Volume 10, No. 1, Art. 39 – Januar 2009

Freies Erzählen im totalen Raum? – Machtprozeduren des Asylverfahrens in ihrer Bedeutung für biografische Interviews mit Flüchtlingen

Marc Thielen

Zusammenfassung: Basierend auf Erfahrungen in einem Forschungsprojekt mit iranischstämmigen Migranten geht der Beitrag der Frage nach, inwiefern sich die umfassend reglementierte und damit weitgehend fremdbestimmte Lebenssituation als Flüchtling im deutschen Asyl auf die biografische Selbstthematisierung in Forschungszusammenhängen auswirkt.

Unabhängig vom jeweiligen Forschungsgegenstand beeinflusst der Kontext der Interviewsituation und die darin zustande kommende Beziehung zwischen Forschenden und Beforschten grundsätzlich die Gestalt der biografischen Erzählung. Infolge der Machtprozeduren im "totalen Flüchtlingsraum", die mit institutionell weitreichenden Zugriffen auf die Biografien von Asylsuchenden verbunden sind, ließ sich in den untersuchten Interviews jedoch eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Verschärfung des ohnehin vorhandenen Hierarchieverhältnisses beobachten. In Anbetracht der empirischen Beobachtungen wird für eine reflexive biografiewissenschaftliche Migrationsforschung plädiert, die die Machtverhältnisse im transnationalen Raum in ihren Auswirkungen auf den Forschungsprozess systematisch analysiert. Forschende und Beforschte sind dabei nicht lediglich in ihren kulturellen Differenzen zu betrachten, sondern darüber hinaus in ihren unterschiedlichen intersektionellen Positionierungen, die von weiteren Machtmomenten wie dem sozioökonomischen Status, der Nationalität, dem Geschlecht, der Sexualität usw. bestimmt werden.

Keywords: Migration; Flucht; Asyl; narratives Interview; Biografieforschung

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Totale Lebensverhältnisse im deutschen Asyl in ihrer Bedeutung für die biografisch-narrative Selbstthematisierung

3. Manifestationen des totalen Flüchtlingsraums in der Interviewsituation

3.1 Das Interview als Anhörung

3.2 Das Interview als potenziell retraumatisierende Situation

3.3 Das Interview als sozialarbeiterisches Anamnesegespräch

3.4 Das Interview als therapeutisches Setting

4. Plädoyer für eine reflexive biografiewissenschaftliche Migrationsforschung

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einführung

Studien interkultureller Pädagogik untersuchen kulturelle Differenzerfahrungen in der Migration und betrachten diese hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Erziehungs- und Bildungsprozesse. Die Bedeutung interkultureller Kommunikation beschränkt sich dabei jedoch nicht auf den zu untersuchenden Gegenstand, etwa die Lebensentwürfe von Migrantinnen und Migranten. Sie ist vielmehr bereits als konstitutiv für den Forschungsprozess selbst anzusehen, in dem die Akteure ihre Migration beispielsweise in Gestalt biografischer Erzählungen reflektieren, mit Bedeutungen versehen und zugleich den Forschenden zugänglich machen. Handelt es sich – wie im vorliegenden Beitrag – beim Interviewer um einen Angehörigen der Majoritätsgesellschaft, bildet sich in der Interviewsituation selbst potenziell kulturelle Differenz ab, die sich auf die Interaktion und damit auch auf die im Interview entfaltete Erzählung auswirken kann. Sich kulturell unterschiedlich äußernde Formen von Trauer können beispielsweise zu Irritationen zwischen Interviewenden und Erzählerinnen bzw. Erzählern führen. Neben einer Unterschätzung kultureller Unterschiede kann jedoch auch deren Dramatisierung den Forschungsprozess beeinflussen, wenn etwa stereotype Vorstellungen seitens der Forschenden über die Herkunftskultur der Befragten kulturelle Fremdheit durch entsprechende Fragen hervorrufen oder verstärken. In den Interviews mit iranischstämmigen Migranten, auf denen der vorliegende Beitrag gründet, sahen sich mehrere Interviewte dazu aufgefordert, sich im Zuge ihrer Narration von verbreiteten Vorstellungen über "die" iranische Kultur abzugrenzen (vgl. hierzu auch SPOHN 2002, S.443f.).1) [1]

Die Kommunikationsbeziehung im Forschungsprozess mit Migrantinnen und Migranten ist vor diesem Hintergrund als grundsätzlich in Machtverhältnisse eingewoben zu verstehen. So ist es relevant, welche Deutungen über den jeweiligen Herkunftskontext im öffentlichen wie im wissenschaftlichen Diskurs dominant sind und möglicherweise – gerade auch aus Sicht des Befragten – die Haltung der Forschenden prägen. Migration ist jedoch mit weiteren Macht- und Ungleichheitsphänomenen verknüpft, die sich nicht durch die Kategorie "Kultur" fassen lassen, gleichwohl aber als mindestens ebenso bedeutsame Kontextbedingungen im Forschungsprozess zu reflektieren sind. Denn ähnlich wie die Frage nach und die Deutung von kultureller Differenz werden auch diese Machtmomente unweigerlich in der Interaktion zwischen Interviewenden und Beforschten ausgehandelt und beeinflussen damit die Art der zustande kommenden biografischen Erzählungen. Die Analyse jener Kontexte erfordert eine systematische Betrachtung unterschiedlicher Migrationsformen, die mit höchst differenten rechtlichen wie sozioökonomischen Effekten verbunden sind (vgl. NOHL, SCHITTENHELM, SCHMIDTKE & WEIß 2006). Bezogen auf Fluchtmigration befasst sich der vorliegende Beitrag mit den Auswirkungen einer umfassenden asyl- und ausländerrechtlichen Reglementierung auf biografische Interviews mit Migranten, die als Flüchtlinge nach Deutschland immigriert sind. An exemplarischen Fällen wird nachgezeichnet, wie sich die totale Konstitution des transnationalen Flüchtlingsraums, die mit einem weitreichenden institutionellen Zugriff auf die Biografie von Asylsuchenden einhergeht, in autobiografisch-narrativen Interviews niederschlägt und die Erzählungen mitstrukturiert (Teil 2). [2]

In der Begegnung mit dem Interviewer als einem im Vergleich zu Flüchtlingen privilegierten Angehörigen der deutschen Mehrheitsgesellschaft wurden Machtkonstellationen des Asylverfahrens aktualisiert, die in eine Verschärfung der ohnehin hierarchischen Beziehungsstruktur im Interview mündeten. In Anbetracht prekärer und fremdbestimmter Lebenserfahrungen im Asyl wurde der Forscher als eine tendenziell machtvolle und vermeintlich einflussreiche Person wahrgenommen.2) Dies konkretisiere ich an unterschiedlichen – positiv wie negativ konnotierten – Bedeutungen, welche die Interviewten dem autobiografisch-narrativen Interview im Forschungsprozess zuschrieben (Teil 3). Die daraus resultierenden Konsequenzen werden sowohl im Hinblick auf die Interaktion zwischen Erzähler und Interviewer als auch auf die Gestalt der biografischen Erzählungen hin analysiert. In Anbetracht jener Beobachtungen plädiere ich für eine biografiewissenschaftliche Migrationsforschung, die den Erhebungskontext und die eigene Eingewobenheit in migrationspezifische Machtmomente durchaus auch selbstkritisch reflektiert (Teil 4). [3]

2. Totale Lebensverhältnisse im deutschen Asyl in ihrer Bedeutung für die biografisch-narrative Selbstthematisierung

Die Studie, auf welcher der vorliegende Beitrag gründet, zielte auf Konstitutions- und Veränderungsprozesse von Männlichkeit und Sexualität in der Migration (THIELEN i.Dr.). Zur Bearbeitung der Fragestellung wurden iranischstämmige Migranten mittels der von SCHÜTZE (1983) entwickelten Methode des autobiografisch-narrativen Interviews befragt. In dessen sogenannter "Haupterzählung" wird den Interviewten das alleinige Rederecht übertragen, während sich die Interviewenden weitgehend auf aktives Zuhören beschränken. Den Interviewten stellt diese Interviewform somit einen umfassenden Raum für eigene Erzählungen, Deutungen und Bewertungen zur Verfügung; auch werden sie in dieser sehr offenen Interviewmethode nicht durch entsprechende Leitfragen der Forschenden in eine bestimmte Richtung gelenkt. Vielmehr soll in einer durch das Wirken universell gültiger Zugzwänge des Erzählens zustande kommenden Stegreiferzählung die lebensgeschichtliche Erfahrungsaufschichtung der Interviewten lebendig werden (vgl. SCHÜTZE 1984). SCHÜTZEs Ansatz geht dabei von einer Homologie zwischen Erlebnis- und Erzählstrukturen aus. Die Stegreiferzählung entfaltet sich nach SCHÜTZE weitgehend unabhängig vom jeweiligen Interviewkontext; eine Auffassung, die höchst umstritten ist (vgl. REH 2003; SCHOLZ 2004).3) [4]

In den von mir durchgeführten Interviews wurde offensichtlich, dass der Interviewkontext eine entscheidende Rolle spielt und dass es bedeutsam ist, "wer der bzw. die Zuhörende ist und was der konkrete Anlass der Erzählung ist" (SCHOLZ 2004, S.34). Meine Analysen haben gezeigt, dass weder bei der Interviewdurchführung noch bei der Auswertung außer Acht gelassen werden kann, wer in der Interviewsituation aufeinandertrifft: Da waren zum einen iranischstämmige Männer, die als Asylsuchende in die Bundesrepublik eingereist waren. Ihre Biografien sind infolge der repressiven Asyl- und Ausländergesetzgebung durch sozialen Abstieg gekennzeichnet (vgl. KÜHNE & RÜßLER 2000). Befanden sich die Befragten in einem laufenden Asylverfahren, sahen sie sich infolge ihres ungesicherten Aufenthaltes weitgehend fremdbestimmten Strukturen ausgesetzt und waren zudem in einer sozioökonomisch äußerst prekären Lebenslage. Auf der anderen Seite war der Interviewer: Ein weißer, deutscher, ökonomisch vergleichsweise gut situierter Akademiker, der eine Promotion anstrebte. Mit BOURDIEU (1997) gesprochen waren also Interviewer und Erzähler bereits mit dem Beginn des Interviews aufgrund ungleicher Kapitalkonfigurationen im sozialen Raum der Zielgesellschaft unterschiedlich positioniert. Dies manifestierte sich auch in einem sprachlichen Ungleichgewicht. Die Interviewten, die zwar schon mehrere Jahre in Deutschland lebten, mussten sich in der ihnen nur begrenzt vertrauten Muttersprache des Interviewers verständigen. [5]

Neben den angedeuteten Ungleichheitsphänomenen prägte ein weiterer Aspekt entscheidend die hierarchische Struktur der Interviewsituation. Der Interviewer begegnete den Interviewten nicht als privater Gesprächspartner, sondern als Forschender mit einem wissenschaftlichen und somit öffentlich-institutionellen Anliegen. Die Interviewten wurden hingegen ausdrücklich als Privatpersonen angesprochen, die über ihre persönlichen Migrationserfahrungen und – infolge des Forschungsthemas – zudem von sehr intimen Bereichen ihres Lebens erzählen sollten. Auch wenn der Kontakt zu den Interviewpartnern über Vertrauenspersonen der Flüchtlingshilfe und Freunde vermittelt wurde und die Interviews auf Wunsch der Befragten zumeist in deren privatem Wohnumfeld stattfanden, kam es in einigen Fällen zu Aktualisierungen von bereits in Deutschland erlebten spezifischen Formen biografischer Selbstthematisierung in institutionellen Kontexten. [6]

Als Flüchtlinge waren die Interviewten im Zuge ihrer Asylverfahren bereits schon einmal dazu aufgefordert, ihre Lebensgeschichte Angehörigen der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu erzählen. Von weitreichender und zudem existenzieller Bedeutung ist in diesem Kontext die mündliche Anhörung, in der die Asylsuchenden ihre Fluchtmotive vor Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge glaubhaft darlegen müssen, um ihren Anspruch auf Asyl zu legitimieren. Die Anhörung ist als ein umfassender Zugriff auf die Biografie der Betroffenen zu betrachten, die ihre Lebensgeschichte vor ihnen fremden Zuhörer/innen offenbaren müssen. Im Fall des in meiner Studie relevanten Fluchtmotivs der gleichgeschlechtlichen Orientierung musste dabei zudem die eigene Sexualität als einer der intimsten Lebensbereiche offen gelegt und einer sexualwissenschaftlichen Begutachtung unterzogen werden (vgl. Senatsverwaltung für Jugend und Familie 1994; THIELEN 2008). Mit SEDGWICK (2003, S.117) lässt sich von einer Form erzwungener Enthüllung sprechen. [7]

Der institutionelle Zugriff des Asylverfahrens auf die Biografie von Flüchtlingen wird von SCHROEDER (2003) als ein Wesensmerkmal des "totalen Flüchtlingsraums" benannt. Der Autor fokussiert mit jenem Konzept eine spezifische Gestalt transnationaler Verräumlichung (vgl. hierzu PRIES 1997, 2008), in der die Strukturen die Handlungen der Akteure in hohem Maße dominieren (SCHROEDER 2003, S.380).4) Der Begriff des "totalen Raums" gründet in GOFFMANs (1973) Analyse "totaler Institutionen", als welche sich die unterschiedlichen Heime für Asylsuchende zweifelsfrei verstehen lassen.5) Im Sinne FOUCAULTs (1994) begreift SCHROEDER (2003, S.386) den Flüchtlingsraum darüber hinaus in einem umfassenderen Verständnis als einen panoptischen Funktionszusammenhang, der subtil und kaum erkennbar ein Netz der "Einkerkerung" um die Flüchtlinge knüpft.6) Dies geschieht nicht zuletzt auch durch den totalen und umfassenden Zugriff auf die Biografie der Flüchtlinge. Diese müssen nicht selten mehrfach ihre Lebensgeschichte vor unterschiedlichen fremden Zuhörerinnen und Zuhörern erzählen. Beispielhaft zu nennen sind hier Anhörer/innen, Dolmetscher/innen, Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, Gutachter/innen, Sozialarbeiter/innen usw. Die narrativ vollzogene biografische Selbstthematisierung dient der Erstellung von Dossiers über die Fluchtgeschichte und zur Bearbeitung des Asylantrags. [8]

Die institutionelle Funktionalisierung der lebensgeschichtlichen Erzählung schlägt sich nicht zuletzt auch atmosphärisch in der mündlichen Anhörung nieder. Denn der behördliche Blick begegnet den autobiografischen Äußerungen weder unvoreingenommen noch wohlwollend. Vielmehr ist er durch ein grundsätzliches Misstrauen gekennzeichnet, denn in den Erzählungen wird nach diskreditierenden Informationen und Angaben zur "Enttarnung" von Asyllegenden gefahndet. Bei Zweifeln an Aussagen von Asylsuchenden – etwa im Hinblick auf die Angaben zum Herkunftsland – sind Testfragen üblich, beispielsweise zur Landeskunde (vgl. NIEDRIG 2003, S.407). Empirischen Untersuchungen folgend werden hingegen Erzählpassagen über erlittene Folterungen in Anhörungen oftmals übergangen oder vorschnell vonseiten der Bundesamtsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter abgebrochen (vgl. WEBER 1998). Für geschlechtsspezifische Besonderheiten scheinen die Behörden erst allmählich sensibilisiert (vgl. GAHN 1999; FRIEBERTSHÄUSER, KUBISCH & RUPPERT 2007). Jene meist negativ konnotierten Vorerfahrungen biografischer Selbstthematisierung im institutionellen Kontext des Asylverfahrens brachten die Befragten mehr oder weniger spürbar in die Interviewsituation ein. Die hieraus resultierenden Bedeutungen für die Interaktionsdynamik und den Interviewverlauf waren von Fall zu Fall sehr unterschiedlich und werden im folgenden Abschnitt näher beleuchtet. [9]

3. Manifestationen des totalen Flüchtlingsraums in der Interviewsituation

Insbesondere in den Fällen, in denen die mündliche Anhörung noch nicht weit zurück lag und das Asylverfahren noch lief, wurden die Erfahrungen biografischer Selbstthematisierung im Asylverfahren in der Interviewsituation mit mehr oder weniger weitreichenden Folgen aktualisiert. Die Situation des autobiografisch-narrativen Interviews wurde dabei – bewusst oder unbewusst – nicht nur als ein Forschungssetting, sondern zumindest phasenweise zugleich als ein institutionelles Gespräch mit vermeintlich weiteren Funktionen gesehen. An den Erzählungen lässt sich nachzeichnen, dass der Interviewer dabei nicht nur als Forscher angesehen wurde. Vielmehr offerierten ihm die Interviewten die Rollen professioneller Akteure, wie sie im Kontext des Asylverfahrens bedeutsam waren. Die diesbezüglichen Analysen verweisen sowohl auf negativ-bedrohliche wie positiv-idealisierende Wahrnehmungen des Interviewers. In den nun exemplarisch vorgestellten Mustern ist das autobiografisch-narrative Interview mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen versehen: Es erscheint als eine Anhörung, damit zusammenhängend als eine potenziell retraumatisierende Situation, aber ebenso als ein sozialarbeiterisches Anamnesegespräch oder ein therapeutisches Setting. [10]

3.1 Das Interview als Anhörung

Äußerst umfassend schlägt sich die Manifestation des totalen Flüchtlingsraums im Interview des 31-jährigen Hosain7) nieder, der mit Mitte Zwanzig nach Deutschland immigriert war. Wie alle Interviewten habe ich ihn darum gebeten, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen. In der Haupterzählung berichtet Hosain, wie er in Teheran in das engmaschige Kontrollnetz von Sittenwächtern geriet. Im Zuge der Narrative um eine drohende Verhaftung durch Revolutionsgardisten, die sich der Erzählung nach dem Wohnhaus genähert hatten, macht der Interviewte einen zeitlichen Sprung zu einem früheren Lebensabschnitt. Er führt an, bereits zuvor aufgrund unterschiedlicher Delikte – Alkoholkonsum und Motorradfahren ohne Fahrerlaubnis – deviant geworden zu sein. Diese Vorgeschichte wird erwähnt, um das der Erzählung nach abrupt erfolgte Verlassen des Elternhauses beim Eintreffen der Revolutionswächter zu begründen. Die Sequenz lässt sich als Versuch einer nachträglichen Plausibilisierung dem Interviewenden gegenüber interpretieren. Der nun wörtlich zitierte weitere Erzählverlauf offenbart ein mögliches Motiv für die Rechtfertigungsstrategie: "Warum zum Beispiel sagte man/ warum zum Beispiel hatte ich Angst? Das war eine Frage vom Bundesamt. Warum/ woher wusste ich, dass sie zu mir kommen?"8) Unvermittelt wird das Bundesamt als signifikanter Akteur in die Erzählung eingeführt. Die Narration vollzieht einen zeitlichen und räumlichen Wechsel und bezieht sich nun auf die Anhörung im deutschen Asylverfahren. In deren Kontext wurde offensichtlich dem Erzähler die zitierte Frage gestellt. Die Erzählung mündet somit in eine Reinszenierung der Anhörung. Die Interviewsequenz lässt vermuten, dass die Asylbürokratie Zweifel an der Fluchtgeschichte des Befragten hegte. Vor diesem Hintergrund sieht sich Hosain möglicherweise im Interview dazu aufgefordert, seine Flucht besonders deutlich zu begründen. [11]

In Anbetracht der Erfahrung der mündlichen Anhörung verstrickt sich die Erzählung Hosains an dieser und an weiteren Stellen in Rechtfertigungsstrategien. Als der Interviewte von seiner Flucht nach Deutschland berichtet, zitiert er abermals eine Frage aus der Anhörung: "Hat mir das/ diese Frage auch vom Bundesamt. Ob mehrere Flüchtlinge. Das weiß ich nicht! Hat/ hat keiner mir erzählt!" Hosain zieht nochmals das Bundesamt als Akteur in seine Erzählung hinzu. Offenbar fühlt er sich erneut dazu aufgefordert, die Frage zu den Hintergründen der Fluchtorganisation zu beantworten, obwohl der Interviewer ihn nicht darum gebeten hat. Wie in der Anhörung, so kann er auch im Interview die Frage nicht beantworten und sieht sich offenbar dem Interviewer gegenüber zu einer Begründung verpflichtet. Möglicherweise hatten seine vermeintlich unzureichenden Angaben Zweifel aufseiten des Bundesamtes hervorgerufen. Die exemplarischen Szenen deuten an, dass Hosain im Interview immer wieder die Situation einer Anhörung herstellt. Infolge der biografischen Selbstthematisierung gegenüber dem Bundesamt, das seinen Asylantrag zunächst abgelehnt hat, war es dem Interviewten nur begrenzt möglich, seine Lebensgeschichte unbefangen zu erzählen. Er reglementiert seine Erzählung, indem er permanent die Erwartungshaltung des Bundesamtes mitreflektiert und sich an dieser orientiert. Somit nimmt das autobiografisch-narrative Interview die Gestalt einer Anhörung an, ohne dass hieran ein aktives Zutun vonseiten des Interviewers zu erkennen ist. [12]

Der Charakter der Anhörung manifestiert sich in der Erzählung insgesamt durch eine ausgeprägte Distanz dem Interviewenden gegenüber. Persönliche Erfahrungsmomente bleiben weitgehend ausgespart und werden nur dann thematisiert, wenn sie in einer Bedeutung für die Fluchtgeschichte oder das Asylverfahren gesehen wurden. Die biografische Erzählung erscheint als eine entfremdete und entpersonalisierte Verfahrensgeschichte. Die Erfahrung, dass Hosain in der Anhörung nicht geglaubt wurde, lässt sich als eine offizielle Zurückweisung seiner Angaben über die eigene Biografie und Identität verstehen. Vor diesem Hintergrund können seine Rechtfertigungsstrategien auch als ein biografischer Rehabilitationsversuch interpretiert werden, mittels dem der Interviewte seine institutionell aberkannte Glaubwürdigkeit wiederzuerlangen sucht. [13]

3.2 Das Interview als potenziell retraumatisierende Situation

Mit der Wahrnehmung des Interviews als Anhörung korrespondiert ein weiteres Muster, das sich im Fall des 28-jährigen Assad zeigte. In dessen Erzählung fielen Leerstellen auf, die vom Interviewer während des Interviews nicht bemerkt wurden. Zunächst erzählt Assad, wie er ab der späten Jugendzeit sein Schwulsein in Teheran durch auffallende Körperpraxen öffentlich sichtbar inszeniert und dadurch die Aufmerksamkeit der Sittenwächter auf sich gezogen hat.9) An einer Stelle im Interview, an der er von einer Kontrolle in einem als Schwulentreffpunkt bekannten Park erzählt, echauffiert er sich über die weitreichenden Befugnisse der Revolutionsgardisten: "Die dürfen dich einfach auf der Straße fragen, was du machst". Weiterhin deutet er an: "Und gibt es so was. Und noch Schlimmeres!" Was sich hinter der Andeutung verbirgt, bleibt an dieser Stelle offen. In den weiteren Narrativen berichtet er von einer später erfolgten Festnahme durch die Sittenwächter: "War ich schon wieder in diesem Gefängnis, in dieser Polizeistation. Und dieses andere Amt, das für solche Sachen zuständig ist. Ja. .. Das war auch wieder ein Problem. … ((4 Sek.)) … ((zum Interviewer)) Machen wir eine Pause? I.: Ja, klar!" An dieser Stelle kommt die Erzählung ins Stocken und der Erzähler bittet den Interviewer um eine Pause. Die Haupterzählung wird daraufhin für etwa eine Stunde unterbrochen. Nach der Pause fährt Assad mit einer Erzählung über die Zeit nach der Festnahme fort. Die Haft selbst wird nicht weiter ausgeführt. Erst nach der Beendigung des Interviews, dem Abschalten des Aufnahmegerätes und dem gemeinsamen Verlassen der Wohnung wurde die Bedeutung der Unterbrechung offensichtlich. Auf dem Weg zum Bahnhof, zu dem Assad den angereisten Interviewer begleitete, erzählte er unvermittelt von massiven sexualisierten Foltererfahrungen im Zuge der Verhaftung. [14]

Aus dem Interaktionsverlauf im Interview ließe sich schlussfolgern, dass die traumatischen Lebenserfahrungen aus dem Interview ausgelassen wurden, etwa in Anbetracht einer ungünstigen Interaktionsdynamik zwischen Interviewer und Erzähler (vgl. HAUBL 2003). Diese Lesart greift jedoch zu kurz. Ein weiterer Interviewtermin, in dem Assad offen über seine traumatischen Foltererfahrungen berichtet, lässt die mündliche Anhörung im Asylverfahren als Grund für die spätere Tabuisierung im Interview erscheinen. Vor der Asylbürokratie hatte der junge Mann seinen Erzählungen nach über die Folter berichtet. Die daraufhin erfolgte Reaktion des Bundesamtsmitarbeiters beschreibt er wie folgt: "Er hatte alles nicht so ernst genommen. Er hat mir gar nicht geglaubt. .. Ich hatte den Eindruck, er hat mich sogar ausgelacht, als ich alles erzählte." Womöglich war jene beschämende und entwürdigende Erfahrung, die zweifelsfrei von einer retraumatisierenden Qualität war (vgl. EGGER 2003), der Grund für das Verschweigen im autobiografisch-narrativen Interview. Vermutlich befürchtete Assad, dass auch der Interviewer, der im gleichen Alter wie der Bundesamtsmitarbeiter war, sich ähnlich verletzend verhalten könnte. Vor diesem Hintergrund erscheint Assad das Interview möglicherweise als ein riskantes Unterfangen, in welchem er sich von einer erneuten Retraumatisierung schützen musste. Erst nachdem er im Verlauf des mehrstündigen ersten Interviews Vertrauen zum Interviewer gefasst hatte, konnte er diesem seine schrecklichen Erlebnisse mitteilen. [15]

3.3 Das Interview als sozialarbeiterisches Anamnesegespräch

In Interviews mit Flüchtlingen, die sich in einem laufenden Asylverfahren befinden und in einem Asylheim leben, wird die massive Einschränkung der eigenen Handlungs- und Gestaltungsspielräume besonders offensichtlich. Der 30-jährige Ahmad beschreibt sich im Zuge seiner biografischen Selbstthematisierung in einer psychisch sehr belasteten Situation. Er verweist auf Herzrasen und Schlafstörungen. Insbesondere leidet er unter der Abgeschiedenheit des Asylbewerberheims fernab einer größeren Stadt. Die sozialräumliche Isolation hindert ihn daran, soziale Kontakte zu anderen schwulen Männern in großstädtischen Subkulturen aufzubauen. Belastet von der Ungewissheit über die Dauer und den Ausgang des Asylverfahrens hebt er seine große Einsamkeit im Interview als zentrales Problem hervor: "Ich komme in kleines Dorf. Für einen Schwulen ist das sehr, sehr schwer. .. Allein bleiben, zu Hause immer. Keinen Kontakt, keinen Freund!" In seiner prekären Lage knüpft er an den Besuch des Interviewers im Asylheim Hoffnung im Hinblick auf eine Verbesserung seiner Situation: "Zum Beispiel, dass du jetzt hier bist, ist sehr viel Glück!" [16]

Im Verlauf der Erzählung wendet sich Ahmad mit einer konkreten Bitte an den Interviewer: "Du kannst bitte sprechen mit dieser Frau. Du kannst sagen/ was ich machen [soll], dass ich in große Stadt gehen kann!" Ahmad bittet den Interviewer darum, Kontakt zur zuständigen Sachbearbeiterin der Ausländerbehörde aufzunehmen, um die Möglichkeit einer räumlichen Umverteilung auszuloten. Der Interviewer wird also weniger als Forschender, denn als Sozialarbeiter gesehen, der womöglich etwas an den repressiven Lebensbedingungen ändern kann. Er erscheint dem Interviewten somit als eine potenziell einflussreiche Person. Ahmad hat auch nach dem Interview mehrfach Kontakt zum Interviewer aufgenommen mit der Bitte, sich um eine räumliche Umverteilung zu bemühen. Interventionen des Interviewers bei der zuständigen Ausländerbehörde blieben jedoch wirkungslos. Lediglich der Kontakt zu einer Organisation iranischer Schwulen und Lesben konnte vermittelt werden. Damit wurden die Hoffnungen, die Ahmad in den Interviewer gesetzt hat, letztlich enttäuscht. [17]

3.4 Das Interview als therapeutisches Setting

In einer helfenden Funktion nahm auch der 29-jährige Said den Interviewer wahr. Seine biografische Erzählung weist Merkmale eines therapeutischen Dialogs auf, was er im Interview auch selbst formuliert. In einer Schilderung zu dem im Zuge seines Asylverfahrens erstellten Gutachten über die "Unumkehrbarkeit" seiner sexuellen Orientierung vergleicht Said das Interview mit dem sexualwissenschaftlichen Begutachtungsgespräch: "Das ist ein Interview im Rahmen eines Gesprächs. Spricht mit mir, wie jetzt wir miteinander sprechen." Im weiteren Erzählverlauf wird deutlich, dass sich der begutachtende Psychologe nicht auf die Rolle eines Gutachters beschränkt, sondern zugleich diagnostisch interveniert hatte: Er empfahl Said die Aufnahme einer Therapie. [18]

Bemerkenswerter Weise wird auch dem Interviewer die Rolle eines Therapeuten offeriert. Im Nachfrageteil des Interviews erkundigt sich Said, ob dieser eine Erklärung bzw. eine Theorie für seine in der Haupterzählung geäußerten Suizidgedanken habe. Nachdem der Interviewer dies verneint, bittet der Erzähler ihm Bescheid zu geben, falls er zu einem späteren Zeitpunkt doch noch eine Erklärung fände. Der Interviewer weist die Bitte laut Transkriptionsprotokoll nun nicht zurück, sondern signalisiert ihm mit einem "hhm, ja" seine Zustimmung: Ihm war es nicht möglich, sich dem Wunsch des Erzählers zu entziehen. Am Ende des Interviews fragt der Erzähler den Interviewer, ob er in seinem Fall auch eine Therapie für notwendig erachte. Dem Interviewer wird damit eine diagnostizierende Funktion zugeschrieben, ähnlich wie dem erwähnten Gutachter. Das Interview mündet in ein psychologisches Beratungsgespräch. Zu berücksichtigen ist dabei auch das Setting des Interviews, das Gemeinsamkeiten mit dem Gutachtergespräch im Asylverfahren aufwies: Auf Wunsch Saids fand es im Büro des Forschers an einer Universität statt, genau wie einst der Gutachtertermin. Das Interview erscheint damit auch räumlich als ein institutionelles Arrangement. Die Struktur des autobiografisch-narrativen Interviews weckt zudem ohnehin Erinnerungen an einen therapeutischen Kontext. Ähnlich wie ein Therapeut, so zieht sich auch der Interviewer zumindest in der Haupterzählung in erster Linie auf die Rolle eines aktiven Zuhörers zurück. Narrative Formen der Therapie fördern in ähnlicher Weise Erzählungen, um Verarbeitungs- und Heilungsprozesse zu initiieren (vgl. GROSSMANN 2000). Für den Interviewverlauf im Fall von Said ist festzuhalten, dass sich sehr umfangreiche und detaillierte Erzählpassagen finden. Gleichwohl führt die spezifische Deutung des Interviews dazu, dass Said nicht immer unbefangen erzählt. Kindheits- und Jugenderinnerungen werden beispielsweise aus der gegenwärtigen Perspektive heraus psychologisiert, wie der Interviewte selbstreflexiv feststellt: "Ich weiß nicht, ob diese Erklärung auch irgendwie eine Intellektualisierung ist oder eine ehrliche Antwort." [19]

4. Plädoyer für eine reflexive biografiewissenschaftliche Migrationsforschung

Die auszugsweise dargelegten Fallanalysen zeigen, dass die Interaktionsdynamiken in autobiografisch-narrativen Interviews mit Flüchtlingen und damit auch die in diesen produzierten Erzählungen in erheblichem Maße durch die Machtprozeduren des Asylverfahrens beeinflusst sind. Die umfassenden institutionellen Reglementierungen von Biografie- und Identitätskonstruktionen im totalen Flüchtlingsraum sind folgenreich und ziehen spezifisch konnotierte spätere biografische Selbstthematisierungen nach sich. Infolge des asylverfahrensrechtlichen Zugriffs auf die biografischen Erzählungen besteht die Tendenz zur Zuspitzung der ohnehin vorhandenen Hierarchie in Interviews mit Flüchtlingen, insbesondere wenn es sich um Forschende ohne Migrationshintergrund handelt. Diesen werden angesichts der Fremdheits- und Entfremdungserfahrungen im Asyl tendenziell machtvolle Positionen zugewiesen, die sowohl positiv wie negativ konnotiert sein können und die die eigentliche Rolle als Interviewende mehr oder weniger stark überlagern. Eine Tendenz ließ sich diesbezüglich in den analysierten Interviews beobachten: Je länger das Asylverfahren zurücklag und je kürzer dessen Verlauf war, um so eher überwogen in den Interviews unbefangene Erzählpassagen. Diesen Interviewten war es in Anbetracht der zeitlich begrenzten Reglementierung und ihrer vorangeschrittenen Autonomisierungs- und Integrationsprozesse nach dem Asylverfahren gelungen, sich die im totalen Flüchtlingsraum enteigneten Biografiekonstruktionen "zurückzuerobern". [20]

Für biografiewissenschaftliche Migrationsforschung lässt sich aus den Beobachtungen die Notwendigkeit zu einer systematischen Reflexion des Interviewkontextes in allen Phasen des Forschungsprozesses ableiten. Bereits im Vorfeld müssen sich die Interviewenden mit denjenigen Hierarchiemomenten auseinandersetzen, die in der Interviewsituation mit Flüchtlingen, aber auch Migrantinnen und Migranten zu erwarten sind. Über eine Reflexion interkultureller Faktoren hinausgehend scheint mir eine umfassende intersektionelle Analyse notwendig, welche die jeweilige Positionierung von Erzählenden und Interviewenden am Schnittpunkt weiterer relevanter Differenzlinien wie Geschlecht, Herkunft, sozialer Status etc. berücksichtigt (vgl. LUTZ & WENNING 2001; KNAPP 2005). So war zum Beispiel in den diskutierten Interviews auffällig, dass der männliche, deutsche und weiße Interviewer in ähnliche Rollen gedrängt wurde, die im Asylverfahren ebenfalls von männlichen, deutschen und weißen Akteuren wahrgenommen wurden. Im Fall der nachgezeichneten positiven Übertragungsmomente ist zudem der berufliche Habitus des Interviewers zu berücksichtigen: Dieser hatte ein erziehungswissenschaftliches Studium absolviert und war zum Interviewzeitpunkt im sozialpädagogischen Feld tätig. Möglicherweise begünstigte dies die Offerierung der sozialarbeiterischen bzw. therapeutischen Rollenmuster. Bei der Durchführung der Interviews ist ein sensibles Changieren mit den diskutierten Rollenzuschreibungen erforderlich. Dabei gilt es, Befürchtungen vonseiten der Interviewten durch eine vertrauensvolle Interviewatmosphäre zu entkräften, ohne dabei etwaige überhöhte Erwartungen an die Interviewenden zu bestärken. Diese sollten weder schroff zurückgewiesen noch unreflektiert angenommen werden. Eine gewisse Interviewerfahrung ist hier meines Erachtens angebracht. Bei der Auswertung der autobiografischen Erzählungen gilt es stets, den Interviewkontext und die Interaktionsdynamik im Auge zu behalten. Ihre möglichen Einflüsse auf die konstruierten Erzählungen sind im Zuge der Textinterpretation systematisch zu reflektieren. [21]

Wenig hilfreich erscheinen mir hingegen Versuche, die Erzählungen von Flüchtlingen in vermeintlich authentische und nichtauthentische zu unterteilen. Damit wird übersehen, dass biografische Selbstthematisierungen grundsätzlich nicht als "Abbildungen" einer Biografie, sondern immer nur als retrospektiv erfolgte Sinn- und Bedeutungskonstruktionen zu verstehen sind. Eine normative Wertung von Erzählungen als "wahr" oder "unwahr" verbietet sich vor diesem Hintergrund. Hier nähmen die Forschenden tatsächlich die ihnen zugedachten Rollen einer Gutachterin bzw. eines Gutachters oder einer Entscheiderin bzw. eines Entscheiders an und würden damit genau diejenigen institutionellen Zugriffsweisen des totalen Flüchtlingsraums reproduzieren, die es in ihren weitreichenden biografischen Konsequenzen kritisch zu reflektieren gilt. [22]

Anmerkungen

1) Die qualitativ-empirische Untersuchung befasst sich mit dem Feld Flucht und Asyl in Bezug auf den bislang wenig untersuchten Fluchtgrund sexuelle Orientierung. Interviewt wurden 13 iranischstämmige Männer, die infolge ihrer gleichgeschlechtlichen Lebensweisen emigriert sind bzw. emigrieren mussten und/oder sich in den schwullesbischen iranischen Communities in Deutschland engagieren. <zurück>

2) Wenngleich ich selbst Forscher und Interviewer war, spreche ich bei der Analyse in der dritten Person. Eine solche Distanzierung soll die reflexive Betrachtung der eigenen Anteile an der Interaktionsdynamik im Interview vereinfachen. <zurück>

3) REH entwickelt ihre systematische Kritik an SCHÜTZEs Auffassung anhand der Analyse biografischer Erzählungen ostdeutscher Lehrerinnen und Lehrer. In den Interviews, die durch eine westdeutsche Forscherin geführt wurden, war dem hegemonial strukturierten (westdeutschen) Diskurs über das Bildungssystem der DDR kaum zu entkommen. Die Erzählungen zeichneten sich vor diesem Hintergrund durch den Zwang zum "narrativen Bekenntnis" aus: Die Interviewten sahen sich dazu gedrängt, die Durchsetzung pädagogischer Handlungsmaximen in ihrer Berufsgeschichte beweisen zu müssen (vgl. REH 2003, S.247). <zurück>

4) Verwiesen ist hiermit auf eine grundsätzlich hierarchische Strukturiertheit des transnationalen Raums je nach Migrationsform und Herkunftsland. Die transnationalen Lebensbedingungen von Flüchtlingen unterscheiden sich deutlich von denen anderer Migrant/innen. Als privilegiert erscheinen insbesondere Zuwanderer/innen aus Mitgliedstaaten der EU. Insofern ist die Wählbarkeit von Räumen in der globalisierten Welt nicht für alle gleich (vgl. FÜRSTENAU 2004, S.54; SCHROER 2006, S.224). <zurück>

5) SCHROEDER analysiert Asylheime als "totale Institutionen" und sieht hier wesentliche der von GOFFMAN genannten Kriterien gegeben: die bürokratische Organisation ganzer Gruppen von Menschen, ein hohes Maß an Informationskontrolle, spezifische Aufnahmeprozeduren usw. (SCHROEDER 2003, S. 381f.). <zurück>

6) SCHROEDER hebt in diesem Zusammenhang im Rückgriff auf das Foucaultsche Konzept einer panoptischen Gesellschaft die Erstellung von Tableaus mittels des deutschen Staatsangehörigkeits-, Ausländer- und Asylrechts im Sinne einer differenten und hierarchisierten Klassifizierung hervor, die das einzelne Subjekt im Geltungsraum des Rechts verortet. Zudem verweist er auf die Herausbildung einer politischen Anatomie der Körper, die sich in unterschiedlichen politisch und rechtlich wirksamen Erfassungen von körperlichen Merkmalen niederschlägt, etwa in Gestalt der europäischen Fingerabdruckdatei EURODAC (vgl. SCHROEDER 2003, S.388ff.). <zurück>

7) Die Namen der Interviewten sind geändert und sonstige Hinweise zu deren Person anonymisiert. <zurück>

8) Das Transkriptionszeichen "/" gibt an, dass der Interviewte seinen ursprünglich begonnenen Satz abbricht. <zurück>

9) Mit auffallenden Körperpraxen ist Schönheitshandeln gemeint, das von hegemonialen Männlichkeitsidealen des iranischen Herkunftskontextes abweicht. Im Interview wird bspw. auf die Verwendung von Kosmetik und das Tragen langer Haare oder modischer Kleidung verwiesen. <zurück>

Literatur

Bourdieu, Pierre (1997). Verstehen. In Pierre Bourdieu et al. (Hrsg.), Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft (S.779-822). Konstanz: UVK.

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Zum Autor

Marc THIELEN ist als promovierter Erziehungswissenschaftler am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt am Main tätig. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Migrations- und Geschlechterforschung sowie die berufliche Integration benachteiligter Jugendlicher und Erwachsener.

Kontakt:

Marc Thielen

Goethe-Universität Frankfurt am Main
Institut für Sonderpädagogik
Senckenberganlage 15
D-60054 Frankfurt am Main

Tel.: ++49(0)69/798-22093
Fax: ++49(0)69/798-28408

E-Mail: m.thielen@em.uni-frankfurt.de
URL: http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb04/personen/thielen.html

Zitation

Thielen, Marc (2009). Freies Erzählen im totalen Raum? – Machtprozeduren des Asylverfahrens in ihrer Bedeutung für biografische Interviews mit Flüchtlingen [22 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 10(1), Art. 39, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0901393.



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