Volume 10, No. 1, Art. 11 – Januar 2009

Erwägen als Prüfstein ethischer und alltagsrelevanter Reife der Psychologie

Lars Allolio-Näcke

Review Essay:

Gerd Jüttemann (Hrsg.) (2008). Suchprozesse der Seele. Die Psychologie des Erwägens. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 260 Seiten, ISBN 978-3-525-49139-3, EUR 29,90

Zusammenfassung: Suchprozesse der Seele. Die Psychologie des Erwägens ist eine gute und repräsentative Vorstellung aktuellen psychologischen Denkens und Forschens. Insofern ist das Buch jeder/jedem zu empfehlen, die/der sich über den aktuellen Stand der Psychologie informieren möchte, denn für den Laien und die Laiin wird in der Tat anhand des Gegenstands "Erwägen" erkennbar, auf welchem Niveau und an welchen Themen die aktuelle Psychologie arbeitet. Für den Experten/die Expertin beweist das Buch allerdings, dass die Psychologie nicht reif ist für ein Denken des Erwägens sowie für Phänomene der Unentscheidbarkeit und Gleichwertigkeit. Erwägen wird überwiegend mit Entscheiden oder generell dem Denken gleichgesetzt – und nur in wenigen Beiträgen eigenständig und erfrischend neu thematisiert; diese lohnen gelesen zu werden. Wer mehr erwartet hat, ist naiv.

Keywords: Erwägen; Entscheiden; Deliberatio; Ethik; Logik; Autogenese

Inhaltsverzeichnis

1. Generelle Bewertung

2. Adressaten und Adressatinnen

3. Der Titel

4. Gliederung – zentrale Fokussierungen und Grundannahmen

5. Die Beiträge im Einzelnen

5.1 Erster Teil: Grundfragen einer Psychologie des Erwägens

5.2 Zweiter Teil: Zur Bedeutung kognitiver Suchprozesse für das Leben

6. Editorische Leistungen

6.1 Der Herausgeber

6.2 Der Verlag

7. Erwägen – "die wichtigste und […] häufigste Verhaltensweise des Menschen"?

8. Fazit

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Generelle Bewertung

Suchprozesse der Seele. Die Psychologie des Erwägens ist eine gute und repräsentative Zusammenstellung aktuellen psychologischen Denkens und Forschens, vor allem deshalb, weil das Thema des Buches, das Erwägen, nahelegt, dass eine kognitiv ausgerichtete Psychologie, also diejenige, die sich mit "Denk"prozessen resp. Kognitionen beschäftigt (vgl. FN 2), hierzu etwas zu sagen haben müsste. Insofern ist das Buch jeder/jedem zu empfehlen, die/der sich über den aktuellen Stand der Psychologie informieren möchte, denn für den Laien/die Laiin wird in der Tat erkennbar, auf welchem Niveau und an welchen Themen die aktuelle Psychologie arbeitet. Für den Experten/die Expertin beweist das Buch allerdings, dass die Psychologie noch immer nicht reif ist für ein Denken des Erwägens und d.h. für eine "konkrete Psychologie" im Sinne Carl STUMPFs bzw. Wilhelm WUNDTs (vgl. JÜTTEMANN, S.15f., S.135f.). Entweder wird das Erwägen in die klassischen Interpretationsmuster der Entscheidungstheorie eingeordnet bzw. dem (Aus-) Wählen gleichgesetzt – und somit verfehlt – oder es wird versucht, das Erwägen bereits dem biologischen/unbewussten Bereich zuzuschlagen. Einige Autoren und Autorinnen widerstehen diesen Versuchungen – und genau deren Beiträge sind es auch, die das Buch für den Experten/die Expertin interessant machen. [1]

2. Adressaten und Adressatinnen

Der herausgegebene Sammelband richtet sich trotz der im Untertitel genannten Profession nicht nur an grundlagenorientierte und anwendungsbezogene Psychologen und Psychologinnen, sondern auch an Philosophen/Philosophinnen, Soziologen/Soziologinnen und Pädagogen/Pädagoginnen sowie an praktizierende Psychologen und Psychologinnen und Coaches anderer Professionen. [2]

3. Der Titel

Als ich das erste Mal den Titel las, fühlte ich mich an eine therapeutische Maßnahme erinnert – zumindest aber an die zahlreichen Bücher, die heute im Genre Lebenshilfe publiziert werden: Suchprozesse der Seele. Dabei ist (leider) weniger an die Rehabilitation eines vielleicht doch brauchbaren Begriffs der "Seele" gegenüber dem neutraleren "Psyche"1) gedacht, als vielmehr tatsächlich an Lebenshilfe und damit ein (neues) Arbeitsfeld für Psychologen und Psychologinnen: das Begleiten lebenslangen Erwägens oder, wie es der Herausgeber nennt, Professionelle Autogenesesupervison. Insofern nimmt der Titel den Inhalt des Beitrags des Herausgebers vorweg und wird somit seinem therapeutischen Unterton gerecht. [3]

Der Untertitel Die Psychologie des Erwägens ist ein Euphemismus, und dies spätestens dann, wenn man das Buch gelesen hat. "Die" Psychologie des Erwägens kann und wird es ebenso wenig geben wie "die" Entwicklungspsychologie – zu vielfältig ist der Mensch, zu komplex, um ihn in eine Theorie zu fassen – und gleiches gilt entsprechend für das methodische Repertoire. Nicht umsonst musste das Projekt einer Philosophischen Anthropologie des Menschen (GEHLEN, PLESSNER, SCHELER) zu Beginn des 20. Jahrhunderts scheitern und in den 1980er Jahren bescheidener als Historische Anthropologie vom Menschen (vgl. WULF 1997) wiederkehren. Wie aber wäre es mit Beiträgen zu einer Psychologie des Erwägens gewesen? Nicht viel besser, denn die wenigsten Beiträge leisten hierzu Substanzielles. Zu "schwammig" ist das, was thematisiert werden soll, zu vielfältig das Verständnis dessen, was das Buch erfassen will. Und dennoch wird das Erwägen für den aufmerksamen Leser/die aufmerksame Leserin präsent, nämlich dann, wenn er/sie entscheiden muss, ob er/sie dem, was er/sie liest, Glauben schenken kann. Und genau an dieser Stelle wird es interessant und schwierig – legt man das Buch weg oder setzt man sich mit dem "ganz Anderen" auseinander, versucht es wirklich als Alternative wahrzunehmen,oder schließt man es von vornherein aus? [4]

4. Gliederung – zentrale Fokussierungen und Grundannahmen

Der Sammelband gliedert sich in drei Abschnitte: Vorbemerkungen des Herausgebers, die hier unberücksichtigt bleiben, da es sich m.E. nicht um eine Einleitung, sondern in der Tat um Vor-Bemerkungen handelt, Grundfragen einer Psychologie des Erwägens, ein Abschnitt, der eher theoretische und grundlegende Problematiken im Zusammenhang mit dem Erwägen diskutiert, und Zur Bedeutung kognitiver Suchprozesse für das Leben2), ein anwendungsbezogener Abschnitt, der das Erwägen in verschiedene Ausschnitte des Alltagslebens einzubetten versucht. Diese Einteilung und Zuordnung der Beiträge ist in weiten Teilen gelungen, zwei Beiträge aus dem zweiten Teil (jene von Wolfgang MERTENS und Günter ZURHORST) hätte ich mir aber im ersten grundlegenderen Teil gewünscht, wobei deren Titel eine Zuordnung in Teil zwei nahelegen, deren Inhalt jedoch besser zum ersten Teil gepasst hätten. Durchaus überlegenswert wäre es gewesen, einen dritten Teil Methodische und methodologische Konsequenzen zu integrieren, denn mit nur zwei – aber: sehr guten – Beiträgen (von Christiane SCHMIDT und Thomas BURKHART) zu diesem Problemfeld, die an das Ende des ersten Teils quasi angehängt sind, scheint dieses Feld noch nicht umfassend repräsentiert; zumindest dann nicht, wenn der Sammelband der Grundgliederung der Psychologie entsprechen möchte – was er offensichtlich anstrebt: Theorie, Methodik, Anwendung. Die Mittelstelle bleibt zwar nicht unbesetzt, aber unterrepräsentiert. [5]

Zu Grundannahmen fällt es mir eher schwer eine Aussage zu treffen, denn die Beiträge sind zu heterogen, als dass sie verglichen oder auf eine gemeinsame Ausgangsbasis zurückgeführt werden könnten. Ganz abgesehen von der Frage, ob das Erwägen in der Biologie, im Alltagshandeln oder in eher abstrakteren Denkvorgängen verortet wird, besteht nicht einmal Konsens darüber, ob Erwägen ein wichtiger Bestandteil menschlichen Denkens und Handelns ist. Vielleicht hätte, wollte man einen konzisen Band zum Erwägen machen, eine einheitliche Textgrundlage zur Verfügung gestellt werden sollen, auf die sich die Autoren und Autorinnen beziehen können – so ist in der Tat ein Sammelsurium an Auffassungen entstanden, dem eine Grundschnittmenge mangelt. [6]

5. Die Beiträge im Einzelnen

5.1 Erster Teil: Grundfragen einer Psychologie des Erwägens

Der erste Teil des Sammelbandes Grundfragen einer Psychologie des Erwägens beginnt mit einem genialen Schachzug des Herausgebers – doch halt: ehe man vorschnell urteilt und entscheidet, gilt es, dem Konzept des Erwägens folgend, zunächst die Alternativen zu erwägen: (1) Es ist ein genialer Schachzug der Textkomposition, zwei diametral entgegengesetzt argumentierende Texte an den Anfang zu setzen; oder (2) dieser Umstand ist der Nachlässigkeit des Herausgebers geschuldet, weil er die Texte inhaltlich nicht nochmals abgestimmt hat; oder (3) es ist Zufall, dass exakt diese widerstreitenden Texte den Auftakt zu diesem Buch geben. [7]

Zufall (3) kann ich ausschließen, denn bereits die Aufnahme der Texte unter dieselbe Abschnittsüberschrift setzt ein gewisses Maß an Überlegung voraus. Nachlässigkeit (2) mag ich Gerd JÜTTEMANN als einem erfahrenen Herausgeber nicht unterstellen, hat er doch durch ähnliche Projekte gezeigt, dass Inhalt und Reihenfolge der Einzelbeiträge stets ab- und ausgewogen sind (vgl. exemplarisch JÜTTEMANN 2006). So entscheide ich mich doch für Alternative (1), die da lautet, dass das Buch mit einem genialen Schachzug beginnt, der den Leser/die Leserin bereits zu Beginn in "die wichtigste und wahrscheinlich sogar die häufigste Verhaltensweise des Menschen" (JÜTTEMANN, S.9) – eben das Erwägen – hineinholt, indem JÜTTEMANN an den Anfang des Buches zwei diametral unterschiedlich argumentierende Texte setzt und so den Leser/die Leserin in die Bredouille bringt zu erwägen und sich selbst für eine der beiden Argumentationen zu entscheiden. [8]

Gemeint sind die Texte von Georg W. OSTERDIECKHOFF Entwicklungsstufen des Erwägens und Urteilens (S.19-32) sowie von Michael SONNTAG Mentalitäten des Nicht-Erwägens. Zu einigen Aspekten der homerischen Kultur (S.33-45). Während ersterer Erwägen als einen späten Prozess der Onto- und Kulturgenese charakterisiert und dabei en passant "vormoderne" Kulturen identifiziert (S.24), die auf der Entwicklungsstufe unterhalb des konkret-operationalen bzw. des formal-operationalen Denkens anzusiedeln sind, widerlegt in sinnfälliger Weise letzterer dies, indem er Teile der HOMERschen Ilias reinterpretiert. [9]

Ginge OSTERDIECKHOFF nur davon aus, dass Begriffsbildung als Element des Erwägen erst auf konkret-operationaler (S.21) und Definieren als Element des Erwägens erst auf formal-operationaler (S.22) Entwicklungsstufe des Denkens möglich ist, so könnte man ihm uneingeschränkt zustimmen, nicht aber, wenn er diese beiden PIAGETschen Stadien der Ontogenese auf die Kulturgenese überträgt und meint, Kulturen und Gesellschaftsmitglieder (Analphabeten und Analphabetinnen) identifizieren zu können, die dieser Entwicklungslogik folgend auf niedrigerem Denkniveau anzusiedeln sind.

"Den Zugang zur Geschichte der Erkenntnisformen findet man am Leitfaden der Entwicklungspsychologie […]. Das Denken der Menschen in vormodernen Gesellschaften verharrt auf einfachen Stufen. Menschen vormoderner Gesellschaften denken zwar in elementaren Strukturen, die der Ontogenese entsprechen, unterscheiden sich aber von Kindern durch ihre größere Lebenserfahrung, welche jedoch die Containerstrukturen, in denen sie gespeichert wird, interessanter- und sicherlich überraschenderweise nicht modifiziert" (S.30). [10]

SONNTAG hält denn auch dagegen: "Eine Gesellschaft oder Kultur, deren Mitglieder ihre Handlungen nicht erwägen, können wir uns kaum vorstellen" (S.34); weil es sie, wie er m.E. konzise zeigt, auch gar nicht gab oder gibt, denn bei einer solchen Feststellung "handelt es sich um das Nachher [Interpretieren: LAN] des Autors, der seiner Zeit das bessere Wissen zurechnet, das der früheren noch fehlt" (S.44). [11]

Konkret heißt das, dass OSTERDIECKHOFF offensichtlich die ethnologische und vor allem die postkoloniale Debatte der letzten 30 Jahre ignorierend – vielleicht auch nicht kennend – die gleichen Fehler begeht wie viele Ethnologen/Ethnologinnen sowie Psychologen/Psychologinnen zuvor, indem er der darwinistischen Entwicklungstheorie und der ihr inhärenten unilinearen Entwicklungslogik des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf den Leim geht (vgl. MORSS 1990, 1996; KIM 1997; STAEUBLE 2002), Onto-3) und Kulturgenese (statt Phylogenese) gleichsetzt und meint, anhand der Beobachtungen am Individuum direkt auf die Gesamtpopulation bzw. "alle" (sic!) menschlichen Kulturen (vgl. S.21) schließen zu können. Kultur jedoch – und dazu zählt bereits Wilhelm WUNDT (komplexes) Denken (1921)4) – lässt sich nicht 1:1 als tertium convertationis zur Biologie begreifen, meint: (1) Auch wenn die Embryonalstadien von Lurch und Mensch annähernd gleich verlaufen und (2) durch natürliche Selektion Höherentwickeltes Niederentwickeltes verdrängt, verläuft die Kulturgenese gerade nicht im Sinne dieser biologischen Gesetzmäßigkeiten, sondern unterliegt von der Biologie unabhängigen – und zugegeben noch nicht hinreichend verstandenen – Gesetzmäßigkeiten. [12]

So ist es nicht verwunderlich, dass beide Autoren in der Bewertung der Antike (und des Mittelalters) zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. OSTERDIECKHOFF postuliert das Umfeld der antiken griechischen Philosophie als geprägt von "vormodernen Analogieschlüssen und abergläubischen Assoziationen" (S.27), neben dem ein "frisch, schwach und auf schwankenden Füßen stehendes [...] formal-operationales Denken [...] unter Gelehrten entwickelt war. Was damals als Gelehrsamkeit auftrat, ist heute in wenigen Unterrichtsstunden abgehandeltes Beiwerk schulischer Bildung" (S.26; Herv. LAN). Dies ist eine nicht gerade charmante Beschreibung der Anfänge philosophischen (abstrakten) Denkens, zumal die Gelehrten "diese erworbenen Mittel weit überschätzt" hätten (ebd.). Alle nicht Gelehrten verharrten auf dem Niveau von Kindern, wie OSTERDIECKHOFF anhand des Vergleichs von Interviews mit Analphabeten/Analphabetinnen und entsprechend jungen Kindern zeigt. [13]

Als sei SONNTAG angesprochen, folgt die entsprechende Erwiderung:

"So dient gerade das Mittelalter oft als Fundgrube für Verhaltensweisen, die wir gern als 'kindlich', wenn nicht gar 'kindisch' apostrophieren. Was aber eher zeigt, dass wir sie nicht nachvollziehen können und daher schnell bereit sind, zu einer praktischen Schublade zu greifen, um diese uns fremden Lebensformen ablegen zu können, ohne uns weiter damit auseinanderzusetzen. Ein klassisch gewordenes Beispiel uns unzugänglicher Denkweisen aus vorklassischer Zeit sind die homerischen Epen am 'Anfang' unserer Kulturgeschichte" (S.35). [14]

Anhand der Analyse der HOMERschen Texte zeigt SONNTAG, dass das von OSTERDIECKHOFF aufgeworfene Problem nicht in einer wie auch immer gearteten geistigen Unterentwickeltheit wurzelt, sondern vielmehr in einer anderen Anthropologie und damit in einem anderen Denken: Anders gedacht werden die Relationen von Subjekt und Umwelt, Innerlichkeit und Äußerlichkeit, Agens und Reagens. Sprich: die Idee eines autonomen selbstentscheidenden und handelnden, im Inneren zu lokalisierenden Ichs, die Voraussetzung für das Erwägen als innerer Denkvorgang eines Subjekts ist, war gar nicht denkbar. Erwägen aber gab es dennoch, nur fand es in und mit anderen Instanzen statt. Erwägen ist somit kein spätes Produkt der Kulturgenese, wie OSTERDIECKHOFF meint, sondern dem wie auch immer denkenden Menschen von Anfang an gegeben. Die Diskussion zeigt erneut, dass eine kulturrelativistische, historische und sozial und kontextuell verankerte Psychologie, kurz Kulturpsychologie, einer universellen, ahistorischen und individualistischen Psychologie gegenüber zu bevorzugen ist (vgl. ALLOLIO-NÄCKE 2005). [15]

Abschließend sei noch ergänzt, dass neben der Kritik, diese Menschen seien unserem Denken unterlegen und somit unterentwickelt, hinzuzufügen wäre, dass ein Vergleich bzw. eine Gleichsetzung mit Kindern zusätzlich einer Entmündigung entspricht, hätten sich diese doch erst zu gleichwertigen Erwachsenen und damit Diskurspartnern und Diskurspartnerinnen zu entwickeln, ehe sie gehört und ernst genommen werden müssen – man kann hier auch von drei fundamentalen Verweigerungsstrategien der westlichen Moderne gegenüber der kulturellen und hegemonialen Peripherie sprechen: die Verweigerung der Gleichwertigkeit, der Gleichzeitigkeit sowie der kulturellen Nähe (vgl. zusammenfassend ALLOLIO-NÄCKE 2007, S.165-175). [16]

Und wie verhält sich diese Einschätzung nun zum Konzept des Erwägens, wird doch deutlich, dass ich die Ausführungen OSTERDIECKHOFFs ablehne (d.h. nicht als Erwägensalternative ansehe)? "Die Frage nach den erwogenen Alternativen ist schließlich für das Erwägenskonzept selbst zu stellen: Ob und in welchem Ausmaß zu erwägen sei, ist selbst zu erwägen" (2002, S.10), schreibt hierzu Bettina BLANCK, eine der Protagonistinnen des Erwägensdiskurses. Nicht als Alternative zu erwägen – das heißt nicht, darauf als Erwägungs-Geltungsbedingung zu verzichten (vgl. BLANCK, S.203) –, erfordert aber einen Maßstab, der zur Scheidung von zu erwägenden und abzulehnenden Argumenten führt. Für mich ist dies eine Frage der Ethik – und hierbei halte ich es mit dem Titel der Erwägenszeitschrift: Erwägen – Wissen – Ethik (EWE). Beiträge wie die von OSTERDIECKHOFF widersprechen meinem Menschenbild und den daraus resultierenden, ethischen Implikationen. Menschen/Kulturen als nicht gleichwertig, unterentwickelt oder nicht-selbstbestimmt zu begreifen, wie das in noch einem Beitrag des Buches erscheint (MARKOWITSCH), sind für mich keine Erwägensalternativen.5) Der/die Lesende mag darüber selbst befinden – eine Rezension kann nur ein Verstehensangebot sein. [17]

Im Anschluss spürt Norbert RATH Skeptisches Erwägen bei Montaigne (S.46-58) auf, das aufgrund der Erfahrungen der Französischen Religionskriege dessen Denken und Werk durchzieht. "Wenn die sozialen und konfessionellen Konflikte so heftig werden, dass sie in Mord und Folter ausarten, dann muss sich das Denken auf sich selbst und seine eigentümliche Reflexivität besinnen" (S.48). Und dies tat MONTAIGNE konsequent, indem seine Position stets "vorsichtig-abwägend" und "extreme Stellungnahmen vermeidend" (S.52) – man könnte auch negativer formulieren: ohne "eindeutige Festlegungen" – blieb, schließlich trat er trotz schrecklicher Erfahrungen nicht aus der katholischen Kirche aus. "Er vertritt nicht eine radikale, alle Erkenntnis als prinzipiell ungewiss oder gar unmöglich einstufende Skepsis, sondern eine erschließende, die davon ausgeht, dass noch nicht alle Fragen beantwortet sind und dass es erlaubt ist, auch neue und kritische zu stellen" (S.52) – und dies bis hin zur Infragestellung des skeptischen Subjekts selbst. Zwar präsentierte sich MONTAIGNE in seinen Essays so – deren Genre er auch begründete –, jedoch würde ich nicht wie RATH darüber hinaus auf das historische Handlungssubjekt MONTAIGNE schließen wollen. Eine solche Version skeptischer Selbsthaltung würde nämlich einen Menschen unfähig machen zu handeln, da er sich nicht – eindeutig – festlegen würde. Das hat MONTAIGNE jedoch recht häufig tun müssen, übte er doch als Mitglied des Amtsadels zahlreiche entscheidende Ämter aus und agierte als Vermittler zwischen den verfeindeten Parteien der Gegenreformationszeit. Was die interessante Aufbereitung und Präsentation des essayistischen Werkes betrifft, hat RATH jedoch sehr Gutes vorgelegt. [18]

Jürgen KRIZ widmet sich psychologisch gesehen Grundsätzlicherem, fragt er doch nach dem Verhältnis von Verstehen und Erwägen (S.59-81). Der Beitrag beginnt fulminant und prägnant mit der Feststellung: "Man mag es bedauern oder begrüßen – bezweifeln kann man es kaum: Das menschliche Gehirn funktioniert nicht wie ein Computer" (S.59), um dann – je länger, desto mehr – banaler und uneindeutiger zu werden. Immerhin führt KRIZ eine – für mich auf Seite 60 überfällige – Differenzierung ein, die für das Denken des Erwägens notwendig ist: Dass es sich bei dem, was im Buch behandelt wird, wenn schon nicht (mindestens) um zwei verschiedene Dinge, so zumindest um qualitativ unterschiedliche Erwägensweisen handelt: in KRIZ Worten "planendes Erwägen" und jenes, das er als "teleologisch-imaginative Annäherung" (S.61) bezeichnet. Ersteres ist nichts anderes als rationales Abwägen – "Wenn nicht A, dann B", das in der Regel als Entscheiden behandelt wird und hier nostrifizierend als Erwägen wiederkehrt; zweites ist eine systemtheoretische Weiterentwicklung gestaltpsychologischer Grundprinzipien ("Sinn-Attraktoren"), deren Grundaussage darauf hinausläuft, zwar zu sagen, dass letzteres nicht wie Entscheiden funktioniert, jedoch darauf verzichtet, eine in der Forschung handhabbare Alternative zu entwerfen. Angemerkt sei zudem, dass hier das Lektorat dürftig ist, denn mit Abstand finden sich in diesem Beitrag die meisten grammatischen und orthografischen Fehler. [19]

Auch Joachim FUNKE ist Suchprozesse[n] beim Problemlösen – dem Denken auf der Spur (S.71-81), wobei auch die Überschrift des vorangegangenen Beitrags passend wäre, stellt Erwägen für FUNKE doch einen komplexen, Verstehen den "komplexeste[n] Suchprozess überhaupt" (S.73) dar. Erfreulich wird hierbei wieder dezidiert beim Erwägen unterschieden, nämlich in nicht "allzu bewusste Erwägungsprozesse" im routinierten Alltagshandeln und dem in der Tat "Nicht-Routine-Charakter" von Problemsituationen, die zu "deliberalen Urteilsprozessen" zwingen (S.71) – womit auch die eigentliche Sollbruchstelle innerhalb der Argumentationskette der Beiträge endlich benannt wäre. Sich für den letzteren Prozess interessierend, beschreibt FUNKE ein Modell der Handlungsregulationstheorie, klassisch rational sukzessive von der Situations- zur Zielanalyse mit dem übergeordneten Ziel "der Überbrückung [dieser; LAN] Lücke im Handlungsplan" (S.73). Diese Überbrückung sei dabei "dialektischer Natur" (S.74) und oszilliert zwischen "suchraumerweiternden" und "-einschränkenden" (S.76) Heuristiken, wobei "bewusste wie auch unbewusste Prozesse eine Rolle" (ebd.) spielen. So stellen sich nach angemessener Zeit des Oszillierens (Erwägens) eine Entscheidung und damit ein Handlungsweg ein – und falls nicht, steht uns noch der Mechanismus der "bounded rationality" (S.79; vgl. GIGERENZER 2006) zur Verfügung. Durch diesen gelangen wir, nach einem dem Denken eigenen Prinzip, Kosten und Nutzen abwägend, zwar nicht zu einer optimalen, aber "satisfycing"6) Lösung. Gerade letztes führt noch einmal deutlich vor Augen, dass Erwägen purer Luxus ist, denn es widerspricht "schnellen und sparsamen" (S.80) Heuristiken. Wenn aber schon das Erwägen Luxus ist, wie verhält es sich dann mit den komplexeren Vorgängen wie dem Verstehen? [20]

Warum Hans J. MARKOWITSCH den Titel Neurophysiologischer Determinismus und Erwägen (S.82-93) gewählt hat, ist unverständlich. Eines "Unds" hätte es nicht bedurft, denn wir haben, so der Autor, "nie eine Wahlfreiheit", "sondern unser Handeln, Tun und Nichttun [sind; LAN] durch unsere Gene und unsere lebenslang gemachten Erfahrungen bestimmt" (S.82). Denken und damit auch Erwägen sind Illusionen, denn "dass wir uns grundsätzlich frei und selbstbestimmt fühlen, hängt mit einem phylogenetisch alten Hirnbereich, dem Limbischen System zusammen" (S.83; Herv. LAN7)). Der Trick aber besteht bei MARKOWITSCH, anders als bei seinen bio- oder physio-psychologischen Kollegen und Kolleginnen, darin, dem System selbst intellektuelle Fähigkeiten zuzuweisen, denn "[d]as Limbische System lässt uns gleichzeitig maschinenartig-automatisch und 'frei' […] erscheinen" (S.83). Dass es dann nur ein kleiner Schritt zu folgender Aussage ist, muss nicht mehr erläutert werden: "[D]ie Erziehung kleiner Kinder ist vergleichbar mit mikrochirurgischen Eingriffen ins Gehirn" (S.87).8) Wäre MARKOWITSCH wenigstens konsequent und bliebe in seiner Argumentation beim biologistischen Modell, würde ich sagen: "O.k., nicht beweisbar, kann als Erwägungs-Geltungsbedingung zu den Akten gelegt werden". Aber er führt die Argumentation selbst ins Absurde, wenn er gleichzeitig von biologischer und Sozialisationsdeterminiertheit spricht, denn

"[w]ir können nichts Anderes denken als das, was uns vorgedacht wurde. Ein palästinensischer Junge wird Steine auf israelische Autos werfen, weil ihm dies seit seiner früheren Kindheit eingeimpft wurde. Wäre er in Mitteleuropa aufgewachsen, käme ihm derartiges nicht in den Sinn" (S.89). [21]

Fürwahr, Herr MARKOWITSCH, hier – um die Holocaust-Metapher zu vermeiden – zündet man gelegentlich Unterkünfte von Asylbewerbern und Asylbewerberinnen an. Aber wo wurde und wer hat den Tätern und Täterinnen dieses Verhalten "vorgemacht", um Ihre These halten zu können – waren und sind die Täter und Täterinnen doch in einem Alter, dass sie diesbezüglich nicht auf eine soziale Erfahrung – öffentliche Hexen- oder Selbstverbrennungen – zurückgreifen können?! [22]

Wieder näher oder direkt ins Herz des Themas gelangt Werner LOH unter der Überschrift Entwicklungslogik und Psychologie (S.94-107). Der Beitrag löst ein, was er in der Überschrift verspricht: Hier geht es um den wohl abstraktesten Erwägensvorgang, den Menschen entwickelt haben – Logik. Und nicht nur das, LOH setzt dem Ganzen noch eine Ebene drauf, indem er zeigt, dass die derzeit existierende (Aussagen-) Logik bereits in ihren Prämissen unlogisch bzw. so determiniert ist, dass ihr Teile des möglichen Erwägenshorizontes entgehen müssen. LOH will dagegen mehr: "Eine solche Logik dürfte nicht deduktiv oder induktiv vorgehen, weil dann Widersprüchliches vermieden werden soll, sondern sie müsste mit einander widersprechenden Positionen beginnen können. Eine solche Logik müsste in Reflexion auf sie selbst nochmals einander widersprechende Auffassungen zulassen" (S.94). Anspruchsvoll, aber verständlich und präzise arbeitet er die Problematik anhand der Verwendungsweise der ([nicht] und/oder ausschließenden) Disjunktionsfunktionen heraus, wobei er en passant und an dieser Stelle nur für Kundige herauslesbar, die klassische Aussagenlogik als falsch und inkonsequent entlarvt: "Logik ist geschichtlich und bringt Neues wie Falsches hervor" (S.100). Wenn ich LOH richtig verstanden habe, dann wären realistische, alltagsnahe Disjunktionen nicht (ausschließlich) als Allgemeinsätze der Art "A oder B (oder beides)" und "(entweder) A oder B (aber nicht beides)" abbildbar. Vielmehr ist, was als Disjunktion wahrgenommen und somit zu einer Erwägensalternative wird, (1) lebenspraktisch ein subjektiver Vorgang: "Diese disjunktive Klärung ist an diejenige Subjekte gebunden, die [die disjunktiven Fähigkeiten von Kindern; LAN] untersuchen" (S.102), und wird (2) durch das Kohärenz- und Widerspruchsfreiheitsgebot der Aussagenlogik lebens- und damit erwägensuntauglich verkürzt, denn (3) jede Disjunktion kann auch ohne Lösung bleiben. Eine Anmerkung sei noch gestattet, hat mich doch der Beitrag LOHs als einziger zum Schmunzeln gebracht. Lieber Herr LOH, wie bitte bringt man Hunde in Entscheidungskonflikte?

"Sind Hunde zu rudimentären Disjunktionen fähig, weil bei optischen Reizen mit Kreisen und Ellipsen sie in Entscheidungskonflikte kommen (experimentelle Neurosen), wenn Kreise positiv und Ellipsen negativ bekräftigt worden sind und man sie einander annähert […]?" (LOH, S.101). [23]

Die zitierten "experimentellen Neurosen" sind doch nicht mit Denkvorgängen gleichzusetzen, sonst müsste das Erwägen psychopathologisch näher betrachtet werden. [24]

Christiane SCHMIDT eröffnet mit Erwägensmethoden für die Auswertung qualitativer Interviews (S.108-120) eine aus zwei Beiträgen bestehende Methodenreflexion. SCHMIDTs hervorzuhebende Leistung besteht darin, die von Bettina BLANCK entwickelte Methode der "erwägensorientierten Pyramidendiskussion" (S.111) in den Kontext qualitativer, kooperativer Auswertungsverfahren (hier von Interviews) zu übertragen, zu einem steten Reflexionsmoment ihrer Analyseschritte zu machen, gleichsam somit die Güte der Interpretations- und Entscheidungsprozesse zu steigern und transparenter zu gestalten. Insbesondere für drei der von ihr benannten fünf Auswertungsschritte hält SCHMIDT die Anwendung der Erwägensmethodik für angezeigt: Herausarbeiten von Auswertungskategorien, konsensuelle Kodierung als auch vertiefende Fallinterpretation (vgl. S.116ff.). In allen drei Fällen lassen sich so sowohl Alternativen beim Erstellen des Kategorienleitfadens und des konkreten Kodierens als auch der Fallinterpretation auf ihre Brauchbarkeit, ihre Trennschärfe aber auch auf ihren Möglichkeitscharakter ("Wir entscheiden uns für A, auch wenn man durchaus B annehmen kann") hin berücksichtigen. Zudem helfen die erwogenen Alternativen bei der Begründung und Darstellung der getroffenen Entscheidungen und Interpretationen. Wer selbst einmal Interviews ausgewertet und sich mit den dabei entstehenden Problemen herumgeschlagen hat, die/der wird nach dem Lesen des Beitrags Lust verspüren, es auf die von SCHMIDT vorgeschlagene Weise erneut zu versuchen. [25]

Einer heute fast vergessenen Methode wendet sich Thomas BURKART in Introspektion als empirischer Zugang zum Erwägen (S.121-131) zu, wobei hier weniger die Methode an sich interessant ist, als vielmehr die strukturellen Merkmale des Erwägensprozesses, die BURKART anhand von Introspektionsberichten deduziert: (1) "Erwägen zielt auf eine gute Wahl, die sich durch eine passende Entscheidung auszeichnet" (Zielbezogenheit, S.126); (2) "die Suche nach der passenden Struktur kann gelingen oder misslingen" (Ergebnisoffenheit, S.126); (3) "Erwägungen […] sind durch Wahlmöglichkeiten gekennzeichnet" und "Voraussetzung für Erwägen ist ein Mindestmaß an Zeit. Ist die Zeit zu knapp, dann verschwindet Erwägen" (Bindung an verfügbare Zeit und Wahlmöglichkeiten, S.126); (4) "Erwägen variiert in seiner Dauer und Komplexität, in der Art des Entschlusses, der verfügbaren Zeit und des zeitlichen Bezugs zum Entschluss" (Vielgestaltigkeit, S.127); und schließlich (5) "Gefühle begleiten und beeinflussen den Erwägungsprozess" (emotionale Beeinflussung, S.128). Diesen Merkmalen übergeordnet sieht BURKART noch (6) einen "dialogischen und dialektischen Charakter des Erwägens" (S.125). In der Tat eine imposante Prozessdefinition, die – wie BURKART selbst anmerkt – daraufhin geprüft werden sollte, ob dies nicht generelle Strukturmerkmale des Erwägens seien, wobei ich selbst (1)-(5) nachvollziehen und unterstreichen kann: Punkt 6 halte ich jedoch für überzogen, steckt doch lediglich dahinter, dass der oder die Erwägende sich mit dem Erwägensgegenstand dialogisch auseinandersetzt. Dass dies ein generelles Merkmal des Denkens und nicht spezifisch für das Erwägen ist, lässt sich bereits bei WYGOTSKI nachlesen, der zeigt, dass, wenn Sprache und Denken ontogenetisch zusammenfallen, Denken ein verinnerlichtes soziales (und damit dialogisches) Sprechen ist (vgl. WYGOTSKI 1972). Im Übrigen würde ein besserer Drucksatz des sehr guten Textes auch dessen Lesbarkeit ungemein erhöhen – ästhetisch eine Katastrophe. [26]

5.2 Zweiter Teil: Zur Bedeutung kognitiver Suchprozesse für das Leben

Den zweiten Teil des Buches Zur Bedeutung kognitiver Suchprozesse für das Leben eröffnet der Herausgeber Gerd JÜTTEMANN selbst und beschäftigt sich mit dem Erwägen im Kontext der Autogenese (S.135-153). Die einleitenden historischen Gedanken zur Psychologie sind interessant,9) m.E. jedoch für den eigentlichen Inhalt des Beitrags entbehrlich. Im Anschluss wird Das Konzept der Autogenese entfaltet, das als Kondensat der Publikation Persönlichkeit und Selbstgestaltung. Der Mensch in der Autogenese (JÜTTEMANN 2007) gelesen werden kann. Autogenese bedeutet dabei "eigenverantwortliche Lebens- und Selbstgestaltung" (S.138), wobei deren Kern "das Zustandekommen und die Aufrechterhaltung oder Weiterentwicklung personaler Zielsetzungen" (ebd.) bilden. Letztere "sind in erster Linie Ergebnis eigener Erwägungen. Diese Erwägensarbeit ist somit ein Grundbestandteil der Autogenese und zugleich ein geeigneter Ansatzpunkt für die Inanspruchnahme einer professionellen, als Hilfe zur Selbsthilfe angelegten Autogenesebegleitung" (S.141). Damit erkennt JÜTTEMANN, welcher Stellenwert der Erwägens-/Entscheidungs-Problematik aktuell zukommt, titelte doch jüngst die Wochenschrift Die Zeit (35/2008): Nicht ohne meinen Coach und widmete ihr das entsprechende Dossier. JÜTTEMANN stellt die von ihm entwickelte Professionelle Autogenesesupervison (PAGS) vor und illustriert diese anhand einer Methodik, die er Vertiefendes Personales Erwägen (VPE) nennt. Eröffnet werden kann ein VPE mit einem Fragebogen/Interview, in dem der Klient/die Klientin 13 Fragen beantwortet, die auf die Anamnese der aktuellen Lebenszufriedenheit, der privaten wie beruflichen Zielsetzungen und der möglichen motivationalen und emotionalen Hindernisse in der Erreichung der Lebenszufriedenheit und dieser Ziele abzielen. Im Anschluss daran folgt die Frage 14, ob man sich aktuell für "(a) keinerlei psychologisch-fachliche Hilfe, (b) eine gezielte Beratung in Richtung Karriereplanung und Coaching, (c) ein offenes begleitendes Reflektieren über meine gesamte Lebensorientierung oder (d) eine regelrechte Psychotherapie" interessiere (S.149). Ist nun objektiv von einem Bedürfnis nach einer PAGS auszugehen, wie JÜTTEMANN dies wertet, oder handelt es sich hier – nachdem man festgestellt hat, dass man nicht so zielstrebig und nicht so zufrieden ist, mehr Anregungen von anderen Personen wünscht (darauf zielt bspw. Frage 10) etc. – um ein Artefakt, dass "regelmäßig […] sich mehr als die Hälfte 'für ein offenes begleitendes Reflektieren über meine gesamte Lebensorientierung' aussprechen" (S.150)? Vielleicht liefert JÜTTEMANN ja selbst eine Antwort, wenn er ein solches Antwortverhalten nur bei "höherer oder vergleichbarer Schulbildung" (S.150) findet. Wer sonst hat Zeit und die intellektuellen Ressourcen, sich den Luxus des (lebenslangen) begleiteten Erwägens zu leisten? Die Bewertung mag der Leser/die Leserin selbst treffen, meine Zweifel dürften deutlich geworden sein. [27]

Der Philosoph Andreas LUCKNER behandelt im Anschluss prägnant und konzise auf nur acht Seiten Erwägen als Moment klugen Handelns (S.154-162) – wobei die wohltuende Kürze nicht der gelegentlichen (etwas störenden) Auslassung des Wörtchens "ist" in Aussagesätzen geschuldet ist. Eine kleine Philosophiegeschichte ist entstanden, die sich mit der Frage nach dem, was "gut und richtig ist" (S.154), also der Ethik, beschäftigt und dabei Erwägen als Teil der praktischen Rationalität – oder anders ausgedrückt, der Klugheit – ins Auge fasst. Dabei ist zwar richtig, dass generell gilt, dass "wer nicht erwägen kann, im strengeren Sinne auch nicht handeln kann. Es handelt sich beim Erwägen also um einen […] grundlegenden kognitiven Akt in praktischer Hinsicht" (S.158), aber wie sich dieser kognitive Akt inhaltlich äußert, ist dem Menschen kulturell wie historisch nicht in der gleichen grundlegenden (vergleichbaren, stabilen) Weise gegeben. Illustrativ demonstriert LUCKNER dies anhand teleologischer Ethiken (Antike und Mittelalter) sowie der autonomistischen Ethik unserer Tage. Geht erstere davon aus, dass die "allgemeinen Handlungsziele dem Akteur […] gegebene" (S.155f.) sind, nehmen letztere an, dass diese "Handlungsziele primär vom Handlungssubjekt gesetzte" sind (ebd.). Anhand der Ethiken des ARISTOTELES' und von THOMAS' zeigt LUCKNER dann den entscheidenden Unterschied auf, der auch einigen Autoren/Autorinnen vor Augen geführt werden müsste, wenn sie über Erwägen als Erwägen schreiben. Es bleibt wie bei ARISTOTELES in der Luft hängen: "Durch Erwägen mag er zwar die recta ratio, 'die rechte Vernunft (das Wissen)', aber deswegen noch nicht die applicatio rectae rationis ad opus, die ins Werk gesetzte rechte Vernunft haben" (S.159). Erwägen ist nicht von der Praxis, also dem Zweck, abkoppelbar! Erwägen an sich, Denken an sich oder Entscheiden an sich, sind nicht für sich untersuchbar. Und hierin liegt das Manko aktueller Psychologie und Soziologie. Wir fragen nicht nach den einbettenden Zwecken, also kontextuell (wozu und warum wählt jemand aus?), sondern nur nach den Mitteln, also instrumentell (welche Strategie wird gewählt?), womit noch einmal deutlich wird, dass eine – wie bereits oben definierte – Kulturpsychologie wichtig wäre. [28]

Wie es nicht gemacht werden sollte, zeigt anschließend Wolfgang MACK in seinem Beitrag Erwägen und soziale Entscheidungsfindung in Gruppen (S.163-173): "Erwägen ist ein mentaler Prozess, der einer Entscheidung vorangeht" (S.163), womit MACK genau die von LUCKNER kritisierte Verengung des Blickwinkels vornimmt. Zwar werden extensiv die (gemeinsamen) Handlungsgründe und -ziele erwähnt (S.164, 166, 168), in der konkreten Gruppenanalyse jedoch als vorausgehende zugunsten individueller Überzeugungen vernachlässigt: "Am Beginn der Beratung bringt jedes Mitglied der Beratungsgruppe seine Zielvorstellungen und Interessen ein und versucht, möglichst viele andere Mitglieder davon zu überzeugen, dass sein Interesse […] als kollektives Interesse […] akzeptiert werden sollte" (S.169). Wozu man sich also traf (Zweck), kann getrost vernachlässigt werden, hier geht es um Überzeugen, besser Überreden, der Anderen. Konsequenterweise – wenn ein gemeinsames Ziel nicht beachtet wird – muss es Regeln geben, die den Kommunikationsprozess steuern, und diese sollten "mit den Regeln einer normativen Demokratietheorie verträglich sein" (S.169). Deshalb entfaltet MACK fünf Gruppen von Postulaten, die zur Regelung von Zielsetzungsprozessen beachtet werden sollen – und würden all diese berücksichtigt, käme man weder bis zum Erwägen, geschweige denn bis zu einer Entscheidung. Praxisuntauglich.10) [29]

Leo MONTADA behandelt Diskursives Erwägen in sozialen Konflikten (S.174-188) und tritt nicht als der, als den ihn die meisten kennen, als Entwicklungspsychologe, sondern als Gerechtigkeits- und Konfliktforscher auf. Erfreulich ist MONTADAs "humanpsychologische Konzeption" (S.174) – ich selbst würde eher von "humanistischer", "dem Menschen passender" Psychologie sprechen –, die den Menschen als "nach Sinn und Verstehen suchendes Wesen", "als ein zu Wahlen und Entscheidungen fähiges" und somit auch "als ein zur Verantwortung zu ziehendes Subjekt" (alle S.174) versteht – alles den Menschen fassende Begriffe, die nicht mehr selbstverständlich von der zeitgenössischen Psychologie verwendet werden, geschweige denn, dass diese nach einem ihnen gemäßen Menschenbild arbeitet. Konzipiert man den Menschen so, dann sind Konflikte nichts Schlimmes, als das sie wohl zumeist in der Psychologie angesehen werden; im Gegenteil: Sie sind Normalität, denn wenn der Mensch ein nach Sinn suchendes Wesen ist, dann "kann eine andere Meinung als erwägenswert bedacht, als legitim hingenommen oder als kränkend, respektlos oder unsolidarisch erlebt werden und damit ein Konfliktanlass sein" (S.175). Insofern – und hier stimmt MONTADA mit der (dem juristischen Normalmodell des Strafens kritisch gegenüberstehenden) Forschung zum Täter-Opfer-Ausgleich überein – kann es nicht primär, wenn ein Konflikt ausgebrochen ist, um richtig oder falsch, den "Kampf um das Recht" gehen (S.184), sondern um eine Vermittlung von Sinnsystemen, Interpretationsweisen. Dass sich Konflikte besser lösen lassen, wenn sie nicht vis-à-vis, sondern mediatisiert verlaufen, ist der Inhalt und das Fazit von MONTADAs Beitrag. Wichtig erscheint mir vor allem wieder die Erkenntnis, dass zu einer solchen Schlichtung durch einen "gerechten Vertrag" (S.186) hohe soziale und kognitive Kompetenzen sowie "ein hohes Bildungsniveau" (S.181) für "das Verstehen und Erwägen der vorgebrachten Argumente" (ebd.) erforderlich sind. [30]

Die leise Stimme des Intellekts – Psychoanalyse und Erwägen (S.189-199) lässt Wolfgang MERTENS den Lesenden/die Lesende hören, wobei der Titel durchaus doppeldeutig mit je einem Subjekt nach dem Spiegelstrich gelesen kann. Vorsichtig scheint diese Stimme vor allzu großer Euphorie zu mahnen, nun im Erwägen einen grundlegenden Bestandteil des Handelns gefunden zu haben: "Dass dem Handeln ein Erwägen vorausgehen kann, hat Freud mit der Thematik des Probehandelns ausgeführt" (S.189; Herv. LAN), wobei er Denken als "ein probeweises Handeln mit kleinen Energiemengen" definierte (FREUD 1933, S.96). Doch es scheint nur so, als sei es eine Mahnung, denn tatsächlich geht es MERTENS um die Rehabilitation der FREUDschen und generell der ihr nachfolgenden psychoanalytischen Annahme des Unbewussten angesichts der aktuellen "Diskussion um Freiheit oder Bedingtheit des menschlichen Willens" (S.189). Und entsprechend fällt denn auch das Fazit aus: Erwägen ist nicht nur auf bewusster Ebene anzusiedeln; schließlich stehen unsere kognitiven Leistungen (sekundär) mit dem primären subkortikalen Affektsystem (gemeint ist das Limbische System, vgl. FN 7) in Verbindung. Folgerichtig unterscheidet MERTENS in eine "primäre, nicht bewusste Wahrnehmung und eine sekundäre, bewusstseinsfähige Wahrnehmung" (S.194), was wiederum folgerichtig zu der Aussage führt: "Bereits Freud nahm also eine Fähigkeit des Menschen an, in unbewusstem Modus denken zu können, das heißt Handlungsmöglichkeiten und Konsequenzen unbewusst zu erwägen" (S.195). Wenn auch nicht erfreulich, so ist das Fazit wenigstens "humaner" als bei Hans J. MARKOWITSCHs Beitrag: Der Mensch verfügt neben der "bewussten Willensdurchsetzung" über eine "unbewusste Willensanbahnung" (vgl. ebd.). Wenn MERTENS am Ende herausgehoben und dringlich darauf hinweist, dass das, "was ein Jahrhundert psychoanalytische Theorie und Praxis […] nachgewiesen haben" (S.198) – die rationalistische bewusste Ich-Perspektive sei nur eine Seite der Medaille neben dem Unbewussten/Biologischen –, berücksichtigt werden müsse, drängt sich mir die schlichte Frage auf, ob es sich hier wirklich um einen Beitrag zu einer Psychologie des Erwägen handelt oder nicht doch eher um einen Appell zur (akademischen) Anerkennung der Psychoanalyse, für den auch der Schulterschluss mit der Kognitionsforschung vollzogen wird. [31]

Bettina BLANCK, neben Werner LOH seit Jahren über die Zeitschrift EWE sowie die dazugehörige Forschungsredaktion mit dem Erwägen vertraut, widmet sich den Möglichkeiten des Erwägens in ihrer eigenen Profession: Erwägen und Pädagogik (S.200-212), spezieller Erwägen und politische Bildung. Nach einer knappen Diskussion, wo im pädagogischen Prozess überall Erwägen eine Rolle spielen kann, kommt BLANCK schnell zu dem Punkt, den ich bereits traktiert habe: Erwägen und Erwägen ist nicht das Gleiche. BLANCK verfolgt nicht das Erwägen unserer Alltagssprache, was denn auch von den meisten Autoren und Autorinnen leichtfertig mit Denken und Entscheiden gleichgesetzt wird, nein, ihr geht es um ein erwägensorientiertes Erwägen (S.202) – und, wie der Terminus bereits andeutet, um eine methodisch orientierte, hoch spezialisierte intellektuelle Fähig- und Fertigkeit. Crux des Ganzen ist, dass nicht die erwogenen Lösungsmöglichkeiten verworfen und im Handlungsverlauf nach einer Entscheidung vergessen, sondern als Geltungsbedingungen präsent gehalten werden, denn nur auf dem Hintergrund der ausgeschlossenen Alternativen ist eine Entscheidung sowie deren Güte angemessen verständlich, vermittelbar und rechtfertigbar. Und das gilt auch für jene Verwerfungen, "die man zutiefst ablehnt" (S.204). Ein hohes Anforderungsniveau! Zu Recht wirft BLANCK die Frage auf, die einem unter den Nägeln brennt: "Reicht nicht ein 'normales' kritisches und reflexives Erwägen und Umgehen mit Vielfalt und Alternativen, wie man es in bisherigen Konzepten vorfindet?" (S.205). Die Frage beantwortet BLANCK klar mit "Nein!" – zumindest im Bereich der politischen Bildung –, was meine Sympathie hat,

"[d]enn in dem Maße, wie Schülerinnen und Schüler die Erwägungs-Geltungsbedingungen als einen Prüfstein nehmen für das, was ihnen Lehrende, andere Erwachsene oder Gleichaltrige als 'ihre Lösungen' […] anbieten, umso weniger laufen sie Gefahr, sich überwältigen zu lassen und werden zunehmend fähiger, sich selbst mit Expertinnen und Experten reflexiv kritisch auseinanderzusetzen" (S.209). [32]

Mit Walter HERZOG und seinem Beitrag Von der Schule in die Beschäftigung. Möglichkeiten und Grenzen des Erwägens (S.213-222) verlassen wir den Schulkontext in Richtung der rauen Arbeitswelt, wo sich zu Recht die Frage aufdrängt, "wann es denn geboten ist zu erwägen und wann man das Erwägen mit Vorteil unterlässt" (S.213). Dies gilt vor allem, wenn es um das Erwägen des Erwägens Willen geht, oder in HERZOGs Worten: "Dem Erwägen sind […] kognitiv zwar keine Grenzen gesetzt, ob es aber psychologisch sinnvoll ist, Möglichkeiten menschlichen Seins zu erwägen, die sich nicht verwirklichen lassen, ist fraglich" (S.216). Was zunächst überzeugt, greift dennoch zu kurz, sonst wären Roboter nie entstanden. Auch wenn Roboter nicht für den damaligen normalen Alltag "psychologisch sinnvoll" waren, hat sie die Science-Fiction- Literatur zunächst als "Hirngespinst" erfunden (vgl. ČAPEK oder LEM). Und wer mag heutzutage in der industriellen Produktion auf sie verzichten, auch wenn es noch keine Androiden sind, wie sich das die Literatur vorstellte? Genau daran "krankt" der Beitrag HERZOGs, der in sich schlüssig und sehr interessant ist: ihm fehlt eine Zukunftsorientierung. So schreibt er: "Wer wir sind, ist uns nur retrospektiv zugänglich […]. Biografie ist eine Sache der Vergangenheit" (S.215). Dass das nur bedingt gilt, zeigt anschaulich der Beitrag ZURHORSTs im gleichen Buch. Gleichwohl liefert eine so beschränkte Perspektive zuweilen Erkenntnisse, die anderweitig aus dem Blick geraten, legt HERZOG doch als einziger eine Erklärung vor, warum Erwägen von den meisten anderen Autorinnen und Autoren mit einem höheren Bildungsniveau verknüpft wird: "[Z]u Kompromissen [beim Erwägen; LAN] sind vor allem die schwächeren Schülerinnen und Schüler gezwungen. Das dreigliedrige Schulsystem führt zu einer vorzeitigen Weichenstellung zwischen Berufslehre und Gymnasium" (S.218), was bedeutet, dass "[p]ersönliche Angelegenheiten wie die Berufswahl sich nur erwägen lassen, wenn Optionen bestehen, die sich tatsächlich in Erwägung ziehen lassen. Wie die Unterscheidung von Gymnasium und Berufslehre zeigt, fallen diese Optionen je nach Niveau der schulischen Qualifikation […] verschieden aus" (S.219). Insofern sind dem Erwägen Grenzen gesetzt. Worin diese liegen, fragt HERZOG weiter:

"Indem ich zugleich Subjekt und Objekt des Erwägens bin, agiere ich in eigener [parteiischer; LAN] Sache. Dadurch bilden die Alternativen […] keine statische, sondern eine dynamische Ordnung. Sie verändern sich durch das Erwägen, und – was besonders relevant ist – sie wirken auf mich zurück. Wer sich für einen Beruf entscheidet, trifft keine Wahl, die ihm äußerlich bleibt. Vielmehr wird er aufgrund der Erfahrungen, die mit seiner Entscheidung einhergehen, ein anderer Mensch" (S.221). [33]

Insofern ist es auch gut und hilfreich, "sich von vergangenen Erwägungen frei zu machen" (ebd.); dies "ist für den Menschen von psychohygienischer Notwendigkeit" (S.222). [34]

Dass dies nicht nur für die Psyche gilt, sondern für die Gesundheit generell, versucht Adelheid KÜHNE in ihrem Beitrag Autonomie und Gesundheit. Erwägensprozesse gesundheitswirksamen Verhaltens (S.223-232) zu zeigen. Vielleicht hätte KÜHNE Viktor von WEIZSÄCKERs medizinische Anthropologie lesen sollen, statt ihren Beitrag auf eine Gesundheits-/Krankheitsdefinition Dieter LENZENs oder Talcott PARSONS' aufzubauen, denn ihre Grundprämissen, was der "normale" resp. "gesunde" Mensch sei, sind medizin-anthropologisch fragwürdig. So mögen sich anthropologisch interessierte Leser und Leserinnen fragen, was Kranksein (bspw. eine Grippe) mit "der Angst vor dem Identitäts- und Integrationsverlust" (S.226) oder der Erfüllung an sie "gerichteter Rollenerwartungen und Alltagsanforderungen" (S.227) zu tun hat, kann man sie doch auch als Erinnerung an das unvollkommene, endliche und damit werdende Wesen Mensch sehen (vgl. von WEIZSÄCKER 1951; RIEGER 2007), d.h. als dem Menschen grundsätzlich "normal" zugehörig. Entsprechend fällt die Argumentation aus: Gesunde Menschen erwägen, kranke nicht oder weniger. Oder schlichter ausgedrückt: Erwägen ist ein Luxus, den sich Menschen nur dann leisten können, wenn es ihnen (körperlich und mental) gut geht. Die Einsicht, "[d]as Wissen darum, das eigene Leben aktiv und selbstwirksam zu (sic!) gestalten zu können, fördert Erwägensprozesse" (S.231), schrumpft so zu einer Binsenweisheit. [35]

Ganz anders – und das in sehr positivem Sinne – Günter ZURHORST in seinem Beitrag Erwägenskultur und Gesundheitspsychologie. Zeittheoretische Grundlagen alternativen Forschens (S.233-244), der sich aus der Klammer bisher gedachter "lösungsfixierter Haltungen" (S.233) erfrischend löst, indem er sich – ohne Bezugnahme – eben an die von WEIZSÄCKERsche Position anlehnt, "da die Fähigkeit alternativen Erwägens […] vom Grunde her eine Frage nach der Art und Weise des Zukunftsbezuges menschlichen Erlebens und Handelns ist" (S.235). Sowohl von HERZOG als auch von KÜHNE wird nämlich übersehen, dass

"[d]as, was ich gleich tun werde [oder antizipiere zu tun (gesund oder Ingenieur werden); LAN], gegenwärtiges Tun und bald gewesenes Tun ist. Hier fließt die Zeit also von vorn, von der Zukunft her in die Vergangenheit ab, und es ist einzig die dauernde Synthetisierung dieser drei Zeitdimensionen, die mir Kontinuität verleiht. Ständig neu muss ich mich von dem her, der ich sein werde, mit dem zusammenschließen, der ich war" (S.238). [36]

Und da dies nur situational geschehen kann, ist die "Wiederholung […] gegenwärtige Wiederholung eines Vergangenen als Möglichkeit" (S.241) – eben Erwägen, d.h. "die Abweisung von alternativen Erwägungen liegt in der Versperrung der Zukunft" (S.242). Das vermochten auch schon Gilles DELEUZE (1997; insb. Kap. 4 und 5) philosophisch und Marguerite DURAS (vgl. NÄCKE 1998) literarisch zu erkennen, aber dies in einen psychologischen Kontext zu übertragen – ohne allerdings auf beide zurückzugreifen –, hat ZURHORST geleistet. Wobei sein überzeugendes Fazit lautet:

"Die akademische Psychologie ist wesentlich dadurch bestimmt, dass sie Zukunft nicht zulässt und nicht begreifen kann. Sie verharrt auf dem Standpunkt kausaler Rationalität und Prognostik und ist somit vergangenheitsfixiert. 'Offenheit' oder 'Neues' ist folglich nur in dem Sinne möglich, dass etwas bereits Vorhandenes […] im Sinne eines zeitlichen Ablaufs von Früher zu Später zu Tage tritt. Damit aber ist Zukunft vernichtet" (S.243). [37]

Den Band beschließt der Beitrag Erwägen im richterlichen Entscheidungsprozess (S.245-258) von Robert WEIMAR und Claudia VENSKE. Deren Anliegen ist es, bisher unzureichend untersuchtes "Entscheidungsverhalten des Richters und sein entscheidungsbezogenes Erwägen als das eines in seiner beruflichen Tätigkeit selbstbestimmten Individuums zu berücksichtigen" (S.245), wobei "[d]as Wesen des Erwägens in einem Aufschieben des Urteils […] – in einem Aufschieben der Bildung des endgültigen Entschlusses besteht" (S.246). Fokus der Betrachtungen sind hierbei die Emotionen, die für eine Entscheidungsfindung notwendig sind, denn "[d]ie Regeln der formalen Logik sind nur in der Lage, einen begrenzten Ausschnitt der Entscheidungsfindung zu beschreiben, nicht aber die Phase des Erwägens im Entscheidungsprozess" (S.253). Soweit kann ich zustimmen und mitgehen. Nicht aber bei den weitergehenden Ausführungen, die sich mit sogenannten "Erwägens-Stoppern" beschäftigen: "die Urteilsicherheit und das Satisficing" (S.254). Zwar mag die grundgesetzliche Garantie der Freiheit des richterlichen Urteils gelten, jedoch darf diese nicht folgend mit dem ersten Kriterium einfach abgetan werden, dass "ein Richter so lange und nur so lange entscheidungsbezogene Überlegungen anstellt, bis die aktuelle Urteilssicherheit der gewünschten Urteilsicherheit entspricht" (S.255; Herv. LAN) – denn damit wäre ein subjektiver Wunsch zum Kriterium erklärt, was den grundgesetzlichen Rechtssätzen widersprechen würde. Das zweite Kriterium verbleibt ebenso defizient, wenn "Satisficing (als Komposition von satisfy und suffice)" (S.256) sich auf die Brauchbarkeit einer Lösung "im praktischen Sinn von 'gut genug', […] die also nicht die beste Lösung überhaupt sein muss" (S.256), beschränkt. Dies ist mir zu undifferenziert. Vielleicht mag das im Zivilrecht noch zutreffen, wenn außergerichtliche Vergleiche allen Beteiligten Zeit und Kosten sparen; für das Strafrecht wäre es eine fatale Haltung. Welch schlechtes Bild werfen beide Kriterien auf eine ganze Zunft und unseren Rechtsstaat, wenn rein subjektive oder Effizienzkriterien richterliche Entscheidungen bestimmen?11) [38]

6. Editorische Leistungen

6.1 Der Herausgeber

Gerd JÜTTEMANN kann man nur gratulieren zu diesem die aktuelle Psychologie repräsentierenden Sammelband. Insofern begrüße ich im Großen und Ganzen ebenfalls seine Auswahl der Autoren und Autorinnen. Ob er sich mit diesem kontroversen Werk, dem Thema und einigen der Beiträge als Herausgeber einen Gefallen getan hat, muss er selbst beurteilen. Ich persönlich hätte ein Buch zu dieser Thematik nicht gebraucht. [39]

6.2 Der Verlag

Hierzu kann ich nur sagen: Wenn eine Entscheidung zu einer Billig-Reihe – trotz 29,90 Euro! – fällt, dann konsequent. Was der Herausgeber oder die Autor/innen nicht machen, verbleibt in der Druckfahne. Gut, das kann man so wollen und damit sein Image als "Hochpreis" -Verlag, der Güte wegen, aufs Spiel setzen; im Fall dieses Buches ein Grenzgang. Ich persönlich werde mir gut überlegen, in Zukunft aus dieser Reihe ein weiteres Buch zu kaufen: zu viele grammatische und orthografische Fehler, ein schlechter Satz, unterschiedliche Schriften und Formatvorlagen bei Überschriften, unterschiedliche Zitierweisen, je nachdem, welcher Profession der Autor/die Autorin entstammt. Ehrlich gesagt, das kann fast jeder Laie heutzutage besser! Und der Verlag auch, wie JÜTTEMANN (2006) zeigt! [40]

7. Erwägen – "die wichtigste und […] häufigste Verhaltensweise des Menschen"?

Diese Behauptung, die Gerd JÜTTEMANN zu Beginn des Sammelbandes trifft (S.9) – ihm folgen gleich mehrere Autoren und Autorinnen in ihren Beiträgen –, möchte ich begründet zurückweisen, vor allem dann, wenn es darum geht, Erwägen zu einem psychologischen Fachbegriff zu machen, der gleichwertig neben dem Denken (Überlegen) und Entscheiden einen Platz beanspruchen sollte. Zumindest deutet der Untertitel des Sammelbands darauf hin. [41]

(1) Erwägen ist kein philosophischer Grundbegriff, wie zu erwarten sein könnte, entwickelte sich die Psychologie doch wie fast alle anderen Wissenschaften aus der Philosophie heraus, was ein rascher Blick in die verschiedenen Lexika zeigt. Vielmehr fiel er Anfang des letzten Jahrhunderts unter den Begriff Überlegung (Wörterbuch der philosophischen Begriffe 1904; nach seinem Herausgeber genannt: der EISLER), heute, in der aktuellen Ausgabe des Historischen Wörterbuchs der Philosophie, subsumiert man ihn unter den Begriff Denken. "Überlegung (symbouleusis, deliberatio, reflexio)", so definiert der EISLER, "ist die auf Vergleichung beruhende fragend-urteilend wertende Prüfung von Motiven zu (inneren oder äußeren) Willenshandlungen, freies Waltenlassen des Motivenkampfes, bis die Wahl sich vollziehen kann, also der dem Wahlakte vorausgehende psychische Prozess" (http://www.textlog.de/5283.html). Dies ist natürlich eine sehr idealistische Definition, sie zeigt jedoch zwei wichtige Dinge: (a) Erwägen ist ein Willensakt, ein bewusstes Prüfen von Motiven. Dies setzt Einsicht in die Motive voraus und schließt somit definitorisch bereits Beiträge wie die von Hans J. MARKOWITSCH und Wolfgang MERTENS ebenso aus wie Gerd JÜTTEMANNs Definition als "Verhalten(sweise)". Erwägen bedarf (b) eines freien "Waltenlassen des Motivenkampfes", bis sich eine Wahl (Entscheidung) einstellt (und dies war auch die zentrale Stoßrichtung WEIMARs und VENSKEs). [42]

Und wer vermag zu widersprechen, wenn ich behaupte, beide Merkmale liegen in der Regel im "Alltagshandeln" des Menschen nicht vor? Weder sind uns die (vollständigen) Motive inkl. ihrer Auswirkungen bewusst (vgl. BOESCH 2006), sonst hätte die Rational-Choice-Theorie bereits die Erklärung für Wahlhandlungen des Menschen gefunden, noch lässt uns der Alltag in der Regel die Zeit zu einem Motivkampf. Vielmehr, und hier ist dezidiert in zweifacher Weise Walter HERZOG zuzustimmen, entscheiden wir (a) in der Regel (blitz-) schnell, Erwägen des Erwägens Willen findet im Alltag nicht statt. Ob sich (b) Erwägensalternativen stellen und diese als solche erfasst werden, hängt nicht allein vom Subjekt und seiner grundsätzlichen Befähigung ab, sondern wesentlich von sozialen Ressourcen, die materieller Natur (Geld) sein können, am häufigsten aber immaterieller Natur (Bildung) sind (wobei der Unterschied durch Konvertibilität vielleicht vernachlässigbar ist; vgl. BOURDIEU 1997). [43]

Die Unschärfe bzw. die Nicht-Definition des Erwägens im psychologischen Begriffssystem ist es denn auch, die die meisten Autorinnen und Autoren dazu verleitet, Erwägen implizit mit Entscheiden, Überlegen, Abwägen, Verstehen (KRIZ), Problemlösen (FUNKE) oder gleich generell mit dem Denken (KÜHNE) gleichzusetzen, denn die übliche philosophische Verwendungsweise (also Überlegen oder Denken) spiegelt sich – historisch bedingt – in unserer Alltagssprache. Und damit begehen sie einen schwerwiegenden Fehler, an dessen Ende dann eben JÜTTEMANNs Rede von der "wichtigsten und […] häufigsten Verhaltensweise des Menschen" steht, und bei dem schlicht ein Teil (Erwägen) zum grundsätzlichen Muster für das Ganze (Denken/Überlegen) erklärt wird: pars pro toto. [44]

(2) Die Idee, ein Buch zu diesem Thema herauszugeben, entstammt nachweislich dem Kontakt mit der Forschungsredaktion Erwägen – Wissen – Ethik, die mehrfach im Band als "Paderborner Schule" bezeichnet wird. Letzteres würde ich nicht tun, aber wenn man in die Geschichte der Psychologie schaut, so ist ein solcher Begriff für einen Verbund von wenigen, regional ansässigen Forschenden durchaus geläufig (wobei die Rede von der "Schule" in diesen Kontexten eher legitimierenden als bezeichnenden Charakter besitzt). Das Erwägens-Konzept der Forschungsredaktion ist aber keinesfalls als eine grundlegende, alltägliche "Verhaltens"weise des Menschen zu verstehen. Ganz im Gegenteil: dahinter steht ein (politisch-) pädagogisches Konzept, Erwägen einzuüben und zu verstetigen. Offensichtlich besitzt der Mensch zwar grundsätzlich die Fähigkeit hierzu, nicht jedoch die Fertigkeit. [45]

Mehr noch, Erwägen wird dort dezidiert nicht im Allgemeinen, sondern in einem sehr spezifischen Sinne gebraucht, worauf die Beiträge von Werner LOH und Bettina BLANCK verweisen. Handelt es sich bei LOH um die Erwägensfunktion als solche, ein Erwägen um des Erwägens Willen, also einen hochreflexiven philosophischen Prozess,12) so verweist erwägensorientiertes Erwägen (S.202) bei BLANCK auf einen pädagogischen und damit ebenso durchdachten Prozess. Wenn man so will, wird von der Forschungsredaktion ein kleiner Ausschnitt des Denkens betrachtet und bewusst "künstlich" verlangsamt, um daraus Lernprozesse erwachsen zu lassen bzw. diese zu initiieren. So heißt es programmatisch:

"Die Zeitschrift Erwägen Wissen Ethik (EWE) soll den erwägenden Umgang mit Vielfalt fördern. […] Es fehlt an Wissen, diese Vielfalt adäquat-umfassend zu berücksichtigen. In welchem Ausmaß Vielfalt verarbeitet wird, hängt auch von Aufnahmebereitschaft und Konkurrenzsituation ab. Jeweilige Lösungsvorschläge sind aber ohne Erwägung verschiedener Möglichkeiten weder hinreichend zu begründen und zu verantworten noch als dezisionäre einzuschätzen. Die Zeitschrift soll mittels Repräsentation jeweiliger Vielfalt interessenbedingte Einschränkungen aufheben, um hierdurch zu besseren Begründungen und möglicherweise höherer Verantwortbarkeit zu gelangen. […] Unter generalistisch-integrativer Perspektive ist Erwägen Wissen Ethik zugleich ein Forum der Erfindung, Erprobung und Verbesserung von Regeln für den Umgang mit dieser Vielfalt. Die Zeitschrift ist insofern auch ein Forschungsinstrument" (http://iug.uni-paderborn.de/ewe/Konzept/programm.htm). [46]

Hier geht es nicht um grundlegende Prozesse des alltäglichen Handelns, sondern um spezialisierte Diskurspraktiken in Bezug auf den Umgang mit Alternativen (Vielfalt). Ziele wie "bessere Begründungen" und "höhere Verantwortbarkeit" von Entscheidungen sind in der Regel keine Prämissen des Alltagshandelns, ebenso wie wir in der Regel keine Regeln hierfür erfinden und erproben – dies fällt vielmehr z.B. in den Wissenschaftsbereich (vgl. die Beiträge von SCHMIDT und BURKART) oder in praktische Konfliktfelder (vgl. MONTADA). [47]

(3) Ich möchte dafür plädieren, Erwägen nicht zu einem psychologischen Grundbegriff zu erheben, denn dazu spielt er im Alltagsleben der Menschen eine viel zu untergeordnete Rolle – die bereits eingeführten umfassenderen Begriffe sind m.E. weitgehend leistungsfähig, wenn auch nicht ausreichend in der Definitionsweite, fehlt doch noch immer ein angemessener Begriff und ein damit verbundenes Denken des leibgebundenen Wissens (vgl. ZIELKE 2004, S.318ff. und 340ff.). Wichtiger erscheint mir jedoch, den Begriff "Erwägen" im Kontext der Verwendungsweise der Forschungsredaktion zu belassen, weil er dort eine bestimmte Diskurspraxis und damit verbunden eine pädagogische Programmatik bezeichnet, die ich für richtig und notwendig erachte und die auf ein Desiderat hinweist: nämlich hochkomplexe Systeme (wie die Wissenschaft) in ihren rationalen wie irrationalen Regelmäßigkeiten zu erfassen – und wünschenswerter Weise zu verbessern. Erwägen ist somit eine methodisch-geleitete Form des Denkens und gehört, wie LUCKNER argumentiert, nicht in den Bereich der allgemeinen, sondern in den der praktischen Vernunft. [48]

8. Fazit

Mehr konnte bei diesem Unternehmen nicht herauskommen – wer mehr erwartet hat, ist naiv. Dass eine Psychologie, wie sie aktuell verfasst ist, mit etwas umgehen kann, dass grundsätzlich nicht nach dem Muster "Wenn nicht A, dann B" zu operieren vermag (ganz zu schweigen davon, dass sie damit bereits hinter der von LOH in diesem Band kritisierten Aussagenlogik zurückbleibt), war von vornherein klar – Phänomene der Unentscheidbarkeit und Gleichwertigkeit wären am ehesten in der Psychopathologie wiederzufinden. Ein guter Anfang – aber keineswegs ein Zeichen dafür, dass sich "die Zeiten inzwischen auch in der Psychologie geändert haben", wie der Herausgeber Gerd JÜTTEMANN meint (S.16). [49]

Anmerkungen

1) Unterschlagen wird dabei im Allgemeinen, dass das griechische psyché durchaus eine Verwendung im umfassenden Sinne von Seele, Hauch, Leben zulässt. <zurück>

2) Nur eine kurze Anmerkung, könnte man hierzu doch einen ganzen Aufsatz verfassen: Ob kognitive Suchprozesse überhaupt eine Bedeutung für das Leben haben, ist ebenso umstritten wie der Begriff selbst. Zwar wird er in der Regel – wie bei JÜTTEMANN auch – synonym für "Denken" gebraucht, verfehlt damit aber seine eigentliche Bedeutung, nämlich die der Informationsverarbeitung. Und damit liegen Kognitionen vor dem, was wir Denken, Sprechen, bewusste Wahrnehmung etc. nennen – sofern man ihnen nicht selbst Bewusstheit zuschreibt im Wortsinne von cognoscere. Es sind schlichte Operationen im Sinne dessen, was der Behaviorismus in der black box vermutete: Der Kognitivismus "inherited its aim, of specifying mechanical input-output processes, from the stimulus-response behaviorism that is sought to replace with the 'information processing' metaphor of mind. […] The basic cognitivist position [is] that we start with a given, external world, which is then perceived and processed, and then put into words" (EDWARDS 1997, S.19). <zurück>

3) Trotz der JÜTTEMANNschen Kritik am Begriff der Ontogenese halte ich hier an diesem zuungunsten des neuen von JÜTTEMANN in die Diskussion eingebrachten Begriffs der "Autogenese" fest, da ersterer ein eingeführter Terminus ist und ich nicht sicher bin, ob der Begriff "Autogenese" den entsprechenden Mehrwert erbringt, verbleibt er rein begrifflich doch in einem sehr individualistischen und rationalistischen Schema. <zurück>

4) "Wenn man aber die ganze Psychologie die experimentelle nennt, so ist dies ebenso gewiß eine falsche Bezeichnung, weil es Gebiete gibt, die der Natur der Sache nach dem Experiment unzugänglich sind. Dazu gehört in erster Linie die Entwicklung des Denkens, dazu gehören dann aber auch eine Reihe weiterer damit zusammenhängender Entwicklungsprobleme, wie zum Beispiel der künstlerischen Phantasie, des Mythos, der Religion und der Sitte" (WUNDT 1921, S.537). <zurück>

5) Dieser ethischen Haltung getreu, werden auch die folgenden Beiträge in diesem Sinne behandelt und besprochen. Aufgrund der Kürze der Einzelbewertungen wird dies nicht immer explizit wiederholt, ist aber mitzudenken. <zurück>

6) Kompositum aus satisfy und suffice oder vielleicht doch efficient (?), hierzu schweigt der Autor; vgl. S.256 und damit die abweichende, aber wohl richtigere Schreibung dort: "Satisficing (als Komposition von satisfy und suffice)" (WEINMAR & VENSKE, S.256). <zurück>

7) Hervorhebung erfolgt, da Wikipedia belehrt: "Das limbische System ist eine Funktionseinheit des Gehirns, die der Verarbeitung von Emotionen und der Entstehung von Triebverhalten dient." (http://de.wikipedia.org/wiki/Limbisches_System) <zurück>

8) Keine Schöpfung MARKOWITSCHs, sondern "[w]ie ein weltbekannter Hirnforscher es formuliert" (ebd.). <zurück>

9) Dennoch sollten sie mit Vorsicht genossen werden, da JÜTTEMANN sich hinreißen lässt zu behaupten, "möglicherweise" das antizipierende Denken Carl STUMPFs entziffert zu haben (vgl. S.137). <zurück>

10) Praxisuntauglich – ebenso wie die Mehrzahl der interkulturellen Trainings, die nach dem gleichen Muster operieren, denn auch sie nehmen nur die aktuelle Handlungssituation und nicht die gemeinsame Intention der handelnden Akteure in den Blick und müssen so eine Fülle (unnützer) Verhaltensregeln aufstellen und trainieren, die in der konkreten Handlungssituation letztlich keine Relevanz haben (vgl. ALLOLIO-NÄCKE 2008). <zurück>

11) Zumal die Autorin und der Autor nicht mit eigenen empirischen Daten aufwarten, sondern rein "theoretisch" argumentieren. <zurück>

12) Somit erklärt sich auch der Bruch zwischen den philosophischen Schriften und dem Alltagsleben MONTAIGNEs (vgl. RATH), den ich weiter oben angedeutet habe. <zurück>

Literatur

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Zum Autor

Lars ALLOLIO-NÄCKE, Dr. phil., Dipl.-Psych., geb. 1975; Studium der Psychologie, gefördert durch die Friedrich-Naumann-Stiftung. 2001-2004 Stipendiat im von der DFG geförderten Graduiertenkolleg Kulturhermeneutik im Zeichen von Differenz und Transdifferenz (http://www.kulturhermeneutik.uni-erlangen.de/) an der Universität Erlangen-Nürnberg. 2004-2006 Wiss. Koordinator des DFG-Schwerpunktprogramms BiQua am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften an der Universität Kiel. Derzeit Wiss. Angestellter am Lehrstuhl für Altes Testament an der Universität Erlangen-Nürnberg im Projekt Plattform Anthropologie (http://www.plattform-anthropologie.de/). Mitherausgeber der Zeitschrift Psychologie & Gesellschaftskritik (http://www.pug-online.de/). Hauptforschungsgebiete: Identität, Subjektphilosophie, Interkulturelle Kommunikation, (handlungstheoretische) Kulturpsychologie und Methoden der qualitativen Sozialforschung. Publikationen zuletzt: Kulturelle Differenzen begreifen. Das Konzept der Transdifferenz aus interdisziplinärer Sicht. Frankfurt am Main: Campus (hrsg. mit Britta KALSCHEUER, 2008); Ostdeutsche Frauen haben (k)eine Chance. Doing Identity 15 Jahre nach der deutsch-deutschen Vereinigung. Hamburg: Dr. Kovač (2007). In FQS finden sich von ALLOLIO-NÄCKE weitere Beiträge, u.a. hat er die Rezensionsaufsätze "Potentiale und Grenzen qualitativer Methoden in der Entwicklungspsychologie" (http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs060482; zu dem "Handbuch Qualitative Entwicklungspsychologie", hrsg. von Günter MEY 2005) sowie "Turn, turn, turn around – bis die Konturen verschwimmen" (http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0801266; zu "Cultural Turns" von Doris BACHMANN-MEDICK 2006) verfasst.

Kontakt:

Dr. Lars Allolio-Näcke

Lehrstuhl für Altes Testament II
Universität Erlangen-Nürnberg
Kochstraße 6
D-91054 Erlangen

E-Mail: lars.allolio-naecke@theologie.uni-erlangen.de
URL: http://www.pug-online.de/HerausgeberInnen/CV_Allolio-Nacke/cv_allolio-nacke.html

Zitation

Allolio-Näcke, Lars (2008). Erwägen als Prüfstein ethischer und alltagsrelevanter Reife der Psychologie. Review Essay: Review Essay: Gerd Jüttemann (Hrsg.) (2008). Suchprozesse der Seele. Die Psychologie des Erwägens [49 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 10(1), Art. 11, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0901119.



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