Volume 11, No. 3, Art. 2 – September 2010

Rezension:

Oliver Berli

Aglaja Przyborski & Monika Wohlrab-Sahr (2009). Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch. 2., korrigierte Auflage, München: Oldenburg Verlag, 403 Seiten, 978-3-486-59103-3, 34,80€

Zusammenfassung: Das Einführungswerk "Qualitative Sozialforschung" von PRZYBORSKI und WOHLRAB-SAHR richtet sich an Studierende und Lehrende, deren Interessen sich nicht in der Darstellung einzelner Verfahren und deren methodologischer Begründung erschöpfen. Die Autorinnen zielen vielmehr darauf ab, den gesamten Forschungsprozess mit all seinen Elementen zur Darstellung zu bringen. So finden sich neben übergreifenden Kapiteln zu Themen wie der methodologischen Rahmung, Auswahlstrategien und der Präsentation von Forschungsergebnissen gelungene Kapitel zu speziellen Formen der Datenkonstruktion sowie Ansätzen der Auswertung (z.B. Grounded Theory), deren Aufbau vergleichende Orientierungen begünstigt. Gemäß dem Credo der Autorinnen werden die Gemeinsamkeiten der besprochenen Ansätze betont, ohne deren Unterschiede zu vernachlässigen. Insgesamt überzeugt das Lehrbuch, wenn auch die Überbetonung der Gemeinsamkeiten im Einzelfall dazu führt, dass methodologisch begründete Unterschiede vernachlässigt werden. Am Beispiel des Themas Gütekriterien wird diese Tendenz aufgezeigt.

Keywords: dokumentarische Methode; objektive Hermeneutik; Grounded-Theory-Methodologie; Narrationsanalyse; Lehrbuch

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhalt

3. Bewertung und Ergänzungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

Der Band von Aglaja PRZYBORSKI und Monika WOHLRAB-SAHR orientiert sich in erster Linie an der Praxis der qualitativen Sozialforschung. Dies geht einher mit dem Anspruch, den gesamten Forschungsprozess abzudecken. Eine Grundannahme, die sich dahinter verbirgt, ist die, dass es jenseits methodologischer Differenzen der prominenten Schulen innerhalb der qualitativen Sozialforschung auf Ebene der forschungspraktischen Prozesse gemeinsame Fragen beziehungsweise Handlungsprobleme gibt. Vergleichbare Publikationen liegen auf dem deutschsprachigen Markt mit "Qualitative Sozialforschung – Eine Einführung" (FLICK 2007) sowie "Interpretative Sozialforschung – Eine praxisorientierte Einführung" (KLEEMANN, KRÄHNKE & MATUSCHEK 2009) vor. Gemeinsam ist den genannten Einführungen mit der Veröffentlichung von PRZYBORSKI und WOHLRAB-SAHR, dass sie sowohl explizit an der Forschungspraxis orientiert sind als auch Vergleichsmöglichkeiten eröffnen. Im Folgenden wird ein Überblick über die Gesamtkomposition des "Arbeitsbuchs" und seine Schwerpunktsetzungen gegeben. Daran schließt sich eine Bewertung mit Ergänzungen zum Vorschlag der Autorinnen hinsichtlich gemeinsamer Gütekriterien qualitativer Sozialforschung an. [1]

Zuvor ist an dieser Stelle eine Bemerkung zum Sprachgebrauch angebracht. Obwohl in der Monografie häufig die Begriffe "qualitativ" und "rekonstruktiv" synonym verwendet werden, bestimmen PRZYBORKSI und WOHLRAB-SAHR das Verhältnis der qualitativen Sozialforschung zu ihren Gegenständen grundsätzlich als rekonstruktiv (vgl. S.27). Der rekonstruktive Anschluss an die Konstruktionen und Typenbildungsprozesse des Alltags stellt für die Autorinnen die gemeinsame Grundlage der maßgeblichen Traditionen der Soziologie dar, die an der Entwicklung des Felds qualitativer Forschung beteiligt waren. Diese Bestimmung dient später im Buch auch als Ausschlusskriterium für Ansätze wie die qualitative Inhaltsanalyse, die nicht als Verfahren dargestellt werden. Im Falle des genannten Ansatzes erscheint die Entscheidung nachvollziehbar. Für den Ausschluss weiterer Ansätze müssen die Autorinnen zusätzliche Begründungen anführen (vgl. S.183). So wird die Diskursanalyse im Hinblick auf den geringen Grad der Formalisierung ausgeschlossen, während der Konversationsanalyse eine zu starke Fokussierung auf linguistische Fragen zugeschrieben wird. Ob diese Wertungen zutreffen, ist unter Bezug auf die gegenwärtige internationale Methodenliteratur zumindest diskussionswürdig. [2]

2. Inhalt

Das Lehrbuch gliedert sich in sieben Kapitel, die sowohl methodologischen Fragen als auch der konkreten forschungspraktischen Umsetzung qualitativer Forschung gewidmet sind. Den Auftakt bildet die Bestimmung des Untersuchungsinteresses und einer konkreten Fragestellung, die innerhalb der qualitativen Sozialforschung nicht ohne methodologische Selbstverortung auskommen kann und die Bestimmung des Forschungsfeldes wie auch die Auswahl der geeigneten Methoden anleitet (Kap. 1). Somit wird in diesem Kapitel eine erste Sensibilisierung für eine Reihe von Problemen geleistet, die sowohl die methodologischen Annahmen als auch das Untersuchungsdesign einer jeden qualitativen Studie betreffen. [3]

Das zweite Kapitel widmet sich der Aufgabe, eine gemeinsame methodologische Position für die qualitative Forschung zu formulieren. Dies geschieht wesentlich in Auseinandersetzung mit der Verfahrenslogik standardisierter Verfahren. Dergestalt sollen sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten in den Blick geraten. Im Hinblick auf die methodologischen Abgrenzungen einzelner Traditionen der qualitativen Sozialforschung voneinander betonen PRZYBORSKI und WOHLRAB-SAHR, dass sie lediglich sachlich begründete und gegenstandsbezogene Unterschiede diskutieren wollen, in der Tendenz jedoch die "Kompatibilität" der dargestellten Ansätze aufzeigen möchten (S.25). Während die Referenzen auf klassische Autor/innen wie beispielsweise Alfred SCHÜTZ und Harold GARFINKEL sowie die daran anschließenden Thesen zum Common Sense der qualitativen Sozialforschung gehören dürften, ist das Unterkapital (2.4) zu gemeinsamen Gütekriterien eine genauere Betrachtung wert (siehe weiter unten in Abschnitt 3 dieser Rezension). [4]

Im Kapitel über die Methoden der Datenkonstruktion legen die Autorinnen zunächst den Schwerpunkt auf die Methoden der Feldforschung (Kap. 3). Diese ist für sie gleichbedeutend mit qualitativer Forschung (PRZYBORSKI & WOHLRAB-SAHR, S.53). Im Anschluss daran entwickeln sie übergreifende Prinzipien für die Erhebung sprachlichen Materials und diskutieren einzelne Interview- und Erhebungsformen. Zu den besprochenen Verfahren gehören narrative Interviews, Gruppendiskussionen, Expert/inneninterviews, offene Leitfadeninterviews, fokussierte Interviews und Fokusgruppeninterviews sowie die Erhebung "authentischer Gespräche". Somit werden die in der Literatur gängigen Verfahren vorgestellt. Erwähnenswert ist an dieser Stelle, dass sowohl die Erhebung verbaler Daten mit Kindern als auch in Paar- und Familienkonstellationen ausführlich besprochen werden (S.115ff.). In anderen deutschsprachigen Lehrbüchern werden diese Themen entweder en passant behandelt oder nicht erwähnt. Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit Erörterungen und Beispielen zur Transkription von verbalen wie visuellen Daten. [5]

Das vierte Kapitel widmet sich dem Thema Samplingprozeduren. An dieser Stelle wird das integrative Bemühen unter Bezug auf die Erfahrung der Forschungspraxis erneut sichtbar. Die Autorinnen stellen fest, dass dem Thema aus ihrer Sicht in der gängigen Literatur bisher ein zu geringer Stellenwert zugesprochen wurde. Aufgrund der Ansprüche der qualitativen Sozialforschung hinsichtlich der Reichweite ihrer Ergebnisse dürfe eine Beschäftigung mit Auswahlverfahren nicht unterbleiben. Sie verweisen mehrfach in diesem Zusammenhang auf die wechselseitige Verschränktheit von Generalisierungsanspruch (Kap. 6) und Auswahlprozeduren. Nach einer Sensibilisierung für die Bedeutung von Auswahlverfahren in der Wissenschaft werden Theoretical Sampling, das Sampling nach vorab festgelegten Kriterien (z.B. qualitative Stichprobenpläne) sowie das Snowball-Sampling eingeführt. Anmerkungen zur Kombinierbarkeit sowie Abbruchkriterien von Auswahlstrategien schließen das Kapitel ab. [6]

Ein Schwerpunkt des "Arbeitsbuchs" von PRZYBORKSI und WOHLRAB-SAHR stellt die Darstellung einzelner Forschungsstile und Traditionen dar (Kap. 5). Sie entscheiden sich für die Grounded-Theory-Methodologie, Narrationsanalyse, objektive Hermeneutik und die dokumentarische Methode. Die Auswahl legitimieren sie zum einen mit dem im zweiten Kapitel entwickelten methodologischen Grundverständnis (rekonstruktive Sozialforschung) und zum anderen mittels des Grades der Formalisierung beziehungsweise Kanonisierung der dargestellten Verfahren im Gegensatz zu Ansätzen wie beispielsweise der Diskursanalyse. Wie oben bereits angedeutet, lässt sich diese Auswahl im Hinblick auf den internationalen Stand der Diskussion infrage stellen. Innerhalb der Einzeldarstellungen weisen sie durchgängig auf die jeweiligen Entstehungskontexte, prominente Varianten und theoretische Traditionen hin, aus denen heraus die jeweiligen Ansätze entstanden sind. Im Anschluss an die Kontextuierung entfalten sie die Grundprinzipien und die methodische Umsetzung der jeweiligen Forschungsstile und legen einen deutlichen Akzent auf die exemplarische Darstellung von Prozeduren der Datenauswertung anhand eigener oder aus der Forschungsliteratur entnommener Beispiele. Querverweise zu den anderen Teilkapiteln des Lehrbuchs ermöglichen in der Regel eine schnelle Orientierung, sodass beispielsweise im Falle der Narrationsanalyse auf die besondere Stellung des narrativen Interviews im Verfahren hingewiesen wird. Auch wenn im Einzelfall die Entscheidungen für beziehungsweise gegen bestimmte Verfahrensvarianten aus einer "methodenpuristischen" Position nicht geteilt werden mögen, ermöglichen die Einzeldarstellungen und Beispiele der Autorinnen einen nachvollziehenden Einstieg in die jeweiligen Auswertungsstrategien. Ein Beispiel für eine diskussionswürdige Entscheidung zugunsten einer Verfahrensvariante stellt die Interpretation der sog. "objektiven Daten" als erstem Verfahrensschritt in der objektiven Hermeneutik dar (S.260ff.). In der einschlägigen Literatur wird typischerweise nicht mit der Interpretation der objektiven Daten begonnen. Zumal die daraus resultierenden "Fallstrukturhypothesen" mehr über die Normalitätsannahmen und Vorurteilsstrukturen der Forschenden aussagen dürften als über den zu untersuchenden Fall. Abgeschlossen wird das Kapitel mit einigen kurzen Bemerkungen zum Umgang mit fremdsprachigem Material, die jedoch vor allem eine erste Sensibilisierung in Hinsicht auf mögliche Probleme leisten. [7]

Im anschließenden Kapitel 6 befassen sich PRZYBORSKI und WOHLRAB-SAHR mit Fragen der Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse qualitativer Sozialforschung. Sie beginnen mit einer allgemeinen Diskussion von Varianten der Generalisierung unter Bezugnahme auf Abraham KAPLAN. Daran schließt sich ein historischer Exkurs zum Methodenstreit Ende des 19. beziehungsweise zu Beginn des 20. Jahrhunderts an, in dem die Position Max WEBERs sowie die Bildung von Idealtypen umfänglich dargestellt wird. Die Darlegung der Idealtypenbildung bereitet die Diskussion der Bildung von Typen (ausgehend von der "Fallstruktur" im Sinne der objektiven Hermeneutik) und Typiken (im Sinne der dokumentarischen Methode) in der qualitativen Sozialforschung vor (vgl. Kap. 6.4 und 6.5). Die erste Strategie identifiziert für jeden untersuchten Fall eine ihm eigene Fallstruktur, während die zweite den einzelnen Fall als "Schnittfläche" mehrerer Typiken (z.B. Milieutypik) ansieht, die sukzessiv herausgearbeitet werden. Die zunächst abstrakt bleibenden Erörterungen werden in Kapitel 6.6 anhand eines Beispiels aus der eigenen Forschungspraxis veranschaulicht. An dieser Stelle wird exemplarisch gezeigt, wie der Weg von der Interpretation eines Einzelfalls über die Bildung eines Typus hin zur Konstruktion eines "Typenfelds" verlaufen kann. [8]

Das Arbeitsbuch schließt mit einem Kapitel zur Darstellung der Ergebnisse qualitativer Sozialforschung. Dabei gehen die Autorinnen zunächst auf den Zusammenhang zwischen dem Kriterium der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit und der Praxis der Offenlegung und Dokumentation der eigenen Arbeitsweise ein (Kap. 7.2). Neben den mittlerweile in Lehrbüchern gängigen Reflexionen zum angemessen Schreiben (Publikationsart, Erzählperspektive) wird zudem auf die Möglichkeiten der Gestaltung von Ergebnissen und Daten (z.B. Interviewauszüge) im Text gesondert eingegangen. [9]

3. Bewertung und Ergänzungen

Der Untertitel des Lehrbuchs "Ein Arbeitsbuch" lässt mindestens zwei Lesarten zu: erstens im Hinblick auf die von den Autorinnen präferierte Form der Auseinandersetzung mit dem Buch und den in ihm enthaltenen Beispielen sowie zweitens in Abgrenzung zu anderen Einführungen in die qualitative Sozialforschung mit Bezug auf das zugrunde liegende Selbstverständnis. Beide Deutungsangebote scheinen sich nicht auszuschließen, sondern sind wechselseitig aufeinander bezogen. Diese Doppeldeutigkeit bestätigt sich zunächst darin, dass durchgängig in den einzelnen Kapiteln die Erläuterungen durch Erfahrungen aus der eigenen Lehr- sowie Forschungspraxis und ausgewählte Beispiele aus der Forschungsliteratur begleitet werden. Dabei ist es das mehrfach erklärte Ziel der Autorinnen, stärker auf Gemeinsamkeiten als auf Unterschiede der vorgestellten Forschungsstile abzustellen. So begrüßenswert diese Einstellung ist, so sehr läuft sie Gefahr, im Einzelfall methodologisch wohlbegründete Unterschiede in den Verfahren zu verdecken. Besonders in den verfahrenübergreifenden methodologischen Kapiteln geschieht es mehr als einmal, dass die Autorinnen in die Sprache nur eines Ansatzes "rutschen" – in der Regel in die des von der Autorin jeweils persönlich präferierten. Als Beispiel mag die wiederholte Rede von "Fallstrukturen" dienen, die nicht für alle vorgestellten Ansätze angemessen ist. Vor allem für die Noviz/innen wäre in diesen Fällen eine "neutrale" Sprache sicherlich hilfreicher. Dieses Problem – mit dem vergleichende Texte generell zu kämpfen haben – kann jedoch durch aufmerksame Lektüre der thematisch übergreifenden Kapitel kompensiert werden. [10]

Schwerwiegender erscheint es, wenn aus der Perspektive der Forschungspraxis die zum Teil erheblichen Unterschiede zwischen den einzelnen Ansätzen abgeschwächt werden. Dabei zeigen sich die Risiken dieses Vorgehens vor allem in dem Kapitel über Gütekriterien. Dieses Kapitel (Kap. 2.4) formuliert einen weitreichenden Anspruch:

"Zwischen qualitativen und quantitativen Verfahren wurde eine Verständigung über gemeinsame Standards bisher kaum versucht. Gerade in einer solchen Verständigung, und zwar in einer Begrifflichkeit, die allen Seiten zugänglich ist, läge das Potenzial, das Verhältnis unterschiedlicher Formen empirischer Sozialforschung adäquat zu definieren" (PRZYBORSKI & WOHLRAB-SAHR, S.35). [11]

Ausgehend von den bis zu diesem Punkt diskutierten Gemeinsamkeiten der Ansätze der qualitativen Sozialforschung werden Validität, Reliabilität und Objektivität als Gütekriterien standardisierter wie nicht-standardisierter Sozialforschung gegenübergestellt. Zentrale Referenz für die Position der standardisierten Sozialforschung ist dabei der Einführungsband "Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen" von Andreas DIEKMANN (2004). Zum Kriterium der Validität wird angeführt, dass hier in den standardisierten Verfahren die wesentliche (Re-) Konstruktionsarbeit vor der eigentlichen Erhebung zu leisten sei. Im Gegensatz dazu stütze sich die Validität qualitativer Forschung auf mehrere Quellen: erstens die adäquate Rekonstruktion der Konstruktionen des Common Sense; zweitens die methodologische Fundierung der Praxis des wissenschaftlichen Verstehens durch die grundlagentheoretische Erforschung der Sinnkonstruktionsmechanismen des Alltags. Das Kriterium der Reliabilität bemesse sich in der quantitativen Sozialforschung vor allem an der Reproduzierbarkeit und Genauigkeit von Messungen. Um das genannte Ziel zu erreichen, sei eine eindeutige Operationalisierung und Indikatorenbildung notwendig. Im Hinblick auf qualitative Verfahren erscheine es hingegen nicht sinnvoll, vorab Indikatoren zu definieren. Diese sollen sich schließlich im Prozess der Forschung erst entwickeln beziehungsweise entwickelt werden. Die Autorinnen modifizieren an dieser Stelle im Hinblick auf qualitative Forschung die Frage dergestalt, dass es nicht darum gehen könne, ob eine Messung reproduzierbar ist, sondern ob die Ergebnisse einer Untersuchung reproduzierbar sind. Damit zielen sie darauf ab, dass Generalisierungen qualitativer Studien über den oder die untersuchten Fälle hinaus Gültigkeit besitzen sollten. Die Lösung, die PRZYBORSKI und WOHLRAB-SAHR (S.39) anbieten, stützt sich auf vier Elemente: 1. die Rekonstruktion der alltäglichen Standards der Interaktion und Kommunikation (als Beispiel dienen biografische Stegreiferzählungen) soll die Vergleichbarkeit von Fällen sichern. 2. Die Kenntnis und Rekonstruktion dieser alltäglichen Standards erlaube die methodische Kontrolle des Handelns der Forscher/innen, beispielsweise innerhalb eines Interviews. 3. Auf Grundlage der rekonstruierten Standards lasse sich eine "Standardisierung" der Auswertungsschritte leisten. Als zusätzliches Element der Herstellung von Reliabilität wird anschließend 4. die Formulierung der Fallstrukturhypothese bzw. der Reproduktionsgesetzlichkeit im Sinne der objektiven Hermeneutik angeführt. Dabei wird von den Autorinnen weder auf das spezifische Fallverständnis der objektiven Hermeneutik noch auf deren Struktur- bzw. Regelbegriff Bezug genommen. So kann an dieser Stelle der Eindruck entstehen, dass alle später diskutierten Verfahren ähnlich der genannten Methode verfahren, um reliable Ergebnisse zu erzeugen. Das Kriterium der Objektivität wird in der quantitativen Sozialforschung laut PRZYBORKSKI und WOHLRAB-SAHR (S.40ff.) durch die Standardisierung der Instrumente und die Herstellung der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit und Kontrolle der Forschungsergebnisse durch Dritte hergestellt. Der Einfluss der Forschenden auf den beforschten Gegenstand werde minimiert oder zumindest methodisch kontrolliert klein gehalten, sodass erkenntnislogisch ein Standort "außerhalb" der untersuchten sozialen Einheit eingenommen werde. Im Gegensatz dazu zielten die methodologischen Annahmen der rekonstruktiven Verfahren darauf ab, dass es keine grundlegende erkenntnislogische Differenz zwischen beforschtem Gegenstand und Forschenden gebe. Als funktionales Äquivalent zur Standardisierung der Erhebungsinstrumente innerhalb der quantitativen Sozialforschung wird von den Autorinnen die Formalisierung der Erhebung und Auswertung in der qualitativen Forschung in Form von Prinzipien angegeben, die sich aus der Rekonstruktion der Regeln der Interaktion wie Kommunikation ergäben. [12]

Soweit die Ausführungen der Autorinnen. Im Hinblick auf den Stand der Diskussion innerhalb der deutschsprachigen qualitativen Sozialforschung wurde das Thema Gütekriterien unlängst als Dauerproblem identifiziert, über das schon viel debattiert und publiziert wurde (vgl. REICHERTZ 2009 sowie die Debatte in FQS zu den Qualitätsstandards qualitativer Forschung). Ob der Vorschlag von PRZYBORSKI und WOHLRAB-SAHR vor diesem Hintergrund überzeugen kann, ist zumindest fraglich. Ohne einem Methodenpurismus das Wort zu reden, scheinen ansatzspezifische und methodologisch begründete Unterschiede zu schnell von ihnen eingeebnet zu werden. Der Anschluss und die Reformulierung an die klassische Gütekriterien-Trias ist nur eine mögliche Strategie aus Sicht der qualitativen Sozialforschung (vgl. STEINKE 1999, 2005). Eine angemessene Alternative würde die Einigung auf gemeinsame Kriterien wie beispielsweise intersubjektive Nachvollziehbarkeit bedeuten, die in einem zweiten Schritt für den jeweiligen Ansatz vor dem Hintergrund der methodologischen Positionierung spezifiziert werden müssten. Eine Reformulierung der klassischen Kriterien findet sich bereits bei CORBIN und STRAUSS 1990 (siehe auch STRÜBING 2002, 2004), die jedoch nur den Auftakt bildet für die Formulierung spezifischer Kriterien im Rahmen der Grounded-Theory-Methodologie. Eine solche ansatzspezifische Ausformulierung von gemeinsamen Gütekriterien (wie intersubjektive Nachvollziehbarkeit) würde erstens den methodologischen Grundannahmen der jeweiligen Verfahren gerecht werden. Zweitens würde sich für die einzelnen Forschenden die Möglichkeit ergeben, diese spezifischen Kriterien angemessen in Verfahrensprinzipien zu übersetzen. Gefordert ist also eine doppelte Strategie: Ansatzübergreifend bedarf es der Etablierung von gemeinsam vertretbaren Gütekriterien, die ansatzintern gemäß der jeweiligen methodologischen Grundannahmen spezifiziert werden können. [13]

Abschließend bleibt festzuhalten, dass im Hinblick auf die eingangs genannten vergleichbaren Lehrbücher die Monografie von Aglaja PRZYBORSKI und Monika WOHLRAB-SAHR eine wertvolle Ergänzung darstellt. Positiv hervorzuheben ist insbesondere die Verdichtung und das ständige Einfließen-Lassen von Erfahrungen aus Lehre, eigener Forschungspraxis und einschlägiger Forschungsliteratur. Auf diese Weise wird den Lesenden das Verständnis der Methodenpraxis erleichtert. Die damit einhergehende Rhetorik der Ablehnung von "Methodenpurismus" und Nivellierung von Unterschieden zwischen Methodenschulen aus der Erfahrung der Praxis eröffnet einerseits die Möglichkeit, einen sachlichen und unaufgeregten Diskurs über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu führen. Andererseits wäre es im Einzelfall wünschenswert gewesen, wenn klarer auf methodologisch begründete Unterschiede der behandelten Ansätze hingewiesen worden wäre. [14]

Literatur

Corbin, Juliet M. & Strauss, Anselm L. (1990). Grounded theory research. Procedures, canons and evaluative criteria. Zeitschrift für Soziologie, 19(6), 418-427.

Diekmann, Andreas (2004). Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Reinbek: Rowohlt.

Flick, Uwe (2007). Qualitative Sozialforschung – Eine Einführung (erw. Neuaufl.). Reinbek: Rowohlt.

Kleemann, Frank; Krähnke, Uwe & Matuschek, Ingo (2009). Interpretative Sozialforschung. Eine praxisorientierte Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Reichertz, Jo (2009). Die Konjunktur der qualitativen Sozialforschung und Konjunkturen innerhalb der qualitativen Sozialforschung. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 10(3), Art. 30, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0903291 [10.05.2010].

Steinke, Ines (1999). Kriterien qualitativer Forschung. Ansätze zur Bewertung qualitativ-empirischer Sozialforschung. Weinheim: Juventa.

Steinke, Ines (2005). Gütekriterien qualitativer Forschung. In Uwe Flick, Ernst von Kardorff & Ines Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch (4. Aufl., S.319-331). Reinbek: Rowohlt.

Strübing, Jörg (2002). Just do it? Zum Konzept der Herstellung und Sicherung von Qualität in grounded theory-basierten Forschungsarbeiten. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 54(2), 318-342.

Strübing, Jörg (2004). Grounded Theory. Zur sozialtheoretischen und epistemologischen Fundierung des Verfahrens der empirisch begründeten Theoriebildung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Zum Autor

Oliver BERLI ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie an der Universität Trier. Er beschäftigt sich in seinem laufenden Promotionsprojekt mit den Zusammenhängen von kulturellen Differenzen und sozialer Ungleichheit sowie deren Formen am Beispiel von Musikgeschmack unter besonderer Berücksichtigung von "grenzüberschreitenden" Geschmacksphänomenen. Zu seinen Schwerpunkten in Forschung und Lehre gehören: Methoden der interpretativen Sozialforschung, ungleichheitsanalytische Kultursoziologie, soziologische Theorie sowie Wissenssoziologie.

Kontakt:

Oliver Berli

Universität Trier
Fachbereich IV
Abteilung Soziologie
Universitätsring 15
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Tel.: 0651-201-2702
Fax: 0651-201-3933

E-Mail: berli@uni-trier.de
URL: http://www.uni-trier.de/index.php?id=33561

Zitation

Berli, Oliver (2010). Rezension: Aglaja Przyborski & Monika Wohlrab-Sahr (2009). Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch [14 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 11(3), Art. 2, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs100325.



Copyright (c) 2010 Oliver Berli

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