Volume 10, No. 1, Art. 25 – Januar 2009

Rezension:

Armine Roth

Verena Bertignoll (2006). Kinder leben Märchen. Innsbruck: Studien Verlag, 158 Seiten, ISBN 3-7065-4205-6, EURO 19,90

Zusammenfassung: Kernanliegen der Arbeit von BERTIGNOLL ist es, Hans DIECKMANNs Werk zum Lieblingsmärchen der Kindheit und dessen Beziehung zur Persönlichkeitsstruktur Erwachsener auch für die Arbeit mit Kindern zu erschließen. Märchen werden dabei als möglicher Zugang zu inneren Welten von Kindern und damit verbundenen Heilungs- und Entwicklungschancen verstanden. In diesem Sinne gelten BERTIGNOLL Märchen als Handwerkszeug, das sie an einer mehr deskriptiven als analytischen Diskussion einschlägiger Klassiker zu schärfen versucht. Entlang argumentationslogisch wenig eingebetteter Exkurse zur Rolle von Symbolsprache, Träumen und Archetypen im Kontext der Märchentherapie entwickelt sie mehrere Erklärungsansätze für die Wirksamkeit des Therapieverfahrens. Mittels teilstrukturierter narrativer Interviews mit neun Kindern aus fünf "intakten" Familien untersucht sie daraufhin mögliche Zusammenhänge zwischen Motiven des Lieblingsmärchens und psychischen Konflikten der Kinder und schließt hiervon ausgehend auf die Bedeutung von Märchen für Prävention und Therapie. Nach einer sehr ausführlichen Darstellung der empirischen Studie schließt die äußerst knapp gehaltene Ergebnisdiskussion mit der lapidaren Einschätzung, dass Lieblingsmärchen ein vielseitiges und vielschichtiges Verstehen von Schwierigkeiten, Sorgen und Ressourcen der befragten Kinder ermöglichen.

Keywords: Märchen; Märchentherapie; Lieblingsmärchen; Tiefenpsychologie; Interview

Inhaltsverzeichnis

1. Wieso Märchen in der Therapie?

2. Märchen als innere Wahrheiten

3. Märchen als therapeutisches Handwerkzeug

4. Die Symbolsprache des Märchens

5. Das Lieblingsmärchen als Erkenntnisinteresse

6. Ergebnisdiskussion

7. Kritik

Zur Autorin

Zitation

 

1. Wieso Märchen in der Therapie?

Bereits am Sprach- und Erzählstil des Buches lässt sich ablesen, dass BERTIGNOLL ihr Metier gut gewählt hat: Ihre "Entdeckungsreise" (S.11) in die geheimnisvolle Märchenwelt begann während eines klinischen Praktikums, in dessen Verlauf sie rasch an die Grenzen klassischer kinderpsychotherapeutischer Methoden stieß. Einer Empfehlung folgend vertiefte sie sich in die einschlägige Literatur, wobei sie Hans DIECKMANNs Werk "Das Lieblingsmärchen der Kindheit und seine Beziehung zu Neurose und Persönlichkeitsstruktur" besonders beeindruckt habe. Dessen Darlegungen möchte Verena BERTIGNOLL für die Arbeit mit Kindern fruchtbar machen. Die Kernfragen ihrer Studie lauten entsprechend: Welche diagnostischen, therapeutischen und prophylaktischen Möglichkeiten der Entwicklungsschwierigkeiten bietet das Lieblingsmärchen bereits in frühen Entwicklungsstadien? In welcher Beziehung stehen die Lieblingsmärchen zu Entwicklungskonflikten der Kindheit? (S.13) [1]

2. Märchen als innere Wahrheiten

Im Kapitel "Theoretische Grundlagen" diskutiert die BERTIGNOLL den Begriff Märchen in Abgrenzung zu verwandten Literaturgattungen wie Sage, Mythos, Fabel etc. Hierbei stützt sie sich vor allem auf die Arbeiten bedeutender kulturwissenschaftlicher Märchenforscher wie Max LÜTHI und Wladimir PROPP. Auch eine Pionierin der Entwicklungspsychologie, Charlotte BÜHLER (1958), die sich dem Thema annahm, erfährt ihre Würdigung. [2]

Nach LÜTHI haben Märchen eine "innere Wahrheit": auch wenn sie nicht die Realität darstellten, so spiegelten sie doch die seelische Wahrheit und spielten damit eine große Rolle in dem Heilungsprozess des Menschen. Märchen seien demnach nicht idyllisch, sondern verkörperten viele existenzielle Themen (Liebe, Neid, Aggression), auch die, die häufig tabuisiert werden (Tod, Altern). Damit würden die Kinder konfrontiert, und durch ihre Abstraktheit und Irrealität böten Märchen einen Rahmen zur Identifikation und Projektion, zur symbolischen Bewältigung der inneren Konflikte und Probleme, sie förderten Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten. Mithilfe kreativer Methoden wie Rollenspiel, Malen usw. könnten Konflikte verarbeitet und ein Einblick in die Geheimnisse, Sorgen und unbewussten Wünsche (S.18-20) der Kinder gewonnen werden. Diese Überzeugung vieler Psychoanalytiker/innen würde nicht von allen Wissenschaftler/innen geteilt, daher erläutert BERTIGNOLL Einwände, die von verschiedenen Autoren und Autorinnen angeführt werden. [3]

3. Märchen als therapeutisches Handwerkzeug

BERTIGNOLL skizziert in ihrem historischen Abriss, dass zu therapeutischen beziehungsweise heilenden Zwecken Märchen bereits lange angewendet wurden: Bruno BETTELHEIM zufolge fand die erste Psychoanalyse im Orient statt, entsprechend sei die Couch auch nicht von Sigmund FREUD, sondern von Scheherezade, der berühmten Tochter eines Großwesirs, erfunden worden. [4]

Aber auch FREUD erkannte BERTIGNOLL folgend die Bedeutung der Volksmärchen für das Seelenleben. Aus seiner Perspektive war es wichtig, das Auftreten von Märchenmotiven im Traum zu erkennen und entsprechend die Beziehung der Märchen zur Kindheitsgeschichte und Neurose seiner Patient/innen zu verstehen. Hier schlösse Carl Gustav JUNG mit seinem Werk "Zur Phänomenologie des Geistes im Märchen" an. Für ihn sei das Märchen eine Darstellung innerseelischer Vorgänge und ein Ausdruck kollektiv-unbewusster psychischer Prozesse. Hans DIECKMANN greife diesen Gedanken auf, indem er annimmt, dass "Märchen auf der symbolischen Ebene dem Menschen archetypische 'patterns of behavior' im Umgang mit den großen Grundproblemen des Lebens anbieten" (S.27). Entsprechend böten Märchen also Bilder, die Probleme, aber auch Lösungswege spiegelten. BERTIGNOLL begibt sich bewusst in diese Tradition, da sie in der Tiefenpsychologie die Wurzeln der Anwendung des Märchens in der Therapie sieht. [5]

Im Hinblick auf die Empirie hat sich die Autorin dieses Buches sowohl für das Erzählen, das Umformen und Abändern, als auch für das Imaginieren und das Malen der Märchen entschieden. Eine wichtige Rolle spielt auch die psychoanalytisch orientierte Methode von Traudel SIMON-WUNDT. Das Grundprinzip dieses als "Märchendialog" bezeichneten projektiven Verfahrens ist, dass Kinder im Dialog mit dem Therapeuten/der Therapeutin eine selbsterfundene Geschichte erzählen. So könne sich das Kind spielerisch auf die eigenen Probleme einlassen und einen freien Raum für die Verarbeitung innerer und äußerer Konflikte schaffen. Der Therapeut/die Therapeutin habe wiederum die Möglichkeit, sensibel auf den Ablauf und die Form der Geschichte einzuwirken und darauf zu achten, dass diese ihren symbolischen, märchenhaften Charakter bewahrt. Aus diesen Erzählungen werde dann auf das reale Leben und Konfliktthema geschlossen. [6]

Ein solcher Dialog fängt typischer Weise mit den einleitenden Worten des Therapeuten/der Therapeutin "Es war ein Mal ein Prinz" oder "Es war einmal ein Prinzessin" an. Das Kind setzt die Geschichte fort, und der Therapeuten/die Therapeutin sorgt dafür, dass die zentrale Figur, der Schauplatz, die Umgebung und der soziale Kontext der Geschichte genannt werden. Der Therapeut/die Therapeutin kann die Geschichte dann subtil auf die interessierende Problematik lenken (z.B. ... bis eines Tages etwas passierte, das sein/ihr Leben veränderte). Auf diese Art und Weise können Konflikte dramaturgisch zugespitzt, Reaktionen auf die Krisensituation beobachtet und Konfliktlösungen ausgearbeitet werden. Anhand spezifischer Auswertungskriterien (beziehungsanalytische, formale, inhaltliche Kriterien) wird die Geschichte schließlich interpretiert. [7]

4. Die Symbolsprache des Märchens

Im Abschnitt "Erklärungsansätze für die Wirksamkeit von Märchen" (S.33-44) führt BERTIGNOLL die rezitative Klassikerexegese mit zunächst unbekanntem Ziel fort: So spricht nach Erich FROMM das Märchen in der Sprache der Symbole: "Die Symbolsprache ist eine Sprache, in der Außenwelt ein Symbol der Innenwelt, ein Symbol unserer Seele und unseres Geistes ist" (S.35). Für C.G. JUNG hingegen ist das Symbol ein Versuch "eine Gegebenheit auszudrücken, für die kein Wortbegriff existiert" (S.36). Am Ende einer Reihe gegensätzlicher Zugänge zum Konzept Symbol wird schließlich Jolande JACOBI ins Feld geführt, derzufolge "... Symbole Ausdrucks- und Eindruckscharakter zugleich" (S.37) haben. Dennoch schlägt sich BERTIGNOLL offenbar auf die Seite der "Expressionisten" der Symbolsprache, indem sie auf Seite 38 schlussfolgert, dass das Märchen "durch seine symbolische Sprache ganzheitliches, emotives Verstehen innerseelischer Gegebenheiten" begünstige: "Die Symbolsprache als mögliche Erklärung für die psychologische und therapeutische Wirksamkeit des Märchens herauszuziehen, liegt also nicht allzu fern" (S.38). [8]

Die Symbolsprache des Märchens liegt ihr im Folgenden aber auch nicht besonders am Herzen: Unvermittelt steigt sie nun in eine Diskussion der ihr geläufigen Traumdeutungsliteratur ein, in der das Symbolische kaum mehr eine Rolle spielt. Über WITTGENSTEIN und FREUD hinweg geführt erfahren wir hierbei letztlich, dass das "Märchen eine große Verwandtschaft zum Traum aufweist" (S.40). Schließlich endet BERTIGNOLL wieder bei JUNG und JACOBI, deren Ausführungen zur Symbolsprache nun aber gänzlich vergessen scheinen, da BERTIGNOLL nunmehr lediglich das Konzept der Archetypen interessiert. Dabei lernen wir erneut, dass das "Geschehen im Märchen [...] nämlich als Spiegel interpersoneller, aber eben auch innerpsychischer oder intra-personeller Begebenheiten gelesen werden kann" (S.42f). Welche Relevanz das Konzept der Symbolsprache oder der Archetypen in diesem Kontext hat, wird allerdings nicht vermittelt. [9]

Stattdessen verweist die Autorin nun auf vier mehr oder weniger selbst entwickelte Erklärungsansätze für die therapeutische Wirksamkeit von Märchen (S.43): Hierzu gehören erstens deren Form, Struktur und Symbolsprache, die "ungewohnte Verstehensweisen in uns anregen" (ebd.). Zweitens beschreibt sie eine traumähnliche Funktion des Märchens im Hinblick auf die Erfüllung von unbewussten Wünschen. Drittens diskutiert sie im Gefolge der eingeführten Klassiker/innen eine "Theorie der archetypischen Bilder" (ebd.). Den – angekündigten – vierten Erklärungsansatz bleibt sie aber schuldig. Entlang der Gesamtdarstellung erfahren wir aber immerhin, dass Identifikation und Projektion die zentralen Wirkmechanismen im "Prozess der Integration von archetypischen Wissen" (S.42) darstellen, und dass Märchen als Spiegel intra- und interpersoneller Zustände dienen können, wobei die Figuren des Märchens im ersten Fall für Facetten der Persönlichkeit, im zweiten als Repräsentanten für reale Personen interpretiert werden. [10]

5. Das Lieblingsmärchen als Erkenntnisinteresse

Im empirischen Teil ihrer Arbeit verfolgt die Autorin das Ziel mittels qualitativer, tiefenhermeneutischer Methoden den Zusammenhang zwischen dem Lieblingsmärchen und entwicklungsbedingten Störungen von Kindern zu untersuchen. Folgende Fragestellungen waren von besonderer Bedeutung:

  • Gibt es Analogien zwischen den Motiven des Lieblingsmärchens eines sechs- bis zehnjährigen Kindes und seinen psychischen Konflikten?

  • Welche Bedeutung haben Märchen für Prävention und therapeutische Arbeit?

  • Sind die beteiligten Kinder in der Lage, die in der Auseinandersetzung mit dem Märchen entwickelten Lösungsstrategien zu erkennen und zu nutzen?

  • Gibt es tatsächlich ein spezifisches "Märchenalter", wie bislang von einschlägigen Autoren und Autorinnen unterstellt? [11]

Die Grundlage der Arbeit sind insbesondere die Volksmärchen der Gebrüder Grimm. Die Untersuchung wurde im Jahre 2002-2003 mit fünf "intakten" Familien, davon drei Mädchen, sechs Jungen und fünf Mütter durchgeführt. Die Alterspanne der Kinder lag dabei zwischen sechs bis zehn Jahren, keines der Kinder war psychisch oder körperlich beeinträchtigt. [12]

In einer für die Kinder vertrauten Umgebung fand ein 30- bis 60-minütiges "teil-standardisiertes narratives Interview" (vgl. S.64) zum Lieblingsmärchen, seinen Ereignissen und Figuren statt, das zwecks Analyse der nonverbalen Kommunikation auf Video aufgezeichnet wurde. Zudem konnten je nach Wunsch auch Zeichnungen von Schlüsselszenen angefertigt werden; der wichtigste Aspekt blieb aber der sprachliche Ausdruck (S.61). Im Dialog konnte das Lieblingsmärchen selbstverständlich auch abgewandelt werden. [13]

Im Anschluss an diese erste Erhebungsphase fand ein leitfadengestütztes Interview mit den jeweiligen Eltern statt, die zuvor gebeten waren, einen Elternfragebogen über das Verhalten von Kindern und Jugendlichen (CBCL/4-18 von DÖPFNER, SCHMECK & BERNER 1994) auszufüllen, um sozialstatistische Daten standardisiert zu erheben. [14]

Bei der Auswertung stützte sich BERTIGNOLL auf die tiefenhermeneutische Interpretationsweise, nach der zuerst wichtige Textteile aus den Erzählungen hervorgehoben und schließlich auf den unterschiedlichen Ebenen analysiert werden. Auf diesem Weg konnte BERTIGNOLL Antworten auf folgenden Fragen gewinnen: Worüber wird gesprochen? Wie wird gesprochen? Warum wird so gesprochen? (S.66) Als ein besonders für Kinder gut geeignetes diagnostisches Instrument wurden zudem Zeichnungen eingesetzt und hinsichtlich des ersten Eindrucks, der Auffälligkeiten, der Besonderheit und der Zusammenhänge mit den Erzählungen ausgewertet. Bezüglich der Kompetenzen wie auch eventueller Auffälligkeiten der Kinder im Bereich der Emotionen und des Verhaltens griff BERTIGNOLL auf den Elternfragebogen von DÖPFNER et al. zurück (S.68). [15]

6. Ergebnisdiskussion

Eine, wenn nicht die zentrale Leitfrage des Buches war nach dem Zusammenhang zwischen Lieblingsmärchen und psychischen Konflikten eines Kindes. Die Autorin findet diesen Zusammenhang bestätigt:

"In den Gesprächen wurde eindrücklich erkennbar, dass die Lieblingsmärchen der Kinder wesentliche Aspekte aus ihrem subjektiven Erleben spiegeln. Über die Identifikation [...] gelang es den Kindern, deutlich zu machen, was an dem jeweiligen Lieblingsmärchen für sie zentral ist. Es hat sich gezeigt, dass sowohl in der Auswahl der Märchen, als auch in der Hervorhebung bestimmter Sequenzen oder Erscheinungen das individuelle Erleben der Kinder zum Ausdruck kommen kann. Damit war das Praktische Vorgehen der Untersuchung [...] zielführend [..., denn es] wurde über die Lieblingsmärchen [...] ein sehr vielseitiges und vielschichtiges Verstehen ihrer Schwierigkeiten, Sorgen und nicht zuletzt Ressourcen möglich" (S.123f). [16]

Mehr Ergebnisdiskussion war der Autorin die Antwort auf ihre Leitfrage – leider! – nicht wert. [17]

Ein weiteres Interesse der Arbeit galt der Bedeutung, die Märchen für Diagnostik, therapeutische Arbeit und Prävention haben. Hier resümiert BERTIGNOLL, dass Märchen Zugang zu Gefühlen und Fantasien des Kindes verschaffen können (S.124). Das Zeichnen von Märchenszenen verdeutliche zudem bereits bekannte und verschaffe zusätzliche Informationen, während das strategische Abändern der Geschichte als Interventionsmethode kaum funktioniert habe, weil Kinder der ihnen bekannten Original-Variante des Märchens sehr stark verbunden seien. [18]

Sind die beteiligten Kinder aber in der Lage, die in der Auseinandersetzung mit dem vertrauten Märchen entwickelten Lösungsstrategien zu erkennen und zu nutzen? Sozial unerwünschte Gefühle, so die Autorin, können im Märchen erlebt und erprobt werden, wodurch das Märchen eine Ventilfunktion einnehmen kann. Zudem könnten sich Kinder quasi im Schonraum neue Erlebens- und Verhaltensmuster aneignen. Auch ohne hinreichende Datenlage ist die Autorin sicher: Ein Transfer der so (neu) angeeigneten Strategien sei ohne Weiteres möglich (S.125). [19]

In Bezug auf die Frage nach einem spezifischen "Märchenalter", also danach, ob Märchen-Affinität mit einer spezifischen Entwicklungsphase korreliert, kann BERTIGNOLL aufgrund der Ergebnisse ihrer Arbeit schließlich keine Rückschlüsse ziehen (S.120). [20]

7. Kritik

Grundsätzlich zeichnet sich das Buch durch einen kompakten und relativ gut verständlichen Theorieteil aus, sodass ich BERTIGNOLL auch einen Hang zur Redundanz verziehen habe. Relativ schnell stellte sich bei der Lektüre allerdings die Frage ein, was – einmal abgesehen von ihrer persönlichen Erfahrungswelt – die Autorin noch bewegt haben mag, sich des Themas anzunehmen? Ein wenig älter schmeckt der Wein der Leitfragen schon, der da im Schlauch eines schmucken, jungen Buches daher kommt. Was an sich noch kein Fehler sein muss, stößt sauer auf, wenn die Antworten auf die nicht ganz unbekannten Leitfragen deutlich weniger gewitzt, weniger ausführlich und weniger empiriebasiert hergeleitet werden, als es nach über 110 Seiten Text, davon über 60 Seiten Methodendiskussion und hermeneutischer Textanalyse, zu erwarten gewesen wäre. Manche Antwort auf die zentralen Leitfragen, die für die Untersuchung eingangs benannt werden, nimmt im Ergebnisteil keine fünf Sätze ein. [21]

In jedem Fall ist der Arbeit allerdings das Vergnügen anzumerken, mit dem BERTIGNOLL sich dem Thema gewidmet hat. Auch die Lektüre der Einzelgespräche deutet auf großes Engagement und eine professionelle Haltung im Einsatz von tiefenpsychologischen Methoden bei Kindern hin. [22]

Zur Autorin

Dipl.-Psych. Armine ROTH studierte Psychologie mit Schwerpunkt Entwicklungspsychologie an der Yerevan State University und der Technischen Universität Chemnitz. Zum Herbstsemester 2008 hat sie ein Master-Studium in Klinischer Psychologie an der Université de Fribourg aufgenommen. Zuvor war sie als Kunst-, Spiel- und Märchentherapeutin für Kinder und Jugendliche tätig.

Kontakt:

Armine Roth

Rue des Bouchers 3
Ch-1700 Fribourg

Tel.: +41 31 848 3447
Fax: +41 31 848 3401

E-Mail: arminka.roth@unifr.ch

Zitation

Roth, Armine (2009). Review: Verena Bertignoll (2006). Kinder leben Märchen [22 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 10(1), Art. 25, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0901250.



Copyright (c) 1970 Armine Roth

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