Volume 10, No. 1, Art. 19 – Januar 2009

Rezension:

Klaus Heuer

Heide von Felden (Hrsg.) (2007). Methodendiskussion in der Biographieforschung. Klassische und innovative Perspektiven rekonstruktiver Forschung. Mainz: Logophon, 140 Seiten, ISBN: 3-936172-02-1, EUR 10,50

Zusammenfassung: Analysiert werden Anspruch und Wirklichkeit der im Buchtitel annoncierten Methodendiskussion. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob der methodologische Aufwand in einem angemessenen Verhältnis zum interpretatorischen Ertrag der fünf Fallbeispiele steht. Es wird anhand von Textbelegen herausgearbeitet, dass die ausgeblendete gesellschaftshistorische Dimension und die ebenfalls ausgeblendete Text-Lesende-Interaktion problematisch für die Interpretation der lebensgeschichtlichen Erinnerungen einer jüdischen Emigrantin ist, die in drei der fünf Aufsätze im Zentrum stehen. Außerdem wird deutlich, dass sowohl formal (der gleiche Untersuchungsgegenstand) als auch inhaltlich (reflexive wechselseitige Bezugnahme) die Bedingungen für eine Diskussion nicht eingelöst wurden.

Keywords: qualitative Biografieforschung; objektive Hermeneutik; Methodik; Fallstudien

Inhaltsverzeichnis

1. Gesellschaftsanalytische versus methodologische Herausforderungen

2. Gesellschaftsgeschichtliche Semantiken

3. Innovative Perspektiven

4. Schlussbemerkung

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Gesellschaftsanalytische versus methodologische Herausforderungen

Der Sammelband hinterlässt einen ambivalenten Eindruck. Da sind auf der einen Seite ein anspruchsvolles Forschungsprogramm (rekonstruktive Forschung soll in praxi vorgeführt werden), eine zeithistorisch bedeutsame Textsammlung jüdische/r Emigrant/inn/en, die 1942 ihre Lebensgeschichten in den USA im Rahmen eines wissenschaftlichen Preisausschreibens aufgeschrieben hatten (GARZ 2005) und zwei Interpretationsbeispiele gelungener methodologischer Innovationen der Biografieforschung, insbesondere im Rahmen des Konzepts narrativer Identität. Auf der anderen Seite finden sich eine nicht weiter begründete Abschottung gegen den tiefenhermeneutischen Ansatz, dem mangelnde Ergebnisoffenheit unterstellt wird, eine fehlende empathische Dimension in der Interpretation insbesondere des Erinnerungstextes einer jüdischen Sozialwissenschaftlerin und die fehlende – aber im Buchtitel annoncierte – (Methoden-) Diskussion zwischen den unterschiedlichen Interpretationsansätzen. [1]

Wie dieser ambivalente Eindruck entstanden ist, möchte ich im folgenden ausführen und dabei, für die Fachleute der erziehungswissenschaftlichen Biografieforschung vielleicht bereichernd, die Perspektive des sozialwissenschaftlich ausgerichteten und an Zeitzeugeninterviews interessierten Zeithistorikers einnehmen. [2]

Mit den von der Herausgeberin angedeuteten – und als inhaltlich einendes Band aller Fallbeispiele gesetzten – Zielen rekonstruktiver Forschung kann ich mich auch als Zeithistoriker, der den "subjektiven Faktor" in historischen Prozessen zu begreifen versucht, besonders in der Allgemeinheit gut identifizieren. [3]

Heide von FELDEN schreibt im Vorwort: "Es geht darum Strukturen zu erfassen, die quasi 'hinter dem Rücken der Akteure' vorhanden sind und die es herauszuarbeiten gilt" (von FELDEN, S.7). Diese inhaltliche Vorgabe machte mich in besonderer Weise darauf gespannt, wie das in den Interpretationen umgesetzt wird. Was ist hinter dem "Rücken der Akteure" zu erwarten: eine Psychopathologie des Alltagslebens, ein gesellschaftshistorisch ableitbarer Entfremdungszusammenhang oder eine brüchige lebensgeschichtliche Perspektive einer eigensinnigen Aneignung der gesellschaftlichen Rahmungen? [4]

Die Herausgeberin führt dann weiter aus: "Eine so verstandene Biographieforschung hält das methodische Instrumentarium bereit, den Dualismus von Individuum und Gesellschaft zu überwinden und subjektive Aussagen als Aussagen vergesellschafteter Individuen anzunehmen" (S.8). Auch dieser Anspruch machte mich neugierig, wenngleich sich hier schon ein Zwischenton einstellte: Wie steht es um die Einlösbarkeit dieser Verallgemeinerung, wird auch der subjektive, quasi utopiehaltige Überschuss der Aussagen berücksichtigt? Gehen die Individuen wirklich in ihrer Vergesellschaftung auf? [5]

Detlef GARZ geht in seinen "Regiebemerkungen" (GARZ, S.13) noch einen Schritt weiter und behauptet: "Während qualitative Forschung danach schaut, was sich im alltäglichen Umgang zeigt, gehen rekonstruktive Ansätze den Fundamenten im Sinne von tragenden Gerüsten dieses Geschehens nach. Was strukturiert diese Umgangsweisen, und zwar auch unabhängig von den Absichten und Zwecken der Beteiligten?" (S.14) [6]

2. Gesellschaftsgeschichtliche Semantiken

Wie diese theoretischen Vorannahmen eingelöst wurden, möchte ich nachfolgend an dem Fallbeispiel der Interpretation des Erinnerungstextes der jüdischen Sozialwissenschaftlerin Hilde WEISS herauszuarbeiten versuchen. Dazu werde ich aus drei Beiträgen deren hauptsächliche Interpretationslinien vorstellen, indem ich diese als Interpretationsbeispiele anführe und jeweils anschließend kommentiere.

1. Interpretationsbeispiel:

"Die Themen in Hilda Weiss' Autobiographie lassen erste Schlüsse hinsichtlich dominanter biographischer Handlungsmuster zu: Da ist zunächst die Negierung der eigenen bürgerlichen Herkunft und der aktive politische Kampf, der sich insofern als Rebellion und zugleich als ein Versuch totaler Anpassung an die Arbeiterschaft verstehen lässt, als er unbeirrt bis hin zu eigenen Entlassung, und damit unter Inkaufnahme der Selbstschädigung fortgesetzt wird: Zugleich zeigt sich darin einerseits eine unbewusste Identifikation mit der Mutter (Assimilation und soziales Engagement) andererseits eine bewusste politische Orientierung an der vermutlich eher 'linken' Haltung des Vaters." (KIRSCH, S.42) [7]

Es sind an der Oberfläche zwei Semantiken, die irritieren. Das eine ist die Semantik der "Selbstschädigung" nach der eine konsequente politische Haltung ausschließlich als psychopathologisch interpretiert wird. Das andere ist die Semantik des "linken Vaters", die nicht begründet, sondern mit der Umschreibung "vermutlich" behauptet wird. An anderer Stelle werden als mögliche Annäherung für links angeführt "... und der (vermeintlichen) kritischen Unabhängigkeit und postkonventionellen Orientierung des Vaters ..." (KIRSCH, S.41) – beides Eigenschaften, die mit "links" im Sinne von antikapitalistisch, demokratisch etc. nichts zu tun haben müssen.

2. Interpretationsbeispiel:

"Er (der Vater, Anm. K.H.) hatte sich prostituiert, indem er nicht nur seinen Körper, sondern auch sein unabhängiges Leben und seine Heimat verkauft hatte. Dies könnte für ihn – trotz der von ihm erreichten angenehmen Lebenssituation – eine Verletzung seiner 'Ehre' als Mann bedeutet haben, vor allem wenn man bedenkt, dass dieses Arrangement durch seinen erzwungenen Wohnortwechsel als Ausnahme von der Regel und Umkehrung des üblichen Geschlechterverhältnisses für sein soziales Umfeld offen zutage lag." (FEHLHABER, S.57)

"Sie (die Mutter, Anm. K.H.) hatte sich prostituiert, weil sie auf diesen Handel eingegangen war, da der Verkauf ihres Körpers sowie ihrer Unabhängigkeit der einzige Weg war, auf dem sie ihr Erbteil erhalten und das komfortable Leben weiter führen konnte, das sie nicht aufgeben wollte." (FEHLHABER, S.58)

"... so liegt die Vermutung nahe, dass der mehrmalige Beischlaf für die Eltern eher eine Pflichtveranstaltung war, die nicht unbedingt zur Wiederholung einlud" (FEHLHABER, S.61). [8]

Hier ist es die Semantik der "Prostitution", die mich irritiert. Warum wird eine Geschäftsbeziehung als ausschließliche Basis der Elternschaft angenommen und daraus begründet eine unlustvolle Beziehung der Eltern unterstellt. Ist das die Rekonstruktion der undurchschauten Wahrheit durch die Tochter, die quasi hinter ihrem Rücken stattfand und deren Opfer sie wurde? Oder sind es diese unverstandenen äußeren Rahmenbedingungen, die eine Leidensgeschichte der Tochter – mit ihren vermeintlichen (auch politischen) Fehlinterpretationen – begründen. Nach der Beschreibung sind es ausschließlich ökonomische Interessen und bigotte moralische Vorstellungen, die monokausal die Lebensgeschichte der Tochter bestimmten.

3. Interpretationsbeispiel:

"Auf der Ebene der Selbstkonfrontation der eigenen Weltanschauung lässt sich eine ähnlich starre und bisweilen dogmatische Haltung finden, gegen die sie bei der Mutter kämpft. Hilde Weiss empfindet die soziale Ungerechtigkeit deutlich und setzt sich durchaus sehr reflektiert mit dem Thema Kapitalismus versus Kommunismus auseinander, bleibt jedoch geschlossen bezüglich einer wirklichen inneren Konfrontation mit Gegenargumenten oder alternativen Perspektiven." (WELTER, S.78)

"Allerdings konfrontiert sie sich keineswegs mit alternativen Weltanschauungen und verharrt im Dogmatismus der eigenen Positionen, die nicht durch Alternativen in Frage gestellt wird." (WELTER, S.79) [9]

Irritierend ist, dass nicht expliziert wird, was die Weltanschauung als kommunistisch identifiziert bzw. welche kommunistische Weltanschauung Hilde WEISS vertrat. Differenzierende Einschätzungen wie leninistisch, stalinistisch oder trotzkistisch oder andere kommunistische Varianten werden nicht vorgenommen. Solche gesellschaftshistorisch interessanten Fragen fallen scheinbar aus dem Horizont dieses Ansatzes von Biografieforschung. [10]

Den drei – hier nur summarisch und zugespitzt wiedergegebenen – Beispielen ist gemeinsam, dass sie eine nicht gelungene ödipale Ablösung der Autorin annehmen und als lebensbestimmend verallgemeinern. Gemeinsam ist den Beispielen auch, dass sie durch den gewählten sprachlichen Stil eine quasi klinische Distanz zur Textautorin (Hilde WEISS) suggerieren. Weder sind die gewählten Begrifflichkeiten in ihrer zeitgeschichtlichen Dimension angemessen, noch betten sie die Individualgeschichte in die allgemeine Gesellschaftsgeschichte differenziert ein. [11]

Vielleicht macht es die angenommene Souveränität gegenüber dem Gegenstand aus, dass eine empathische Annäherung an den Text von Hilda WEISS nicht stattfindet. Aus der Perspektive des Zeithistorikers dagegen lese ich den Text auch als kämpferisches Dokument einer jüdischen Überlebenden, die ihren Text eben auch als Selbstvergewisserung in der "Einsamkeit" der Emigration verfasst hat. [12]

In der Rezension habe ich die inhaltliche Seite – die Rekonstruktionsleistung der drei Interpretationsbeispiele – in den Vordergrund gestellt. Ich wollte damit darauf aufmerksam machen, dass bei all den methodischen Innovationen innerhalb der Biografieforschung der gesellschaftsgeschichtliche Reflexionshorizont und zumindest das Eingedenken einer empathischen Bindung an diejenigen, die da Zeugnis ablegen, eine wichtige Rolle zu spielen hätte. Das Band der Solidarität zwischen den Menschen wird aufgrund der fehlenden Empathie mit der Autorin des Textes in gewisser Weise beschädigt. Inwieweit das durch das herausgefundene Lebenslaufmuster gerechtfertigt ist, lässt sich meinen Befunden nach begründet anzweifeln. [13]

3. Innovative Perspektiven

Die methodologischen Innovationen wurden in der bisherigen Darstellung nicht berücksichtigt. In gewisser Weise ist das auch darin begründet, dass die Differenz zwischen dem narrationsstrukturellen Verfahren, dass ich in seinen normativen Überfrachtungen in den Vordergrund gestellt habe, und dem "Paradigma 'Narrative Identität' " (von FELDEN, S.7), das Bedeutungen angesichts einer aktuellen, kommunikativ strukturierten Praxis zu explizieren versucht, trotz des im Titel aufgestellten Anspruchs der "Methodendiskussion" nicht diskursiv im Sinne einer wechselseitigen Kommentierung und Reflexivität stattfindet. Die verschiedenen Konzepte werden additiv aneinander gereiht. Auch die kurzen reflektierenden Anmerkungen von Detlef GARZ zur jeweils verwendeten Methodik (GARZ, S.20-23) können keine Methodendiskussion stiften. Die Chance, das Konzept der "Biographischen Ressourcen", das Sylke BARTMANN (S.81-102) in ihrem Fallbeispiel anlegt, oder auch das erzähltheoretisch fundierte Konzept, das Birgit GRIESE (S.103-136) in ihrem Fallbeispiel ausführt, im Sinne der Vergleichbarkeit des Forschungsertrags am Beispiel des Textes von Hilde WEISS zu explizieren, wurde nicht genutzt. Hieraus hätte eine spannende und problemorientierte Diskussion entstehen können, nämlich wie durch unterschiedliche methodische Ansätze auch ganz unterschiedliche biografische Handlungsmuster zum Vorschein kommen und eben diese Kombination möglicherweise auch als angemessene Annäherung an Biografien gelten kann. [14]

4. Schlussbemerkung

Den ambivalenten Eindruck, den der Sammelband insbesondere wegen seiner gesellschaftshistorischen Annahmen und fehlenden Thematisierung meiner Auffassung nach notwendiger empathischer Anteile der Text-Lesenden-Beziehungen in mir hinterlassen hat, konnte ich nicht auflösen. Wer an den hier aufgeworfenen Fragestellungen interessiert ist, findet in den Beiträgen reichlich Reflexionsanstöße, ebenso diejenigen, die methodische Innovationen und möglicherweise anstößigen Inhalt klar zu unterscheiden wissen. Aus diesen Blickwinkeln ist das Buch eine Einladung zu einer notwendigen Diskussion. [15]

Literatur

Garz, Detlef (2005)."Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933". Das wissenschaftliche Preisausschreiben der Harvard Universität und seine in die USA emigrierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Gebieten der Literatur. In John M. Spalek, Konrad Feilchenfeldt & Sandra H. Hawrylchak (Hrsg.), Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Band 3 (S.305.333). München: K. G. Saur.

Zum Autor

Dr. Klaus HEUER, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Forschungsschwerpunkt: Geschichte der Erwachsenenbildung

Kontakt:

Dr. Klaus Heuer

Deutsches Institut für Erwachsenenbildung Leibniz-Zentrum für lebenslanges Lernen
Friedrich-Ebert-Allee 38
D-53113 Bonn

Tel: 0228/3294230

E-Mail: heuer@die-bonn.de

Zitation

Heuer, Klaus (2008). Review: Heide von Felden (Hrsg.) (2007). Methodendiskussion in der Biographieforschung. Klassische und innovative Perspektiven rekonstruktiver Forschung [15 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 10(1), Art. 19, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0901193.



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