Volume 10, No. 1, Art. 37 – Januar 2009

Pragma-semantische Analysen zur Erforschung interkultureller Kommunikation

Arne Weidemann

Zusammenfassung: Auf Basis von Ernst E. BOESCHs "Symbolic Action Theory" (1991), und der relationalen Hermeneutik von STRAUB und SHIMADA (1999) sowie der Grounded-Theory-Methodologie (GLASER & STRAUSS 1967; STRAUSS & CORBIN 1990) wird ein integrativer Ansatz zur Analyse (inter-) kultureller Handlungs- und Bedeutungszusammenhänge vorgestellt. Das Ziel einer solchen pragma-semantischen Analyse ist die Bestimmung, Differenzierung und Kontextualisierung des interessierenden Phänomens durch die Untersuchung vollzogener wie potenziell möglicher Handlungen und Objektivationen. Die pragma-semantische Analyse verdeutlicht, aus welchen Quellen bzw. welchen Symbolbeständen individuell wie kollektiv verfügbare denotative und konnotative Aspekte von Handlungen stammen und wie dies in (durch die Analyse erst als interkulturell auszuweisende) Interaktionen zum Tragen kommt.

Am konkreten empirischen Beispiel des Umgangs einer deutschen Touristin mit Bettler/innen in Indien soll die Vorgehensweise verdeutlicht sowie gezeigt werden, dass das pragma-semantische Netz es im Hinblick auf konkrete Handlungen und Interaktionen auch erlaubt, Handlungsmöglichkeiten und potenzielle Bedeutungszusammenhänge auszuweisen, d.h. den subjektiven wie objektiven Möglichkeitsraum zu bestimmen. Darüber hinaus werden die Implikationen des Ansatzes für die Erforschung interkultureller Kommunikation sowie die Forschungspraxis diskutiert.

Keywords: Kulturpsychologie; Symbolic Action Theory; Grounded-Theory-Methodologie; Vergleichshorizonte; Relationale Hermeneutik; Möglichkeitsraum; pragma-semantisches Netz; Umgang mit Bettlern; Tourismus; Indien

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kultur und Handlung

3. Interkulturelle Kommunikation

4. Konstantes Vergleichen und Vergleichshorizonte

5. Die Zielsetzung pragma-semantischer Analysen

6. Daten und Quellen

7. Methoden

8. Knoten, Vektoren, Netz

9. Vorgehensweise

10. Ein Beispiel

10.1 Thema

10.2 Dichte Stelle als Ausgangspunkt für die Analyse

10.3 Reformulierende Interpretation (Paraphrase)

10.4 Zerlegung des Initialknotens

10.5 Prüfung der Propositionen

10.6 Theoretische Vergleichshorizonte

11. Zusammenfassung

12. Diskussion

Danksagung

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

Nach wie vor liegen der Untersuchung interkultureller Praxis oft ein essentialistischer, an Nationalkulturen und -sprachen orientierter Kulturbegriff sowie ein Verständnis interkultureller Kommunikation als zwangsläufig problematisch zugrunde. Der Fokus der Forschung liegt somit häufig auf Missverständnissen oder missglückten Interaktionen zwischen Angehörigen unterschiedlicher (nationaler) Herkunft und Sprachzugehörigkeit – weitgehend unabhängig davon, aus welcher disziplinären Perspektive und zu welchem Handlungskontext (Wirtschaft, Entwicklungszusammenarbeit, Migration, Tourismus etc.) geforscht wird. Auch da, wo explizit ein nicht essentialistischer Kulturbegriff zur Anwendung gebracht wird, stützen sich die Untersuchungen in der Regel auf die Analyse zuvor erhobener und dann verschrifteter Gesprächssequenzen, um anhand dieses Materials die Relevanz kultureller Differenz für die Interaktion auszuweisen und ggf. durch weitergehende Analysen und den Einbezug eigenen kulturellen Wissens und soziologischer oder psychologischer Theorien die Funktionsweise interkultureller Kommunikation erklären zu können. [1]

Der Wert dieser Ansätze und ihr großer praktischer Nutzen sollen hier nicht in Abrede gestellt werden. Doch selbst wenn durch Daten- oder Methodentriangulation die ökologische Validität der jeweiligen Ergebnisse erhöht wird (vgl. FLICK 2000), bleibt der Handlungs- und Bedeutungskontext jeweils vergleichsweise eng umrissen. Auf der theoretischen Basis eines Kulturbegriffs, der Kultur als "Handlungsfeld" (BOESCH 1991, S.70ff.; STRAUB 2007a) und Handlung als polyvalent und überdeterminiert (BOESCH 1980, 1991; BOESCH & STRAUB 2007; STRAUB 1999, 2006) begreift, zeigt eine intensive Analyse eben dieses Kontextes, dass auch vermeintlich simple Handlungen und Interaktionen Teil überaus komplexer Handlungs- und Bedeutungszusammenhänge sind, die zum einen das je konkrete Handlungsfeld und zum anderen durch spezifische Denotationen und je individuelle Konnotationen die Pragma-Semantik dieses Handlungsfeldes ausmachen. Der Begriff "Pragma-Semantik" verweist dabei auf die unauflösbare Verschränkung von Handlung mit Bedeutung, wobei letztere als symbolisch vermittelt bzw. vermittelbar gefasst wird und immer sowohl sozial definierte und sozial geteilte als auch rein individuelle Anteile umfasst (vgl. BOESCH 1991, 2001, 2006a, 2008; STRAUB & A. WEIDEMANN 2007). Da Handlungen nie als singuläre Akte, sondern immer als Teil von Handlungsketten vorkommen bzw. mit anderen (Teil-) Handlungen vernetzt sind, und zwar sowohl pragmatisch als auch semantisch, spreche ich in diesem Zusammenhang von einem (zeitlichen, räumlichen, sozialen und thematischen/sachlichen) pragma-semantischen Netz. [2]

Die Analyse der Pragma-Semantik einer Handlung oder Interaktion (wie z.B. eines Gesprächsausschnitts) und die daraus folgende Konstruktion des pragma-semantischen Netzes, in dem die Handlung steht, erlaubt es – um beim Beispiel eines Gesprächsausschnitts zu bleiben – über die Erfassung des explizit und implizit von den Gesprächspartner/innen Gemeinten ("subjektiver Sinn" sensu Max WEBER) hinaus und durch die Verfolgung denotativer wie konnotativer Aspekte in den individuellen wie sozialen Raum hineinzugehen, um neben den unmittelbar ausweisbaren auch die (in der gegebenen/dokumentierten Situation) plausibel möglichen Handlungen und Bedeutungen auszuloten. Die pragma-semantische Analyse weist also das Handlungsfeld als Möglichkeitsraum1) aus, in dem die konkret untersuchte Interaktion (nur) einen kontingenten Knoten darstellt. [3]

Daraus ergibt sich bereits, dass das pragma-semantische Netz aus einer Metaperspektive betrachtet prinzipiell unabschließbar und potenziell endlos ist. Jede individuelle Sicht (auch die des Beobachters bzw. der Beobachterin) stellt notwendigerweise nur eine perspektivisch gebundene Sichtweise auf einen von vielen möglichen Ausschnitten dar. Wichtig ist, dass es hier nicht um kausalistische Handlungserklärungen geht, sondern darum, explizierte bzw. potenzielle Bedeutungszusammenhänge zu erschließen, in denen Menschen handeln, d.h. zu ergründen, aus welchen Quellen bzw. welchen Symbolbeständen individuell wie kollektiv verfügbare oder potenziell verfügbare denotative wie konnotative Aspekte von Handlungen stammen und wie dies in interkulturellen Interaktionen zum Tragen kommt.2) [4]

Hierbei ist zu unterscheiden zwischen

  • der Analyse der Polyvalenz vollzogener dokumentierter sprachlicher und nichtsprachlicher Handlungen und

  • der Analyse (potenziell) möglicher Handlungen (die also nicht vollzogen wurden), [5]

wobei klar ist, dass letztere zu ersteren beitragen können: Sie stellen rekonstruktive "Entwürfe" möglicher Handlungen dar und dienen somit auch der Klärung der Bedeutung(en) faktisch ausgeführter Handlungen. Während erstere im Kontext der Erforschung interkultureller Kommunikation dazu dienen, Hintergründe und Pragmatik von Missverständnissen, aber auch gelingender Interaktion aufzuklären, dient die Analyse (potenziell) möglicher Handlungen u.a. dazu, den Horizont für interkulturelle Lernprozesse aufzuspannen, und zwar seitens des oder der Interpretierenden genauso wie seitens der Personen, deren Praxis untersucht wird. Dies erlaubt es dann z.B., (interkulturelle) Lernmöglichkeiten für die Akteure aufzuzeigen (vgl. A. WEIDEMANN & BLÜML 2008). [6]

Ohne in den verwendeten Methoden von gängigen Untersuchungen zu interkultureller Kommunikation abzuweichen, unterscheidet sich dieser Ansatz damit von diesen jedoch maßgeblich zum einen in der Kombination verschiedener Verfahren zur Erhebung und Analyse von Handlungen wie Objektivationen und zum anderen in der Zielsetzung. Diese besteht nicht primär in der Entwicklung von Typologien oder datenbegründeter Theoriebildung, sondern zum einen darin, über die Rekonstruktion des Faktischen hinauszugehen und den pragma-semantischen Möglichkeitsraum einer Handlung oder Interaktion zu konstruieren (s.o.). Zum anderen zielt dieser Ansatz gleichermaßen auf die Analyse kultureller und individueller Differenz (und damit unterschiedlicher Bedeutungszuweisungen und Relevanzsetzungen und deren Wirkung sowie Funktion im Rahmen der untersuchten Interaktion), wie auf – häufig implizit bleibende bzw. auch von den Forschenden implizit vorausgesetzte und damit in ihrer Bedeutsamkeit für interkulturelle Kommunikation übersehene – kulturelle wie auch individuelle Gemeinsamkeiten, die eine Interaktion genauso beeinflussen wie Differenzen und hinsichtlich der Frage nach dem "Gelingen" von Kommunikation ebenfalls betrachtet werden müssen. [7]

Nach einer knappen Explikation des hier zur Anwendung gebrachten Handlungs- und Kulturbegriffs (Abschnitt 2) soll zunächst geklärt werden, was auf dieser theoretischen Basis eigentlich als "interkulturelle Kommunikation" verstanden werden soll (Abschnitt 3). Im Anschluss werden der methodologische Rahmen (Abschnitt 4) und die Zielsetzung (Abschnitt 5) pragma-semantischer Analysen entsprechender Phänomene expliziert. In den darauffolgenden Abschnitten werden Quellen bzw. Daten (Abschnitt 6), Methoden (Abschnitt 7), die spezifische Begrifflichkeit (Abschnitt 8) und das Vorgehen (Abschnitt 9) im Rahmen pragma-semantischer Analysen skizziert, bevor dies an einem empirischen Beispiel (Abschnitt 10) vorgeführt und das Ergebnis der Analyse (Abschnitt 11) zusammengefasst wird. Abschließend wird diskutiert, in welchem Verhältnis pragma-semantische Analysen zu qualitativer Sozialforschung und interkultureller Kommunikation stehen und welche spezifischen Anforderungen dieser Ansatz an die Forschenden stellt (Abschnitt 12). [8]

2. Kultur und Handlung

Mit Doris WEIDEMANN und Jürgen STRAUB (2000, S.835) definiere ich Kultur wie folgt:

"Eine Kultur ist die Gesamtheit von Diskursen, Praktiken und Handlungsobjektivationen, denen ein kollektiv verbindliches, historisch jedoch veränderliches, aus Zielen, Regeln, Geschichten und Symbolen bestehendes Sinn- und Bedeutungssystem zugrundeliegt, das sich durch eine gewisse Kohärenz (Stimmigkeit) und Kontinuität (Dauer) auszeichnet. Dieses Sinn- und Bedeutungssystem ermöglicht Menschen orientiertes Handeln und Verstehen. Es ist die Grundlage all dessen, was die Angehörigen einer Kultur erfahren und erwarten (können). Kultur ist in diesem Sinne der Rahmen allen Handelns (Denkens, Fühlens etc.). Sie ist umgekehrt aber auch das Produkt der menschlichen Praxis." [9]

Entscheidend ist mithin nicht, welcher Nationalität die Akteure sind oder welche Sprache sie sprechen, sondern ob und in welcher Hinsicht Kulturteilhabe bzw. -differenz in der Interaktion relevant werden. Theoretische Grundlage ist dabei ein Kulturbegriff, der Kultur als kollektiv geteiltes Sinn- und Bedeutungssystem versteht, das Denken und Handeln ihrer Mitglieder in seinen Möglichkeiten vorstrukturiert (vgl. D. WEIDEMANN 2004). Aus dieser Definition ergibt sich, dass Bedeutung immer sozial (ko-) konstruiert, mithin immer "kulturell" ist, womit auch Handlung als immer kulturell zu bezeichnen ist und – wie Gertrude ANSCOMBE (1985, S.11) es ausgedrückt hat – immer schon unter einer bzw. mehreren Beschreibung(en) steht.3) [10]

Unter Handlung verstehe ich dabei mit Gabriel LAYES Formen des Sich-Verhaltens, die nicht rein reaktiv, reflexhaft oder unwillkürlich ablaufen, sondern in denen sich ein zumindest potenziell bewusstseinsfähiges, willkürlich beeinflussbares und diskursivierbares Selbst-, Fremd- und Weltverhältnis ausdrückt (LAYES 2000, S.70). Somit ist "[j]edes Handeln ein Sich-Verhalten, keineswegs aber kann jedes Sich-Verhalten als Handeln bezeichnet werden" (STRAUB 1999, S.12). Wesentliches Movens menschlichen Handelns ist dabei die Regulation des von BOESCH so bezeichneten "Handlungspotentials" (1980, 1991). Das subjektiv empfundene Gefühl, handeln zu können, beeinflusst sowohl Handlungsziele als auch Handlungsorientierung und -steuerung. Aufgrund der Polyvalenz von Handlungszielen sowie der Überdeterminiertheit von Handlungen können Handlungen somit in Hans JOAS' Worten als immer nur "diffus teleologisch" (1988, S.423, zit. n. ALHEIT 2005, S.8) bezeichnet werden, d.h. im Vollzug einer Handlung verändern sich notwendigerweise (und empirisch nachweisbar) sowohl die Bewertung der Handlungssituation als auch in der Folge das Handlungsziel (vgl. BOESCH 1980, S.141ff.). [11]

Wie schon gesagt, ist eine Handlung (und ihre Bedeutung) nicht ohne soziale und damit kulturelle Einbindung denkbar, wobei diese nur zum Teil durch direkte Interaktion zwischen Menschen bestimmt wird. Grundsätzlich ist sie in symbolische Zusammenhänge eingebettet. Dennoch sind soziale Interaktionen (und seien diese auch nur indirekt, also symbolisch vermittelt) gewissermaßen die kleinsten Einheiten, aus denen Kultur entsteht und in denen kulturelle Gemeinsamkeit wie Differenz aufscheint, weshalb sie für die Untersuchung interkultureller Kommunikation von besonderem Interesse sind. Interkulturelle Interaktionen fasse ich dabei als spezifische Form sozialer Interaktionen, und zwar als solche, bei der kulturelle Teilhabe und/oder Differenz entweder von den Interaktionspartner/innen in der Interaktion oder von einem Beobachter bzw. einer Beobachterin hinsichtlich der Interaktion im Hinblick auf bestimmte Interessen relevant gesetzt wird (vgl. D. WEIDEMANN 2004, S.37). Da also konkrete Handlungen und damit auch Interaktionen nie losgelöst von ihrem Kontext existieren, sondern immer in komplexe Handlungszusammenhänge eingebettet sind, die in vielfältiger Weise über die konkrete Situation hinausweisen, ist es für das Verstehen von Handlungen nötig, möglichst viel über eben diese Zusammenhänge zu wissen. [12]

3. Interkulturelle Kommunikation

Eine Interaktions- bzw. Kommunikationssituation soll dann als "interkulturell" qualifiziert werden, wenn Kultur, kulturelle Teilhabe bzw. kulturelle Differenz von a) einem bzw. b) allen Kommunikationspartner/innen oder c) einem Beobachter bzw. einer Beobachterin thematisiert und als für die Interaktionssituation bzw. die kommunikativ referenzierte Situation relevant gesetzt wird. Ob es sich bei einer Kommunikationssituation mithin um interkulturelle Kommunikation handelt, lässt sich somit erst auf Basis alltagsweltlicher Deutungen oder einer wissenschaftlich-interpretativen Analyse bestimmen (vgl. GÜNTHNER 1999; D. WEIDEMANN 2004, 2007a). [13]

Wie Ernst E. BOESCH in seiner "Symbolic Action Theory" eindrücklich aufzeigt, ist jedoch jegliche menschliche Handlung und jeglicher für Menschen in irgendeiner Weise bedeutsame Sachverhalt über den denotativen Gehalt hinaus gleichermaßen durch individuelle wie auch sozial mehr oder weniger geteilte Konnotationen bestimmt (vgl. STRAUB 1999, 2006, 2007a; s.a. BOESCH & STRAUB 2007). Das heißt, dass ein Sachverhalt oder eine Handlung für zwei Menschen nie genau das gleiche bedeutet. Nimmt man den oben skizzierten Kultur- und Handlungsbegriff ernst, ergibt sich hieraus aber, dass durch die Analyse pragma-semantischer Zusammenhänge jede Interaktions- bzw. Kommunikationssituation durch die Forscherin bzw. den Forscher als "interkulturell" bestimmt werden kann4) und dass die pragma-semantische Analyse selbst (wie jegliche qualitative Sozialforschung als an der [Re-] Konstruktion von Bedeutung interessierte Forschung) als interkulturelle Praxis verstanden werden muss (s.u.). [14]

4. Konstantes Vergleichen und Vergleichshorizonte

Methodologischer Kern pragma-semantischer Analysen ist die von Jürgen STRAUB und Shingo SHIMADA vorgestellte "Relationale Hermeneutik" (STRAUB & SHIMADA 1999; STRAUB 2006) und insbesondere die Methode des konstanten Vergleichens, wie sie im Rahmen der Grounded-Theory-Methodologie (GTM; STRAUSS 1998; STRAUSS & CORBIN 1990) zur Anwendung kommt. Insbesondere stütze ich mich dabei auf die von STRAUB (1993a, 1999) unter Rückgriff auf KANTs Unterscheidung von reflektierender und bestimmender Vernunft ausgearbeitete Theorie der Interpretation und sein BOHNSACKs Ansatz (2001a, 2001b, 2003) erweiterndes Modell der Vergleichshorizonte. [15]

STRAUB (1993a, 1999) unterscheidet grundsätzlich folgende Formen der sozialwissenschaftlichen Interpretation: formulierende Interpretation und vergleichende Interpretation, wobei letztere als Interpretation durch Referenz auf Vergleichshorizonte spezifiziert und in die bestimmende Interpretation sowie reflektierende Interpretation untergliedert wird. Diese Interpretationsschritte sind nicht strikt in bestimmter Reihenfolge "abzuarbeiten", sondern kommen im Verlauf der Analyse immer wieder zur Anwendung.

  • Unter formulierender Interpretation ist im Rahmen von Interviewauswertungen der Vorgang einer paraphrasierenden Reformulierung der einzelnen Interviewpassagen, bei Artefakten die Beschreibung zu verstehen, die – obwohl eng am Text bzw. der Objektivation – bereits eine Interpretationsleistung darstellt. (Dies ist bei der Beschreibung eines nicht selbst schon sprachlich verfassten Objekts natürlich in ungleich höherem Maß der Fall als bei der Paraphrase von Texten bzw. verschrifteten Äußerungen.)

  • Bei der vergleichenden Interpretation geht es um eine weitergehende Interpretation der reformulierten Interviewpassagen bzw. beschriebenen Objektivationen und um die intra- wie intertextuelle Konstruktion von Sinnrelationen.

  • Bei der Interpretation durch Referenz auf Vergleichshorizonte werden nun verschiedene Vergleichshorizonte herangezogen, um die durch die in einem ersten Schritt der vergleichenden Interpretation erzeugten Sinnkonstrukte zu verdichten, zu relativieren oder zu erweitern. Hierbei kommen zwei Formen der vergleichenden Interpretation zum Tragen: die bestimmende und die reflektierende Interpretation; diese sind nicht als logisch autonome Operationen zu verstehen, sondern sie lassen sich letztlich erst von ihrem Ergebnis her unterscheiden.

  • Im Rahmen der bestimmenden Interpretation geht es um den Versuch, die untersuchten Phänomene im Kontext bereits vorhandener oder in der aktuellen Forschung ausgearbeiteter Begriffe oder Modelle zu subsumieren.

  • Dem gegenüber stellt die reflektierende Interpretation den Versuch dar, einzelne Phänomene, die sich bereits vorhandenen Begrifflichkeiten entziehen, in ihrer Besonderheit zu verstehen und zu artikulieren. [16]

Als Vergleichshorizonte (VH) unterscheidet STRAUB (ebd.) a) explizit empirisch fundierte VH, b) Alltagswissen des oder der Interpretierenden, c) theoretisch begründete VH und d) imaginative z.B. utopische, gedankenexperimentelle VH. [17]

Für den Zweck pragma-semantischer Analysen sind explizit empirisch fundierte Vergleichshorizonte danach zu unterscheiden, ob es sich – wie bei STRAUB gemeint – um empirische Studien handelt oder um nicht bereits explizit wissenschaftlich abgesicherte Explikationen von Erfahrung. Bei letzteren geht es um Quellen, wie z.B. Zeitungs-, Fernsehberichte, Publikationen von Organisationen, Weblogs etc., aber auch um andere Objektivationen und Objektivierungen von (Alltags-) Erfahrung. In Anlehnung an SCHÜTZ' Unterscheidung (1971) möchte ich diese als "explizit empirisch fundierte Vergleichshorizonte erster Ordnung", die zuerst genannten als "explizit empirisch fundierte Vergleichshorizonte zweiter Ordnung" bezeichnen.5) [18]

Das Verstehen von Handlungen – im Alltagsverstehen genauso wie im wissenschaftlichen Interpretieren – ist nur möglich durch den Vergleich des interessierenden Phänomens mit anderen Phänomenen, wobei festgestellte Ähnlichkeiten mittels bestimmender Vernunft zur Zuordnung des Phänomens zu bereits bekannten Kategorien führen, während Differenzen mittels reflektierender Vernunft auf die Bildung neuer Kategorien zielen. Im Sinne eines nicht-vitiösen hermeneutischen Zirkels erweitert die Methode des konstanten Vergleichens somit das Welt- und Gegenstandsverständnis, da neu gebildete Kategorien im weiteren Vergleichen mittels bestimmender Vernunft "aufgefüllt" werden können und neu aufscheinende Differenzen wiederum zu weiteren Differenzierungen bestehender und zur Bildung neuer Kategorien führen usw. [19]

Während sich Verstehen im Alltag hinsichtlich der Basisoperation des Vergleichens (MATTHES 1992) nicht grundsätzlich vom wissenschaftlichen Interpretieren unterscheidet (vgl. STRAUB 1999), zeichnet sich letzteres durch systematisches Vergleichen gegen verschiedene Vergleichshorizonte und idealiter insbesondere durch die Explikation und Reflexion nicht nur der miteinander verglichenen Phänomene, sondern auch des tertium comparationis und damit des eigenen Standpunktes aus (vgl. NOHL 2007). [20]

5. Die Zielsetzung pragma-semantischer Analysen

Im Unterschied zur Zielsetzung komparativer Analysen im Sinne BOHNSACKs (2001a, 2001b) oder STRAUBs (1999) (zum Überblick siehe z.B. NOHL 2007) und der GTM verfolgt das hier vorgestellte Verfahren nicht (primär) das Ziel, Typologien zu entwickeln oder datenbegründete Theoriebildung zu betreiben. In Anlehnung an die von BOESCH (1977, 2006b; vgl. STRAUB & A. WEIDEMANN 2007) vorgeschlagene Methode der "Konnotationsanalyse" ist das Ziel einer pragma-semantischen Analyse die Bestimmung, Differenzierung und Kontextualisierung des interessierenden Phänomens in seinen Handlungs- und Bedeutungszusammenhängen durch die Analyse vollzogener wie (potenziell) möglicher Handlungen (und Objektivationen) – und damit die Bestimmung des subjektiven wie objektiven Möglichkeitsraumes. Ziel ist ferner, die Pragma-Semantik des fremden wie des eigenen Handelns (einschließlich des Interpretierens/Verstehens) zu erkennen und auszuweisen und pragma-semantische Verknüpfungen zwischen den differenten Positionen zu (re)konstruieren, um so geteilte wie ungeteilte Bedeutungen herauszuarbeiten, also auch zu verstehen, wie Akteure im Feld die Welt und ihre Interaktionspartner/innen verstehen. Inwieweit pragma-semantische Analysen Ergebnisse zu liefern vermögen, die unmittelbar zur Handlungsplanung oder -steuerung taugen, wird noch zu diskutieren sein. [21]

6. Daten und Quellen

Die Forschung zu interkultureller Kommunikation bezieht sich nach wie vor größten Teils auf die Analyse verschrifteter Gesprächs- oder Interviewdaten. Erst in jüngster Zeit werden in diesem Kontext verstärkt auch Bestandteile materieller Kultur als Objektivationen menschlichen Handelns untersucht – im Rahmen etwa der Tourismusforschung z.B. Reiseführer, Tourismusbroschüren, Fernsehdokumentationen, Urlaubsfotos oder Souvenirs 6) – und deren Zusammenhang mit der Wahrnehmung von Fremdheit und Verhaltensweisen im Hinblick auf die besuchten Regionen und deren Bewohner/innen analysiert (z.B. A. WEIDEMANN 2005a). Im Fokus steht dabei zumeist, inwiefern dieses "kulturelle Gepäck" (JACK & PHIPPS 2005, S.77) die Wahrnehmung des Fremden präformiert oder stereotype Wahrnehmungen des Fremden nostrifizierend als exotisch zementiert (s.a. A. WEIDEMANN 2007a). Erstaunlich ist die geringe Beschäftigung mit materieller Kultur im Rahmen der Erforschung interkultureller Kommunikation insofern, als sich gerade in den Objektivationen kulturelle Differenzen und Gemeinsamkeiten symbolisch vermittelt ausdrücken, mit denen man im Alltag allfällig konfrontiert ist – und zwar selbstverständlich gerade auch im Rahmen interkultureller Interaktionen bzw. interkultureller Lernprozesse (im Sinne D. WEIDEMANNs 2007a). [22]

Die Analyse interkultureller Kommunikationssituationen kann also eigentlich nicht umhin, neben Gesprächs- und Beobachtungsdaten auch Aspekte der materiellen Kultur zu untersuchen, da diese ebenfalls Bedeutung symbolisch vermitteln und das unmittelbare wie mittelbare "Bedeutungsreservoir" darstellen, aus dem heraus die Akteure ihr (gegenseitiges) Handeln deuten und verstehen. Zusammengenommen stellen Objektivierungen und Objektivationen mit ihrem polyvalenten Bedeutungsraum das "Handlungsfeld" (BOESCH 1991, S.70), mithin Kultur, dar, welches es zu analysieren gilt. Hierbei sollen die von den jeweiligen Akteuren explizit und implizit vorgenommenen Referenzierungen auf kulturelle Symbolbestände genauso zum Tragen kommen wie die von den Forschenden durch Referenz auf die verschiedenen Vergleichshorizonte herangezogenen kulturellen Symbolbestände (womit auch deutlich wird, dass die bei dieser Art von Analysen getroffenen Aussagen immer als kultur-perspektivisch zu verstehen sind). [23]

Pragma-semantische Analysen erfordern also, dass nicht mit einem (zuvor) festgelegten Datenpool gearbeitet wird, sondern im Sinne der Grounded-Theory-Methodologie mittels "Theoretischem Sampling" (GLASER & STRAUSS 1998, S.53ff.; STRAUSS 1998, S.70ff.) gezielt neue Daten erhoben werden, die entweder bestehende Kategorien weiter sättigen oder aber als Kontrastfälle zur Bildung von Differenzierungen bestehender und zur Bildung neuer Kategorien geeignet sind. Im Lichte des oben Gesagten erfordern sie es also gemäß GLASERs Diktum des "all is data" (GLASER & HOLTON 2004, Par.45), alle Arten von Daten (Text, Bild, Audio) aus unterschiedlichsten Quellen zu erheben und als "Knoten" in die Analyse mit einzubeziehen, sobald die Möglichkeit pragma-semantischer Verknüpfungen aufscheint, die die Knoten als Vektoren sinnhaft miteinander verbinden. [24]

7. Methoden

Forschungsmethoden werden im Rahmen pragma-semantischer Analysen als Verfahren betrachtet, die auf Basis eines je spezifischen Welt- und Wissenschaftsverständnisses je spezifische Fragen stellen und bestimmte Arten von Wissen produzieren. Sie sind also weltanschaulich und kulturell verankert, wozu auch die Einbettung in unterschiedliche Wissenschaftskulturen und -disziplinen gehört. Sie sind dementsprechend voraussetzungsvoll. Die Anwendung bestimmter Methoden produziert folglich nicht einfach nur neues Wissen über die Welt, sondern liefert immer auch eine spezifische Perspektive und spezifische Vergleichshorizonte mit. Dies gilt keineswegs nur für die seit Jahrzehnten diskutierten Unterschiede zwischen nomothetischen und hermeneutischen Ansätzen (z.B. LAMNEK 1995; KROMREY 2005), sondern gleichermaßen für solche zwischen verschiedenen statistischen Verfahren oder zwischen z.B. der Dokumentarischen Methode (BOHNSACK 2001a) und pragma-linguistischen Diskursanalysen (VAN DIJK 1985; TEN THIJE 2001). [25]

Aus dem Ziel pragma-semantischer Analysen ergibt sich zwangsläufig ein Interesse an Methodenpluralität, das über das mittels verschiedener Methoden produzierte Wissen hinausgeht und sich auch auf die mit den Methoden verbundenen Vergleichshorizonte und pragma-semantischen Zusammenhänge erstreckt. [26]

Hieraus folgt, dass sich pragma-semantische Analysen nicht in der Anwendung der Methoden selbst von anderen Ansätzen unterscheiden, sondern im Blick auf die Methoden als Verfahren, die ihre eigenen Vergleichshorizonte mitbringen und somit je Unterschiedliches zum Verständnis des untersuchten Gegenstandsbereiches beitragen. Sie tragen zur Erweiterung des pragma-semantischen Netzes einerseits inhaltlich bei, indem sie je spezifische Knoten und Vektoren auszuweisen in der Lage sind, zum anderen dadurch, dass sie eine bestimmte Perspektive beisteuern – nicht zuletzt durch die mit einer Methode immer auch verknüpfte spezifische Art von Fragestellungen. [27]

8. Knoten, Vektoren, Netz

Das, was ich im Rahmen pragma-semantischer Analysen als "Knoten" und "Vektoren" bezeichne, soll im Folgenden näher bestimmt werden. Der Vorteil dieser etwas sperrigen Begrifflichkeit liegt darin, dass sie es ermöglicht, die Vernetztheit pragma-semantischer Zusammenhänge vorzustellen, was in Form eines linearen Textes naturgemäß schwierig ist. [28]

Jedes Phänomen, sei es eine Handlung, Interaktion oder eine Objektivation kann als "Knoten" bezeichnet und für die Konstruktion des pragma-semantischen Netzes verwendet werden, um zu analysieren, in welchem Handlungs- und Bedeutungszusammenhang es steht. Da Phänomene unterschiedlich komplex sein können, sind auch Knoten unterschiedlich komplex. Ein komplexer Knoten besteht genau genommen aus mehreren Knoten, die in spezifischer Weise miteinander verknüpft sind. Die Komplexität eines Knotens besteht zum einen in der Anzahl an (Teil-) Knoten, zum anderen in der Menge von Verbindungsmöglichkeiten zwischen ihnen wie auch zu anderen, externen Knoten. Ein Apfel ist demnach im pragma-semantischen Netz ein vergleichsweise einfacher Knoten, ein aus mehreren Einzelteilen (Filterpapierbeutel, Heftklammer, Faden, bedrucktes Pappestück, Tee) bestehender Teebeutel ist schon komplexer, und ein – bekanntlich aus sehr vielen verschiedenen Teilen und Materialien zusammengesetztes – Auto ist sehr komplex. Auf Handlungen übertragen wäre das Schließen eines Fensters ein relativ einfacher Knoten, das Schreiben eines Briefes ein komplexerer und das Führen einer Verhandlung über den Brautpreis ein komplexer Vorgang, wobei sich auch ein vermeintlich simpler Vorgang wie das Schließen eines Fensters im Verlauf einer pragma-semantischen Analyse als außerordentlich komplex erweisen kann – etwa wenn er im Rahmen einer Zwangsstörung (gemäß ICD10 F42) oder als Teil einer künstlerischen Performance o.ä. ausgeführt wird. [29]

Als "Vektoren" bezeichne ich die sinnhafte Verknüpfung zweier Knoten aufgrund ihres gemeinsamen Auftretens, eines korrelativen, Wirk- oder Erklärungszusammenhangs. Vektoren können dementsprechend gerichtet oder ungerichtet sein. Vektoren führen zu "größeren" Sinnzusammenhängen, indem sie zwei für sich genommen Bedeutung tragende Phänomene zu einem neuen Phänomen verbinden, wobei es sich hierbei nicht notwendigerweise um ein empirisch ausweisbares Phänomen handeln muss. So verbinden sich die Konnotationen der Nationalflagge mit denen eines Sarges, wenn beide imaginativ zusammengebracht werden. Dasselbe gilt aber auch für die Verknüpfung einer Nationalflagge mit einem Fahrrad. Im ersten Fall haben wir es mit einem weitläufig bekannten Symbol zu tun, im zweiten möglicherweise mit moderner Kunst. In jedem Phänomen verbinden sich denotativer Gehalt, sozial geteilte und individuelle Konnotationen, wie BOESCH (1991, S.83ff.) ebenfalls am Beispiel der Nationalflagge im Hinblick auf Symbole und Rituale ausführt. [30]

In der empirisch ausweisbaren Häufigkeit einzelner Knoten und Vektoren, also der Knotendichte und Vektorstärke, zeigt sich, in welchem Ausmaß es sich bei einem Phänomen um sozial geteilte Wirklichkeit handelt. [31]

Im Hinblick auf Knoten gilt ferner, dass sie umso dichter sind, je vielfältiger ihr konnotativer Gehalt ist und je mehr Verknüpfungen zu anderen Knoten empirisch ausweisbar oder möglich, in welchem Ausmaß sie also polyvalent und überdeterminiert sind. Die analytische Verknüpfung von Knoten führt zur Konstruktion eines pragma-semantischen Netzes, in dem einzelne Knoten stärker und dichter verknüpft sind als andere. Hierbei bilden Vektoren zwischen Knoten, die mit einem anderen Knoten nicht direkt verknüpft sind, für letzteren den hermeneutischen Möglichkeitsraum, insofern als sie indirekte Verknüpfungsmöglichkeiten und damit ungeläufige Bedeutungen aufzeigen. [32]

Fokussiert man in der pragma-semantischen Analyse nicht einen Knoten, sondern mehrere mit dem Ziel, verschiedene Artefakte, Praktiken etc. hinsichtlich ihrer jeweiligen pragma-semantischen Zusammenhänge miteinander zu vergleichen, so wird auch hierbei letztlich ein pragma-semantisches Netz konstruiert, in dem Unterschiede wie Gemeinsamkeiten sichtbar werden. Wenn es sich um Knoten (z.B. Messer/Gabel – Stäbchen) handelt, die zwar für sich dicht vernetzt und stark sind, untereinander aber keine oder nur schwache Vektoren aufweisen (im Beispiel starke indirekte Verknüpfung über den Zweck: Nahrung teilen und zum Mund führen), dann hat man es mit kulturellen Unterschieden zu tun. Indirekte Verknüpfungen mit einem oder sehr wenigen Zwischenknoten verweisen dabei auf geteilte Bedeutung. [33]

9. Vorgehensweise

Wie also könnte bei einer pragma-semantischen Analyse idealtypisch vorgegangen werden?

  • Im Forschungsalltag wird man in der Regel von einem offeneren thematischen Interesse ausgehend zuerst überlegen, welche Art von Daten erhoben werden sollen und diese dann mittels geeigneter Methoden konstituieren.

  • Es folgt die Identifizierung einer "dichten Stelle" als Ausgangspunkt für die weitere Analyse, wobei das eigene Interesse, die eigene Verwunderung oder theoretische Überlegungen leitend sein können. Ein Artefakt, Foto oder eine Textstelle, eignet sich als Ausgangspunkt (Initialknoten) für die Analyse dann besonders gut, wenn diese Objektivation komplex (oder widersprüchlich) erscheint, also bereits "auf den ersten Blick" vielfältige Vergleichsmöglichkeiten sichtbar werden. Gemäß den obigen Ausführungen zu Knoten und Vektoren im pragma-semantischen Netz zeichnen sich "dichte Stellen" durch hohe Valenz und Verknüpfbarkeit aus und erleichtern so den Einstieg in die Analyse. Ob es sich letztlich um eine "wichtige" Stelle handelt, kann jedoch erst die Analyse ausweisen.

  • Im nächsten Schritt empfiehlt es sich, die "dichte Stelle" zu paraphrasieren, also einer reformulierenden Interpretation zu unterziehen, um ihre denotativen Gehalte und manifesten Sinnstrukturen aufzudecken.

  • Anschließend wird der komplexe Initialknoten zunächst in die einzelnen Propositionen zerlegt, aus denen er besteht, also in (Teil-) Knoten aufgelöst.

  • Die einzelnen Propositionen werden durch Vergleich mit ähnlichen/differenten Phänomenen gegen verschiedene Vergleichshorizonte "geprüft", wobei Ähnlichkeit zur "Verdichtung" des Knotens, Differenz zur Aufnahme weiterer Knoten führt.

  • Im Folgenden werden Knoten aufgrund ihres gemeinsamen Auftretens, einer Korrelation, eines Wirk- und Erklärungszusammenhangs etc. miteinander verknüpft.

  • Diese Vektoren werden anschließend gegen verschiedene Vergleichshorizonte mit ähnlichen/differenten Zusammenhängen verglichen, wobei – äquivalent zu Schritt 5 hinsichtlich der Knoten – Ähnlichkeit zur "Verstärkung" des Vektors, Differenz zur Bildung weiterer Vektoren führt. Darüber hinaus werden u.U. weitere Knoten als für die Analyse interessant in das entstehende Netz aufgenommen.

  • Die Fokussierung und "Überprüfung" dieser – textferneren – Knoten und Vektoren durch die Wiederholung der Schritte 5, 6 und 7 führt zur sukzessiven (Re-) Konstruktion immer weiterer pragma-semantischer Zusammenhänge und damit zur Ausweitung des pragma-semantischen Netzes, wobei stets auch die mögliche Handlungsrelevanz mitzuprüfen ist.

  • Sobald das pragma-semantische Netz so weit und so dicht geworden ist, dass es über die augenfälligen hinaus auch gegenläufige, widersprüchliche oder schlicht unerwartete Sinnrelationen umfasst, können auf Basis der Knotendichte und Vektorstärke thematisch interessante "starke" pragma-semantische Zusammenhänge identifiziert werden.

  • Diese versucht man anschließend – insbesondere durch Referenz auf theoretisch begründete Vergleichshorizonte – zu erklären, wobei es auch zur Bildung neuer Erklärungsansätze kommen kann.

  • Schlussendlich kann der pragma-semantische Überschuss (Möglichkeitsraum) ausgewiesen werden, wobei unter Rekurs auf die Erklärung aus Schritt 10 zu erklären ist, warum es sich um Möglichkeiten handelt, die – im Zusammenhang mit dem konkret untersuchten Fall – nicht Wirklichkeit geworden sind. [34]

Die Oszillation zwischen Textnähe und Textferne durch beständiges Vergleichen unter Referenz auf die unterschiedlichen Arten von Vergleichshorizonten produziert den weiteren Kontext, in dem eine Handlung oder ein Handlungsergebnis steht, ohne dabei die Datenbegründetheit zu verlieren. Die Vorgehensweise bei pragma-semantischen Analysen gleicht somit Vorgehensvorschlägen im Rahmen der Grounded-Theory-Methodologie. Ähnlichkeit besteht insbesondere hinsichtlich theoretischem Sampling und der Kodiervorgänge (offenes, axiales, selektives Kodieren im Falle von STRAUSS bzw. STRAUSS & CORBIN). Wie oben ausgeführt, ist das Ziel pragma-semantischer Analysen jedoch anders als bei der GTM, weswegen das Prinzip der "Sättigung" als Kriterium für den Abbruch der Datenerhebung und Analyse problematisch erscheint. Da, wo es weniger um die Analyse des Handlungsfeldes geht, wird man aber ähnlich verfahren. [35]

10. Ein Beispiel

10.1 Thema

In einem seit dem Sommersemester 2008 laufenden Lehrforschungsprojekt im Rahmen des Masterstudiengangs "Interkulturelle Kommunikation – Interkulturelle Kompetenz" an der TU Chemnitz wurden Personen, die als Tourist/innen Indien bereist haben, mithilfe eines narrativ-biografischen Interviews zu ihrer "Indiengeschichte" befragt. Hierbei sollte zusätzlich das Augenmerk auf von den Indienreisenden erwähnte Medien (Reiseführer, Bücher, Fotoausstellungen, Spiel- und Dokumentarfilme, Diashows etc.) gelegt werden, die diese mit der Reise nach Indien in Verbindung bringen bzw. die sie für die und auf der Reise genutzt haben. Diese Medien sollen im Rahmen der Auswertung zur Analyse pragma-semantischer Zusammenhänge mit herangezogen werden, ergänzt durch die Analyse seitens der Interviewpartner/innen erstellter Objektivationen (Fotos, Weblogs etc.). Auf diese Weise soll neben der Analyse des jeweiligen Indienbildes und seiner Veränderung das pragma-semantische Netz (re-) konstruiert werden, in dem die jeweilige(n) Reise(n) als sinnhafte Erlebnisse bedeutungsstrukturiert und Bedeutung strukturierend "aufgespannt" sind. Die vor diesem Hintergrund geführten Interviews wurden elektronisch aufgezeichnet und anschließend nach einem einheitlichen Transkriptionssystem verschriftlicht. [36]

10.2 Dichte Stelle als Ausgangspunkt für die Analyse

Die nachfolgend präsentierte Gesprächssequenz ist ein Ausschnitt aus einem dieser reisebiografischen Interviews7). Der Sequenz geht die Frage voraus, was Indien für die Interviewpartnerin sei, was diese damit beantwortet, es sei ihr "erster großer Urlaub seit sehr vielen Jahren wieder und ne positive Erfahrung, ne schöne Erfahrung auch" gewesen [Z. 1236-1244]. Bei der Sequenz selbst handelt es sich um die Antwort auf die in der Nachfragephase des Interviews gestellte Detaillierungsaufforderung hinsichtlich der in der Haupterzählung mehrfach erwähnten "Veränderungen" durch die Reise nach Indien. Das Interview endet kurz nach dieser Sequenz mit der Antwort auf eine weitere, diesmal exmanente Frage8), nämlich was die Interviewpartnerin einem potenziellen Indientouristen zur Vorbereitung empfehlen würde. In der Antwort, mit der die Interviewpartnerin gleichzeitig das Fazit für die Reise – und das reisebiografische Interview – zieht, empfiehlt sie Indientourist/innen, einen guten Reiseführer zu kaufen, diesen gut zu studieren und das zu tun, was darin steht.

1246.

A: Und du hast erwähnt, Veränderung im Denken.

1247.

 

1248.

S: Ja, im / im Denken. Na, ganz einfach (2s) m: (3s) dass dIE Probleme ham, die

1249.

wIr nich haben (..) hier. Wir müssen uns nich (..) überlegen: "Wo krieg ich was zu

1250.

Essen her". (2s) Die leben ja wirklich von (..) nIchts teilweise. Also, da fragst du

1251.

dich, wie schaffen die's zu überleben? (..) So, oder KrAnkheiten, (..) wo du hier

1252.

sachst / fAst jEder is hier krankenversichert. (..) Wer / wer in Deutschland nich

1253.

krankenversichert ist, der is durch ne LÜcke gerutscht und (..) das sin Null

1254.

Komma fünf Prozent bei uns, oder so. (..) Und wo ich einfach sach, ich hab dort

1255.

ne VerstÜmmelung gesehen, (..) schief zusammengewachsene KnOchen, (..) da

1256.

fehlt mal ne halbe HAnd, weeßte, (..) da:, keene Ahnung, (..) komplett

1257.

entzündeter FUß und so was, wo du sachst: "Wow, (..) Phuh", (..) das sIEhst du

1258.

bei uns nich, außer du arbeitest im KrAnkenhaus (.), weißt du, wie ich meein, und

1259.

die lofen da so auf der Straße rum und (..) ja, Veränderung im Denken. (2s) Na,

1260.

och, dass ich das / ich fühl mich jetzt nich schlecht, weil ich nich jedem Bettler

1261.

was gegeben hab, (2s) weil, musste sehen, das is bei denen (..) [schlägt mit der

1262.

Hand auf den Tisch] / (..) das is n Beruf bei denen. Und andererseits, gibts ja

1263.

auch die Schauermärchen, die verschandeln oder verstÜmmeln ihre KInner,

1264.

damit sie besser betteln können. (..) Ganz einfach. (.) Da wird dem Kind halt mal

1265.

die Zunge abgeschnitten. Da bringts mehr GEld. (..) So. (..) Wo ich mir sach:

1266.

"Hm", (2s) gibts dem / gibst dem Kind dann dOch lieber n Brötchen als GEld (..)

1267.

oder irgendwas.(..) Also, das sin halt (..) ne Veränderung im Denken, dass mor

1268.

(..) über Sachen nAchdenkt, über die mor sonst nich nachgedacht hätte, wär man

1269.

nicht dOrt gewesen, sach ich ma. (..) Aber (..), das sin ja jetzt nicht alles

1270.

Unmenschen, nur weil sie ihre (.) Kinder verstümmeln (.). Das is einfach, weil's

1271.

dort gang und gäbe is. Weil's (..) / weil es für die legitIm is, (..) das is n Teil der

1272.

Kultur quasi, je / so grausam, wie es auch sein mag. (..) So absurd des für uns is,

1273.

aber es (..) / gehört bei denen dazu, leider. (..) Es ist da nichts (3s) total

1274.

Unnormales (4s). [37]

Die Identifizierung gerade dieser Passage als "dichte Stelle" und Ausgangspunkt für eine pragma-semantische Analyse erfolgte zuerst unter Referenz auf meine Alltagserfahrung mit Bettler/innen und speziell mit Bettler/innen in Indien. Vor diesem Vergleichshorizont erschienen mir drei Aspekte in der Aussage der Interviewpartnerin unmittelbar frag- bzw. merkwürdig: (1) Trotz mehrerer Jahre Reise- und Feldforschungserfahrung auf dem Subkontinent ist mir nie ein Bettler/eine Bettlerin mit fehlender bzw. herausgeschnittener Zunge begegnet, auch habe ich nie von solcherart verstümmelten Bettler/innen gehört oder gelesen; (2) einem Bettler/einer Bettlerin ohne Zunge ausgerechnet ein Brötchen zu geben, erschien mir höchst seltsam, zudem gehören Brötchen meiner Erfahrung nach nicht zu den indischen Grundnahrungsmitteln und sind allenfalls in Form abgepackter Milchbrötchen an manchen Kiosken erhältlich; (3) zudem widerspricht es meiner Alltagserfahrung in Indien (und anderswo), dass Verstümmelungen insbesondere auch von Kindern zum Zwecke erfolgreicheren Bettelns "gang und gäbe" seien, gesellschaftlich akzeptiert würden und "Teil der Kultur" seien. [38]

Ebenfalls vor dem Vergleichshorizont eigener Alltagserfahrung, aber auch explizit empirisch fundierter Vergleichshorizonte erster und zweiter Ordnung konnte ich mit den Aussagen zur "Konfrontation mit Armut", "Konfrontation mit körperlicher Versehrtheit" und "Konfrontation und Umgang mit Bettlern" (z.B. HOTTOLA 1999) in der Passage gleichzeitig Phänomene und Themen identifizieren, die für viele, wenn nicht alle Indienreisenden von Bedeutung sind, deren Selbst- und Weltverhältnis sie in ähnlicher Weise verändern oder gar erschüttern, wie es die Interviewpartnerin in der Sequenz zum Ausdruck bringt (z.B. ebd.; SINGH, BINDLOSS & BAINBRIDGE 2007, S.23; ABRAM, SEN, EDWARDS, FORD & WOOLDRIDGE 2002, S.11)9). [39]

10.3 Reformulierende Interpretation (Paraphrase)

Auf die Nachfrage führt die Erzählerin am Schluss des narrativ-reisebiografischen Interviews die Veränderung im Denken aus, die durch die Indienreise zustande gekommen sei. [40]

Sie sei damit konfrontiert gewesen, dass Menschen in Indien Probleme hätten, die es "bei uns" nicht gebe wie z.B. die Überlegung, ob man etwas zu essen bekomme. Auch sei man in Indien damit konfrontiert, dass Menschen auf der Straße mit Verstümmelungen und Verletzungen herumliefen, die man "bei uns" allenfalls zu Gesicht bekomme, wenn man im Krankenhaus arbeite. Sie fühle sich jedoch nicht schlecht damit, dass sie "nich jedem Bettler was gegeben" habe, da das "bei denen" ein "Beruf" sei. Andererseits gebe es "Schauermärchen" von Menschen in Indien, die ihre Kinder verstümmeln, z.B. indem ihnen "ganz einfach" "mal die Zunge abgeschnitten" werde, damit diese beim Betteln mehr Geld bringen. Statt Geld gebe sie dann lieber ein "Brötchen" zu essen. Obwohl es "für uns absurd" sei, seien das nicht alles "Unmenschen", die ihre Kinder verstümmeln, da es "dort gang und gäbe" und – "so grausam wie es auch sein mag" – "Teil der Kultur quasi" sei und damit "nichts total Unnormales", was sie bedauert. Wenn man diese Erfahrungen vor Ort gemacht habe, verändere sich das Denken, da man über Sachen nachdenke, über die man sonst nicht nachgedacht hätte. [41]

Nachdem schon die Auswahl der Sequenz aufgrund von Vergleichsoperationen zustande kam und somit eine erste Interpretationsleistung darstellt, handelt es sich – wie gut zu sehen ist – bei der Paraphrase um eine reformulierende Interpretation. Diese besteht zum einen in der Übersetzung der natürlichen Redeweise in einen linearen, an literarischen Konventionen orientierten Text (Reformulierung und Restrukturierung); zum anderen habe ich einzelne Wörter und Phrasen gerade nicht übersetzt. Es handelt sich dabei um jene Phrasen, die maßgeblich zur Auswahl der Sequenz geführt haben und die als Interpretationsanker, d.h. Ausgangsknoten für die weitere Analyse dienen. [42]

10.4 Zerlegung des Initialknotens

Die Zerlegung des Interviewausschnitts in kleinere Sinneinheiten liefert eine ganze Reihe von Propositionen, wobei die Liste nicht erschöpfend ist und sich notwendigerweise an meinem Vorverständnis und den mir zu diesem Zeitpunkt verfügbaren Vergleichshorizonten orientiert. Darüber hinaus lassen sich einzelne dieser Propositionen zum einen weiter zerlegen, zum anderen wird ersichtlich, dass bei manchen Propositionen der konkrete Bezug unklar bleibt. Drittens lösen sich durch dieses Vorgehen zunächst einmal die von der Sprecherin als unmittelbar verständlich vorausgesetzten und beim Hören oder Lesen unreflektiert "verstandenen" impliziten Zusammenhänge zwischen den Propositionen auf. Die Zerlegung in Propositionen verdeutlicht somit, an welchen Stellen neben den manifesten Sinngehalten die latenten Sinngehalte und Bedeutungsstrukturen durch Vergleichsoperationen aufzuklären sind.

  • "die" haben Probleme, die "wir" nicht haben

    • Armut

    • "die" wissen nicht, woher sie etwas zu essen bekommen

    • "die" leben teilweise von nichts

    •  das ist wirklich so

  • "da" sieht man Dinge, die bei "uns" nur im Krankenhaus zu sehen sind

    • körperliche Versehrtheit

    • unbehandelte Verletzungen/Krankheiten

  • sie fühlt sich nicht jedes Mal schlecht

  • sie hat nicht jedem Bettler etwas gegeben

  • Betteln ist ein Beruf bei "denen"

  • es gibt "Schauermärchen"

    • es gibt "da" Menschen, die ihre Kinder verstümmeln

    • verstümmelte Kinder bringen beim Betteln mehr Geld

    • Verstümmeln wird ganz einfach gemacht

    • "wir" finden das grausam

    • das sind nicht alles Unmenschen, die ihre Kinder verstümmeln

    • das ist nichts Unnormales

    • das ist Teil der Kultur

  • sie überlegt

    • "dann" lieber Brötchen zu geben

    • statt Geld

  • ihr Denken hat sich verändert

    • man denkt über Sachen nach

    • über die man sonst nicht nachgedacht hätte

    • wenn man nicht dort gewesen wäre. [43]

10.5 Prüfung der Propositionen

Die einzelnen Propositionen werden im Folgenden durch Vergleich mit ähnlichen/differenten Phänomenen gegen verschiedene Vergleichshorizonte geprüft. Hierbei gibt es grundsätzlich zwei Strategien, die jedoch auch gemischt werden können: Erstens können nacheinander die einzelnen Propositionen gegen alle Arten von Vergleichshorizonten geprüft werden; zweitens können alle Propositionen nacheinander gegen die einzelnen Arten von Vergleichshorizonten untersucht werden. Beide Vorgehensweisen haben Vor- und Nachteile. Im ersten Fall eröffnen Ähnlichkeits- und Differenzrelationen auf der einen Seite schnell einen Eindruck von der Knotendichte und vergrößern durch die Produktion einer Menge externer Knoten das pragma-semantische Netz, auf der anderen Seite werden aber auch die Binnenstruktur und -logik des Initialknotens aus den Augen verloren. Im zweiten Fall bleibt man näher am Initialknoten und erhält schneller einen Überblick über das (nicht) gemeinsame Auftreten einzelner Propositionen und damit mögliche Vektoren und Vektorstärken. [44]

Es geht hier also zunächst einmal darum, die einzelnen Propositionen daraufhin zu prüfen, inwiefern sie "wahr" oder "falsch" sind, d.h. verfügbaren Kategorien verfügbarer Symbolbestände in vergleichender Interpretation sinnvoll subsumiert werden können oder nicht, ohne dabei die der Interviewpartnerin im Hinblick auf die von ihr in einem bestimmten Kontext (Interview) gemachten Aussagen unterstellte Wahrhaftigkeit in Zweifel zu ziehen. Hierbei kann sich herausstellen, dass einzelne Propositionen hinsichtlich bestimmter Vergleichshorizonte und v.a. in Kombination mit anderen Propositionen zwar "falsch" sind, bezogen auf andere Vergleichshorizonte für sich genommen aber durchaus "wahr" sein können. [45]

Eine "technische" Schwierigkeit besteht bei diesem Schritt darin, dass man bei der Prüfung der Propositionen nicht nur auf ähnliche und differente Propositionen stößt, sondern gleichzeitig auch auf ähnliche und differente Verweisungs-, Erklärungs- und Begründungszusammenhänge. Denn in der Wirklichkeit stehen Propositionen natürlich nie allein und für sich selbst. [46]

Da dieses Vorhaben sehr schnell sehr komplex und umfangreich wird, beschränke ich mich in diesem Abschnitt nur auf wenige Knoten, um zum einen die Arbeitsweise zu zeigen und zum anderen die schnelle Komplexitätszunahme deutlich zu machen. [47]

Ausgehend von den Auswahlkriterien für diese Beispielsequenz, die alle drei mit dem Thema "Betteln" verbunden sind (s.o.), bezieht sich ein erster Vergleich auf andere Stellen im Interview, in denen die Erzählerin über Bettler/innen und Begegnungen mit Bettler/innen spricht. Dies geschieht an insgesamt vier Stellen im Interview (Z. 226-233; 278-281; 358-363; 630-637), wobei v.a. die Anzahl an Bettler/innen und deren "dreistes" Auftreten (Z. 233) als anstrengend beschrieben werden, da es – außer an Touristenstränden, die auch als sauberer bezeichnet werden als andere Gegenden – schwierig sei, sich von den Strapazen Indiens auszuruhen. Hinweise gibt es in diesen bzw. angrenzenden Passagen auch zu den Umgangsstrategien mit den Bettler/innen und zum Abgleich eigener Erfahrungen mit den entsprechenden Informationen im Reiseführer, was als Verarbeitungs- oder Bewältigungsstrategie bezeichnet werden könnte. [48]

Anders als in Textanalysen, die die Bildung einer Typologie zum Ziel haben (z.B. STRAUB 1993a; BOHNSACK 2001b), ziehe ich im nächsten Analyseschritt nicht andere Interviews aus demselben Korpus oder andere ähnliche empirische Studien zum Vergleich heran, sondern zunächst Wissensbestände, die die Interviewpartnerin selbst mehr oder weniger explizit anspricht. Dies sind zum einen Reiseführer, zum anderen Erzählungen bzw. Erfahrungsberichte anderer Tourist/innen sowie andere Hörensagen-Quellen. [49]

Nicht nur in der Koda, sondern an verschiedenen anderen Stellen im Interview erwähnt die Interviewpartnerin, wie wichtig der schon zur Vorbereitung genutzte Reiseführer "Lonely Planet India" zur Bewältigung der Reise gewesen sei (Z. 71-83), einerseits im Hinblick auf reisepraktische Vorgänge (was man ansehen sollte, wo man übernachten und essen kann), andererseits aber immer wieder auch hinsichtlich der Beschreibung (und Erklärung) von "Land und Leuten", insbesondere auch von deren Mentalität und damit kultureller Unterschiede. Der Reiseführer, dessen die Reise vorbereitende Lektüre ihre Erwartungen an das besuchte Land und die Reise maßgeblich geprägt habe ("Lonely Planet India"), dient ihr als Vergleichshorizont für die eigenen Erfahrungen vor Ort, und immer wieder stellt sie fest, dass die durch den Reiseführer aufgebauten Erwartungen alle erfüllt wurden (Z. 631-633). Da sie sich mehrfach bei der Erwähnung des Reiseführers gleichzeitig auf das Erleben von Armut und Bettelei und den Umgang mit Bettler/innen bezieht (z.B. Z. 630-637), liegt es nahe, den verwendeten Reiseführer im Hinblick auf den Umgang mit Bettler/innen zu untersuchen. [50]

"Lonely Planet India" (SINGH et al. 2007) erwähnt Bettelei und Bettler/innen an einigen Stellen (S.99, 343, 1056, 1142). Im Kapitel "Outdoor Activities – Adventure Activities" gibt es z.B. einen Abschnitt unter der Überschrift "Cultural Sensitivity":

  • "Respect local cultural practices when interacting with communities, including attitudes to modesty.

  • Observe official regulations in areas you visit. Many rules are there to protect the local way of life.

  • Do not hand out pens, sweets or money to children; this promotes begging. If you want to give, donate to local schools and community centres.

  • Always seek permission from landowners if you intend to enter private property.

  • Where possible, trek with a local guide. This way, money from tourism will directly benefit the people it affects" (ebd., S.99). [51]

In der Rubrik "Tipping, Baksheesh & Bargaining" im "Directory" am Ende des Reiseführers gibt es ebenfalls Hinweise auf Bettler/innen und den Umgang mit ihnen:

"[...] Beggars attach themselves to new arrivals in many Indian cities – whether you give or not is up to you, but try to treat people compassionately and consider what you might do if the positions were reversed.

Many Indians implore tourists not to hand out sweets, pens or money to children, as it encourages them to beg. This is often selfish giving – designed to make the traveller feel good rather than producing any positive benefit for the child. To make a lasting difference, donate to a school or a charitable organization" (ebd., S.1142). [52]

Ich verwende die genannten Reiseführerausschnitte hier als explizit empirisch fundierte Vergleichshorizonte erster Ordnung, wobei ein Vergleich der auf Armut und Bettelei bezogenen Propositionen im Interviewausschnitt mit denen in den Reiseführerpassagen sowohl Ähnlichkeiten als auch Differenzen zutage fördert. Erstere bestehen – wie die Interviewpartnerin selbst sagt – darin, dass die Kinder betteln, nach Geld, Bonbons, Kulis und Stiften fragen (Z. 333-337), aber auch darin, als Tourist/in in Indien unweigerlich mit Armut konfrontiert zu werden, mit Gedränge und erschütternden Erlebnissen, die "selbst den hartgesottensten Globetrotter an seinem Verstand zweifeln lassen" (ebd., S.23), also durchaus zu "Veränderung im Denken" (Z. 1260) führen mögen. [53]

Es gibt jedoch auch bedeutsame Differenzen, die sich v.a. auf Handlungsstrategien bzw. Umgangsweisen beziehen. Hier widersprechen die Aussagen der Interviewpartnerin teilweise den expliziten Handlungsanweisungen des Reiseführers, wenn sie erzählt, manchmal Stifte für die Kinder gekauft zu haben (Z. 638-639) oder kundtut, bei der nächsten Reise unbedingt "eine große Tüte Bonbons" mitzunehmen (Z. 640-641). Dieser Widerspruch ist aus zwei Gründen interessant: Zum einen befindet sie sich hier im Widerspruch zu ihren im Hinblick auf die Nutzung des Reiseführers gemachten Aussagen, sich nämlich an den dortigen Ausführungen orientiert zu haben (Z. 71-83) einerseits und ihrer Empfehlung an andere potenzielle Indientourist/innen am Ende des Interviews andererseits, sich einen guten Reiseführer zu kaufen, diesen gut zu studieren, das zu tun, was darin steht (1282-1289) und eine Tüte Bonbons für die Kinder mitzunehmen (Z. 1289-1290). Zum anderen haben Reiseführer als touristisches Medium eine explizit handlungsleitende Funktion, die sich – wie aus den zitierten Reiseführerausschnitten unschwer hervorgeht – nicht allein auf Hinweise zu Sehenswürdigkeiten, Unterkünften und Nahrungsmitteln beschränken, sondern auch Anleitungen geben, wie "Land und Leute" zu sehen und zu verstehen sind und wie sich Tourist/innen vor Ort verhalten sollten. Unter Referenz auf theoretisch fundierte Vergleichshorizonte sei in diesem Zusammenhang auf die Literatur zu Reiseführern (z.B. BHATTACHARYYA 1997; GORSEMANN 1995; SCHERLE 2001) sowie auf tourismustheoretische Ausführungen (z.B. OPASCHOWSKI 2002) hingewiesen. [54]

Werden die Reiseführerausschnitte zum Betteln als (neuer) Ausgangspunkt (Knoten) für die Analyse genommen und wird der Stellenwert, den dieses Phänomen im zitierten "Lonely Planet India" hat, mit dem in anderen Reiseführern zu Indien verglichen, dann fällt auf, dass das Thema Betteln im "Lonely Planet India" eher beiläufig und knapp Erwähnung findet, während es z.B. im "India Handbook 1998" (BRADNOCK & BRADNOCK 1997) erheblich prominenter platziert ist. Erklärt werden kann dies etwa unter Verweis auf die Ergebnisse der Studie von Sabine GORSEMANN (1995) als explizit empirisch fundiertem Vergleichshorizont zweiter Ordnung und den dort vorgebrachten typologischen und theoretischen Erwägungen als theoretisch fundiertem Vergleichshorizont. So verweist sie etwa darauf, dass Reiseführer zum einen zielgruppenspezifisch geschrieben sind und zum anderen neben der reisepraktischen Funktion v.a. auch zum Ziel haben, die Region als bereisenswert darzustellen. Insbesondere aus letzterem ergibt sich der Daseinszweck eines Reiseführers überhaupt erst und macht seinen kommerziellen Erfolg möglich. Wie sich aus Inhalt, Aufbau und Stil ergibt, besteht die Zielgruppe des "Lonely Planet India" primär aus abenteuerlustigen Individualreisenden mit Rucksack (vgl. BHATTACHARYYA 1997), die im Reiseführer als "Traveller" – nicht als Tourist/innen – bezeichnet werden. Diese Unterscheidung wird auch von Indientourist/innen selbst ausgiebig genutzt (Alltagserfahrung als VH; empirisch fundierter VH erster [z.B. BRADT 1995] und zweiter Ordnung [z.B. COHEN 2003]; theoretisch fundierter VH, z.B. COHEN 1972, 1979; URIELY, YONAI & SIMCHAI 2002). Dieser Knoten soll hier jedoch nicht weiterverfolgt werden. Wichtiger ist, dass aus dem Selbstverständnis der Autoren wie des Verlags eine ganz spezifische Form des (Indien-) Tourismus propagiert wird, die sich neuerdings verstärkt an Kriterien des "sanften Tourismus" und an Nachhaltigkeit orientiert. Die schon in den ersten Ausgaben enthaltene Tourismuskritik, die sich vorwiegend auf die Kritik am Massentourismus beschränkte, enthält nun Elemente der Selbstkritik der "Traveller", die, wenn diese die Argumentation übernehmen, zu "Posttouristen" werden (theoretischer VH: FEIFER 1985). Der Rückbezug dieser Argumentation auf das Interview macht es möglich, empirisch begründet danach zu fragen, welchem Tourismustyp (zu Typologien siehe etwa COHEN 1972; OPASCHOWSKI 2002; MUNDT 2001) die Interviewpartnerin auf Basis des Interviews zugeordnet werden könnte und welche Implikationen dies für die Erklärung des Interviewausschnitts hat. Hierzu würde das Interview zum einen auf tourismuskritische Aussagen hin untersucht und zum anderen überprüft werden, ob die Aussagen der Interviewpartnerin im Widerspruch zu den im Reiseführer explizierten Verhaltensnormen stehen. Wie oben schon angeführt, besteht z.B. im Hinblick auf das Verteilen von Stiften und Bonbons eine entsprechende Diskrepanz insofern, als die Interviewpartnerin sich ausschließlich auf den repräsentativen Gehalt im Reiseführer bezieht (Kinder betteln nach Stiften und Bonbons), nicht aber (bzw. nur teilweise) auf den (noch dazu unter Verweis auf die inhaltsidentische Ansicht vieler Einheimischer abgesicherten) appellativ-direktiven Gehalt, Kindern nichts zu geben, da dies das Problem des Bettelns vergrößere. [55]

Der Vergleich gegen empirisch fundierte Vergleichshorizonte zweiter Ordnung, die sich mit Straßenkindern und Bettelei befassen (z.B. GÖSSLING, SCHUMACHER, MORELLE, BERGERZ & HECK 2004; KOMBARAKARAN 2004), offenbart dann bereits erheblich komplexere Zusammenhänge etwa hinsichtlich der Motivation der Kinder zu betteln und in Bezug auf Bettelstrategien, gibt aber auch Aufschluss über die Problematik der "Problemlösung" seitens verschiedener Akteure (Politik, Hilfsorganisationen, Tourist/innen) mit ihren je unterschiedlichen Zielen. [56]

Im Folgenden befasse ich mich mit der Aussage der Interviewpartnerin, dass sie sich nicht schlecht fühle, weil sie nicht allen Bettler/innen etwas gegeben habe, da dies "bei denen" ein Beruf sei, sowie dem Hinweis auf Geschichten, denen zufolge Kinder verstümmelt würden, damit sie beim Betteln "mehr Geld bringen" (s.o. Z. 1261-1267). Ich werde dabei zunächst nur die Proposition "Verstümmelung von Kindern zum Zwecke des Bettelns" gegen verschiedene Vergleichshorizonte prüfen, bevor ich mich dann unter Referenz auf verschiedene v.a. theoretische Vergleichshorizonte an den Versuch wage, die Psychologik der gesamten Passage aufzuklären. [57]

Das Interview selbst gibt keinen Aufschluss darüber, woher die Interviewpartnerin "weiß", dass in Indien Kinder zum Zwecke des Bettelns verstümmelt werden, geschweige denn, dass dies "gang und gäbe", "normal" ist. Der Ausdruck "Schauermärchen" drückt immerhin aus, dass sich ihr Wissen nicht auf eigene Erfahrung gründet, sondern auf Hörensagen beruht. Aber wo hat sie die "Schauermärchen" gehört oder gelesen? Eine Möglichkeit, dies herauszufinden, wäre natürlich, die Interviewpartnerin danach zu fragen. Zusätzlich, oder wenn dies nicht möglich ist, können die Symbolbestände recherchiert werden, aus denen sie ihr "Wissen" bezogen haben könnte. [58]

In erster Linie relevante Vergleichshorizonte sind Erzählungen anderer Reisender sowie touristische Medien wie Reiseführer, Reise-Weblogs, aber auch Reiseberichte in Zeitschriften und Büchern sowie literarische Texte u.a. indischer Autorinnen und Autoren, die vor, während oder nach einer Indienreise von Indieninteressierten gelesen werden bzw. gelesen werden könnten. [59]

In der Tat finden sich entsprechende Äußerungen – um nur eine kleine Auswahl zu nennen – in zwei weiteren Interviews aus dem Lehrforschungsprojekt, auf verschiedenen Reise-Webseiten wie der von Dean OMAN (2008) unter der Überschrift "Cultural practices that troubled me most during my travels", in einem Beitrag von Peter ENGELHARDT (2008/1979) auf GEO-Reisecommunity.de, in dem Bericht der Abiturientin Mira BIERBAUM über ihren viermonatigen Aufenthalt in Südindien in der "Bayerischen Zeitschrift für Politik und Geschichte" (01/2008), im 2006 auf Deutsch erschienenen Roman "Rupien, Rupien" des jungen indischen Autors Vikas SWARUP, der in der englischen Fassung überall in Indien erhältlich ist usw. [60]

Auffällig häufig findet sich diese Aussage auch in den Informationen von – insbesondere christlichen – Hilfsorganisationen (z.B. Misereor, KLEFFNER & SAHR 2005, S.6f.; KAIROS Indien10); Freundeskreis des indischen Kinderdorfes St. Boniface Anbaham e.V.11) etc.) über Kinderhilfsprojekte in Indien. Ebenfalls auffällig ist, dass sich nahezu alle Reisenden – wie auch unsere Interviewpartner/innen – bei dieser Aussage auf Gelesenes oder Gehörtes berufen und sich unsicher sind, wie viel Wahrheit in solchen Geschichten steckt (siehe z.B. das Posting von "Ye Olde Thorn Tree" im "Lonely Planet Forum"12)), während dieser Zweifel bei christlichen wie anderen Hilfsorganisationen fehlt. So schreibt die schon erwähnte Mira BIERBAUM etwa:

"Ein Pater der Jesuiten, der sich für Straßenkinder einsetzt, hatte mir zuvor erklärt, dass diese Verletzungen meist nicht auf natürliche Art entstehen. Es gibt skrupellose Geschäftemacher, die auch vor Verstümmelungen oder Misshandlungen nicht zurückschrecken, damit die bettelnden Kinder noch mehr Mitleid erregen" (2008, o.S.). [61]

Wie unschwer zu erkennen ist, lassen sich bereits anhand des wenigen bisher zitierten Materials etliche weitere "Knoten" ausmachen, die bislang nicht näher betrachtet wurden, und es lassen sich zusätzliche semantische Verknüpfungen zwischen diesen bilden, wobei jeweils – und insbesondere durch die Hinzunahme neuer Quellen oder die Neubetrachtung bereits genutzter Daten – wiederum neue Knoten und Vektoren aufscheinen und die Vernetzung sichtbar wird. [62]

10.6 Theoretische Vergleichshorizonte

Die bestimmende und reflektierende Interpretation unter Referenz auf theoretische Vergleichshorizonte produziert ebenfalls eine Reihe interessanter Hinweise zur Aufklärung der Propositionen und Zusammenhänge zwischen ihnen. Theorien ermöglichen dabei nicht nur die Subsumtion einzelner Phänomene/Propositionen unter bestimmte, mit der Theorie verbundene Kategorien, sondern erlauben es auch, das Auftreten bestimmter Phänomene (und damit verbundener Propositionen) "vorherzusagen". Wenn die in einer Theorie spezifizierten Bedingungen also gegeben (und durch die Analyse bereits ausgewiesen) sind, lässt sich dann gezielt (deduktiv) nach den vorhergesagten Phänomenen recherchieren. Darüber hinaus bieten Theorien Erklärungen für bestimmte Zusammenhänge. Durch die Referenz auf verschiedene Theorien und Modelle als Vergleichshorizonte werden einzelne Knoten und Vektoren dichter bzw. stärker, es kommen aber auch weitere Knoten und Vektoren hinzu, und zwar auch zwischen den jeweiligen Theorien, wodurch sich das pragma-semantische Netz verdichtet und ausweitet. [63]

Für das Beispiel lassen sich u.a. die folgenden Modelle und Theorien heranziehen, wobei ich aus Platzgründen auf die Vernetzung zwischen ihnen verzichte. Auch die Anbindung an die entsprechenden Propositionen werde ich nur da explizieren, wo diese nicht schon aus den vorangegangenen Ausführungen deutlich werden. [64]

10.6.1 "Life shock"-Konzept (HOTTOLA 1999)

Wie Adrian FURNHAM und Stephen BOCHNER (1986, S.149) feststellen, ist der durch drastisch veränderte Umweltbedingungen bei Tourist/innen hervorgerufene "environment stress" in ihren Interaktionen mit Hosts häufiger festzustellen als "Kulturschock". Analog zum Konstrukt des "Kulturschocks" spricht Philip PEARCE (1981) deshalb von "environment shock". Dieses Konzept erweitert Petri HOTTOLA (1999) auf Basis seiner empirischen Untersuchung an Südasientouristen zum Konzept des "life shock", der durch die Konfrontation mit Körperlichkeit und insbesondere der Vergänglichkeit des menschlichen Körpers hervorgerufen werden könne.

"Dieser 'Lebensschock' umfasst zwei Aspekte: (1) ungewohnte Sinneseindrücke besonders bei der Ankunft, an die der Körper nicht angepasst ist und die zu Veränderungen des eigenen Körpers führen (anderer Geruch, Schwitzen, Ausschläge, Durchfall, Appetitlosigkeit, Sonnenbrand etc.); (2) die Konfrontation mit der (versehrten) Körperlichkeit anderer Menschen (insbesondere in der sog. Dritten Welt) und damit der eigenen Sterblichkeit, und damit die in den modernen Industriestaaten aus dem Alltag weitgehend verdrängten Aspekte von Körperlichkeit: Krankheit, Versehrtheit, Tod" (A. WEIDEMANN 2007a, S.618). [65]

In diesen Bereich gehören auch proxemische Aspekte, d.h. die als (un-) angemessen bzw. (un-) angenehm empfundene physische Nähe/Distanz zu anderen menschlichen Körpern (vgl. HALL 1966). Reisen in Indien stellen hier – wie sich aus den Interviews des Lehrforschungsprojektes wie auch aus z.B. HOTTOLA (1999) oder "Lonely Planet India" (SINGH et al. 2007) ergibt – eine besondere Herausforderung insbesondere für westliche Tourist/innen dar. Erstens herrscht aufgrund der Bevölkerungsdichte an vielen von Tourist/innen aufgesuchten Orten (Bazare, Bahnhöfe etc.) sehr großes Gedränge, was den ersten Aspekt des "life shock" in Verbindung mit der Hitze, Luftfeuchtigkeit etc. verstärkt; zweitens führt die über die unvermeidbare Wahrnehmung körperlich versehrter Menschen im touristischen Alltag hinausgehende unmittelbare und unausweichliche Konfrontation mit versehrten Menschen, die etwas von einem wollen und einem dabei zu nahe treten, zu einer Verstärkung des zweiten Aspekts. Noch weiter verschärft wird der "life shock", wenn sich – durch körperliche Berührungen (Anfassen, Festhalten), die die Grenzen der eigenen Körperzone verletzen – beide Aspekte verbinden, und es zu Empfindungen von Angst (vor Ansteckung, Verletzung, eigener Sterblichkeit) und Ekel kommt. [66]

Der Wert dieses Konstrukts besteht v.a. darin, dass andere als im Transkriptausschnitt unmittelbar angesprochene Aspekte von Körperlichkeit durch intra- und intertextuelle Vergleiche in das pragma-semantische Netz einbezogen werden können und damit die Polyvalenz der explizierten Aspekte ausgeweitet wird. Darüber hinaus erlaubt das Konstrukt die Anbindung an soziokulturelle Konzepte und Praxis im Hinblick auf den Umgang mit Körper, Gesundheit, Tod und Sterblichkeit, Körperbehinderung usw. [67]

10.6.2 Theorie kognitiver Dissonanz (FESTINGER 1978)

Unter Rekurs auf die Theorie kognitiver Dissonanz lässt sich die widersprüchliche sequenzielle Aneinanderschaltung der Propositionen in der Beispielsequenz in ihrer Psychologik verstehen und auf spezifische Weise erklären. Kern der Theorie bildet die (empirisch begründete) Annahme, dass miteinander unvereinbare, aber subjektiv gültige Kognitionen zu Dissonanz führen, die als unangenehme (oder sogar unerträgliche) emotionale Spannung empfunden wird. Je nach Situation, Ausmaß der Dissonanz und subjektiver Wichtigkeit der Kognitionen kommt es daraufhin zu verschiedenen Formen der Dissonanzreduktion. [68]

Ohne im Einzelnen auf die im Gesamtinterview vorhandenen Belegstellen und andere Vergleichshorizonte einzugehen, lässt sich für die Beispielsequenz eine ganze Reihe von (möglichen) Dissonanzen ausmachen. Diese bestehen darin,

  • Urlaub in Indien zu machen (dies ist der Kontext des gesamten Interviews), einem Land, in dem es viele Menschen gibt, die offenkundig zu wenig zu Essen haben und "von (..) nIchts teilweise" leben;

  • persönlich relativ reich zu sein (also Urlaub machen zu können), aber nicht (allen/nachhaltig) helfen zu können;

  • dem humanistisch/christlichen Ideal der Nächstenliebe und Unterstützung von Menschen in Not (einem grundlegenden Wert in der deutschen Gesellschaft, ein Menschenrecht) folgen zu wollen, sich aber "jetzt nich schlecht" fühlen, weil sie nicht allen Bettler/innen etwas gegeben hat;

  • Betteln als letzten Ausweg bei Armut/persönlicher Not zu verstehen (siehe protestantische Arbeitsethik), aber zu sehen/glauben, dass Betteln berufsmäßig betrieben wird;

  • sich einer humanistisch geprägten Weltanschauung verbunden zu fühlen, der zufolge die körperliche Unversehrtheit und die Würde des Menschen für alle Menschen ein sehr hohes Gut darstellt und dabei mit "Schauermärchen" über die willkürliche Verstümmelung (anderer) zu ökonomischen Zwecken konfrontiert zu sein;

  • einer Weltanschauung verpflichtet zu sein, die eine behütete Kindheit als hohes Gut ansieht und mit Kinderarbeit (Betteln) konfrontiert zu sein. [69]

In der Beispielsequenz finden sich verschiedene Propositionen, die im Licht der Theorie kognitiver Dissonanz als Mechanismen zur Dissonanzreduktion interpretieren werden können:

  • Indem die Interviewpartnerin im Anschluss an die Aussage, sich nicht schlecht zu fühlen, weil sie nicht allen Bettler/innen etwas gegeben habe, darauf hinweist, das Betteln sei "n Beruf bei denen", spricht sie den Bettler/innen den in ihren Augen einzig legitimen Grund für das Betteln ab, nämlich anders nicht überlebbare persönliche Armut, und reduziert so die Dissonanz durch Abwertung/Umwertung des einen Spannungspols: Wenn jemand berufsmäßig bettelt, geht es a) um das Verdienen von Geld, könnte er/sie also b) auch etwas anderes tun, um Geld zu verdienen und ist es c) sein/ihr "Berufsrisiko", dass ich nichts gebe – und dann kann ich im Gefühl leben, meinen Werten treu zu bleiben und muss mich trotzdem nicht schlecht fühlen.

  • Die Dissonanz, die durch den Wunsch, sich in Indien wohlzufühlen einerseits und die Konfrontation mit der von ihr für möglich gehaltenen gezielten Verstümmelung von Kindern zum berufsmäßigen Betteln andererseits hervorgerufen wird, bearbeitet die Interviewpartnerin gleich in mehrfacher Weise, was gleichzeitig auch ein Hinweis auf die große Valenz dieser Proposition ist. In einem ersten Schritt distanziert sie sich von dem Phänomen, indem sie von "Schauermärchen" spricht; es handelt sich um Hörensagen, und nicht genau zu wissen, wie wahr die Behauptung ist, schützt vor noch größerer Dissonanz. Im zweiten Schritt entschärft sie die als schockierend empfundene "unmenschliche" Praxis, indem sie sie als "ganz einfach" schildert: das werde "mal eben" gemacht. Dissonanz reduzierend wirkt dies, weil sie hier vorbereitet, was sie in der nächsten hier relevanten Proposition vollendet: denn im dritten Schritt wertet sie die von ihr auf Basis ihres Normen- und Wertegefüges für unmenschlich gehaltene Praxis in anderskulturelle Normalität um. Sie ist in Indien, weil es dort anders ist als zuhause, die humanistische Weltsicht gebietet darüber hinaus die Anerkennung und die Akzeptanz anderer Praxis und anderer Werte/Normen. Die Attribution auf (vermeintliche) kulturelle Unterschiede, die respektiert werden können/müssen und die von ihr unterstellte Legitimität der Praxis machen ihr so die Verstümmelung von Kindern zum Zwecke des lukrativeren Bettelns akzeptabel.

  • Eine weitere Möglichkeit, diese Dissonanzen zu reduzieren, besteht darin, externe Gründe zu finden, die es Tourist/innen sowieso unmöglich machen zu helfen. Hierzu gehört zum einen, die erlebte Armut als strukturelles Problem zu definieren, das auf politischer Ebene vom indischen Staat gelöst werden müsse, zum anderen der Hinweis auf die "Bettelmafia". Zu letzterem findet sich in der Beispielsequenz ein schwacher Hinweis: Grammatikalisch kann sich das "ihre" in der Aussage "die verschandeln oder verstÜmmeln ihre Kinder, damit sie besser betteln können" auf die Eltern der Kinder oder auf deren "Besitzer" beziehen. Für beide Möglichkeiten gibt es in anderen Quellen Belege. Werden die Eltern als Agenten genannt, wird dies z.T. durch Hinweise darauf begleitet, dass manche Familien so arm seien, dass sie jegliches Mittel nutzen müssten (wobei es deutlich mehr Hinweise auf den Verkauf der Kinder gibt). Im anderen Fall handelt es sich um "skrupellose Geschäftemacher" (BIERBAUM 2008) oder die "Bettlermafia" ("gidday" im Indien aktuell-Forum 22.03.200513)), deren Geschäftspraxis und Grausamkeit in Erzählungen von Tourist/innen, Aussagen von Einheimischen, in den indischen Nachrichtenmedien und insbesondere auch in (reise-) journalistischen Büchern sowie indischen oder in Indien spielenden Romanen Erwähnung finden. Mafiöse Strukturen (Kindersklaverei, -handel, Schutzgelderpressung, etc.) und die damit verbundene Verquickung mit dem politischen Apparat machen das Problem (zumindest von außen) unlösbar, sie sind zusätzlich auch mit Gewalt und Gefahr konnotiert, was es nahelegt, sich auch als Tourist/in zum eigenen Schutz von ihnen fernzuhalten – wenn ich aber nichts ändern kann, und der Versuch, es doch zu tun, obendrein mit Gefahren für mich verbunden ist, brauche ich nicht nur nichts zu tun, sondern ich muss mich auch nicht schlecht fühlen. [70]

10.6.3 Attributionstheorie (HEIDER 1958; JONES & DAVIS 1965; KELLEY 1972, 1973; WEINER 1985, 1986)

Im Rahmen der attributionstheoretischen Ansätze lassen sich einige der Propositionen als spezifische Formen der Attribution beschreiben und so z.B. die kulturalistische Erklärung des Verstümmelns von Kindern erklären. Die Interviewpartnerin attribuiert das Phänomen Betteln/verstümmelte Kinder auf Unterschiede in der Wahrnehmung des Phänomens und damit auf kulturelle Unterschiede. Sich selbst nimmt sie als veränderlich (und – durch die Reise und die Konfrontation mit Armut und eigener Hilflosigkeit – verändert) wahr und kontrastiert dies mit Unveränderlichkeit aufseiten der anderen qua Kultur. Die Überschätzung dispositiver Faktoren gegenüber situationalen Aspekten, in der Attributionstheorie als "fundamentaler Attributionsfehler" bezeichnet (ROSS 1977), sowie die Überschätzung der eigenen Individualität und Unterschätzung der Varianz bei den anderen ("gang und gäbe", "nichts unnormales", "gehört dazu"), stellen selbstwertdienliche Verzerrungen dar (vgl. HEWSTONE & ANTAKI 1992), die darüber hinaus Dissonanz reduzierende Wirkung haben (s.o.): Wird die Verstümmelung von Kindern internal/external stabil attribuiert ("die sind einfach so und finden die Praxis legitim, weil das Teil der Kultur ist"), wird die eigene Machtlosigkeit angesichts der Armut und damit verknüpfter, eigentlich als schrecklich empfundener, eigener wie fremder Praxis tolerabel ("nich jedes Mal schlecht gefühlt"); das positive Selbstbild muss nicht verändert werden. [71]

10.6.4 "Handlungspotential" (BOESCH 1991)

Unter Rekurs auf das von BOESCH im Rahmen seiner Symbolischen Handlungstheorie ausgearbeitete Konzept des "Handlungspotentials" lassen sich die in der Beispielsequenz (und in anderen Interviewpassagen) geschilderten Handlungen (aber auch das Sprechen/Erzählen darüber im Interview, vgl. BOESCH 2000, 2005) als Versuch interpretieren, das in der Interaktion/Konfrontation mit fremder Praxis bedrohte oder sogar geminderte Handlungspotential zu erhalten bzw. wiederherzustellen. Statt Geld etwas zu essen zu geben könnte als Strategie zur Wiedergewinnung des Handlungspotentials beschrieben werden, da hierdurch die Berufsmäßigkeit des Bettelns "unterlaufen" wird (für andere, noch weitergehende Strategien finden sich empirische Belege z.B. in anderen Interviews des LFP, in Weblogs und anderen Reiseberichten). Eine andere, allerdings schwierigere, da mit Einstellungsänderungen verbundene Strategie besteht für die Interviewpartnerin darin, sich an die eigene Machtlosigkeit zu gewöhnen. Im Rahmen der Theorie kognitiver Dissonanz und auch der Attributionstheorie lassen sich die Aussagen der Interviewpartnerin dahingehend interpretieren (s.o.), dass bzw. wie sie diese Schwierigkeiten bewältigt und ihr Handlungspotential durch Gewöhnung stabilisiert. [72]

In dieser Sequenz antwortet die Interviewpartnerin auf die Frage nach den von ihr erwähnten Veränderungen im Denken aufgrund der Indienreise und gibt als Veränderung an, über Dinge nachzudenken, "über die mor sonst nicht nachgedacht hätte, wär man nicht dOrt gewesen" (Z. 1268-1269). Diese Aussage lässt sich – insbesondere auch im Zusammenhang mit den von ihr geschilderten Handlungen – als Hinweis auf die Ausweitung des inneren wie äußeren Horizonts verstehen und damit als Optimierung des Handlungspotentials (vgl. BOESCH 1991, S.105f.). [73]

Betrachtet man mit BOESCH den Erhalt und die Ausdehnung des Handlungspotentials als wesentliches Movens menschlichen Handelns, lassen sich auch weitere Aspekte in der Beispielsequenz und im Gesamtinterview handlungspsychologisch verstehen, nicht zuletzt die Indienreise selbst, die, wie weitere Analysen ausweisen könnten, mit Fantasmen des Werdens (BOESCH ebd., S.119ff.) und damit auch mit Sehnsucht auf das Engste verknüpft sind (vgl. BOESCH 1998; zu Indien als Sehnsuchtsland siehe z.B. KADE-LUTHRA 1991; LÜTT 1998; MURTI 2001; BREMER 2006; CHAKKARATH 2007). [74]

10.6.5 Narrationspsychologische Theorien14)

Erzähltheoretische Konstrukte und Erkenntnisse als theoretischen Vergleichshorizont heranzuziehen führt zu weiterer Verdichtung und Ausweitung des pragma-semantischen Netzes. [75]

So ist zum einen zwischen der "erzählten Zeit" und der "Erzählzeit" zu unterscheiden (STRAUB 1993b; ECHTERHOFF & STRAUB 2004), deren je unterschiedliche Pragma-Semantiken im Akt des Erzählens miteinander verknüpft sind und eine – analytisch jedoch zu trennenden – Einheit bilden. Im vorliegenden Interview liegen einige Monate zwischen der Reise und dem Interview, die Interviewsituation stellt völlig andere Handlungsanforderungen an die Interviewpartnerin als die Reise und die geschilderten Situationen in Indien; darüber hinaus hat sie sich durch die Reise verändert. Das "Ergebnis" dieser Veränderungen sitzt der Interviewerin gegenüber und die Interviewpartnerin schildert die Hintergründe der Veränderung retrospektiv, wobei ihre Ausführungen teils argumentativen, teils narrativen Erklärungscharakter haben15). In der Beispielsequenz wird die Veränderung allerdings nur referenziert; die Interviewpartnerin führt nicht aus, worin die Veränderung konkret besteht. Sie benennt lediglich Auslöser (Armut, Versehrtheit, gezielte Verstümmelung) für "Veränderung im Denken", sodass der implizierte Sinngehalt sich erst in der Analyse erschließt. [76]

Hinzu kommt, dass die Interviewpartnerin ihre Reisegeschichte einer Person erzählt, die selbst nie in Indien gewesen ist. Für die Ausgestaltung einer Erzählung hat es weitreichende Konsequenzen, welche Erfahrungen, welches Wissen, welche Werte und Normen vom Erzähler bzw. der Erzählerin als mit dem Rezipienten oder der Rezipientin geteilt vorausgesetzt werden. Als bekannt vorausgesetzte Details, Begebenheiten etc. werden kondensiert; detailliert wird hingegen, wenn der Erzähler bzw. die Erzählerin annimmt, die zu erzählende Begebenheit sei ohne weitere Ausführungen für den Rezipienten bzw. die Rezipientin unverständlich (vgl. SCHÜTZE 1977). Anhand der Detaillierungen und Kondensierungen kann unter Referenz auf verschiedene Vergleichshorizonte interpretiert werden, was vom Erzähler oder der Erzählerin als geteilter, was als ungeteilter Kontext vorausgesetzt wird. Bei Konversationen kann dies (anders als im idealtypischen narrativen Interview) auch verifiziert werden (Nachfragen, Anschlusserzählungen seitens der Rezipient/innen etc.). [77]

Zusätzlich führt die ungleiche (und teilweise unklare) Interessenlage u.U. dazu, dass manche für das Verständnis einer Handlung wichtige Details oder ganze Handlungszusammenhänge keine Erwähnung finden, während andere Aspekte betont werden. Die Interviewpartnerin orientiert sich somit an ihren Erwartungs-Erwartungen, d.h. ihren Annahmen darüber, was die Interviewerin von ihr erwartet (und zwar mit relativ wenig Anhaltspunkten über die tatsächlichen Erwartungen seitens der Interviewerin); je nachdem, welche Ziele sie mit dem Erzählen ihrer Indiengeschichte verfolgt, orientiert sie ihre Aussagen mehr oder weniger stark an der (von ihr vermuteten) sozialen Erwünschtheit, was wiederum Aufschluss über die Werte und Normen gibt, denen sie sich in der Interviewsituation unterwirft (wie gesagt: ohne die Geteiltheit derselben hinreichend überprüfen zu können). [78]

Auf dieser Basis lässt sich eine spezifische Lesart der Interviewpassage entwickeln: Der Erzählerin erscheint die Veränderung in ihrem Denken der Interviewerin gegenüber erklärungs- bzw. sogar rechtfertigungsbedürftig: Trotz der Konfrontation mit Armut, körperlicher Versehrtheit und grausamer Praxis hat sie Urlaub in Indien gemacht und sich nicht jedes Mal schlecht gefühlt. Insbesondere im Zusammenhang mit der vorhergehenden Frage, was Indien für sie sei und der Antwort, es habe sich um einen "schönen Urlaub" gehandelt, liegt die Lesart nahe, dass die dann auf die nächste Frage präsentierten Phänomene Armut, Krankheit, Grausamkeit zu einem "schönen Urlaub" in Widerspruch stehen könnten. Der Erwartungs-Erwartung folgend schiebt sie zuerst nach, sie habe sich trotz der Belastung durch die Konfrontation mit diesen Phänomenen nicht jedes Mal schlecht gefühlt, wenn sie jemandem nichts gegeben hat, womit der Widerspruch zum Urlaubsgefühl gemindert wird. Gleichzeitig entsteht damit jedoch ein neuer Widerspruch nämlich zwischen der als schrecklich geschilderten Armut etc. einerseits und trotzdem Urlaub gemacht zu haben, statt zu helfen, andererseits. Diesen Widerspruch versucht sie zu verringern, indem sie auf die Berufsmäßigkeit des Bettelns hinweist. [79]

Im Vergleich mit den Lesarten, die auf Basis der Dissonanz- und der Attributionstheorie entwickelt wurden, sind die Ähnlichkeiten augenfällig. Die hier präsentierte narrationspsychologische Lesart legt den Fokus jedoch auf die Interaktion im Interview und erklärt die einzelnen Sprechakte anhand der Zugzwänge des Erzählens und der Erwartungs-Erwartungen seitens der Erzählerin sowie ihrem Bedürfnis, sich hinsichtlich Interviewzweck wie auch als "angenehmer" Mensch sozial erwünscht zu verhalten und sich als sozial wie inhaltlich kompetent zu zeigen. [80]

Dabei bleibt unklar, was in der Beispielsequenz auf eigener Erfahrung, was auf Hörensagen basiert bzw. aus anderen Quellen stammt. Die enge Verknüpfung verschiedener Wissensherkünfte lässt sich immerhin durch den Hinweis auf "Schauermärchen" im Transkriptausschnitt sowie mehrere Hinweise auf den und Betonung der Wichtigkeit des Reiseführer(s) an verschiedenen anderen Stellen im Interview ablesen. [81]

"Travellertalk" und das Erzählen von Anekdoten spielen im Alltag von Tourist/innen (und anderen Reisenden) eine besonders wichtige Rolle, denn aus erzähltheoretischer und handlungspsychologischer Perspektive erfüllt das Erzählen über Erlebtes und Erfahrungen eine wichtige Funktion bei der Bearbeitung, Konstitution und Überbrückung von Differenz – sei es im Hinblick auf das Erlebte oder den Zuhörer/die Zuhörerin (vgl. BOESCH 2000, 2005). Darüber hinaus gilt, dass Ungeheuerliches, Unnormales, Abenteuerliches nicht nur mit einem erhöhten Bedürfnis nach (narrativer) Verarbeitung einhergeht (vgl. ELSRUD 2001; HANNONEN 1999; NOY 2003, 2004), sondern sich schlicht besser erzählen lässt und es zudem ermöglicht, Gesprächspartner/innen zu beeindrucken und "kulturelles Kapital" (BOURDIEU 1987, 1990; vgl. NOTHDURFT 2007a) aufzubauen16). Strategie hierbei ist u.a., überraschende oder schockierende Details mit Nonchalance zu erzählen, was den Eindruck erhöht, man sei Entsprechendes gewöhnt (im Transkriptausschnitt z.B. "Mal eben die Zunge abgeschnitten"). Andere Strategien erhöhen den Eindruck von Authentizität im Hinblick auf die erzählten Phänomene, indem auf das eigene Erleben – das die Zuhörerin ja nicht ohne Weiteres anzweifeln wird (indienunerfahrene Interviewerin) – verwiesen wird ("ich habe selbst gesehen/erlebt") (z.B. Z. 760-761). Der explizite Hinweis auf gehörte Geschichten ("Schauermärchen") verweist einerseits auf das Vorhandensein eines – etwas nebulös bleibenden – Diskurses und auf eine gewisse Unsicherheit im Hinblick auf den faktischen Wahrheitsgehalt der kolportierten Begebenheiten, ermöglicht es aber bei gleichzeitiger (Pseudo-) Distanzierung, die Geschichten anderer nahtlos in die eigene aufzunehmen. Zum einen profitiert die Erzählerin im Hinblick auf den Bericht eigener (Reise-) Erlebnisse, insofern als der Verweis auf ähnliche Erlebnisse anderer den Wahrheitsgehalt der eigenen Schilderung untermauert; zum anderen profitiert sie, wenn die Anekdoten das von ihr geschilderte Umfeld als noch gefährlicher/schockierender darstellen, als sie es selbst erlebt hat, wird so doch markiert, was sie potenziell hätte erleben/sehen können, was wiederum zu einer Erhöhung des kulturellen Kapitals führt (vgl. MUKERJI 1977). Durch den Hinweis auf den Hörensagen-Charakter und hier insbesondere die Charakterisierung als "Schauermärchen" kann sie gleichermaßen die Verantwortung für den faktischen Wahrheitsgehalt des Gesagten von sich weisen wie die von ihr so empfundene Ungeheuerlichkeit des Berichteten zum Ausdruck bringen. Märchen sind auf der faktischen Ebene vielleicht nicht richtig, die in Märchenform zum Ausdruck gebrachten psychosozialen Mechanismen sind jedoch "wahr" (vgl. Psychoanalyse in der Tradition FREUDs oder C.G. JUNGs Analytische Psychologie; zum Überblick siehe RANKE, BREDNICH, BAUSINGER & KÖHLER 2004, S.13ff.). Dann ist es unwichtig, in welcher Form Kinder verstümmelt werden (also ob es tatsächlich Fälle abgeschnittener Zungen gibt); von Bedeutung ist die Grausamkeit Kindern gegenüber (von wem auch immer: Eltern oder "skrupellosen Geschäftsleuten" s.o.), die eine zusätzliche Bedeutungsschicht dadurch erhält, dass die Erzählerin selbst nichts anderes tun kann, als ihr Denken darüber zu verändern – ohne dass es ihr jedoch gelingt, die kognitiven Dissonanzen tatsächlich aufzulösen, wie an den Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten in der zitierten Passage zu sehen ist. Insofern besteht die Veränderung im Denken dann tatsächlich im – nicht abgeschlossenen – Nachdenken über die unversöhnlichen, im Außen wie im Innen erlebten Widersprüche, objektiviert in der Interviewsituation. [82]

10.6.6 Sprechakttheorie (SEARLE 1969/1983)

Auch ein Rekurs auf die Sprechakttheorie liefert weitere Verknüpfungsmöglichkeiten. John SEARLE unterscheidet Sprechakte im Hinblick auf ihren Zweck, ihre Ausrichtung und den mit ihnen verbundenen psychischen Zustand in fünf Klassen: Repräsentativa bezeichnen Sprechakte, in denen Sprecher/innen Aussagen über die "Welt" machen, etwas behaupten, feststellen, wobei der Sprecher/die Sprecherin auf die Wahrheit bzw. Falschheit der zum Ausdruck gebrachten Propositionen festgelegt wird; mittels Direktiva (auffordern, bitten, befehlen etc.) wird die Hörerin/der Hörer auf die Ausführung einer Handlung verpflichtet; mittels Kommissiva (z.B. versprechen, geloben, drohen etc.) verpflichtet sich die Sprecherin/der Sprecher selbst auf die Ausführung einer Handlung; durch Expressiva bzw. expressive Sprechakte wird die eigene (psychische) Befindlichkeit zum Ausdruck gebracht, und durch deklarative Sprechakte wird – auf Basis meist institutioneller Grundlagen – ein bestimmter Zustand hergestellt (z.B. Ernennung zu einem Amt, Taufe etc.). [83]

Im Transkriptausschnitt finden sich hauptsächlich Repräsentativa, die – wie oben ausgeführt – durch Vergleiche gegen verschiedene Vergleichshorizonte pragma-semantisch vernetzt werden können. Die Aussage "gibts dem / gibst dem Kind dann dOch lieber n Brötchen als Geld" lässt sich aber z.B. als retrospektives und prospektives Kommissivum interpretieren. Es kann gleichzeitig jedoch auch als indirektes Direktivum verstanden werden: Man – auch du, solltest du einmal in eine solche Situation kommen – sollte grundsätzlich anstelle von Geld eher etwas zu essen geben. Die pragma-semantische Analyse weist die vielfältigen Verknüpfungen mit ähnlichen Repräsentativa und einem Argumentationen untermauerten Direktivum gleichen Inhalts aus, die die Interviewpartnerin im Reiseführer gelesen und von anderen Reisenden gehört hat bzw. haben könnte. [84]

10.6.7 Wirtschafts-, kultur- und geschichtswissenschaftliche Theorien

Es wurde bereits kursorisch darauf verwiesen, dass soziokulturelle "Großkonzepte" von "Arbeit"/"Beruf", "Armut", "Entwicklungshilfe" und "Kindheit" etc. pragma-semantisch mit der Interviewpassage verknüpft werden können. Das gleiche gilt für die "Armutsproblematik", soziale Versorgungssysteme etc. [85]

Durch Vergleiche gegen theoretisch begründete Vergleichshorizonte wie z.B. wirtschafts-, kultur- und geschichtswissenschaftliche Theorien unterschiedlicher weltanschaulicher Provenienz sowie geschichts- und kulturwissenschaftliche Untersuchungen lässt sich der soziokulturelle Hintergrund weiter aufklären, was hier jedoch nicht ausgeführt werden soll. [86]

10.6.8 "Religion" als theoretischer Vergleichshorizont

Auch ohne hier auf die schwierige Diskussion einzugehen, was unter "Religion" genau zu verstehen sei und ob auf dieser Basis weltanschauliche Komplexe und Theoriegebäude wie "Buddhismus", "Hinduismus", "Taoismus" etc. mit ihrer komplexen Pragma-Semantik als Religionen bezeichnet werden können oder dürfen (vgl. z.B. KING 2002; POPP-BAIER 2007), stellen religiöse Anschauungen und in diesen wurzelnde Werte, Normen und daraus abgeleitete Praxis für die Analyse der Beispielsequenz höchst wichtige Vergleichshorizonte dar. [87]

So hat sich z.B. die Einstellung zum Betteln in Deutschland im Zuge der "Bettlerschwemme" infolge des Dreißigjährigen Kriegs und mit dem Aufkommen des Protestantismus grundlegend gewandelt. Wurde Betteln zuvor als legitime Praxis in Notzeiten empfunden, die keineswegs mit dem Verlust von (Selbst-) Achtung verbunden sein musste (vgl. BINDZUS & LANGE 2002), führte die "protestantische Arbeitsethik" (WEBER 2006) zu einer Ächtung nicht nur der Armut, sondern auch des Bettelns als Ausweg aus prekären Verhältnissen: Wer grundsätzlich arbeitsfähig war, sollte auch arbeiten. Die Definition darüber, wer arbeitsfähig ist und wer nicht, sollte nicht mehr dem oder der Einzelnen obliegen, sondern der Gesellschaft (und der Kirche), die es sich demnach zur Aufgabe machen sollte, die Arbeitsunwilligen umzuerziehen und die wirklich Bedürftigen institutionell zu unterstützen. Nächstenliebe und Barmherzigkeit wurden in diesem Zuge mit reformiert und institutionalisiert. Die individuelle Praxis des Almosengebens wurde auf diese Weise ebenfalls verändert: Die Kirche (und später Wohltätigkeitsvereine, Hilfsorganisationen etc.) wollten als "Spenden-Trichter" wirken – nicht nur, um dem "Bettlerproblem" Herr zu werden, sondern auch, um die im Protestantismus abgelehnten egoistischen Motive, die allenthalben mit der Gabe von Almosen auch verbunden sind (vgl. MÄTTIG 2000) zu bekämpfen. [88]

Vergleicht man diese Entwicklung mit der Situation in Indien, so finden sich interessante Ähnlichkeiten: 1945, also mit dem Ende der englischen Kolonialherrschaft und kurz vor der Gründung des demokratischen indischen Nationalstaates, wurde auf sozialwissenschaftlicher und juristischer Ebene über "Our beggar problem. How to tackle it" (KUMARAPPA 1945) debattiert und auf der Basis einer differenzierten "Bettler-Typologie" (CAMA 1945) die Institutionalisierung des Umgangs mit verschiedenen Gruppen von Bettler/innen vorgeschlagen (Stärkung der Sozialsysteme, Arbeits-/Umerziehungslager etc.). Die indische Gesetzgebung (z.B. der noch heute weitgehend gültige "Bombay Beggary Prevention Act" von 1959) beruft sich sogar direkt auf die verschiedenen Bettelgesetzgebungen in europäischen Ländern (vgl. BARNABAS 1945). Mit der Reform des indischen Wirtschaftssystems ab 1991 und dem starken Anwachsen einer modernen Mittelschicht17) wird das Phänomen des Bettelns in der indischen Öffentlichkeit (Parlament, Wissenschaft, Polizei, Presse) wieder verstärkt als "Bettler-Problem" diskutiert, wobei Stichworte wie "Berufsmäßigkeit des Bettelns", "Bettlermafia", "Kindsentführung", "Selbst- und Fremdverstümmelung", aber auch "Straßenbild" und "Verkehrsbehinderung" den Diskurs mitbestimmen. Die Lösungsvorschläge sind dieselben wie vor 60 Jahren, ebenso wie der Verweis auf die Bettelgesetzgebungen in Europa. [89]

Im indischen Kontext spielen aber nicht nur Auswirkungen der qua Kolonialismus, Mission und globalisierter Wirtschaftsweisen "eingewanderten" protestantischen Arbeitsethik eine Rolle, sondern ebenso insbesondere hinduistische und buddhistische Philosophien und darin verwurzelte Praxis: Weltabgewandtheit, Askese und Geringschätzung des Körperlichen werden zumindest in einem Teil der relevanten weltanschaulichen und religiösen Schriften Indiens explizit begründet, in den Bettelorden ist Betteln teilweise institutionalisierte Praxis. (Selbst-) Verstümmelung aus kommerziellen Gründen wird zwar weitgehend abgelehnt, die von manchen Sadhus18) vollzogenen Bußübungen (siehe z.B. http://www.adolphus.nl/sadhus/tapasias.html) lassen sich aber als z.T. extreme – gesellschaftliche Tabus, Wert- und Normvorstellungen gezielt verletzende – Formen von (religiös motivierter) Selbstverstümmelung bezeichnen, bei denen sich spirituelle mit weltlichen (und auch ökonomischen) Motiven verbinden, und zwar aufseiten der Sadhus genauso wie aufseiten der Zuschauer/innen, bei denen sich Darshan19) mit Voyeurismus vermischt. [90]

Neben den vielen religiösen Bauwerken haben vor allem auch Sadhus und Yogis das "romantische Indienbild" (LÜTT 1998) und die Vorstellungen und Erwartungen westlicher Besucher/innen mitgeprägt, wie sich nicht zuletzt an den vielen von diesen produzierten Bildzeugnissen (in Reiseführern, Diavorträgen, TV-Dokumentationen, Weblogs etc.) zeigt. Sadhus werden als pittoresk und faszinierend empfunden, aber auch als unheimlich und z.T. eklig (vgl. andere Interviews im LFP), und Reiseführer warnen insbesondere Frauen vor allzu engem Kontakt mit diesen Mendikanten20), die als potenziell gewalttätig beschrieben werden. Schon die "Bettler-Typologie" von Katayun H. CAMA (1945) kennt darüber hinaus die Unterscheidung zwischen "echten" Yogis und solchen, die in der Aufmachung eines "heiligen Mannes" betteln, betrügen oder schlicht die (Gut-) Gläubigkeit der Bevölkerung (und auch der Tourist/innen) ausnutzen. [91]

Im Hinblick auf den Interviewausschnitt ist nun von Interesse, dass es mit den Sadhus für Tourist/innen wichtige Figuren in Indien gibt, in denen sich Betteln und Selbstverstümmelung mit einem expliziten religiösen Hintergrund verbinden. Reisende hoffen, ihnen zu begegnen und die Begegnung zu dokumentieren, selbst wenn es sich um "falsche" Sadhus handeln sollte, da die Tourist/innen so ihr Bild von Indien als Ausdruck der eigenen Identität vervollständigen können (vgl. z.B. GARLICK 2002; GILLESPIE 2006; SCHMIDT 2001). Durch die religiöse Einbettung und (vermutete) Spiritualität bedeutet Armut im Zusammenhang mit Sadhus und Yogis Askese, ist ihr (häufig verstecktes) Betteln sanktioniert. Schockierende Praktiken und "eklige" Deformationen des Körpers gelten – anders als bei anderen Bettler/innen – nicht als Ergebnis unüberwindbarer Armut und Not, sondern als Ausdruck von Selbst-Überwindung und spiritueller Größe.21) Das Almosengeben ist verbunden mit der Hoffnung auf eigenen spirituellen Gewinn und soziale Anerkennung und bietet für Tourist/innen zudem die Möglichkeit, sich "Zugehörigkeit" zum "wahren Indien" oder zumindest ein "gutes" Foto zu erkaufen. [92]

10.6.9 Imaginative/utopische gedankenexperimentelle Vergleichshorizonte

Die empirisch ausgewiesenen Knoten und Vektoren des pragma-semantischen Netzes gedankenexperimentell "gegen den Strich zu bürsten" bewahrt Interpret/innen davor, den Daten zu sehr verhaftet zu bleiben und/oder die Analysen vorschnell abzuschließen. Durch Vergleiche gegen imaginative/utopische, gedankenexperimentelle Vergleichshorizonte (sowohl bestehende als auch neu erfundene) werden zum einen Aspekte zutage gefördert, die zuvor vielleicht für unwichtig gehalten oder übersehen wurden und die zu weiterem theoretischem Sampling und nachfolgenden Vergleichsoperationen Anlass geben können; zum anderen ist hier natürlich der Spielraum für Kreativität am größten, wird der pragma-semantische Möglichkeitsraum u.U. über das bislang empirisch ausweisbare hinaus vergrößert, wodurch neue Lösungsansätze für ein Problem entstehen können. [93]

Zunächst drängt sich im Hinblick auf unser Beispiel die Frage auf, wie die Welt wohl ohne Armut und körperliche Gebrechen, ohne Hunger und ohne Grausamkeit und somit auch ohne Bettler/innen aussähe. Entsprechende utopische Vorstellungen vom Paradies gibt es in fast allen Religionen, und auch für moderne Gesellschaftsordnungen stellen sie zumindest einen wichtigen Horizont politischen und wirtschaftlichen Handelns dar. Im Tourismus spielen Fantasien vom Paradies auf Erden eine wichtige Rolle (vgl. OPASCHOWSKI 2001; HENNIG 1999; LÖFGREN 1999), werden insbesondere exotisierte Regionen zu Sehnsuchtsorten. Die Konfrontation mit nicht-paradiesischen Zuständen in Indien etwa zerstört jedoch die mit dem Ort verknüpfte Sehnsucht, die Tourist/innen nicht nur in die Region geführt haben mögen, sondern individualpsychologisch betrachtet eng mit der Entwicklung von deren Handlungspotential verknüpft sind (vgl. BOESCH 1991, S.119ff.; 1998, S.59ff.). [94]

Hieran anknüpfend könnte aber weitergefragt werden, wie denn Indien ohne Bettler/innen aussähe: Würde dann nicht etwas am westlichen Indienbild fehlen? Bettelei, Armut und Hungersnöte sind im kollektiven Indienbild der westlichen Welt seit Jahrhunderten fest verankert, auch wenn sich das medial verbreitete Indienbild im Lauf der Zeit natürlich wandelt. Eine Medienanalyse (Zeitschriftenartikel, TV-Dokumentationen, Reiseberichte etc.) allein der letzten dreißig Jahre würde deutliche Verschiebungen bei den hauptsächlich fokussierten Aspekten feststellen22), ein "Indien" ohne Armut und Bettler/innen gibt es jedoch praktisch nicht. [95]

Andere Fragen, die gestellt werden könnten, sind z.B.:

  • Was wäre, wenn allen Bettler/innen gegeben würde?

  • Was, wenn nur Nahrungsmittel gegeben würden?

  • Würde Bettler/innen gegeben werden, die nicht erbärmlich aussehen?

  • etc. [96]

Imaginative, gedankenexperimentelle Vergleichshorizonte können sich also auf größere soziale Kontexte beziehen, sie können aber natürlich auch auf konkrete Handlungen und Verhaltensweisen bezogen werden. Anknüpfend an die Überlegung der Interviewpartnerin, lieber ein Brötchen statt Geld zu geben, könnte z.B. gefragt werden was wäre, wenn sie Geld gäbe. Wird diese Frage relativ zu Beginn der Analyse gestellt, würde man durch Referenz auf andere Vergleichshorizonte (z.B. Wirtschaftstheorien, Reiseführer sowie Projektberichte und Spendenaufrufe von Hilfsorganisationen als empirisch fundierte VH erster Ordnung usw.) auf ähnliche Propositionen sowie zusätzliche Argumentationen stoßen. In der Beispielsequenz bleibt unklar, wie die Interviewpartnerin zu ihrer Überlegung kommt. Intratextuelle Vergleiche hinsichtlich etwa der Nutzung von Reiseführern durch die Interviewpartnerin liefern dann Hinweise darauf, dass ihre Überlegung mit eben den Argumenten im Reiseführer in Zusammenhang stehen könnte. [97]

An diesem Beispiel wird aber auch deutlich, dass imaginative/utopische, gedankenexperimentelle Vergleichshorizonte für die Interviewpartnerin selbst ebenfalls eine Rolle spielen, wie die Kontrastierung "lieber n Brötchen als Geld" zeigt. Im Rahmen pragma-semantischer Analysen bilden solche latenten, aber natürlich auch die explizierten imaginativen, gedankenexperimentellen Vergleichshorizonte der Interviewpartnerin wichtige Sektoren des pragma-semantischen Netzes. [98]

11. Zusammenfassung

Ich verzichte hier auf eine inhaltliche Zusammenfassung dieser rudimentären Beispiel-Analyse, die der komplexen Pragma-Semantik der Beispielsequenz nicht gerecht werden kann. Die beispielhaft explizierten Vergleichsoperationen sollten aber hinreichend deutlich gemacht haben, wie durch die Methode des konstanten Vergleichens gegen verschiedene Vergleichshorizonte und Typen von Vergleichshorizonten unterschiedliche Arten von Daten herangezogen und mittels verschiedener Methoden analysiert werden können, um die Handlungs- und Bedeutungszusammenhänge aufzuklären, in die die Aussagen der Interviewpartnerin eingebettet sind. Auch ohne eine inhaltliche Zusammenfassung der Beispielanalyse sollte deutlich geworden sein, dass im konstruierten pragma-semantischen Netz manche Knoten und Vektoren stärker, manche Sektoren dichter sind als andere. Stärke und Dichte der Knoten und Vektoren können dabei als Hinweise auf geteilte Symbolbestände und die Wichtigkeit bestimmter Zusammenhänge interpretiert werden. [99]

Die pragma-semantische Analyse weist somit aus, in welch vielfältiger Weise die Gesprächssequenz in ein pragma-semantisches Netz eingewoben ist. Die Sprechhandlung der Interviewpartnerin ist sinnhaft verknüpft sowohl mit ihren eigenen Handlungen im Hinblick auf Bettler/innen und überhaupt ihre Urlaubspraxis, wie auch mit der Praxis anderer, wozu das Sprechen, Schreiben, Filmen, Fotografieren über und von Bettler/innen und Interaktionen mit ihnen gehören. Sichtbar wird die Einbettung in (z.T. erheblich differente) soziokulturelle Komplexe (Kindheitskonzepte, humanistische Werte/Normen, Arbeitskonzepte, politische und gesellschaftliche Strukturen, Religion etc.), die mit starken Valenzen verbunden sind. In Ansätzen werden auch die subjektiven Valenzen deutlich, die allerdings durch entsprechende Verfahren, etwa die von BOESCH ausgearbeitete Konnotationsanalyse (1977, 2006b), gemeinsam mit der Interviewpartnerin erheblich weiter exploriert werden könnten. Dasselbe gilt auch für die subjektiven Wissensbestände der Interviewpartnerin, die z.B. durch Strukturlegeverfahren (D. WEIDEMANN 2001, 2007b) rekonstruiert werden könnten, sowie für Handlungserklärungen, die mittels weiterer Interviews erhoben werden könnten. [100]

Diese Verfahren könnten zur Stärkung von Vektoren und zur "kommunikativen Validierung" (vgl. ebd.) der (immer nur vorläufigen) Analyseergebnisse vor allem hinsichtlich des subjektiven Möglichkeitsraumes dienen, würden aber wie alle weiteren Sampling- und Vergleichsoperationen das – prinzipiell unabschließbare – pragma-semantische Netz auch weiterspinnen. [101]

Doch auch ohne solche "Anschluss"-Untersuchungen wird das Handeln der Interviewpartnerin durch die pragma-semantische Analyse als kultureller Tatbestand verständlich; die Interpretation und die Erklärungsansätze – insbesondere unter Referenz auf theoretische Vergleichshorizonte – verdeutlichen aber darüber hinaus auch die Kontingenz ihres Handelns und verweisen so auf alternative Möglichkeiten, die Raum für Veränderung bieten. Wie die Beispielanalyse zeigt, könnte die Interviewpartnerin z.B. statt der von ihr im Interview produzierten kulturalistischen Erklärung hinsichtlich der Verstümmelung von Kindern zu Zwecken des Bettelns auch auf Basis des ihr explizit sowie prinzipiell verfügbaren Wissens differenzierter argumentiert oder auch vor Ort anders gehandelt haben (z.B. an Hilfsorganisationen spenden, die lokale Infrastruktur auf der Mikroebene fördern etc.). Ein solches Verständnis gemeinsam mit der Interviewpartnerin zu erarbeiten, würde bereits in den Bereich der Förderung interkultureller Kompetenz fallen. [102]

Voraussetzung dafür wäre, die analysierte Interviewpassage überhaupt als "interkulturelle Kommunikation" zu fassen. Auf Basis der oben eingeführten Definition ist dies gerechtfertigt, da die Interviewpartnerin die Erschütterung ihres Selbst- und Weltverhältnisses und nachfolgend die "Veränderung im Denken" in Auseinandersetzung mit als kulturell fremd deklarierten Phänomenen erklärt. Zwar wird in der Sequenz nicht zwischen den beiden aktuellen Gesprächspartnerinnen (Interviewerin, Interviewpartnerin) (differente) Kulturteilhabe relevant gesetzt, nichtsdestotrotz konstituiert die Interviewpartnerin der Interviewerin gegenüber narrativ kulturell Eigenes und Fremdes und setzt beides in spezifischer und erklärungsbedürftiger Weise gegeneinander, indem sie über die Begegnung mit anderen Menschen und den Umgang mit ihnen spricht, und zwar um ihr Selbst- und Weltverhältnis in der Interviewsituation plausibel zu machen. [103]

12. Diskussion

And what's the point?

There is no point in it –
there is a multitude of them, a universe.

Wie im Rahmen des empirischen Beispiels zumindest angedeutet, können für die Analyse pragma-semantischer Zusammenhänge alle möglichen Methoden qualitativer und quantitativer Sozialforschung nutzbringend angewendet werden, wobei dieser Ansatz insbesondere von der Kombination unterschiedlicher Verfahren profitiert. Da es explizit um die (Re-) Konstruktion mit Praxis verknüpfter manifester, latenter und potenzieller Sinnstrukturen und um deren Einbettung in kollektive Symbolbestände geht, handelt es sich grundsätzlich um einen qualitativen Ansatz. Wie oben ausgeführt, ist der Kern der Analyse das ständige Vergleichen der untersuchten Phänomene mit anderen, ähnlichen bzw. differenten Phänomenen gegen verschiedene Vergleichshorizonte und das sukzessive Verknüpfen und Verdichten der Sinnrelationen. Da die verschiedenen zum Einsatz kommenden Erhebungsmethoden (Interviews, Gruppengespräche, Weblogs, Beobachtungen, Fragebögen etc.) und Interpretationsverfahren (Text-/Konversationsanalyse, Bild-/Filmanalyse, statistische Verfahren etc.) auf unterschiedlichen theoretischen und methodologischen Vorannahmen aufsetzen und damit selbst schon je unterschiedliche Vergleichshorizonte "mitbringen", stellen die Methoden in der Analyse pragma-semantischer Zusammenhänge nicht einfach Werkzeuge dar, deren Kulturgebundenheit es zu reflektieren gilt, sondern sie sind selbst integraler Bestandteil des pragma-semantischen Netzes. Dasselbe gilt auch für die jeweils verfolgten Fragestellungen (wie auch z.B. die nach interkultureller Kommunikation). Beides, Fragestellungen und Methoden, stellt einen Teil des Handlungsfeldes deren dar, die die Analyse betreiben und durch Vergleiche gegen die ihnen verfügbaren Vergleichshorizonte das Handlungsfeld anderer Personen untersuchen. Pragma-semantische Analysen sind nicht einfach eine spezifische kulturelle Praxis, sie sind eine kulturelle Praxis zur (Re-) Konstruktion kultureller Praxis. Sie sind selbst immer interkulturelle Praxis, da sie zum Ziel haben, menschliche Praxis als kulturelle Praxis auszuweisen. Sie sind interkulturell, weil sie dabei zum einen eine spezifische Perspektive produzieren, zum anderen weil sie dabei das Handlungsfeld des Forschers bzw. der Forscherin mit dem untersuchten Handlungsfeld unauflöslich verschränken. [104]

Von den Forschenden erfordert die Analyse pragma-semantischer Zusammenhänge die rigorose Explikation der verwendeten Vergleichshorizonte (wozu im Übrigen auch das vorgestellte Wissen der Rezipient/innen gehört) sowie die beständige Reflexion über deren Pragma-Semantik und damit die ständige Selbstreflexion. Die Analyse profitiert somit gleichermaßen von der Zahl verfügbarer Vergleichshorizonte wie von der Fähigkeit der Forschenden, diese Reflexion zu leisten und dadurch immer weitere Knoten in das Netz aufnehmen und sinnhafte Relationen zwischen ihnen herstellen zu können. Insofern als bei der Rezeption einer Analyse die gleichen Vergleichsoperationen zum Tragen kommen, profitiert die Analyse auch vom Dialog des Forschers oder der Forscherin mit anderen Personen, da die diesen verfügbaren Vergleichshorizonte weitere Knoten sowie Ähnlichkeits- und Differenzrelationen in das Netz einbringen. Bei diesen Personen kann es sich natürlich auch um die Personen handeln, deren Praxis untersucht wird. [105]

Weil pragma-semantische Analysen somit grundsätzlich nicht abschließbar sind, laufen sie in gewisser Weise sowohl gegen die menschliche Psyche als auch gegen das "Projekt Wissenschaft". Wie die Kognitions-, Wahrnehmungs- und Gedächtnispsychologie in zahllosen Experimenten ausgewiesen hat, operiert der menschliche "Kognitionsapparat" bevorzugt als "Komplexitätsreduktionsmaschine", was sich in der Ubiquität stereotyper Wahrnehmungen und Handlungen und in Form von Skripten nicht zuletzt in der Interaktion zwischen Menschen niederschlägt. Schnelles Handeln erfordert die Reduktion komplexer Zusammenhänge auf einfache(re) Heuristiken. Das "Projekt Wissenschaft", wie es in der westlichen Welt über die letzten zwei Jahrtausende entwickelt wurde, hat zum Ziel, theoretisch und empirisch abgesicherte Hypothesen über die "Welt" zu produzieren, die eine (möglichst) verlässliche Handlungsbasis darstellen. Die Antwort auf die Frage nach Bedeutungen jedoch liefert keine "Wahrheiten", schon gar keine einfachen, sondern weist die Wirklichkeit als überaus komplex aus. Dies liegt gleichermaßen an der Polyvalenz und Überdeterminiertheit menschlicher Handlungen (sensu BOESCH) wie an der daraus folgenden Tatsache, dass Handlungen immer nur "diffus teleologisch" (JOAS) sind, sich also auch Handlungsziele im Vollzug der Handlung laufend verändern. Pragma-semantische Analysen reflektieren dies und stellen somit an Forschende in besonderem Maße Anforderungen, wie sie in den letzten Jahren im Hinblick auf qualitative Sozialforschung allgemein und insbesondere im Hinblick auf die Grounded-Theory-Methodologie diskutiert werden. Neben den Grundprinzipien qualitativer Sozialforschung gehören hierzu speziell Ambiguitäts- und Frustrationstoleranz sowie die Offenheit für und Bereitschaft zur Veränderung des eigenen Selbst- und Weltverhältnisses. Ambiguitäts- und Frustrationstoleranz sind in erster Linie im Hinblick auf die Komplexität und Unabschließbarkeit des Forschungs- und Erkenntnisprozesses sowie die im Verlauf der Analyse immer weiter wachsende Komplexität der Bedeutungszusammenhänge und die dadurch gleichzeitig zunehmende Ambiguität und Unsicherheit hinsichtlich der Produktion handhabbarer Ergebnisse von Bedeutung. Das Verstehen fremder Praxis jedoch ist letztlich nur möglich, wenn eine Bereitschaft dazu besteht, eigenes Vorverstehen nicht nur zu erweitern, sondern auch zu perspektivieren und die Gültigkeit differenter Bedeutungszuschreibungen als möglich, legitim und eventuell assimilierbar, also auch als mögliche Grundlage eigenen Handelns anzuerkennen (vgl. KÖGLER 2007; NOTHDURFT 2007b). [106]

Pragma-semantische Analysen erfordern also neben fachlichen Kompetenzen zusätzlich soft skills bzw. sogenannte Schlüsselkompetenzen, sie sind aber auch geeignet, diese auszubilden (für qualitative Sozialforschung allgemein vgl. etwa BREUER 1996; GRIESEHOPP & HANSES 2005; DAUSIEN, MECHERIL, ROTHE & THON 2005; für die in der qualitativen Sozialforschung unerlässliche Reflexion der eigenen Perspektivgebundenheit siehe etwa die Beiträge in den FQS-Schwerpunktausgaben zu "Subjektivität und Selbstreflexivität im Forschungsprozess“ [MRUCK, ROTH & BREUER 2002; ROTH, BREUER & MRUCK 2003]). Da es sich bei den für qualitative Sozialforschung ausgemachten Schlüsselkompetenzen weitgehend um die gleichen Kompetenzen handelt, wie sie sich auch in den Auflistungen von Komponenten interkultureller Kompetenz (z.B. HATZER & LAYES 2003, S.141; THOMAS 2003; BOLTEN 2001; vgl. STRAUB 2007b, S.44) finden (vgl. A. WEIDEMANN 2007b, 2009), kann vor dem bereits diskutierten Hintergrund ihrer Zielsetzung festgestellt werden, dass pragma-semantische Analysen in besonderem Maße interkulturelle Kompetenz erfordern, aber auch fördern. Dadurch, dass sie über die Beschreibung und Erklärung des manifesten und latenten Sinngehalts von Handlungen hinausgehen und auch das weitere Handlungsfeld, in dem die Handlungen stehen (und damit den Möglichkeitsraum) auszuweisen versuchen, erlauben sie, Möglichkeiten für interkulturelles Lernen aufzuzeigen, die weit über das hinausgehen, was mit standardisierenden Verfahren ("critical incidents", "culture assimilator" etc.) oder einem monomethodalen Vorgehen möglich ist. [107]

Die Symbolische Handlungstheorie von Ernst BOESCH eignet sich in besonderer Weise als theoretische Basis für dieses Unterfangen, stellt sie doch, wie Carlos CORNEJO es bezeichnet, eine Theorie auf der "Meso-Ebene" dar, die einen Ausweg aus dem "Mikro-Makro-Problem" kulturpsychologischer Untersuchungen weisen kann (CORNEJO 2007). Mit CORNEJO (2007, S.243) wird hier das "Handlungsfeld" (BOESCH) als "meso-unit" verstanden, "[that] is unfolded within an objective system of reference; but at the same time, it is oriented toward the future from the personal perspective of a subject". Mit dem Begriff des "Handlungspotentials" gelingt es BOESCH in seiner Handlungstheorie dabei, die inneren Beweggründe des oder der Handelnden psychologisch zu erklären, ohne dass der soziale und damit kulturelle Bezug verlorenginge. Denn durch die von ihm immer wieder betonte unauflösbare Verbindung von Handlung mit subjektiver und kollektiver Bedeutung (zuletzt 2008) weist BOESCH das Subjekt und sein Handeln wie schon gesagt als grundsätzlich kulturell aus. [108]

Danksagung

Ich danke Jürgen STRAUB und Steffi NOTHNAGEL für wertvolle Kommentare und Anregungen sowie Romy BAUER für die Unterstützung bei der Manuskripterstellung. Alle Irrtümer und Fehler liegen natürlich in meiner Verantwortung.

Anmerkungen

1) Der Begriff "Möglichkeitsraum" geht – ähnlich der ipsativen Handlungstheorie (FREY & FOPPA 1986) – "von der eigentlich trivialen, aber meist ignorierten Tatsache aus, daß Handlungen nur stattfinden, wenn sie objektiv möglich sind und subjektiv als möglich repräsentiert werden" (von CRANACH & TSCHAN 1997, S.143). Dementsprechend kann der "Möglichkeitsraum" in den "subjektiven Möglichkeitsraum" und den "objektiven Möglichkeitsraum" differenziert werden, wobei es der pragma-semantischen Analyse über die Frage nach "objektiven" Gegebenheiten und deren subjektiv eingeschätzter Möglichkeit für die Handlungsentscheidung hinaus insbesondere um die damit verbundenen Bedeutungsschichten und Valenzen geht (s.u.). <zurück>

2) Hieraus abzuleiten, dass solche Bedeutungsanalysen keinen Erklärungswert hätten, würde allerdings zu kurz greifen. Die im Rahmen pragma-semantischer Analysen konstruierten und explizierten Bedeutungszusammenhänge können durchaus auch zu Handlungserklärungen führen, nur eben nicht i.S. des "kausalistischen" (deduktiv-nomologischen oder induktiv-statistischen) Modells, sondern i.S. von Modellen der intentionalistischen, regelbezogenen oder narrativen Handlungserklärung (vgl. STRAUB 1999). So können manche Formen der Darstellung/Beschreibung (z.B. erzählerische) eine autoexplanative Funktion erfüllen (vgl. ebd.). Bedeutungsanalysen können zusätzlich jedoch auch Identifikationen, Kategorisierungen, Typisierungen etc. liefern (s.u.), was ihren Wert für die Forschungspraxis erhöhen dürfte. <zurück>

3) Ich weiche an dieser Stelle von Ernst BOESCHs individualpsychologischerer Sichtweise ab. Handlungsrelevant ist "Kultur" ihm zufolge immer in der "vermittelten" Form ihrer subjektiven "Aneignung" (vgl. BOESCH 2008). Problematisch erscheint mir hier die – und sei es nur analytische – Trennung von "äußerer Kultur" und Individuum. <zurück>

4) Dies bedeutet natürlich nicht, dass dies zu tun in jedem Fall sinnvoll ist. Für die Forschungspraxis ist es nötig, ein Kriterium zu entwickeln, das es erlaubt, in einer nicht-metrischen und doch graduell differenzierenden Weise von erheblichen Differenzen reden zu können, die "interkulturelle Kommunikation" im angewandten, wissenschaftlich interessanten Sinn erst konstituieren. Das in diesem Ansatz zur Anwendung gebrachte Kriterium besteht in der subjektiven wie intersubjektiven und sozialen Valenz der kulturellen Differenz(en). Dies bedeutet allerdings, dass erst aufgrund einer Analyse Auskunft über das Ausmaß von Differenz und damit auch die Relevanz der Untersuchung im Rahmen des Forschungsfeldes gegeben werden kann. <zurück>

5) Die Zuordnung journalistisch aufbereiteter Erfahrungen in Form von "Medienberichten" (aber auch z.B. in Reiseführern) zu empirisch fundierten VH erster Ordnung ist allerdings problematisch und trägt in erster Linie der konventionellen Trennung zwischen wissenschaftlicher und nichtwissenschaftlicher Textproduktion Rechnung. Wie viele Beispiele insbesondere in jüngster Zeit verdeutlichen, sind die Grenzen hier zum einen fließend; zum anderen handelt es sich bei journalistischen Arbeiten, die sich ebenfalls explizit auf bestimmte Richtlinien bei der Wissensproduktion berufen, oft ebenfalls um die Darstellung empirisch überprüfter Praxis und Erfahrung, die durch Hinzunahme anderer Quellen verifiziert wird. Insofern könnten entsprechende Arbeiten auch den explizit empirisch fundierten VH zweiter Ordnung subsumiert werden, jedenfalls – und das wäre das anzulegende Kriterium – wenn Datenerhebung und -analyse sowie theoretische Vergleichshorizonte entsprechend nachvollziehbar expliziert werden. <zurück>

6) Zu Reiseführern siehe z.B. BHATTACHARYYA (1997), FENDL und LÖFFLER (1993), LAUTERBACH (1989, 1992), SCHERLE (2001), WANG (2003), WANG und WIERLACHER (2000); zu Tourismusbroschüren z.B. KORTLÄNDER (2000), NAYAR (2003), SCHELLHORN und PERKINS (2004); zu Fernsehdokumentationen z.B. KUNZELMANN (2002), SCHAARSCHMIDT (2008); zu Urlaubsfotos z.B. ALBERS und JAMES (1988), OSBORNE (2000), SCHMIDT (2001) und zu Souvenirs z.B. HITCHCOCK und TEAGUE (2000), KREISEL (1987). <zurück>

7) Ich danke der MA-Studentin Alina JUODYTE, die das Interview geführt und transkribiert hat, für erste Hinweise auf diese interessante Sequenz. Der Interviewausschnitt stellt die Antwort auf die von der Interviewpartnerin im Verlauf des Interviews mehrfach angesprochenen persönlichen Veränderungen durch ihre erste Indienreise dar, die sie Anfang 2008 zusammen mit einem Freund unternommen hat. <zurück>

8) Die maßgeblich von Fritz SCHÜTZE (1977) entwickelte Methode des narrativen Interviews "besteht darin, den Interviewpartner nicht mit standardisierten Fragen zu konfrontieren, sondern ganz frei zum Erzählen zu animieren. Es gibt – so die Grundidee – subjektive Bedeutungsstrukturen, die sich im freien Erzählen über bestimmte Ereignisse herausschälen, sich einem systematischen Abfragen aber verschließen würden" (MAYRING, 1996, S.54). Um dies zu erreichen, verläuft ein narratives Interview in bestimmten aufeinander folgenden Phasen: Nach der Erklärungsphase, d.h. der Vorgabe des thematischen Rahmens (1), kommt die Erzählaufforderung (2), die die Erzählphase der interviewten Person einleiten und deren Haupterzählung (3) anstoßen soll. Es folgt die Nachfragephase (4), während der zuerst in Form "immanenter" Nachfragen an von der Interviewpartnerin oder dem Interviewpartner explizierte Aspekte angeschlossen wird, um weitere Detaillierungen zu erhalten. Anschließend können mittels "exmanenter" Fragen inhaltlich relevante, von der interviewten Person aber noch nicht angesprochene Themen erhellt werden, wobei u.U. ein vorbereiteter Fragenkatalog Verwendung findet. In der Bilanzierungsphase (5) wird die Interviewpartnerin/der Interviewpartner gebeten, eine Bilanz des von ihr/ihm Gesagten zu ziehen, bevor das Interview mit dem Debriefing bzw. einem Austausch über das Interview (6) beendet wird (s.a. GLINKA 1998; LUCIUS-HOENE & DEPPERMANN 2002). <zurück>

9) Da es in diesem Artikel um theoretische, methodologische und methodische Aspekte pragma-semantischer Analysen gehen soll und das empirische Beispiel lediglich Demonstrationszwecken dient, werde ich im Folgenden auf Belege und Quellen an den verschiedenen Vergleichshorizonten primär verweisen und diese inhaltlich nur soweit ausführen, wie es für das Verständnis der Vorgehensweise unbedingt nötig erscheint. <zurück>

10) Verfügbar unter: http://oikoumene.net/zeug/zeug.kairos/zeug.kairos.indien/ [Datum des Zugriffs: 22.09.2008]. <zurück>

11) Verfügbar unter: http://www.kinderdorf-anbaham.de/projekt.htm sowie http://www.katholische-kirche-kassel.de/content/freundeskreis_indischer_kinderdoerfer.php [Datum des Zugriffs: 22.09.2008]. <zurück>

12) Verfügbar unter: http://www.lonelyplanet.com/thorntree/thread.jspa?threadID=4375&tstart=18525&start=30 [Datum des Zugriffs: 22.09.2008]. Weitere entsprechende Quellen sind z.B. http://www.tino-in-indien.de/logbuch_detail.php?ID=37 oder http://www.sabana.ch/tagebuch/Nepal.html. Andere Reisende gehen zwar davon aus, dass absichtliche Verstümmelungen von Kindern zum Zwecke des Bettelns wohl vorkommen, weisen aber darauf hin, dass man es im Einzelfall nicht wissen könne (z.B. http://www.geo-reisecommunity.de/reisebericht/4161/3 oder http://www.india-law.eu/geld.htm#bettler). In allen erwähnten Quellen wird ein Zusammenhang mit der "Bettlermafia" hergestellt und eigene Verhaltensweisen im Umgang mit Bettler/innen werden beschrieben sowie Verhaltenstipps gegeben. <zurück>

13) Indien Aktuell Forum im Thread "Was kann man Bettlern geben? – Reisetipps, Lifestyle, Bollywood, Business"; verfügbar unter: http://www.indien-aktuell.de/viewtopic.php?t=1442&highlight=bettelnde+kinder [Datum des Zugriffs: 22.09.2008]. <zurück>

14) Für einen Überblick siehe den exzellenten zweiteiligen Beitrag von Gerald ECHTERHOFF und Jürgen STRAUB (2003, 2004). <zurück>

15) Zur Handlungen erklärenden Funktion von Narrationen siehe ausführlich Jürgen STRAUB (1999, S.141ff.). <zurück>

16) Ein gutes Beispiel hierfür ist das von Keith FRASER (1993) herausgegebene Buch "Worst Journeys. The Picador Book of Travel", in dem verschiedene Autor/innen mit Lust von ihren schlimmsten Reiseerlebnissen berichten. <zurück>

17) Dipankar GUPTA diskutiert in seinem Buch "Mistaken modernity. India between worlds" (2004) äußerst kritisch, inwieweit es sich tatsächlich um eine "moderne" Mittelschicht handelt. In seinen Augen kann die indische Mittelschicht nicht als "modern" bezeichnet werden, da sie sich gerade nicht an den mit der Moderne verbundenen Werten orientiert. Dass hier weitere pragma-semantische Verknüpfungen im Hinblick auf den Interviewausschnitt möglich sind, soll hier nur angedeutet werden. <zurück>

18) Als Sadhus (Sanskrit sādhu: Guter) werden im Hinduismus allgemein Gläubige bezeichnet, die sich einem besonders religiösen Leben verschrieben haben und – z.T. sehr streng – asketisch leben. Im Speziellen bezeichnet der Begriff Mönche der verschiedenen hinduistischen Orden. Sadhus werden in Indien allgemein sehr respektiert, oft werden ihnen auch besondere spirituelle (z.T. auch okkulte) Fähigkeiten zugeschrieben. Im Straßenbild fallen sie durch ihre äußere Aufmachung (orangene Kleidung, rituelle Ornamente, z.T. völlige Nacktheit etc.) auf. <zurück>

19) Darshan (Sanskrit darśana: Betrachtung, Zusammentreffen) bezeichnet im Hinduismus allgemein die Sicht und Vision des Heiligen bzw. Göttlichen, entweder in der Betrachtung eines Götterbildes oder in der Zusammenkunft mit einem spirituellen Lehrer. <zurück>

20) Mendikanten (lat. medicare: betteln) sind Bettelmönche. Im europäischen Mittelalter entstanden Bettelorden (z.B. Dominikaner, Franziskaner), bei denen nicht nur die Mendikanten selbst, sondern auch die Ordensgemeinschaft auf persönlichen Besitz verzichteten. Im Buddhismus ist das Mendikantentum die ursprüngliche Form des Mönchstums, im Hinduismus werden Bettelmönche als Sadhus bezeichnet. <zurück>

21) Vgl. aber A. WEIDEMANN (2005b, 2008) für ein Beispiel in Ladakh (Nordindien), wo religiöse (Selbstgeißelungs-) Praktiken shiitischer Muslime von westlichen Tourist/innen als extrem aversiv beschrieben werden, während die "friedliche" buddhistische Praxis als beruhigend erlebt wird. Auch hier lässt sich zeigen, dass die Konstitution und Bearbeitung kultureller Differenz in engem Zusammenhang mit Sehnsucht nach dem Paradies ("Shangrila") und mitgebrachten Erwartungen an das Reiseziel stehen. <zurück>

22) Als recht verschiedene Quellen seien hier Günther GRASS' in den letzten Jahren stark kritisiertes Buch über seinen Aufenthalt in Kalkutta "Zunge zeigen" (1991) genannt sowie die jüngst mehrfach ausgestrahlte zweiteilige TV-Dokumentation "Indien unaufhaltsam" von Claus KLEBER und Angela ANDERSEN (2006a, 2006b). <zurück>

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Zum Autor

Dipl.-Psych. Arne WEIDEMANN ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für Interkulturelle Kommunikation an der TU Chemnitz und Mitherausgeber des "Handbuchs interkulturelle Kommunikation und Kompetenz" (Metzler 2007). Forschungsschwerpunkte sind Kulturpsychologie, Symbolic Action Theory (Ernst E. BOESCH), Methodologie und Methoden qualitativer Sozialforschung, Repräsentation des Fremden, Tourismus; regionale Schwerpunkte: Indien, Taiwan.

Kontakt:

Arne Weidemann

Interkulturelle Kommunikation
Technische Universität Chemnitz
Thüringer Weg 11
D-09126 Chemnitz

Tel.: (+49) 0371 / 531 350 17
Fax: (+49) 0371 / 531 8 350 17

E-Mail: arne.weidemann@phil.tu-chemnitz.de
URL: http://www.tu-chemnitz.de/phil/ikk/ik/files/de/members4-43.html?member_id=3

Zitation

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