Volume 11, No. 2, Art. 18 – Mai 2010

Wissenschaft als Handwerk

Stephan Lorenz

Review Essay:

Richard Sennett (2008). Handwerk. Berlin: Berlin Verlag; 432 Seiten; ISBN: 978-3827000330; 22,00€

Zusammenfassung: Richard SENNETT entwirft auf Basis kulturhistorischer Rekonstruktionen in "Handwerk" eine Alternative zu den von ihm in früheren Arbeiten kritisierten Flexibilisierungen des "neuen Kapitalismus". Dazu untersucht er am Vorbild des Handwerks Kriterien und Bedingungen guter Arbeit, wobei sein Arbeitsbegriff sehr weit gefasst ist und letztlich auf (Techniken der) Lebensführung ganz allgemein zielt. Der Essay legt als Ausgangspunkt dieser Alternative SENNETTs Anliegen dar, Hand- und Kopfarbeit als ungetrennt zu konzeptualisieren, führt die wesentlichen Varianten und Merkmale des Handwerks aus und diskutiert das exemplarisch bezogen auf Möglichkeiten guter wissenschaftlicher Arbeit; so werden deren Bedingungen im Allgemeinen thematisiert und einige Fragen zu den sogenannten Forschungswerkstätten im Besonderen aufgeworfen. SENNETTs Überlegungen erweisen sich dabei als äußerst anregend, lassen aber auch Fragen offen, die abschließend zusammengetragen werden: zur Differenzierung des Handwerks, zum Arbeitsbegriff, zur gesellschaftlichen Durchsetzungsfähigkeit alternativer Praktiken und zum Verhältnis von Prozess und Ergebnis/Nützlichkeit.

Keywords: Arbeit; Zeitdiagnostik; Gesellschaftstheorie; Forschungswerkstatt; Pragmatismus; Kulturgeschichte des Handwerks; Materialität; Qualität; ökologische Krise; Lebensführung

Inhaltsverzeichnis

1. Handwerk, Arbeit, Wissenschaft

2. SENNETTs Anliegen

3. Varianten und Merkmale handwerklichen Arbeitens

4. Die Forschungs-Werkstatt

5. Zu Bedingungen guter wissenschaftlicher Arbeit

6. Offene Fragen

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Handwerk, Arbeit, Wissenschaft

Von "wissenschaftlichem Handwerkszeug" zu reden ist gebräuchlich, in der "qualitativen"1) Sozialforschung sind "Forschungswerkstätten" zur festen Institution geworden, und Daten werden häufig als "Materialien" betrachtet. So kommt der Sprachgebrauch einer Deutung von wissenschaftlicher Arbeit als Handwerk entgegen. Aber was sind die zugrunde liegenden Vorstellungen von Handwerk und Werkstatt und was macht diese zu geeigneten "Vor-Bildern" für die wissenschaftliche Arbeit? Richard SENNETT hat mit seinem Buch "Handwerk" eine gute Basis geschaffen, um darüber kulturgeschichtlich informiert und zeitdiagnostisch interessiert nachzudenken. Er kommt seinerseits einer solchen Betrachtung entgegen, indem er handwerkliche Arbeit sehr weit fasst, ja sie zum Maßstab guter Arbeit ganz allgemein nimmt. So wird handwerkliche Orientierung eingeführt als "Wunsch, eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen" (S.19). Handwerkliche Arbeit kann deshalb auch das Spielen eines Instruments sein, die Gestaltung eines Gebäudes durch Architekt/innen, die Arbeit in Labor oder Krankenhaus ebenso wie auf dem Bau, das Schreiben und künstlerische Tätigkeiten oder die Entwicklung von Software. Für das Schlusskapitel begibt sich SENNETT sogar in "Die philosophische Werkstatt" (S.379). [1]

Dieses Entgegenkommen ist freilich zwiespältig, weil handwerkliche Arbeit nun zu allgemein erscheinen mag, um sie noch sinnvoll auf – beispielsweise – Wissenschaft zu beziehen. Dies umso mehr, als SENNETT den Arbeitsbegriff geradezu universalisiert, sodass noch Elternschaft oder politische Beteiligung darunterfallen. Denn letztlich geht es ihm sehr allgemein um "(Techniken der) Lebensführung" (S.19, 23). Umgekehrt betrachtet ergibt sich aus dieser Vorgehensweise aber bereits ein Zugang zum Wissenschaftsverständnis. Wissenschaft ist dann nämlich nicht in erster Linie als etwas Eigenes, Eigenlogisches und Unabhängiges bestimmt, sondern ist eine gesellschaftliche Praxis unter mehreren. Sie steht zu anderen nicht in Opposition, sondern mit ihnen in unauflöslicher Verbindung. Es ist gerade das zentrale Anliegen SENNETTs, die Zusammengehörigkeit von Kopf und Hand, Denken und Machen, Reflexion und Handlung, Kultur und Natur aufzuzeigen. Zeitdiagnostisch – und darin trifft er sich mit Autoren wie beispielsweise Zygmunt BAUMAN (1995 [1991]) oder Bruno LATOUR (1998 [1991]) – sieht er gesellschaftliche Probleme als Resultat solcher strikten Trennungen. Pointiert: "Wenn Hand und Kopf voneinander getrennt werden, leidet der Kopf" (S.65). [2]

Im Bereich "qualitativer" Forschung wird ein Wissenschaftsverständnis, das sich nicht prinzipiell von (anderer) gesellschaftlicher Praxis getrennt sieht, auf verbreitete Zustimmung treffen. Strikte Trennungen sind hier eher die Ausnahme (vgl. etwa die "kategoriale Differenz", die OEVERMANN 2000 postuliert). Diese Nähe ergibt sich zum Teil auch aus SENNETTs philosophischer Referenz, dem Pragmatismus (v.a. S.379ff.), von dem ebenso weite Teile "qualitativer" Forschung beeinflusst sind. Andere Praxen einzubeziehen heißt noch nicht zwangsläufig, sozialkonstruktivistischen Boden zu verlassen. SENNETT geht weiter, findet sich aber auch damit in einem sozialwissenschaftlichen Umfeld, in dem verschiedenste Richtungen bestrebt sind, verstärkt (wieder) die Materialität sozialer Verhältnisse mit in die Analysen einzubeziehen. Das ist keineswegs neu (vgl. exemplarisch GROß 2006), hat aber nicht zuletzt mit der Klimaproblematik zweifellos noch einmal an Aktualität gewonnen (vgl. VOSS 2010). [3]

Die Ideenvielfalt und die exemplarische Materialfülle, die SENNETT verarbeitet und auf über 400 Seiten ausbreitet, erfordern in der Besprechung Beschränkungen. Das gilt erst recht, wenn die Besprechung einen Aspekt im Auge hat, nämlich "Wissenschaft als Handwerk", der eher einen Anwendungsfall als den zentralen Gegenstand des Buches bildet. So möchte ich zunächst SENNETTs eigenes Anliegen umreißen (Abschnitt 2). Dann sollen historische Varianten im Handwerksverständnis aufgezeigt werden, von denen SENNETT selbst eines bevorzugt, nämlich das der Aufklärung, um danach die wichtigsten Bestimmungen von Handwerk in diesem Sinne zusammenzutragen (Abschnitt 3). Im folgenden Schritt wird es um den Ort handwerklichen Arbeitens gehen, also die Werkstatt (Abschnitt 4). Schließlich können auf dieser Basis Fragen nach Bedingungen guter wissenschaftlicher Arbeit diskutiert (Abschnitt 5) und offen gebliebene Fragen an SENNETTs Überlegungen gestellt werden (Abschnitt 6). [4]

Es bleibt, darauf zu verweisen, dass "Handwerk" den Auftakt einer Trilogie bilden soll, deren Folgewerke "Krieger und Priester" (Fragen nach Fundamentalismus und Gewalt) sowie "Der Fremde" (ökologische Fragen, die sich nur auf Basis einer gründlichen "Entfremdung" von aktuellen Entwicklungen neu betrachten lassen) angekündigt werden (S.18ff.). "Handwerk" geht den beiden weiteren Büchern voraus, weil darin die Grundlagen einer "kulturmateriellen" Analyse gelegt werden sollen, die sich besonders auf Praktiken und Techniken konzentriert, so auch die Rituale in Militär und Religion sowie die industriellen Umweltgefährdungen beziehungsweise neue "Techniken des Umwelthandwerks" (S.25). [5]

2. SENNETTs Anliegen

SENNETT will aus körperlicher Tätigkeit und Erfahrung heraus, aus dem Herstellen von und dem Umgang mit Dingen, die Möglichkeiten menschlichen Denkens und Handelns aufzeigen. Statt einem Bruch zwischen körperlich verrichteter Arbeit und Reflexion sieht er eine Kontinuität. Denn Denken, so argumentiert er, ist Teil von und resultiert aus dieser Arbeit. Folglich bedarf es qualitativ guter Arbeit, um zu gutem Denken und humanerem, auch demokratischerem gesellschaftlichen Zusammenleben zu gelangen. Dafür soll handwerkliche Arbeit das Vorbild liefern und wird deshalb zum Gegenstand der Untersuchung. [6]

SENNETT kennt die erwartbaren Einwände und setzt mit dem ein, was doch so offensichtlich gegen eine solche Sicht spricht. Er beginnt seine Untersuchung mit den seit antiken Zeiten beobachteten Problemen mit (der Herstellung von) scheinbar guten Dingen, wie sie mythologisch im Bild der (Büchse der) PANDORA überliefert sind: das zunächst Attraktive kann destruktive Konsequenzen zeitigen. Er aktualisiert diese Beobachtung mit der Errichtung von Konzentrationslagern, die in der Analyse Hannah ARENDTs aus im banal-bösen Sinne "guter Arbeit" hervorgingen. Bei der Herstellung der Atombombe stand die Konzentration auf die technische Umsetzung im Vordergrund, und erst nachdem deren gewaltiges Vernichtungspotenzial hervorgebracht war, setzte bei Robert OPPENHEIMER und anderen das ratlose Fragen ein, wie nun damit umzugehen sei. Heute, so SENNETT, ist es nicht zuletzt die ökologische Krise, die die aus dem Herstellen von Dingen resultierenden Probleme erschreckend deutlich hervortreten lasse. So mag man auf den Gedanken verfallen, dass es zur Herstellung von Dingen eines äußeren Korrektivs bedarf, welches SENNETT bei seiner Lehrerin ARENDT durch Sprache und öffentliche Kommunikation gegeben sieht. Angesichts weiter bestehender, sogar zugespitzter Problemlagen möchte SENNETT nun, "inzwischen selbst alt geworden" (S.18), seiner Lehrerin antworten und die Kluft zwischen körperlicher Arbeit und ethischem Denken und Kommunizieren schließen, sozusagen nach inneren Korrektiven suchen. Er ist überzeugt: "Gute Kleidung und gut zubereitetes Essen können uns eine allgemeine Vorstellung von 'gut' vermitteln." (S.17f.) [7]

Später (S.34, 386ff.) führt er mit HEPHAISTOS, dem "Handwerker" der griechischen Götterwelt, ein weiteres antikes Bild ein, das einen gewissen Gegenpart zur PANDORA bietet. Während die Gaben der PANDORA verführerisch locken und doch Verderben bringen, ist es HEPHAISTOS, der gemeinschaftlich nützliche Dinge hervorbringt ("Handwerker als Friedensstifter und Schöpfer der Zivilisation", "zum Nutzen der Gemeinschaft", S.34), aber mit dem Stigma des Hinkens behaftet ist. SENNETT schlägt also vor, das Handwerk nicht länger gering zu achten, zu stigmatisieren, dann brauche man auch nicht auf technische Verlockungen hereinfallen. Oder anders formuliert: Die Achtung des Guten ist die geeignetere Kandidatin für eine humanere Gesellschaft, als den Versprechen des immer wieder aufs Neue Besten und Exzellenten hinterherzulaufen. [8]

Handwerkliche Arbeit bietet ihm damit den Ansatz, die gesuchten Verbindungen zwischen Kopf und Hand aufzuzeigen, um auf dieser Basis "das materielle Leben humaner gestalten" (S.18) zu können. So geht er weit über seine vorherigen Arbeiten hinaus. Zuletzt stand die Kritik an der "Kultur des neuen Kapitalismus" und dessen gefeierten und beförderten Flexibilisierungen im Vordergrund (SENNETT 2000 [1998], 2005; vgl. SPETSMANN-KUNKEL 2007). Er war damit eine der Stimmen im letzten Jahrzehnt, die Kritiken an der modernen Gesellschaft im Allgemeinen und der kapitalistischen im Besonderen formulierten, sei es – als Beispiel – am Konsumismus festgemacht (BAUMAN 2003 [2000]), an den dynamisierten Zeitstrukturen (ROSA 2005) oder am neuen Netz- und Projekte-Geist des Kapitalismus (BOLTANSKI & CHIAPELLO 2003 [1999]). Über seine kritische Zeitdiagnostik hinaus rekonstruiert er mit "Handwerk" nun eine Alternative, bei der Gemeinsamkeiten stärker betont werden als Unterschiede: Er befürwortet die gute Arbeit für und durch eine breite Mehrheit statt des starren Fokus auf die vermeintlich immer wieder besten Leistungen einer Minderheit. Auch dafür lassen sich zweifellos Vorläufer finden, an die SENNETT nicht anschließt. Anfang der 1970er Jahre hatte Ivan ILLICH (1998 [1973]) ganz ähnliche Kritiken formuliert (und prognostiziert)2) und sich auf die Suche nach humaneren, bei ihm convivial genannten "Werkzeugen" (einschließlich Institutionen) begeben. Das relativiert den allzu kurzen Atem mancher Zeitdiagnostik, soll aber nicht gegen SENNETT sprechen. Schließlich nimmt er seine Leser/innen mit auf einen Exkurs, der Befürworter/innen, Gegner/innen und Vorbilder handwerklicher Orientierungen seit der griechischen Antike vorstellt. [9]

Man könnte einwenden, dass mit diesem Alternativangebot noch einmal ein Problem mit dem universalisierten Arbeitsbegriff auftaucht, den SENNETT mit der handwerklichen Arbeit einführt. Gute Arbeit unter besseren Bedingungen mag erstrebenswert erscheinen. Wenn aber zugleich die Grenzen von Arbeit und Nicht-Arbeit/Freizeit aufgehoben werden – verliert man damit nicht auch einen Schutz vor den Zumutungen von selbst noch so interessanter und gern verrichteter Arbeit? SENNETT ist hier eindeutig und sieht das eindeutig anders. Er zitiert C. Wright MILLS – wenngleich dieser "hoffnungslos idealistisch erscheint" – zustimmend mit: "Arbeit einerseits und Vergnügen, Entspannung, Erholung und Spiel andererseits sind ebenso wenig voneinander geschieden wie Arbeit und Kultur. Die Erwerbstätigkeit des Schaffenden bestimmt seine ganze Lebensweise" (S.42). Offensichtlich sucht also SENNETT die Alternative nicht in den Regulierungen der "Lohnarbeitsgesellschaft" (CASTEL 2000). Seine Alternative sucht, am Handwerk orientiert, nach etwas "Drittem" – und muss dann umso plausibler machen können, dass sie sich nicht nur zwischen die Stühle der Regulierungen hier und Flexibilisierungen dort setzt. [10]

Es wäre mit SENNETT gesprochen falsch, handwerkliche Arbeit als im einfachen Sinne Lösung der genannten dramatischen Probleme zu verstehen, die aus der Herstellung und dem Umgang mit Dingen resultieren und die mit der ökologischen Krise bis zur gesellschaftlichen Selbstgefährdung reichen. SENNETT arbeitet detailliert die Gefährdungen heraus, die auch mit handwerklicher Arbeit, die ja weiterhin "Dinge" herstellt, verbunden bleiben. Der Vorzug handwerklicher Orientierung wäre vielmehr darin zu sehen, dass sie das Problembewusstsein wach hält und nicht die jeweils nächste Lösung mit dem Versprechen einer per se besseren Lösung ausstattet. Für die Handwerkenden bedeutet das Finden von Lösungen zugleich ein Finden neuer Probleme. So sind es Merkmale wie Unabgeschlossenheit, Geduld, Gründlichkeit und die rekursive Rückbindung von Neuem an Altes, von Innovation an Erfahrung, von Lösungen an Probleme, die SENNETT für im handwerklichen Sinne gute Arbeit plädieren lassen. Insofern ist hier der handwerkliche Weg selbst in hohem Maße Ziel, lässt sich zumindest keinesfalls vom Ziel trennen. [11]

Neben den zeitdiagnostischen und ethischen Fragen stellen sich im Zusammenhang der Verbindung von Kopf und Hand, von Sprache und physischer Arbeit, methodologische und forschungspraktische Probleme ein. "Bei jedem guten Handwerker stehen praktisches Handeln und Denken in einem ständigen Dialog" (S.20), schreibt SENNETT. Aber wie ist das genau vorzustellen? Während "Dialog" einerseits nahelegt, die physischen Prozesse der Arbeit zu "sozialisieren", mit den Gegenständen wie den körperlichen Abläufen zu "sprechen", betont SENNETT doch verschiedentlich, dass Sprache ein sehr unvollständiges Mittel sei, um solche Abläufe zum Ausdruck zu bringen, womit das Physische zulasten des Sozialen zugewinnt: "Was wir mit Worten sagen können, ist vielleicht enger begrenzt als das, was wir mit Dingen tun können. Handwerkliche Arbeit umreißt einen Bereich der Fertigkeiten und Kenntnisse, dessen Erklärung zuweilen die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten des Menschen übersteigt" (S.131). Zum Problem wird das vor allem dann, wenn es um Wissensvermittlung geht, wenn Fertigkeiten gelehrt beziehungsweise erlernt werden sollen. Hier ließen sich ganze Abhandlungen anschließen, welche Konsequenzen eine solche Sichtweise auch für Fragen sozialwissenschaftlicher Forschung haben muss, die sich als empirische in der Regel auf sprachliche "Textprotokolle" stützt. Und insofern scheint es kein Zufall, dass in einer Zeit, in der Fragen der Materialität verstärkt in den Sozialwissenschaften diskutiert werden, sich auch Debatten über "visuelle Methodik" auf dem Vormarsch befinden. Denn, was sich bereits DIDEROTs Encyclopédie zunutze machte: "Eine Lösung für diese Beschränktheiten der Sprache liegt im Ersatz des Wortes durch das Bild" (a.a.O.). An anderer Stelle lotet SENNETT aus, insbesondere im Kapitel "Ausdrucksstarke Anleitungen" (S.240), welche sprachlichen Möglichkeiten es gleichwohl gibt, diese Probleme zu bearbeiten. [12]

Eine methodologisch grundlegendere Option praktiziert SENNETT an verschiedensten Beispielen, am detailliertesten vielleicht im Kapitel "Hand" (S.201), in dem er zeigen will, wie die Hand denkt. Ähnlich wie LATOUR (2000) vollzieht SENNETT die vielen Zwischenschritte nach, die leicht vergessen oder ausgeblendet werden, wenn von Physis hier, Reflexion da ausgegangen wird. Die kleinen Bewegungen, das Zusammenspiel bestimmter Knochen und Muskeln und die Einübung in routinierte, aber immer wieder (dialogisch) korrigierte und fortentwickelte Verfahrens-/Handlungsabläufe "verstricken" Kopf und Hand in einer Weise, die eine behauptete Trennung geradezu absurd erscheinen lassen müssen. [13]

3. Varianten und Merkmale handwerklichen Arbeitens

SENNETT nimmt sich einer ganzen Reihe verschiedener Handwerke im engeren Sinne an, von der Ziegelherstellung über Goldschmiedearbeit und Glasbläserei bis zu Instrumentenbau und Weberei. Er verfolgt die historischen Entwicklungen solcher Handwerke, ihrer Verfahren und Werkzeuge über Jahrtausende, und untersucht die Achtung oder Missachtung, die handwerklicher Tätigkeit in unterschiedlichen Epochen entgegengebracht wurde. So ergeben sich im historischen Vergleich Varianten im Handwerksverständnis. Die für die heutige Gesellschaft wichtigsten Brüche markiert er in der Renaissance, als sich aus der Zünftewerkstatt die Künstlerwerkstatt herauslöste (s.u., Punkt 3), und mit der Industrialisierung und dem Aufkommen von Maschinen. [14]

Antike heroische Motive göttlichen Handwerks sieht SENNETT auch "im nationalsozialistischen und sowjetischen Kitsch als Titanen des Schmiedehammers oder des Pfluges" (S.130) wirksam. Die Ambivalenzen, wie sie mit PANDORA thematisiert wurden, finden sich ebenso im christlichen Mittelalter. Stand Handwerk zum einen für ein gottgefälliges Leben ("Christus der Sohn eines Zimmermanns", S.79), so erschien doch die Konzentration auf die Herstellung materieller Dinge auch als Gefahr, vom geistlichen Weg wegzuführen. Handwerkende wurden später zu Künstler/innen, Aufklärer/innen und zum romantischen Gegenbild der Industrialisierung und litten doch "seit den Anfängen der klassisch-antiken Zivilisation […] unter schlechter Behandlung" (S.198). Wenn es, bei allen Differenzen, "einen roten Faden" (S.389) in der Geschichte des Handwerks gibt, dann ist es am Ende die genannte Ambivalenz. Das Schöpferische wurde immer wieder geschätzt, auch unter- und überschätzt, und gerade deshalb wurde Zerstörerisches gefürchtet. Für SENNETT stecken darin Missverständnisse, die sich wohl vermeiden ließen. Ein recht verstandenes Handwerk, ohne überzogene Erwartungen und mit deshalb moderatem Risiko, ist für ihn die Deutung der Aufklärung, wie sie sich insbesondere in der Encyclopédie DIDEROTs entfaltet hat. Das Besondere an der Zeit der Aufklärung sei das Aufkommen einer neuen Form von Werkzeugen gewesen, nämlich der Maschinen, die ebenso verheißungsvoll wie bedrohlich wirkten, weil sie die bisherigen menschlichen Maße überstiegen. Die Encyclopédie präsentierte

"Maschinen, die es erlauben, dass menschliches Urteilsvermögen und Kooperation in den Vordergrund treten. Der Einsatz der Maschinen erfolgt nach dem Grundsatz, dass die Maschine den menschlichen Körper dort, wo er zu schwach ist, unterstützen oder ersetzen soll" (S.136).

"Bei einer aufgeklärten Nutzung der Maschine beurteilt man deren Fähigkeiten und gestaltet man deren Einsatz eher im Blick auf die menschliche Beschränktheit als im Blick auf das Potenzial der Maschine. Wir sollten nicht mit der Maschine konkurrieren" (S.145). [15]

Die Romantik, um einige Erfahrungen mit der industriellen Entwicklung und deren Bedrohungen reicher, wendete sich, so SENNETTs Analyse, verstärkt gegen die Maschine. Diese romantische Kritik erhält breiten Raum in SENNETTs Darstellung. Dennoch schließt er:

"Wenn wir zwischen dem aufgeklärten und dem romantischen Verständnis handwerklichen Könnens wählen müssten, sollten wir uns, wie ich meine, für die Aufklärung entscheiden, die nicht im Kampf gegen die Maschine, sondern in der Arbeit mit ihr die radikale emanzipatorische Herausforderung erblickte. Das gilt heute noch" (S.161). [16]

Dieser doch recht optimistische Rückgang hinter die Kritik erschließt sich argumentativ nicht ganz. In der Gesamtsicht auf SENNETTs "Handwerk" kann man es vielleicht als eine Art positiv gewendete Resignation begreifen, nach dem bekannten Motto: Du hast keine Chance, also nutze sie. Oder respektabler formuliert: Selbst handwerkliche (Maschinen-) Arbeit hat Gefährdungspotenzial, aber sie hat, aufklärerisch wohlverstanden, auch das Potenzial, damit umzugehen. [17]

Deshalb ist nun genauer zu fragen, was die positiv verstandenen Merkmale handwerklicher Arbeit für SENNETT sind. Je nach Differenzierung wird man die Aufzählung anders anlegen. Ich unterscheide acht zentrale Merkmale, die im Abschnitt 4 (s.u.) noch um einige Aspekte erweitert werden.

  • Wenn Arbeit um ihrer selbst willen gut gemacht wird, so die erste Bestimmung, dann entzieht sich dieses Engagement weitgehend äußeren Zwecksetzungen (S.32). Die Orientierung an Qualität bietet Motivationen eigener Art, jenseits äußerer Pflichten oder äußerer Anreize durch in Aussicht gestellte Gewinne. Gelingt dies, resultieren "zwei emotionale Belohnungen […]: eine Verankerung in der greifbaren Realität und Stolz auf die eigene Arbeit" (S.33).

  • Dies ist aber SENNETT gemäß kein Plädoyer zur Introversion, sondern erfordert im Gegenteil eine "Wendung nach außen", zur Sache. Handwerkliche Arbeit ist in diesem Sinne unpersönlich, stellt persönliche Befindlichkeiten zurück. "Dass Sie eine neurotische Beziehung zu Ihrem Vater haben, ist keine Entschuldigung dafür, dass Ihre Schwalbenschwanzverbindung nicht fest sitzt" (S.41). Für dieses Heraustreten aus sich bzw. Hineintreten in die Arbeit spielen Routinen eine wichtige Rolle (s.u., Punkt 8).

  • Handwerkliche Arbeit steht für SENNETT in enger Verbindung mit Formen von Kooperation und Gemeinschaftlichkeit: "In der traditionalen Welt der archaischen Töpfer und Ärzte wurden die Qualitätsstandards von der Gemeinschaft gesetzt, während die Fähigkeiten von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden" (S.39). Ähnliches leisteten noch mittelalterliche Zünfte. Die traditionellen Wege waren keineswegs so festgelegt, dass es nicht zu großen Veränderungen im Zuge neuer Werkzeuge und Verfahren hätte kommen können. Der Wandel verlief allerdings, wie SENNETT exemplarisch zeigt, vergleichsweise langsam. Heute sind vor allem die "engen" gemeinschaftlichen Bindungen nicht mehr vorstellbar. So bildet es auch für SENNETT eine der großen Herausforderungen, wie neue Formen von Gemeinschaftlichkeit und Kooperation möglich sind. Wie er exemplarisch an der Mobilfunkentwicklung oder Linux-Programmierung veranschaulicht, kann auch heute kooperativ erfolgreicher gearbeitet werden als im bloßen Konkurrenzmodus.

  • Handwerklich geht es SENNETTs Verständnis nach nicht darum, das tradierte oder scheinbar perfekte Vorbild nachzuahmen: "Das Vorbild ist eher eine Anregung als ein Befehl" (S.142). Vielmehr ist ihm zufolge also über Beispielhaftes nachzudenken und daran weiterzuarbeiten, sind eigene Möglichkeiten und – ebenso bedeutsam – Grenzen auszuloten. Kontrollverlust und Krisen in der Arbeit sind für ihn unvermeidlich und bilden die Grundlage neuer Sichtweisen und Fähigkeiten (S.155f.).

  • Handarbeit hat grundsätzlich dieselbe Wertigkeit wie geistige Arbeit; wichtig sei vor allem, so SENNETTs pragmatisch gewendete Lehre aus der Aufklärung, dass sie einen nützlichen Beitrag leiste (S.127). Auf diese Weise kann auch geistige Arbeit handwerklich begriffen werden als eine, die "nützliche Dinge" hervorbringt, die sich in ihrer Qualität aber auch nach handwerklichen Kriterien beurteilen lässt. Dieses "Gleichheitspostulat" wird in der zentralen These fortgeführt, dass für die humanere Gesellschaft der Fokus auf die gute Arbeit zu richten sei, zu der die allermeisten in der Lage sind (u.a. weil auf kindlichem Spiel aufbauend, S.357ff.), statt die vermeintlichen oder auch tatsächlichen Spitzenleistungen einer Minderheit zum Maßstab zu nehmen. In diesem Zusammenhang unterscheidet er auch zwischen sozialen und antisozialen, d.h. beratenden und sich distinguierenden Expert/innen (S.327ff.).

  • Daran lässt sich die Frage nach den Werkzeugen anschließen. Zwar können im Handwerk auch Spezialwerkzeuge zum Einsatz kommen, die eng auf spezialisierte Aufgaben festgelegt sind (S.259). Typischer ist aber nach SENNETT die Verwendung eher einfacher Werkzeuge. Die Verkomplizierung von Werkzeugen, die – wenn überhaupt – nur noch Spezialist/innen verstehen können, mögen aufgrund ihrer Unverständlichkeit beeindrucken, sie stehen aber einem kreativen Umgang damit, einer Grundlage handwerklicher Neuerungen im Sinne SENNETTs, im Wege. Unspezifischere Werkzeuge erlauben dagegen vielfältige, so noch nicht vorgesehene Einsatzmöglichkeiten und gerade dadurch die Entdeckung von Neuem (Kapitel "Anregende Werkzeuge", S.259ff.). Der gut gewählte Einsatz geeigneter Verfahren und Werkzeuge sei einer der "Prüfsteine handwerklichen Könnens" (S.216).

  • Auf den für SENETT wichtigen "ständigen Dialog" zwischen Kopf und Hand wurde oben bereits hingewiesen. Damit ist ein "kreisförmiger Prozess" (S.60) zwischen Denken und Machen bezeichnet. Handwerkliche Arbeit ist weder linear in dem Sinne, dass zuerst entworfen und dann ausgeführt wird, noch in dem Sinne, dass erst etwas geschaffen wird, über dessen Verwendung dann, gegebenenfalls ethisch (s.o. OPPENHEIMER), nachzudenken ist. Beim Beginn der Tätigkeit ist, wie SENNETT zeigt, noch nicht festgelegt, wohin die Reise geht; zwar wird man zu einem Ergebnis kommen, aber doch nicht zu einer abschließenden, vollkommenen Lösung (vgl. S.347ff.). In diesem Sinne kann SENNETT beispielsweise sagen: "Wir verstehen oft erst beim Reparieren, wie Dinge funktionieren" (S.267). Bedeutsam sind Rückkopplungen und Wiederholungen, die aber nicht monoton verlaufen, sondern – scheinbar paradox – als routinierte Lernprozesse zu begreifen sind. Notwendigkeiten (vgl. S.343), Grenzen, Widerstände, Mehrdeutigkeiten (S.285ff.) bekommen so eine Chance, experimentell erkundet zu werden.

  • Besonders wichtig ist die positive Betonung von Routinen, die bereits bei SENNETT (2000) als Gegensatz zur Flexibilisierung aufschien. Routinen haben keinen guten Ruf, erscheinen sie doch langweilig und stupide. Für SENNETT gehören Routine und Langsamkeit zur handwerklichen Arbeit, weil nur so die genannten Rückkopplungen und Lernprozesse möglich sind. Er entwickelt sogar ein vierstufiges Modell, wie es aus Routinen heraus (und nur aus solchen!) zu "Intuitionssprüngen" kommen kann (S.279ff.) – die zu neuen Gewohnheiten führen. Langweilig und mechanisch sei dies nicht: "Etwas immer wieder zu tun ist anregend, sofern diese Tätigkeit im Blick nach vorn organisiert wird" (S.235). Nicht nur, dass erst ausdauernde Übung Fertigkeiten ermöglicht, die gezielte Abweichungen und Verbesserungen erlauben. Hinzu komme, dass die Fähigkeit zu ausdauernder, konzentrierter Übung selbst dadurch verbessert werde: "Das Üben wird so zu einer Geschichte statt zu bloßer Wiederholung" (S.215). [18]

4. Die Forschungs-Werkstatt

Dem Thema "Die Werkstatt" ist ein eigenes Kapitel gewidmet (S.77ff.). Darin verhandelt SENNETT zunächst die mittelalterliche Werkstatt als Arbeits- und Lebensraum sowie in ihrer Einbindung in die Zünfte. Dann setzt er davon die Herausbildung der "Künstlerwerkstatt" der Renaissance ab. Das ist in mehrfacher Hinsicht aktuell, denn die zeitdiagnostisch interessierten Lesenden können daran strukturell unter anderem die Probleme dessen studieren, was heute als Künstler/innenkritik im Kontrast zur Sozialkritik diskutiert wird (BOLTANSKI & CHIAPELLO 2003 [1999]): wie die Befreiung aus der Enge sozialer Reglementierungen in neue, nicht minder starke Abhängigkeiten von der Willkür der Obrigkeit und des Marktes führt (S.103). "Künstler/innenkritik" ist in diesem Zusammenhang die treffende Bezeichnung. [19]

SENNETT zeigt, wie die mittelalterliche Werkstatt patriarchal organisiert wurde. In ihr erhielt der Meister im Wortsinne väterliche Autorität, ging allerdings zugleich Verpflichtungen zur Vermittlung von Fertigkeiten ein. Die Autorität war nicht einfach durch eine über Zünfte gesicherte soziale Stellung, sondern in hohem Maße durch die handwerklichen Fähigkeiten legitimiert. Sie war zudem eng mit sittlichen Anforderungen verknüpft, die zugleich die Qualität der Arbeit und das Ansehen der Zunft bezeugten. Wurde diese Autorität anerkannt, dann war eine Werkstatt dieser Art ein geeigneter Ort des Lernens. Im Übergang zur Renaissance, den SENNETT rekonstruiert, wurde das infrage gestellt, und Ansprüche auf Selbstbestimmung und Originalität gewannen an Bedeutung. Dabei änderte sich der Charakter der Werkstatt. In den Mittelpunkt rückte die Subjektivität des Künstlers/der Künstlerin zulasten der Objektivität des Produkts und der ritualisierten Arbeitsgemeinschaft. Ein Vorteil kann sein, dass dadurch geniale "Dinge" entstehen, was SENNETT überzeugend an den bis heute nicht reproduzierbaren Geigen STRADIVARIs belegt. Es bringt allerdings den Nachteil mit sich, dass die Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten in den Hintergrund tritt, ja der Originalität sogar widerspricht. [20]

Ideale Merkmale dieser Werkstatttypen sind weiterhin aktuell, und SENNETT stellt die Bezüge zu Möglichkeiten heutiger Betriebs- oder Labororganisation her. Auch wenn heute die soziale Enge und Autorität der mittelalterlichen Werkstatt besonders unwahrscheinlich anmutet, so kann doch nicht, wie SENNETT argumentiert, auf anerkannte Asymmetrien, auf Maßstäbe setzende Autorität verzichtet werden, wenn Wissen und Fähigkeiten weitergegeben werden sollen. So plädiert er dafür, dass "es unendlich besser [ist], wenn ein Mensch diese Maßstäbe (qualifizierter Arbeit) verkörpert und nicht etwa ein blutleeres statisches Regelwerk" (S.112). Sein Lösungsangebot zeitgenössisch legitimierbarer Autorität wird später das "soziale Expertentum" sein, das sich vor allem auf gute und transparente Arbeit stützt. "Der sozial ausgerichtete Experte ist also ein guter Ratgeber, das moderne Pendant zum mittelalterlichen Meister als Elternersatz." (S.329f.) [21]

Vor allem in der "qualitativen" Forschung hat sich die Institution der ausdrücklich so genannten "Forschungswerkstatt" verbreitet. Trotz der häufigen Verwendung finden sich explizite Ausführungen dazu kaum (vgl. RIEMANN 2006). Will man Genaueres darüber wissen, wird man sich in der Sache auf verschiedenste Ausführungen stützen können und müssen, die sich dem Phänomen auch unter anderer Bezeichnung nähern, zum Beispiel als "Forschungskolloquium" (exemplarisch STRAUSS 1991 [1987]). Warum aber gerade von "Werkstatt" die Rede sein soll, erklärt das freilich nicht. Hier liegt offensichtlich ein Reflexionsdefizit vor. Zur guten handwerklichen Manier gehört es, siehe oben, Machen und Denken kreisförmig zusammenzuschließen. Und so wäre es nun angemessen, auch über die Praxis der Forschungswerkstätten als "Werkstätten" nachzudenken. [22]

SENNETT bietet einige Anhaltspunkte, die eine solche Reflexion und Diskussion anregen können. Im Zentrum einer Auseinandersetzung mit "Werkstatt" stehen demnach Fragen nach Autorität, nach Originalität und nach Kooperation. Orientiert man sich an SENNETTs historischen Rekonstruktionen, dann lassen sich idealerweise polar entgegengesetzte Typen von Forschungswerkstätten vorstellen. Dort, wo die Originalität des "Meisters" allzu sehr im Vordergrund steht, wo zu sehr die Kunst der "Kunstlehre" betont wird, dürften demnach die Lerngewinne letztlich gering ausfallen. Will man aber die Lehre über stark asymmetrisch verteilte Positionen befördern, dürfte sich unter zeitgenössischen Verhältnissen leicht ein Autoritätsproblem einstellen. Dennoch würde die völlige Aufgabe eines Anspruchs der Lehrenden, legitimerweise Maßstäbe zu setzen, keine Lösung bieten. Auch eine gewisse Ritualisierung der Arbeitsbeziehungen über Einschluss-, Ausschluss-, Teilnahme- und sonstige Kriterien (vgl. auch STRAUSS 1991 [1987], S.338ff.) kann das Werkstattklima lernförderlicher gestalten. Mir scheint, dass die Namensgebung "Forschungswerkstatt" vor allem aus zwei Ansprüchen resultiert, die sich mit SENNETT gut näher studieren lassen. Zum einen ist das der Anspruch, "materialnah" zu arbeiten, das heißt üblicherweise, dass Daten empirisch analysiert werden. Zwingend ist das freilich nach SENNETT nicht, da der Bezug auf eine Sache oder einen Gegenstand auch in der "philosophischen Werkstatt" möglich ist. Zum anderen scheint sich mit "Forschungswerkstatt" die Idee der gemeinsamen, kooperativ organisierten Arbeit zu verbinden. Im konkurrenten Wissenschaftsbetrieb ist das keineswegs trivial und selbstverständlich. Dieser verlangt nämlich in der Regel individuell zurechenbare, originelle Leistungen und legt insofern eher die "Künstler/innenwerkstatt" nahe. Mit SENNETT lässt sich schließen, dass darunter strukturell die Lehre leidet und die Erkenntnis- und sonstigen Gewinne äußerst ungleich verteilt bleiben. [23]

5. Zu Bedingungen guter wissenschaftlicher Arbeit

Die soziologische Analyse SENNETTs fragt nicht nur nach den handwerklichen Orientierungen, sondern auch nach deren institutioneller Einbettung. "Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen" ist nicht einfach eine persönliche Eigenschaft, sondern voraussetzungsreich. Die vorangegangene Diskussion (Abschnitt 4) zur Organisation der Werkstatt bot dafür Hinweise im unmittelbaren Arbeitsumfeld. SENNETT hat überdies weitere Ebenen im Blick, von größeren Organisationen bis hin zur zeitdiagnostischen Gesellschaftsanalyse. Welche Organisationen und Institutionen befördern oder behindern ein Engagement im handwerklichen Sinne? Gibt es in der aktuellen Gesellschaftsentwicklung Potenziale handwerklichen Arbeitens? [24]

Seine Zeitdiagnose ist hier bekanntermaßen kritisch, und genau dies hat ihn ja im Handwerk eine alternative Perspektive suchen lassen. Heute sind

"die Laufbahnen weitgehend getilgt. Jobs im alten Sinne von Beliebigkeit stehen heute im Vordergrund. Die Menschen sollen eine Reihe von Qualifikationen erwerben, statt wie einst im Laufe ihres ganzen Arbeitslebens eine einzelne Fertigkeit zu entwickeln. Die Abfolge unterschiedlicher Projekte oder Aufgaben lässt den Glauben schwinden, dass man dazu berufen sei, eine bestimmte Arbeit gut zu verrichten. Handwerkliches Können scheint besonders anfällig für diese Gefahr zu sein, da es auf langsamem Lernen und Gewohnheiten basiert." (S.352) [25]

Aussichtslos ist es aber nicht, denn der Erwerb neuer Fertigkeiten und vor allem der Aufbau auf vorhandenen ist im handwerklichen Sinne möglich. Eine solche Entwicklung – statt beliebiger Jobs – sollte durch Institutionen unterstützt werden: "Schlecht gestaltete Institutionen ignorieren den Wunsch ihrer Mitglieder nach einem erfüllten Leben, während gut konstruierte Organisationen davon profitieren" (S.354). In diesem Sinne analysiert SENNETT beispielsweise die Reformprozesse des britischen Gesundheitssystems, dem mit 1,2 Millionen Beschäftigten größten Arbeitgeber dort. Und in diesem Sinne angeregt lässt sich auch über das (deutsche) Wissenschaftssystem nachdenken – was hier freilich nur angedeutet werden kann. [26]

Wissenschaft ist von vornherein darauf angelegt, neue Erkenntnisse hervorzubringen, was je nach gesellschaftlichem Umfeld in spezifischer Weise gedeutet werden kann. Die wissenschaftlichen Laufbahnen in Deutschland bezeichnete Max WEBER (1991 [1919]) schon vor fast 100 Jahren als "Hasard". Aktuell spricht man üblicherweise von der "Prekarität", die "Laufbahnen tilgt".3) Der "alte Kapitalismus" wurde wegen seiner starren Formen zwischenzeitlich verabschiedet. Begrüßt wird Flexibilität, aufgewertet wird das immer wieder Neue, erhofft wird die Beförderung von Individualität und die Freisetzung von Kreativität ("Künstler/innenkritik"). Dieser Zeitgeist hat auch in weite Teile der Wissenschaft (-spolitik) Einzug gehalten, um überkommene Reglementierungen und Standesdünkel abzuschaffen. Offenbar kann aber dieser Zeitgeist leicht mit der Kernaufgabe von Wissenschaft, neues Wissen zu schaffen, geradezu verwechselt werden. Dabei ist der Sinn dafür verloren gegangen, so lässt sich mit SENNETT bemerken, dass die Schaffung von Neuem in einem qualitativ hochwertigen Sinne auf Routinen, auf langjährige Einübung, zurückgreifen können muss. In der Verwechslung von Zeitgeist-Neuem mit wissenschaftlich Neuem überhaupt findet sich ein von SENNETT analysierter Wertekonflikt wieder: "Wenn es uns schwer fällt, über den Wert handwerklichen Könnens und handwerklicher Gesinnung nachzudenken, so liegt das also wenigstens teilweise an der Tatsache, dass schon der Begriff einen Wertkonflikt enthält" (S.74f.), der institutionell verstärkt werden kann. Gemeint ist damit der Konflikt zwischen absolutistischen oder perfektionistischen (vgl. S.335ff.) Maßstäben des Funktionierens versus einem relationistischen Verständnis. Zum Handwerk gehört, so SENNETT, der Wunsch, die eigene Arbeit zu verbessern. Während das einerseits dazu führen kann, sich mit Ungenauigkeiten nicht abfinden zu können und ständig an absoluten Maßstäben gemessene Korrektheit anzustreben, gibt es andererseits eine eher praktische Orientierung an dem, was nach Angemessenheitskriterien als gut genug bezeichnet werden kann. Letzteres Verständnis setzt sich leicht dem Vorwurf der Mittelmäßigkeit aus, ersteres ist freilich, neben möglichen Verbesserungen, auch mit hohen Kosten und Verlusten verbunden, wie SENNETT etwa am britischen Gesundheitssystem veranschaulicht. Der Konflikt bleibt bei handwerklicher Orientierung immer erhalten: Die Suche nach Verbesserung stellt notwendigerweise die bisherigen Erkenntnisse und Fertigkeiten infrage, die doch zugleich die Basis handwerklichen Könnens sind. Der "Absolutismus" nimmt freilich eine Dynamik an, die handwerklich gute Arbeit bedroht, welche durch Geduld und langsame, rekursive Problembearbeitungen gekennzeichnet ist. [27]

Das Zeitgeist-Neue verfolgt solche absolutistischen Maßstäbe und mag dabei durchaus exzellente Forschung hervorbringen – wie im britischen Gesundheitssystem in einzelnen Bereichen Verbesserungen erreicht wurden. Doch stellt sich auch die Frage einer Gesamtbilanz. Bei einem verschärften Wettbewerb um Reputation und vor allem Forschungsgelder muss, im Sinne SENNETTs, die gute Arbeit in der Breite auf der Strecke bleiben. Im Sport mag man Differenzen von Hundertstelsekunden einen Sinn beimessen. Und wenn man erneut antreten kann, können sich die Verhältnisse beim nächsten Mal verschieben. Aber am Sport lassen sich auch die aufwendigen Bedingungen betrachten, die dann solche minimalen Differenzen ermöglichen – vom enormen technischen Messaufwand, um die Unterschiede überhaupt markieren zu können, über Trainingsbedingungen und Millionenkosten für einzelne Sportler/innen bis hin zu Dopingproblemen. Das lohnt sich deshalb, weil die kleinen Unterschiede dann in Medaillen oder nicht Medaillen als absolutem Erfolgsmaßstab überführt werden können. Wird das zum Modell für Wissenschaft genommen, treten ähnliche Probleme auf, die dem Sinn wissenschaftlicher Arbeit leicht entgegenlaufen können. [28]

Bessere Forschung kann zum einen auf ungleichen Ausgangsbedingungen beruhen. Um wie viel sie wirklich besser ist, ist auch nicht ganz leicht zu bestimmen – es bedarf gegebenenfalls eines hohen Mess- und Evaluationsaufwands, um solche Differenzen benennen zu können. (Zu solchem Aufwand gehört u.a. eine Vielzahl aufwendig vorbereiteter Forschungen, die nach dem Ausscheiden doch nicht realisiert werden.) Selbst wenn alle Teilnehmenden etwa gleich gute Arbeit geleistet hätten, so müsste der Wettbewerb doch aus prinzipiellen Gründen Gewinner/innen auszeichnen. Das führt aber üblicherweise zu kumulativen Effekten, weil die Gewinner/innen belohnt werden, zum Beispiel durch besondere Forschungsförderung, und im weiteren Verlauf über verbesserte Ausgangsbedingungen bzw. überhaupt die Ressourcen zum Weitermachen verfügen.4) [29]

Dass gesteigerte Formen von Konkurrenz und Auslese auch unlautere Mittel attraktiv erscheinen lassen können, ist dabei nur eine Einsicht. Hinzu kommt die Konzentration auf schnelle und abrechenbare Ergebnisse statt auf gründliches Nachdenken – auch dabei ermöglicht die Überbetonung geringer (Erkenntnis-) Differenzen, dass sie schnell als neue und bessere Erkenntnis präsentiert werden können. Beim Thema Geschwindigkeit kommt SENNETT selbst auf das Beispiel Wissenschaft zu sprechen:

"Die Obsession, als Erster ans Ziel zu kommen, ist für die Entdeckung selbst vollkommen irrelevant. Der neidvolle Vergleich der Geschwindigkeiten führt hier zu einer Verzerrung des Qualitätsmaßstabs. Doch die Rennleidenschaft findet sich auch in der Wissenschaft. Wer davon besessen ist, verliert leicht den eigentlichen Sinn und Zweck seines Tuns aus den Augen und denkt nicht in der typischen Zeit des Handwerkers, jener langsamen Zeit, die Nachdenken ermöglicht." (S.334) [30]

Schließlich steht das Kooperationen im Wege und bringt, in SENNETTs Terminologie, "antisoziale Experten" (S.327ff.) hervor, die sich zudem kaum (demokratisch) kontrollieren lassen. Selbst wenn sich also tatsächlich Spitzenergebnisse erzielen lassen – wie kann man annehmen, dass diese zum allgemeinen Nutzen sind, wo doch die Allgemeinheit die Ergebnisse gar nicht beurteilen, sondern die Deutungen und Versprechungen dieser Expert/innen nur hinnehmen kann? [31]

Diese Argumente sind in der einen oder anderen Form bekannt und vor allem im Zuge der Debatte um die sogenannte "Exzellenzinitiative" in Deutschland vorgebracht worden. Dabei wird man von der Generaldiagnose nicht auf jede einzelne Entwicklung im Bereich Forschungsförderung kurzschließen können. So wurden beispielsweise in den vergangenen Jahren viele Altersbegrenzungen in der Forschungsförderung aufgehoben. Damit ist anerkannt, dass nicht der kürzeste und steilste Karriereweg schon an sich für eine unumstößliche Qualität steht. Oder umgekehrt formuliert: Es gibt keinen Grund anzunehmen, warum Forschung per se schlechter sein soll, nur weil sie aus biografischen Gründen später erfolgt. Gerade wenn, ganz im SENNETTschen Sinne, die lebensweltliche Praxis nicht strikt von wissenschaftlicher Praxis getrennt wird, kann sogar angenommen werden, dass hier andere als "rein" wissenschaftliche Qualifikationen mit in die Forschungsarbeit einfließen können. Die Qualität einer Forschung kann jedenfalls nur beurteiltet werden, wenn sie überhaupt zur Beurteilung zugelassen und nicht vorher aussortiert wird. [32]

SENNETT unterbreitet zu seiner Kritik ein handwerklich gesinntes Alternativangebot. Er sieht durchaus Unterschiede in den Fähigkeiten von Menschen, möchte aber nicht viel "Aufhebens" (S.367) davon machen. Die bedeutendere Erkenntnis für ihn ist, dass die allermeisten zu guter Arbeit in der Lage sind. Seine Einsichten wieder auf das Beispiel Wissenschaft angewandt: Statt ständig Mittel zu ersinnen, wie sich Differenzen dramatisieren lassen, um so etwas wie exzellente Spitzenforschung auszeichnen zu können, legt die handwerkliche Perspektive nahe, gute wissenschaftliche Arbeit in der Breite zu befördern. Wo nur "beste" Arbeit Anerkennung findet, wird gute Arbeit permanent entwertet oder als Mittelmaß verunglimpft (vgl. ILLICH 1998 [1973]; ähnlich BAUMAN 2003 [2000]). Das handwerkliche Verständnis bedeutet, die gute Arbeit der meisten höher als das Exzellenzversprechen Weniger zu schätzen, was letztlich auch im demokratischen Sinne dem Gemeinwohl dienlicher ist. Die politisch zu beantwortende Frage spitzt SENNETT so zu: "Wären wir bereit, Stradivaris Cellos und Geigen für eine stärker demokratisch geprägte Werkstatt zu opfern?" (S.109) Er macht sich die Antwort in "Handwerk" nicht leicht und weiß, selbst Cellist, die Stradivari wohl zu schätzen – aber eben nicht als allgemeinen Maßstab, um den es allzu viel Aufhebens zu machen gelte. Das erzeugt falsche Versprechen, die eine destruktive Dynamik in Gang setzen. [33]

6. Offene Fragen

Richard SENNETT hat ein engagiertes Buch geschrieben, das einen hohen Gebrauchswert entfalten kann: es ist materialreich, bietet anregende Ideen, mit denen an unterschiedlichen Gegenständen weiter gefeilt werden kann, und man darf gespannt sein, was er in den angekündigten Fortsetzungsbänden zimmert. Hoch anzurechnen ist ihm zum einen, dass er mit "Handwerk" jenseits bloßer Kritik eine streitbare Alternative rekonstruiert und entwirft. Zum anderen bearbeitet er diese Alternative in Auseinandersetzung mit stärksten Einwänden und Gegenbeispielen (Konzentrationslager als Resultat "guter Arbeit"; Originalität STRADIVARIs). Einige Unklarheiten bleiben freilich, die sicher nicht alle leicht zu beheben sein werden.

  • Gerade weil es verschiedene, oft ambivalente Deutungen bzw. Praxen des Handwerks gab, wie SENNETT kulturhistorisch ausführt, kann es nicht das Handwerk sein, das in jeder Hinsicht beispielgebend für gesellschaftliche Alternativen wirkt. SENNETT selbst sympathisiert einerseits mit einem bestimmten Handwerksverständnis der Aufklärung, spricht im Übrigen allerdings immer unspezifiziert von Handwerk, handwerklich etc. Eine genauere Abgrenzung, vielleicht eine Handwerkstypologie, wäre hier sicher hilfreich.

  • Der weite Arbeitsbegriff hat seine Vorzüge, aber auch Nachteile. Er bedeutet, dass wer gut arbeitet, auch sein/ihr Leben ganz allgemein gut führt, dass gute Arbeit z.B. auch guter Elternschaft und nicht zuletzt guter politischer Praxis entspricht. "Unsere gemeinsame Fähigkeit zur Arbeit soll uns lehren, wie wir uns selbst regieren und auf gemeinsamer Grundlage Bindungen zu unseren Mitbürgern herstellen können" (S.356).5) Gerade für den politischen Aspekt räumt SENNETT ein, das Handwerkliche daran noch kaum ausgeführt zu haben (S.385). Aber auch im Alltag mag man Menschen begegnen, die in verschiedener Hinsicht handwerklichen Orientierungen folgen, in anderen Lebensbereichen eher nicht. Die deutlich schwächere These ist, dass gute handwerkliche Arbeit zumindest das Vorbild und die Möglichkeit guter Lebensführung entwirft, was freilich das holistische Konzept etwas einschränkt. Plausibler wäre diese These nicht zuletzt deshalb, weil SENNETT nach Ansätzen für eine Alternative sucht, die also per definitionem unter den kritisierten Verhältnissen nicht dominant aufzufinden sein werden. Das leitet über zur Frage nach einer stärkeren Durchsetzung und Verbreitung handwerklicher Praktiken.

  • Das Verhältnis von Engagement und institutioneller Einbettung müsste im Hinblick auf die Durchsetzungschancen alternativer Praktiken weiter ausgearbeitet werden: "Sozial orientiertes Expertentum schafft keine Gemeinschaft in irgendeinem gewollten oder ideologischen Sinne, sondern besteht einfach in guter Praxis" (S.331). Die Beschreibung einer guten sozialen im Vergleich zu einer antisozialen Expert/innenpraxis (S.327ff.) erklärt aber nicht, wie sich letztere insgesamt in Richtung einer sozialen verbessern lassen könnte. Das sozial orientierte Expert/innentum trägt dabei offensichtlich die Last, eine ähnliche Sittlichkeit aufrechtzuerhalten, wie dies traditionell gesicherte Kontexte (z.B. Zünfte) konnten – nur eben ohne diese. Wie gute Arbeit Kooperationen stabilisieren kann, während sie doch selbst der institutionellen Stabilisierung bedarf, dafür finden sich noch zu wenige Hinweise. Für die Wissenschaft selbst erscheint mir die Praxis der Forschungswerkstätten als interessanter empirischer Ausgangspunkt, solchen Fragen konkreter nachzugehen.

  • Zumindest ebenso bedeutsam wie das Ergebnis der Herstellung von Dingen ist für SENNETT der – prinzipiell unabgeschlossene – handwerkliche Herstellungsprozess. Sein Fokus liegt deshalb stärker auf den Techniken und Verfahren guter Arbeit als auf den vermeintlich besten Resultaten.6) Damit unterläuft er ein Stück weit seine Orientierung an Nützlichkeit, wie er sie in pragmatistischer Deutung der Aufklärung einführte. Was nützlich ist und was nicht, das ist nicht leicht zu entscheiden. Die Langsamkeit des handwerklichen Vorgehens mag es ermöglichen, über die Nützlichkeit immer wieder, sozusagen kleinteiliger und rekursiv nachzudenken. Aber ob sich daraus auch ausreichende Bewertungskriterien ergeben können, betrachte ich als offene Frage. Mir scheint, dass SENNETT eine Idee von einem "menschlichen Maß" vorschwebt, vielleicht ähnlich der Art, wie es bei ILLICH (1998 [1973]) zu finden war. Das kann man dann pragmatisch "nützlich" nennen, es bleibt aber doch in hohem Maße – ein Stück weit zweifellos intendiert – unbestimmt. [34]

Nichtsdestotrotz ist SENNETTs Buch eine Einladung, die aufgeworfenen Ideen an möglichst vielen, möglichst konkreten Gegenständen zu prüfen und weiterzuentwickeln, einschließlich der (Selbst-) Prüfung wissenschaftlicher Praxis. [35]

Anmerkungen

1) Da ich an anderer Stelle die Unterscheidung qualitativ/quantitativ relativiere (vgl. LORENZ 2009), sie gleichwohl als Leitunterscheidung etabliert ist, verwende ich den Begriff in Anführungszeichen. <zurück>

2) "In einer Gesellschaft, in der man verbissen um das 'Bessere' kämpft, muß jeder Versuch, der Veränderung Grenzen zu setzen, als Bedrohung empfunden werden. Wenn man bereit ist, jeden Preis zu zahlen, um das Bessere zu erhalten, wird das Gute um keinen Preis mehr zu haben sein. […] Das, was die Menschen haben und das, was für sie in Aussicht steht, treibt sie gleichermaßen zur Verzweiflung. Die sich beschleunigende Veränderung macht abhängig und gleichzeitig ist sie unerträglich. Spätestens an diesem Punkt besteht keine Ausgewogenheit mehr von Stabilität, Wandel und Tradition. Die Gesellschaft hat ihre Wurzeln in der gemeinsamen Erinnerung verloren, ist aber auch orientierungslos bezüglich der Innovation" (ILLICH 1998 [1973], S.115). <zurück>

3) Schon WEBER (1991 [1919], S.240) verwendete in diesem Zusammenhang den Begriff "prekär", und er beobachtete die Belastungen solcher unklaren Laufbahnen, wenn er schreibt: "[…] ich wenigstens habe es nur von sehr wenigen erlebt, daß sie das ohne inneren Schaden für sich aushielten" (S.244). <zurück>

4) Vgl. auch NECKELs (2006) Arbeiten zum Verhältnis von Leitungs- vs. Erfolgslogik. <zurück>

5) Das klingt recht instrumentell, weshalb daran zu erinnern ist, dass Denken und Machen, Sprechen und Handeln, Kultur und Natur von Beginn an nicht als Gegensätze aufgefasst, sondern in ihrer wechselseitigen Verwobenheit analysiert werden. Insofern werden soziale Bindungen ebenso "instrumentell" betrachtet, wie physische Arbeit "sozialisiert" wird. <zurück>

6) "Wir konzentrieren uns auf Form und Erfahrung, das heißt auf Techniken der Erfahrung" (S.383). Wie sich das methodologisch in einem prozeduralen Konzept fassen lässt, habe ich an anderer Stelle zu zeigen versucht (vgl. LORENZ 2009). <zurück>

Literatur

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Zum Autor

Stephan LORENZ, Dr. phil., Soziologe M.A., forscht im eigenen DFG-Projekt und lehrt am Institut für Soziologie in Jena. Arbeitsschwerpunkte: Prozeduralität, Überfluss, Konsum, Ausgrenzung, Nachhaltigkeit, Umwelt, Gesellschaftstheorie und Kultursoziologie

Kontakt:

Stephan Lorenz

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Soziologie
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Zitation

Lorenz, Stephan (2010). Wissenschaft als Handwerk. Review Essay: Richard Sennett (2008). Handwerk [35 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 11(2), Art. 18, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1002183.



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