Volume 10, No. 1, Art. 20 – Januar 2009

Rezension:

Thorsten Berndt

Matthias Grundmann, Thomas Dierschke, Stephan Drucks & Iris Kunze (Hrsg.) (2006). Soziale Gemeinschaften. Experimentierfelder für kollektive Lebensformen. Berlin: LIT Verlag, 202 Seiten, ISBN 3-8258-8210-1, Euro 24,90

Zusammenfassung: Die Autoren und Autorinnen des Sammelbandes plädieren für eine verstärkte wissenschaftliche Erforschung einer wesentlichen Grundkategorie der Soziologie: der Gemeinschaft. Mit einer treffenden Begriffsbildung, die der "intentionalen Gemeinschaft", und differenzierenden Analysen klassischer und anthropologischer Begriffskonzeptionen wird das anspruchsvolle Forschungsfeld theoretisch erfasst und für weitere Untersuchungen vorbereitet. In den empirischen Analysen wird der experimentelle Wert intentionaler Gemeinschaften für eine nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft charakterisiert. Eine stärkere Einbindung bestehender Forschung zu Prozessen gemeinschaftlicher Verbindung sowie eine klarere Stellungnahme zum Problem der Wertfreiheit von sozialwissenschaftlicher Forschung hätten den insgesamt guten Eindruck des Sammelbandes verstärkt.

Keywords: Gemeinschaft; Kommunitarismus; Organisation; Vergemeinschaftung

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Buch: die Beiträge

2.1 Theoretische Rahmung und Programm einer Gemeinschaftsforschung

2.2 Theoretische Zugänge und Verbindungen des Begriffs "Gemeinschaft"

2.3 Empirische Begriffsspezifizierung und Analysen von "Gemeinschaft"

3. Anmerkungen

3.1 Zentrierungen des Feldes

3.2 Begriffsbildung

3.3 Das Prozesshafte – die Vergemeinschaftung

3.4 Intentionale Gemeinschaften als "Forschungsabteilung" der Gesellschaft

3.5 Fehlerteufel

3.6 Zur Gesamtanlage

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

Die Sozialwissenschaften stellen Begrifflichkeiten bereit, an denen man bei einer vertieften Beschäftigung mit ihren Phänomenen nicht vorbeikommt: "Gesellschaft" oder "Individuum" gehören genau so dazu wie der Begriff der "Gemeinschaft". Es muss nicht auf PLATONs "Staat" oder Thomas MORUS' "Utopia" zurückverwiesen werden (was ich hiermit dennoch tue), um das Interesse der Gelehrten an einer speziellen Verbundenheit unter Menschen zu kennzeichnen, welche über das bloße Dasein eines Einsiedlers (oder Robinsons – ohne Freitag) und die eigennutzgesteuerten Interaktionsimpulse eines homo oeconomicus hinausgeht. Es genügt der zentrale Verweis auf einen Gründungsvater der deutschsprachigen Soziologie, der sich dem speziellen Phänomenbereich "wesenhafter Verbundenheit" unter dem Begriff der "Gemeinschaft" angenähert hat: Ferdinand TÖNNIES. Auch wenn TÖNNIES nicht in jeder Hinsicht glücklich über seinen Erfolg war (vgl. KÄSLER 1991), so hat sich sein Werk "Gemeinschaft und Gesellschaft" von 1887 (TÖNNIES 1991), trotz vernichtender Kritik (vgl. KÖNIG 1955) – zur Antikritik siehe OSTERKAMP (2005) –, als Hauptwerk der Soziologie etabliert. Allerdings hat sich kaum eine eng an der "reinen Soziologie" von TÖNNIES orientierte empirische Forschung herausgebildet, die das große theoretische Interesse hätte ergänzen können. Vielleicht war der zweifelhafte Erfolg zur Zeit der Nationalsozialisten mitverantwortlich. Sozialphilosophisch wurde von Helmut PLESSNER schon 1924 auf die "Grenzen der Gemeinschaft" hingewiesen; er forderte, die "communio" nicht als Prinzip zu erheben (PLESSNER 2002, S.41). [1]

Die heutigen Sozialwissenschaften, und damit machen wir einen großen Sprung, sind begrifflich nicht durchdrungen von der "Gemeinschaft". Ohne die Linien im Einzelnen zu verfolgen, gibt es aber für den gemeinschaftlichen Phänomenbereich "wesenhafter Verbundenheit", seine Entstehungsbedingungen, Wirkungen und Formen, in vielen ausdifferenzierten Spezialdisziplinen ein ausgeprägtes Interesse und empirische Forschungen. Nicht nur in den Gesundheitswissenschaften oder den Forschungen zum bürgerschaftlichen Engagement, nicht nur in der Team-Forschung der Sportwissenschaften, sondern auch in der Arbeits- und Organisationspsychologie und -soziologie, der Familiensoziologie, der Gruppenforschung, Integrationsforschung oder Milieuforschung, um nur einen kleinen Ausschnitt zu nennen, sind die gemeinschaftlich verbindenden Aspekte jenseits vertraglicher Interessen von Bedeutung. Damit ist auf der einen Seite der basale Charakter von Gemeinschaftsaspekten und ihrer Wichtigkeit benannt – auf der anderen Seite aber auch, dass es sich in der Postmoderne mit ihren sich ausdifferenzierenden Anforderungen zumeist nicht um das zentrale Element eines Lebensentwurfes handelt. Die Gemeinschaft aber dennoch in den Mittelpunkt zu bringen, und damit auch Experimentiercharakter anzunehmen, ist auf einen sehr kleinen Phänomenbereich unserer Gesellschaft zu beziehen. Als "soziale Gemeinschaften" – und im späteren Verlauf des hier besprochenen Sammelbandes als "intentionale Gemeinschaften" – bezeichnet, gelangen wir damit wieder zu einer "totaleren" Form von Gemeinschaftsbezug, wie er heute als eher untypisch wahrgenommen wird. Auf viele der sozialwissenschaftlichen Fragen, die sich aus einer Beschäftigung mit diesen Sozialformen ergeben, wird im vorliegenden Sammelband eingegangen. [2]

Die Herausgebenden des hier besprochenen Buches, Matthias GRUNDMANN, Thomas DIERSCHKE, Stephan DRUCKS und Iris KUNZE bilden eine Forschungsgruppe zum Thema der sozialen Gemeinschaften unter der Leitung von Matthias GRUNDMANN an der Universität Münster (http://egora.uni-muenster.de/ifs/gemeinschaftsforschung_index.shtml). Die spezifische Themenzusammenstellung dieses Sammelbandes geht dabei zurück auf die von Matthias GRUNDMANN, Stephan DRUCKS, Iris KUNZE und Uwe H. BITTLINGMAYER organisierte Ad-hoc-Gruppe Kommunitäre Lebensweisen in der Moderne: Beiträge soziologischer Gemeinschaftsforschung zum gesellschaftspolitischen Diskurs während des DGS-Kongresses in München 2004. [3]

Der Sammelband ist in der von Matthias GRUNDMANN herausgegebenen Reihe "Individuum und Gesellschaft: Beiträge zur Sozialisations- und Gemeinschaftsforschung" des LIT Verlages als Band 3 erschienen. Während sich der erste Band noch mit einer Sammlung interdisziplinärer Subjekttheorien auseinandersetzte, siehe hierzu auch die Rezension von Andrea D. BÜHRMANN (2005), zielte der zweite Band über die milieugebundene Handlungsbefähigung Jugendlicher auf das Themengebiet der Sozialisation. Mit dem nun vorliegenden und hier besprochenen dritten Band verdichtet sich das anvisierte Thema der Reihe und nimmt das Wechselspiel von Individuum und Gesellschaft über den zentralen Begriff der Gemeinschaft in den Blick. Anspruch des Werkes ist es, einerseits eine Einführung in eine soziologische Gemeinschaftsforschung zu geben und andererseits jene selbst zu aktivieren. [4]

2. Das Buch: die Beiträge

2.1 Theoretische Rahmung und Programm einer Gemeinschaftsforschung

Einen Überblick mit Rahmung des Themas der sozialen Gemeinschaften bietet Matthias GRUNDMANN mit seinem Vorwort und dem ersten Beitrag "Soziale Gemeinschaften: Zugänge zu einem vernachlässigten soziologischen Forschungsfeld" zu Beginn des Sammelbandes. Er bemängelt zunächst, dass der Begriff "Gemeinschaftsforschung" nicht durch die Sozialwissenschaften besetzt sei, obwohl mit dem Begriff der "Gemeinschaft" doch eine zentrale Kategorie der Soziologie angesprochen würde. Gleichsam verhalte es sich mit dem Forschungsfeld "Gemeinschaft" in der Soziologie: es sei vernachlässigt, obwohl es zu den basalen Phänomenen gehöre. Gerade die nicht (nur) an den individuellen Interessen orientierten Interaktionshandlungen, die in dauerhaften und alltäglichen Sozialbeziehungen Gemeinschaftlichkeit herstellen, lägen im Fokus einer solchen Forschung. Dieses grundsätzliche Vergessen des doch seit Ferdinand TÖNNIES so zentralen Themas "Gemeinschaft" ist nach Matthias GRUNDMANN in dem Streben der heutigen Soziologie begründet, den individuellen Akteur (zurückgehend auf WEBERs Rationalitätsmodell) oder die gesellschaftliche Entwicklung in den analytischen Blick zu nehmen. Eine soziale Gemeinschaft zeichne sich durch das Zusammenleben von Individuen aus, nicht durch formalgebundene Zugehörigkeit. Im Fokus einer Gemeinschaftsforschung stehe neben der Einbindung einzelner Akteure in die soziale Gruppe auch, welche Bedingungen, Formen und Vernetzungen der Akteure die gemeinschaftliche Alltagsorganisation aufweist. [5]

Die Familie könne als anthropologisch fundierte Grundform der sozialen Gemeinschaft angesehen werden, die sich in gegenseitigem Wollen konstituiert. Diese idealistische Annahme sei aber durch traditionelle, rechtliche und religiöse Faktoren eingeschränkt, welche es ermöglichen formale Zugehörigkeit jenseits eines individuellen Willens zuzuschreiben. Nah und zugleich unscharf korrespondiere die anglo-amerikanische Entsprechung zur sozialen Gemeinschaft, die "community". Ähnlich dem deutschen Begriff der "Gemeinschaft" sei die ideologische und politische Vereinnahmung ein Hindernis für die wissenschaftliche Auseinandersetzung. Es sei daher von zentraler Bedeutung, die lebenspraktisch aufeinander bezogenen sozialen Handlungsbezüge, die sich zu gemeinschaftlichem Leben konstituieren, in ihrer je gegenständlichen Form zu untersuchen. Sie seien auch nicht gegensätzlich zur Gesellschaft, sondern auf der Ebene der erfahrbaren lebensweltlichen Bezüge angesiedelt und damit weniger formal und institutionalisiert, gleichsam aber komplementäre Notwendigkeit zwischen Individualität und Gesellschaftlichkeit, wie schon TÖNNIES und WEBER herausarbeiteten. Dieser Bereich, die soziale Gemeinschaft, sei eine analytisch wesentliche Kategorie für die Erforschung des sozialen Zusammenlebens, weil sich Intimität, Reziprozität und Kommunikation im alltäglichen Lebensvollzug entäußern und bewähren müssen. Die in ihren Ausformungen fließende Grenze zum Gesellschaftshandeln markiere das Vorhandensein von eindeutiger Steuerung von Beziehungen durch Verfahrensregeln in institutionellen Bezügen, die Folge von rationalen Differenzierungen einzelner Funktionen sein könne. Gemeinschaftliche und gesellschaftlich-institutionelle Aspekte seien in der Familie besonders deutlich in Form eines Spannungsverhältnisses realisiert, der sozial stark bindende "natürliche" Charakter stoße gleichsam etwa auf die Institution der Ehe. [6]

Gemeinschaftlichkeit als gewollte und nicht erzwungene Übereinkunft äußere sich über gemeinsame Werte, Ziele und Interessen, die in gemeinsamen oder auf das Gemeinsame gerichteten Handlungsvollzügen des Alltags offenbar werde. Aus Sicht der Diskussion um die Postmoderne erscheine die soziale Gemeinschaft als eine Art Rückbindungsmöglichkeit zu verlässlichen und identitätsstiftenden Nahraumbeziehungen, die bis hin zum Charakter von sozialen Bewegungen führen könne. Historisch betrachtet, so GRUNDMANN, seien aber gerade die sozialen Gemeinschaften ein "Produkt der Moderne"(S.19). In einer Mischung aus religiösen und politischen Absichten formierten sich Bürgerinnen und Bürger in kommunalen Sozialordnungen gegen die Herrschaft des Adels oder kolonisierten die "Neue Welt". Diese "intentionalen Gemeinschaften" (S.20) erbrachten eine Alternative im Ideal des sozialen Miteinanders, bis hin zur intensiv erforschten Kibbutz-Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die neueren, postmodernen sozialen Gemeinschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie versuchen, die Individualität ihrer Mitglieder in integrativen Freiräumen mit dem gemeinsamen Ideal einer nachhaltigen sozialökologischen Lebensweise des Miteinanders zu vereinen. [7]

Soziale Gemeinschaften, so die zusammenfassende Analyse von GRUNDMANN, lassen sich als Ausdruck des gemeinsamen Wollens im Zusammenschluss individueller Akteure durch gemeinsame Motive beschreiben. Diese Motive können Werte, Interessen oder Ziele sein. Daraus ergäbe sich zunächst ein breites Feld sozialer Gruppen, die sich in der Strukturiertheit der Beziehungen und dem Grad der Organisation unterscheiden. Es reiche dabei von natürlichen und privaten Lebensformen (Familie) bis zu einem Zweck folgenden öffentlichen Lebensformen (Vereine, politische wirtschaftliche Verbände etc.). Als Idealtypus einer Erforschung der sozialen Gemeinschaften, die Prozesse der Gemeinschaftsbildung und der Vergemeinschaftung im Fokus hat, komme den sozialen Gruppen ein besonderer Stellenwert zu, die nicht nur das Private oder das Öffentliche ansprechen, sondern auch die gesamte alltägliche Lebenspraxis. Ihr Zweck richte sich auf eine nachhaltige gemeinsame Lebensführung, an der sich gerade durch diese experimentelle Totalität das Gelingen von Gemeinschaft in seinen Prozessen erforschen und nachzeichnen lasse. Im Zentrum stünden dabei die Motive des Zusammenlebens, die Gestaltungen der Sozialbeziehungen (Konfliktregulation, Intimität, etc.) und die Organisation des Alltags (Ökonomie, Entscheidungsprozesse etc.). [8]

2.2 Theoretische Zugänge und Verbindungen des Begriffs "Gemeinschaft"

Der sich anschließende Beitrag von Hans JOAS "Gemeinschaft und Demokratie in der USA. Die vergessene Vorgeschichte der Kommunitarismus-Diskussion" ist eine Wiederveröffentlichung eines erstmals 1993 erschienenen Artikels (vgl. S.31, FN 1). Indes schmälert dies nicht die inhaltliche Bedeutung des Beitrags von JOAS. Zentral ist ihm die Unterscheidung der Begriffe "Gemeinschaft" und "community" hinsichtlich ihres Verhältnisses zur Demokratie. Die amerikanische Diskussion verwende den Begriff "community" weniger stark mit Problemen besetzt als die deutsche Diskussion mit dem historisch belasteten Begriff der "Gemeinschaft". Demokratische Interessen an einer Nutzung gemeinschaftlicher Aspekte des menschlichen Miteinanders haben in der amerikanischen Tradition des Pragmatismus die Mittel zur Überwindung einer Opposition von Gemeinschaftswunsch und Demokratie, wie sie weder im Kommunitarismus noch in der ähnlichen deutschen Gemeinschaftsdiskussion zu finden seien. Zentral sei dabei die Berücksichtigung des freiwilligen Aspekts des Zusammenschlusses mit der Verknüpfung der Rückmeldung erzeugter Betroffenheit durch die Betroffenen an die Handelnden, was mit dem Verweis auf DEWEY (1927) untermauert wird. [9]

Nach diesem transatlantischen Ausflug zur begrifflichen Erweiterung von "Gemeinschaft" mittels eines klassischen pragmatistischen Demokratie- (und Ethik-) Verständnisses wird an eine historisch orientierte Analyse durch einen Rückgriff auf kontinentale Konzepte angeknüpft. So versucht sich Stephan DRUCKS in seinem Beitrag "Vormodern oder Vollmodern? Kommunale Gemeinschaften als Irritation der Modernisierung" an einer Neubewertung überkommener Stereotype. Wichtig seien klare, handlungstheoretische Ansätze, die in den klassischen Schriften von TÖNNIES, WEBER und ELIAS zum Thema vorliegen und durchaus als Basis fungieren können. In der Verbindung mit einer historischen Analyse zur Entwicklung der Kommune zeigt DRUCKS, dass die chronologisch orientierte Zuordnung des Attributes "alt" zu Gemeinschaft und "neu" zu Gesellschaft lediglich kontrastiven und begriffsidentitätsbildenden Charakter hat. Zum einen sei Kommune, als Beispielfall einer Gemeinschaft, eine Erscheinungsform der Moderne, was historisch gesehen vormoderne Kommunen ausschließe. Zum anderen seien die Gemeinschaft schaffenden Bindungsrationalitäten und Handlungsmotive, jenseits historischer Fixierung, somit allgemeine Dimensionen menschlichen Zusammenlebens. Dies zu berücksichtigen sei für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Thematik "Gemeinschaft" sinnvoll. [10]

Den Blick von klassischen Begriffsklärungen und -erweiterungen nehmend, gelangt die theoretische Analyse des Sammelbandes nun zur Deutung der Gemeinschaft als einem "anthropologischen Spagat". Hier versucht Thomas MOHRS in seinem Beitrag "Mir san mir! Anthropologische Bezugsgröße Gemeinschaft. Der Mensch zwischen Nahbereich und Globalität", die modernen Rahmenbedingungen von Gemeinschaft und Globalisierung aus anthropologischer Sicht zu erörtern. Er baut seine Argumentation auf die Annahme, dass der Mensch von seiner genetisch-biologischen Ausstattung her ein "nahbereichs-fokussiertes Kleingruppenwesen" (S.63) sei. Produktionsketten und -umstände seien bei dem Kauf von Waren anthropologisch bedingt nicht relevant, da ihnen kein präsenter Status im Nahbereich der Wahrnehmung zukomme. Auf das Soziale in der pluralistischen Gesellschaft bezogen seien somit die bindungsstärksten Sozialagglomerationen weiterhin überschaubare Wir-Gemeinschaften, wenn dabei auch die Bedeutung genetischer Verwandtschaft zugunsten "affektuell" gefühlter Verbundenheit abnehme. Analog seien hier außerhalb des eigenen Nahbereichs stehende oder erfahrbare Gruppen und deren Schicksal von untergeordnetem (emotionalem) Interesse. Eine solche evolutionär-anthropologisch fundierte "Ingroup-Outgroup-Differenzierung" könne auf die Mentalität des "Mir san mir!" (S.65) zugespitzt werden. In der sich rapide wandelnden globalisierten Welt stoße diese Nahbereichsmentalität aber zunehmend auf Probleme etwa in der Ökonomie und in der Ökologie oder im Feld internationalen Terrors. Es entstehe somit ein anthropologisches Dilemma. Eine verständliche, wenn auch nicht zuträgliche Reaktion auf diese Beunruhigung stelle eine Re-Moralisierung im Sinne der "Mir san mir!"-Mentalität dar, wie sie HUNTINGTON (1997) mit dem Begriff des "Clash of civilization" geprägt habe. [11]

Eine fruchtbarere Reaktion auf das Dilemma könne die praktische Umsetzung eines weltbürgerlichen Kommunitarismus (MOHRS 2003) sein, wie sie in den intentionalen Gemeinschaften versucht werde. Ständiges kritisches Reflektieren der eigenen Nahbereichslebensführung unter Berücksichtigung globaler Aspekte eines nachhaltigen Miteinanders seien, so MOHRS mit Verweis auf KUNZE im selben Band, ein angemessenes Mittel, den Nachteilen der sich selbst abschließenden Nahbereichsmentalität zu entgegnen. Doch was können, so fragt MOHRS, solche randständigen Experimente für die gesamte Weltbevölkerung an Nutzen bringen, den "Zeitgeist des neoliberalen Ökonomismus" (S.68) zugunsten eines weltbürgerlichen Kommunitarismus zu verändern? Eine reine Vorbildfunktion durch Vorleben mit der Hoffnung auf eine selbstlaufende Adaption erscheine zu idealistisch, geradezu naiv gegenüber der Trägheit und Angst überkommener Verhaltensmuster und ihrer zugehörigen Werte. Ein resignativer Rückzug aus einer solchen Einsicht aber würde wiederum die evolutionär-anthropologisch fundierte Nahbereichsmentalität in Form der Abschließung der intentionalen Gemeinschaften stärken, die ja gerade zu überwinden gesucht werde. Zudem geselle sich die Frage, wie die intentionalen Gemeinschaften in dem Problemfeld der Inklusion und Exklusion überhaupt eine quantitative Expansion gestalten wollen, ohne den typischen gemeinschaftlich-warmen Charakter zu verlieren. Eine weitere offene Frage betreffe den Umgang mit Normabweichung innerhalb der Gemeinschaft, die insbesondere in der Nachwuchsgeneration zutage trete. Die Gefahr einer "Tyrannei der Werte", die aus einer "möglichen moralischen Überforderung" (S.71) stamme, sei durchaus gegeben. [12]

MOHRS schließt seinen Beitrag mit einem sich aus den Fragen ergebenden Auftrag an die Erforschung intentionaler Gemeinschaften. Danach sei es für eine normative Soziologie von erheblicher Wichtigkeit, Antworten auf die Paradoxie zwischen Sendungsnotwendigkeit, weltbürgerlichem Kommunitarismus und dem Problem der Toleranz einerseits sowie der Gefahr des reaktionären Rückzugs auf die evolutionär-anthropologisch fundierte Nahbereichsmentalität andererseits zu finden. [13]

Der Beitrag von Thomas DIERSCHKE "Organisation und Gemeinschaft. Eine Untersuchung der Organisationsstrukturen Intentionaler Gemeinschaften im Hinblick auf Tönnies' Gemeinschaftsbegriff" greift nun wieder die eher an historischen Begriffsbildungen orientierten Analysen des Sammelbandes auf und gibt eine vertiefte Betrachtung des Tönniesschen Gemeinschaftsbegriffs in Bezug auf Organisation. Dies wird mittels empirischer Beispiele unternommen und bildet damit den letzten Beitrag des theoretischen Teils, der gleichsam in den empirischen überleitet. Der Autor bezieht sich zunächst auf den instrumentellen Organisationsbegriff. Wesentlich sei dabei der organisationsstrukturelle Aspekt, der die Verständigung und Zusammenarbeit der Mitglieder einer Gemeinschaft "in feste Bahnen lenkt" (S.80). Der institutionelle Organisationsbegriff hingegen sehe die Organisation als Bündelung sozialer Beziehungen zu einer sozialen Verbundenheit, die ihren je einzelnen Beziehungen gemeinschaftlicher oder gesellschaftlicher Art gegenüberstehe. Jene Dichotomie, die an die Konzeption von TÖNNIES anschließt, sei in Organisationen in unterschiedlicher Gewichtung gegeben. Trotz der Ziel- und Zweckorientierung in Organisationen, die als gesellschaftliche Beziehungen beschrieben werden können, haben – so DIERSCHKE – gemeinschaftliche Bezüge beachtenswerten Einfluss auf die Funktionsfähigkeit der Organisation. Diese gemeinschaftlichen Beziehungen zeichneten sich im Sinne TÖNNIES durch "Einverständnis, Gefallen, regelmäßige Kontakte, gemeinsame Werte, freiwillig anerkannte Autoritäten und ein gewisses Kräftegleichgewicht zwischen den Beteiligten" (S.87) aus. In der dann folgenden Wendung der erarbeiteten begrifflichen Beziehung auf zwei empirische Beispiele intentionaler Gemeinschaften bezieht sich der Autor auf seine eigene Forschung (DIERSCHKE 2003). Sowohl die Entscheidungsprozesse – als modifiziertes Konsensprinzip verfasst und auf freiwilliger Anerkennung der notwendigen Hierarchien basierend – als auch die Regelung der Aufnahme neuer Mitglieder der intentionalen Gemeinschaften mit einem hohen Grad an Formalisierungen lassen sich, so das Ergebnis, mit den Gemeinschaftsdefinitionen von TÖNNIES in Einklang bringen. Letztlich zeige sich, dass die Aspekte instrumenteller Organisation und gemeinschaftlichen Lebens in den empirischen Beispielen der intentionalen Gemeinschaften miteinander verwoben sind. [14]

2.3 Empirische Begriffsspezifizierung und Analysen von "Gemeinschaft"

Nach Abschluss der ersten Hälfte des Sammelbandes, die als theoretischer Teil in klassische und anthropologische Begriffskonzeptionen der "Gemeinschaft" mit Hinblick auf ihre aktuelle Anwendbarkeit einleitet, steht zu Beginn des empirischen Teils eine operationale Begriffsdefinition für das im Blick befindliche Forschungsfeld. In dem Beitrag von Thomas DIERSCHKE, Stephan DRUCKS und Iris KUNZE "Intentionale Gemeinschaften: Begriffe, Felder, Zugänge" geht es um eine begriffliche Fokussierung, um die bisherigen Definitionen weiter auf den Forschungsgegenstand zu beziehen und zu konkretisieren. Hierzu wird der aus dem eigenen Forschungsfeld gewonnene Begriff der "intentionalen Gemeinschaften" in die deutschsprachige wissenschaftliche Diskussion eingeführt (und in diesem Band durchgängig verwendet), der sich in seiner ambivalenten Struktur den empirischen Befunden anpasse. Bewusste Rationalität (Intention) auf der einen, wesensmäßig gefühlte Verbundenheit (Gemeinschaft) auf der anderen Seite gäben zwar in Hinsicht auf etablierte Theorieangebote eine "sperrige" Kombination, die aber gerade durch die ambivalente Verbindung ihren "Reiz" erhalte (S.103). Im Folgenden zeigen DIERSCHKE et al. auf, dass das Forschungsfeld intentionaler Gemeinschaften schwer zu bestimmen und abzugrenzen sei, weil die verschiedensten Formen und Varianten existieren. Dennoch wurde für Deutschland eine quantitative Studie unter der Leitung von Matthias GRUNDMANN in Angriff genommen, die sich methodisch den Umstand zunutze machte, dass die intentionalen Gemeinschaften in der Regel untereinander sehr gut vernetzt seien und ihre Kommunikationsoffenheit Ausdruck in gemeinsamen Adressverzeichnissen findet. Die erfragten Dimensionen erstreckten sich über den Umgang mit Wohnen, Besitz und Ökonomie bis zu Entscheidungsfindung, Gründungsmotivationen und der Gestaltung der Sozialbeziehungen. Aus diesem so gewonnenen Überblick ergaben sich hauptsächlich die im Folgenden dargestellten empirischen Forschungen. [15]

Gisela NOTZ untersucht in ihrem Beitrag "Theoretische Zugänge und empirische Beispiele zu kommunitären Lebens- und Arbeitsformen" (im Inhaltsverzeichnis auch "Alternative Formen der Ökonomie" genannt) das Konzept der Kommune an einem aktuellen empirischen Fall. Sie zeigt dabei die organisationsstrukturellen Grundsätze wie u.a. gemeinsame Ökonomie, Konsensentscheid und linkes Politikverständnis an Interviewmaterial auf. Schließlich weist sie auf die Notwendigkeit hin, dass Wissenschaft mit solchen von der Gesellschaft hervorgebrachten und gleichsam unbeachteten Formen des experimentellen Zusammenlebens mehr in Kontakt kommen müsse. [16]

In seinem zweiten Einzelbeitrag "Das kommunitäre Generationenproblem: Leitideen und Dynamiken. Fragen an Intentionale Gemeinschaften" stellt Stephan DRUCKS das "Problem der Generationen" in den Mittelpunkt. Die Problematik wird anhand der Generationenbeziehungen in den israelischen Kibbutzim – über die Arbeit von COHEN (1982) vermittelt – untersucht und unter theoretischer Bezugnahme auf Karl MANNHEIM (1928) sowie Kurt LÜSCHERs und Ludwig LIEGLEs Ambivalenztheorie (2003) erfasst. Zum einen bedürfe es in langfristig angelegten intentionalen Gemeinschaften einer Stabilität von Strukturen, um die Versorgung im Alter zu gewährleisten, zum anderen bedürfe es der täglichen Freude an der Aufbruchstimmung des Neuen und Anderen. Dies schaffe ein Spannungsverhältnis und mache die kontinuierliche Aushandlung von gemeinsamen Zielen und Werten der Generationen notwendig, da sich die relative Werte-Homogenität der Gründungsgruppe durch den eigenen Nachwuchs dynamisch verändere. Zentral für weitere Erkenntnis sei dabei die Erforschung der Kinder- und Altenpolitik von Gemeinschaften. [17]

Wieder zurückkehrend zu den am Beginn des empirischen Teils aufgezeigten aktuellen Forschungsfeldern geht Karl-Heinz SIMON in seiner Analyse "Gemeinschaften – Nachhaltigkeitsorientierung als Selbstverständlichkeit?" der Frage nach, ob zum einen die intentionalen Gemeinschaften einen direkten Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten und ob sie zum anderen in ihren experimentellen Organisationsprinzipien ein Modell für die Adaption von Nachhaltigkeitsanforderungen für die Gesellschaft darstellen könnten. In der bisherigen Nachhaltigkeitsdebatte nehme das Soziale im Verhältnis zur Ökologie und Ökonomie – trotz einer apostrophierten Gleichrangigkeit – eine vernachlässigte Stellung ein. So seien radikalere Konzeptionen eines alternativen Lebensstils wie dem der intentionalen Gemeinschaften in offiziellen Programmen zur Gewinnung von mehr Nachhaltigkeit nicht berücksichtigt. Mithilfe des von BOSSEL (1999) entwickelten "Orientorenansatzes", der neben den klassischen Messkriterien Ökonomie und Ökologie auch das Soziale für die Nachhaltigkeit miterfassen kann, wurden in dem empirischen Teil der Arbeit drei intentionale Gemeinschaften untersucht. Die bei der Messung des Orientorenansatzes zugrunde gelegten Kriterien: physische und psychische Existenz- und Reproduktionsbedingungen, Effizienz, Handlungsfreiheit, Sicherheit, Wandlungsfähigkeit und Koexistenz, wurden alle bei relativ hoher Homogenität der intentionalen Gemeinschaften – so SIMON – im Vergleich zu Einzelhaushalten (die sich aber nur aus Beurteilungen aus dem Projektteam ergaben) deutlich übertroffen. Gesellschaftstheoretisch und -politisch seien die intentionalen Gemeinschaften aufgrund ihrer Nachhaltigkeitsvorteile mehr in den Mittelpunkt von Forschungen und Analysen zu rücken. [18]

In ihrem Beitrag "Sozialökologische Gemeinschaften als Experimentierfelder für zukunftsfähige Lebensweisen. Eine Untersuchung ihrer Praktiken" geht Iris KUNZE, wie SIMON im vorgängigen Artikel, auf den Begriff der Nachhaltigkeit als einem wesentlichen Faktor zur Beurteilung von intentionalen Gemeinschaften ein. Bedeutend für die empirische Analyse seien dabei Entscheidungs- und Ökonomiestrukturen, die anhand zweier intentionaler Gemeinschaften untersucht wurden. Die konsensorientierten Entscheidungsstrukturen seien dabei "Ausdruck von und Unterstützung für die Entwicklung selbstbestimmter und verantwortungsbewusster Individuen" (S.183). Eine auf Subsistenzwirtschaft bezogene gemeinsame Ökonomie bedürfe einer Schutzraumfunktion durch die Gemeinschaft, in der auf das Prinzip des Tauschwertes und der Kapitalvermehrung zugunsten des Gebrauchswertes verzichtet würde. Auch KUNZE kommt zu dem Schluss, dass weitere Forschungen in diesem Bereich für die Entwicklung verallgemeinerbarer "Prinzipien zukunftsfähiger Lebensweisen" (S.185) zu begrüßen seien. [19]

Die Beiträge des Sammelbandes werden am Ende durch die Herausgebenden noch einmal unter dem Gesichtspunkt einer zu etablierenden Gemeinschaftsforschung zusammengefasst. [20]

3. Anmerkungen

3.1 Zentrierungen des Feldes

Die Diagnose, dass der Begriff "Gemeinschaftsforschung" nicht durch die Sozialwissenschaften besetzt sei, obwohl mit dem Begriff der "Gemeinschaft" doch ein zentrales Phänomen der Soziologie angesprochen werde, ist auf den Begriff bezogen richtig. Nur kurz und in einer Fußnote (S.13 und FN 8) wird allerdings auf einen dahingehend bedeutsamen Umstand hingewiesen: Die Vereinnahmung des Gemeinschaftsbegriffs durch die nationalsozialistische Propaganda. Dass hier ein alltagspraktischer Ursprung für die Meidung des Begriffs zugrunde liegen mag, der theoretische Gründe an Wirkung überragt, ist sicherlich stärker in Erwägung zu ziehen. Die damit aber mit konnotierte Annahme, auch eine Forschung, die sich um das Phänomen "Gemeinschaft" bemüht, sei nahezu unauffindbar, ist so nur eingeschränkt haltbar. Wenn man die Fokussierungen in den hier dargelegten empirischen Forschungen betrachtet, die sich ausschließlich auf die "intentionalen Gemeinschaften" beziehen, so ist der Forschungsstand dürftiger als für den allgemeineren Begriff "soziale Gemeinschaften" oder "kollektive Lebensformen", wie er im Titel des Buches verwendet wird. [21]

Vielleicht liegt der Grund für die apostrophierte Vernachlässigung des Forschungsfeldes "in der Mitte" (S.9) nicht (nur) an einer Art Ausweichen auf individuelle Akteure oder gesellschaftliche Prozesse, wie GRUNDMANN folgert. Es kann auch genau an dessen zentralem und in alles hineinspielenden Charakter liegen. Wenn "Gemeinschaft" eine der basalen Grundkategorien der Soziologie darstellt, dann ist sie aufgrund ihrer inhärenten Eigenschaft in anderen Grundkategorien vorhanden und wird auf die dort übliche Weisen beforscht und analysiert – aber eben auch anders oder differenziert benannt. Statt eines Pauschalurteils der Nichtbeachtung hätte stärker nachvollzogen werden können, welche phänomenalen Anteile dieser Grundkategorie denn unter anderen Begrifflichkeiten theoretisch und empirisch im Blick der Soziologie stehen. Dies wurde zwar teilweise begonnen (S.9-11), aber eher in abgrenzender Art – so etwa zum Thema der Gruppenforschung bei TEGETHOFF (1999). Einen positiveren Ansatz liefert der Verweis auf die familiensoziologischen Studien von CLAESSENS (1979) oder die Analysen zu In- und Outgroup-Orientierungen bei ELIAS (1992). Es stellt sich meiner Meinung nach dennoch die Frage, ob es nicht mehr Anschlussmöglichkeiten gibt, die jenseits des theoretischen Zugangs eine gemeinsame Basis aufgrund empirischer bzw. phänomengebundener Kongruenz darstellen. Nicht nur die erwähnte Familiensoziologie oder Gruppen- und Kleingruppenforschung, sondern auch Milieuforschung, Peer-Group-Forschung, Arbeits- bzw. Organisationsforschung (Teamgeist etc.) oder Integrationsforschung (Inklusion/Exklusion), um nur wenige zu benennen, sind mit diesem Forschungsfeld "in der Mitte" (S.9) – eben wegen ihrem basalen Charakter – in Berührung. [22]

3.2 Begriffsbildung

Die Begriffsbildung "intentionale Gemeinschaft" für die sozialen Gemeinschaften, die im Fokus der hier im Band versammelten empirischen Untersuchungen stehen, ist schlüssig. Auf diese Weise wird der wesentlich unterscheidende Aspekt zu anderen Formen der sozialen Gemeinschaften herausgestellt, insbesondere der traditionalen. In der Begriffsklärung (S.102f.) wird die Ambivalenz deutlich gemacht: Intention als Merkmal zielgerichteten, rationalen und damit "kürwilligen" (TÖNNIES 1991) Handelns auf der einen Seite, Gemeinschaft als etwas wesensmäßig Gewachsenes auf der anderen. Für den hier im Zentrum stehenden Gemeinschaftstyp waren aus soziologischer Sicht bisher nur unzureichend unterscheidende Begriffe wie "Gemeinschaft" oder "Kommune" verwendet worden. Der Versuch einer Einordnung von BERNDT und BERNDT (2001, S.18ff.) hatte die wesentlichen Punkte zwar schon benannt, nämlich die bewusste Entscheidung als Ausdruck von "Kürwillen" (TÖNNIES) und eine wertrational motivierte Gesinnung, die sogar als "Vergesellschaftung" (WEBER 1985) gesehen werden kann. Mit der Bezeichnung "Gemeinschaften der Post-Kommune-Zeit" wurde aber dort der historischen Sicht Vorrang vor einer strukturell prägenden gegeben. Der ambivalente Begriff "intentionale Gemeinschaft" ist für die Forschung somit ein Gewinn, weil er versteht, die empirischen Befunde auf theoretischer Ebene zu fassen. [23]

3.3 Das Prozesshafte – die Vergemeinschaftung

Der Prozess der Gemeinschaftsbildung oder "Vergemeinschaftung" kommt in diesem Sammelband meines Erachtens zu kurz. In dem Programm der Forschungsgruppe um Matthias GRUNDMANN wird eigentlich auf das Prozesshafte durchaus Wert gelegt (S.23). Eine vergleichbar junge Forschungsgruppe unter Leitung von Ronald HITZLER hat sich diesem Prozesshaften unter eben jenem Begriff der "Vergemeinschaftung" gewidmet (siehe hierzu HITZLER 1998, 1999; HITZLER, BUCHER & NIEDERBACHER 2001 und HITZLER & PFADENHAUER 2001 sowie die Besprechungen von SPETSMANN-KUNKEL 2003 und STINGL 2003). Grundsätzlich unterscheiden sich die in den Blick genommenen Phänomene zwar erheblich. Während es auf der einen Seite (HITZLER) um die Vergemeinschaftungsprozesse geht, die nur selten in der Art von sozialer Gemeinschaft münden wie GRUNDMANN sie versteht, ist bei letzterem das Prozesshafte weniger stark ausgeprägt. Dennoch gibt es eben über den theoretischen Begriff der Gemeinschaft genügend Anknüpfungspunkte oder Raum für gegenseitige Abgrenzungen, die es sich lohnt zu entwickeln anstelle einer (gegenseitigen) Nichtbeachtung. Ein genauer Blick auf die intentionalen Gemeinschaften zeigt (vgl. BERNDT & BERNDT 2001, S.35), dass sich in ihrer Peripherie ein großer Bereich von Menschen befindet, die im wechselseitigen Anziehen und Abstoßen so etwas wie (posttraditionale) Vergemeinschaftung nach HITZLER durchleben. Wenn andersherum der Begriff der intentionalen Gemeinschaften nicht automatisch mit den Werten und Zielen (etwa der Nachhaltigkeit) der im empirischen Fokus stehenden Gemeinschaften besetzt sein muss (das ist noch unterbestimmt), dann ließe sich für die im harten Kern von Szenen befindlichen Personen, die "Organisationseliten" (HITZLER, BUCHER & NIEDERBACHER 2001, S.27), die Frage stellen, ob sie – als Variation aufgefasst – Strukturähnlichkeiten mit intentionalen Gemeinschaften nach GRUNDMANN aufweisen. [24]

3.4 Intentionale Gemeinschaften als "Forschungsabteilung" der Gesellschaft

Individualisierung ist nicht, so DIERSCHKE, DRUCKS und KUNZE, "per se negativ zu begreifen, sondern beinhaltet auch neue Freiheiten, die die Entwicklung neuer gemeinschaftlicher Beziehungen ermöglichen" (S.105). Das schließt an die empirischen Ergebnisse von BERNDT und BERNDT (2001, S.113ff.) an, die bereits unter dem Begriff der "konsequenten Individualisierung" von einer Weiterentwicklung des "Geistes der Individualisierung" in intentionalen Gemeinschaften als deren typischem Kennzeichen sprechen. Es ist zudem nicht nur davon auszugehen, dass es keinen Widerspruch zwischen Individualisierung und Gemeinschaft geben muss, sondern die sich fortentwickelnde Individualisierung kann sogar gemeinschaftsfördernd wirken. Im Sammelband stellt GRUNDMANN hierzu die Frage, ob soziale Lebensgemeinschaften nicht in besonderer Weise gleichermaßen Individualität und soziale Verbundenheit zulassen (S.25). BERNDT und BERNDT (2001, S.139f. und 151) zeigten bereits auf, dass es eine starke verbindende Identifizierung der Individuen einer intentionalen Gemeinschaft mit selbiger bei gleichzeitiger konsequenter Individualisierung und Fortentwicklung der eigenen Identität geben kann. So ist auch ein Großteil der Ergebnisse des Sammelbandes in die Richtung zu deuten, dass wir es bei dem Phänomen der intentionalen Gemeinschaften mit einer zukunftsgerichteten (nicht zurückgerichteten!) Form menschlicher Vergemeinschaftung zu tun haben. Erst über den Entwicklungsschritt der Individualisierung, das Durchschreiten von Risiko, Entfremdung und Multioptionen, also das Mitnutzen und Einbeziehen jener strukturellen Errungenschaften der Postmoderne – zumindest aber aus ihnen lernend – ist eine solche Fortentwicklung möglich. [25]

3.5 Fehlerteufel

Leider verringern zahlreiche Fehler, die auf ein begrenztes Engagement im Lektorat hinweisen, den Genuss für die Lesenden; einige Beispiele: "wie Bedürfnisse befriedigt können" (S.10), "Fragen […] zu lösenden Konflikte" (S.23), "Gradwanderung" (S.168), "Winnibeg" (S.169). Hinzu kommen die plötzliche Verwendung linksbündiger Ausrichtung des Textes (S.189-192), nichtübereinstimmende Überschriften (S.6 und 119) sowie eine Uneinheitlichkeit der Begriffsprägung (S.23 und 69 sowie vor allem in dem Abschnitt über die Begriffsklärung selbst, S.101 und 103): soll jetzt programmatisch ein neuer Begriff "Intentionale Gemeinschaften" geschaffen werden, oder belässt man es bei der weniger starken Zusammensetzung "intentionale Gemeinschaft"? [26]

3.6 Zur Gesamtanlage

Die Herausgebenden des Sammelbandes, Matthias GRUNDMANN, Thomas DIERSCHKE, Stephan DRUCKS und Iris KUNZE, legen hier eine theoretisch wie empirisch grundsätzlich gelungene Arbeit vor. Neben der notwendigen Aufforderung, eine so wesentliche Grundkategorie der Soziologie verstärkt in den Fokus wissenschaftlicher Forschung zu bringen, gelingt es den im Band vertretenen Autoren und Autorinnen durch eine treffende Begriffsbildung ("intentionale Gemeinschaft") und differenzierte Analysen, ein theoretisch wie empirisch anspruchsvolles Forschungsfeld zu charakterisieren und für weitere Untersuchungen vorzubereiten. In den Anschlüssen zu bisherigen empirischen Forschungen und deren Ergebnissen ist jedoch noch Bedarf vorhanden, den künftige Arbeiten zu leisten haben. [27]

Wie bei Sammelbänden häufiger der Fall, lassen sich nicht alle Beiträge vollständig integrieren, so fällt hier die Wiederveröffentlichung von Hans JOAS etwas heraus. Auf der anderen Seite sind die Beiträge von Matthias GRUNDMANN sowie Thomas MOHRS aus ihrer je theoretisch abgeleiteten Sicht integrativ und schaffen es, einen über das im Fokus stehende Feld weit hinausgehenden theoretisch anspruchsvollen Rahmen zu zeichnen, in dem sich die anderen Autorinnen und Autoren gut platzieren können. In der Entsprechung dazu gelingt es den empirischen Arbeiten, die Phänomenebene näher zu bringen, ohne in den Daten zu "versinken". Allerdings wird nicht immer klar, ob die Linie reiner wissenschaftlicher Betrachtung der intentionalen Gemeinschaften auch zugunsten einer involvierten Forschung überschritten werden soll. Dass Nachhaltigkeit im Zuge einer reflektierten Individualisierung zu neuen Formen gemeinschaftlichen Zusammenlebens, den intentionalen Gemeinschaften, führen und damit den "entwurzelten" Individuen neue Perspektiven gemeinschaftlicher Verbundenheit offerieren kann, sollte der wissenschaftlichen Sicht aber nicht den Blick von den Handelnden zugunsten der dort proklamierten Werte nehmen. Denn letztlich sind es die Akteure, die die Gemeinschaft "machen" und nicht die Werte (oder die Ideologie). Hier schließt sich dann der Kreis zum Beitrag von Thomas MOHRS, in dem von der Gefahr der "Tyrannei der Werte" (S.71) die Rede ist, vor der sich nicht nur die intentionalen Gemeinschaften, sondern auch zu involvierte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu hüten haben. Oder mit Helmuth PLESSNER schließend: "Es geht nicht gegen das Recht der Lebensgemeinschaft, ihren Adel und ihre Schönheit. Aber es geht gegen ihre Proklamation als ausschließlich menschenwürdige Form des Zusammenlebens" (PLESSNER 2002, S.41). [28]

Literatur

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Zum Autor

Thorsten BERNDT ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Geschichte und Soziologie der Universität Konstanz. Neben der Beschäftigung mit dem Thema der Gemeinschaft liegen seine Schwerpunkte in der Rechtssoziologie, der Bildungsforschung, der Methodologie und den Methoden der empirischen Sozialforschung, insbesondere qualitativer Verfahren, sowie in der sozialwissenschaftlichen Forschung zu den Themen der Identität und Integration. In FQS hat Thorsten BERNDT unter dem Titel "Auf den Leib gekommen." Fortschritte in der phänomenologisch-soziologisch fundierten Identitätstheorie das Werk von Robert GUGUTZER (2002) "Leib, Körper und Identität. Eine phänomenologisch-soziologische Untersuchung zur personalen Identität" (http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0303101) besprochen.

Kontakt:

Thorsten Berndt M. A.

Universität Konstanz
Fachbereich Geschichte und Soziologie
Fach D 32
D-78457 Konstanz

Tel.: 07531/2358

E-Mail: Thorsten-Berndt@gmx.de
URL: http://www.uni-konstanz.de/soziologie/georg/members/berndt/

Zitation

Berndt, Thorsten (2008). Review: Matthias Grundmann, Thomas Dierschke, Stephan Drucks & Iris Kunze (Hrsg.) (2006). Soziale Gemeinschaften. Experimentierfelder für kollektive Lebensformen [28 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 10(1), Art. 20, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0901208.



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