Volume 7, No. 3, Art. 3 – Mai 2006

Einleitung: Migrationsforschung in Europa (über nationale und akademische Grenzen hinweg) verstehen1)

Maren Borkert, Alberto Martín Pérez, Sam Scott & Carla De Tona

Zusammenfassung: Die Einleitung zu dieser FQS-Schwerpunktausgabe "Qualitative Migrationsforschung im Europa der Gegenwart" stützt sich auf das Argument, dass Zuwanderung ein Phänomen ist, welches Zeit und Raum transzendiert. Sie ist eine zeitlose menschliche Strategie zur Verbesserung der Lebensbedingungen und kann als "natürliches" Verhalten von Menschen definiert werden. Erst mit Prozessen der Nationalstaatsbildung, der Europäisierung, der Globalisierung und ökonomischen Polarisierung, für die sich im freien "Wandern" von Menschen ein Problem konstituiert, wird Migration zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und Auseinandersetzung. Wissenschaftler und Wissenschafterinnen haben auf die Konstituierung der Migration als Forschungsgegenstand in einer Vielzahl von Disziplinen reagiert; heute greifen sie auf Erkenntnisse aus vielen Staaten und auf ein breites Spektrum angewandter Methoden zurück, um Migration allgemein und die Prozesse und Strukturen von Europas "neuer" Zuwanderung im Besonderen zu verstehen. Wissenschaft sieht sich zugleich einer verwirrenden Diversität von Wanderungsbewegungen und vorhandenen Minderheiten gegenüber, die daraus resultieren. Diese Komplexität, so argumentiert der vorliegende Beitrag, stellt eine neue Herausforderung für die europäische Migrationsforschung dar – insbesondere wenn sie die Wanderungsbewegungen und -prozesse auf gesamteuropäischer Ebene zu verstehen sucht. In diesem Sinne beruht die vorliegende Artikelsammlung auf der Intention, aus verschiedenen nationalen und disziplinären Perspektiven heraus die Anforderungen zeitgenössischer Migrationsforschung in Europa zu beleuchten, und die folgende Einleitung konstituiert den ersten Schritt.

Keywords: Europa, Zuwanderung, Migration, qualitative Forschung, Interdisziplinarität

Inhaltsverzeichnis

Anmerkungen

Literatur

Zu den Autoren und Autorinnen

Zitation

 

"To talk about immigration, it is to talk about the whole society, to talk about its diachronic dimension, that is to say, from a historical perspective, but also about its synchronic extension, that is to say, from the point of view of the present structures of the society and their functioning" (SAYAD, 1991, S.15)

Migration ist ein globales Phänomen. Obwohl nach Schätzungen der Vereinten Nationen nur rund 2% der Weltbevölkerung Migranten sind, ist die Zuwanderung ein weitaus wichtigerer Prozess als dieser Prozentsatz suggeriert. Sie ist eine beschleunigende, diversifizierende und politisierende Kraft (CASTLES & MILLER 2003), die die Wahrnehmung von Nationalstaaten und Gruppenidentifikationen revolutioniert hat. Dabei ist Zuwanderung kein neuzeitliches Phänomen: Schon immer sind Menschen zu neuen Orten, in andere Regionen und Staaten "gewandert" und umgesiedelt. "Neu" ist hingegen die relativ zeitnahe "Erfindung" und Einrichtung nationaler Grenzen und die Vorstellung ("imagining") von Nationalstaaten (ANDERSON 1983, S.5-7). Erst durch diese ideologischen Prozesse und Phänomene wird Zuwanderung "international", und das natürliche Verhalten von Menschen, die ihre alltäglichen Lebensbedingungen verbessern wollen, konstituiert sich als Problem. Zeitlich jüngeren Datums als die historische Phase der Nationalstaatsbildung und ungleich schwieriger zu konzeptionalisieren sind die geo-politischen Prozesse der Europäisierung und Globalisierung. Im Europa der Gegenwart sieht sich die staatliche Souveränität von Nationen in zweifacher Hinsicht in Frage gestellt: politisch durch Europäisierungs- und wirtschaftlich durch Globalisierungsprozesse. Die Migration akzentuiert diese Phänomene und daraus resultierende Herausforderungen in einzigartiger Weise. Zuwanderer sind "Trittbrettfahrer"2) des globalen Kapitalismus, und ihre Arbeitskraft, egal ob qualifiziert oder unqualifiziert, ist vitaler Bestandteil der Flexibilität, Wettbewerbsfähigkeit und Dynamik einer Vielzahl ökonomischer Sektoren der aufnehmenden Gesellschaften. Generell besitzen Migranten auch Anteil an der gegenwärtigen Vorstellung ("imagining") von Nationalstaaten.3) [1]

Die Aufnahme von Zuwanderern in Europa, die Einstellungen zu und Vorstellungen von ihnen werden bestimmt von globalen, europäischen, nationalen und lokalen Faktoren und ihrem Zusammenspiel. In Hinblick auf eine implizite Hierarchie der Ebenen bedeutet dies: Trotz der gegenwärtigen Globalisierungs- und Europäisierungsprozesse und den unternommenen Schritten in Richtung auf eine "Harmonisierung" der Migrationspolitik innerhalb der EU gelingt es nationalen Traditionen weiterhin, ihre Eigenständigkeit zu behaupten.4) Diese nationalen Eigenarten verdeutlichen sich nicht nur in politisch-ökonomischer Hinsicht, sondern schließen auch die wissenschaftlich-akademische Sphäre mit ein.5) Zuwanderung in Frankreich und Großbritannien, zum Beispiel, kann nicht ohne die Rolle und Bedeutung des Kolonialismus und Post-Kolonialismus und ohne den jeweiligen nationalen wie akademischen Umgang mit diesen Fragen verstanden werden. In Großbritannien haben die "Beziehungen zwischen ethnischen Gruppen" bis vor kurzem den Rahmen für diese Debatte gebildet, während in Frankreich Fragen der Migration auf der Grundlage des universell-republikanischen Modells zu Integration und Assimilierung beantwortet wurden.6) Deutschland hingegen, dessen koloniale Vergangenheit nur eine untergeordnete Rolle in der Gegenwart einnimmt, sowie die Schweiz haben sich traditionell eher mit "Gastarbeiterfragen" beschäftigt. Die unterschiedlichen Nationalgeschichten und politischen Kontexte in Verbindung mit divergenten wissenschaftlichen Traditionen haben zu verschiedenen Arten des Verständnisses von Migration, Staatsbürgerschaft und Nationalstaatlichkeit geführt.7) [2]

Hinsichtlich des modernen Verlaufs der Zuwanderung in Europa stellt die Wirtschaftskrise von 1973 einen politischen und akademischen Wendepunkt dar. Aufgrund der ökonomischen Flaute, die dem Anstieg des Ölpreises folgte, führten Restriktionen in der damaligen Migrationspolitik zum offiziellen Schließen der Grenzen. Fragen der "Einwanderung", nicht des zeitlich begrenzten Zuzugs von Arbeitskräften, sondern der faktischen Bleibeabsicht von Menschen mit Familienbindungen und -verpflichtungen, traten in ganz Europa in den Vordergrund. Damit verbunden begann die Suche nach einer "europäischen Lösung" für das "Problem" Zuwanderung sowie der Konstruktion der "Festung Europas" in einer Phase der abnehmenden Immigration von "Gastarbeitern" und Zuwanderern aus ehemaligen Kolonien, die die Nachkriegszeit Europas bestimmt hatte. Für die Wissenschaft führte dies zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Migration als "politischem Problem", das es zu analysieren und zu fassen galt.8) [3]

Zu Beginn der 1970er Jahre bestimmten neue Themen die politische und wissenschaftliche Agenda der europäischen Mitgliedstaaten. Zuwanderer wurden nicht länger als reine Arbeitskräfte, sondern als Menschen betrachtet, die Städte bewohnten, Familien hatten, deren Kinder im schulpflichtigen Alter waren und die öffentliche Dienstleistungen in Anspruch nahmen. Zunehmend wurden Fragen wohlfahrtstaatlicher Versorgung, der Wohnstruktur und -verteilung und der Eingliederung in die Nachbarschaft zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Theoriebildung und Forschung. Daneben gewannen Aspekte der sozialen Gleichheit sowie der wirtschaftlichen wie kulturellen Integration an Bedeutung. Obwohl der statistischen Kenntnis der Migration noch immer großer Stellenwert beigemessen wurde, bereicherten neue Aspekte der Zuwanderung die Forschungsagenda. Diese neuen Forschungsinhalte verlangten nach komplexeren Ansätzen und einer Sensibilisierung der Verfahren, weshalb qualitative Methoden gegenüber traditionelleren quantitativen Erhebungsverfahren oft bevorzugt wurden.9) [4]

Mit den radikalen politischen Veränderungen der Jahre 1989-1991 änderte sich die internationale Zuwanderung nach Europa erneut und rief das Interesse der Öffentlichkeit und Politikverantwortlichen hervor. Historische Ereignisse wie der Zusammenbruch der UDSSR, der Krieg im ehemaligen Jugoslawien und die fortschreitende Etablierung des europäischen Binnenmarktes trugen zur Diversifizierung der Wanderungsbewegungen nach Europa bei. Gleichzeitig gewann die Zuwanderung mit dem Fortschreiten der Globalisierung im kulturellen und wirtschaftlichen Bereich zusätzlich an Komplexität. In diesem Sinne stellt es sich heute als wesentlich schwieriger dar, ein oder zwei stringente "Migrationstypen" zu fassen, wie dies mit der Arbeits- und Fluchtmigration oder der Familienzusammenführung in der Vergangenheit geschehen ist. Ebenso wie die Bandbreite der Wanderungsbewegungen in Europa zugenommen hat, hat sich auch ihre Reichweite in Hinblick auf Herkunfts- und Zielländer ausgedehnt. Zusätzlich wird die faktische Komplexität des Phänomens durch die vielfältigen Ansätze der verschiedenen Disziplinen zu einzelnen Aspekten der Migration sowie durch ihre Erarbeitung in und für unterschiedliche(n) national-wissenschaftliche(n) Forschungstraditionen in ihrem Eindruck weiter verstärkt. [5]

Auf der praktischen Ebene zeigen sich diese Veränderungen in der Existenz von "neuen Ländern der Zuwanderung" in Europa (Irland, Italien, Spanien etc.), die in der Vergangenheit eher durch Auswanderungsbewegungen gekennzeichnet waren. Doch unabhängig davon, ob man die "neuen Zuwanderungsländer" betrachtet oder sich die "alten Staaten" der Arbeitsmigration vor Augen führt, erscheint das Phänomen der Migration heutzutage außerordentlich diversifiziert und fragmentiert und stellt eine wirkliche Herausforderung für die Forscher und Forscherinnen dar, die diese gegenwärtigen Wanderungsbewegungen untersuchen wollen. Insbesondere die vergleichende Migrationsforschung sieht sich bei der transeuropäischen, innerstaatlichen und diachronen Analyse gefordert. [6]

Angesichts besagter Vielfalt zeitgenössischer Wanderungsbewegungen in Europa haben sich zahlreiche Forschende um die Zusammenführung der verschiedenen Perspektiven in Disziplinen wie der Soziologie, Anthropologie, Politikwissenschaft und Wirtschaftsforschung sowie um deren Anerkennung als gleichberechtigte Forschungsansätze verdient gemacht (BOMMES & MORAWASKA 2005; BRETELL & HOLLIFIELD 2000). Immer stärker verbreitet sich das Bewusstsein, dass wissenschaftlich relevante Sachverhalte und Phänomene ähnlicher Natur auf verschiedene Weise betrachtet und definiert werden können, und dass ein essentieller Bedarf dafür besteht, verschiedene disziplinäre und nationale Perspektiven zusammenzuführen, um der faktischen Diversifikation gegenwärtiger Wanderungsbewegungen gerecht zu werden. [7]

Als Teil dessen haben qualitative Ansätze in der Migrationsforschung in den vergangenen Jahren besondere Relevanz erlangt. Der Gebrauch qualitativer Methoden zur Erforschung von Migrationsphänomenen geht jedoch bereits auf die frühen Anfänge der empirischen Sozialwissenschaft zurück: Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erkannten Soziologen der Chicagoer Schule die Relevanz qualitativer Ansätze für die Analyse des Verhaltens von Gruppen in Stadtgebieten, und Anthropologen wie RADCLIFFE-BROWN, MALINOWSKI und MEAD führten die Feldforschung in die Sozialwissenschaften ein. Ihre Arbeiten legten den Grundstein für eine Vielzahl von empirischen Methoden der Erforschung sozialen Lebens, von denen viele direkt mit dem Alltag von Zuwanderern und deren Erfahrungen zusammenhängen (BLAUMEISER 2001; BOHNSACK 1999; DENZIN & LINCOLN 1994; KLEINING 1995). [8]

Die Chicagoer Schule zeigte außerdem, wie sich die verschiedenen Disziplinen auf der Grundlage ähnlicher epistemologischer Ansätze ergänzen können, und die aktuelle Renaissance dieses Verständnisses gab u.a. den Impuls für diese spezielle Ausgabe zur qualitativen Migrationsforschung im Europa der Gegenwart. Die vorliegende Sammlung von Artikeln orientiert sich dabei auch an feministischen Methodologien: Bereits seit den 1960er Jahren kritisierten feministische Wissenschaftlerinnen die begrenzte quantitativ-positivistische Perspektive der Migrationsforschung, insbesondere hinsichtlich ihrer Blindheit gegenüber dem Faktor Geschlecht. Stattdessen forderten sie, in qualitativen Studien diesen spezifischen Aspekt stärker aufzugreifen und allgemein die Komplexität des Lebens von Zuwanderern und Zuwandererinnen stärker herauszuarbeiten. Die feministische Perspektive rückte auch Fragen der Klassenzugehörigkeit, des Alters und anderer sozialer Lagen, welche die Migrationserfahrung ebenfalls prägen, in das Blickfeld (BECKER-SCHMIDT & BILDEN 1995; BRAH 1996; KOFMAN et al. 2000; YUVAL-DAVIS & ANTHIAS 1989). [9]

Grundsätzlich gibt es viele unterschiedliche Ansätze, um die multiplen Erscheinungsformen der Zuwanderung in Europa zu erforschen, und es gibt eine Vielzahl an Reflektionen aus verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen, die in dieser Ausgabe zusammengeführt und dargestellt werden sollen. Insofern erscheint die Berücksichtigung des folgenden Hinweises von Norman DENZIN und Yvonne LINCOLN (1994, S.3) besonders sinnvoll:

"Qualitative research as a set of interpretive practices, privileges no single methodology over any other. As a site of discussion, or discourse, qualitative research is difficult to define clearly. It has no theory, or paradigm, that is distinctly its own. (…) Nor does qualitative research have a distinct set of methods that are entirely its own". [10]

Die vorliegende Artikelsammlung gewährt Einsichten in das Migrationsphänomen, die dieser reichhaltigen und vielschichtigen qualitativen Tradition entspringen. In diesem Sinn reflektieren die ausgewählten Beiträge die Bandbreite und Reichweite des Phänomens der europäischen Zuwanderung sowie die Vielfalt diesbezüglicher wissenschaftlicher Ansätze. Gleichzeitig intendieren die Herausgeber und Herausgeberinnen, ein Bewusstsein der Gemeinsamkeit in Aspekten und Herangehensweisen in Bezug auf den Forschungsgegenstand Migration zu vermitteln, die uns als qualitative Migrationsforscher und Migrationsforscherinnen in Europa verbinden. [11]

Die vorliegende Artikelsammlung wurde von Mitgliedern des HERMES-Netzwerks (European Researchers in Migration and Ethnic Studies) initiiert und zusammengestellt. HERMES ist eine europäische Non-Profit-Organisation, die junge Migrationsforscher und -forscherinnen aus ganz Europa zusammenführt. Ihre Mitglieder leben in einer Vielzahl von europäischen Ländern und unterscheiden sich nach ihrem nationalen wie disziplinären Hintergrund. Die Organisation fungiert als transnationales und interdisziplinäres Diskussionsnetzwerk, mittels dessen die Mitglieder Erkenntnisse und Erfahrungen aus einer Vielzahl von Ländern und Fachgebieten miteinander teilen. Das Ziel des HERMES-Netzwerks besteht darin, das Verständnis gegenwärtiger Migrationsbewegungen in Europa durch die Überwindung nationaler und fachlicher Grenzen zu erweitern, die in der Vergangenheit die Sozialwissenschaft begrenzt haben. In dieser Hinsicht sucht HERMES, Forschungsresultate vor einer internationalen Zuhörerschaft darzulegen und zu diskutieren, und beschreitet dabei herkömmliche wie neuartige Wege wissenschaftlicher Kommunikation. Diese Artikelsammlung markiert einen ersten Schritt in dem längerfristigen Versuch, einen paneuropäischen Raum der Migrationsforschung zu etablieren.10) [12]

Die Artikel, die in dieser FQS-Ausgabe dem Schwerpunktthema zugehören, lassen sich drei Subthemen zuordnen: Teil I beschäftigt sich mit theoretischen Reflektionen zur qualitativen Migrationsforschung. Hier wird insbesondere der Frage nachgegangen, inwiefern der persönliche und akademische Hintergrund die Wissensproduktion gegenwärtiger Migrationsforschung beeinflussen. In diesem Teil finden sich Beiträge von BORKERT und DE Tona (HERMES-"Geschichten": eine Analyse der Herausforderungen, denen sich junge europäische Forscher und Forscherinnen in der Migrations- und Ethnizitätsforschung gegenübersehen), GANGA und SCOTT (Kulturelle "Insider" und die Frage der Positionalität in der qualitativen Migrationsforschung: wie man sich entlang und über Grenzen zwischen Forscher[inne]n und Forschungsteilnehmer[inne]n [hinweg] bewegt), MARTÍN PÉREZ (Qualitative Forschung mit Migranten[innen] in der Praxis: Reflektionen eines spanischen Staatsbürgers) und WEISS (Vergleichende Forschung zu hochqualifizierten Migrantinnen und Migranten. Lässt sich eine Klassenlage mittels qualitativer Interviews rekonstruieren?). Die sich in Teil II anschließenden Reflektionen sind deutlich praktischerer Natur: Mit der Intention, das gegenwärtige Verständnis (der Anwendung) qualitativer Forschung zu verbessern und weiterzuentwickeln, konzentrieren sich CATALÁN-ERASO (Reflektionen zur Interkulturalität im ethnographischen Filmen) und FRISINA (Das Potenzial der "Back-talk"-Methode bei Fokusgruppen: gegen die fehlende Rückbindung der qualitativen Migrationsforschung) auf ausgesuchte qualitative Methoden deren Anwendung in der Migrationsforschung. In Teil III diskutieren DEGNI, PÖNTINEN und MÖLSÄ (Die Erfahrungen somalischer Eltern mit der Kindererziehung in Finnland: sozio-kultureller Wandel innerhalb des Zuwanderer[innen]haushalts) sowie MANTOVAN (Zuwanderung und Bürgertum: Teilnahme und Selbstorganisation von Zuwanderer[inne]n im Veneto [Norditalien]) mit Hilfe des Fallstudien-Ansatzes allgemeine Fragen der gegenwärtigen Migrationsforschung. Der erklärten Intention der Herausgeber(innen) dieser speziellen Ausgabe folgend, einen Einblick in die enorme Bandbreite zeitgenössischer Studien zur Ethnizität und Zuwanderung in Europa zu eröffnen, dienen zwei weitere Beiträge, die in Teil III präsentiert werden: Als Beispiel ethnomusikologischer Forschung im Bereich Migration untersucht BOURA in einer Fallstudie die Beziehung des Verhältnisses von Musik und Identität im Falle eines griechischen "Gastarbeiters" in Deutschland (Vorstellungen von "Heimat": Identität und Repertoire eines griechischen "Gastarbeiters" und Musikers in Deutschland), während die Forschungsgruppe NOHL, SCHITTENHELM, SCHMIDTKE und WEISS (Kulturelles Kapital in der Migration – ein Mehrebenenansatz zur empirisch-rekonstruktiven Analyse der Arbeitsmarkintegration hochqualifizierter MigrantInnen) ein komplexes Model zur Erforschung kulturellen Kapitals im Migrationsprozess vorstellt, das auf dem systematischen Vergleich von Statusgruppen in Deutschland, Kanada, Großbritannien und der Türkei beruht, die sich u.a. hinsichtlich ihrer Bildungsabschlüsse und ihres Aufenthaltsstatus' und -ortes unterscheiden. [13]

Darüber hinaus enthält die vorliegende Artikelsammlung Interviews, in denen DE TONA Ronit LENTIN und Hassan BOUSETTA zum gegenwärtigen Stand und Stil zeitgenössischer Migrationsforschung in Europa befragt. [14]

Anmerkungen

1) Zum besseren Verständnis soll darauf hingewiesen werden, dass der vorliegende Beitrag eine Übersetzung des englischen Originals darstellt und keine eigenständige Publikation ist, obwohl er sich an einigen Textstellen nicht wörtlich, sondern frei auf den Originaltext bezieht. <zurück>

2) Der englische Originalausdruck "hitchhiker of global capitalism" erscheint positiver konnotiert als der für die deutsche Version gewählte Terminus "Trittbrettfahrer". Grundsätzlich verdeutlicht er jedoch das Bild der offiziell unintendierten, aber praktisch ermöglichten Teilnahme am revolutionären Wandel des bestehenden Wirtschaftsgefüges durch das "Aufspringen auf den Zug" bzw. die Internationalisierung von Arbeitskraftnachfrage und -angebot. <zurück>

3) Im Vereinigten Königreich manifestiert sich dieses Phänomen am deutlichsten und am öffentlichsten durch die Inkorporierung der indischen, pakistanischen und Bangladeshi-Küche in die britische Nationalkultur. Ähnliche Beispiele kulinarischer Art lassen sich auch in anderen europäische Staaten finden. Analog zum Vereinigten Königreich ließe sich für Deutschland auf die im Alltag beobachtbare Zurückdrängung der Currywurst durch den Döner-Kebab hinweisen. <zurück>

4) In jüngster Zeit wurde die europäische Harmonisierung der Migrationspolitik im Zusammenhang mit der Einführung einer "europäischen green-card" für qualifizierte Zuwanderer diskutiert: Dem waren Diskussionen um eine gemeinsame Grenzpolitik der EU-Mitgliedsstaaten und ein gemeinsames Asylrecht vorausgegangen. <zurück>

5) Marco MARTINIELLO (2001, S.29-39) spricht in diesem Zusammenhang von einer "unvollständigen Europäisierung" für den Zeitraum zwischen 1973-2000, verursacht durch die starke Resistenz nationaler Ansätze in der Migrationsforschung und -politik. Dominique SCHNAPPER (1992, S.12-21) unterstreicht ebenfalls die Relevanz nationaler Politik-Konzepte, betont jedoch gleichzeitig ihre gemeinsame Natur: auch wenn diese "nationalen" Konzepte auf verschiedene nationale Traditionen zurückgehen, so argumentiert sie, stehen doch dieselben politischen Intentionen dahinter. <zurück>

6) Nähere Informationen zu diesem Vergleich zwischen Großbritannien und Frankreich finden sich bei Didier LAPEYRONNIE (1993). <zurück>

7) Näheres siehe auch in Roger BRUBAKERs (1992) Vergleich zur Staatsbürgerschaft und Nationsbildung in Frankreich und Deutschland. <zurück>

8) Siehe dazu auch die Studie von Abdelmalek SAYAD (1984), der zeigt, wie Zuwanderung als Forschungsgegenstand in Frankreich "entdeckt" wurde, nachdem sie im wirtschaftlich florierenden Europa der Nachkriegszeit zu einem "politischen Problem" geworden war. <zurück>

9) Diese Betonung qualitativer Forschungsmethoden zeigt sich insbesondere in der Soziologie (RIBAS-MATEOS 2004; REA & TRIPIER 2003). <zurück>

10) In diesem Zusammenhang erscheint es notwendig, darauf hinzuweisen, dass die Herausgeber und Herausgeberinnen nicht annehmen, dass eine vergleichende Perspektive jemals nationale und akademische Unterschiede überwinden wird. Zuwanderung in den jeweiligen EU-Mitgliedsländern wird weiterhin spezifisch nationale Kenntnisse erfordern. Darüber hinaus werden trotz des Gebrauchs des Englischen als wissenschaftlicher "lingua franca" Schwierigkeiten in der Übersetzung und Übertragung theoretischer und konzeptioneller Nuancen bestehen bleiben. Daneben besteht die Gefahr, durch die Privilegierung der englischen Sprache und ihrer Kenntnis andere Ansätze und Standpunkte zu vernachlässigen. <zurück>

Literatur

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Becker-Schmidt, Regina & Bilden, Helga (1995). Impulse für die qualitative Sozialforschung aus der Frauenforschung. In Uwe Flick & Ernst v. Kardorff & Heiner Keupp & Lutz v. Rosenstiel & Stephan Wolff (Hrsg.), Handbuch qualitative Sozialforschung: Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen (S.23-30). Weinheim: Beltz.

Blaumeiser, Heinz (2001). Einführung in die Qualitative Sozialforschung. In Theo Hug (Hrsg.), Wie kommt Wissenschaft zu Wissen? Band 3: Einführung in die Methodologie der Sozial- und Kulturwissenschaften (S.31-51). Baltmannsweiler: Schneider.

Bohnsack, Ralf (1999). Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in Methodologie und Praxis qualitativer Forschung. Opladen: Leske + Budrich.

Bommes, Michael & Morawska, Ewa (2005). International migration research. Aldershot: Ashgate.

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Bretell, Caroline & Hollifield, Fames (2000). Migration theory. London: Routledge.

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Kleining, Gerhard (1995). Methodologie und Geschichte qualitativer Sozialforschung. In Uwe Flick, Ernst v. Kardorff, Heiner Keupp, Lutz v. Rosenstiel & Stephan Wolff (Hrsg.), Handbuch qualitative Sozialforschung: Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen (S.11-22). Weinheim: Beltz.

Kofman, Eleonore, Phizeclea, Annie, Raghuram, Parvati & Sales, Rosmary (Hrsg.) (2000). Gender and international migration in the European Union: Employment, welfare and politics. London: Routledge.

Lapeyronnie, Didier (1993). L'individu et les minorités. La France et la Grande-Bretagne face à leurs immigrés. Paris: PUF.

Martiniello, Marco (2001). La nouvelle Europe migratoire. Pour une politique proactive de l'immigration. Brussels: Labor.

Rea, Andrea & Tripier, Maryse (2003). Sociologie de l'immigration. Paris: La Découverte.

Ribas Mateos, Natalia (2004). Una invitación a la sociología de las migraciones. Barcelona: Bellaterra.

Sayad, Abdelmalek (1984). Tendances et courants des publications en sciences sociales sur l'immigration en France depuis 1960. Current Sociology, 32(3), 219-304.

Sayad, Abdelmalek (1991). L'immigration ou les paradoxes de l'altérité. Brussels: De Boeck.

Schnapper, Dominique (1992). L'Europe des immigrés. Paris: François Bourin.

Yuval-Davis, Nira & Anthias, Flova (1989). Woman Nation State. London: Macmillan.

Zu den Autoren und Autorinnen

Maren BORKERT ist die Initiatorin und Mitherausgeberin dieser FQS-Schwerpunktausgabe und die Übersetzerin zweier Artikel sowie sämtlicher Abstracts ins Deutsche. Sie ist Vize-Präsidentin der HERMES-Organisation und institutionell mit dem "europäischen forum für migrationsstudien" (efms) der Universität Bamberg verbunden. Derzeit befindet sie sich in der Endphase ihrer Dissertation zur Integrationspolitik in Italien, in der sie faktische und gesetzliche Grundlagen der italienischen Migration/Integration in historischer Perspektive darstellt, die Interaktion zwischen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren auf bzw. zwischen der Landes- und lokalen Ebene erforscht sowie die Umsetzung integrationspolitischer Maßnahmen in der lokalen Realität ausgesuchter Gemeinden analysiert. Insbesondere fokussiert der Mehrebenenansatz dieser Implementationsstudie auf die staatlich geförderte Eingliederung von Schülern und Schülerinnen mit Migrationshintergrund in die italienische Grundschule sowie auf die Realisierung von Italienisch-Sprachkursen für erwachsene Zuwanderer(innen).

Kontakt:

Maren Borkert

europäisches forum für migrationsstudien (efms)
Katharinenstr. 1
96052 Bamberg, Deutschland

E-Mail: mborkert@web.de, maren.borkert@sowi.uni-bamberg.de

 

Alberto MARTÍN PÉREZ ist spanischer Mitherausgeber dieser FQS-Schwerpunktausgabe und als solcher verantwortlich für die Übersetzung zweier Beiträge sowie aller Abstracts ins Spanische. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Soziologie I (Sozialer Wandel) der Universität von Madrid. Seine Dissertation verfasst er an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris und der Universidad Complutense in Madrid über die Art und Weise, in der das Leben von Zuwanderern durch ihre Beziehung zu spanischen Institutionen beeinflusst wird. In besonderer Weise strebt er die Förderung und Entwicklung ethnographischer Ansätze in der Politikfeldanalyse an.

Kontakt:

Alberto Martín Pérez

Departamento de Sociología I (Cambio Social)
Facultad de Ciencias Políticas y Sociología
Universidad Complutense de Madrid
Campus de Somosaguas s/n
28223 Madrid, Spanien

E-Mail: albertomp@chez.com

 

Dr. Sam SCOTT ist englischsprachiger Redakteur und Mitherausgeber dieser FQS-Schwerpunktausgabe. 2003 promovierte er zum Thema der Migration Hochqualifizierter in Europa. Seitdem hat er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Vielzahl von Projekten in den Bereichen soziale Diskriminierung/Exklusion sowie Migration und Minderheiten in Europa mit gearbeitet. Sam ist als Lektor im Fach europäische Sozialgeographie an der Universität Sheffield beschäftigt.

Kontakt:

Dr Sam Scott

Department of Geography, University of Sheffield
Winter Street, S10 2TN, UK

Tel: 0044 (0) 114 222 7939

E-Mail: s.scott@sheffield.ac.uk
URL: http://www.shef.ac.uk/geography/staff/

 

Carla DE TONA ist verantwortlich für die Experteninterviews zum Stand der qualitativen Migrationsforschung im Europa der Gegenwart, die im Rahmen dieser FQS-Schwerpunktausgabe durchgeführt wurden und als Publikation ebenfalls zugänglich sind. Sie befindet sich in der Endphase ihrer Dissertation über italienische Zuwanderinnen in Irland. Am Trinity College in Dublin lehrt sie im Bereich Migrationsforschung und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "Global Network" des Institute for International Integration Studies am Trinity College, Dublin.

Kontakt:

Carla De Tona

Institute for International Integration Studies
The Sutherland Centre
Trinity College Dublin
Dublin 2, Irland

Tel: +353 (0)1 608 3201

E-Mail: detonac@tcd.ie

Zitation

Borkert, Maren; Martín Pérez, Alberto: Scott, Sam & De Tona, Carla (2006). Einleitung: Migrationsforschung in Europa (über nationale und akademische Grenzen hinweg) verstehen. [14 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 7(3), Art. 3, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs060339.



Copyright (c) 2006 Maren Borkert, Alberto Martín Pérez, Sam Scott, Carla De Tona

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