Volume 10, No. 3, Art. 20 – September 2009

Rezension:

Gerhard Jost

Reinhard Müller (2008). Marienthal. Das Dorf – Die Arbeitslosen – Die Studie. Innsbruck, Wien, Bozen: StudienVerlag, 424 Seiten; ISBN 978-3-7065-4347-7; 39,90 Euro

Zusammenfassung: Das Buch von Reinhard MÜLLER beschäftigt sich mit der bekannten Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" von Marie JAHODA, Paul F. LAZARSFELD und Hans ZEISEL (1933, 1960, 1975). In seinem sozialhistorischen Zugang gelingt es MÜLLER, interessante Details zur Studie selbst sowie zur Gemeinde und zur Fabrik zu präsentieren. Mehr als die Hälfte des Buches ist der Entwicklung der Arbeitersiedlung Marienthal gewidmet, beginnend bei der Gründung des Dorfes und danach der Textilfabrik. Eingegangen wird auf historische Ereignisse, bedeutende Personen und Entwicklungen in der Gemeinde. Im anderen Teil werden zusätzliche Informationen rund um die Studie präsentiert. Porträts und Erinnerungen der Projektmitarbeiter/innen stehen dabei im Mittelpunkt. Das Buch ermöglicht nicht nur einen tieferen Einblick in die klassische Studie und Marienthal, es veranschaulicht auch (österreichische) Geschichte an einer Gemeinde.

Keywords: Soziografie; Gemeindestudie; Arbeitslosigkeit; Methoden; klassische Studien

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Geschichte Marienthals

3. Genese und Entwicklung der Marienthal-Studie

4. Erinnerungen an Marienthal

5. Fazit

Anhang

Literatur

Anmerkungen

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

Das von MÜLLER vorgelegte Buch behandelt die Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal", herausgegeben von Paul F. LAZARSFELD, Marie JAHODA und Hans ZEISEL in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts (1933, 1960, 1975). Die Marienthal-Studie beschäftigte sich – wie vielfach bekannt – mit einer Arbeitersiedlung, die ca. 25 km südöstlich von Wien um eine Fabrik entstand und plötzlich in umfassender Weise von Arbeitslosigkeit betroffen war. 1929 wurden mit einem Schlag über tausend Beschäftigte arbeitslos. Mit der Arbeitslosigkeit veränderte sich die Gemeinde insgesamt, die dort lebenden Familien und Gemeindebewohner/innen. Eine Gruppe von Sozialforscherinnen und -forschern der "Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle", die sich für das Phänomen interessierte, suchte den Ort auf und führte eine Untersuchung über mehrere Monate durch. Damit entstand eine der ersten systematischen Untersuchungen über psychosoziale Folgen von Arbeitslosigkeit (vgl. FLECK 2000, S.22). Die Studie avancierte in der Folge zum Klassiker der empirischen Sozialforschung. Interesse wurde ihr aber auch aufgrund der damals aktuellen Debatte in der sozialdemokratischen Bewegung entgegengebracht. So wurde in der Studie implizit die Frage behandelt, inwieweit Arbeitslosigkeit eher zur Politisierung oder eher zu Hoffnungslosigkeit und Resignation führt. Die Diagnose dazu war eindeutig: unter Bedingungen langanhaltender, kollektiver Arbeitslosigkeit erlahmen die Aktivitäten und es breitet sich Apathie aus. Den betroffenen Bewohner/innen fehlte es an zielbewusstem Handeln; auch Freizeitaktivitäten fanden kaum statt. Die Studie führte zur These einer "müden Gemeinschaft" – selbst Werte wie Solidarität begannen, sich unter dem Vorzeichen von bedrückender materieller Not aufzulösen. [1]

Reinhard MÜLLER beschäftigt sich in seinem Buch sowohl mit der Geschichte des Ortes als auch mit der Studie selbst und mit Erinnerungen an die Studie, repräsentiert durch Interviews mit drei Mitgliedern des Projektteams. [2]

2. Zur Geschichte Marienthals

Im ersten Teil der Arbeit, ca. 250 Seiten umfassend, rekonstruiert MÜLLER sehr ausführlich die Geschichte Marienthals. Die Darstellung erfolgt dabei entlang der Zeitachse, sodass Abschnitte über die Entwicklung von Gramatneusiedl von 1100-1820 (Fabrikgründung), 1820-1918 (Fabrik und Arbeitersiedlung), 1918-1930 (Marienthal im Zeitraum der Studie), 1930-1938 ("Verklingendes Marienthal"), 1938-1954 (Ende der "Besatzungszeit") und 1954-1995 (Entwicklung der "Marktgemeinde") entstanden sind. Ausführungen zu den einzelnen Zeitabschnitten erfolgen dann unter anderem über die Einführung weiterer zeitlicher Phasierungen (z.B. Nachkriegsjahre), Institutionen (z.B. Hauptschule 1928), Phänomene (z.B. die ersten Arbeitslosenwellen), Porträts (z.B. über Fabrikgründer), Dokumente (z.B. Sozialreportage über Marienthal) oder Ortsbeschreibungen (z.B. die Siedlung Neu-Reisenberg zwischen 1875-1913). (Für den Zeitraum von 1820 bis 1918 z.B. sind es 28 solcher Unterkapitel.) Dadurch werden Entwicklungen von und rund um Marienthal sehr ausführlich beschrieben. [3]

Von besonderem Interesse erscheinen mir mit Blick auf die Studie die Fabrikgründung und die damit verbundenen Entwicklungen bis heute. Davor geht MÜLLER zunächst, im Jahr 1100 beginnend, auf das Bauerndorf Gramatneusiedl ein und behandelt, in der Zeitperiode bis 1820, zahlreiche bedeutende Ereignisse wie die "Türkenbelagerungen" oder den Dreißigjährige Krieg im Kontext der Gemeinde. [4]

1820 wurde dann die Fabrik gegründet, und zwar von einem pensionierten Polizeikommissar und kaiserlich königlichen Rat. Er kaufte eine Mühle in der Gemeinde und machte einen Erfinder bzw. Maschinenkonstrukteur zum Partner. Damals hatte die Gemeinde etwas mehr als 260 Einwohner/innen, die in 44 Häusern lebten. In der Mühle, bestehend aus drei Gebäuden, wurde eine Flachs- und Spinnfabrik eingerichtet. Zu Beginn wies die "k.k. priv. Flachs- und Werg-Spinnfabrik zu Marienthal" 19 Beschäftigte auf, am frühen Ende dieser ersten Fabrikperiode (1827) schon 120. Mit über 70 Maschinen wurden Bänder, Seile, Gurte, Zwirn und Feinspinnerei-Artikel erzeugt. Ausgelöst durch Experimente mit einem Bleichverfahren und durch einen Prozess über die Rechte an einer Erfindung schlitterte der Betrieb in eine finanzielle Krise. Der Besitzer versuchte, die Krise mit illegalen Mitteln zu bewältigen und fälschte Banknoten. Mit seiner Verhaftung wurde der Betrieb dieser ersten brauchbaren Flachsspinnmaschine Europas eingestellt. [5]

MÜLLER legt dar, dass in dem Zeitabschnitt von 1820-1918 ein Großteil der späteren Eigentümerstruktur entstand: 1830 wurde die Fabrik von einer jüdischen Textilhändlerfamilie übernommen und bis 1925 innerhalb der Familie weitergegeben. MÜLLER hat hierzu umfangreiches Material einbezogen, u.a. Porträts der Eigentümer Hermann und (danach) Max Todesco. Der Betrieb wuchs in dieser Zeit zusehends. So wurde 1833 ein neues 3-stöckiges Gebäude gebaut; 1835 wies der Betrieb bereits 350 Beschäftigte auf. In den 1840er Jahren wurde das alte Fabrikgebäude zu einem Wohnhaus umgebaut, zusätzlich noch ein weiteres Wohnhaus mit 40 Wohneinheiten und einige Jahre später eine Weberei mit einem 46 Meter hohen Schornstein errichtet. [6]

Die Unternehmensführung stuft MÜLLER als "paternalistisch-sozial" (S.70) ein, weil von den Betriebsinhabern zahlreiche soziale Einrichtungen aufgebaut wurden: ein Kindergarten, eine "Fabrikschule", eine Krankenkasse, ein "Arbeiter-Unterstützungsfonds" und eine Werksküche1). Darüber hinaus wurde ein Konsumverein gegründet, der für die Beschaffung billiger Lebensmittel sorgte. 1858 wurde die Fabrik erstmals innerhalb der Familie weitergegeben. Sie wurde mit der zwölf Kilometer entfernten Trumauer Baumwollspinnerei fusioniert, das Management wurde – infolge der Größe der Fabrik – professionalisiert, und es wurden Generaldirektoren eingesetzt. Die beiden Fabriken entwickelten sich zusehends zu stabilen Betrieben. In Marienthal standen mit der Spinnerei und der Weberei die Hauptbereiche der fusionierten Werke. Auch wurden weiterhin zahlreiche neue Fabrikteile und Nebengebäude errichtet, wie die Wäscherei, die Bleiche, die Färberei und die Druckerei. Die enorme Bautätigkeit führte dazu, dass die Fabrik 1930 schließlich insgesamt 157 (!) Gebäude und Anbauten mit insgesamt 46.000 qm Nutzfläche (auf ca. 28.000 qm verbauter Grundstücksfläche) aufwies. Dazu kamen Arbeiterquartiere – 23 Wohngebäude mit 48 Anbauten – und Infrastruktureinrichtungen, die von einem "Fabrikspital" über eine Badeanlage bis hin zu einem Theater- und Tanzsaal reichten. Selbst eine Parkanlage, zunächst in größerem Teil nicht für die Arbeiterschaft geöffnet, wurde sukzessive zu einem Erholungspark ausgebaut mit einer Hauptallee mit Parkbänken und – als "Prunkstücken" – einem Musikpavillon und einer Kegelbahn. [7]

Damit erlangte die Fabrik einen zentralen Stellenwert für die Gemeinde. Dies lässt sich auch an den Bevölkerungsstatistiken ablesen, wie MÜLLER darlegt: Die Arbeiterkolonie Marienthal übertraf bereits 1850 die Bevölkerungszahl des Bauerndorfes Gramatneusiedl: sie wies 507 Einwohner/innen auf, der restliche Teil Gramatneusiedls dagegen nur 3132). Bis 1910 hatte sich das Verhältnis noch weiter zugunsten von Marienthal entwickelt: ca. 1.700 Bewohner/innen der Gemeinde lebten nun bereits in Marienthal, 850 im Rest von Gramatneusiedl. Viele der Arbeiter und Arbeiterinnen kamen aus Böhmen, Mähren und Ungarn, sodass schätzungsweise nur ca. 30% der Beschäftigten aus dem engeren Umkreis der Gemeinde stammten. [8]

Während des ersten Weltkriegs lief die Produktion der Fabrik weiter, durfte allerdings ab 1916 Baumwolle und daraus hergestellte Produkte nur mehr an die Militärverwaltung verkaufen. Als bemerkenswert hebt MÜLLER hervor, dass die Fabrik bis 1918 kaum einen wirtschaftlichen Einbruch erlebte; Absatzmarkt und Produktion wurden mit Blick auf den Heeresbedarf umgestellt. Erst ab Mitte 1918 kam es zu einem ökonomischen Desaster aufgrund des massiven Rohstoffmangels und der abhanden gekommenen alten Absatzmärkte. Erstmals kam es zu Massenentlassungen. [9]

Im Kontext der Wirkung von Arbeitslosigkeit erscheint auch die Errichtung eines Barackenlagers für Flüchtlinge und Waisenkinder während des ersten Weltkrieges erwähnenswert. Diese Entwicklungen werden von MÜLLER in einem eigenen Kapitel behandelt (S.105ff.): Auf dem Gemeindegebiet – überlappend mit jenem von zwei Nachbargemeinden (Mitterndorf und Moosbrunn) – entstand ein Lager, das in der letzten Ausbaustufe über 441 meist aus Holz bestehende Gebäude verfügte und in dem Tausende untergebracht werden konnten. 1917 lebten dort etwa 8.200 Personen, die höchste Belegzahl lag bei 11.600. In drei der Gebäude wurden (insgesamt 42) Klassenzimmer errichtet und abhängig von der Anzahl der Flüchtlinge mehr als 2.000 Kinder unterrichtet. Auch wurden zahlreiche medizinische Versorgungseinrichtungen geschaffen, bis hin zu einer Säuglingsambulanz. Die Aufenthaltsbedingungen waren jedoch katastrophal: zwischen 1915 und 1918 starben fast 2.000 Menschen. Nach Ende des Krieges wurde versucht, das Lager aufzulösen, doch blieben viele in den Gebäuden. Noch in den 1930er Jahren wohnten Arbeitslose unter unwürdigsten Bedingungen auch in diesen baufälligen und schimmligen Baracken. [10]

Für den Zeitraum 1919-1930 erscheint entlang der Darlegungen MÜLLERs zunächst besonders interessant, dass sich nach dem Ende des ersten Weltkrieges die bäuerlich-konservativen Kreise von der zunehmenden Bedeutung des Arbeitermilieus abzukoppeln versuchten und die Abtrennung Marienthals von Gramatneusiedl beantragten. Dieses Thema dominierte den Gemeinderatswahlkampf von 1919, bei dem sich die Sozialdemokraten durchsetzten und mit einem Bürgermeister aus dem Fabrikmilieu an der Spitze zwölf von 16 Mandaten gewann. Die sozialdemokratischen Kreise wollten von der Trennung nichts wissen und wiesen den Antrag mit diesem eindeutigen Votum zurück. Aus den umfangreichen Darstellungen MÜLLERs über diesen Zeitraum wird ersichtlich, dass damit das Begehren der bäuerlichen Kreise in Gramatneusiedl aber nicht "vom Tisch" war; 1921 und 1925 flammten im Gemeinderat die Diskussionen wieder auf. Der neue Bürgermeister setzte Akzente für die Marienthaler Arbeiterbewegung, initiierte u.a. eine Genossenschaft für die Errichtung eines Arbeiterheims, das als kommunikatives und kulturelles Zentrum von Marienthal diente. Im Sog der Gemeindepolitik konnten sich auch zahlreiche sozialdemokratisch orientierte Organisationen etablieren, u.a. ein Montessori-Hort der "Kinderfreunde", der erste außerhalb von Wiens in Österreich. Auch die Marienthal-Studie, die zwischen November 1931 und Mai 1932 durchgeführt wurde, wurde von der Gemeindespitze unterstützt. Die sozialdemokratische Politik konnte allerdings nur bis zum 16. Februar 1934 die Gemeinde führen: zu diesem Zeitpunkt wurde der Bürgermeister im Zuge des Verbotes der Sozialdemokratie seines Amtes enthoben. [11]

Das Wachstum der Gemeinde bis Ende der 1920er-Jahre fand seinen Niederschlag in der Gründung zahlreicher Vereine, u.a. wurden Turn-, Fahrrad-, Athleten-, Sänger-, Volksbildungs- und Fußballvereine gegründet. MÜLLER geht auch darauf an mehreren Stellen ausführlich ein. Die Prosperität und der Ausbau der Fabrik hatte aber auch noch eine andere Wirkung. Unweit der Fabrikgebäude entstand ein Zentrum mit vielen Gewerbetreibenden: eine Bäckerei, ein Fleischhauerei, Lebensmittel-, Kleider- und Glaswarengeschäfte und vieles mehr. Auch das bedeutendste Gasthaus befand sich dort und war das Vereinslokal aller Arbeitervereine. [12]

Probleme mit der Auslastung der Fabrik setzten bereits 1918 ein. Die damit einhergehende hohe Rate an Arbeitslosigkeit unterlag bis zur Schließung eines Großteils der Fabrik (1929) allerdings größeren konjunkturellen Schwankungen. MÜLLER stellt diese Problematik in mehrere Kapiteln sehr ausführlich dar, und zwar über "Die ersten Arbeitslosenwellen. 1919 und 1923/24" (S.114ff.) und über "Die Textilfabrik Marienthal. 1919 bis 1925" (S.141ff.). So lag die Arbeitslosigkeit 1919 etwa bei 20%. Danach verbesserte sich die Situation wieder, aber nicht nachhaltig. 1923/1924 waren ca. 40% der Bevölkerung arbeitslos, und es wurde ein Fürsorgeprogramm für Notleidende entwickelt. Ein Aufschwung der Fabrik erfolgte 1925, nachdem sie von der mächtigen "Vereinigten Österreichischen Textil-Industrie Mautner Aktiengesellschaft" übernommen wurde3). Der Aufschwung, verbunden mit Neubauten am Fabrikgelände, war jedoch bald wieder von einem weiteren wirtschaftlichen Einbruch (1926) unterbrochen. Dieser führte zu Entlassungen der halben Belegschaft. 1929 erreichte die Fabrik nochmals einen großen Aufschwung und erreichte den insgesamt höchsten Beschäftigungsstand. Mit der wirtschaftlichen Prosperität stieg auch die Einwohner/innenzahl auf 2.920, ebenfalls der höchste Stand in der Geschichte der Gemeinde. Doch noch im selben Jahr brach die Produktion der Fabrik im Kontext der Wirtschaftskrise abrupt zusammen: Die Zahl der Beschäftigten fiel auf knapp 1.300, und es wurden Schichten eingestellt. Manche Gemeindeverantwortlichen gingen von einer vorübergehenden Krise aus, andere befürchteten schon zu diesem Zeitpunkt eine längerfristige Katastrophe, denn 80% der Bevölkerung waren vom Fortbestand der Fabrik abhängig. [13]

In einem sozialdemokratischen Organ erschien eine Sozialreportage4) hierzu: MÜLLER verweist darauf, dass schon in diesem Artikel, wie später in der eigentlichen Marienthal-Studie, einzelne Merkmale der "müden Gemeinschaft" erwähnt wurden, also z.B. verlangsamte Bewegungsabläufe bei Spaziergängen. [14]

Nach der Schließung wurde die Fabrik – wie im Abschnitt über das "Verklingende Marienthal" von 1930-1938 ausgeführt (MÜLLER, S.163ff.) – von Banken übernommen, die kein Interesse an der Fortführung des Betriebes hatten. Bereits im Februar 1930 begannen erste Abbrucharbeiten, denen weitere im Juli 1931 folgten. [15]

In der Gemeinde breiteten sich mit ca. 1.300 Arbeitslosen rasant Not, Hunger und Elend aus; die Arbeitslosenunterstützung bzw. "Notstandshilfe" reichten nicht zum Leben. Wie schlecht die Lage der Bevölkerung war, sei, wie MÜLLER darstellt, auch daran abzulesen, dass immer wieder Katzen und Hunde verschwanden – höchstwahrscheinlich wurden sie gegessen. Da der Gemeinde durch die Fabrikschließung ebenfalls Einnahmen entgingen, war auch die Gemeindeinfrastruktur betroffen: der Montessori-Hort wurde geschlossen, die Gehälter des Bürgermeisters und des Gemeindesekretärs wurden um 20% gekürzt. Das langjährige Prestigeobjekt der Gemeinde, der Bau einer neuen Hauptschule, wurde zurückgestellt. Hilfeleistungen kamen sogar von Nachbargemeinden, die z.B. alle Kinder aus Marienthal für einen Tag zum Essen einluden. [16]

Das war die Situation in der Gemeinde, als die "Marienthal-Studie" im November 1931 startete Die Hauptarbeit der Feldstudie wurde im Dezember 1931 und Januar 1932 durchgeführt, Mitglieder des Forschungsteams waren jedoch bis Mai 1932 in der Gemeinde. Marie JAHODA, die Hauptautorin der Studie, kehrte 1933/34 nochmals zurück, um im Rahmen des "freiwilligen Arbeitsdienstes" ein Arbeitslosenhilfsprojekt zu initiieren5). In diesem Zeitraum waren immer noch mehr als 60% der Bevölkerung arbeitslos; ca. 20% der Bevölkerung sind im ersten halben Jahr nach der Werksschließung abgewandert. Auch die Gewerbetreibenden und Geschäftsleute der Umgebung waren stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Gemeindeverwaltung wollte natürlich erreichen, dass die Fabrik bzw. später deren restlichen Teile wiedereröffnet wurden. Erst 1933 pachtete eine Firma die Spinnerei – 1934 wurde ein weiterer Fabrikbereich, die Weberei, verkauft. Allerdings erreichten die beiden Nachfolgebetriebe nur einen Bruchteil der ursprünglichen Fabrikgröße: 1933 arbeiteten dort ca. 35 Mitarbeiter/innen, 1934 etwa 80, 1938 etwa 170. Ein nur annähernder Ersatz für die prosperierende Fabrik mit bis zu 1.300 Beschäftigten konnte also nicht gefunden werden. [17]

Nach dem Verbot der sozialdemokratischen Partei und ihrer Organisationen durch das austrofaschistische Ständestaat-Regime im Februar 1934 wurde der gewählte Gemeinderat aufgelöst und ein neuer eingesetzt – angeführt vom einem Schuldirektor in Ruhestand. Im März 1938 kam es zum "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich6). Wie MÜLLER anführt, war kein Widerstand gegen die nationalsozialistische Machtübernahme zu verzeichnen; die meisten schlossen sich dem Nationalsozialismus an, und nur wenige Marienthaler/innen waren aktiv im Widerstand: der Pfarrer wurde verfolgt und neun Monate in einem Polizeigefängnis festgehalten; ein Marienthaler, der seine Ablehnung des Regimes zeigte, wurde in ein KZ deportiert und ermordet; einige beteiligten sich in kommunistischen Verbänden und am organisierten Widerstand – fünf von ihnen wurden 1943 verhaftet und 1944 hingerichtet7). [18]

Marienthal wurde in den Gau Wien und Umgebung eingeteilt, Gramatneusiedl war damit keine eigenständige Gemeinde mehr. Das Regime nahm diverse Einrichtungen in Anspruch. So wurden etwa das Arbeiterheim zum Sitz der lokalen nationalsozialistischen Organisation und das ehemalige Heim der Kinderfreunde Sitz der "Hitler-Jugend". Die Fabrik wurde dem jüdischen Unternehmer geraubt und zunächst vom "Arisierungs-König" Ries (MÜLLER, S.195ff.), später von einem anderen Unternehmer übernommen. Letzterer investierte noch 1941 in die Fabrik, indem er eine große Anzahl von Nähmaschinen für den Ausbau der Schneiderei anschaffte. Doch wurde bald auf Heeresbedarf umgestellt, und ab 1943 wurde das Werk fast ganz stillgelegt. Die Spinnerei wurde als Außenstelle des Wiener Neustädter Flugzeugwerkes benutzt, um Flugzeugbestandteile zu deponieren. Im September 1943 wurde in Gramatneusiedl eine Flakabteilung zur "Verteidigung" des Wiener Luftraums stationiert. 1944 fielen erste Bomben auf das Gebiet, und zu Beginn 1945 begannen Einheiten der Wehrmacht, sich zurückziehen. Danach verließen nationalsozialistische Funktionäre den Ort, bevor die abschließenden Kämpfe zwischen Wehrmacht und Roter Armee Anfang April 1945 stattfanden: insgesamt starben in Gramatneusiedl 172 Menschen durch den Krieg – 64 Soldaten, 39 Vermisste8) und 69 Zivilopfer. [19]

Die Nachkriegs- und Besatzungszeit wird von MÜLLER ("Jahre der Besatzung und des Wiederaufbaus. 1945 bis 1954", S. 206ff.) ebenfalls genauer behandelt. Sie war – wie in weiten Teilen Ostösterreichs – durch die Anwesenheit der sowjetischen Truppen bestimmt, die kurz nach dem Rückzug der Nazis vor Plünderungen und Vergewaltigungen in der einheimischen Bevölkerung nicht zurückscheuten. (Diese Fälle wurden durch die Besatzungsmacht und danach nie verfolgt.) Im Juli 1946 wurden ca. 700 sowjetische Soldaten und ihre Familien im Dorf untergebracht; Not und Aufbaubemühungen, auch der Fabrik, prägten die Zeit. Nach Instandsetzungsarbeiten in den restlichen Teilen der Fabrik wurde bald wieder produziert, 1946 ging eine neue Weberei in Betrieb. Das Unternehmen beschäftigte 1950 wieder ca. 100 Arbeiterinnen und Arbeiter. Langwierig gestaltete sich allerdings die Restitution der Fabrik: sie wurde erst 1953 den rechtmäßigen Inhabern überschrieben. Marienthal verblieb bis 1954 nicht nur in der sowjetischen Besatzungszone, sondern auch im Gemeindegebiet von Wien. Die Zurechnung zu Niederösterreich und der Status einer eigenen Gemeinde wurde Marienthal vom alliierten Rat verweigert. [20]

Nach dem Abzug der Besatzungstruppen und der "Normalisierung" des Alltags folgten noch einige Stationen der Textilfabrik, bevor sie 1973 endgültig geschlossen wurde9): Von 1958-1960 wurde, nach einem neuerlichen Verkauf, eine Seidenweberei betrieben, danach bis 1973 eine Näherei. Später fungierte die Fabrik – mit nur 25 Arbeiter/innen – für einige Jahre als Außenstelle einer Schuhfabrik. Allerdings entstand bereits 1962 am Gelände der Fabrik eine Chemiefabrik, die Acrylglas produzierte. Sie wies – nach Betriebsübernahmen in den 1970er Jahren – durchgängig ca. 200 Arbeitnehmer/innen auf. Von Bedeutung im Hinblick auf die Zahl der Arbeitsplätze in der Gemeinde ist noch ein genossenschaftliches Lagerhaus, das 1991 ca. 120 Beschäftigte hatte. Das Dorf entwickelt sich jetzt stärker zu einer Pendlergemeinde – der Pendleranteil lag 2001 bei ca. 80%. [21]

Mit diesen Daten entsteht ein detailliertes und umfangreiches Bild über die Geschichte der Gemeinde, wobei MÜLLER seine Aufgabe offensichtlich darin sieht, über eine Vielzahl von Daten eher eine detaillierte Nachzeichnung zu ermöglichen als analytische Zusammenhänge in den Vordergrund zu stellen. [22]

3. Genese und Entwicklung der Marienthal-Studie

Im zweiten Abschnitt präsentiert MÜLLER viele Details zur Entstehung und Durchführung der Marienthal-Studie sowie (mehr oder weniger) ausführliche Biografien, wobei unklar bleibt, wodurch die Ausführlichkeit bestimmt ist. [23]

Interessant erscheint mir dabei, dass das inhaltliche Interesse ursprünglich anders ausgerichtet war und die Hauptproponent/innen der "Marienthal-Studie" eine Studie über Freizeitverhalten intendierten. Sie wollten untersuchen, wie durch den damals erst eingeführten 8-Stunden-Tag neu entstandene Freizeit genutzt wurde. Im Kontakt mit dem bekannten sozialdemokratischen Parteiführer, Otto BAUER, verwies dieser aber auf einen viel fundamentaleren Wandel und das damals aus seiner Perspektive wichtigste Problem: die Zunahme der Arbeitslosigkeit. Er hatte dabei schon die Gemeinde Marienthal als möglichen Ort für ein solches Forschungsprojekt genannt; die Wahl von Marienthal dürfte aber – so MÜLLER (S.261) – durch eine Artikelserie in einer sozialdemokratischen Zeitung mit bedingt worden sein. [24]

Nachdem die Finanzierung durch die Arbeiterkammer und durch die amerikanische "Rockefeller Foundation" gesichert war, konnte ein 17 Personen umfassendes Projektteam unter Leitung von Paul F. LAZARSFELD mit der Arbeit beginnen. Die Feldforschung begann im November 1931 und dauerte bis Mai 1932. Dabei nahm insbesondere Lotte (SCHENK-) DANZINGER in der Felderhebung eine wichtige Rolle ein: Sie war von Anfang Dezember 1931 bis Mitte Januar 1932 in der Gemeinde, übernahm die Leitung der zu Beginn stehenden Hilfsaktion und verstärkte damit die Maßnahmen der Winterhilfe. Dem Projektteam war es überhaupt sehr wichtig, für die Betroffenen Nützliches zu leisten:

"Es war unser durchgängig eingehaltener Standpunkt, dass kein einziger unserer Mitarbeiter in der Rolle des Reporters und Beobachters in Marienthal sein durfte, sondern dass sich jeder durch irgendeine, auch für die Bevölkerung nützliche Funktion in das Gesamtleben natürlich einzufügen hatte" (JAHODA u.a. 1933, S.5; zit. in MÜLLER, S.294). [25]

Lotte (SCHENK-) DANZINGER hatte bereits vor der Kleidersammlung bzw. -verteilung mit 100 Familien der Gemeinde Kontakt aufgenommen, um die genaueren Bedürfnisse zu eruieren. Dem folgten weitere Initiativen des Projektteams wie ein Kurs über Schnittzeichnen, frei zugängliche Sprechstunden einer Frauen- und Kinderärztin, Vergabe dringender Medikamente, ein Mädchenturnkurs und Erziehungsberatung für Eltern. Die ersten sechs Wochen waren für die Studie am wichtigsten. Bis Mitte Mai wurden jedoch einzelne Aktionen weitergeführt und zusätzliche, auch statistische Materialien zusammengetragen. Der Zugang zur Gemeinde wurde jedoch nicht nur durch Hilfsaktionen erreicht. Unterstützend hat der Bürgermeister gewirkt, da das Projektteam eine Empfehlung vom Landeshauptmann erhielt; auch die beiden Schulen wurden durch den Bezirksschulrat angewiesen, das Forschungsteam zu unterstützen. Nur die Gendarmerie war ablehnend und observierte das Team sogar. [26]

Die Verarbeitung des Materials erfolgte teils noch während der Erhebung, teils im Frühsommer 1932 im Team. Nach MÜLLER (S.265) ist Marie JAHODA (neben der zweiten fixen Beschäftigten der "Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle", Gertrude WAGNER) der größte Teil der Auswertungstätigkeit zuzuschreiben. Im Sommer, nachdem die Teamsitzungen abgeschlossen waren, zog sich JAHODA mit dem Material aufs Land zurück und schrieb den Bericht. Zur selben Zeit arbeitete Hans ZEISEL, an dem Projekt nur marginal beteiligt und dritter Herausgeber neben JAHODA und LAZARSFELD, an einem Artikel über die "Geschichte der Soziographie". [27]

Das Buch über die Studie erschien zwar 1933, wurde aber – sieht man von Rezensionen zwischen 1933 und 1935 ab10) – in diesen Jahren nicht sehr bekannt. Erst die zweite Auflage (1960) und die Übersetzungen wurden breit rezipiert (mittlerweile liegen englische, französische, koreanische, italienische, spanische, norwegische, ungarische und polnische Übersetzungen vor). Die große Anerkennung der Marienthal-Studie führt MÜLLER im Wesentlichen auf drei Punkte zurückgeführt: auf das Thema "Arbeitslosigkeit", den methodologischen Zugang und die literarische Darstellung, da die Arbeit fast wie eine Sozialreportage verfasst ist. [28]

In einem Kapitel (S.312ff.) befasst MÜLLER sich mit den Lebensgeschichten der Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, wobei er von einem großen Teil zumindest die wesentlichen biografischen Daten, vom tragenden Personenkreis zusätzlich sehr detaillierte Biografien präsentiert11). Insgesamt war der Altersdurchschnitt der beteiligten Wissenschaftler/innen mit 27 Jahren sehr niedrig (eine Hauptschullehrerin [und Wiener Gemeinderätin] war mit 47 Jahren das älteste Projektmitglied). [29]

Der Initiator und Leiter des Projekts, Paul F. LAZARSFELD, war damals 30 Jahre alt. Er und die erst 25-jährige Marie JAHODA, die verheiratet waren und gemeinsam ein Kind hatten, lebten zu diesem Zeitpunkt bereits getrennt. Hervorzuheben sind nicht nur ihre wissenschaftlichen, sondern auch ihre politischen Ambitionen. So blieb JAHODA nach dem Verbot der Sozialdemokratie weiterhin (illegal) politisch aktiv und ließ die "Österreichische Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle" ohne Wissen anderer Mitarbeiter/innen als Postumschlagplatz fungieren. Dies wurde jedoch entdeckt und sie wurde gemeinsam mit anderen im Sommer 1937 zu einer Haftstrafe verurteilt. Nach internationalen Protesten wurde sie unter der Bedingung, das Land zu verlassen, freigelassen und ging nach London ins Exil. Paul F. LAZARSFELD, wie MARIE JAHODA jüdischer Herkunft, emigrierte bereits frühzeitig ins Exil. [30]

4. Erinnerungen an Marienthal

In einem weiteren Kapitel präsentiert MÜLLER (unkommentiert) Gespräche des Soziologen Christian FLECK12) mit drei Frauen aus dem Projektteam, und zwar mit Gertrude WAGNER, Marie JAHODA und Lotte SCHENK-DANZINGER. Entlang dieser Gespräche werden spezifische biografische Muster und Beziehungsstrukturen deutlich, u.a.:

  • Über die von MÜLLER selbst verfassten Lebenslaufdarstellungen hinaus sind perspektivische Akzente einzelner Personen erkennbar. So verweist Gertrude WAGNER auf das sozialdemokratische Engagement von LAZARSFELD, der in Salons – auch jenem seiner Mutter – mit anderen Intellektuellen kommunizierte. Lotte (SCHENK-) DANZINGER betont LAZARSFELDs Rolle als Statistiker, der immer wieder wegen Auswertungen gefragt wurde, bevor er sich der Wirtschaftspsychologie widmete. Marie JAHODA wieder wird als brillante Rednerin gesehen.

  • Auch scheinen in den Gesprächen Beziehungsstrukturen (und -schwierigkeiten) zwischen den Mitgliedern des Projektteams auf. So ersucht Gertrude WAGNER, die vom ersten Tag an Mitarbeiterin der "Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle" war, das Tonband auszustellen, um ("off-record") über Probleme mit Marie JAHODA zu sprechen. An anderer Stelle deutet JAHODA an, (SCHENK-) DANZINGER sei zu den Beteiligten und auch zum sozialdemokratischen Einfluss distanziert gewesen. Diese verweist ihrerseits auf ihr sozialdemokratisches Engagement in Jugendorganisationen, habe aber – wie sie im Interview sagt – die Arbeit an der Studie "sehr gehasst" und konnte die Feldforschung "nicht leiden" (nach MÜLLER, S.370ff.); auch hatte sie gerade ihren Mann kennengelernt, als sie für einige Zeit in Marienthal sein musste.

  • Auch einzelne Erkenntnisse der Studie werden durch die Interviews noch akzentuiert. So erzählt JAHODA, die Haltung der Menschen sei nicht nur von der Höhe des Arbeitslosengeldes, sondern auch von deren Persönlichkeit abhängig gewesen: es hätten sich "Lebenshaltungen", die bereits vor dem Eintritt in die Arbeitslosigkeit gebildet worden seien, fortgesetzt. Auch unterstreicht sie die Besonderheit der Studie, das Problem der Arbeitslosigkeit möglichst von allen Seiten und mit vielfältigen Methoden beleuchten zu wollen. [31]

5. Fazit

Dass die Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" außergewöhnlich ist, zeigen zahlreiche Prädikate: "revolutionäre" Methodik, "engagierte Aktionsforschung", die Verbindung von politischen und wissenschaftlichen Engagement (vgl. KREUZER 1983, S.7) und vieles mehr. Die Anerkennung drückt sich auch in vielen Publikationen rund um die Studie aus, sodass das Buch MÜLLERs im Kreis von anderen Veröffentlichungen13), einer Verfilmung14), Radiobeiträgen, von Homepages, Zeitungsartikeln, Ausstellungen und einer Dokumentation über den Ort15) steht und bei einigen dieser Arbeiten auch beteiligt war16). [32]

In "Marienthal. Das Dorf – Die Arbeitslosen – Die Studie" ist es MÜLLER gelungen – wenn ich die Inhalte zusammenfassend reflektiere – sehr zeitaufwändig und in bemerkenswerter Weise vielfältigste Details und Wissen rund um die Studie und den Ort zusammenzutragen. Hervorzuheben sind interessante Dokumente und zahlreiche Porträts bis hin zu einer beeindruckenden Rekonstruktion der Textilfabrik um 1930. Das chronikartig angelegte Buch ermöglicht ein noch facettenreicheres Bild der knapp 150 Seiten langen Studie von "Marienthal", sodass der Gewinn der sozial- und wissenschaftshistorischen Arbeit in einer noch klareren Konturierung von Gemeindestrukturen und Erkenntnissen liegt. [33]

Anhang

Fernsehfilm und -dokumentation:

  • "Einstweilen wird es Mittag". TV-Film. Österreich/Deutschland 1987. Regie: Karin BRANDAUER. Drehbuch: Heide KOUBA und Karin BRANDAUER.

  • "Die Arbeitslosen von Marienthal: Wie die Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre einen blühenden Ort in den Abgrund riss – und was die Nachwelt daraus lernen kann". Fernsehdokumentation von Günter KAINDLSTORFER. Wissenschaftliche Beratung: Reinhard MÜLLER. Erstausstrahlung: 13. Mai 2009, 21h05-21h57, 3sat.

Radiosendungen:

  • "Marienthal – eine Ortschaft erinnert sich": Radiosendung in der Reihe "Memo" am 28. April 1981, Ö1 (ORF).

  • "Marienthal Revisited". Radiokolleg Teil 1: 7. Juli 2008, 9h30 bis 9h45, Ö1 (ORF); Teil 2: 8. Juli 2008, 9h30 bis 9h45, Ö1 (ORF); Teil 3: 9. Juli 2008, 9h30 bis 9h45, Ö1 (ORF); Teil 4: 10. Juli 2008, 9h30 bis 9h45, Ö1 (ORF).

Homepages:

Artikel in Zeitungen:

  • Marie Jahoda (1997). "Auf den Mist geworfen". Marie Jahoda, Sozialpsychologin und Mitautorin der "Arbeitslosen von Marienthal", über die Wichtigkeit der Arbeit und die Gefahren der Arbeitslosigkeit. Profil, 28(8), 17. Februar, S.30-33.

  • Mauch, Uwe (2009). Die Aufarbeitung der tragischen Chance. Der Kurier (Österreichische Tageszeitung), 14. April, S.17.

Ausstellungen:

  • "Mit uns zieht die neue Zeit": Ausstellung in der ehemaligen Straßenbahnremise Wien 12, Koppreitergasse.

  • "Marie Jahoda (1907-2001) – Pionierin der Sozialforschung": Ausstellung des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich an der Universitätsbibliothek Graz vom 3. Juni bis 2. August 2002; Ausstellung vom 19.-23. September 2002 im Gemeindezentrum Gramatneusiedl.

  • "Looking Backward to Marienthal / Rückblicke auf Marienthal": Ausstellung vom 20.-30. Mai 2004 (erstellt von Reinhard MÜLLER gemeinsam mit zwei Bewohnern von Marienthal).

Anmerkungen

1) Die Fabrikschule und der Kindergarten ("Kinderbewahranstalt") werden – wie viele andere Thematiken – in einem eigenen Kapitel behandelt (MÜLLER, S.60f.). <zurück>

2) Diese und die folgenden Zahlen sind teilweise in unterschiedlichen Kapiteln ausgeführt, unter anderem im Kapitel über Marienthal und Gramatneusiedl von 1849 bis 1864 (MÜLLER, S.74ff.). <zurück>

3) MÜLLER präsentiert in mehreren Kapiteln (S.142ff.) auch Porträts von Mitgliedern der Dynastie Mautner. <zurück>

4) Vgl. Kapitel 20 ("Eine wegweisende Sozialreportage. 1930"; S.152ff.) und das Dokument 12 ("Ludwig Wagner: Eine Sozialreportage über Marienthal. 1930"). <zurück>

5) Vgl. ein Kapitel über den freiwilligen Arbeitsdienst (MÜLLER, S.172ff.). <zurück>

6) "Gramatneusiedl, eine Randsiedlung Wiens. 1938-1954" ist die Überschrift zu mehreren Kapiteln über die Wirkungen des Nazi-Regimes in Marienthal (MÜLLER, S.193ff.). <zurück>

7) Siehe das Kapitel "Über Menschen im Widerstand. 1938-1944" (MÜLLER, S.204ff.). <zurück>

8) Insgesamt waren ca. 500 Männer der Gemeinde als Soldaten rekrutiert. <zurück>

9) Siehe den Abschnitt "Von der Gemeinde zur Marktgemeinde Gramatneusiedl. 1954-1995" (MÜLLER, S.213-226). <zurück>

10) Die erste Besprechung stammte von Käthe LEICHTER (1933), spätere Rezensionen folgten dann zur Neuausgabe von 1960. <zurück>

11) Vgl. auch KREUZER (1983), JAHODA (2002) und MÜLLER (2002). <zurück>

12) FLECK hat sich in mehreren Publikationen Marienthal und der Vertreibung von Wissenschaftler/innen gewidmet (vgl. u.a. 1990, 2000, 2002). <zurück>

13) Vgl. u.a. HOPF (1985), JAHODA (1989, 1991). <zurück>

14) Eine besondere Bedeutung erhielt die Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" sicherlich durch die Verfilmung "Einstweilen wird es Mittag". Es handelt sich um eine Mischung zwischen Spiel- und Dokumentarfilm, wobei mit den Buchautor/innen kein Kontakt aufgenommen wurde. Die Regisseurin des Films, Karin BRANDAUER, erhielt für diesen 1987 gedrehten Film eine Auszeichnung. Marie JAHODA übte allerdings Kritik an den Ungenauigkeiten, insbesondere an der Darstellung ihrer (keineswegs mehr romantischen) Beziehung zu Paul F. LAZARSFELD und der Ablehnung der Studie durch Gemeindebewohner/innen (MÜLLER, S.230ff.). <zurück>

15) Vom Herbst 1979 bis Ende 1981 wurde ein Nachfolgeprojekt durchgeführt, das sich mit der Geschichte Marienthals von 1930-1980 beschäftigte, u.a. mehrere Videodokumentationen über die Gemeinde herstellte. Vgl. FREUND 1983. Seit Juni 2008 wird darüber hinaus an einem ständigen Dokumentations- und Informationszentrum gebaut. <zurück>

16) Z.B. Homepage, Beratung bei einer Fernsehdokumentation, Ausstellungen sowie Führungen durch Marienthal. Einige Veröffentlichungen rund um Marienthal sind im Anhang aufgezählt. <zurück>

Literatur

Fleck, Christian (1990). Rund um "Marienthal". Von den Anfängen der Soziologie in Österreich bis zu ihrer Vertreibung. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik.

Fleck, Christian (2000). Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. In Dirk Kaesler & Ludgera Vogt (Hrsg.), Hauptwerke der Soziologie (S.221-226). Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.

Fleck, Christian (2002). Introduction to the transaction edition. In Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld & Hans Zeisel, Marienthal. The sociography of an unemployed community (S.VII-XXX). New Brunswick, N.J.: Transaction Publishers.

Freund, Michael (1983). Geblieben ist die Tristesse. Marienthal heute. Psychologie heute, 10(6), 21-27.

Hopf, Christel (1985). Fragen der Erklärung und Prognose in qualitativen Untersuchungen, dargestellt am Beispiel der "Arbeitslosen von Marienthal". In Burkart Lutz (Hrsg.), Soziologie und gesellschaftliche Entwicklung. Verhandlungen des 22. Deutschen Soziologentages in Dortmund 1984 (S.303-318). Frankfurt/M.: Campus.

Jahoda, Marie (1989). Arbeitslose bei der Arbeit. Die Nachfolgestudie zu "Marienthal" aus dem Jahr 1938 (aus dem Englischen von Hans Georg Zilian; herausgegeben und mit einer Einführung versehen von Christian Fleck). Frankfurt/M.: Campus.

Jahoda, Marie (1991). Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld & Hans Zeisel: "Die Arbeitslosen von Marienthal". In Uwe Flick, Ernst von Kardorff, Heiner Keupp, Lutz von Rosenstiel & Stephan Wolff (Hrsg.), Handbuch Qualitative Sozialforschung. Grundlagen, Konzepte, Methoden und Anwendungen (S.119-122). München: Psychologie Verlags Union.

Jahoda, Marie (2002): "Ich habe die Welt nicht verändert". Lebenserinnerungen einer Pionierin der Sozialforschung (herausgegeben von Steffani Engler & Brigitte Hasenjürgen). Weinheim: Beltz.

Jahoda, Marie; Lazarsfeld, Paul F. & Zeisel, Hans (1975). Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Mit einem Anhang zur Geschichte der Soziographie. Frankfurt/M.: Suhrkamp. [Orig. 1933: S. Hirzel, Leipzig; 2. Auflage 1960: Verlag für Demoskopie, Allensbach]

Jahoda, Marie; Lazarsfeld, Paul F. & Zeisel, Hans (1971). Marienthal. The sociography of an unemployed community (translation from the German by the authors with John Reginall and Thomas Elsaesser). Chicago: Aldine.

Kreuzer, Franz (1983). Gespräch mit Marie Jahoda. In Franz Kreuzer (Hrsg.), Des Menschen hohe Braut. Arbeit, Freizeit, Arbeitslosigkeit (S.7-33). Wien: Franz Deuticke Verlagsgesellschaft.

Leichter, Käthe (1933). Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit. Arbeit und Wirtschaft, 11(7), 201-206.

Müller, Reinhard (Hrsg.) (2002). Marie Jahoda 1907–2001. Pionierin der Sozialforschung. Katalog zur Ausstellung des Archivs für die Geschichte der Soziologie in Österreich an der Universitätsbibliothek Graz vom 3. Juni bis 2. August 2002. Graz: Universitätsbibliothek Graz.

Wacker, Alois (2001). Marienthal und die sozialwissenschaftliche Arbeitslosenforschung. Historischer Rück- und Ausblick. In Jeannette Zempel, Johann Bacher & Klaus Moser (Hrsg.), Erwerbslosigkeit. Ursachen, Auswirkungen und Interventionen (S.397-414). Opladen: Leske + Budrich.

Zum Autor

Gerhard JOST, Dr., ao. Univ. Prof, Studium der Soziologie an der Universität Wien. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie und empirische Sozialforschung an der Wirtschaftsuniversität Wien. Forschungs- und Lehrschwerpunkte: Biografieforschung und qualitative Sozialforschung; Durchführung verschiedener qualitativer Forschungsprojekte. In FQS finden sich von Gerhard JOST Besprechungen zu "Passagen und Passantinnen. Biographisches Lernen junger Frauen" (von Doris LEMMERMÖHLE, Stefanie GROßE, Antje SCHELLAK & Renate PUTSCHBACH, 2006; http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0803200) sowie "Patchwork(er) on Tour. Berufsbiografien von Personalentwicklern" (von Gerhard NIEDERMAIR, 2005; http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0703316).

Kontakt:

Gerhard Jost

Institut für Soziologie und empirische Sozialforschung
Department für Sozialwissenschaften
Wirtschaftsuniversität Wien
Augasse 2-6
A-1090 Wien

Tel.: +43/1/31336-4743 (oder 4737)

E-Mail: Gerhard.Jost@wu-wien.ac.at

Zitation

Jost, Gerhard (2009). Rezension: Reinhard Müller (2008). Marienthal. Das Dorf – Die Arbeitslosen – Die Studie [33 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 10(3), Art. 20, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0903206.



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