- und sprachwissenschaftliche Ressourcen aus dem Bereich der jüngeren narratologischen und linguistischen Gesprächforschung zur Anwendung bringen. Die Genauigkeit und Transparenz des entwickelten erzählanalytischen Verfahrens besticht – zumal in Gegenüberstellung mit dekonstruktivistischen Überlegungen anderer Beiträger. Jedenfalls kommt hier eine Möglichkeit der "Kooperation" in den Blick, von der "sowohl die [philologische] Erzählforschung als auch die Psychotherapieforschung profitieren [könnte]" (JESCH et al. 2006, S.40). [17]

Das sich jüngst entfaltende Interesse an Fragen der Narration, Traumabearbeitung und Interpretation wird grundsätzlich auch von der jüngeren klinisch-therapeutischen Psychoanalyse geteilt. So z.B. artikuliert sich im Psyche-Sonderheft 9/10, Vergangenheit in der Gegenwart. Zeit – Narration und Geschichte (2003), eine neu erwachte Aufmerksamkeit für Belange der Narration, die z.B. in einem älteren Sonderheft mit ähnlicher Thematik und teilweise gleichen Autor/innen (Trauma, Gewalt und kollektives Gedächtnis, Nr. 9/10 2000) noch fehlte. Dass die Wahl des Stichworts "Narration" jedoch auch konjunkturellen Gründen geschuldet ist und die theoretische Debatte dort nicht in jeder Hinsicht auf der Höhe der interdisziplinären Narrationswissenschaften geführt wird, zeigt sich zunächst daran, dass der Fokus der meisten Beiträge des Sonderheftes auf den Begriffen "Zeit" und "Geschichte" liegt und dabei eher historisch-philosophischen als empirischen Perspektiven folgt. Durch diesen Zuschnitt sind – auch in einem psychoanalytischen Organ – die oben genannten Gefahren der philosophischen Entempirisierung von psychosozialen Sachverhalten gegeben. Deshalb auch bedürften die dort eingesetzten Narrationsbegriffe, wenn sie denn überhaupt in elaborierter Weise definiert werden, noch der narratologischen und kulturwissenschaftlichen Vertiefung, die über traditionelle psychoanalytische Auffassungen des Therapieprozesses hinausgeht. [18]

Immerhin jedoch spricht Werner BOHLEBER im Editorial des Heftes von "der narrativen Wende in der Psychoanalyse" (2003, S.783), die mit dem Aufkommen der neueren Objektbeziehungspsychologien und Interaktionsanalysen korreliert. "Erinnerungen", so resümiert BOHLEBER, wären gemäß der interaktionalen, objektbeziehungs-theoretischen Prämisse der modernen Psychoanalyse nicht "etwas Verborgenes" und in sich Geschlossenes, sondern "stets in ein Narrativ eingebunden" und Gegenstand von laufenden Umbildungen. Inwiefern Therapeut/in und Patient/in (nicht unähnlich der – allerdings medial vermittelten – Beziehung von Autor/in und Leser/in) auch von den zukunftsorientierten Zweigen der Psychoanalyse tatsächlich in einem vollgültigen Verhältnis der Ko-Narrativität und Ko-Konstruktivität gesehen werden, bedürfte der genaueren Prüfung.5) Während also im genannten Psyche-Sonderheft die abstrakten Begriffsthematiken "Zeitbewusstsein" und "Geschichte" dominieren und die einzelnen Aufsätze in methodologischer Hinsicht zumeist philosophisch-hemeneutisch verbleiben und somit keine empirisch-narratologischen Arbeiten vorstellen, stehen doch auch in der Psychoanalyse die Zeichen auf dem "narrative turn". Hierbei wird in Rechnung gestellt, dass es auch in der Analyse keine ontologischen Wahrheiten zu bergen gibt, sondern es darum geht, erzählerische Ko-Produktionen herzustellen und/oder wissenschaftlich zu rekonstruieren. [19]

3. Der anti-narrative Turn der Rephilologisierung in den Geisteswissenschaften

Die Vorbedingungen für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit auch mit den Geistes- und Literaturwissenschaften sind also im Grunde recht günstig. Umso näher liegend müsste die Entstehung von Büchern wie dem – hier besprochenen – von FRICKE sein. Sind doch die Literaturwissenschaften für den großen Schatz der ästhetischen und medialen Narrative zuständig, die die Welt der Literatur, des Films und der Medien bevölkern, ein fürwahr reicher Schatz an mit Inspiration imaginativ entworfenen, fiktionalen Erzählungen, für deren literarische Vertreter im engeren Sinn – Roman, Novelle, Erzählung etc. – die Philologien schon immer eine literarhistorische Erzähltheorie formuliert und spezifische Bauformen der literarischen Narration rubriziert hatten. [20]

Aber weit gefehlt: Nicht dass die Philolog/innen überhaupt nicht bereit wären, diese Möglichkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit zu sehen. Gerade die Sprachwissenschaften aus der Tradition der Pragmatik und der Textlinguistik haben sich immer mit Selbstverständlichkeit in dieser Dimension bewegt. Was jedoch die momentane Verfassung des Mainstreams der Geistes- und Literaturwissenschaft anbetrifft, muss man eines illusionslos erkennen und deutlich aussprechen: Gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt wieder liegt ihm nichts ferner, als die doch eigentlich so offensichtliche Tatsache zu beherzigen, dass kulturelle Artefakte von menschlichen Psychen entworfen wurden und in kommunikativer, interaktionaler Funktion geschaffen worden sind; und "beherzigen" meint hier auch: die entsprechenden theoretisch-methodologischen Konsequenzen zu ziehen und mit systematischem Einbezug von interdisziplinären Mitteln, insbesondere der Ressourcen der Psychologie, zu arbeiten und entsprechende Modellbildung der Narration voranzutreiben. [21]

Die Wenigen, die diese Defizite einigermaßen klar wahrnehmen und ansprechen, haben das Wort von der Rephilologisierung der Geisteswissenschaften geprägt (ERHART 2004). Damit ist ein wissenschaftstheoretisches Roll-Back gemeint, das zu einer sozusagen reinen Philologie zurückkehrt, ein Zurück zu historisch-deskriptiver Textwissenschaft, Motiv- und Ideengeschichte, exegetisch eruierten Text-"Bedeutungen", akribischem Aufweis von intertextuellen und geistesgeschichtlichen Bezügen sowie zu Editionsprojekten. Und während diese Tätigkeiten durchweg notwendige und wertvolle geistesgeschichtliche Arbeitsbereiche darstellen, stehen sie heute dennoch mittelbar im Schatten eines defensiv beharrenden, philologischen Zeitgeistes, der eine Erweiterung der Gegenstands- und Methodenbestimmungen scheut und die interdisziplinäre Vernetzung gerade mit den nicht-philologischen, handlungs-rekonstruktiven Wissenschaften par tout nicht unterstützen zu mögen scheint. Ganz anders verhalten sich hier – dies sei vorweggenommen – germanistisch nicht institutionalisierte Autor/innen wie der hier besprochene FRICKE, die ungeniert und intuitiv handlungstheoretisch nach den "Bewältigungsmöglichkeiten" fragen, die angesichts von traumatischen Erfahrungen "in der und durch die Literatur" gegeben sein könnten (FRICKE, S.223). [22]

Dabei bleibt diese Rephilologisierung der Geisteswissenschaften als Phänomen insgesamt recht unklar bestimmt, sowohl was das Phänomen selbst als auch die maßgeblichen Motivationen und bestimmenden funktionalen Handlungsdynamiken betrifft. Mancherorts wird die Rephilologisierung als aktuelle Zeiterscheinung sogar schlanker Hand bestritten. Und in der Tat hat sich auch und gerade in den Geisteswissenschaften unter dem Druck der allgemeinen wissenschaftspolitischen Diskurslage eine Kultur der programmatischen Beteuerung und (Lippen-) Bekenntnisse entwickelt, die die Stich- und Schlagworte der Interdisziplinarität und des Fächerübergreifenden zu reicher Blüte kommen lässt. Vielleicht hat man allseits noch nicht klar zu unterscheiden begonnen, dass thematische Brücken zwischen philologischen Fächern (wie z.B. der Germanistik, der Philosophie und der Theologie) zwar formal interdisziplinär genannt werden können, es jedoch nicht wirklich sind; zumindest nicht nach Maßgabe eines Verständnisses, das die Handlungswissenschaften aus den Bereichen Psychologie und Sozialwissenschaft als essenzielle Faktoren mit einbezieht.6) [23]

Auch die zahlreichen Geisteswissenschaften-Debatten, die mit beinahe natur-zyklisch anmutender Regelmäßigkeit alle zwei, drei Jahre die deutschen Feuilletons und Wissenschaftsseiten durchziehen und einen dringenden Modernisierungsbedarf monieren bzw. bestreiten, halten sich in polemischer Emphase und begriffsstrategischer Vagheit die Waage, so dass man fast zweifeln möchte, ob es sich bei der Rephilologisierung nicht doch um ein bloßes Scheinproblem handelt. Jedem jedoch, der selbst aktiv versucht hat, in den deutschsprachigen Geisteswissenschaften in systematischer Weise eine psychologische und empirische Perspektive zu vertreten und z.B. durch entsprechende Projektfinanzierungen oder Personalentscheidungen dahingehend Impulse zu setzen und Veränderungen zu erwirken, was nicht zufällig immer weniger getan wird, spürt schnell, wie real und tief verwurzelt dieses Phänomen ist. Jede/r der hier Zweifel hat, möge diese Wege zu gehen versuchen, getreu dem Grundsatz: "Wenn Sie etwas verstehen wollen, versuchen Sie es zu verändern" (BRONFENBRENNER 1979/1981, S.58, zit. n. MEY 2000, Abs. 25). Und die verschiedenen Vektoren eines komplexen institutionellen Funktionsmechanismus der Anti-Interdisziplinarität werden an Anschaulichkeit gewinnen. [24]

Bei genauerer Betrachtung von verschiedenen Indizien, die auf eine solche Rephilologisierung schließen lassen, wird dann deutlich: Es ist gerade die basale handlungstheoretische Grundannahme, dass kulturelle Narrative sowohl in ihrer auktorialen Hervorbringung als auch in ihrer rezeptiven, ko-narrativen Aktualisierung durch Rezipient/innen als subjektiv (und gruppendynamisch) intendierte Interaktionen mit bewussten und unbewussten Anteilen zu begreifen sind und also handlungslogisch rekonstruiert werden können, – es ist dieses Verständnis von Kunst als Handlung und Interaktion, das vom Gros der philologischen Verfahrenstraditionen zwar nicht ausdrücklich geleugnet wird, ihnen jedoch gänzlich wesensfremd zu sein scheint, obwohl es dies keineswegs sein müsste. Und somit scheinen die Philologien heute gerade eben nicht tun zu wollen, was ihnen seit geraumer Zeit zunehmend eindringlich nahe gelegt wird: einen Schwerpunkt darauf zu setzen, "als Textwissenschaften [auch] Handlungswissenschaften zu sein", wie der Philosoph Martin SEEL in seinem Beitrag: "Weltverstrickt. Das Verstehen verstehen. Über den Sinn der Geisteswissenschaften" sagt (Die Zeit Nr. 18, 22.04.04, S.48). [25]

Also auch die konventionellen Geisteswissenschaften folgen, wie die postmoderne Trauma-Philosophie, einem insgeheim anti-narrativen Impetus, genauer: jene boten für diese ganz unvermerkt immer schon einen geeigneten Nährboden und eine passende Rechtfertigungsfolie. Auf einer zweiten Abstraktionsstufe hängt diese nicht- bzw. anti-handlungstheoretische Grundhaltung meines Erachtens mit einer noch tiefer gehenden geisteswissenschaftlichen Befangenheit zusammen, nämlich nicht nur mit einem Unbehagen gegenüber dem Psychologischen oder den interaktionalen Wissenschaften insgesamt, sondern mit einem Vorbehalt gegenüber jeglichen Vollzügen der Explanation bzw. des handlungslogischen Verstehens. Der für die Wissenschaft im Sinne der europäischen Aufklärung konstitutive Anspruch, wissenschaftliche Erklärungen von Geschehenszusammenhängen zu finden, jener für die handlungswissenschaftlichen Disziplinen (z.B. der Psychologie oder der Soziologie) selbstverständliche Schritt von der Beschreibung zum Verstehen und Erklären des Gegenstandes, liegt dem philologischen Selbstverständnis des "Bewahrens" von kulturellen Gütern im Grunde fern. Dass es ein "Ziel" nicht nur "der kognitiven Narratologie", sondern auch der literaturwissenschaftlichen Erzähltheorie sein könnte, "im Verbund mit anderen Disziplinen 'zu erklären', wie Erzählkommunikation 'tatsächlich abläuft' und 'wirksam wird'" und wie sie also in der literarischen Interaktion erfolgt – so sagen JESCH et al. (2006, S.41) mit Bezug auf STRASEN (2002, S.215) –, dies stellt für Germanist/innen bedauerlicherweise ein geradezu untypisches Erkenntnisinteresse dar, das sich vielfachen institutionellen Widerständen gegenüber sieht. Ein weithin geteilter, kunstreligiös missverstandener Glaubenssatz der Geisteswissenschaften unterstreicht stets die "ästhetische Autonomie" des Kunstwerks, will heißen: seine Lebensenthobenheit und Überzeitlichkeit,7) und widersetzt sich Versuchen seiner handlungslogischen Erklärung. [26]

Hier wird der alte Begriff der Kunstautonomie, der sich aus dem 18. Jahrhundert herleitet und schon damals im Zuge der beginnenden Autonomie des Bürgertums gegenüber Adel und Klerus durchaus auch lebensweltlich-reale Aspekte und nicht nur Implikationen der geistigen Enthobenheit hatte, auf den Kopf gestellt. Bestrebungen des Erklären-Wollens von fiktionalen Handlungen und Charakteren sowie von Textformen wird deshalb gern genauso entschieden wie vage entgegnet, dass die Analyse und (psychologische) Erklärung die Autonomie der Kunst verletzen und dem ästhetischen Eigenwert und Eigensinn der Kunst nicht gerecht würden. Dabei wird dieser zutiefst kunstreligiöse, d.h. unreflektiert-affektiv und unbewusst empfundene Eigenwert der Kunst zumeist in einen dichotomischen Gegensatz zur empirischen Wirklichkeit gestellt; und es wird kaum jemals erschöpfend erörtert, wie dieser "Eigenwert" denn genauer zu begreifen, geschweige denn spezifisch zu erklären wäre. [27]

Umso mehr ist der Mainstream der Geisteswissenschaftler/innen überzeugt, sich auf Deskription, ideengeschichtliche Verortung oder den komparatistischen Form- und Inhaltsvergleich von Texten beschränken zu sollen. Explanative Ambitionen, die kulturelle Phänomene in funktionale und psychologische Zusammenhänge zu stellen suchen, scheinen sich wie von selbst zu verbieten. Es wird allenfalls Textinterpretation betrieben, und diese bedient sich in der Praxis verschiedener und nicht immer hinlänglich transparenter und methodenreflexiver Verfahren der Zuweisung von bestimmten Bedeutungen zu Texten oder Textpassagen. Diese jedoch beinhalten in aller Regel keine psycho- und handlungslogisch fundierten Erklärungen von Phänomenen der menschlichen (Selbst-)Artikulation und Mitteilung, was nicht bedeutet, dass nicht unter der Hand bzw. im epistemologischen Halbdunkel des allgemeinen Menschenverstandes nicht auch recht häufig munter psychologisiert wird – nur eben ohne explizite theoretische Bezugnahme, mehr noch: ohne jede Rechenschaftslegung des eigenen Tuns als eines psychologischen. Das heißt also: Wie eine tief im Habitus der philologischen Institutionen verwurzelte Tradition, die keiner Worte mehr bedarf und sich unbeugsam allenthalben geltend macht, setzte sich nach wie vor, und jüngst wieder zunehmend kräftig, eine prinzipielle, eher geschmacklich als wissenschaftlich determinierte Abneigung gegen Ambitionen der systematischen Erklärung durch, und das beinhaltet freilich auch eine Abneigung gegen die narrative und rekonstruktive Vertiefung des Erlebnisgrundes von – fiktional-literarischer oder faktual-mündlicher – Erzählung. [28]

Ungehört verhallen vereinzelte Appelle – selbst die von namhaften Fachvertretern wie von SEEL oder auch von Thomas Anz', der im Entwurf einer "literaturwissenschaftlichen Hedonistik" entschieden dazu auffordert, über die Frage hinauszugehen, "was literarische Texte bedeuten und wie sie ihre Bedeutung hervorbringen"; vielmehr gelte es ergänzend hierzu zu untersuchen, "was sie an Lustangeboten bereitstellen" (1998 S.229f.), d.h.: welche spezifischen Angebote der psycho-affektiven Befriedigung von individuellen Bedürfnissen sie zu machen in der Lage sind und wie diese im empirischen Einzelfall aktualisiert werden. Die handlungstheoretisch inspirierte Schlussfolgerung, die ANZ zieht, ist im Grunde zwingend, dennoch wird sie von den rephilologisierten Geisteswissenschaften letztendlich nicht wirklich eingeräumt: "Da Texte selbst kein Begehren und kein Lustempfinden haben" – und diese hinführende Proposition ist nur scheinbar trivial, wenn man sich manche Lacansche Kontemplation über das Begehren im Text nach dem Tod des Autors vor Augen führt –, "befasst sich literaturwissenschaftliche Hedonistik mit Texten und mit Menschen, begreift Philologie konsequent als Humanwissenschaft" (a.a.O.). Dabei muss neben den "Bedeutungen" auch der "außerliterarische" Bereich der menschlichen Handlungen mit einbezogen werden. Dass deshalb das "dritte Fundament literaturwissenschaftlicher Forschungen" freilich die "empirische Psychologie" sein muss, leitet Anz schon aus der Ursprungszeit neuzeitlicher Ästhetik ab, die z.B. mit Karl Philipp Moritz' Erfahrungsseelenkunde "von Beginn an auch eine psychologische Disziplin war" (a.a.O.), was dem Fach heute jedoch nur mehr schwer anzusehen ist. [29]

4. Eine neue philologische Narratologie im Geiste einer ernsthaften Interdisziplinarität?

Dieses geisteswissenschaftliche Prinzip der Entempirisierung und seine Verfahrensgewohnheiten sind so tief verwurzelt, dass sie selbst dort noch greifen, wo man sich ausdrücklich vornimmt, eine neue literaturwissenschaftliche Interdisziplinarität auf narratologischem Boden aus der Taufe zu heben. So hat sich in jüngerer Zeit zumindest in vereinzelten Fällen auch in den Philologien eine aktualisierte Narratologie zu formieren versucht (http://www.narrport/uni-hamburg.de/; WEILNBÖCK 2005a), die sich als Wissenschaft vom Erzählen in einem weiten, alle Textsorten und Medien sowie mehrere wissenschaftliche Disziplinen umfassenden Sinn versteht und die somit eigentlich eine günstige theoretische Basis für eine handlungstheoretische Literaturwissenschaft im Zeichen der Narratologie darstellen könnte. Inwieweit diese philologische Narratologie, die im Wesentlichen zunächst frühere Ansätze aus dem Strukturalismus der Sechziger- und Siebzigerjahren aufzugreifen suchte, es tatsächlich wird erreichen können, dass eine einschränkungslos sach- und fragenorientierte sowie interdisziplinäre Verfahrensweise Standard wird, muss sich allerdings erst noch erweisen. Dies würde jedenfalls implizieren, dass auch an die literarischen und filmischen Varianten von Erzählen psychologische und qualitativ-empirische Methoden herangeführt werden und sich ein vorbehaltloser Austausch z.B. auch mit der narratologischen Sozial- und Psychotherapiewissenschaft entwickelt. [30]

Gerade die jüngste Konferenz im Kontext der Hamburger DFG-Forschergruppe Narratologie, die in sehr verdienstvoller Weise ein wirklich interdisziplinäres Forum an Beiträger/innen versammelte (vgl. MEISTER 2005), ließ hier in einer für geisteswissenschaftliche Ambitionen des sog. Fächerübergreifenden nicht untypischen Weise auch Zweifel daran entstehen, ob ein vorbehaltloser Wille zu einer theoretisch-methodologischen Öffnung der Philologien tatsächlich vorhanden ist oder wenigstens in Aussicht steht. Dies trifft auch auf zwei gleichermaßen begrüßenswerte Sammelbände zu (NÜNNING & NÜNNING 2002a, 2002b), die eine transgenerische, d.h. genre-übergreifende, intermediale und interdisziplinäre Erzähltheorie zu konstituieren versuchen und Autor/innen aus verschiedenen, mit Narration befassten Bereichen zusammenführen. [31]

Denn wie bei der Hamburger Konferenz ist auch hier der Impetus wirksam, Theorien und Gegenstandsbereiche jenseits der Geisteswissenschaften mit einzubeziehen. Jedoch das Philologische behält in jeder Hinsicht die Überhand. Aus den Handlungswissenschaften (wie z.B. der Psychologie) werden lediglich kognitionspsychologische Schema-Begriffe angeführt, die von der jüngeren interaktionalen Entwicklungs- und Tiefenpsychologie weit gehend unberührt sind und nicht weiter kulturwissenschaftlich operationalisiert werden. Vor allem aber wird sowohl in den Handbüchern von NÜNNING und NÜNNING als auch auf der Hamburger Konferenz deutlich: Die Integration der verschiedenen Bereiche, also die eigentliche Zusammenarbeit der kulturwissenschaftlichen mit den psychologischen und qualitativ-sozialwissenschaftlichen Arbeitsbereichen findet noch nicht statt. Man stellt Beiträgen aus den verschiedenen akademischen Disziplinen zusammen, die sich mit Narration beschäftigen, aber man zieht kaum Konsequenzen hinsichtlich der theoretischen Modellierung und des methodologischen Vorgehens in der Literaturwissenschaft. [32]

Der Austausch zwischen den verschiedenen Genres von Erzählung scheint sich dann weit gehend auf monolineare Anwendungen einiger Grundbegriffe der philologischen Narratologie auf nicht traditionell-philologische Gegenstandsbereiche beschränken zu wollen (z.B. Filme, musikalische Stücke, Bibel-Texte, das Arrangement einer historischen Ausstellung etc.). Der hierbei zu erzielende Erkenntnisgewinn wird jedoch solange unnötig begrenzt sein, solange eine solchermaßen philologische Narratologie sich nicht auch für ein handlungstheoretisches Selbstverständnis öffnet und explanative, erklärungs-orientierte Fragestellungen der ästhetischen und kulturellen Interaktion mit einbezieht. [33]

In diesem Zusammenhang ist es geradezu emblematisch, wenn ein Mitglied der Hamburger Forschungsgruppe in seiner Rezension der Handbücher von NÜNNING und NÜNNING angesichts der beiden psychologischen Beiträge resümiert: "Allerdings – das möchte der Rezensent unbeschadet des Erneuerungsenthusiasmus der meisten Beiträger zu bedenken geben – verschiebt eine solche Kognitisierung [der philologischen Narratologie; H.W.] zugleich die disziplinären Zuständigkeitsbereiche" (FULDA 2003, S.259). Die psychologischen Beiträge werden somit nicht inhaltlich-wissenschaftlich, sondern eigentlich rein wissenschaftsstrategisch kommentiert. In analogem Gestus wird beklagt, dass "Modelle der […] Psychologie auf diese Weise zu Basistheoremen auch der philologischen Narratologie [avancieren]", und zwar deshalb, weil sich "für Philologen […] damit das Problem [erhebt], nicht mehr aus eigener Kompetenz urteilen zu können" (a.a.O.). Anstatt also die Möglichkeit wahrzunehmen, sich als Philologe/Philologin auch mit psychologischen Modellen und Gegenständen zu beschäftigen oder entsprechende interdisziplinäre Beziehungen einzugehen und dadurch die "eigene [Urteils] Kompetenz" zu erhalten und zu erweitern, wird der psychologische Gegenstand als solcher bezweifelt: "Innerpsychische Prozesse" seien nämlich "nicht beobachtbar", so heißt es in diesem Zusammenhang (a.a.O.). [34]

Es sind offensichtlich eher institutions-dynamische als wissenschaftliche Faktoren, die eine weitere Vertiefung dieser Zusammenarbeit verhindern, weil um "Zuständigkeitsbereiche" gefürchtet wird. Umso bedenklicher ist in dieser Hinsicht, dass diese junge philologische Narratologie auch darin an die großen Tage des strukturalistischen Narrationsbegriffs der Sechziger- und Siebzigerjahre anknüpfen zu wollen scheint, dass sie sich als Leitwissenschaft in übergeordneter Position gegenüber anderen Narratologien zu installieren versucht; als ob es gälte, den unbestreitbaren und mit auch selbstverschuldeten Bedeutungsverlust der Geisteswissenschaft mit einem fachgeschichtlichen Coup dergestalt zu revidieren, dass der sich in der Tat fächerübergreifend abzeichnende Fokus auf Thematiken des menschlichen Erzählens flugs in geisteswissenschaftlichen Dienst gestellt wird. Dabei wäre den Philologien aufgrund ihrer großen handlungswissenschaftlichen Defizite doch eher zu raten, diese leitwissenschaftliche Ambition hintanzustellen und die interdisziplinäre Vernetzung zu suchen. [35]

Solange hier nicht der Mut für wirklich interdisziplinäre, über die Philologien hinausgehende Arbeitskonzepte und Projektskizzen aufgebracht und beispielgebende Proben eines solchen Vorgehens vorgelegt werden können, sind den nach wie vor großen institutionellen Widerständen Tür und Tor geöffnet. Dies zeigte sich gerade im Kontext der Hamburger Konferenz auf ominöse Weise und ausgerechnet in Folge der DFG-Zwischenevaluation: Zeitgleich mit der Durchführung dieser immerhin überaus interdisziplinär akzentuierten Konferenz scheinen infolge der DFG-Evaluation alle interdisziplinär ausgelegten Projekte der DFG-Forschergruppe gestrichen worden zu sein, und es verblieben vor allem fachgeschichtliche Projekte. (Das einzige andere Projekt – aus der Computerphilologie – wird im wesentlichen von der Universität Hamburg finanziert.) [36]

Die verbleibende Zeit dieser DFG-Forschergruppe wird also zwangsläufig hinter den bereits erreichten Stand der Interdisziplinarität zurückfallen und somit noch weiter davon entfernt sein, die bestehenden Desiderate hinsichtlich einer handlungswissenschaftlichen Neuorientierung der philologischen Narratologie einzulösen (vgl. Anm. 5). Der momentane Stand der Entwicklung legt also immer noch Zeugnis ab über jene schier unüberwindlich anmutende Spannung zwischen den beiden theoretisch-methodologischen "Extrempolen" der "Literaturwissenschaft und der Psychologie", wie GROEBEN, HURRELMANN, EGGERT und GARBE (1999, S.11f.) in ihrem Kontext der Lese- und Mediensozialisationsforschung feststellten. [37]

5. Kuriose gegen-aufklärerische Launen (auch) in Psychoanalyse und Sozialwissenschaften

Diese sehr komplexe und verfestigte wissenschaftsstrukturelle Situation gilt es zu bedenken, wenn man sich jene oben genannten, postmodernen und eigentlich esoterisch zu nennenden Auswüchse eines philosophischen Habitus vor Augen führt, der doziert, das seelische Trauma müsse dem narrativen Ausdruck "unverfügbar bleiben", und zwar "gerade deshalb", weil es ohnehin "dem Gedächtnis schon eingeschrieben" sei und ihm somit aus sozusagen fundamentalontologischen Gründen anheim gegeben ist (WEINBERG 1999, S.206). Dies gilt umso mehr, als gerade in jüngster Zeit vereinzelt festzustellen ist, dass dergleichen trauma-philosophische Kontemplationen zuweilen sogar in den Geschichts- und Sozialwissenschaften Fuß zu fassen vermochten. Deren Verführungskraft muss also recht hoch eingeschätzt werden, zumal doch für die Sozialwissenschaften im Allgemeinen ein wesentlich präziseres Empirieverständnis und höhere Fundierungsansprüche für die getroffenen Feststellungen kennzeichnend sind. Gilt doch, wie gesagt, gerade für die Historiografie in besonderem Maße, dass sie "eine kulturelle Praxis der Enttraumatisierung" sein muss (KROVOZA 2003, S.933). Dennoch kommt es mitunter auch dort – und zwar ebenfalls im Zusammenhang mit dem Thema der psychische Traumatisierung – zu Irrationalismen, die den geisteswissenschaftlichen durchaus vergleichbar sind. [38]

So z.B. verwehrt sich Michael S. ROTH zwar entschieden gegen die "übertriebene Behauptung" von dekonstruktivistisch orientierten Autor/innen, "Geschichte insgesamt sei irgendwie traumatisch" (1998, S.170). Dabei bezeichnet er dergleichen Feststellungen zutreffend als letztlich "nichtssagend" und akzentuiert die Notwendigkeit, differenzierte wissenschaftliche "Unterscheidungen" zu treffen, "mit deren Hilfe wir bestimmte Arten von Reaktionen auf bestimmte Arten von Erinnerungen und die damit verbundenen emotionalen Zustände verstehen können" (a.a.O.). ROTH selbst jedoch scheint tatsächlich nur die "Übertreibungen" dieses Ansatzes zurücknehmen und keine wirkliche Kritik und Alternative formulieren zu wollen – zu stark scheint die Verpflichtung der fundamentalontologischen Philosophietraditionen der Geisteswissenschaften auch hier zu wirken: Nicht nämlich eine Ontologisierung der Geschichte als Trauma, wohl aber eine geschichtsphilosophische Ontologie der Aporie der narrativen, medialen Repräsentation von psychotraumatischer Erfahrung überhaupt ist ROTHs theoretisches Bekenntnis. In diesem Sinn entgegnet der Historiker ROTH den Therapeut/innen, die stets auf die narrative Integration des Traumas hinzuwirken suchen, in einer warnenden – und zudem ein wenig HEIDEGGERisierenden – Geste: "Aber es geht etwas Be-drohliches von einer Integration" von traumatischer Erfahrung durch das Erzählen aus, "nämlich dass die schreckliche Vergangenheit durch die vorhandenen psychischen Schemata gereinigt werden könnten" und das "Trauma seiner Einzigartigkeit beraubt [wird]" (1998, S.167). Dadurch drohe eine "Trivialisierung", "Normalisierung" und "Banalisierung des Traumas durch eine narrative Lust[!]" (S.168). [39]

Dieses geisteswissenschaftliche Mantra der Klage über die Einzigartigkeits-Beraubung, Banalisierung etc. des Traumas findet sich kurioserweise auch im wichtigsten psychoanalytischen Organ Deutschlands, der Zeitschrift Psyche. Dort hat z.B. noch vor kurzem der Literaturwissenschaftler Stefan BRAESE (2003) ausführlich Kathy CARUTHs trauma-philosophische Setzungen in Erinnerung gerufen, was für den überaus lesenswerten und instruktiven Aufsatz über Primo LEVI überhaupt nicht notwendig gewesen wäre. Mit CARUTH konstatiert BRAESE, dass "das Trauma […] zum Zeugnis" werden soll, und ferner, dass "das Trauma", nicht etwa traumatisierte Personen, auch "zur Heilung gelangen" soll. Dabei beklagt CARUTH gleichzeitig, dass die hierfür unumgängliche "Umwandlung des Traumas in narrative Erinnerung" und "Verbalisierung" dazu führen kann, dass "die wesentliche Genauigkeit und starke Wirkung verloren gehen" und mit dem Erinnern ein "Verlust der für das Ereignis so wesentlichen Unfassbarkeit" einhergeht: "Stellt das Spielen mit der Realität der Vergangenheit nicht einen Frevel an der traumatischen Erinnerung dar?" [40]

Man wird dies sicherlich nicht so verstehen müssen, dass die Menschen, die Psychotraumata erlitten haben, auch mit unverminderter, "wesentlicher Genauigkeit und starker Wirkung" an ihnen leiden und vor deren "wesentlicher Unfassbarkeit" erstarren sollen. Wie aber dann? Eventuell meinte man hiermit stets vor allem die medialen, öffentlichen und gedenkpolitischen Darstellungen von Traumathemen und hatte die persönlichen Erzählungen von Betroffenen weniger im Blick. Aber wäre nicht schon dies eigentlich geschmacks-arrogant? Und beschneidet nicht, wer die medialen Darstellungsformen reglementieren und mit moralischen oder geschmacklichen Tabus belegen möchte, unweigerlich auch die Ausdrucks- und Linderungsmöglichkeiten der Betroffenen? Wie will man mit den medial archivierten Trauma-Narrativen umgehen, wenn die (erstgenerationalen) Opfer nicht mehr am Leben sind und der gesamte gesellschaftliche Trauma-Diskurs nolens volens mediengestützt sein muss? BRAESE jedenfalls referiert CARUTHs Ansatz kommentarlos-zustimmend und ergänzt zudem die von noch größerem philosophischen Trauma-Pathos gezeichneten Feststellungen Winfried G. SEBALDs, obwohl diese mit Walter BENJAMINs Begriffen von Gedächtnis und Erinnerung hantierenden Einlassungen doch höchstens halbwissenschaftlichen Status beanspruchen können: "Indem [das sich schreibend erinnernde Subjekt] das Gedächtnis aufgibt zugunsten der Erinnerung, die Verstörung zugunsten der Mitteilung, weiß es sich beteiligt an einem Verrat, der den Toten die Treue bricht" (zit. n. BRAESE 2003, S.969).8) Die Assoziation von Totenehrungen und CARUTHs Wort vom "Frevel an der traumatischen Erinnerung" machen – gerade auch mit Blick auf FISCHERs weiter unten zitierte Kritik an der allgemeinen philologischen Positionierung von Kunst als "sakrosankt" (2005, S.13) – deutlich: Wenn bei CARUTH nicht Menschen, sondern "das Trauma […] zur Heilung gelangt", geht es im Grunde um eine Heiligung des Traumas als kunstreligiösen Gegenstand, an dem die Geisteswissenschaften allemal mehr interessiert zu sein scheinen als daran, als Kulturwissenschaften zur psychosozialen Trauma-Integration und -Prävention beizutragen. [41]

Meine heuristische Frage vom obigen Absatz muss also neuerlich gestellt werden: Will dies heißen, dass die Menschen, die Psychotraumata erlitten haben, "die Verstörung" anstatt der nachweislich therapeutischen "Mitteilung und Erinnerung des Traumas" wählen und somit weiterhin an der Traumatik leiden sollen, nur damit nicht namentlich benannten Toten "die Treue gehalten" wird – und darüber hinaus vielleicht auch noch gewisse diskurspolitische Geschmacksansprüche erfüllt sind? Oder anders gefragt: Wie kommt es eigentlich, dass dergleichen in die Psyche Eingang findet? Es muss doch jeder/m Psychoanalytiker/in schnell klar werden, dass in dieser fatalen "Treue" wahrscheinlich ein psychotraumatologisch bedingtes zwanghaftes Schuldgefühl gegenüber "Toten" bestimmend ist (vgl. z.B. HIRSCH 1997, 2000), das eventuell auch unbewusst an einige tote Täter gebunden sein könnte, so pathetisch-evokativ und unspezifisch werden diese "Toten" angerufen. Umso weniger also taugen solche Äußerungen dafür, die theoretische Grundlegung eines analytischen Aufsatzes über das Shoah-Opfer Primo LEVI zu geben. Auch müsste bei etwas Recherche von Ressourcen der klinischen Psychotraumatologie hinsichtlich der Autorität heischenden Setzungen SEBALDs eher von einem Indiz auf "Traumasucht" und Wiederholungszwang gesprochen (WUTKA & RIEDESSER 2000) und SEBALDs Narrativ sorgsam dahingehend rekonstruiert werden. Dies liegt umso näher, als LEVI infolge des Erlittenen nachweislich selbst in eklatanter Weise an einem solchen Schuldgefühlszwang litt, was FISCHER und BASPINAR (zit. n. FISCHER 2000) überzeugend nachweisen, aber BRAESEs Artikel nicht berücksichtigt. [42]

Auch Udo HOCK (2003), der im selben Psyche-Sonderheft die Deckerinnerung als "Universalmodell für das Funktionieren von Kindheitserinnerungen" begreift und die FREUDschen Begriffe der "Wiederholung" und "Nachträglichkeit" als zwei wesentliche "Zeitfiguren der Psychoanalyse" heraushebt, gerät in ähnliches diskurs-strategisches Fahrwasser. Denn der ansonsten sehr lesenswerte Aufsatz versieht sein Schlussresümee mit teils missverständlichen und sogar anti-narrativen Überlegungen zum Geschichtsbegriff Walter BENJAMINs und bezieht sie mit diesem zurück auf Theodor REIK und dessen von ihm selbst als "absichtlich grob" bezeichnete Unterscheidung von "bewahrendem Gedächtnis" und "zerstörender Erinnerung" (S.836ff.). HOCK entnimmt daraus die einigermaßen aporie-melancholische Dichotomie: "Konservativismus des Gedächtnisses – Destruktivität der Erinnerung" (S.837). Dabei sind seine Ausführungen trotz aller Dialektik von dem deutlich spürbaren Impetus getragen, die "empfangenen Eindrücke vor ihrer Zerstörung [durch die "Erinnerung", H.W.] zu schützen" (S.836), ein Impetus, der, obwohl HOCK sich hier nicht explizit auf traumatische "Eindrücke" bezieht, an CARUTHs anti-narrative Sorge um den "Verlust der […] so wesentlichen Unfassbarkeit" des Traumas und SEBALDs Angst vor einem das Trauma banalisierenden Treuebruch mit den Toten erinnert. [43]

Die Aggressionslatenz dieser melancholischen Exegese REIKs tritt dort hervor, wo HOCK REIKs Bilder des Mumienzerfalls goutiert, der dann einsetzt, wenn die Mumien dem Sonnenlicht ausgesetzt werden, ferner dort, wo HOCK Sympathien mit jenen "Sprengungs"- und "Choc"-Obsessionen Walter BENJAMINs zeigt, die stets forderten, "den Gegenstand der Geschichte aus dem Kontinuum des Geschichtsverlaufes [herauszusprengen]". Denn dies entspricht freilich einem eher dissoziativen als therapeutisch-integrativen Vorgang, was der geisteswissenschaftlichen BENJAMIN-Konjunktur der Achtzigerjahre nie aufgefallen war und freilich auch nicht auffallen konnte (WEILNBÖCK 2005b). Zudem huldigt der Schlussgedanke von HOCKs Aufsatz einem wissenschaftlich gänzlich unmaßgeblichen Gedenken daran, dass der Analysegegenstand "[nicht] restlos in einem Kausalnexus aufgehen" oder sich "in einer vollständigen Historisierung, Symbolisierung, Übersetzung […]" auflösen soll (S.838), worüber man sich als voll säkularisierter Wissenschaftler eigentlich keine Sorgen zu machen braucht und soll. [44]

Dass man mit Theodor REIK keineswegs zwangsläufig zu solch BENJAMINischen und melancholischen Schlussgedanken kommen muss – zumal als Psychotherapeut –, dies kann dran abgelesen werden, wie HIRSCH (2004) einen längeren Absatz über Trauerarbeit beschließt. REIK werden hier nämlich die Begriffe des Erinnerns und Gedenkens entnommen, wobei das – narrative – Erinnern dem Durcharbeiten, "Betrauern" und der psychotherapeutischen Lösung zugeordnet wird und das "Gedenken" den Widerstand gegen diese Lösung bezeichnet: "Erinnern beschreibt eine Bewegung, verändert das Selbst und macht Platz für neue Objekte. Gedenken dagegen ist statisch […]" (S.106). HIRSCH bezieht sich hierbei auf HAAS' Diktum, dass das Gedenken "dem Vergangenen als Gegenwärtiges die Treue hält" (a.a.O.; HAAS 1995, S.156). Und HIRSCH lässt an Deutlichkeit der Schlussfolgerung nichts zu wünschen übrig: "Wie das Gedenken ist auch das Ressentiment das Gegenteil von lösender Erinnerung" (HIRSCH, S.106). [45]

Hingegen sind Hocks und BRAESEs Ableitungen von Begriffen der "zerstörenden Erinnerung", des Trauma-"Frevels", "Treuebruchs" etc. gegen Narration sowie Analyse und Explanation gleichermaßen gerichtet. Und dass dies in einem der Psychotherapie, Psychoanalyse und mitunter auch der Psychotraumatologie gewidmeten Organ nicht auf ein kritisches Echo getroffen ist, verblüfft. Es weist aber auch darauf hin, wie bereichsübergreifend die Tücken der Rephilologisierung und fundamentalontologischen Entempirisierung auch jenseits der Geisteswissenschaften zum Tragen kommen; – als ob der Wechsel des Gegenstandes, von der therapeutischen zur literarischen Ko-Narration, eine Referenz an den bildungsbürgerlichen Kulturpathos und dessen melancholische Begriffsschöpfungen abnötigte. [46]

In den Sozialwissenschaften, sozusagen auf den Nebenstraßen der wohlerzogenen bildungsbürgerlichen Verkehrsweisen, gelangt dann das geheime Potenzial an struktureller Aggression, das in diesem trauma-philosophischen und -melancholischen Habitus enthalten ist und einen seiner wesentlichsten Beweggründe darstellt, in weniger verdeckter Weise zum Ausdruck. So blieb der seit kurzem zu größerer Bekanntheit gelangte Sozialpsychologe Harald WELZER, der extensive Projekte der Zeitzeugenbefragung im Themenkreis des Zweiten Weltkriegs durchführte, nicht frei von der Versuchung, jenen im Moment allgemein grassierenden anti-empirischen und anti-therapeutischen Affekt aufzunehmen und ihm in einer überregionalen Tageszeitung mit starken Worten Ausdruck zu verleihen. Pauschale und mitunter unsachgemäße Bemerkungen über Trauma-Therapien waren die Folge: "Die Ideologie des Durcharbeitens und Konfrontierens schreibt den Opferstatus fest, obwohl sie ihn zu beseitigen vorgibt" (Frankfurter Rundschau vom 13.6.03, zit. nach MORGENROTH & REULEAUX 2004, S.272f.). Und noch deutlicher: "Jeder gute Therapeut wird jenem Bewältigungsstil Raum geben, der dem Patienten hilft; nur die schlechten halten sich an Glaubenssätzen fest – dass Erinnern grundsätzlich besser als Vergessen sei" (WELZER; FR 30.6.03, zit. n. a.a.O.). Dass das "im Trauma Vergessene" das "adäquat Bewahrte" ist – wie es oben bei WEINBERG hieß, scheint auch für WELZER zu gelten. [47]

Man hat also Anlass sich zu erinnern: Schon in dem weithin aufgenommenen Fischer-Taschenbuch Opa war kein Nazi (WELZER, MOLLER & TSCHUGNALL 2002), das sich mit den familienbiografischen Umdeutungen der historischen Schuldverstrickung der Großväter bei deren Kindern und Enkeln beschäftigt, ziehen WELZER et al. einen naiven, ja tollkühnen Schluss: dass nämlich diese familiär umgedichteten Geschichten, bei denen Täter und Mitläufer zu "widerständigen Großeltern und Urgroßeltern" werden, "unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt ein motivierendes Beispiel dafür geben, sich selbst couragiert zu verhalten, wenn nahe [sic!] Menschen bedroht oder verfolgt werden" (S.27, vgl. auch LOHL 2003). Sind dies Launen, Ausrutscher? Man bestaune jedenfalls das Paradox: ein anti-narrativer Narrationsforscher!, der für ein ganz pauschales "Vergessen" optiert oder in Familiengeheimnissen, Geschichtsklitterung und mystifizierenden Umdeutungen auch eine motivierende und für die Jugend bildsame Funktion zu erkennen vermag. Eine schwarze Geschichtspädagogik fürwahr, an deren "enttraumatisier[ender]" Wirkung (KROVOZA 2003, S.933) man Zweifel haben muss. [48]

Wer jedoch die inzwischen sehr reichhaltige Literatur über die transgenerationale Weitergabe von Psychotraumata und die transgenerationale Sozialdynamik von Individuen in (Groß-) Gruppen und Gesellschaften zur Kenntnis nimmt, wird freilich leicht erkennen, dass aus dergleichen dissoziativen Verdeckungen und Mystifizierungen prinzipiell keine nachhaltig zuträglichen Wirkungen bezogen werden können, für die nicht irgendwann, in welcher Währung auch immer, ein Preis des psychosozialen (Selbst-) Betrugs entrichtet werden müsste. Bei WELZER selbst z.B. schlägt sich dieser Preis in weiteren Fehlleistung nieder: Denn sein Konzept der "Zivilcourage" beschränkt sich ausdrücklich auf "nahe Menschen", wo es doch gerade zu deren Schutz in aller Regel keiner Zivilcourage bedarf, weil hier auch die weniger komplexen Handlungsimpulse ausreichen. Es ist in diesem eigenartigen Begriffs- und Narrationshorizont also gar keine "Zivilcourage" im eigentlichen Sinn vorgesehen, die sich eben nicht nur auf nahe, sondern gerade auch auf fremde Menschen beziehen muss, um Zivil- und keine rein persönlich motivierte Courage zu sein. Dass solche begrifflichen Unschärfen stets in Gefahr sind, Ressentiment-logisches Denken zu transportieren, deutet sich dort an, wo WELZER "Vermutungen" dergestalt äußert, die Tatsache, dass Zeitzeugen "die Vergangenheit beschweigen [würden]", wäre lediglich ein "Mythos", und zwar ein "von der 68er-Generation […] kultivierter Mythos von der schweigenden Kriegsgeneration" (WELZER et al. 2002, S.26). [49]

Man wird also nicht umhin können, in WELZER et al. mitunter auch Protagonisten eines affektbetonten Modus von Populärwissenschaft zu erkennen, der nicht mit anderen Formen der Vermittlung von Wissenschaft verwechselt werden darf. Und diesbezüglich darf in der Tat von gegen-aufklärerischen Launen gesprochen werden, die mit dem anti-narrativen Turn der geisteswissenschaftlichen Rephilologisierung strukturell korrespondieren. Mehr noch: Sie scheinen ihn bewusst ins Kalkül zu ziehen, wie auch diejenigen im Moment nicht unbeträchtlichen Teile des allgemeinen intellektuellen und öffentlichen Klimas, die der Versuchung erliegen, sich von dem Bemühen um die genaue analytische Rekonstruktion sozialer Sachverhalte abzuwenden und melancholisch-idealisierenden sowie ressentimenthaltigen Gesten im Zeichen der "Unfassbarkeit" und "heiligen Unaussprechlichkeit" hinzugeben. [50]

Was sich also zunächst wie lässliche Sünden der begrifflichen Ungenauigkeit ausnimmt, ist etwas sehr viel Komplexeres und gehorcht jedenfalls genau jenen "Gefühlserbschaften" und "Entlastungsdiskursen", die für Tätergesellschaften immer wieder beobachtet wurden (MORGENROTH & REULEAUX 2004, S.276ff. und LOHL 2003). Dies dürfte auch der Grund dafür sein, dass dergleichen an WELZER bisher kaum moniert worden ist. Ganz im Gegenteil: Die Wochenzeitschrift Die Zeit zeichnet jüngst ein geradezu hagiografisches Profil WELZERs als bemerkenswertem Jungakademiker, der "die Provokation liebt" und die Fachwelt mit seinen revolutionären Ansichten "in Atem hält" (Nr. 13; 18. März 2004). Auch kommt WELZER, als wegen der genannten Kruditäten über die Psychotrauma-Therapie eine Art Einlenken nicht mehr zu vermeiden war, mit einem frei nach ADORNO konstatierten Allgemeinplatz durch, dass nämlich "nur in der Übertreibung Wahrheit aufscheint" (Die Zeit, a.a.O.). Das öffentlichkeitspolitische Kalkül solcher gegen-aufklärerischen Launen scheint jedenfalls aufzugehen.9) [51]

Jede/r praktizierende Psychotherapeut/in, die WELZER, ROTH, WEINBERG und andere Vertreter/innen dieser schillernden Tradition der (Sozial-) Psychologie wahrnimmt, wird sich also immer wieder ungläubig die Augen reiben müssen. Und eigentlich auch jede/r kritische und methodenbewusste Kultur- und Gesellschaftswissenschaftler/in müsste dies tun – zumal es doch bereits GOETHEs Tasso gewesen ist, der ausrief: "Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide". Wissen doch Psychotherapeut/innen und kritische Gesellschaftswissenschaftler/innen nur zu gut, dass das "Narrative" und Analytische in der Kunst und Wissenschaft stets alle Hände voll zu tun hatte, geschehene Gewalt, so gut es geht, zu identifizieren sowie deren sozial- und psycho-therapeutisches Durcharbeiten auf den Weg zu bringen – und damit die grundlegende zivilisatorische Herausforderung anzunehmen, den Kreislauf der Weitergabe von Gewalt zu unterbrechen. [52]

Und müssten doch beide, die Kunst und die Wissenschaft, auch ermessen können, dass dieser Impetus gerade heute, in diesen Tagen der Rephilologisierung, die offensichtlich auch Tage der Identifikation mit den Aggressoren sind, im Ganzen vergleichsweise wirkungsschwach geblieben zu sein scheint. Denn das psycho- und sozio-dynamische Gesetz von der Erhaltung der Gewalt und der unwillkürlichen Weitergabe der Psychotraumatisierung, das, wie alle Gesetze des menschlichen Handelns, ein sehr strenges, aber kein unerbittlich zwangsläufiges Gesetz ist, scheint im gegenwärtigen Moment der kleineren und größeren Weltgeschichten seine Geltung mit besonderem Nachdruck durchsetzen zu können. FRICKE muss dies bei der Wahl seines Titels – Das hört nicht auf – vor Augen gehabt haben. Als einen der subtileren Wirkungsmechanismen dieses Gesetzes von der Erhaltung der Gewalt müsste man es also sicherlich ansehen, wenn sich Teile des Wissenschaftsbetriebs der westlichen, sich selbst als frei verstehenden Welt in solchen Zeiten aus Impulsen der Resignation und/oder des aggressionslatenten Ausagierens darauf verlegten, anti-narrative, anti-therapeutische und mithin gegenaufklärerische Affekte des manischen "Vergessens", der BENJAMINischen "Destruktions"-Verzauberung, der melancholischen "Erinnerungs"-Skepsis oder des vitalistischen Ressentiments der Therapeuten-Schmähung zu nähren. [53]

6. Tiefenpsychologische Literaturforschung im inneren Exil

Diese komplexe und verfahrene Situation der sich rephilologisierenden Geistes- und der von gegenaufklärerischen Launen geplagten Sozialwissenschaften muss man in Rechnung stellen, wo es auf hoffnungsvolle jüngere Bücher wie das von FRICKE aufmerksam zu machen gilt. Dann wird man auch sofort bemerken, dass deren Autor/innen zumeist gar nicht den akademischen Literaturwissenschaften angehören, sondern anderweitig tätig sind und aus blanker Leidenschaft für die Literaturwissenschaft ihre Arbeiten vorlegen. Neben FRICKE wäre hier aus letzter Zeit vor allem auch der von JAEGGI und KRONBERG-GÖDDE herausgegebene Band zu nennen, in dem 31 psychologische Betrachtungen über literarische und filmische Werke versammelt sind. Dabei sind die Beiträge, die die kulturanalytische Erschließungskraft von verschiedenen tiefenpsychologischen Begriffen und Modellen erproben, von 24 Autor/innen verfasst, die allesamt in (sozial-) psychologischen, psychotherapeutischen und pädagogischen Berufs- und Forschungsfeldern tätig sind und von denen keine/r einen literaturwissenschaftlichen Berufsweg geht. [54]

Für akademisierte Literaturwissenschaftler/innen hingegen scheint es sich inzwischen wie von selbst zu verbieten, in systematischer Weise tiefenpsychologische Perspektiven von Literatur zu erkunden. Auch im Umfeld der Freiburger literaturpsychologischen Gespräche, die nun seit über zwanzig Jahren in Deutschland die eigentlich einzige verbleibende Freistatt der Literatur-Psychoanalyse der vernünftigen Art darstellen und jährlich einen Konferenzband herausgeben, können entsprechende Beobachtungen gemacht werden. Denn gerade die literaturwissenschaftlichen Mitglieder dieser Gespräche, und vor allem diejenigen, deren Name fest mit der Literatur-Psychoanalyse verbunden ist, weil sie sich lebenslang intensiv mit ihr beschäftigt haben, sind zumeist schon emeritiert oder nicht weit davon entfernt. Andere Personen, die früher als Protagonist/innen dieser Forschungsrichtung gelten konnten, sind heute nicht mehr leicht als solche zu erkennen. Nachwuchs in aussichtsreichen Positionen oder Strukturen einer dahingehenden akademischen Nachwuchsarbeit sind kaum zu erkennen. [55]

Die psychoanalytische und tiefenpsychologische Literaturwissenschaft scheint also in eine Art inneres Exil gedrängt worden zu sein. An demjenigen akademischen Ort, wo man sie eigentlich erwarten dürfen müsste, nämlich in den Philologien und Literaturwissenschaften, ist sie kaum noch anzutreffen; dafür aber sprießt sie anderenorts und in außeruniversitären Feldern. [56]

Diese Situation kann in der Tat als ein Indiz dafür verstanden werden, dass die deutschen Literaturwissenschaften heute im Begriff sind, insgesamt und ohne Ansehen von Unterschieden wieder weitgehend "psychoanalysefrei" zu werden, wie Carl PIETZCKER dies in seiner literaturpsychologischen Wegbeschreibung für die unmittelbare Nachkriegszeit feststellt. Mit starkem Nachdruck, dem die Enttäuschung eingeschrieben ist, resümiert PIETZCKER:

"Die Nationalsozialisten hatten Deutschland nicht nur 'juden-, sondern auch psychoanalysefrei' gemacht; ihre Verbrechen wirken bis heute nach. Was die deutsche Literaturwissenschaft angeht, so hatte sie bis zur Studentenrevolte die spärlichen Ansätze psychoanalytischer Annäherung an die Literatur aus der Zeit vor 1933 nicht wieder aufgegriffen. […] in das Denken deutscher Literaturwissenschaftler drang sie nicht ein" (2003, S.64). [57]

Dass dies gerade auch für die heutige Zeit zutrifft, mag an der kürzlich von Gottfried FISCHER (2005) vorgelegten Sammlung von Literaturanalysen abzulesen sein. Im Rückblick auf mehr als zwanzig Jahre Beschäftigung mit diesem Arbeitsgebiet (vor allem auch in den Freiburger literaturpsychologischen Gesprächen) sieht FISCHER sich auch heute noch gezwungen, die "robusten Vorurteile" der Geisteswissenschaften gegen alles Psychologische zu beklagen, die eine sehr lange – auch auf vor 1933 zurückgehende – Tradition haben. Diese nämlich haben sich "mit den feinen Unterschieden", etwa dem "zwischen einer formalisierten vs. dialektischen Psychoanalyse" oder auch den Unterschieden zu anderen, problematischen Richtungen der an bestimmte Schulen fixierten Literaturkontemplation "gar nicht erst abgegeben" (2005, S.13). FISCHER führt diese Robustheit von Vorurteilen auf eine geisteswissenschaftliche Grundhaltung zurück, die, ähnlich wie oben anhand des anti-narrativen Turn bereits erörtert, einen großen Modernisierungsbedarf, ja im Grunde einen Säkularisationsbedarf erkennen lässt, denn sie weist der Kunst eine "sakrosankte Position" zu und huldigt einer Auffassung vom "Kunstwerk als Geheimnis":

"Das Kunstwerk als solches birgt ein Geheimnis, das wie ein Heiligtum zu hüten ist. Man mag das Kunstwerk bewundern, es ablehnen oder bekämpfen. Dies alles ist hinnehmbar. Das wahre Sakrileg jedoch ist seine 'Analyse'. Die wissenschaftliche Annäherung wird als 'Verrat' gewertet" (a.a.O.). [58]

Dieses Resümee wäre auch BRAESE oder der Psyche an die Hand zu reichen, wo immer der Versuchung nachgegeben wird, z.B. mit Verweis auf W.G. SEBALDs strenges und dissoziatives Schwarz-Weiß-Konstrukt davor zu warnen, die traumatologisch bedingte "Verstörung" nicht an die narrative "Mitteilung und Erinnerung" zu "verraten" und dadurch die Treue zu "den Toten" zu brechen (siehe oben, Absätze 3, 39ff.). Umso unausweichlicher jedoch scheint immer noch das innere Exil der psychoanalytischen und tiefenpsychologischen Literaturwissenschaft zu sein: auch Gottfried FISCHER ist nominell kein Germanist oder Literaturwissenschaftler, sondern Professor für den Bereich der klinischen Psychologie und der Psychotraumatologie. In den heutigen Literaturwissenschaften finden seine und PIETZCKERs Appelle nur (noch) wenig Gehör. [59]

7. Hannes FRICKEs Buch

Umso richtungsweisender ist Hannes FRICKEs Sammlung von psychotraumatologischen Literaturkommentaren, die von all dem nicht betroffen sind. FRICKE stellt die im Grunde handlungstheoretische Frage nach den "Bewältigungsmöglichkeiten der Literatur" in einer Welt voller Gewalt und bezieht seine psychologische Expertise aus gut fundierten klinischen Quellen: vor allem von FISCHER und RIEDESSER (1998) sowie von REDDEMANNs (2001) Arbeiten (ferner von FIEDLER 2000 und LEVINE 1998). So entstand eine Sammlung von Literaturkommentaren, die schon wegen der Fülle der angesprochenen Texte und Filme aus einem Fundus der internationalen Kanon- und Off-Kanon-Literatur überaus lesenswert ist und in ihrer Gliederung den Rubriken der speziellen Psychotraumatologie folgt (z.B. Vernachlässigung, Flucht und Vertreibung, Folter, sexualisierte Gewalt usf.). [60]

FRICKE beginnt – gut germanistisch – mit einem Blick auf GOETHEs Faust und zeigt, wie die frühe Fassung (der sog. Urfaust) mit großer psychotraumatologischer Authentizität Gretchens familienbiografische Vorgeschichte darstellt wie auch die akut-traumatologischen Zusammenhänge ihrer Unfähigkeit, mit Faust den Kerker zu verlassen. Da jedoch GOETHE seine eigene "Prosa" in ihrer "Stärke und Natürlichkeit […] ganz unerträglich" fand (zit. n. FRICKE S.23), hat er dann den "ungeheueren Stoff" in den "Reimen" der Endfassung idealisierend "abgedämpft". Unter der psychotraumatologischen Rubrik des "punktuellen traumatischen Ereignisses" behandelt FRICKE dann zunächst die Batman-Comics aus den Dreißigerjahren. Das Sujet des früh traumatisierten, aber übermächtigen Retters und Rächers aller Verbrechen hat im Kino des letzten Jahrzehnts eine weit reichende Wiederbelebung erfahren und nachgerade eine eigenes Genre gebildet (dem z.B. auch Joanne ROWLINGs Erfolgs-Romanserie Harry Potter zuzurechnen wäre). Im spezifischen Modus der Bildabfolge des Comics findet FRICKE das "paralogische", dissoziative Strukturgesetz von Trauma-Erinnerung und Flashback auf. Bemerkenswerterweise stellt FRICKE hier eine Überlegung auf formanalytischer Ebene an, der ja grundsätzlich eine hohe interaktionsanalytische Relevanz zukommt. [61]

Myron LEVOYs Jugendbuch Der gelbe Vogel (1977) erzählt darüber, wie ein in die USA emigriertes, von Gestapo-Schergen schwer traumatisiertes Mädchen im Kontakt mit einem Nachbarjungen über das Medium des Puppenspiels wieder beginnt, zu sprechen und Wirklichkeitskontakt herzustellen. Das schwere und schöne Wachsen einer seelischen Heilung scheitert jedoch zunächst auf eindrückliche und nur psychotraumatologisch begreifliche Weise an einer Szene des inneramerikanischen Antisemitismus. In methodologischer Hinsicht setzt FRICKE Mittel der Textanalyse und der kontextuellen sekundärwissenschaftlichen Sachrecherche ein. Er paraphrasiert zunächst den Handlungsverlauf des Plots und schließt dann gezielt die Begriffe und Befunde der Psychologie der mentalen Traumata an; dadurch bringt er sich in die Lage, die psychotraumatologischen Phänomene genauer nachzuzeichnen und in ihrem Zusammenhang mit dem Romangeschehen zu erhellen. Viele Inhalte der Texte gewinnen dadurch eine neue, bisher ungesehene Verständnisdimension. Dabei kommt FRICKE mit nur ganz sporadischen – manchmal jedoch zu knappen – theoretischen und klinischen Exkurse aus und bezieht sich im Wesentlichen auf einige einleitende Seiten über psychotraumatologische Grundbegriffe. [62]

Als weiteres Beispiel in der Rubrik des "punktuellen traumatischen Ereignisses" wird der monomane Rachedurst angeführt, mit dem MELVILLEs Ahab den Wal Moby-Dick verfolgt und dabei den schwer traumatisierten Schiffsjungen Pip als Quasi-Bruder zu sich nimmt. So recht "punktuell" sind freilich nur die wenigsten Psychotraumata, denn das traumatische Erleben wie auch die Verarbeitung sind ein Prozess, in den die gesamten lebensgeschichtlichen Dispositionen der Person mit eingehen. So mutmaßt bereits der Matrose Ismael, Ahabs Hass stamme aus der Zeit vor dem Unfall mit dem Wal (S.43). Dies gilt insbesondere auch für Arundhatis ROYs Roman Der Gott der kleinen Dinge (1997), der die innere und äußere Gewalt der indisch-hinduistischen Kastengesellschaft zur Darstellung bringt und zu einem undurchdringlichen Geflecht aus familiärer, psychischer und staatlicher Gewalt verdichtet. [63]

Agota KRISTOFs gleichermaßen atemberaubende wie erdrückende Roman-Trilogie – Das große Heft (1986), Der Beweis (1988), Die dritte Lüge (1991) – wird in überzeugender Weise als narrative Rekonstruktion einer innerfamiliären Gewaltszene zu Kriegszeiten begriffen, die sich zunächst kryptisch in den albtraumartigen, quasi-psychotischen Wahnbildern des Kindes darstellt, bis die traumatischen Erlebnisse im dritten Roman erkennbar werden. Seit man weiß, dass die von den Eltern verschwiegenen traumatischen Ereignisse und Gewalttaten sich nonverbal auf die Kinder übertragen und mitunter in deren Träumen re-inszeniert werden (Christa SCHMIDT 2004), wird man KRISTOFs Romanwelt auch mit neuem wissenschaftlichen Interesse lesen. Auch Binjamin WILKOMIRSKIs kontroverse Autobiografie Bruchstücke (1995), in der der Autor im Zuge einer psychotherapeutischen Behandlung eine frühe Kindheit im KZ halluziniert, fasst FRICKE unter der Rubrik der "beziehungstraumatischen Vernachlässigung" sowie der "sequentiellen Traumatisierung". Die Rekonstruktion der tatsächlichen Kindheitsgeschichte des Schweizer Autors Bruno DÖSSEKKER, die sich zwischen verschiedenen ungeeigneten Pflege- und Adoptiveltern bewegt, macht deutlich: die zum autobiografischen Roman geronnene Fantasie eines frühen KZ-Schicksals ist "narrativ wahr", während sie faktisch unwahr ist.10) [64]

Als eine hierzu vergleichbare literarhistorische Begebenheit wäre das Schicksal der amerikanischen Lyrikerin Sylvia PLATH zu nennen, die zum Höhepunkt der internationalen Berichterstattung über den Eichmann-Prozess in Jerusalem ihre so genannten Holocaust-Gedichte schrieb, sich jedoch kurz darauf durch Gas das Leben nahm (YOUNG 1997, S.190ff.). Die von FRICKE gestellte Frage nach den "Bewältigungsmöglichkeiten […] in der und durch die Literatur" (FRICKE S.223) wird also mit großem Bedacht und ohne wohlfeiles Vorschuss-Zutrauen zur heilenden Kraft des Wahren, Schönen und Guten in der Kunst zu behandeln sein. Ferner wird deutlich: Wichtiger als die moralisch-geschmackliche Frage, wie man über die Shoah schreiben dürfe, ist die wissenschaftliche Frage, welche Verfahrensmodi des Erzählens und Erinnerns zum individuellen und gesellschaftlichen Durcharbeiten von traumatischen Ereignissen bzw. Erlebnissen beitragen können. Denn DÖSSEKKER, der noch heute an seiner fantasmatischen Frühbiografie festhält, ist sein eigener Roman – und seine Psychotherapie – nicht deshalb nicht gut bekommen, weil er sich eines Verstoßes gegen die vergangenheitspolitische Etikette schuldig gemacht hätte, sondern weil er einer weit reichenden projektiven Verdeckung seiner eigenen, tatsächlichen Traumageschichte aufgesessen ist. [65]

Die psychotraumatologische Rubrik der Vernachlässigung beschließend, betrachtete FRICKE Peter HOEGs Der Plan von der Abschaffung des Dunkels (1995). Der Roman handelt von tief verhaltensgestörten, "chancenlosen" Heim-Kindern und -Jugendlichen aus schlimmen Verhältnissen. Hierbei zeigt sich neben den kumulativen psychotraumatischen Zuspitzungen im Heim, wie die Beziehung zu gleichaltrigen Leidensgefährt/innen langfristig Biografie-rettend sein kann. Der Protagonist wird letztlich sogar eine eigene Familie gründen und damit beginnen, seine Geschichte aufzuschreiben. [66]

Die psychosoziale Deformation von Frontsoldaten durch die Kriegserfahrung schildert FRICKE anhand von Christa WOLFs Kassandra (1983), TOLKIENs Herr der Ringe (1954) sowie dem Buch und einem Film über den amerikanischen Kino-Helden Rambo, der die Dschungelkriegsführung aus Vietnam zuhause gegen die eigene Staatsmacht einsetzt. In diesen Texten werden im Wesentlichen drei biografische Grundformen der Verarbeitung von schwer traumatisierenden Kriegserfahrungen thematisiert: das Aufschreiben der Erfahrungen, die Gründung einer Familie sowie der soziale Zusammenschluss in einem Veteranenverein. Interessant ist der Hinweis auf Jonathan SHAYs (1998) historiografische Belegführung dahingehend, dass das Katharsis-Konzept des athenischen Theaters, dessen Chor aus jungen Soldaten bestand, vor allem dazu diente, die psychosoziale Reintegration der Kriegsteilnehmer in die demokratisch zivilisierte Ordnung zu unterstützen (FRICKE, S.250). [67]

Unter der psychotraumatologischen Rubrik "Folter und organisierte Gewalt" geht FRICKE zunächst auf Andreas GRYPHIUS' Barock-Drama Catharina von Georgien (1657) und Hans Jacob Christoph von GRIMMELSHAUSENs Simplicissimus (1668) zurück und markiert mit zweiterem die historische Zäsur am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, an der sich die Möglichkeit des persönlichen Ausdrucks von traumatischer Schmerzerfahrung eröffnet. Mit Georges ORWELLs 1984 (1949) ist die psychologische Folter thematisiert; dabei sieht FRICKE in der Double-Bind-Kommunikation einen wesentlichen Grundmechanismus von Beziehungstraumatik. In Ariel DORFMANNs Theaterstück Der Tod und das Mädchen (1991; in POLANSKIs Verfilmung 1994) treffen ein Folteropfer und ihr Täter aufeinander, und es stellt sich die Frage der persönlichen und gesellschaftlichen Verarbeitung nach dem Untergang eines Folterregimes. In ähnlichen Hinsichten wird auch Inka PAREIs Roman Schattenboxerin (2003) angesprochen, in dem ein Vergewaltigungsopfer zur Kampfsportlerin wird. Mitreflektiert wird hier, dass die Bestrafung der Täter mit Jan Philipp REEMTSMA (1991) nicht "Wiedergutmachung" ist (und auch nicht Genugtuung oder das in den USA im Kontext der Todesstrafe diskutierte "Recht auf therapeutische Rache"), sondern dass es hierbei um "die Abwendung weiteren sozialen und auch psychischen Schadens" geht, der infolge von Ereignissen der Gewalt und Rechtlosigkeit zu erwarten steht (FRICKE, S.145). [68]

Henning MANKELs Migrations- und Asylant/innen-Drama Zeit im Dunklen (2003) eröffnet die psychotraumatologische Rubrik "Flucht und Vertreibung". Nachdem bei der von Schleppern animierten Flucht die Mutter umgekommen ist, geraten Vater und Tochter in eine quasi-psychotische Kollusion. Günter GRASS' Im Krebsgang (2002), dessen Titel wahrscheinlich auf Christa WOLFs Kindheitsmuster Bezug nimmt (S.166), handelt von den drei-generationalen Wirkungen, die die Zerstörung des am Ende des zweiten Weltkrieges torpedierten Flüchtlingsschiffs Wilhelm Gustloff in der Familie einer Überlebenden hinterlassen hat, deren Enkel rechtsradikal wird und ein antisemitisches Gewaltverbrechen begeht. Hier hätte es sich aus klinisch-psychologischer Perspektive angeboten, eingehender auf die inzwischen beträchtlich angewachsene und zunehmend differenzierte Literatur zur transgenerationalen Weitergabe von psychotraumatischen Affekt- und Bewusstseinsgehalten hinzuweisen11) und sie an GRASS' Roman, der sich hierfür vorzüglich eignet, genauer nachzuzeichnen. [69]

Die Rubrik "sexualisierte Gewalt" wird durch OVIDs Metamorphosen und Heinrich Leopold WAGNERs Sturm-und-Drang-Drama Die Kindermörderin (1776) eröffnet, in dem die Protagonistin nach Vergewaltigung und gesellschaftlichem Druck vor dem Vater flieht und das Neugeborene tötet. Die "tugendlallende" Bearbeitung für den Theatermarkt, zu der sich WAGNER veranlasst sah, biegt die tragischen Ereignisse ab und erzwingt ein augenzwinkerndes Happyend, dessen verquere bürgerliche Moral letztendlich der Frau die Schuld an allfälligen sexuellen Übergriffen von Männern zuweist. In Yann QUEFFÉLECS' erschütterndem Roman Barbarische Hochzeit (1989) über eine traumatisierte Mutter und deren in einer Vergewaltigung gezeugten Sohn wird die Dynamik der transgenerationalen Weitergabe von unbewältigten Gewalterlebnissen berührt, bis hin zu halluzinierten Visionen des Sohns, in denen Details der von der Mutter dissoziierten Traumaszene aufscheinen (vgl. neuerlich SCHMIDT 2004); dabei sollte allerdings eher von quasi-psychotischen Introjekten als von Flashback gesprochen werden. [70]

Die in der Tat brisante Frage nach "Täterschaft und Traumatisierung" stellt FRICKE zunächst anhand von Bernhard SCHLINKs Der Vorleser (1997). FRICKE akzentuiert die Missbräuchlichkeit und Dominanz der ehemaligen KZ-Aufseherin und Analphabetin Hanna, die sich vom jugendlichen Protagonisten vorlesen lässt und diesen Dienst sexuell entgilt, geht dann aber nicht so sehr auf den Text als auf historisches Material aus dem Majdanek-Prozess ein (S.194f.). Täterschaft wird ferner anhand von Thomas HARRIS' Roman-Trilogie über den Psychopathen und Psychiater Hannibal Lecter thematisiert – Der rote Drache (1982), Das Schweigen der Lämmer (1989), Hannibal (1999). Dabei wird in erhellender Weise die psychotraumatologische Verwandtschaft zwischen dem jeweiligen psychopathischen Verbrecher, dem/r engagierten Strafverfolger/in und dem beratenden Psychiater herausgearbeitet. FREUDs Begriff der "oralsadistischen Entwicklungsstufe" ist dabei heute sicherlich weniger hilfreich als die Konzepte der dissoziativen prä-psychotischen Täterintrojekte (S.204f.), deren Wirkungsweise in den Romanen und Verfilmungen psychologisch präzise umgesetzt wird. [71]

Henning MANKELLs Held in Vor dem Frost (2003), der psychose-nahe (bzw. tief-integriert borderline) Stefan Fredmann, will seine Schwester rächen, die vom Vater sexuell missbraucht und an einen Kinderpornografie-Ring verkauft wurde und schließlich in eine psychiatrische Institution eingewiesen wird. Mittels Recherche von textuellen Hinweisen arbeitet FRICKE heraus, inwiefern Fredmann in seinen Rachemorden mit der Biografie des legendären Apachen-Indianers Geronimo identifiziert ist, dessen Lebensgeschichte von der Tötung seiner gesamten Familie geprägt war, wie auch mit der Figur des legendären FBI-Gründers Edgar Hoover, der eine Zentralfigur anti-kommunistischer Säuberungen der McCarthy-Ära in den USA war und dessen Persönlichkeitsprofil stark paranoide (höher-integrierte borderline) Merkmale aufwies. Weiter Bezüge reichen in verschiedene Märchenstoffe. [72]

8. Einige kritische Anmerkungen

Wenn man angesichts dieser bemerkenswerten Sammlung und weit gehend trefflichen Kommentierung von zeitgenössischer internationaler und teils überaus erfolgreicher Literatur über menschliche Leidenszusammenhänge noch einige Wünsche offen haben darf: Zielführender als der allzu philologische Impetus, systematisch ein Genre oder eine Textsorte der Trauma-Erzählung zu konstituieren und deren Kennzeichen zu definieren scheint es, den jeweiligen Einzeltext mit noch größerer Genauigkeit auf die spezifischen narrativen Verfahren hin zu untersuchen. Dass dies bei FRICKE nur im Ausnahmefall möglich war, ist auch durch die hohe Anzahl der behandelten Texte bedingt, die man jedoch nicht missen möchte. 23 literarische Texte und Filme können – in einem Band zusammengeführt – keine jeweils gleichermaßen ausführliche Feinanalyse und Strukturrekonstruktion erfahren. [73]

Aber auch der systematische Impetus als solcher muss sich seiner Grenzen bewusst bleiben: Die allgemeinen Struktur-Kennzeichnungen von Traumatexten, d.h. von fiktionalen Narrativen über schwer belastende und traumatische Erlebnisse, die FRICKE in provisorischer Weise zusammenstellt – Parataxe, einfache Wortwahl, Formen der Auslassung und des Erzählabbruchs, plötzliche Themenwechsel, eigentümlich insistierende Wiederholungen und auktorial unvermerkte Rekurrenzen, eine stark diskontinuierliche Zeitstruktur bzw. "eine seltsam schimmernde Form des Präsens" (FRICKE, S.231)12) –, sind durchaus aufschlussreich und auch aus klinischer Sicht erhellend; als textanalytische Befunde jedoch, die ja dem Einzelwerk bzw. der individuellen Autor/in gerecht werden sollen, bleiben sie zu allgemein. [74]

Der akademische Impetus, eine deduktive Ordnung von Genres oder Textsorten zu bilden, ist jedoch keineswegs nur für geisteswissenschaftliche Kontexte bezeichnend. Ein ähnlicher Impetus findet sich mitunter auch in der Psychologie und sogar in der narratologischen Psychologie. Es hat vielleicht mit der Wirkung eines z.B. von Autor/innen wie FOUCAULT beschriebenen Macht- und Ermächtigungsdispositivs in den Wissenschaften zu tun, dass die einlässliche, empirie-nahe und ergebnisoffene Annäherung an den Forschungsgegenstand, die für die jüngeren abduktiven, qualitativen Verfahren kennzeichnend ist, eher hintangestellt wird, wenn es darum geht, aus großen Beschreibungshöhen eine umso umfassendere Systematik und abstrakte Modellierung der phänomenalen Welt skizzieren zu können. So legt z.B. auch der Ansatz von Wolfgang KRAUS (1996), der immerhin als einer der ersten mit seiner Dissertation (Das erzählte Selbst) in Deutschland eine narrative Psychologie verfolgt und die situative und variable Identitätsbildung von Jugendlichen in der Spätmoderne narratologisch zu ermitteln versuchte, den Schwerpunkt darauf, "idealtypische Narrationstypen" zu isolieren. [75]

Bei einem solchermaßen deduktiven, auf formen- und genrelogische sowie systematische Erfassung orientierten Zugang stellen sich prompt, wie MEY (2001) trefflich kommentiert, methodologische und wissenschaftsethische Probleme ein, die im Grunde auch von den Literaturwissenschaften bedacht werden müssten. Zum einen nämlich vermag KRAUS' Arbeit mit der Empirie, die als Versuch, "Identitäten zum Sprechen" und zum Erzählen zu bringen, begriffen wird, nicht ganz zu überzeugen (MEY, Abs. 14ff). Deren auch von KRAUS selbst wahrgenommene Defizite sind durch den Hinweis auf eine noch ausstehende methodologische Konsolidierung nicht wirklich auszuräumen (Abs. 15), weil eher grundsätzliche Konzeptionslücken zu bedenken wären. Und, so MEY (a.a.O), "wirkt die empirische Studie ein wenig 'wie angehängt'", weil kein wirklich aussagekräftiges autobiografisches Material zugrunde gelegt wird und das Verfahren Gefahr läuft, "auf dem biografischen Auge blind zu sein". [76]

Zum anderen, und KRAUS problematisiert dies sympathischer Weise selbst, ist die angemessene Erfassung und der forschungsethische Umgang mit dem Aspekt des Leidens nicht gewährleistet, der in den Erzählungen von Jugendlichen in der Spätmoderne zwangsläufig auftaucht, wie er auch Gegenstand von fiktionaler Literatur ist. Dadurch ist freilich die Perspektive der Psychotraumatologie und Psychotherapiewissenschaft direkt betroffen: "Als Auswerter leide ich darunter […] keine Möglichkeit zu haben, in irgendeiner Weise helfend darauf [auf "tiefe Unsicherheiten" der Interviewten, H.W.] einzugehen" (Kraus, zit. n. MEY 2001, Abs. 16). Empirisch und wissenschaftsethisch weiter führend ist hier die narratologische Biografieforschung auf der Methodenbasis des narrativ-biografischen Interviews (LUCIUS-HOENE & DEPPERMANN 2002), die der sozialwissenschaftlichen Narratologie eine "strikt empirische Wendung" ermöglicht (SCHWABE 2003, Abs. 1). [77]

Der entsprechende geisteswissenschaftliche Impetus des Bildens abstrakter Ordnungen von Genres, Textformen, ideen- und formgeschichtlichen Epochen etc. birgt ähnliche Probleme, die man unter dem Aspekt der mangelnden heuristischen und anwendungsorientierten Fruchtbarkeit des akademischen Tuns subsumieren kann; Probleme, denen sich die Geisteswissenschaften jedoch nicht in annähernd vergleichbarer Weise auch stellen müssen wie die Psychologie. Quereinsteiger/innen bzw. innere Exilant/innen der Literaturwissenschaft wie FRICKE oder JAEGGI und KRONGBERG-GÖDDE hingegen tun dies sozusagen freiwillig und treiben somit die Weiterentwicklung der handlungswissenschaftlichen Dimensionen von kulturellen Gegenständen voran. Umso ratsamer ist es, jene "tiefen Unsicherheiten" bzw. die Leidensaspekte gerade auch im Kontext von literarischen Thematisierungen möglichst sensibel, genau und methodisch transparent zu erfassen und ihnen somit – jenseits von Fragen der bloß formalen Genrezuordnung und der systematischen Deskription – auch wissenschaftsethisch zu entsprechen. Dieser Vorsatz ist auch jedem rein kasuistischen Gebrauch von Literatur anzuempfehlen, dessen Absicht sich auf die Veranschaulichung von psychopathologischen Syndrombildern konzentriert (WEILNBÖCK 2006). [78]

Die genaue Inhalts- und Formanalyse der Texte hat dabei Priorität; und diese kann durch eine auch noch so interessante thematische Sachrecherche nicht aufgewogen werden. Wenn FRICKE z.B. Material aus dem Majdanek-Prozess referiert, kann dies für die Untersuchung von SCHLINKs Vorleser nicht einstehen (S.194f.), ebenso wenig wie der bloße Hinweis auf eine zweifellos bemerkenswerte Untersuchung über die Spätwirkungen von Kriegstraumata bei Menschen in heutigen Altersheimen für GRASS' Krebsgang oder der Verweis auf experimentelle Tierversuche für PAREIs Schattenboxerin wesentliche Aufschlüsse zu bieten hat (S.168, 190). Und dass die alten Griechen bei Homer im Gegensatz zu den amerikanischen Vietnam-Soldaten ihre Toten rituell begruben und nachts nicht kämpften, wird nur ganz peripher zum erzählanalytischen Verständnis von Rambo beitragen (S.119; 1972; verfilmt 1982). [79]

Auch Ausflüge in weithin bekannte, allgemeine anthropologische oder kulturtheoretische Quellen von Stanley MILGRAM, Petrowitsch PAWLOW bis Norbert ELIAS haben nur wenig Tragweite; zumal manches Wichtige, wie z.B. die Darstellung der komplexen Zusammenhänge der transgenerationalen Weitergabe von traumatischen Affekt- und Handlungsstrukturen (S.181), durchaus genauer ausgebreitet werden könnte. Auch die Frage der "Täter-Traumatisierung", die FRICKE dankenswerter und couragierter Weise aufwirft (S.168), kann heute bereits differenzierter aufgefächert werden. Und was die LEVINE entnommenen psychodynamischen Begriffe der "aufgestauten Energie" anbetrifft (S.17, 48), gehen sie wohl auf das FREUDsche Dampfkessel-Modell zurück und können heute nur als eingeschränkt hilfreich gelten. [80]

Mancherorts besteht auch noch ein wenig interpretatorischer Differenzierungsbedarf: Wenn z.B. das Folteropfer Paulina (bei DORFMANN) zur Klärung der Identität des Täters eine gezielte Fehlinformation einsetzt, ist die Annahme, sie hätte dieses Verfahren von ihrem Folterer gelernt, nicht zwingend schlüssig, wie es ferner unangemessen ist, angesichts dieser kleinen, zweckvollen und mithin gerechtfertigten Unaufrichtigkeit weiter reichende Überlegungen darüber anzustellen, dass "Folterer und Gefolterte einander ähnlich geworden" wären (S.150). [81]

FRICKEs Kritik an den oben bereits angesprochenen wissenschaftspublizistischen Formen des "eleganten Unsinns" ist trefflich – hier wird auf SOKAL und BRICMONTs (1999) Titel zum Missbrauch der Wissenschaften durch poststrukturalistische/postmodernistische Denker/innen Bezug genommen. Dabei hätte FRICKE gar nicht so einlässlich und genau gegen diese Theoreme argumentieren und sich somit ex negativo letztlich doch noch von ihnen in Bann schlagen lassen müssen. Denn dergleichen Einlassungen sind ja selbst nicht wirklich argumentativ, sondern eher evokativ, suggestiv verfasst und eben: "doppelbindend" (S.230ff.). Indem aber FRICKE sich dennoch in den heillosen Versuch verstricken lässt, einem postmodernen Autoren zu widersprechen, legt er auf sympathische Weise auch persönliches Zeugnis davon ab, wie tief empfunden seine Schlussfolgerung ist, dass die Doppelbindung das Grundprinzip der psychischen Gewalt ist (S.136). [82]

Freilich sollte man darüber nicht vergessen, dass der "elegante Unsinn" angesichts der flächendeckenden und zum Teil durchaus subtil verfahrenden Abwehr der Geisteswissenschaften gegenüber jeglicher trans-philologischer Interdisziplinarität ein im Grunde nachrangiges Problem bzw. deren Epiphänomen darstellt. Auch FRICKEs Kritik an der philologischen Narratologie ist keineswegs unberechtigt. Es müsste ihr aber noch mehr Substanz verliehen werden, indem genauer auf die selbst dort, bei der sehr viel empirie-näheren Wissenschaft vom menschlichen Erzählen, vorfindliche Abwehrhaltung gegenüber den interaktionalen, psychoaffektiven und tiefenpsychologischen Dimensionen eingegangen wird. Man muss deshalb jedoch nicht gleich die GENETTEschen und andere eher handwerklichen Instrumente der literarischen Erzähltextanalyse gering schätzen (S.237ff.), auch wenn deren rein deskriptive Perspektive in der Tat ungeeignet ist, das mentale Handeln in und mit der Literatur zu begreifen, das FRICKE vor Augen hat. [83]

Noch viel weniger sollte man sich, und sei es nur in einer Anmerkung, der zwiespältigen Sorge hingeben, ob "der konstruierte Trauma-Diskurs nicht wieder nur ein Diskurs [ist], der als Versuch, das undarstellbare Geschehen darzustellen, selbst ein Surrogat […] ist, das die tief Verstörten gebraucht und so missachtet" (S.104). Gerade ein so ernsthaft interdisziplinär orientierter Literaturwissenschaftler wie Hannes FRICKE muss sich diesem – unsachgemäßen – moralischen Skrupel nicht aussetzen. Und er sollte dies umso weniger, als es sich dabei um eine traditionelle philologische Demutsgebärde handelt, die sich gewaschen hat: Denn es ist doch genau diese ehrfürchtig-melancholische Geste, die unter anderem auch dafür in Dienst genommen wird, jegliche interdisziplinäre, handlungs- und nicht nur textwissenschaftliche Herangehensweisen an ästhetische Gegenstände abzuwehren bzw. moralisch zu delegitimieren. Wo also mit Pathos die diskurs-strategische Unberührbarkeit, "Autonomie" und der "Eigenwert" der hohen Kunst beschworen und gegen jeglichen "Diskurs" verteidigt wird, geht es nicht selten im Grunde darum, die grandiose Richtlinienkompetenz der traditionell-philologischen Hermeneut/innen vor der Infragestellung durch interessierte Vertreter/innen anderer Fächer zu schützen – und das kann FRICKEs Interesse nicht sein. [84]

Nein, worauf FRICKE sich zubewegt, das ist nicht Diskurs, sondern Wissenschaft – qualitativ-empirische Wissenschaft; Diskurs dagegen ist lediglich ein kleiner, zur Not entbehrlicher Teil von Wissenschaft. Denn das besondere Verdienst von einem Buch wie diesem ist es, dass es in wissenschaftspolitisch unwegsamen Zeiten in aller Unschuld eine im Grunde handlungstheoretische Literaturwissenschaft anvisiert, die in der Tat die "Bewältigungsmöglichkeiten" für traumatische Erfahrungen "in der und durch die Literatur" erforschen könnte (S.223). Dies stellt ein großes Desiderat einer interdisziplinären Literatur- und Kulturforschung der Zukunft dar, das gerade heute weit entrückt scheint. Dass FRICKE selbst diese Aufgabe in diesem Rahmen letztlich nicht wirklich anzugehen vermag und z.B. keine systematischen rezeptionsästhetischen Überlegungen zu seinen Texten anstellt, geschweige denn handlungstheoretische und empirische Literaturforschung betreibt, ist umso verständlicher, wenn man bedenkt, welcher Aufwand hierfür eigentlich erforderlich wäre. [85]

Denn: Handlungstheoretische Literaturforschung ernst genommen kann eigentlich nur in einem qualitativ-empirischen Setting der Rezeptionsforschung mit Leser/innen sowie ggf. der Produktionsforschung mit Autor/innen betrieben werden. Wie gesagt: Will "Philologie konsequent […] Humanwissenschaft" sein, muss sie "sich mit Texten und mit Menschen [befassen]" (ANZ 1998, S.229). Und auch für die Textanalyse wird ein Verfahren zu entwickeln und einzusetzen sein, dass die gängigen hermeneutischen Interpretationsverfahren an methodologischer Transparenz und intersubjektiver Gültigkeit der Befunde übertrifft. Geht es hier doch darum, die interaktionalen Potenziale von Texten zu rekonstruieren; und mit der "interpretatorischen" Zuweisung von "Bedeutungen" ist da kaum etwas auszurichten. Dieser Aufwand wird letztlich freilich unverzichtbar sein. Er kann aber nicht von Einzelnen aufgebracht werden, sondern bedarf der entschiedenen Unterstützung und des Vertrauens der Institutionen von Germanistik und Literaturwissenschaft. Im Gegenzug wird man dann jedoch nicht mehr darauf zurückgeworfen sein, lediglich spekulativ mutmaßen zu können, wer was wie "in der und durch die Literatur" psychisch bearbeitet und möglicherweise "bewältigt" hat. [86]

Bis dahin jedenfalls wird man sich in diesen Fragen vorsichtshalber der scheinbar nahe liegenden allgemeinen Vermutungen enthalten müssen. Dass "eine Ich-Erzählung meist eindrücklicher [wirkt] in der Schilderung traumatisierenden Leides" ist eine kaum hilfreiche Setzung, zumal ungeklärt bleibt, von welchen Wirkungen und "Eindrücklichkeiten" im Einzelnen die Rede ist und anhand welcher Kategorien diese zu isolieren wären. BACHTINs Polyphonie-Begriff, der die Mehrstimmigkeit von "verschiedenen Bewusstseinen" (bei DOSTOJEWSKIJ) als Ausdrucksform der Dissoziation begreift, ist klinisch stimmig und könnte hierzu einen wichtigen Anhaltspunkt geben. Jedoch wäre die nähere Bestimmung eines Differenzial-Kriteriums der dissoziativen versus assoziativen Vollzüge des Erzählens und narrativen Rezipierens notwendig (S.246), dessen sich die narratologische Entwicklungspsychologe jedenfalls bewusst ist, wenn KRAUS im Kontext der Kritik von Postmoderne-Konzepten den Begriff des "dissoziierten Selbst" und der "multiplen Persönlichkeitsstörung" diskutiert (S.61, zit. n. MEY 2001) und damit eigentlich auf den zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratenen Fredric JAMESON (1986) rekurriert (vgl. auch WEILNBÖCK 2005b). [87]

Viel jedenfalls ist heute schon dann gewonnen, wenn Philolog/innen die künstlerischen Darstellungen von individuellen und gesellschaftlichen Aspekten des Leidens und von Destruktivität nicht nur etwa als Ausdruck von menschlicher Tragik bzw. als Thematisierung eines – irgend philosophisch gesetzten – Essentials der menschlichen Existenz und ontologischen Seinsverfasstheit begreifen, oder wenn Literatur nicht mehr nur als kunstreligiöser Verehrungsgegenstand oder als Sinnbildgeber des Wahren, Schönen und Guten ausgelegt würde –, freilich auch nicht als Emanation eines Todestriebs, innerpsychisch bedingten Ödipus-Komplexes oder unstillbaren Begehrens. Viel ist gewonnen, wenn mit FRICKE in Literatur und Kunst eine Praxis des mentalen Handelns und Bearbeitens von erlebter Erfahrung, insbesondere von seelisch verletzenden Widerfahrnissen und Umständen, erkannt wird, ein psychisches Handeln also, das es u.U. ermöglicht – hier sollte man nicht akademisch die Nase rümpfen – konkrete "Lebenshilfe" zu erwirken. [88]

Anmerkungen

1) Teile dieses Textes finden sich auch im Rahmen einer vom Autor verfassten Buchbesprechung "Kulturwissenschaftliche Traumanalysen der vernünftigen Art" bei http://www.literaturkritik.de/. <zurück>

2) Emphatische wie auch sachlich-genaue Kritiken des Poststrukturalismus, die freilich aufgrund des prinzipiell eher ästhetischen als vernunfts-orientierten Denk-, Sprach- und Diskursmodus von den Autoritäten postmodernen Denkens kaum aufgenommen werden, wurden in letzter Zeit auch von MAHLER BUNGERS (2000), LACAPRA (1997) oder z.B. auch von RÜHLING (1996) geäußert. <zurück>

3) Vgl. z.B. auch Beiträge wie den von PANTOJA (2001), die die narrative Generierung bzw. Sozialisierung von Affekten untersucht. <zurück>

4) Zum ähnlich intendierten psychoanalytischen Begriff der Symbolisierung bzw. Mentalisierung von Erfahrung in verschiedenen Entwicklungsschritten vgl. den von HIRSCH (2002) herausgegebenen Band Der eigene Körper als Symbol? Der Körper in der Psychoanalyse von heute, dort insbesondere BÖHME-BLOEM. Der eigentlich genuin narratologische Begriff der Symbolbildung bezeichnet Prozesse, in denen körperliche und soziale Erfahrung mentalisiert, d.h. in psychische und narrative Strukturen umgesetzt und damit erst ausdruckfähig und besprechbar werden. <zurück>

5) Vgl. hierzu die Beiträge im Buchteil "Szenisches Verstehen, Gegenübertragung und Intersubjektivität" in BOHLEBER und DREWS (2001, S.347ff.). <zurück>

6) Für einen ausführlicheren Problemaufriss zur Rephilologisierung vgl. ERHART (2004). <zurück>

7) Für allgemeine Ausführungen dazu vgl. z.B. GRÜBEL (1996, S.611f.) oder DÖRNER und VOGT (1996, S.85). <zurück>

8) Zu den Ge- und Missbräuchen des Traumabegriffs in den Geschichtswissenschaften vgl. auch KANSTEINER (2004a, 2004b, 2005). <zurück>

9) Hierzu ausführlicher WEILNBÖCK (2005b), u.a. auch zum Phänomen Peter SLOTERDIJK. <zurück>

10) Zu WILKOMIRSKI vgl. auch NEUKOMs narratologische Analyse des Romanbeginns (2005). <zurück>

11) Ein kurzer Literaturüberblick aus jüngerer Zeit findet sich in LEUZINGER-BOHLEBER (2003). <zurück>

12) Zu den psychotherapiewissenschaftlichen Kennzeichnungen mündlicher Traumaberichte vgl. z.B. jüngst BOOTHE (2005), FISCHER und RIEDESSER (1998) sowie HIRSCH (2004). <zurück>

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Zum Autor

Harald WEILNBÖCK ist Germanist, Literatur- und Filmwissenschaftler sowie Gruppenanalytiker in freier Praxis; er hat am German Studies Department der University of California in Los Angeles mit einer literaturpsychologischen Arbeit über Friedrich HÖLDERLIN promoviert, habilitiert derzeit zum Thema "Borderline, literarische Interaktion in frühen Kriegsschriften Ernst Jüngers" an der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig und führt in der Abteilung der klinischen Psychologie und Narratologie der Universität Zürich ein qualitativ-empirisches Forschungsprojekt der Europäischen Union (sechstes Rahmenprogramm, Marie-Curie) im Bereich der Literatur- und Medienforschung durch: "Narrative media interaction and psycho-trauma therapy". Hierbei werden Methoden und Ansätze der qualitativen Sozialwissenschaft, Tiefenpsychologie und Psychotraumatologie für Fragen der qualitativ-empirischen Literaturforschung in den Sektoren der Rezeptions- und Textanalyse furchtbar gemacht.

Kontakt:

Dr. Harald Weilnböck (Ph.D.)

Institut für klinische Psychologie II
Universität Zürich
Schmelzbergstarße 40
8044 Zürich
Schweiz

E-Mail: hweilnboeck@gmx.de

Zitation

Weilnböck, Harald (2006). Auf dem steinigen Weg zur Einlösung eines literaturwissenschaftlichen Desiderats: Empirisch-klinisch gestützte Forschung über Literatur und Psychotrauma. Review Essay: Hannes Fricke (2004). Das hört nicht auf. Trauma, Literatur und Empathie [88 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 7(2), Art. 25, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0602256.



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