Volume 11, No. 3, Art. 18 – September 2010

"Persönliche Beziehungen" als soziologische Kategorie?

Rainer Schützeichel

Review Essay:

Karl Lenz & Frank Nestmann (Hrsg.) (2009). Handbuch Persönliche Beziehungen. Weinheim, München: Juventa, 1.016 Seiten, ISBN 978-3-7799-0792-3, EUR 86,00

Zusammenfassung: In diesem Beitrag diskutiere ich die in dem "Handbuch Persönliche Beziehungen" aufgeworfene Frage, ob und inwiefern "Persönliche Beziehungen" sich als eine grundlegende soziologische Kategorie auffassen lassen, als eine einheitliche Kategorie, welche solche soziale Beziehungen wie Paarbeziehungen, Geschwisterbeziehungen, Eltern-Kind-Beziehungen, Verwandtschaften, Freundschaften, Nachbarschaften oder informelle Arbeitsgruppen umfasst. Ich untersuche die verschiedenen Kriterien, die nach Ansicht der Herausgeber für eine Etablierung von "persönlichen Beziehungen" als einer gemeinsamen Strukturform sprechen, ergänze diese aber um weitere Aspekte. Ich gehe zudem der Frage nach, worin sich diese Formen persönlicher Beziehungen von anderen sozialen Beziehungen unterscheiden und werfe die Frage auf, ob diese Unterschiede alleine, wie in dem Handbuch unterstellt, auf dem Wege eines a-historischen, systematischen Vergleichs von sozialen Beziehungen rekonstruiert werden können.

Keywords: persönliche Beziehungen; Interaktionen; Emotionen; Freundschaft; Gruppe; Familie; Professionen

Inhaltsverzeichnis

1. Zielsetzungen des Handbuchs

2. Aufbau des Handbuchs

3. Professionen und persönliche Beziehungen?

4. Systematische Betrachtungen

5. Theoriegeschichtliche Betrachtungen

6. Persönliche Beziehungen als genuine, emergente Ordnung?

7. "Persönliche Beziehungen" als historische Kategorie?

8. Würdigung

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Zielsetzungen des Handbuchs

Paarbeziehungen, Familienbeziehungen, Geschwisterbeziehungen, Verwandtschaften, Freundschaften, Kolleg/innenkreise und informelle Arbeitsgruppen – das sind Beispiele für "persönliche Beziehungen", einen Strukturtypus sozialer Beziehungen, dem die Herausgeber Karl LENZ und Frank NESTMANN ein voluminöses Handbuch gewidmet haben. Das Ziel dieses Handbuchs besteht darin, einen intra- wie interdisziplinären Überblick über den Forschungsstand zu geben, die soziologischen und sozialpsychologischen Forschungen über die verschiedenen Formen persönlicher Beziehungen zu bündeln und dabei die Differenzen, aber auch die Gemeinsamkeiten zwischen den unterschiedlichen disziplinären und theoretischen Perspektiven kenntlich zu machen. [1]

Aber das Handbuch hat nicht nur – wie andere Handbücher – eine bilanzierende, retrospektive Dimension. Es geht ihm auch prospektiv darum, den Gegenstand der "persönlichen Beziehung" stärker in den Sozialwissenschaften zu verankern. Denn im Gegensatz etwa zur Sozialpsychologie, in welcher die personal relationships schon länger einen integralen Forschungsgegenstand bilden (vgl. VANGELISTI & PERLMAN 2006), werden in den Sozialwissenschaften zwar Familien, Gruppen, Arbeitsbeziehungen, Verwandtschaften und Freundschaften untersucht, aber isoliert und nicht unter einem gemeinsamen Leitbegriff der "persönlichen Beziehung". Von daher versteht sich das Handbuch zugleich als ein Projekt. Es versucht, einem neuen Thema, einer neuer Begrifflichkeit, einer neuen theoretischen Bezugsgröße, die in der Soziologie bisher kaum und nur sporadisch vertreten ist, ein stärkeres Auftreten und eine prägnante Kontur zu verschaffen. Darin liegt das mit diesem Handbuch verbundene Erkenntnis- und Forschungsinteresse: Es geht nicht in erster Linie um eine additive Zusammenstellung der verschiedenen Formen persönlicher Beziehungen, sondern darum, diese sozialen Konstellationen als persönliche Beziehungen auszuweisen und damit diese Kategorie stärker im Fach zu etablieren. Dies bezieht sich auf beide Teile dieses Ausdrucks – sowohl das Konzept der Beziehung selbst wie die Beziehungsebene des Persönlichen sollen eine stärkere Berücksichtigung erfahren. Von daher kann der sozialtheoretische Impetus dieses Handbuchs nicht hoch genug eingeschätzt werden. [2]

Das Handbuch enthält 44 Beiträge, zusammen mit dem Sach- und Personenregister umfasst es über 1.000 Seiten. Eine Rezension kann unmöglich alle Beiträge eingehend würdigen. Deshalb werden diese im ersten Teil der Besprechung nur kurz vorgestellt. Im Mittelpunkt der Betrachtungen steht die Frage, wie das Konzept der "persönlichen Beziehung" theoretisch und begrifflich bestimmt wird. Welche Differenzen macht es, wenn man Paare, Familien, Verwandtschaften etc. als persönliche Beziehungen betrachtet? Welchen systematischen Gewinn und Nutzen hat die Soziologie von dieser der Sache nach zwar alten, der Typisierung und Bezeichnung nach aber neuen Kategorie? [3]

2. Aufbau des Handbuchs

Das Handbuch ist in zehn größere thematische Blöcke gegliedert. Zunächst werden die verschiedenen Forschungsfelder und theoretischen Perspektiven vorgestellt. Einer der Herausgeber, Karl LENZ, legt die soziologischen Traditionslinien frei und berücksichtigt dabei – ich komme noch darauf zurück – insbesondere SIMMEL, WEBER, VON WIESE, SCHÜTZ und GOFFMAN. Dem schließt sich ein Überblick von Hans-Werner BIERHOFF und Elke ROHMANN über den Forschungsstand in der zweiten relevanten Disziplin, der Sozialpsychologie, an. Sie berücksichtigen jedoch ausschließlich Paarbeziehungen. Als Forschungsfelder werden die Netzwerkforschung (von Anton-Rupert LAIREITER), die Gruppendynamik (von Wolfgang RECHTIEN), die Familienforschung (von Heike MATTHIAS), die Bindungstheorie (von Silke Birgitta GAHLEITNER) und die Geschlechterforschung (von Cornelia KOPPETSCH) vorgestellt. [4]

Darauf folgen drei Themenblöcke, die sich mit exemplarischen persönlichen Beziehungen befassen. Die Einsicht, dass Zweier- bzw. Paarbeziehungen eine eigene Sinnform persönlicher Beziehungen darstellen und nicht, wie weithin noch üblich, in die allgemeine Familienforschung eingereiht werden können, verdanken wir insbesondere den Arbeiten von Karl LENZ selbst (vgl. LENZ 2009). Entsprechend wird diese Beziehungsform gemäß dem von LENZ vorgelegten Sequenzschema präsentiert. Mit der "Aufbauphase" von Paarbeziehungen befasst sich LENZ, die "Bestandsphase" wird von Günter BURKART und die "Auflösungsphase" von Guy BODENMANN dargestellt. Einen wichtigen Beitrag leistet Maja S. MAIER mit ihrer Analyse der Beziehung homosexueller Paare. [5]

Nach den Paarbeziehungen werden die persönlichen Beziehungen in Familien thematisiert. Beate H. SCHUSTER und Harald UHLENDORFF stellen die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern im Jugend- und Kindesalter vor; Gabriela ZINK und Hubert JALL befassen sich mit diesen Beziehungen im Erwachsenenalter. François HÖPFLINGER geht den Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern nach und Rosemarie NAVE-HERZ den Beziehungen zwischen Geschwistern. Überraschend, aber durchaus in der Logik der Entwicklung persönlicher Beziehungen im Familienkontext liegend, kommen auch Mensch-Tier-Beziehungen zur Sprache. Diese werden von Erhard OLBRICH analysiert. [6]

Nach den Paarbeziehungen und den familiären Konstellationen kommen die "Persönlichen Beziehungen jenseits der Familien" zur Sprache. Hierzu gehören Freundschafts-, Verwandtschafts-, Nachbarschafts- und Arbeitsbeziehungen. Steve STIEHLER befasst sich mit den Freundschaftsverhältnissen unter Erwachsenen, Karin WEHNER geht den Freundschaften bei Kindern nach. Verwandtschaften und verwandtschaftliche Beziehungen untersuchen Martin DIEWALD, Sebastian SATTLER, Verena WENDT und Frieder R. LANG; nachbarschaftliche Beziehungen sind das Thema von Julia GÜNTHER und persönliche Beziehungen am Arbeitsplatz dasjenige von Ursel SICKENDIEK. [7]

Der nächste thematische Block befasst sich mit der diachronen Perspektive. Er geht der Entwicklung von persönlichen Beziehungen im Lebenslauf nach. Hans OSWALD analysiert die Kindheit, Uwe UHLENDORFF, Stephanie SPANU und Christopher SPENNER befassen sich mit dem Jugendalter und Vera BAMLER geht den entsprechenden Beziehungen im Alter nach. Ein eigener Beitrag über persönliche Beziehungen im Erwachsenenalter wurde nicht aufgenommen. [8]

Persönliche Beziehungen spielen auch in professionalen Arbeitsbeziehungen eine erhebliche Rolle. Je nach Definition von "Profession" könnte man sogar sagen, dass Professionen solche Berufe sind, die sich um die lebensweltlichen Handlungsprobleme von "Laien" in einer stellvertretenden Weise kümmern. Dann wären professionale Beziehungen immer auch solche, die durch eine persönliche Nähe gekennzeichnet sind, und die Problematik solcher professionalen Beziehungen bestünde dann darin, die Ebene der professionalen Rollen mit der der persönlichen Beziehung zum Ausgleich zu bringen. Von daher ist die Aufnahme eines eigenen thematischen Blocks über "Professionelle Rollen und persönlichen Beziehungen" in das Handbuch sehr zu begrüßen. Dabei werden folgende Professionen näher beleuchtet. Mit therapeutischen Beziehungen befasst sich unter dem Stichwort der "distanten Nähe" Ruth GROSSMASS. Georg HÖRMANN und Ruperta MATTERN untersuchen die Beziehungen zwischen Arzt/Ärztin und Patient/in. Die Beziehungen zwischen Erzieherin und Kind – es wird in der Tat nur von Erzieherinnen gesprochen – werden von Martin R. TEXTOR, die von Lehrer/innen und Schüler/innen von Werner HELSPER und Merle HUMMRICH und die Beziehungen zwischen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern einerseits, Jugendlichen andererseits von Cornelia WUSTMANN. Es finden also vornehmlich Auseinandersetzungen mit den klassischen Professionen statt, neue Semi- oder Protoprofessionen wie Coaches, Supervisor/innen oder die bunte Vielfalt von Beratungsberufen fehlen. Dennoch: Alle diese profunden Beiträge sind nicht nur für die Soziologie persönlicher Beziehungen, sondern auch für die Professionssoziologie von großem Interesse. Von daher werde ich mich mit diesen Analysen in einem gesonderten Punkt (vgl. Abschnitt 3 dieser Besprechung) näher auseinandersetzen. [9]

Ein weiteres Thema sind die Veränderungen, die persönliche Beziehungen in der Gegenwart erleben. Nicola DÖRING untersucht solche Veränderungen, die mit der Mediatisierung, Medialisierung und Virtualisierung von Kommunikation einhergehen. Norbert F. SCHNEIDER geht den Formen und Entstehungszusammenhängen von Distanzbeziehungen zwischen Paaren bzw. den "Living-Apart-Together-Paarbeziehungen" nach. Bernhard NAUCK befasst sich mit binationalen und bikulturellen Paaren, wobei er insbesondere die Frage unterschiedlicher Staatsangehörigkeit und unterschiedlicher ethnischer Zuschreibung behandelt. [10]

In einem weiteren Themenblock werden belastete persönliche Beziehungen untersucht. Zu solchen werden gerechnet: Familienbeziehungen nach Trennungen, die von Sabine WALPER und Mari KREY analysiert werden, die Beziehungen zwischen Kindern und psychisch erkrankten Eltern, die Albert LENZ zum Thema macht, und Paare mit ein- oder beidseitigem Suchtverhalten, deren Belastungen von Irmgard VOGT dargestellt werden. Einen Schritt weiter von den Belastungen zu den problematischen Seiten von persönlichen Beziehungen unternimmt unter dem Stichwort der "Dunklen Seiten" der nächste thematische Block. Hierbei werden Gewaltverhältnisse und sexueller Missbrauch thematisiert. Mit der Gewalt in Paarbeziehungen befasst sich Margrit BRÜCKNER, mit der Gewalt in Eltern-Kind-Beziehungen Günther DEEGENER und mit dem Problem des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Erwachsene und Jugendliche Claudia BRÜGGE. [11]

Der abschließende Themenblock befasst sich konsequenterweise mit der Frage der Intervention in persönliche Beziehungen. Hierbei geht es um verschiedene Formen der Therapie, Beratung und Unterstützung. Andrea EBBECKE-NOHLEN stellt die Grundzüge der systemischen Paarberatung dar; Rudolf SANDERS informiert über Formen des Ehe- und Beziehungstrainings, Michael FÜCKER über Mediationsverfahren; Achim HAID-LOH, Martin MERBACH und Ingeborg VOLGER stellen die Interventionsmöglichkeiten im Rahmen einer Familientherapie und Familienberatung dar und Frank NESTMANN befasst sich mit Unterstützungsförderungen im Rahmen sozialer Netzwerke. Das Handbuch wird abgeschlossen durch ein ausführliches Sach- und Personenregister sowie durch ein Autor/innenverzeichnis. [12]

Man könnte eine Betrachtungsebene vermissen – es fehlt eine Auseinandersetzung mit der historisch-soziologischen Dimension von persönlichen Beziehungen. Dies mag auf den ersten Blick ein ziemlich abwegiges Thema sein, aber es führt auf eine zentrale Fragestellung, die ich in den nächsten Abschnitten aufnehmen werde: Was wird in diesem Handbuch unter "persönlichen Beziehungen" verstanden und wie können diese gegen andere Formen von Beziehungen abgegrenzt werden? [13]

3. Professionen und persönliche Beziehungen?

Ein gesonderter thematischer Block des Handbuchs befasst sich, wie schon erwähnt, mit dem Verhältnis von persönlichen Beziehungen zu professionellen Rollenbeziehungen wie den therapeutischen Beziehungen, den Arzt/Ärztin-Patient/in-Beziehungen, den Erzieher/in-Kind-Beziehungen, den Lehrer/in-Schüler/in-Beziehungen und den Beziehungen zwischen Sozialarbeiter/innen und Jugendlichen. Diese Beiträge folgen einer Grundprämisse der Herausgeber. Sie unterscheiden zwischen persönlichen Beziehungen einerseits und Rollenbeziehungen (und damit insbesondere professionalen Rollenbeziehungen) andererseits. Sie benutzen die Differenz von "Person" und "Rolle" als unterschiedlichen Formen der Zuschreibung sinnhaften Handelns. Von daher ist es interessant zu sehen, wie in Bezug auf einschlägige professionale Arbeitsfelder diese Beziehungsmodi in ihrem Verhältnis beurteilt werden. Und mit Ausnahme der Seelsorge und neuerer psychosozialer Beratungsberufe (vgl. zu den beiden letztgenannten SCHÜTZEICHEL 2010) kommen die in diesem Kontext wichtigsten Professionen zur Sprache. Denn professionale Rollenbeziehungen widersprechen den persönlichen Beziehungen, wie wir sie in Familien, Freundschaften oder Bekanntschaften vorfinden, in mindestens folgenden Punkten: Während persönliche Beziehungen – und dafür steht das Konzept der "Person" – weitgehend funktional diffus sind und eine "Unendlichkeitsfiktion" besitzen, also auf Dauer ausgerichtet sind, sind professionale Beziehungen auf funktional spezifische Rollenbeziehungen ausgelegt. Sie alle tragen zudem eine institutionell vorgegebene oder sich aus der professionalen Beziehung selbst ergebende temporale Begrenzung in sich. Diese Unterschiede sind erheblich. Aber zugleich ist zu berücksichtigen – und dies ist sicherlich für die Herausgeber der Anlass gewesen, dieses Verhältnis zu thematisieren –, dass professionale Beziehungen auch manche Eigenschaften von persönlichen Beziehungen aufweisen: Sie setzen ein starkes Vertrauensverhältnis zwischen den Parteien voraus, sie sind zum Teil hoch emotionalisiert, sie haben ein hohes Konfliktpotenzial und vor allem setzen sie die teilweise intime Kenntnis von persönlichen Einstellungen, Lebensumständen und biografischen Entwicklungen voraus. Und vor allem: Die hier angeführten Professionen haben alle eine gemeinsame Problemstellung: Sie setzen sich mit der Veränderung von psychischen Systemen bzw. mit Individuen auseinander. Wie also wird dieses Verhältnis in den Beiträgen konzeptualisiert? [14]

Mit dem Oxymoron der "distanten Nähe" beschreibt Ruth GROSSMASS die Beziehungen zwischen Therapeut/innen und Klient/innen. Solche professionalen Beziehungen stellen der Verfasserin zufolge sowohl Rollenbeziehungen wie auch persönliche Beziehungen dar. Sie sind asymmetrische Rollenbeziehungen, da sich Therapeut/in und Klient/in in ihren Rollen als professionaler Experte bzw. Expertin und eine Behandlung oder Beratung nachsuchenden Laien begegnen, und es handelt sich, so die Verfasserin, auch um eine persönliche Beziehung, da sie ein hohes Maß an Symmetrie, Vertrauen, Respekt und intimes Wissen um die Probleme des Klienten bzw. der Klientin voraussetzen. GROSSMASS differenziert also zwischen beiden Ebenen mithilfe des Kriteriums der Asymmetrie bzw. Symmetrie der Beziehungskonstellation. Das Problem solcher komplexen therapeutischen Beziehungen besteht ihr zufolge darin, diese Ebenen auszutarieren. Wie viel von "persönlicher Beziehung" ist hinreichend, damit die professionale Arbeitsbeziehung funktionieren kann, und wie viel an professionaler Arbeitsbeziehung ist notwendig, damit die Ebene der persönlichen Beziehung kontrolliert werden kann. Das zentrale Steuerungselement stellt daher für GROSSMASS die Professionalität des Therapeuten bzw. der Therapeutin dar, der/die – deshalb "distante Nähe" – zu den Aspekten und Inhalten, die die persönliche Beziehung ausmachen, stets eine professionale Distanz aufbauen muss, um diese reflektieren zu können. Dies gilt für alle Dimensionen therapeutischer Beziehungen. GROSSMASS differenziert zwischen vier Dimensionen: der Arbeitsbeziehung als dem überwölbenden Rahmen, der Ego-Alter-Dimension als der Dimension, in welcher die Probleme des Klienten bzw. der Klientin fokussiert und thematisiert werden, der Übertragungsdimension, in welcher nach psychoanalytischem Vorbild die Erfahrungen und Erwartungen des Klienten bzw. der Klientin auf die therapeutische Beziehung übertragen werden, und der Dialog-Beziehung als der Dimension der Problembewältigung und Konfliktlösung. Insbesondere die Übertragungsdimension stelle für den Therapeuten bzw. die Therapeutin eine hohe Herausforderung dar, trotz dieser intimen Nähe ein hohes Maß an Distanz und damit Reflexions- und Steuerungsfähigkeit beizubehalten. Aufgrund dieser komplexen Verschränkungen von professionalen und persönlichen Beziehungsmustern, so GROSSMASS, besitzt der Therapeut bzw. die Therapeutin in dieser Beziehung eine außerordentliche Macht, die ihm/ihr eine besondere Verantwortung abverlangt, die aber auch mitunter und nicht selten dazu führt, dass die Autonomie des Klienten bzw. der Klientin gefährdet wird und die therapeutische Beziehung im Grunde genommen in eine persönliche Beziehung mit all den damit verbundenen Gefahren des Missbrauchs und der Verführung abgleitet. Diese intensive und instruktive Analyse von GROSSMASS ist sehr zu empfehlen. Nur ein Punkt scheint unklar, nämlich das "Und": Wieso bestehen therapeutische Beziehungen aus professionalen Rollenbeziehungen und (!) aus persönlichen, symmetrischen Beziehungen? Dies erschließt sich auf der Basis der Analyse selbst nicht, denn diese macht deutlich, dass gerade die Aspekte, die persönlichen Beziehungen zugeschrieben werden, in der therapeutischen Beziehung immer durch die professionale Hand gefiltert und in die asymmetrische Rollenbeziehung eingebaut werden müssen. Vonseiten der Klient/innen gibt es sicherlich häufig starke Tendenzen, die professionale Beziehung in eine persönliche Beziehung zu verwandeln, aber die Professionalität des Therapeuten bzw. der Therapeutin bemisst sich daran, diese Tendenzen wiederum in den professionalen Kontext einzufügen. Therapeutische Beziehungen bestehen demnach nicht sowohl aus Rollen- wie aus persönlichen Beziehungen, sondern die Ebene der persönlichen Beziehung muss aus professionalen wie aus therapeutischen Gründen in der Rollenbeziehung "aufgehoben" werden. Es ist nicht ein "und" oder ein "sowohl als auch", sondern ein "oder". Jedes Streben nach einem "und" würde zu einer Gefährdung der professionalen Beziehung führen. [15]

Im Unterschied zur psychotherapeutischen Profession stellt Georg HÖRMANN und Ruperta MATTERN zufolge die Differenz zwischen dem Rollenhandeln und der Ebene der persönlichen Beziehung für die Beziehung zwischen Arzt/Ärztin und Patient/in kein Problem dar; jedenfalls thematisieren sie es nicht explizit. Dort, wo das Rollenhandeln auf der Seite der Ärzt/innen problematisch werden könnte, verweisen sie auf Berufsordnungen und ethische Prinzipien. Die Arzt/Ärztin-Patient/in-Beziehungen sind aber gerade solche Beziehungen, die sich in den letzten Jahren erheblich geändert haben, indem gegenüber dem älteren hippokratischen Modell neue Modelle entwickelt wurden. Diese Modelle orientieren sich an den Governance-Formen, um die im Gesundheitssystem gestritten wird, so das Vertragsmodell, das Patient/innen nicht mehr als Hilfsbedürftige, sondern als Kund/innen und Verbraucher/innen betrachtet, oder das Partnerschaftsmodell, welches die Selbstverantwortung des Patienten bzw. der Patientin betont. Von daher ist es überraschend, dass persönliche Beziehungen in diesem Beitrag so gar keine Rolle mehr zu spielen scheinen. Dies könnte darauf beruhen, dass sich die Rollenkonstellationen im medizinischen System derart stark verändert haben, dass die Ebene der "Person" und damit auch das Erleben und Erfahren und die Symptombeschreibungen der Patient/innen kaum eine Rolle mehr zu spielen scheinen. Die Medizin könnte sich, so meine Vermutung, zumindest in ihrem harten Kern von der "Person" des Patienten bzw. der Patientin weitgehend emanzipiert haben und damit einen professionalen Purismus und eine professionale Abstinenz realisiert haben, der in anderen Professionsbeziehungen derzeit (noch?) nicht anzutreffen ist. [16]

In dem sehr empfehlenswerten Beitrag über die Beziehungen zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen, der die vielfältigen theoretischen Positionen wie auch die entsprechenden empirischen Forschungen sehr systematisch darstellt, kommen Werner HELSPER und Meerle HUMMRICH zu dem Ergebnis, dass Lehrer/innen-Schüler/innen-Beziehungen "weder als spezifisch-universalistische Rollenbeziehungen noch als persönliche, 'reine', um affektive, partikulare und diffuse Muster zentrierte Beziehungskonstellationen hinreichend zu fassen sind" (S.622). Diese an die berühmten pattern variables von PARSONS (PARSONS & SHILS 1951; PARSONS 1960) erinnernden Beschreibungen, die immer noch – wie in den Ausführungen von HELSPER und HUMMRICH deutlich wird – ein hohes heuristisches Potenzial für die Analyse von sozialen Beziehungen abgeben, leider aber in den theoretischen Rekonstruktionen dieses Bandes ansonsten zu kurz kommen, diagnostizieren einen dritten Weg: Die professionalen Beziehungen zwischen Lehrer/innen und Schüler/innen sind einerseits keine persönlichen Beziehungen, sie sind aber andererseits immer aufgrund der Personenorientierung partikularistisch und nicht universalistisch orientiert. Lehrer/in-Schüler/in-Beziehungen, so HELSPER und HUMMRICH, sind solche Beziehungen, für die die Spannung zwischen universalistischen Rollenbeziehungen und partikularistischen persönlichen Beziehungen charakteristisch ist. Mit der Betonung einer solchen Zwischenstellung reagieren die Autorin und der Autor auf die zentrale Problematik der Profession der Lehrer/innen, dass sie Sachbezüge im Unterricht in einer personenorientierten Weise vermitteln müssen. Aber auch hier gilt, dass aus einer Personenorientierung keine persönliche Beziehung resultiert. [17]

Martin TEXTOR rückt bei der Analyse von Erzieher/innen-Kind-Beziehungen die Interaktionsform der Betreuung in den Vordergrund. Erzieherinnen und Erzieher betreuen Kinder, und auf der Basis eines solchen Betreuungsverhältnisses können Erziehungs- und Bildungsprozesse initiiert werden. Diese Notwendigkeit der Betreuung hat eine sehr enge Beziehung zwischen Kindern und Erzieher/innen zur Folge, eine Intensität, die gerade bei Kleinkindern häufig an die Beziehungen zu ihren Eltern erinnert und von daher auch mit den entsprechenden Beziehungsqualitäten wie einem hohen Emotionalisierungsgrad, körperlicher Nähe oder Ausbildung von personennahen Zurechnungen ausgestattet ist. Ähnelt die Interaktionsform der Betreuung dem Eltern-Kind-Verhältnis, so findet bei Bildungs- und Erziehungsprozessen eine Umorientierung an pädagogischen Lehrer/in-Schüler/in-Verhältnissen statt. In Erzieher/innen-Kind-Beziehungen fließen also, so könnte man die Argumentation von TEXTOR zusammenfassen, Aspekte persönlicher Beziehungen insofern ein, als ein zentraler Bereich dieses professionalen Arbeitsfeldes, nämlich die Betreuung, nicht unmittelbar mit der Ausbildung von komplementären Rollenstrukturen der Kinder zusammenfällt. Die Notwendigkeit der Betreuung öffnet diese Beziehungen für Aspekte persönlicher Bezugnahmen. [18]

Cornelia WUSTMANN zufolge ist die Arbeit von Sozialpädagog/innen und Sozialarbeiter/innen mit Jugendlichen im Bereich der Jugendhilfe in erster Linie Beziehungsarbeit. Diese Beziehungsarbeit weist ihr zufolge eine erhebliche "Spannbreite zwischen funktionaler Interaktionen bis hin zu Momenten von persönlichen Beziehungen als ein 'Aufeinander einlassen', den 'Anderen ganzheitlich wahrnehmen' und 'unterstützen'" (S.642) auf. Interessant ist, dass WUSTMANN eine Art Junktim herstellt zwischen der Qualität der Beziehung und der Selbstdefinition der Profession. Um sich angesichts des intrinsisch schon schwierigen Problems des "doppelten Mandats" gegenüber den (meist staatlichen) Auftraggebenden und den Klient/innen in ihrer professionellen Rolle zu verorten und sich dabei auch gegenüber anderen Institutionen und Professionen wie den Schulen und den Lehrer/innen abgrenzen zu können, sind nach WUSTMANN die Sozialarbeiter/innen und Sozialpädagog/innen darauf angewiesen, ihren jugendlichen Klient/innen als "ganzheitliche Personen" und nicht als Hilfsbedürftige zu betrachten. Für sie folgt daraus, dass die Professionalisierung der Profession gleichsam die Professionalisierung des Klienten bzw. der Klientin erfordert. Sie macht damit auf einen interessanten Zusammenhang aufmerksam, der häufig übersehen wird. In der professionssoziologischen Literatur wird dieser Schritt mit dem Streben der Professionen nach einer eindeutigen Problemdefinition und der Überführung von diffusen in bearbeitbare Problemfälle beschrieben. WUSTMANN ist in ihrer Argumentation auch so konsequent, daraus nicht etwa eine Vermischung von professionalen und persönlichen Beziehungen abzuleiten. Die Ansprache des Klienten bzw. der Klientin als einer "ganzheitlichen Person" macht aus der daraus resultierenden Beziehung keine persönliche Beziehung, sondern eine professionale. [19]

Es lässt sich festhalten: Für die hier vorgestellten Professionen ist nach Ansicht der Autoren und Autorinnen (und vielleicht mit Ausnahme mancher Sparten der Medizin) das Eingehen auf die Person des Klienten/der Klientin oder des Patienten/der Patientin zentral. Dies ist konstitutiv für die professionale Arbeit. Die Professionalität dieser Arbeit aber kann nur gewahrt werden, wenn die Person mit ihren Anliegen in einer professionalen Perspektive rekonstruiert wird. Diese Professionalität hängt davon ab, die mit persönlichen Beziehungen einhergehenden Sinnwelten und Ansprüche auf Distanz zu halten. Auch die hier genannten Professionen sind eine Strukturform, die es nur geben kann, wenn die "Form Person" genügend institutionalisiert ist, aber eben nicht in dem Muster der persönlichen Beziehung. [20]

4. Systematische Betrachtungen

Das Handbuch geht von der Prämisse aus, dass es sich bei den "persönlichen Beziehungen" um eine genuine Form sozialer Beziehungen handelt. Es wird zudem berechtigterweise die Behauptung aufgestellt, dass es sich bei dieser Form um eine in der Soziologie weitgehend unbeachtet und unbearbeitet gebliebene Kategorie handelt. Und es wird zudem die These erhoben, dass sich verschiedene soziale Beziehungen wie Familien, Paare, Netzwerke, Gruppen, Verwandtschaften oder Freundschaften als persönliche Beziehungen ausweisen und sich dementsprechend auch die damit verbundenen, bisher getrennt bearbeiteten Forschungsstränge bündeln lassen. [21]

Diese Vorgaben und Thesen werden in dem Handbuch in einer systematischen und in einer theoriegeschichtlichen Weise näher begründet. Kommen wir zunächst auf die systematische Argumentation zu sprechen (vgl. auch LENZ 2008). Diese findet sich in einer konzentrierten Weise in der Einleitung der beiden Herausgeber. Sie stellen zunächst dar, dass die persönlichen Beziehungen von einer kaum zu überschätzenden Relevanz für unser Leben sind. In allen Lebensphasen seien die persönlichen Beziehungen diejenigen, die uns am stärksten prägen. Es wird versucht, dem Konzept der persönlichen Beziehung eine Kontur zu geben, indem es mit schon stärker etablierten Konzepten kontrastiert wird. Dabei sprechen sich die Herausgeber zunächst gegen eine Parallelisierung der Unterscheidung von persönlichen und unpersönlichen Beziehungen mit derjenigen von Privatheit und Öffentlichkeit aus. Persönliche Beziehungen sind LENZ und NESTMANN zufolge nicht mit privaten Beziehungen gleichzusetzen, sie kommen in beiden Räumen vor, sowohl in privaten wie in öffentlichen. [22]

Von größerer Bedeutung ist, dass beide Herausgeber in einem ersten Anlauf persönliche Beziehungen gegen Interaktionen wie gegen Organisationen abgrenzen. Diese Abgrenzung erfolgt wohl vor dem Hintergrund der dominanten systemtheoretischen Einteilung sozialer Differenzierungen in Interaktion, Organisation und Gesellschaft. Im Gegensatz zu Organisationen sind – so ihre Darlegung – in persönlichen Beziehungen die Mitglieder bzw. die Personen nicht austauschbar. Persönliche Beziehungen lassen, so die Herausgeber treffend, einen "Personalwechsel" (S.10) nicht zu: In persönlichen Beziehungen sind die Mitglieder nicht ersetzbar; und umgekehrt gilt: Persönliche Beziehungen sind aber auch nicht auf Interaktionen reduzierbar. Es gäbe zwar keine persönlichen Beziehungen, die sich nicht in Interaktionen realisieren, wenn man unter "Interaktion" Face-to-face-Beziehungen oder die Kopräsenz von Akteuren versteht. Aber im Gegensatz zu Interaktionen zeichnet den Herausgebern zufolge persönliche Beziehungen der Sachverhalt aus, dass sie auf Dauerhaftigkeit und Kontinuität ausgelegt sind. Die Herausgeber sprechen treffend von der "Fortdauer-Idealisierung" (S.11) – persönliche Beziehungen sind durch eine "Unendlichkeitsfiktion" gekennzeichnet. Sie seien so sehr auf Dauer und Wiederkehr angelegt, dass selbst dann, wenn man auseinandergeht, die konstitutiven Merkmale persönlicher Beziehungen erhalten bleiben und nur schwerlich verblassen. [23]

Als weiteres konstitutives Element fügen die Herausgeber das persönliche Wissen im Sinne eines Wissens um die persönliche Identität der Beteiligten hinzu. Persönliche Beziehungen zeichnen sich demnach dadurch aus, dass sich die Beteiligten an ihrer persönlichen und weniger an ihrer sozialen oder Rollenidentität orientieren. Diese Unterscheidung zwischen personaler und sozialer Identität, mit der sie sich auf die klassischen Überlegungen von GOFFMAN (1963) beziehen, weist auf die wichtige Differenz hin, mit der die Herausgeber arbeiten, nämlich die Unterscheidung von "Person" und "Rolle". [24]

Ebenso wichtig ist den Herausgebern zufolge die Modalität der wechselseitigen Bezugnahme in persönlichen Beziehungen. Diese sind emotional fundiert. Emotionen stellen hiernach das zentrale Bindemedium in solchen Beziehungen dar, sowohl als positive, assoziierende Emotionen wie Vertrauen, Liebe oder Zuneigung wie auch als negative, dissoziierende Emotionen wie Eifersucht, Neid oder Hass. Die Ausführungen der Herausgeber ergänzend, ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass man gerade bzgl. des affektuellen Handelns nicht wieder in die alten, einseitigen Zuordnungen der Soziologie zurückfallen sollte, werden doch Emotionen oder das affektuelle Handeln dichotom auf die Formen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung verteilt. Vergemeinschaftungen werden als affektiv fundiert betrachtet, Vergesellschaftungen hingegen als nicht-affektuell, kognitiv oder rational. Eine solche Betrachtungsweise lässt sich mit den neueren Forschungen nicht mehr vereinbaren. Von daher sollten die Ausführungen der Herausgeber präzisiert werden: Persönliche Beziehungen sind in besonderer Weise durch personen- und beziehungsorientierte Emotionen, nicht durch Emotionen schlechthin geprägt. [25]

Als weiteres Charakteristikum persönlicher Beziehungen sehen die Herausgeber deren "ausgeprägte Interdependenz" an (S.12). Damit wird die Konsequenz aus den geschilderten strukturellen Inkrementen persönlicher Beziehungen gezogen, dem persönlichen Wissen, der Orientierung an der personalen Identität, dem emotionalen Gewebe. "Ausgeprägte Interdependenz" heißt, dass man in sozialen Beziehungen noch viel stärker als sonst in Handeln, Denken und Fühlen von dem Handeln, Denken und Fühlen der anderen Personen abhängig ist. [26]

Ein wichtiger Gedanke gilt der sozialen Relationierung von persönlichen Beziehungen. Den Herausgebern zufolge sind persönliche Beziehungen eingebettet in kleinere und größere Netzwerke. Netzwerke würden persönliche Beziehungen miteinander verbinden und das Reservoir darstellen, in welchem sich persönliche Beziehungen etablieren und aus welchem sie sich bilden können. Soziale Netzwerke seien also komplexere Beziehungsmuster insofern, als sie neben den unmittelbaren und direkten, also den persönlichen Beziehungen, auch noch vermittelte und indirekte Beziehungsverflechtungen enthalten. Soziale Netzwerke haben, so die Herausgeber weiter, eine zusätzliche wichtige Funktion für persönliche Beziehungen, nämlich eine "social-support"-Rolle – in Krisen- und Problemfällen können aus diesem vernetzten Reservoir Hilfe und Unterstützung wie auch Informationen und Wissen generiert werden, eine Funktion, die seit GRANOVETTERs "strength of weak ties" (1973) bekannt ist. Damit gelingt es den Herausgebern, eine wichtige Differenz zwischen persönlichen Beziehungen und Netzwerken zu benennen, die ansonsten in der Netzwerktheorie wie in der Netzwerkforschung (vgl. in Bezug auf die sozialen Beziehungen von Individuen insbesondere HENNIG 2006) häufig übersehen wird. Persönliche Beziehungen mögen zwar Netzwerke sein, aber mit den herkömmlichen Kategorien der Netzwerkforschung lässt sich (bisher) gerade der intensive Beziehungscharakter persönlicher Beziehungen, also die besondere Form der persönlichen Beziehungen, nicht modellieren. [27]

Zwei Anmerkungen und Anregungen möchte ich vornehmen: Die in dem Handbuch vorgenommene Analyse persönlicher Beziehung orientiert sich sehr stark an dyadischen Formen. Dyadische Beziehungen stehen im Zentrum, und es entsteht der Eindruck, dass persönliche Beziehungen auf dyadische Beziehungen reduziert werden. Aber gibt es nicht auch persönliche Beziehungen jenseits einer solchen Dualität? So scheint die Figur des Dritten – und hier könnte man etwa an SIMMEL anknüpfen – nicht systematisch eingearbeitet zu sein. Selbst dort, wo Figuren des Dritten eingeführt werden, verbleiben die Analysen in einem dualistischen Bezugsrahmen. Die Beiträge sind auf dyadische Relationen konzentriert und zerschneiden somit in gewisser Weise auch die Komplexität von Relationen persönlicher Beziehungen. Dies gilt zum Beispiel für Eltern-Kind-Beziehungen. Wenn in einer Familie Kinder geboren werden, so bieten sich ganz neue Möglichkeiten der Bildung persönlicher Beziehungen, beispielsweise Triangulierungen oder Koalitionsbeziehungen. Und dies gilt für alle anderen Formen auch, für Freundschaften und Nachbarschaften, für Arbeitsbeziehungen und für Geschwisterkonstellationen. [28]

Es ist also offensichtlich, dass bestimmte Formen von persönlichen Beziehungen und die mit diesen Formen einhergehenden Gefühlskonstellationen nur bei einer systematischen Berücksichtigung des Dritten analysiert werden können. Eifersucht ist beispielsweise nur möglich in Dreier-Konstellationen. Auch Demütigungen sind sinnvoll nur dann zu analysieren, wenn Figuren des Dritten als Akteur oder zumindest als Publikum eingeführt werden. Und bei beiden Konstellationen handelt es sich um Formen intensiver persönlicher Beziehungen. Ja, es ist die Frage, ob Stufen der Aufhebung oder der Entpersönlichung persönlicher Beziehung ohne die Figur des Dritten überhaupt beschrieben werden können. Von daher sollte diese sozialtheoretisch wichtige Figur eine größere systematische Berücksichtigung findet. [29]

Einer anderen Form von persönlichen Beziehungen kann man beispielsweise bei einem Vereinswechsel von Profifußballer/innen zu einem ungeliebten Verein oder bei Skandalen mit prominenten Schauspieler/innen gewahr werden. Hierbei handelt es sich um parasoziale oder, wie man sie auch in einer etwas paradoxen Weise nennen könnte, um einseitige persönliche Beziehungen. Denn Fußballfans oder Fernsehzuschauer/innen unterhalten eine sehr intensive persönliche Beziehung zu den prominenten Akteuren, sie wissen oftmals sehr viel von der jeweiligen Person, und dieses Wissen wird auch permanent durch das Handeln der Prominenz bestätigt. Aber es ist selbstverständlich eine sehr einseitige Sache, nicht reziprok und symmetrisch. Dennoch: Auch solche Grenzfälle können einen hohen Erkenntniswert für die Analyse von "richtigen" persönlichen Beziehungen haben. [30]

Insgesamt gelingt es den Herausgebern – trotz der hier angemerkten Desiderata – aber, wichtige Punkte zur Charakterisierung persönlicher Beziehungen zu benennen. Weitere insbesondere sozialtheoretische Aspekte kommen hinzu, wenn man sich den theoriegeschichtlichen Rekonstruktionen nähert. [31]

5. Theoriegeschichtliche Betrachtungen

Kommen wir nun zu den theoriegeschichtlichen Betrachtungen. Diese werden insbesondere in dem Beitrag von Karl LENZ dargelegt. Der Autor betont, dass die Kategorie der "Beziehung" im Allgemeinen wie diejenige der "persönlichen Beziehung" im Besonderen zwar von vornherein in der Soziologie präsent gewesen, aber meist nur implizit mit- und nicht explizit ausgeführt worden sei. Er befasst sich mit SIMMEL, Max WEBER, VON WIESE, SCHÜTZ sowie mit MEAD und GOFFMAN. Im Werk von SIMMEL sind bekanntermaßen die zahlreichen materialen Studien zu verschiedenen persönlichen Beziehungen bemerkenswert, zu Freundschaften, Ehen oder Paarbeziehungen. Aus sozialtheoretischer Sicht ist LENZ zufolge darüber hinaus der die Soziologie von SIMMEL kennzeichnende mikroskopische Blick von unten auf die kleinen Formen sozialer Wechselwirkung interessant. SIMMEL gilt deshalb nach LENZ aus zwei Gründen als Stammvater der Analyse sozialer Beziehungen: Erstens öffne die bekannte Unterscheidung zwischen den Formen und den Inhalten von Wechselwirkungen den Blick für die Formanalyse von sozialen Beziehungen. Dementsprechend betont LENZ den Umstand, dass die Formen, Strukturen, Muster persönlicher Beziehungen den zentralen Gegenstand einer entsprechenden Soziologie bilden müssen. Zweitens gehe SIMMEL von dem emergenten Charakter persönlicher Beziehungen aus, also ihrer Nichtableitbarkeit aus dem intentionalen Handeln einzelner Akteure. [32]

Etwas befremdlich wirkt die Bezugnahme auf Max WEBER, trägt WEBER doch zu einer Analyse persönlicher Beziehungen kaum etwas bei. Und so wird WEBERs Ansatz in der Tat auch nur bemüht, um dessen Konzept von "sozialer Beziehung", welches in der Systematik dieser Theorie im Zentrum steht (vgl. GRESHOFF 2006), als negative Kontrastfolie zu SIMMEL zu benutzen, denn im Gegensatz zu ihm ist, so die Analyse von LENZ, bei WEBER die Tendenz, soziale und damit auch persönliche Beziehungen reduktionistisch auf Aussagen über individuelles soziales Handeln zurückzuführen, unübersehbar. Diese Einschätzung ist interessant für die sozialtheoretische Dimension des Konzepts der persönlichen Beziehung. Persönliche Beziehungen werden LENZ zufolge als ein gegenüber dem individuellen Handeln emergentes Geschehen begriffen, welches in seinen genuinen Struktur- und Prozessmustern untersucht werden soll. Dieser Aspekt der emergenten Ordnung wird schließlich auch von LENZ bei der Darstellung der neben SIMMEL zweiten wichtigen theoretischen Reverenzposition betont, der Interaktionstheorie von GOFFMAN. GOFFMAN habe persönliche Beziehungen selbst nur marginal berücksichtigt, aber die von ihm entworfene Kategorie der "Interaktion" und ihrer genuinen, weder von den Akteuren noch von sozialen Makro-Entitäten ableitbaren Ordnung weise den richtigen Weg. Die übrigen, schon genannten theoretischen Ansätze von VON WIESE, SCHÜTZ und MEAD hielten wichtige Unterscheidungen bereit, aber deren theoretischen Instrumentarien seien nicht so ausgereift, dass man mit ihnen dezidiert persönliche Beziehungen analysieren könne. [33]

Wie die Herausgeber betonen, kann eine erschöpfende theoriegeschichtliche Rekonstruktion im Rahmen eines Handbuchs nicht geleistet werden, zumal dann nicht, wenn sie sich an dem doch vergleichsweise engen Kanon der Soziologiegeschichte orientiert. Eine umfassende Rekonstruktion wäre nach meiner Ansicht auch gut beraten, einen Blick auf andere Traditionen zu werfen. Ein Rekurs auf die mit FEUERBACH beginnende philosophische Tradition der Reflexion auf Ich-Du-Beziehungen könnte beispielsweise auf einen Aspekt aufmerksam machen, der in den soziologischen Theorien meist ausgespart bleibt, nämlich auf die moralischen Strukturen und Grammatiken persönlicher Beziehungen. Diese über LÖWITH (1987 [1928]) bis hin zu den neueren Anerkennungstheorien (beispielsweise derjenigen von HONNETH; vgl. HONNETH & RÖSSLER 2008) reichenden Untersuchungen analysieren persönliche Beziehungen nicht nur unter den Aspekten der Intimität oder der Emotionalität, sondern vor allem auch der Moralität. Damit würde die Liste der genuinen Charakteristika persönlicher Beziehungen um ein entscheidendes Element erweitert. Diesen Analysen zufolge zeichnen sich persönliche Beziehungen immer durch eine besondere Form von Moralität aus, eine Moralität, die eben nicht aus allgemeinen, universalistischen Ethiken deduziert werden kann, sondern die Besonderheit der Personen und ihrer Stellung zueinander aufnimmt. Dabei geht es dann um die Frage (vgl. FAZIO 2010), ob diese spezifische Moralität im Raum persönlicher Beziehungen universalistischen Ethiken ihre Grenzen aufweist (so die Position beispielsweise von HONNETH) oder, umgekehrt, die Allgemeinheit der universalistischen Ethiken eben der Besonderheit moralischer Grammatiken in persönlichen Beziehungen ihre Schranken aufweist mit der Folge, dass solche Ethiken auch in persönlichen Beziehungen als universale Appellationsinstanz zur Verfügung stehen (so die Position beispielsweise von LÖWITH). [34]

Diese moralische oder gar ethische Dimension persönlicher Beziehungen kommt in den Beiträgen wie in der Konzeption des Handbuchs zu kurz. Und wenn man von dieser Dimension spricht, so liegt eine weitere nicht fern. Moralität, Intimität und Emotionalität bilden einen geeigneten Humus für die hohe Konfliktanfälligkeit von persönlichen Beziehungen. Auch diese Dimension des Konflikts wird nicht in einem ausreichenden Maße angesprochen oder mit einem eigenen Beitrag bedacht. Im Gegenteil, man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass persönliche Beziehungen zu konsensorientiert konzipiert werden und die Bedeutung von Konflikten für die Entwicklung wie für die Genese persönlicher Beziehungen nicht hinreichend berücksichtigt wird. "Konflikte" werden in dem Handbuch als Gefährdungen, Belastungen oder Beendigungen von persönlichen Beziehungen thematisiert. In Konflikten aber bilden sich "Personen". [35]

6. Persönliche Beziehungen als genuine, emergente Ordnung?

Den Herausgebern zufolge stellt die Abgrenzung der persönlichen Beziehungen gegenüber anderen Sozialformen ein zentrales Forschungsproblem dar. Stellen wir zusammenfassend die wichtigsten Bestimmungen vor, die in diesem Handbuch diesbezüglich gegeben werden: [36]

(1) Persönliche Beziehungen werden unter Berufung auf SIMMEL, DURKHEIM und auf GOFFMAN als eine gegenüber dem intentionalen Handeln emergente Ordnung begriffen. Soziale Phänomene im Allgemeinen wie persönliche Beziehungen im Besonderen "weisen emergente Eigenschaften auf, die sich unter Rückgriff auf die beteiligten Individuen nicht fassen lassen" (LENZ, S.42). In den Sozialwissenschaften wird nur selten präzise geklärt, was unter "Emergenz" verstanden wird – handelt es sich 1. um einen starken oder schwachen Emergenzbegriff, wobei beide in der Annahme darüber differieren, ob soziale Phänomene aus prinzipiellen oder nur aus epistemischen Gründen nicht auf explanative Aussagen über das Verhalten oder Handeln der Elemente zurückgeführt werden können, oder handelt es sich 2. um eine Entgegensetzung von intrinsischen versus holistischen oder relationalen Eigenschaften und die Annahme, dass die relationalen Eigenschaften der Individuen nur durch ihr Verhalten im Beziehungskontext erklärt werden können (zu dieser Unterscheidung SCHÜTZEICHEL 2008). Damit verbunden könnte es sich 3. aber auch um eine Abgrenzung gegenüber psychologistischen Erklärungen handeln oder 4. um die Annahme der Transintentionalität, die darin besteht, dass das Verhalten oder Handeln der Individuen Folgen zeitigt und Konsequenzen aufweist, die transintentionaler Natur sind. Schließlich ist mit diesem Ausdruck auch 5. mitunter die Annahme darüber verbunden, dass soziale Phänomene Eigenschaften aufweisen, die die epistemische Perspektive der beteiligten Individuen übersteigen und nur von Beobachtenden zweiter Ordnung erkannt und analysiert werden können. Auch in dem Handbuch wird nicht recht deutlich, was unter emergenter Ordnung verstanden werden soll. Alle genannten Aspekte scheinen vertreten zu sein. Aber der erkenntnistheoretische Impetus wird deutlich, der vielleicht auch ganz ohne Annahmen über die Emergenz formuliert werden kann: Es geht darum, die Strukturen, Muster und Formen sozialer Beziehungen zu untersuchen und nicht die intentionalen Einstellungen der beteiligten Individuen. Die "Beziehungen" sollen im Vordergrund stehen, nicht das Handeln der "Personen" oder "Individuen". [37]

(2) Der Ausweis der emergenten Ordnung definiert die Eigenständigkeit persönlicher Beziehungen nach "unten". Sie werden aber auch gegenüber den Meso- und Makroordnungen als eine eigenständige soziale Realität sui generis ausgewiesen. Aus den Ausführungen der Herausgeber ist nicht genau zu erkennen, ob sie nur die Eigenständigkeit dieser Phänomene reklamieren und ihre Bedeutung für die Soziologie herausheben oder ob sie in sozialtheoretischer Hinsicht daraus weitere Ansprüche im Hinblick auf die generelle analytische Reduktion von makrosozialen Phänomenen auf mikrosoziale Relationen ableiten wollen, wie dies schon bei SIMMEL entworfen und in jüngerer Zeit beispielsweise besonders eindrücklich von COLLINS (1981) gefordert wurde. [38]

(3) Die Bestimmung von persönlichen Beziehungen auf der Ebene der mikrosozialen Ordnungen selbst und ihre Unterscheidung gegenüber anderen Formen wird wesentlich mit dem Instrument der Differenzierung, Typisierung und Abstrahierung von Erwartungshaltungen vorgenommen. Dabei geht es um die Bestimmung verschiedener Modi der Erwartungsbildung. Eine solche liegt beispielsweise in der Unterscheidung von "Personen", "Rollen" und "Typen des Handlungsablaufs" bei SCHÜTZ (vgl. z.B. 2003) oder in der systemtheoretischen Differenzierung zwischen "Person", "Rolle", "Programm" und "Werten" vor (vgl. z.B. LUHMANN 1991). In dem Handbuch wird diesbezüglich vornehmlich mit der Differenz von personaler und sozialer Identität nach GOFFMAN (1963) bzw. mit der Differenz von "Person" und "Rolle" gearbeitet. Persönliche Beziehungen sind solche Beziehungen, in welchen sich die Akteure wechselseitig an ihrer personalen Identität orientieren; in Rollenbeziehungen, z.B. in Organisationen, orientieren sich die Akteure hingegen an ihrer sozialen Identität. [39]

All diesen Ansätzen liegt jedoch ein gemeinsames Problem in der Bestimmung der unteren Ebene zugrunde, denn bei der Bestimmung der "Person" werden sowohl Kriterien, die auf die Individualität von Akteuren zielen, wie auch solche, die auf ihre Personalität zielen, miteinander vermischt. In diesen Ansätzen laufen "individualisierende" wie auch "personalisierende" Bestimmungen undifferenziert zusammen. Aber aus der Individualität eines Akteurs ergibt sich nicht automatisch seine Personalität. Personen sind nicht einfach Individuen. Daraus, dass ich mich an der Individualität eines Akteurs orientiere, ergibt sich nicht automatisch, dass er auch schon eine Person für mich ist, zumal eine solche Person, wie sie als Träger persönlicher Beziehungen in dem Handbuch vorausgesetzt wird. Die Kategorie der "Person" ist eine relationale Kategorie, sie drückt die besondere Relevanz der Individuen füreinander in einer Beziehung aus, sie ist, um die Formulierung der Herausgeber zu benutzen, gleichsam schon eine emergente Kategorie. [40]

Während also mit der Abgrenzung gegenüber Rollen eine Abgrenzung der persönlichen Beziehungen nach oben, also in Richtung formalisierte Gruppen oder Organisationen vorgenommen wird, fehlt eine entsprechende Abgrenzung nach unten. Nicht alle Individuen sind schon in dem Sinne Personen. [41]

(4) Mithilfe des Modus der "Person" werden dann Abgrenzungen gegenüber anderen mikrosozialen Ordnungen wie Interaktionen und Gruppen vorgenommen. Gegen eine Reduktion von persönlichen Beziehungen auf die Kategorie der Interaktion werden die Aspekte der "Unendlichkeitsfiktion", der Dauer und der Wiederholbarkeit angeführt. Persönliche Beziehungen reproduzieren sich also in Interaktionen, aber sie sind etwas anderes und mehr als Interaktionen – es handelt sich eben um Beziehungen zwischen Personen, was sich in der dauerhaften Orientierung aneinander, in den Kriterien der Emotionalität, der hohen Interdependenz und des Wissens um persönliche Dispositionen und Eigenschaften niederschlägt. Und man könnte, wie schon angedeutet, noch das Kriterium einer besonderen Moralität hinzufügen. Aus diesen Aspekten ergibt sich eine, wenn nicht die zentrale Eigenschaft persönlicher Beziehungen: Sie sterben mit ihren Personen. Oder mit anderen Worten: Die Personen, die in persönliche Beziehungen involviert sind, sind füreinander nicht ersetzbar. Und gegen die Reduktion von persönlichen Beziehungen auf die Kategorie der "Gruppe" spricht nach Ansicht der Herausgeber, dass Gruppen auf der Ebene der Erwartungsstrukturen zu hoch aggregiert sind, d.h. sie orientieren sich nicht an Personen, sondern an Rollen. [42]

(5) Ein letzter Punkt: Persönliche Beziehungen sind Sozialformen sui generis, die sich nicht nur nach unten gegen die "individuellen Handlungen" (Emergenzpostulat) und nach oben gegen die makrostrukturellen Ordnungen (Eigenständigkeitspostulat) abgrenzen lassen, sondern auch, wie betont, in Gestalt von sich relationierenden Netzwerken eine eigene Aggregationsform aufweisen (Aggregationspostulat). [43]

Persönliche Beziehungen scheinen also eine mikrosoziologische Strukturform darzustellen, die irgendwo zwischen den ephemeren Interaktionen und den über-persönlichen Organisationen anzusiedeln sind. Vor nunmehr über 25 Jahren machte Hartmann TYRELL (1983a, 1983b), auf NEIDHARDT (1979) aufbauend, den immer noch nicht recht beachteten Vorschlag, in das systemtheoretische Gerüst sozialer Differenzierung neben den Ebenen der Interaktion, Organisation und Gesellschaft auch die Ebene der Gruppe zu berücksichtigen. Gruppen weisen Struktureigenschaften auf, die sich weder in Interaktionen noch in Organisationen finden lassen, z.B. die Eigenschaften der Dauer und die unmittelbare, funktional diffuse Inanspruchnahme der Individuen als Personen. Sind persönliche Beziehungen dann eher mit Gruppen vergleichbar als mit Interaktionen? Könnte man also persönliche Beziehungen als eine Subkategorie von Gruppen fassen? Viele Merkmale von persönlichen Beziehungen wie die auf Dauer gestellte Orientierung an den personalen Identitäten von Individuen scheinen sich auch allgemein in Gruppen finden zu lassen. Gleichzeitig ist der Begriff der Gruppe jedoch wiederum viel zu grobkörnig, um die Besonderheit persönlicher Beziehungen aufnehmen zu können. Ein Punkt könnte aus Sicht der Herausgeber besonders dagegen sprechen. Sie betrachten persönliche Beziehungen im Grunde genommen als dyadische Beziehungen. Die Dyaden werden in diesem Handbuch als Reinform persönlicher Beziehungen herausgestellt. Selbst Familien lösen sich – wenn man sich die Beiträge vor Augen führt – in Anordnungen von persönlichen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, Großeltern und Kindern und Geschwisterbeziehungen auf. Bezeichnenderweise sprechen die Herausgeber nur von einem "Familienkontext" (S.5), in dem sich diese dyadischen Beziehungen realisieren. Mit dem Begriff der Gruppe verbinden wir aber in aller Regel etwas anderes als eine dyadische Beziehung. [44]

7. "Persönliche Beziehungen" als historische Kategorie?

Aber es stellt sich die Frage, ob man den Charakter der persönlichen Beziehung, wie in dem Handbuch favorisiert, alleine auf der Ebene systematischer Überlegungen lösen kann. Gibt es denn neben Interaktionen, Gruppen, Familien und Organisationen überhaupt persönliche Beziehungen als eine eigene Strukturform? Ist es nicht von vornherein verfehlt, persönliche Beziehungen als eine gegenüber diese Strukturformen sozialen Handelns eigene Strukturform zu bezeichnen? Handelt es sich überhaupt um Elemente einer gemeinsamen Klasse? Oder ist es nicht vielmehr so, dass persönliche Beziehungen eine Modalität darstellen, in welcher sich Interaktionen, Gruppen, Familien oder andere soziale Systeme überhaupt realisieren können? Und dies wäre dann der Vorschlag, den ich unterbreite: Die Kategorie der "Person" und somit auch persönliche Beziehungen sind nicht eine soziale Strukturform neben den anderen genannten, sondern ein Modus, in welchem sich diese vollziehen können und somit auch ein Modus, der sich auf die Struktur dieser Formen auswirkt. Kennzeichnend für persönliche Beziehungen ist, dass sich die Akteure wechselseitig als "Person" betrachten, nicht als "Rolle". Die Kategorie der "Person" ist aber eine historisch sehr voraussetzungsreiche Form, zumal in der Weise, wie sie in dem Handbuch gebraucht wird, nämlich mit einer sehr starken Tendenz in Richtung Individualität, Intimität und dyadischer Abgrenzung. Dieses Konzept ist bekanntermaßen historisch relativ jung, zumindest hat es sich in dieser Form wohl erst im 18. Jahrhundert in westlichen Gesellschaften auf breiterer Front durchsetzen können. Darauf verweisen viele historisch-soziologische Untersuchungen zur Differenzierung dieser Beziehungssysteme mit jeweils eigenen Sinnwelten (vgl. z.B. für das Feld "Freundschaft" SCHINKEL 2003 oder für die Felder "Freundschaft" und "Verwandtschaft" die Beiträge in SCHMIDT, GUICHARD, SCHUSTER & TRILLMICH 2007). In diesem Übergang hin zur Moderne finden zwei grundlegende Differenzierungsprozesse statt, und beide sind für die Institutionalisierung von persönlichen Beziehungen bedeutsam. Zum einen finden sich in einem verstärkten Ausmaß soziale Differenzierungen zwischen den Ebenen der Interaktion, Organisation und Gesellschaft. Und, dies begleitend, finden sich verstärkt funktionale Differenzierungsprozesse und damit eine historische Wahlverwandtschaft zwischen funktionaler Differenzierung, Individualisierung und in bestimmten sozialen Beziehungen der Modus der "Verpersönlichung". [45]

Die Orientierung an Personen in bestimmten Strukturformen sozialer Beziehung scheint eine junge Entwicklung zu sein. Das heißt aber nicht, dass es persönliche Beziehungen nicht auch früher gegeben hat. Aber sie wurden nicht strukturell in das Netzwerk sozialer Beziehungen eingearbeitet und auf Dauer gestellt. Die zentralen Fragen würden also lauten: Welche Handlungstypen werden in modernen Gesellschaften von welchen sozialen Beziehungen im Modus "persönlicher Beziehung" realisiert, warum werden diese in diesem Modus realisiert, und wie verändern sich diese sozialen Beziehungen, wenn sie auf den Modus "persönliche Beziehung" umgestellt werden? [46]

Die Diskussion über die Formen persönlicher Beziehungen müsste also auf einer stärker gesellschaftstheoretischen oder historisch-soziologischen Ebene geführt werden. Dann ließe sich aufzeigen, wie bestimmte Strukturformen wie Familie, Geschwisterverhältnisse, Freundschaft oder Verwandtschaft auf die Praktiken und Semantiken persönlicher Beziehungen umgestellt und in diesem Prozess wiederum eigene, genuine Sinnwelten wie die Paarbeziehung oder dyadische Beziehungen im Allgemeinen produziert werden. Dass aus solchen "Gruppen" dyadische Beziehungen als genuine persönliche Beziehungen mit eigenen Sinngrenzen heraustreten, wäre dann eine Folge der dominanten Orientierung an "Personen", wie sie sich in der Moderne in spezifischer Weise konsolidiert hat. Und die Tendenz, aus Gruppen dyadische Beziehungen als eigene Sinnwelten auszudifferenzieren, kann auf die nomische Bedeutung, nämlich auf die Nicht-Substituierbarkeit von Personen füreinander zurückgeführt werden. Daraus entwickelt sich ein struktureller "Drift" in Richtung Dyade. Die Orientierung an der Personalität von bestimmten Individuen hat die Tendenz, andere auszugrenzen. [47]

Im Umkehrschluss würde sich daraus die Konsequenz ergeben, dass Familien, Geschwisterverhältnisse, Freundschaften oder Verwandtschaften nicht per se persönliche Beziehungen darstellen, sondern aus historisch kontingenten Gründen. Und man kann sich auch gut vorstellen, dass diese Strukturformen sich nicht mehr im Modus persönlicher Beziehungen reproduzieren. Ein Beispiel: Wenn man sich die Entwicklungen der Gentechnologie, der Gendiagnostik und der Reproduktionsmedizin vor Augen führt, dann mag es nicht ausgeschlossen sein, dass die "Person" als Erwartungs- wie als Zuschreibungshorizont von familialen oder Paarbeziehungen ersetzt werden kann. [48]

Aus dieser Argumentation resultiert die oben schon genannte Lücke in diesem Handbuch. Im Gegensatz zu manchen Einzelbeiträgen, die die historische Dimension durchaus aufnehmen, weist die Gesamtkonzeption des Handbuchs eine gewisse A-Historizität auf. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als ob es sich nach Ansicht der Herausgeber bei Familien, Freundschaften etc. immer und in allen historischen und kulturellen Umständen um persönliche Beziehungen handelt. Diese Ansicht halte ich für problematisch. Von daher fehlen sowohl in den systematischen Untersuchungen wie auch in dem Gesamttableau Beiträge, die sich mit der Historizität wie der Kulturalität des Modus "persönliche Beziehung" befassen. [49]

8. Würdigung

Man wird bei solchen voluminösen Handbüchern wie dem vorliegenden sicherlich nicht oft zu dem Urteil kommen, dass eine intensive Auseinandersetzung und Lektüre lohnt. Aber dies ist bei dem hier vorgestellten Handbuch uneingeschränkt der Fall. Das Handbuch deckt einen wichtigen sozialwissenschaftlichen Forschungsgegenstand in einer umfassenden, reichhaltigen Weise ab. Es füllt eine empfindliche Lücke und kann nur allen Praktiker/innen und Theoretiker/innen empfohlen werden, die sich über die Strukturen, Formen, Prozessverläufe und Probleme von persönlichen Beziehungen als einer bedeutsamen Form sozialer Beziehungen informieren wollen. Aufgrund der ausgezeichneten Personen- und Sachregister kann das Handbuch auch als ein gelungenes Nachschlagewerk genutzt werden. [50]

Führt man sich das breite Spektrum an Themen vor Augen, die durchgehend alle informativ und lesefreundlich nach einem einheitlichen Muster bearbeitet wurden, so kann und muss man dem Handbuch und seinen Herausgebern ein großes Lob zollen. Zum ersten Mal wird dieser in sich so komplexe Gegenstand "persönliche Beziehung" derart differenziert dargestellt. Das Handbuch ist nicht nur den in der Lehre und der Forschung tätigen Kolleginnen und Kollegen zu empfehlen, sondern auch den Praktiker/innen in Beratung, Therapie und Intervention. Und schließlich können auch Spezialdisziplinen wie die Familien- oder Jugendforschung und, wie schon erwähnt, die Professionsforschung von den Beiträgen dieses Bandes enorm profitieren. [51]

Das Handbuch erfüllt auch seine Zielsetzung, wichtige Anstöße für die sozialtheoretische Diskussion und für eine elementare Verankerung von "persönlichen Beziehungen" in der soziologischen Theorie zu liefern. Auch wenn das Desiderat einer historischen Soziologie persönlicher Beziehungen zu beklagen ist, auch wenn ich selbst manche Beschreibungen oder theoretischen Herleitungen anders vornehmen würde, so werden überzeugende Argumente angeführt, das Konzept der "persönlichen Beziehung" in der Soziologie zu etablieren. [52]

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Zum Autor

Rainer SCHÜTZEICHEL arbeitet am Institut für Soziologie der FernUniversität in Hagen, vornehmlich in den Bereichen Soziologische Theorie, Wissens- und Professionssoziologie. In FQS findet sich mit "Die Profession der Architekten" ein weiterer Rezensionsaufsatz von SCHÜTZEICHEL (zu "Architektur als professionalisierte Praxis" von Oliver SCHMIDTKE 2006; http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs090159).

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Dr. Rainer Schützeichel

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E-Mail: rainer.schuetzeichel@fernuni-hagen.de

Zitation

Schützeichel, Rainer (2010). "Persönliche Beziehungen" als soziologische Kategorie?. Review Essay: Karl Lenz & Frank Nestmann (Hrsg.) (2009). Handbuch Persönliche Beziehungen [52 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 11(2), Art. 18, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1003187.



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