Volume 11, No. 1, Art. 9 – Januar 2010

Rezension:

Yvonne Niekrenz

Alexandra König (2007). Kleider schaffen Ordnung. Regeln und Mythen jugendlicher Selbst-Präsentation. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, 329 Seiten, ISBN: 978-3-89669-623-6, Preis: 34 Euro

Zusammenfassung: Das Buch von Alexandra KÖNIG untersucht aus der klassentheoretischen Perspektive Pierre BOURDIEUs das Kleidungsverhalten Jugendlicher und deren Entwicklung hin zu einem eigenen Geschmack. Durch qualitative Einzel- und Gruppeninterviews rekonstruiert die Autorin die Mechanismen der Bindung ästhetischen Handelns an eine soziale Ordnung aus der Sicht der Jugendlichen. Dabei zeigt sie, dass die Wahlfreiheit bei der Entwicklung von Vorlieben und Stilen ein Mythos ist. Kleidung reproduziert vielmehr soziale Ungleichheit und wirkt mit bei der Herstellung einer sozialen Ordnung. Mit theoretischer Hilfe von Erving GOFFMAN werden die "Bühnen" der Selbstdarstellung unter die Lupe genommen. Die befragten Jugendlichen der Studie sind zwar sozialstrukturell sehr heterogen – die einen sind Hauptschüler/innen, die anderen Gymnasiast/innen einer internationalen Privatschule –, verallgemeinerbare Rückschlüsse auf die Herstellung von "individuellen Stilen", auf soziale Ungleichheit und einen jugendlichen Habitus lässt die gewissenhaft durchgeführte empirische Arbeit aber zweifelsfrei zu. Sie zeigt, dass soziale Ordnung in eine klassen-, geschlechts- und generationenspezifische Selbstpräsentation übersetzt wird.

Keywords: Kleidung; Mode; Jugendsoziologie; soziale Ungleichheit

Inhaltsverzeichnis

1. Der thematische Rahmen

2. Die empirische Grundlage

3. Der Aufbau und der Inhalt des Buches

3.1 Die theoretischen Grundlegungen – Teil 1

3.2 Die empirischen Annäherungen an die ästhetische Praxis der Jugendlichen – Teil 2

4. Die zentralen Ergebnisse

5. Das Buch in der kritischen Diskussion – wenige Anmerkungen zum theoretischen Ausgangspunkt und zur Durchführung der Studie

6. Das abschließende Fazit

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Der thematische Rahmen

Die Kleidung als zentrales Medium der Selbstpräsentation ist ein konstitutives Element der Altersphase Jugend. Als eine von vielen Möglichkeiten der Gestaltung des eigenen Körpers stellt das Einkleiden einen besonders relevanten, zeit- und auch ökonomisch intensiven Bereich juveniler Alltagspraxis dar. Nachdem Dieter BAACKE, Ingrid VOLKMER, Rainer DOLLASE und Uschi DRESING bereits 1988 dem Thema "Jugend und Mode. Kleidung als Selbstinszenierung" nachgegangen waren, hat die (jugend-) soziologische Forschung in den vergangenen Jahren die vestimentären (= auf Kleidung bezogenen) Praktiken dieser Altersgruppe intensiv und besonders aus der Perspektive der Individualisierung in den Blick genommen. Dabei standen vor allem Jugendliche und ihre Suche nach dem eigenen Stil in Szenen (z.B. HITZLER, BUCHER & NIEDERBACHER 2001), Subkulturen oder tribes sowie die Herstellung und das Unterstreichen der Individualität durch "Patchwork" und Bricolage (vgl. FERCHHOFF & NEUBAUER 1997) im Mittelpunkt. Das Buch "Kleider schaffen Ordnung" von Alexandra KÖNIG geht von einer anderen Deutung jugendlicher Kleidungspraxis aus, auf die der Titel mit seiner deutlichen Analogie zu Gottfried KELLERs Novelle "Kleider machen Leute" bereits hinweist. Kleidung schafft soziale Ordnung – hinsichtlich Alter, Geschlecht und sozialer Herkunft. Unter Rückgriff auf Pierre BOURDIEUs Kulturtheorie und seine Idee des Geschmacks als soziale Kategorie zeigt KÖNIG am Beispiel Jugendlicher, wie sich im Bereich der Kleidung unter dem Deckmantel des "individuellen Geschmacks" Mechanismen sozialer Ungleichheit (re-) produzieren. Die Arbeit, mit der KÖNIG im Jahr 2006 zugleich promovierte, ist als qualitative Interviewstudie angelegt und legt offen, dass in Zeiten von Individualisierung, Pluralisierung und Multi-Optionalität der Abstand zwischen den sozialen Klassen dennoch gewahrt und nicht zuletzt durch Kleidung symbolisiert bleibt. [1]

2. Die empirische Grundlage

Der notwendig qualitative Zugang der Arbeit ergibt sich aus der Anwendung des habitustheoretischen Ansatzes Pierre BOURDIEUs. Um das "Wie" des vestimentären Handelns rekonstruieren zu können, legt KÖNIG 15 Einzel- und 12 Gruppeninterviews zugrunde, die sich auf einen "flexiblen Leitfaden" (KÖNIG, S.52) stützten. Die 41 Jugendlichen des Samples waren überwiegend zum einen Schülerinnen und Schüler einer Hauptschule, zum anderen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten einer internationalen Privatschule. Einige Interviewpartner/innen gewann die Autorin "auf der Straße", dabei war "gerade hier das äußere Erscheinungsbild treibender Faktor" (S.56). Hinsichtlich des Bildungsniveaus, des Alters und auch des Kleidungsstils sollte so möglichst Heterogenität erzeugt werden. Die Grounded-Theory-Methodologie (STRAUSS & CORBIN 1996) in Kombination mit der dokumentarischen Methode der Interpretation (BOHNSACK, NENTWIG-GESEMANN & NOHL 2001) wurde für die Analyse des Interviewmaterials gewählt. Die Grounded-Theory-Methodologie, die als grundlegende Forschungshaltung eingenommen wurde, sowie ein wissenssoziologisch fundierter Ansatz (wie die dokumentarische Methode) schienen der Autorin geeignete Instrumente zu sein, um auf sensible Weise den Prozess des Aneignens eines "eigenen Geschmacks" und des Vorbereitens der Selbstpräsentation erfassen und abbilden zu können. [2]

3. Der Aufbau und der Inhalt des Buches

Die – sieht man von der Rahmung durch Einleitung und Schlussbetrachtung ab – in zwei Teile gegliederte Arbeit entwickelt zunächst bezogen auf ihr Thema die theoretischen Grundlagen sowie eine historische Vorüberlegung, um im zweiten, deutlich umfangreicheren, empirischen Teil anhand des Interviewmaterials die zentralen Themen bezüglich des Kleidungsverhaltens Jugendlicher herauszuarbeiten. [3]

Der in der Einleitung formulierten Frage, "wie im 'individuellen Stil' ein klassenspezifischer Habitus deutlich wird, wie in der vestimentären Praxis eine klassenspezifische Ordnung (re-) produziert wird" (KÖNIG, S.10), sollte mit einem Theorien-Mix als Folie nachgegangen werden. Da BOURDIEUs klassentheoretischer Ansatz zwar Kleidung als Element sozialer Ordnung begreift, das Rückschlüsse auf das "Sein" des Trägers/der Trägerin zulässt, nicht aber erklären kann, wie die Selbstdarstellung realisiert und die soziale Ordnung in einen eigenen Stil transformiert wird, nutzte KÖNIG zahlreiche Konzepte Erving GOFFMANs. Sein Bestseller "Wir alle spielen Theater" (2004 [1959]) half mit seiner "Theatermetaphorik" die Frage zu beantworten, wie eine klassenspezifische (Kleider-) Ordnung in individuelle Selbstpräsentationen übersetzt wird (vgl. KÖNIG, S.49). [4]

3.1 Die theoretischen Grundlegungen – Teil 1

Das erste Kapitel nutzt die Autorin, um u.a. unter Rückgriff auf die quantitative Studie "Bravo Faktor Jugend 5" (2001) zum Thema "Jugend, Styling, Fashion" die besondere Relevanz von Mode in der Alltagswelt Jugendlicher darzustellen und daraus die Motivation für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit der Thematik abzuleiten. [5]

Im zweiten Kapitel wird die (Jugend-) Soziologie nach handhabbaren Ansätzen für die Thematik Kleidung und Mode abgeklopft – für die Studie finden sich hier und da Anregungen, aber ein zusammenhängender, für die Fragestellung geeigneter Ansatz wird nicht ausgemacht. [6]

So muss die Autorin also im dritten Kapitel einen theoretischen Rahmen zeichnen, der vor allem aus BOURDIEU und GOFFMAN besteht, an geeigneter Stelle auf Norbert ELIAS und die Entstehung der Scham verweist und neben Richard SENNETTs Ideen zur Authentizität auch Georg SIMMELs Ausführungen zur "Nachahmung" nutzt. Für BOURDIEU manifestiert sich der "Geschmack" als Klassifizierungsprinzip des Habitus u.a. in der Kleidung, wobei der legitime Geschmack, so BOURDIEU, den oberen, herrschenden Klassen vorbehalten ist, der populäre Geschmack der unteren Klasse. Mit BOURDIEU konstatiert die Autorin, dass sich zwar die Mode wandele, die Klassen aber einander fern blieben. Obwohl sich die Konfektionsware seit Mitte des 19. Jahrhunderts massenhaft verbreitet habe, könne also von einer "Demokratisierung der Mode" (KÖNIG 1985) nicht gesprochen werden. Einerseits werde das Bedürfnis nach Individualität und Distinktion in der Regel mit dem Eintritt ins Jugendalter virulent, andererseits aber auch Anpassung und Integration in die peer group. Das ist das Paradoxon der Mode, das Elena ESPOSITO wie folgt auf den Punkt bringt: "Das Individuum folgt der Mode, um die eigene Einzigartigkeit durchzusetzen und unter Beweis zu stellen, und es tut dies, indem es sich nach einer allgemeinen Tendenz ausrichtet. Das Individuum macht also, was die anderen machen, um anders zu sein" (2004, S.13). Mit der GOFFMAN folgenden Idee, dass die verschiedenen "Bühnen" spezifische Formen der Selbstpräsentation benötigen, stellt die Autorin die Einheit des Habitus infrage und lenkt ihren Blick zugleich auf die "Hinterbühnen" – die Orte, an denen die Präsentationen aufwändig und oft als kollektives Projekt vorbereitet werden. [7]

Nach der Diskussion der ausgewählten Forschungsmethoden im vierten Kapitel (s.o., Abschnitt 2: "Die empirische Grundlage") nimmt die Autorin im fünften Kapitel eine historische Perspektive auf das vestimentäre Handeln ein. Unter Rückgriff auf Norbert ELIAS wird die "Zivilisierung der Kleidung" rekonstruiert, wobei die zunehmende Disziplinierung, die Transformierung von Fremd- in Selbstzwänge und die damit verbundene Entstehung von Schamgefühlen in den Blick genommen werden, um zu zeigen, dass sich bereits im 17. Jahrhundert die Kleidung als (geschlechts-, alters- und schichtspezifisches) Ordnungsprinzip zu etablieren begonnen habe. Der Überblick endet mit dem 20. Jahrhundert, also der Zeit, in der Barrieren zwischen Klassen, zwischen Stadt und Land zu verschwinden schienen, die Suche nach Authentizität die Kleiderwahl bestimmte und "die Jugend" als Avantgarde in Modefragen gesehen wurde. [8]

3.2 Die empirischen Annäherungen an die ästhetische Praxis der Jugendlichen – Teil 2

Der zweite und zentrale Teil der Arbeit beginnt mit dem sechsten Kapitel, in dem der Selbstpräsentation als ambivalentem Projekt Aufmerksamkeit geschenkt wird. Hinter dem Anspruch auf Individualität und dem Folgen des eigenen Geschmacks entlarvt die Autorin die regulierenden (offenen und verdeckten) Mechanismen der Nachahmung. Unter anderem mit mehr als einhundert Jahre alten Schriften Georg SIMMELs werden die Ergebnisse der Interviewanalyse theoretisch eingebettet. [9]

Überlegungen zu Wandel und Konstanz des vestimentären Handelns im biografischen Verlauf der interviewten Jugendlichen stehen im Mittelpunkt des siebten Kapitels. Wie entwickelt sich ein "eigener Geschmack"? Welche Varianzen des Geschmacks lassen sich ausmachen? Vorbereitet wird hier die Bildung von Idealtypen des vestimentären Handelns im Jugendalter, die Gegenstand des elften Kapitels ist. [10]

Jugendliche bewegen sich auf verschiedenen Bühnen und stimmen daraufhin ihre Selbstpräsentation ab. Insgesamt vier Bühnen wendet sich KÖNIG im achten Kapitel genauer zu: dem Elternhaus, der Schule, den abendlichen Vergnügungen und dem "Partnermarkt" (S.143). Für diese Analyse liefert GOFFMAN die zentrale theoretische Fundierung. So beschreibt KÖNIG in einem Blick auf die Hinterbühnen, wie das "Ensemble" in einem kollektiven Projekt den gemeinsamen Auftritt vorbereitet. An diesem Beispiel wird deutlich, wie Kollektivität und Individualität ausbalanciert werden: Das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Einheit ist nämlich ebenso wichtig wie der Anspruch "irgendwie-ein-bisschen-anders-auszusehen" (S.200). Mit dem Begriff der "Selbststeuerung" (anstelle von Selbstzwängen) beleuchtet KÖNIG mit Rückgriff auf ELIAS die regulierende Wirkung von Wohl- und Schamgefühlen bei der Präsentation des Ichs in seiner Kleidung. [11]

Die mittels Kleidung produzierte generationale, geschlechts- und klassenspezifische Ordnung ist Thema des neunten Kapitels. Über die Kleidung werden, so KÖNIG, immer Rückschlüsse auf deren Träger/innen gezogen. Dabei sind Gleichaltrige, aber auch Eltern und Vorbilder wichtige Impulsgeber bei der Entscheidung darüber, was altersangemessen ist. Die Inszenierung des Geschlechts sei insbesondere bei den Mädchen heikel: Was ist übertrieben weiblich oder gar "nuttig"; was ist unpassend und zu "schlabberig" (S.253)? Die Einordnung im sozialen Raum durch die vestimentäre Praxis wird unter Rückgriff auf BOURDIEUs umfassenden Kapitalbegriff erläutert. Denn nicht nur ökonomisches, sondern gerade auch kulturelles (wissen, was und wie man etwas trägt) und soziales Kapital (soziale Beziehungsnetze, die in bestimmte Kreise einführen und Sicherheit geben) seien entscheidend für die Platzierung in einem sozialen Raum. [12]

BOURDIEU ist es auch, den KÖNIG im zehnten Kapitel mit einigen seiner zentralen Thesen diskutiert. Nach der Analyse, wie über Kleidung eine Selbstpositionierung vorgenommen wird, nimmt sich die Autorin die Kritik an den Bourdieuschen Thesen aus der Perspektive der Lebensstilforschung vor. Den individualisierungstheoretischen Einwänden hält sie entgegen, dass die Wahlfreiheit und Optionenvielfalt nur eine scheinbare sei und die Individuen solche Lebensstile wählten, für die sie sowieso prädisponiert seien (S.276). Der Habitus sei ein Element zur Reduzierung von Unsicherheit – er erleichtere die Verortung im sozialen Raum. Zugleich sei er ein Zeichen dafür, dass Individualisierung mit sozialer Ungleichheit und festen Klassenstrukturen einhergehen könne. [13]

Nachdem die Autorin BOURDIEU und seine kulturtheoretischen Ansätze gegen alle Einwände verteidigt hat, nimmt sie im elften Kapitel eine Typologie vor. Fünf Muster vestimentären Handelns arbeitet sie heraus. Zwei Typen mit "festem inneren Kern": den Geschmacksadel (1) und den Selbst-Finder (2), zwei Typen "ohne festen inneren Kern": den souveränen Bastler (3) und den ängstlich Bemühten (4), und schließlich einen Typus, bei dem die Selbstpräsentation durch Aussehen nicht sonderlich virulent sei, den Desinteressierten (5). [14]

4. Die zentralen Ergebnisse

Am Beispiel des Kleidungsverhaltens macht die Studie die Zusammenhänge zwischen Individuum und Gesellschaft deutlich, indem sie "die Realisierungen, die Möglichkeiten und Grenzen, die Wünsche und Erwartungen, die Sympathien und Antipathien, die sich entwickeln" (S.301) in den Blick nimmt und zugleich die Positionsgebundenheit dieser Realisierungen im sozialen Raum belegt. Spezifische, von sozialen Rahmen abhängige Kleiderregeln forderten Kompetenzen heraus, deren Erwerb an ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital gebunden sei. Diese Kleidungsregeln ordnen, so KÖNIG, einerseits die sozialen Interaktionen und strukturieren diese vor. Andererseits machen sie auch eine soziale Ordnung deutlich, die mithilfe des Postulats des individuellen Geschmacks verschleiert würden:

"Der Geschmack, die Selbst-Präsentation sind Merkmale sozialer Ungleichheit […]. Ästhetische Diskriminierung ist somit Teil einer symbolischen Gewalt. Damit verkehrt sich die freiheitlich erscheinende Regel, dass 'jeder seinen Geschmack' hat und folgen soll, in ihr Gegenteil, verkennt sie doch zum einen die unterschiedlichen Voraussetzungen und zum anderen die unterschiedlichen Wertschätzungen der Stile" (S.307). [15]

Da der Prozess der Geschmacksbildung für die Lebensphase Jugend besonders bedeutsam ist, kann die Autorin an dieser Altersgruppe die Mechanismen der Reproduktion sozialer und sichtbarer Ungleichheit exemplifizieren. Ein leichtfüßiges Spiel und der scheinbar spontane Wechsel von Stilen sei für Jugendliche nur innerhalb begrenzter Rahmen möglich. Die Möglichkeit des Ausbruchs aus diesen Grenzen stelle lediglich die Hinwendung zu einigen (Jugend-) Szenen dar (z.B. Punks). Besonders deutlich werde die Repräsentation sozialer Ordnung bei der Differenzierung der Geschlechter: Mode wird in den Interviews als typisch weibliches Thema und Kleidung als zentrales Element im doing gender identifiziert. Zugleich verdeutlicht das Buch auch, wie in Aushandlungsprozessen mit Gleichaltrigen ein "jugendlicher Habitus" als deutliches Distinktionsmerkmal zur Welt der Erwachsenen erarbeitet wird. Die generationale Ordnung wird (re-) produziert, sobald Jugendliche das angemessene Alter zur selbstbestimmten Kleiderwahl erreichen (bzw. zu ihren Gunsten ausgehandelt haben). Kindliche Kleidung (z.B. Karottenhose) wird von da an abgelehnt und in Form von Spott und Ausgrenzung sanktioniert. Ebenso wird (zu) erwachsene Kleidung (z.B. Krawatten – "Nee so alt sind wir jetzt auch noch nich" [S.227]) gemieden, solange das Privileg der Jugendlichkeit genossen werden kann. Der Spielraum Jugend bietet – so KÖNIG – experimentelle Freiheit, die (auch in ihrer Begrenztheit) den Jugendlichen bewusst sei: "jetzt geht es noch, weil ich jugendlich bin" (S.228). [16]

5. Das Buch in der kritischen Diskussion – wenige Anmerkungen zum theoretischen Ausgangspunkt und zur Durchführung der Studie

Mit dem Buch "Kleider schaffen Ordnung" legt KÖNIG eine Studie vor, die gewohnte, individualisierungstheoretische Pfade verlässt. Nicht von Szenen, Milieus und Subkulturen ist die Rede, sondern von Klassen. Die mutige Idee, mithilfe von BOURDIEU das Kleidungsverhalten Jugendlicher zu untersuchen, wird konsequent verteidigt und plausibel durchgehalten, sodass nur wenige Kleinigkeiten mit Blick auf die überzeugende Arbeit von KÖNIG einzuwenden sind. Erving GOFFMAN ist für die theoretischen Überlegungen mehr als eine "theoretische Ergänzung", wie das Kapitel 3.2 behauptet. GOFFMAN bietet nicht nur für die Analyse des Interviewmaterials eine entscheidende Grundlage, sondern wird über die gesamte Arbeit hinweg im Mix mit BOURDIEU zur theoretischen Fundierung und Bekräftigung der empirischen Ergebnisse genutzt. Dieser Anteil an der Arbeit wird mit dem Begriff "Ergänzung" nicht angemessen gewürdigt. [17]

Die Studie untersucht sehr heterogene Jugendliche: Auf der einen Seite befragt KÖNIG Hauptschüler/innen, auf der anderen Seite Gymnasiast/innen einer internationalen Privatschule. Das ist zwar aus methodischer Sicht einleuchtend, weil die beiden Gruppen einander kontrastierend gegenüber gestellt werden können, aber auch hier lässt die Jugendforschung wieder zugunsten von "extremen" oder "exotischen" Gruppen diejenigen "dazwischen"– also die Jugendlichen, die eine Mehrheit in Deutschland ausmachen – außer Acht. Zudem ist zu fragen, wo denn in der Studie nach der Methodologie der Grounded Theory verfahren wurde. Zur Logik der Fallauswahl und zum Ablauf der Feldphasen erfahren die Lesenden zu wenig, um sich ein differenziertes Bild des Forschungsprozesses machen zu können. [18]

Mit dem Interviewmaterial geht die Autorin sensibel um und erarbeitet nachvollziehbar die Wirklichkeitskonstruktionen der Jugendlichen. Da sie ausschließlich auf Interviews zurückgreift, erfahren wir aber nicht, wie Jugendliche sich kleiden, sondern wie Jugendliche darüber sprechen, wie sie sich kleiden. Das Triangulieren mit einer systematischen Beobachtung hätte die Perspektiven angereichert und wäre für eine (Folge-) Untersuchung in einem größeren Rahmen wünschenswert. [19]

Die in Kapitel fünf vorgenommene historische Rekonstruktion beginnt – unter Rückgriff auf ELIAS – erst im 17. Jahrhundert. Mit einer Betrachtung der Verhältnisse z.B. im Hochmittelalter hätten gerade im Hinblick auf Distinktion interessante Befunde einbezogen werden können. Das in Kapitel acht beschriebene vestimentäre Handeln auf der Hinterbühne zur Vorbereitung einer Abendveranstaltung wird meines Erachtens zu wenig als Teil des Abends, als Ereignis und wesentliches Element der Freizeitgestaltung gewürdigt. Der von GOFFMAN übernommene Begriff der Hinterbühne ist wohl Schuld daran, dass die Präsentation als zentral und die Vorarbeit als darauf hinauslaufend angesehen werden. [20]

Schließlich ist ein formaler Aspekt zu nennen, der die Lesefreundlichkeit einschränken könnte. Die Qualifikationsarbeit lässt in den Fußnoten einen umfangreichen Subtext entstehen, der zwar auf die umfassende Reflexion des Themas durch die Autorin und eine ausgesprochene Kundigkeit schließen lässt. Oftmals aber würde ein Verzicht auf die Fußnoten die Qualität der Argumentation dieser Arbeit nicht schmälern, wohl aber den Fluss des Lesens verbessern. [21]

6. Das abschließende Fazit

Das Buch gibt mit seiner qualitativen Studie Einblicke in das Kleidungsverhalten Jugendlicher und führt die Ungleichheiten im Eindrucksmanagement auf ungleiche Chancen zurück. Mit ihrer klassentheoretischen Perspektive setzt die Arbeit den individualisierungstheoretischen Ansätzen eine Alternative entgegen und ist daher ein bereichernder Beitrag für die Jugendforschung und Jugendsoziologie. Das Buch kann daher allen empfohlen werden, die sich den Themen "Jugend" und "soziale Ungleichheit" widmen. [22]

Literatur

Baacke, Dieter; Volkmer, Ingrid; Dollase, Rainer & Dresing, Uschi (1988). Jugend und Mode. Kleidung als Selbstinszenierung. Opladen: Leske + Budrich.

Bohnsack, Ralf; Nentwig-Gesemann, Iris & Nohl, Arnd-Michael (Hrsg.) (2001). Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Opladen: Leske + Budrich.

Bravo (2001). Faktor Jugend 5. Beauty, Styling, Fashion. München: Bauer Media KG, http://www.bauermedia.de/uploads/media/jugend5.pdf [Datum des Zugriffs: 06.08.2009].

Esposito, Elena (2004). Die Verbindlichkeit des Vorübergehenden: Paradoxien der Mode. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Ferchhoff, Wilfried & Neubauer, Georg (1997). Patchwork-Jugend. Eine Einführung in postmoderne Sichtweisen. Opladen: Leske + Budrich.

Goffman, Erving (2004). Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag (2. Auflage). München: Piper. [Orig. 1959]

Hitzler, Ronald; Bucher, Thomas & Niederbacher, Arne (2001). Leben in Szenen. Formen jugendlicher Vergemeinschaftung heute. Opladen: Leske + Budrich.

König, René (1985). Menschheit auf dem Laufsteg. Die Mode im Zivilisationsprozeß. München: Carl Hanser.

Strauss, Anselm L. & Corbin, Juliet M. (1996). Grounded Theory. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz.

Zur Autorin

Yvonne NIEKRENZ, M.A. studierte Soziologie und Germanistik, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie und Demographie der Universität Rostock (Lehrstuhl Soziologische Theorien und Theoriegeschichte – Prof. Dr. Matthias JUNGE) und hat einen Lehrauftrag an der Universität Bielefeld.

Kontakt:

Yvonne Niekrenz

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Institut für Soziologie und Demographie
D-18051 Rostock

Tel.: 0381-498 44 27
Fax: 0381-498-43-64

E-Mail: yvonne.niekrenz@uni-rostock.de
URL: http://www.wiwi.uni-rostock.de/soziologie/theorie/

Zitation

Niekrenz, Yvonne (2009). Rezension: Alexandra König (2007). Kleider schaffen Ordnung. Regeln und Mythen jugendlicher Selbst-Präsentation [22 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 11(1), Art. 9, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs100190.



Copyright (c) 2009 Yvonne Niekrenz

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