Volume 7, No. 3, Art. 9 – Mai 2006

HERMES-"Geschichten": eine Analyse der Herausforderungen, denen sich junge europäische Forscher und Forscherinnen in der Migrations- und Ethnizitätsforschung gegenübersehen1)

Maren Borkert & Carla De Tona

Zusammenfassung: Aus der Perspektive europäischer Wissenschaftler, die am Beginn ihrer akademischen Laufbahn stehen, führt der vorliegende Artikel in die zeitgenössische Migrationsforschung Europas ein. Im Einzelnen wird der Umgang mit Selbst-Reflexivität als einem zentralen Instrument diskutiert, um die qualitative Datenanalyse für die vielfältigen Dimensionen der heutigen Migrations- und Ethnizitätsforschung in Europa zu sensibilisieren. Als Teil und Ausdruck dieser Selbstreflexivität trägt der vorliegende Beitrag den vielschichtigen Verbindungen und Beziehungen Rechnung, welche die Interaktion von Forschenden und Forschungsteilnehmenden bestimmen. Es wird gezeigt, wie diese sich sogar noch komplizierter und verwirrender gestalten, wenn außerhalb des Herkunftslandes eines Wissenschaftlers oder einer Wissenschaftlerin und innerhalb eines nationalen Kontextes geforscht wird, dem Forschende nicht "genuin“ angehören. In den letzten Jahren hat die Europäische Kommission den wissenschaftlichen Austausch insbesondere unter jungen akademischen Forschern und Forscherinnen in Europa gefördert. In diesem Zusammenhang wurde insbesondere die Notwendigkeit betont, effektive internationale wie interdisziplinäre Netzwerke zu etablieren; es wurde jedoch nur sehr wenig Aufmerksamkeit der Frage zuteil, wie sehr die Prozesse der Entwurzelung und Wiederverwurzelung (re-grouping), die junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in Europa in verstärktem Maß erfahren, deren praktische Forschungserfahrung erleichtern oder erschweren. Angesichts der spezifischen Komplexität international (vergleichender) Migrationsforschung widmet sich der folgende Beitrag den genannten Fragestellungen auf der Grundlage der Reflektion eigener wissenschaftlicher Erfahrungen und versucht ein Bewusstsein dafür zu schaffen und Wege dahingehend aufzuzeichnen, wie junge Akademiker und Akademikerinnen in Europa erfolgreich transnationale Forschung betreiben können.

Keywords: transnational, Forschung in Europa, Reflexivität, qualitative Forschung, Migration

Inhaltsverzeichnis

1. Transnationale Forschung in Europa: "Akademische Zuwanderer(innen)" als Forschende

2. Akademische Zuwanderer(innen) in fremden Institutionen

3. Wie kann europäische Forschung unter akademischen Zuwanderer(inne)n realisiert werden? Der HERMES-Fall

4. "Der Stoff des Lebens": als Zuwanderer(in) unter Migrant(inn)en

5. Wie beeinflussen die direkte Erfahrung der Migration und Fremdheit unsere Forschung? Persönliche Reflektionen

6. Schlussworte

Anmerkungen

Literatur

Zu den Autorinnen

Zitation

 

1. Transnationale Forschung in Europa: "Akademische Zuwanderer(innen)" als Forschende

Obwohl das EU-Forschungsbudget nur ca. 5% der Gesamtausgaben seiner Mitgliedsstaaten ausmacht, übt es dennoch maßgeblich Einfluss auf die Forschungspolitik und auf die Forschungspraktiken im europäischen Binnenraum aus (KUHN & ROMØE 2005a). Insbesondere die so genannten "Rahmenprogramme" haben die Entwicklung einer einheitlicheren Wissenschaftsagenda in Europa gefördert und die innereuropäische Mobilität von Forschern und Forscherinnen erhöht. [1]

Besagte EU-Rahmenprogramme besitzen eine über zwanzigjährige Geschichte. Doch obwohl das erste dieser Programme bereits 1984 initiiert wurde und derzeit bereits das siebte realisiert wird (http://www.cordis.lu/fp7/), gibt es nur wenige Erkenntnisse über ihren Einfluss auf die europäische(n) Forschungskultur(en) (KUHN & ROMØE 2005a, S.3). Es gilt jedoch als erwiesen, dass die Europäisierung sozialökonomischer Forschung einen neuen "komparativen Ansatz" geschaffen hat (KUHN & ROMØE 2005a, S.6), durch den in Forschungsprojekten (in nationaler, akademischer und personeller Hinsicht) mehr Grenzen überschritten werden als jemals zuvor und durch den unterschiedliche kulturelle, sprachliche und akademische Traditionen zusammengeführt werden. KUHN und ROMØE zufolge wird sozialökonomische Forschung in Europa in dreierlei Hinsicht transnational: durch den direkten Ländervergleich, durch thematische Studien über Ländergrenzen hinweg und durch Studien jenseits nationaler Kategorien (KUHN & ROMØE 2005a, S.54). Doch die Erkenntnisse hinsichtlich der "tacit and virtually undocumented research, social and management skills" (KUHN & ROMØE 2005a, S.7), die wir als transnationale europäische Forscher und Forscherinnen zu entwickeln gelernt haben, sind gering. [2]

Diese Art der internen akademischen Transnationalisierung von Forschung wurde zusätzlich durch die personelle "akademischen Zuwanderung" qualifizierter Arbeitskräfte aus Ost- und Mitteleuropa zum Beispiel im Rahmen von so genannten "brain-drain" und "brain-gain"-Verläufen in Europa verstärkt.2) Die Beobachtung führt zu der Erkenntnis, dass Forschende in zweierlei Hinsicht "transnational werden": durch den wissenschaftlichen Ansatz, den sie in ihrer Untersuchung verfolgen, und durch den Ort, von dem aus sie diese realisieren. Vor diesem Hintergrund akzentuieren sich neue methodologische und epistemologische Herausforderungen, die im Forschungsalltag bewältigt werden müssen. KUHN und ROMØE zufolge muss dabei "a consensus on culture-specific ideas, regarding scientific standards and methods" erzielt werden (2005b, S.54). [3]

HANTRAIS verweist darauf, dass es innerhalb Europas verschiedene "intellectual (or academic) styles", d.h. gallische, teutonische und angelsächsische Traditionen, gibt. Diese Stile unterscheiden sich voneinander, indem sie eher philosophische oder theoretische Ansätze verfolgen, eher Statistiken oder Fallstudien einbeziehen und eher auf den Konsens oder den Dissens zwischen Forschenden zielen (HANTRAIS 2003, S.6). Zum Zwecke einer effektiven Zusammenarbeit in der Forschung und um Missverständnisse zu vermeiden, müssen diese Stile im Wissenschaftssystem Europas "harmonisiert" oder wenigstens explizit gemacht werden. [4]

Zusätzlich entstehen weitere Unterschiede durch nationale Forschungspolitiken. In Frankreich zum Beispiel werden Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen durch das CNRS (Centre National de la Recherche Scientifique) wie Beamte behandelt, während die Forschung im Vereinigten Königreich von Marktgesetzen gesteuert wird, auch wenn die Regierung über Research Councils eine gewisse Kontrolle innehält. Die jeweiligen Finanzierungsstrukturen und die relative Bedeutung und Rolle des Staates, Marktes und des Freiwilligensektors beeinflussen inter alia die Art und Weise, wie Forschungsthemen ausgewählt werden und welche politische Relevanz einer Studie beigemessen wird, und sie entscheiden über die Zuteilung finanzieller Ressourcen. [5]

Die Gesamtheit dieser Faktoren beeinflusst nachhaltig den Forschungsprozess. HANTRAIS hält dazu fest:

"Although the barriers created by the cultural background of researchers are rarely insuperable and are an interesting object of study on their own, they can lead to delays and misunderstandings, which may undermine team building, the progress of the research and the ability of the researchers to deliver the planned outputs and within budgets" (HANTRAIS 2003, S.8). [6]

Die Präsenz genannter Missverständnisse erscheint dabei nicht auf akademische Institutionen beschränkt, auch in der Forschungspraxis können sie sich als substantielle Probleme manifestieren. Die meisten Autoren und Autorinnen dieser FQS-Schwerpunktausgabe, allesamt transnationale Forschende in Europa, sahen sich derartigen Hindernissen oft gegenüber. Sie waren Bestandteil von Diskussionen und manchmal auch von vehementen Auseinandersetzungen zum jeweiligen Verständnis und Ansatz von Migrationsforschung; Teilweise traten Gegensätze im Verlauf von Konferenzen oder in informellen Gesprächen am Rande von wissenschaftlichen Veranstaltungen offen zu Tage. Gerade der gemeinsame qualitative Ansatz schuf dabei Raum zur Thematisierung und Reflektion der umstrittenen "Unterschiede", durch den die Entwicklung europaweiter Perspektiven in der Folge initiiert wurde. [7]

Doch entgegen ihrer teils massiven Präsenz in der Forschungspraxis erscheint die Thematisierung und Diskussion nationaler Forschungsstile und -traditionen sowie von deren Implikationen für eine effektive europaweite Zusammenarbeit in der Forschungsliteratur als gering. Der vorliegende Beitrag sowie die anderen in FQS 7(3) veröffentlichten Artikel zur Migrationsforschung entspringen der Intention, dieser Defizitsituation entgegenzuwirken, indem die aktuellen Erfahrungen junger akademischer Forscher und Forscherinnen im Bereich europäischer Migrationsforschung, deren Bedeutungen und Konsequenzen, reflektiert und (im weitesten Sinne) evaluiert werden. Vor dem Hintergrund der besonderen Implikationen der Europäisierung sozialer Forschung liegt der Fokus des folgenden Artikels vor allem auf der Zuwanderung durch Wissenschaftler(innen), die mit ihrer Arbeit selbst zu Migrant(inn)en werden. [8]

Der in diesem Kontext gewählte Begriff "akademische Zuwanderung" bezieht sich auf europäische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die wie die Autorinnen dieses Beitrages in immer stärkerem Ausmaß bei der Erforschung der Migration in Europa selbst zu transnationalen Forscher(inne)n werden. Migrierende europäische Forschende "wandern" und leben in anderen Ländern als dem eigenen Herkunftsland, erlernen oft eine neue Sprache und neue soziale und kulturelle Normen. Analog zur Migration, die Forschungsgegenstand ist, erleben auch Forschende Prozesse der "Entwurzelung" und "Wiederverwurzelung" (re-grouping), und sie werden so selbst in gewisser Weise zu "Fremden" wie die Menschen, mit denen sich die eigene wissenschaftliche Untersuchung befasst (und die aus demselben Land wie die Forschenden stammen können oder nicht). Obgleich europäische Wissenschaftler(innen) sich selbst kaum als "akademische Zuwanderer(innen)" bezeichnen, erfahren sie den Prozess der Migration doch in ähnlicher Weise wie die Subjekte, die sie studieren. [9]

In dieser Hinsicht widmet sich der vorliegende Beitrag der Frage, wie dieser Aspekt der Transnationalität auf Seiten der Migrationsforscher(innen) die Forschenden selbst, die Dynamik im Interaktionsprozess mit Forschungsteilnehmenden und letztlich die Forschung und deren Resultate beeinflusst. [10]

Zur Bedeutung gegenwärtiger Migrationsforschung in Europa hält die Europäische Kommission generell fest: "Research in relation to migration issues is an integral part of the European Union's programme for research in the social sciences and the humanities". Und weiter: "The Directorate-General for Research of the European Commission supported a significant number of research projects that address directly issues of migration" (Näheres siehe: ftp://ftp.cordis.lu/pub/citizens/docs/catalogue_migration_projects.doc). [11]

Gegenüber der Forcierung von Forschungsprojekten zu Migrationsfragen wird jedoch den Auswirkungen akademischer Zuwanderung auf die Wissensgenerierung und allgemein auf die transnationale Migrationsforschung in Europa nur wenig Aufmerksamkeit zuteil. In diesem Sinne geht der vorliegende Beitrag zunächst auf die Herausforderungen ein, denen sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beim Forschen in unterschiedlichen akademischen Kontexten Europas gegenübersehen. Danach wird die HERMES-Vereinigung als ein Netzwerk europäischer Forscher und Forscherinnen im Bereich der Migrations- und Ethnizitätsstudien vorgestellt und in diesem Rahmen beobachtete forschungspraktische Implikationen für die europäische Zusammenarbeit werden diskutiert. Darüber hinaus werden methodologische Fragen behandelt, die zu Tage treten können, wenn akademische Zuwanderer(innen) Migrant(inn)en aus dem eigenen Herkunftsland und aus anderen Herkunftsländern befragen, so wie es die beiden Autorinnen des Artikel erfahren haben. [12]

2. Akademische Zuwanderer(innen) in fremden Institutionen

Halten sich europäische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen im Laufe ihres akademischen Lebens in fremden Ländern und bei fremden Forschungseinrichtungen auf, sehen sich die meisten nicht selten mit der (existentiellen) Frage konfrontiert: wie verhalte ich mich? Jede Forschungseinrichtung kennt spezifische Dynamiken und Verhaltensmuster, und die Validität wissenschaftlicher Forschung ist abhängig von Zeit und Raum. Nicht nur Forschungsfragen werden vor dem Hintergrund und in der Wahrnehmung dieses spezifischen Kontextes gestellt, sie werden auch durch ihn und die Verortung der Wissenschaft darin verstanden. [13]

Als zum Beispiel Maren BORKERT ihr Promotionsvorhaben zur Implementierung der Integrationspolitik in Italien und zu den Reaktionen diesbezüglicher Adressaten vor italienischen Kollegen und Kolleginnen vorstellte, wurde es dahingehend kommentiert, dass sie sich auf "eine Maus" konzentriere und "einen Elefanten" dahinter verstecke. Im Fokus der Untersuchung BORKERTs stand die Region Emilia-Romagna, deren Image als (Bundes-) Land mit großer (politischer) Aufmerksamkeit gegenüber Migrationsfragen in Italien verankert erscheint, so dass die Untersuchung dieses Falles von ihren Kollegen und Kolleginnen als wenig aussagekräftig erachtet wurde. Die Reputation oder das Image der Region, das überwiegend auf der Produktion diesbezüglicher politischer Dokumente der Landesregierung basierte, schien tiefer gehenden Analysen der integrationspolitischen Maßnahmen und ihrer praktischen Umsetzung entgegenzustehen. Darüber hinaus wurde der geplante Vergleich auf kommunaler Ebene, d.h. bezogen auf die jeweilige Art und Weise der Gemeinden, integrationspolitische Maßnahmen umzusetzen, aufgrund der Eigenart und Spezifität der lokalen Situationen und ihren Reaktionen gegenüber dem Migrationsphänomen als wenig sinnvoll erachtet. [14]

Besagte Kritiken stützten sich vor allem auf die "Insider"-Annahme, dass die lokale Implementierung von Integrationspolitik(en) zu einem maßgeblichen Anteil von der (Zuwanderungs-) Situation in der einzelnen Gemeinde abhängig sei und dass allgemeine Praktiken bzw. gemeinsame Verhaltensweisen über Gemeindegrenzen hinweg nur schwer zu finden seien. In dieser Hinsicht konnte die zitierte Studie die allgemeine Relevanz des individuellen Engagements einzelner Akteure für die Umsetzung integrationspolitischer Maßnahmen verdeutlichen sowie das weit verbreitete Desinteresse italienischer Behörden und staatlicher Institutionen herausarbeiten, das getragen zu werden scheint von substantiellen Vorurteilen und bestehenden Stereotypen auf Seiten autochthoner Adressaten sowie autochthoner Akteure3) (BORKERT, im Erscheinen). Die kritische Haltung gegenüber dem territorialen Vergleich und starke Zurückhaltung in der Identifizierung allgemein-struktureller Bedingungen und Praktiken der Implementierung von (Integrations-) Politik akzentuiert sich vor dem Hintergrund der historischen Fragmentiertheit des politischen Systems Italiens und seinem nur schwach ausgeprägten Nationalbewusstsein und -gefühl (CARTOCCI 2002, S.13). Es verdeutlicht jedoch gleichzeitig, wie sehr die Praxis sozialwissenschaftlichen Arbeitens eingebunden ist in den nationalen Kontext und das spezifisch nationale Verständnis von Wissenschaft und sozialer Realität. [15]

Ähnliche Fälle "blinder Flecke" der Sozialwissenschaften zeigen sich in ganz Europa. Exemplarisch sei hier auf das Beispiel Deutschlands verwiesen, in dem es in den letzten fünfzig Jahren nahezu unmöglich schien, Leistungen und Leistungsverläufe von Schüler(inne)n mit Migrationshintergrund präzise darzustellen, da deutsche Behörden seit dem zweiten Weltkrieg vermeiden, Statistiken auf der Grundlage des Kriteriums der ethnischen Zugehörigkeit zu verfassen. [16]

Diese Beispiele verdeutlichen, wie tief wissenschaftliche Forschung mit dem nationalen/lokalen kulturellen Kontext verwurzelt und in das sozietale Glaubenssystem eingebettet ist, aus und in dem sie entsteht. Zugewanderte Forschende – nicht vertraut mit dem jeweiligen kulturellen Kontext und gesellschaftlichen Wertesystem, in das sie migrieren –, sind in der Lage, einen anderen Blickwinkel einzunehmen und hinzuzufügen, der potenziell den hegemonischen akademischen und kulturellen Konventionen entgegentreten kann. Es ist jedoch möglich, dass "indigenous researchers run the risk of being blind by the familiar", während "[the] foreign researcher runs the risk of being culturally blind" (BOLAK 1997, S.97). Die Herausforderung des Problems besteht darin, mittels größerer Reflexivität eine Balance der beiden Positionen zu erreichen. [17]

Der Umstand, als akademische(r) Zuwanderer(innen) Forschung zu betreiben, bietet nicht nur die Möglichkeit, durch Rezeption und Reflektion des kulturfremden Kontexts sowie dessen Diskussion mit "genuinen" Kolleg(inn)en die eigenen Länderkenntnisse zu erweitern. Er wirkt sich auch positiv auf das Verständnis und die "Demaskierung" bzw. Re-Konstruierung unausgesprochener Forschungsannahmen und Normen aus. Dies trägt signifikant zum notwendigen Prozess der Selbstreflektion bei, in dem sich die akademische "Weltanschauung" der jeweiligen Forschungseinrichtung und Gesellschaft offenbart, in die hinein junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerin sozialisiert werden. Die Erfahrung akademischer Migration enthüllt, wie relativ sich wissenschaftliche Erkenntnis darstellt und wie Bedeutungen und Ergebnisse innerhalb spezifischer Zeit-Raum-Kontexte verhandelt und beeinflusst werden. Letztendlich, so erscheint es, sagt die Migrationsforschung transnationaler europäischer Forscher und Forscherinnen ebensoviel über die Situation der Zuwanderer(innen) aus, die Gegenstand ihrer Untersuchungen sind, wie über die Art und Weise, wie (akademische) Institutionen in Europa Migrationsforschung wahrnehmen und verstehen. [18]

3. Wie kann europäische Forschung unter akademischen Zuwanderer(inne)n realisiert werden? Der HERMES-Fall

Im Rahmen des europäischen Doktoratsprogramm "Migration, Identities and Diversity", das auf die Initiative des HumanitarianNet zurückgeht, nahmen die beiden Autorinnen an verschiedenen Summer schools teil, in denen junge Forscher und Forscherinnen dazu angehalten waren, gemeinsam fiktive europäische Forschungsprojekte im Bereich der Migrations- und Ethnizitätsstudien zu erarbeiten und zu diskutieren. Während besagter Summer schools, die an verschiedenen europäischen Universitäten stattfanden (in Spanien 2001, UK 2002, Deutschland 2003, Finnland 2004 und Italien 2005) und aus denen die HERMES-Vereinigung hervorging, diskutierten zukünftige Mitglieder der Organisation ihre Forschungsvorhaben vor und mit einem internationalem Publikum. Dabei stellte sich schnell heraus, dass gemeinsame Interessenlagen nicht schwer zu identifizieren waren. Auch die faktischen Bedingungen in den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten wie Infrastruktur, geographische Beschaffenheit etc. stellten kein Problem für die Entwicklung gemeinsamer Forschungsprojekte dar. Der unterschiedliche, wenn nicht gegensätzliche Gebrauch von Konzepten jedoch sowie ihre divergenten Bedeutungen innerhalb der "europäischen Migrationsforschung" erwiesen sich als substantielle Barriere für eine effektive Zusammenarbeit. In den stattfindenden Diskussionen manifestierten sich akute Differenzen in den wissenschaftlichen Interpretationen von prinzipiell ähnlichen Phänomenen, so dass immer wieder reflektiert und exakt benannt werden musste, über welche Erscheinung der sozialen Welt gesprochen und in welchen gedanklichen Kontext diese einordnet wurde. Der Teufel der vergleichenden europäischen Migrationsforschung, so stellte sich heraus, steckte tatsächlich im Detail. Als Konsequenz beschriebener Kommunikationsprobleme begannen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen schnell, die wissenschaftliche Basis ihres verbalen Austausches neu zu definieren und zu konstruieren, indem sie verschiedene Forschungsansätze pragmatisch zusammenführten. Dieser Prozess erwies sich als intensiv, zeitraubend und anstrengend. Letztendlich erschien er jedoch als unabdingbare Voraussetzung für die "Europäisierung" von Forschungsfragen und -resultaten bzw. für ihre kommunikative Verständigung. [19]

Zum Zwecke der Identifizierung und Verständigung über derartige europäische Unterschiede in der Migrations- und Ethnizitätsforschung wurde die HERMES-Vereinigung gegründet, die es sich auch zum Ziel gesetzt hat, Kenntnisse über die nationale Wissenschaftspraxis verschiedener EU-Mitgliedsstaaten zu erlangen und zu kommunizieren. HERMES ist eine internationale Non-Profit-Organisation für Forscher und Forscherinnen der Bereiche Migration, ethnische Beziehungen und Minderheiten. Sie wurde offiziell im Juli 2005 vom belgischen Staat anerkannt, existierte jedoch bereits davor als "Aktionsnetzwerk" und nahm als solches an verschiedenen wissenschaftlichen Veranstaltungen teil. HERMES-Mitglieder (zur Zeit zählt die Organisation ca. 70 ordentlich eingeschriebene Mitglieder) weisen einen unterschiedlichen kulturellen, disziplinären und akademischen Hintergrund auf und stammen aus 20 Ländern Europas. Über die Organisation teilen HERMES-Mitglieder ihre multi-disziplinären Kenntnisse und Fähigkeiten miteinander und nutzen die Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Kommunikation, zum Austausch von länderspezifischen Wissensbeständen und Erkenntnissen sowie generell zum Erlernen disziplinärer, kultureller und traditioneller Forschungsbedingungen innerhalb Europas. Darüber hinaus ist HERMES über seine Mitglieder mit namhaften europäischen Forschungseinrichtungen der Migrations- und Ethnizitätsforschung verknüpft, so dass kumulative Netzwerke akademischen Wissens entstehen, die (jungen) Forschern und Forscherinnen helfen können, internationale Kooperationen in die Praxis umzusetzen. [20]

Die HERMES-Erfahrung zeigt, dass Migrations- und Ethnizitätsforschung nicht national begrenzt sind; wie ihr Forschungsgegenstand, die Migration selbst, muss sie bereit sein, (europäische) Grenzen in intellektueller und praktischer Hinsicht zu überschreiten. Analog zur Transnationalität von Zuwanderern und Zuwanderinnen müssen Migrationsforscher(innen) lernen, akademische und epistemologische Grenzen zu "überwandern" und vor, während und nach dem Forschungsprozess eine transnationale Perspektive einzunehmen. [21]

4. "Der Stoff des Lebens": als Zuwanderer(in) unter Migrant(inn)en

Zusätzlich zu den unterschiedlichen nationalen Wissenschaftstraditionen sehen sich transnationale europäische Forscher(innen) zudem spezifischen methodologischen Fragestellungen gegenüber, während sie Zuwanderung in Europa erforschen. [22]

Insbesondere epistemologische Ansätze der feministischen Theorie haben geholfen, die fundamentale Bedeutung der sozialen Lage der Forschenden für die Produktion von Wissen zu erfassen (HARAWAY 1988; BELL 1993; LENTIN 2000; PERSONAL NARRATIVE GROUP 1989). Forscher und Forscherinnen werden sowohl durch ihre Klassenzugehörigkeit, ihr Geschlecht, ihr Alter, ihre Sexualität als auch durch ihre ethnische Zugehörigkeit in ihren Identifikationen beeinflusst, mit denen sie im Feld agieren und durch die sie ihre sozialen Interaktionen mit Zuwanderer(inne)n strukturieren. Mithilfe eines reflexiven Ansatzes kann man erkennen, untersuchen und verstehen, wie signifikant der soziale Hintergrund der Forschenden, ihre Stellung und Annahmen auf den Forschungsprozess einwirken (HESSE-BIBER & YAISER 2004, S.115). [23]

Wenn transnationale Forscher(innen) Belange von Zuwanderer(inne)n untersuchen, kann gerade die (unausgesprochen) präsente Fremdheit und Andersartigkeit beider Interaktionspartner(innen) eine sinnvolle Grundlage ihrer Begegnung darstellen und die Vermittlung von Nähe erleichtern. Dieser Gedanke lehnt sich teilweise an die langjährige Debatte zur Stellung der Forschenden als Insider oder Outsider bzw. der Frage an, inwieweit es effektiver ist, sich als Insider oder Outsider der Gruppe, die den Forschungsgegenstand konstituiert, zu nähern. Obwohl die Verfasserinnen des Beitrages die Bedeutung diesbezüglicher wissenschaftlicher Auseinandersetzungen nicht in Frage stellen, folgen sie der Ansicht, dass die strikte Gegenüberstellung von Insider und Outsider

"sets up a false separation that neglects the interactive processes through which 'insiderness' and 'outsiderness' are constructed. Insiderness and outsiderness are not fixed or static positions, rather they are ever-shifting and permeable social locations that are differentially experienced and expressed by community members" (NAPLES 1997, S.89). [24]

Methodologisch impliziert dies, dass "our relationship to the community is never expressed in general terms but it is constantly being negotiated and renegotiated in particular, everyday interactions; and these interactions are themselves located in shifting relationships among community [members]" (NAPLES 1997, S.89). NAPLES dekonstruiert erfolgreich die existentialistische Vorstellung eines statischen Insider-Outsider-Gegensatzes und bekräftigt die Einsicht, dass Forschende in alltäglichen Interaktionen Inside-Beziehungen mit Forschungsteilnehmenden aushandeln, kreieren und wiedererschaffen. Dieser Prozess wird maßgeblich vom Schaffen sinnhafter Interaktionen beeinflusst, welche die Forschenden und die Forschungsteilnehmenden einander näher bringen. [25]

Die Erfahrung von Fremdheit erscheint demzufolge als signifikant für die Verbindung von akademischen Zuwanderer(inne)n und Migrant(inn)en als Forschungsteilnehmenden. Ihre besondere Beziehung wird von dem Hintergrund ihrer beider Positionen als "dwellers of somewhere else", "Outsider" und "Fremde" verhandelt. Indem sie beide eine Position der Außenständigkeit einnehmen, werden Forschende und Forschungsteilnehmende als Fremde zu Insidern. Dadurch befinden sich beide "inside the marked off, different and, although within, not within in the same way that the real insiders are" (STANLEY 1997, S.6). Und weiter: "This difference is not merely experienced, it is lived, it becomes the stuff of which 'a life' is thus composed, and it is central to identify and feeling, and thinking" (STANLEY 1997, S.6). Wissenschaft bildet hier keine Ausnahme. [26]

Forschung kann jedoch von diesem Umstand profitieren, wenn die genannten Erfahrungen von Wissenschaftler(inne)n explizit gemacht und die Aushandlungsprozesse, die während des Forschungsprojektes stattfinden, reflektiert werden. Das Bewusstsein und die Kenntnis dieser Prozesse zeigt in diesem Sinn die Rahmenbedingungen auf, welche die Identitäten der Forschenden im Feld bestimmen und deren Wahrnehmung des Feldes beeinflussen. Der wissenschaftliche Umgang mit Reflexivität sensibilisiert darüber hinaus für die Gefahr des othering, des Objektivierens und des Sprechens "für" anstatt "über" Forschungsteilnehmende. Die Aufmerksamkeit gegenüber der Kontextualität der Wissensgenerierung hilft zudem bei der Identifizierung universalistischer Diskurse über das Migrationsphänomen: "It is easier to know, when and where the universalising discourse ignores you, turns you into the blind spot, excludes you or discriminates against you" (MOROKVASIC, EREL & SHINOZAKI, 2002, S.19). Angesichts der marginalisierenden Effekte des hegemonischen Diskurses zur Migration erscheint dies als wertvolle Ressource im Wissenschaftsprozess. Darüber hinaus kann die geteilte Erfahrung der Fremdheit und Andersartigkeit helfen "to ponder the ambiguities and motives of those from the majority culture who decide they want to write about ethnic minorities" (GOLDSTONE, 2000, S.380). [27]

5. Wie beeinflussen die direkte Erfahrung der Migration und Fremdheit unsere Forschung? Persönliche Reflektionen

Als Maren BORKERT als deutsche Staatsbürgerin Zuwanderung und Zuwanderer(innen) in Italien erforschte, überschritt sie dabei nationale Grenzen, die sie in gewisser Weise in Italien zu einer Fremden machten wie die Immigrant(inn)en, die Teil ihrer Untersuchung waren. Diese Erfahrung beeinflusste ihre qualitative Studie und insbesondere den Interviewprozess nachhaltig: In dem Ausmaß für BORKERT selbst überraschend, schien sowohl für autochthone als auch für zugewanderte Interviewpartner(innen) die Nationalität der Forscherin eine bedeutsame Rolle zu spielen. Italienische Befragte tendierten in diesem Zusammenhang dazu, speziell die deutsche Staatsbürgerschaft BORKERTs hervorzuheben und direkt wie indirekt auf das damit verbundene "Erbe" zu verweisen, d.h. auf die Zeit des Nationalsozialismus und die vielfältigen Verbrechen in Verbindung mit dem Holocaust. Das folgende Zitat veranschaulicht einen der Interviewmomente, in denen dies geschah.



Im Gegensatz zur direkten Betonung ihrer deutschen Staatsbürgerschaft zeigten interviewte Zuwanderer(innen) eine stärkere Bezogenheit auf unterstellte gemeinsame Erfahrungen in Verbindung mit dem Status, in Italien ein(e) Fremde(r) zu sein. Ihren Ausdruck fand die Annahme einer gemeinsamen Perspektive von Forscherin und Interviewpartner(inne)n in einleitenden Redwendungen wie "Come saprà anche lei …" "Wie Sie selbst wissen/erfahren haben …" oder in einer direkten kommunikativen Verbündung wie im folgenden Beispiel. Im wiedergegebenen Interviewausschnitt nimmt der befragte Zuwanderer, der ein aktives Mitglied einer lokalen Migrantenorganisation ist, die Position eines externen Beobachters des italienischen Staates ein und kritisiert seine geringe Effizienz in Migrationsbelangen. Im Interview scheint der Befragte von der Annahme auszugehen, dass BORKERT als Wissenschaftlerin und Fremde seine Beobachtungen und Kritik gegenüber der italienischen Integrationspolitik teilt, die er auf der Grundlage seiner Erfahrungen als Zuwanderer, ausgestattet mit gewissen intellektuellen Fähigkeiten, formuliert.



DE TONAs Erfahrung mit dem Forschungsprozess hebt ebenfalls die Bedeutung persönlicher Positionen im Feld hervor. In ihrer Untersuchung zu italienischen Frauen, die in Irland leben, ist ihr eigener Status als italienische Zuwanderin offensichtlich relevant, jedoch nicht auf eindeutige Art und Weise. Die wahrgenommene Nähe und der Insider-Status werden überkreuzt mit anderen sozialen Kategorien wie Klasse, Berufsausbildung, regionale Zugehörigkeit etc. Diese Überschneidung schafft Unterschiede zwischen den Interviewpartner(inne)n, durch die beiden gemeinsame Vorstellungen des Italienisch-Seins (italianità) verschiedene Ausprägungen annehmen können, da sie in Interaktion mit anderen Kontexten entwickelt wurden. Einige Interviewfälle zu Beginn der Studie zum Beispiel provozierten bei DE TONA ein starkes Gefühl der Unzufriedenheit gegenüber den von ihr als karikaturenhaft empfundenen Arten von italianità, die sie im Gespräch mit italienischen Zuwanderinnen erlebte und die ihre eigenen Annahmen zur Italianität in Frage stellten. Die italianità-Vorstellung von Exil-Italiener(inne)n schien auf der Konsumption von Darstellungen und Erzählungen über Zuwanderer(innen) zu basieren, wie sie insbesondere das italienische Kino der 1950er und 1960er Jahre verbreitet hatte, die jedoch mit dem sozialen Profil der Gruppe von in Irland lebenden Italienerinnen, die Gegenstand der Untersuchung waren, wenig gemein hatte. Der Prozess der Dekonstruktion einer essentialistischen Darstellung von Identität und die Entdeckung der Vielfalt an Bedeutungen und Manifestierungen von italianità erwiesen sich als komplexer Prozess und verwirrende Erfahrung. Als DE TONA als vermeintliche Insiderin zum Beispiel von einigen Dubliner(inne)n gefragt wurde, wie "sie Fish und Chips bei ihnen daheim kochen", erfuhr sie sich derart als Outsider, dass sie noch nicht einmal die Bedeutung dieser Frage erfassen konnte. Auch unter Berücksichtigung des Umstandes, dass italienische Zuwanderer(innen) in Irland traditionell in Fish & Chips-Buden arbeiteten, erschien es ihr unverständlich, wie Italianität mit dem Fish & Chips Business assoziiert werden konnte. Für solch kulinarische Praktiken gibt es in Italien keine Anzeichen, und der Art und Weise nachzuspüren, wie dieses Gewerbe in Irland "italienisch" wurde, manifestierte sich als schwieriger Prozess. Zu einem späteren Zeitpunkt im Forschungsprozess fungierte italianità als Möglichkeit der Begegnung zwischen Forscherin und Interviewpartnerin, auf deren Grundlage es sich als möglich erwies, die Erzählung der (gescheiterten) Vorstellung einer gemeinsamen Identität zu initiieren. Die Darstellung der multiplen und z.T. linkischen Bedeutungen von Insiderness zeigen, wie unterschiedlich Menschen ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnisch-nationalen Gruppe begreifen. Es gibt nicht nur eine Art, Italiener(in) zu sein, und obwohl man die "Rolle (des Italieners/der Italienerin) spielt", ist es möglich, als "Fremde(r)" unter "Fremden" angesehen zu werden, sich anders zu fühlen und als solches anerkannt zu werden, und sich doch innerhalb dieses Fremdenstatus als Insider(in) wieder zu erkennen. [28]

6. Schlussworte

Die vorliegenden Ausführungen verdeutlichen, dass die von Nationalität, Klasse und Geschlecht bestimmte Position der Forschenden den Forschungsprozess signifikant beeinflusst. In ihrem Beitrag kritisieren die beiden Autorinnen die generelle Tendenz der Migrationsforschung, den Status der Forschenden pauschal zu definieren und sie/ihn auf der Grundlage der Staatsbürgerschaft in Forschungssituationen als Insider(in) oder Outsider(in) zu etikettieren. Auf der Grundlage geteilter Forschungserfahrungen legen die Verfasserinnen anhand von ausgesuchten Beispielen nahe, die Interviewsituation als Prozess zu begreifen, der von oszillierenden Identifikationen beider Beteiligter gekennzeichnet ist, welche stärker als bisher in der Migrationsforschung methodologisch berücksichtigt werden müssten. Darüber hinaus wurde die Relevanz der Erfahrung und Stellung von "akademischen Zuwanderer(inne)n" thematisiert, die als "Fremde unter Fremden" tätig werden. Angesichts ausstehender theoretischer Vorarbeit auf diesem Gebiet plädierten die Autorinnen für eine stärkere methodologische Berücksichtigung daraus resultierender Implikationen in gegenwärtigen Forschungsvorhaben. Die reflexive Position der Forschenden, seine/ihre eigene Wahrnehmung der Forschungssituation und der Forschungsteilnehmenden sowie seine/ihre Interpretation von Forschungsergebnissen und die Eingebundenheit in akademische Institutionen und Traditionen müssen in diesem Sinne "enttarnt", kommuniziert und geprüft werden. Einerseits führt dies zu einem tieferen Verständnis und einer ehrlicheren Kontrolle des Forschungsprozesses. Andererseits ermöglicht diese Form wissenschaftlichen Austausches eine dialogische/diskursive Konstruktion eines europäischen Forschungsraums, der potenziell Missverständnisse beheben und Verzögerungen, welche die transnationale europäische Forschung unterhöhlen, entgegenwirken kann. [29]

Durch die beschriebenen Wanderungsbewegungen transeuropäischer Forscher und Forscherinnen, die Erfahrung von persönlichen wie akademischen Prozessen der Entwurzelung und Wiederverwurzelung (re-grouping) einerseits und das diskursive Verhandeln von Forschungsresultaten vor und mit einem internationalen Publikum andererseits, wird das Schaffen einer gesamteuropäischen Migrations- und Ethnizitätsforschung gefördert. Methodologisch erscheint es sinnvoll, den Positionen und Positionierungen transnationaler Forscher und Forscherinnen in ihren vielfältigen Dimensionen nachzuspüren und deren Implikationen für die Erforschung von Migrationsphänomenen zu reflektieren, denn wie Stanislaw LEM sagt: "Egal in welchen Raum sich der Mensch begibt, er nimmt sich immer selber mit" (LEM 2005). [30]

Anmerkungen

1) Dieser Artikel beruht auf der aktualisierten Version eines Beitrages, der während der 7. Konferenz des europäischen Soziologenverbandes in Torun, Polen, vom 9.-12. September 2005 gehalten wurde. Er basiert auf einer Übersetzung des englischen Originals und ist keine eigenständige Publikation, obwohl er sich an einigen Textstellen nicht wörtlich, sondern frei auf den Originalbeitrag bezieht. <zurück>

2) Der rhetorische Pleonasmus "akademische Zuwanderung" wird bewusst verwendet, um dem derzeitigen Anspruch entgegenzutreten, dass in Europa migrierende Akademiker(innen) in geringerem Maße Zuwanderer(innen) seien als andere nicht-qualifizierte/semi-qualifizierte/hochqualifizierte Arbeitsmigrant(inn)en, Flüchtlinge und Asylsuchende, auf die sich vorhandene Migrationsstudien zu einem überwiegenden Teil konzentrieren. Zudem soll durch die Identifizierung und Thematisierung daraus resultierender (Forschungs-) Probleme und deren theoretischer und methodologischer Implikationen der impliziten Annahme widersprochen werden, “akademische Zuwanderung“ verlaufe als ungleich harmonischer Prozess, da sie "von außen" weniger als Bedrohung wahrgenommen werde als die Migration von nicht-qualifizierten/semi-qualifizierten/hochqualifizierten Arbeitsmigrant(inn)en, Flüchtlingen und Asylsuchenden. <zurück>

3) An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass nicht der Eindruck erweckt werden soll, Zuwanderer seien frei von Vorurteilen und stereotypen Vorstellungen. <zurück>

Literatur

Bell, Diana, Caplan, Pat & Wizir Jahan Karim (Hrsg.) (1993). Gendered fields; women, men and ethnography. London: Routeldge.

Bolak, Hale (1997). Studying one's own in the Middle East: Negotiating gender and self-other dynamics in the field. In Rosanna Hertz (Hrsg.), Reflexivity & voice (S.95-118). London: Sage Publications.

Borkert, Maren (im Erscheinen). Die Integration von Zuwanderern in der Emilia-Romagna: gesetzliche Grundlagen, politische Akteure, reale Umsetzung. Dissertation an der Universität Bamberg.

Cartocci, Roberto (2002). Diventare grandi in tempi di cinismo. Bologna: Il Mulino.

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Zu den Autorinnen

Maren BORKERT ist die Initiatorin und Mitherausgeberin dieser FQS-Schwerpunktausgabe und die Übersetzerin zweier Artikel sowie sämtlicher Abstracts ins Deutsche. Sie ist Vize-Präsidentin der HERMES-Organisation und institutionell mit dem "europäischen forum für migrationsstudien" (efms) der Universität Bamberg verbunden. Derzeit befindet sie sich in der Endphase ihrer Dissertation zur Integrationspolitik in Italien, in der sie faktische und gesetzliche Grundlagen der italienischen Migration/Integration in historischer Perspektive darstellt, die Interaktion zwischen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren auf bzw. zwischen der Landes- und lokalen Ebene erforscht, sowie die Umsetzung integrationspolitischer Maßnahmen in der lokalen Realität ausgesuchter Gemeinden analysiert. Insbesondere fokussiert der Mehrebenenansatz dieser Implementationsstudie auf die staatlich geförderte Eingliederung von Schülern und Schülerinnen mit Migrationshintergrund in die italienische Grundschule sowie auf die Realisierung von Italienisch-Sprachkursen für erwachsene Zuwanderer(innen).

Kontakt:

Maren Borkert

europäisches forum für migrationsstudien (efms)
Katharinenstr. 1
96052 Bamberg, Deutschland

E-Mail: mborkert@web.de, maren.borkert@sowi.uni-bamberg.de

 

Carla DE TONA ist verantwortlich für die Experteninterviews zum Stand der qualitativen Migrationsforschung im Europa der Gegenwart, die im Rahmen dieser FQS-Schwerpunktausgabe durchgeführt wurden und als Publikation ebenfalls zugänglich sind. Sie befindet sich in der Endphase ihrer Dissertation über italienische Zuwanderinnen in Irland. Am Trinity College in Dublin lehrt sie im Bereich Migrationsforschung und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt "Global Network" des Institute for International Integration Studies am Trinity College, Dublin.

Kontakt:

Carla De Tona

Institute for International Integration Studies
The Sutherland Centre
Trinity College Dublin
Dublin 2, Irland

Tel: +353 (0)1 608 3201

E-Mail: detonac@tcd.ie

Zitation

Borkert, Maren & De Tona, Carla (2006). HERMES-"Geschichten": eine Analyse der Herausforderungen, denen sich junge europäische Forscher und Forscherinnen in der Migrations- und Ethnizitätsforschung gegenübersehen [30 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 7(3), Art. 9, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs060397.



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