Volume 12, No. 1, Art. 13 – Januar 2011

Rezension:

Jasmin Siri

Sebastian Ziegaus (2009). Die Abhängigkeit der Sozialwissenschaften von ihren Medien. Grundlagen einer kommunikativen Sozialforschung. Bielefeld: transcript; 398 Seiten; ISBN 978-3-8376-1318-6; 39,80€

Zusammenfassung: Sebastian ZIEGAUS interessiert sich in seiner Dissertation für die kommunikative Herstellung der wissenschaftlichen Praxis im Zusammenspiel von Forschenden und technischen Medien. Durch neue Vernetzungstechnologien wie Datenbanken und das Internet entstehen neue Interaktionen in Forschungssystemen, was, so ZIEGAUS, methodisch jedoch meist nicht ausreichend reflektiert werde. Anhand eines kommunikationstheoretischen Modells untersucht er die Selbstbeschreibung sozialwissenschaftlicher Theorien und Methoden. Darüber hinaus will er nicht weniger leisten als eine Neubestimmung der Selbstbeschreibung der Sozialwissenschaften als "kommunikative Sozialforschung". Er schreibt dabei nicht aus der Position eines Sozialwissenschaftlers, sondern als historisch und theoretisch interessierter Medien- und Kommunikationswissenschaftler. Daraus resultieren aus einer soziologischen Perspektive gleichsam Stärken und Schwächen des hier besprochenen Bandes. So bietet ZIEGAUS im empirischen Teil eine kreative Untersuchung des erkenntnistheoretischen Zugangs sozialwissenschaftlicher Schulenbildung an und deutet diese als Form des Komplexitätsmanagements. Die normative Forderung nach der Durchsetzung einer kommunikativen Sozialforschung und deren emphatische Einforderung sind hingegen weniger überzeugend und schließen nicht an die empirischen Ergebnisse der durchgeführten Untersuchung an.

Keywords: kommunikative Sozialforschung; Medien; Kommunikationswissenschaft

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Medien und ihre kommunikative Funktion in der Praxis der Forschung

3. Die Begründung der "kommunikativen Sozialforschung"

4. Die Komplexität der Sozialforschung: Empirismen im Plural

5. Kommunikative Sozialforschung – soziologisch beobachtet

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung

Die Möglichkeit der Erstellung, Speicherung und Bearbeitung von Daten im Zeitalter der Digitalität haben die Spielräume der Sozialforschung verändert. Große Datensätze stehen allen Forschenden für den sekundäranalytischen Zugriff zur Verfügung. Interviews werden digital aufgenommen und können mit geringem Aufwand nachbearbeitet oder mithilfe von Analysesoftware ausgewertet werden. Dass dies Konsequenzen für den Forschungsalltag hat, ist wenig überraschend. Und so setzt mit der Entstehung elektronischer Medien auch die Reflexion darüber ein, inwiefern diese den Forschungsprozess verändern bzw. ihn erst hervorbringen. [1]

So interessiert sich bspw. die Akteur-Netzwerk-Theorie für die Interaktion von Mensch und Medien: Die naturalisierten Grenzen von Mensch und Technik fallen im sozialen, transformatorischen Zusammenspiel von Person und Medium, die beide gleichermaßen Akteure im Prozess der Forschung sind (vgl. LATOUR & HERMANT 2006). Die visuelle Soziologie bietet qualitativ Forschenden neue Möglichkeiten der Datenaufbereitung und -untersuchung und stattet sich mit einer ganz eigenen Methodologie und interpretativen Analytik aus (vgl. KNOBLAUCH, BAER, LAURIER, PETSCHKE & SCHNETTLER 2008). Prozesse der Globalisierung und Neustrukturierung medial vermittelter Beziehungen zwischen Forschenden – man beachte nur die Schaffung eines neuen diskursiven Raumes für qualitative Forschung durch FQS und die Diskussion von Open Access (vgl. MRUCK, GRADMANN & MEY 2004; KOCH, MEY & MRUCK 2009) – finden im Diskurs der qualitativen Sozialforschung zunehmend Beachtung. Das gilt zum einen für forschungspraktische und technische Betrachtungen (MRUCK, GRADMANN & MEY 2004). Zum anderen finden forschungsethische Reflexionen statt. So wird zum Beispiel mit FOUCAULTs Herrschafts-Wissens-Konzeption die herrschaftskritische Wirkung von Open Access diskutiert (vgl. MERETZ 2010) und anhand der Kapitaltheorie BOURDIEUs über Veränderungen der Machtstrukturen in wissenschaftlichen Netzwerken reflektiert (vgl. HERB 2007). [2]

2. Medien und ihre kommunikative Funktion in der Praxis der Forschung

Für diese Gemengelage interessiert sich Sebastian ZIEGAUS in seiner Dissertation, die hier in überarbeiteter Form vorliegt. Er schreibt: Durch neue Medien

"ergeben sich neue Möglichkeiten der Interaktion innerhalb von Forschungssystemen, der Vernetzung des Wissenschaftssystems und von Daten sowie der Präsentation von Ergebnissen. Die ständige Gegenwart von technischen Medien hat jedoch nicht dazu geführt, dass die Sozialwissenschaften diesem Tatbestand besondere Aufmerksamkeit gewidmet hätten. […] explizite methodologische und vor allem erkenntnistheoretische Reflexionen dieser Medien, ihrer Rolle in Forschungssystemen und dem Umgang mit ihnen fehlen jedoch weitgehend. […] Dieser Medienvergessenheit, dem blinden Fleck der Sozialwissenschaften, widmet sich die vorliegende Untersuchung." (ZIEGAUS, S.19) [3]

Gegenstand der Untersuchung sind, so ZIEGAUS, die Kommunikationsmodelle, die verschiedenen Ansätzen der Sozialforschung zugrunde liegen. Er adressiert nicht nur die qualitative Forschung, sondern "alle Wissenschaften, die soziale Tatbestände bzw. Interaktionen als ihre Objektbereiche betrachten und/oder mit Verfahren der Sozialforschung erforschen" (S.69). An dieses breite Publikum richtet sich die vorliegende Studie mit einem als Kriterienkatalog formulierten Schlussteil (S.355ff.). Denn nicht nur die Beschreibung der Medienevolution und ihre Integration in Methoden interessiert ZIEGAUS. Er macht es sich zudem zur Aufgabe, durch die Nutzung kommunikationswissenschaftlicher Angebote die Selbstreflexivität der Sozialwissenschaften zu steigern (S.62) und "Anreize zur Veränderung in der Sozialforschung" (S.73) zu geben. Der Autor schreibt also für die Sozialwissenschaften "als Ganze" (S.48), für ein möglichst breit angenommenes Publikum, und beteiligt sich daher nicht nur am Rande an den Diskursen der Wissenssoziologie und Methodologie, in welchen die Reflexion über genutzte Medien und ihre Evolution bereits oft Teil des methodischen Vorgehens ist. Aus der Breite des erwünschten Zielpublikums resultiert eine Schwäche der Rezension. Diese kann eine solche Breite weder zurückspiegeln noch simulieren, sondern muss sich auf eine – in diesem Falle: rein soziologische – Lesebrille verlassen. Dies wird unweigerlich dazu führen, dass die Diskussion und Einordnung der vorliegenden Monografie nur einen Ausschnitt möglicher Leseerfahrungen darstellt. [4]

3. Die Begründung der "kommunikativen Sozialforschung"

In der Einleitung legt ZIEGAUS den theoretischen Rahmen und das Erkenntnisinteresse seiner Arbeit vor. Er geht aus von der Feststellung, dass die Sozialforschung als Gegenstand der Sozialforschung nicht existiere (S.32). Die Reflexion der Medien der Sozialforschung finde auf drei Ebenen statt: erstens in der Wissenschaftsforschung, zweitens in Methodendiskussionen und drittens in der Geschichtsschreibung (S.23). ZIEGAUS diagnostiziert der Wissenschaftsforschung erkenntnistheoretische Mängel: Die Akteur-Netzwerk-Theorie bspw. sei in ihrer "allgemeinen Bezogenheit auf Materielles zu unspezifisch, da nicht geklärt wird, in welchem Verhältnis materielle und nichtmaterielle Akteure zueinander stehen" würden (S.27). Zudem sei problematisch, dass sozialkonstruktivistische Ansätze "sich zwar auf die kommunikativen Aushandlungsprozesse innerhalb der Forschung beziehen, dabei jedoch nicht kommunikationstheoretisch, sondern vielmehr interaktionistisch bzw. handlungstheoretisch argumentieren" (a.a.O.). Die Akteur-Netzwerk-Theorie sei ein relativistischer Ansatz, der alle Unterschiede zwischen Natur und Gesellschaft negiere, ebenso zwischen den kommunikativen Prozessen und den Medien selbst. [5]

Die Ergebnisse der Laboratory Studies – ZIEGAUS bezieht sich zur Abgrenzung auf Karin KNORR-CETINA – seien auf sozialwissenschaftliche Forschung nicht übertragbar, da sich "sozialwissenschaftliche Kommunikationsprozesse nicht nur innerhalb von Forscherteams abspielen, sondern auch und vor allem zwischen Forschern und Beforschten. Diese folgten jedoch anderen Programmen als die professionellen Interaktionen in Laboren und sind abhängig von den verwendeten Medien und Methoden" (S.28). ZIEGAUS betont, dass die Gegenstände von Natur- und Sozialwissenschaften "unterschiedlicher Natur" seien: "Die Spezifität der Sozialwissenschaften ergibt sich nicht aus den Kommunikationsprozessen zwischen Forschern, sondern aus der grundsätzlichen Ähnlichkeit der Forscher und ihren Gegenständen und den damit verbundenen besonderen Zugangs- und Interaktionsweisen" (S.29). [6]

Die Methodendiskussionen der Sozialwissenschaften ordnet ZIEGAUS anhand zweier Haltungen: "Entweder wird die Gebundenheit der Sozialforschung an ihre Medien als Gestaltungsauftrag verstanden oder aber als Krise erlebt" (S.32). Positiv stellt der Autor die Verdienste der Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen heraus, welche eine "kommunikative Gestaltung des Forschungsprozesses" (S.33f.) gefordert und dabei vom "Ideal einer distanzierten Beobachtung als privilegiertem Medium des Erkenntnisgewinns" (S.33) Abstand genommen hätten. Auch die Selbsterfahrung der Forschenden solle eine Rolle spielen. [7]

In der "Geschichtsschreibung" der Sozialwissenschaften schließlich sei – ebenso wie in den Methodendiskussionen – "in Ansätzen ein Problembewusstsein von der Bedeutung einer historischen Erschließung empirischer Verfahren wie ihrer materiellen Bedingungen" vorhanden (S.47), auch ihr müsse aber ein Defizit ausgestellt werden, da sie die Geschichte der Sozialforschung vor allem als "Ereignis-, Ideen- und Institutionengeschichte" erzähle (a.a.O.). Mittels eines kommunikationswissenschaftlichen Modells der Information (vgl. S.54ff.), welches auf den Arbeiten des Betreuers der Dissertation, Michael GIESECKE, basiert, will ZIEGAUS dem Problem zu Leibe rücken, dass Kommunikation in weiten Teilen der Wissenschaftsforschung und der Methodendiskussion "als abstraktes Prinzip hochgehalten oder als lästiger Nebeneffekt unterdrückt" (S.61) werde. Ziel und Aufgabe der Arbeit sei die "selbstreflexive Wendung kommunikationstheoretischer Modelle auf die Sozialforschung" (S.62), wobei er Selbstreflexivität als Paarung aus individueller Reflexivität (der Forschenden) und sozialer Reflexivität (dem kritischen Hinterfragen von bestehenden Selbstbeschreibungen) definiert (S.65). [8]

4. Die Komplexität der Sozialforschung: Empirismen im Plural

Nach den theoretischen Vorarbeiten identifiziert und bespricht ZIEGAUS drei Strömungen des Empirismus: den Empirismus der Logik, den der Differenz und den der Sinnlichkeit (S.88ff.). Im Sinne der oben beschriebenen Fragestellung zeigt er an den Arbeiten POPPERs zum deduktiv-nomologischen Modell und der Falsifikation, wie sich deren Auslagerung von Erkenntnis und Erfahrung aus dem Subjekt in den Forschungspraktiken niederschlage: "In der quantitativen Sozialforschung erheben Forscher selbst keine Daten, sondern lassen Daten erheben" (S.89). Im Fortgang eines historisierenden Nachvollzugs der Rezeption POPPERs diskutiert ZIEGAUS dann drei Empirismen der Logik: die deduktive Logik, welche die Umweltbeobachtung prämiere, die induktive Logik, welche die Beobachtung von Umwelt und Selbstbeobachtung prämiere, sowie die Logik der Abduktion, unter welcher u.a. die Grounded-Theory-Methodologie subsumiert wird (S.104f.): "Der Empirismus der Logik beschreibt Wissenschaften in erster Linie als rationale Informationsverarbeitung, bei der Daten aus der Umwelt von Forschern transformiert werden" (S.147). [9]

Unter dem Stichwort des "Empirismus der Differenz" diskutiert ZIEGAUS die Selbstbeschreibung poststrukturalistischer und systemtheoretischer Angebote. Der Abschied vom Subjekt bei FOUCAULT und DERRIDA wird als "Abschied von einer sprachlichen Illusion" und als die Berücksichtigung seiner Hervorbringung durch herrschende Diskurse diskutiert (S.113). In beiden Fällen diene das Subjekt nicht mehr als Bezugspunkt einer wissenschaftlichen Konzeption des Empirismus, auch wenn bspw. die Archäologie FOUCAULTs einer induktiven Logik folge. LUHMANNs Systemtheorie diskutiert ZIEGAUS als deduktives Verfahren, welches von einer visuellen Vorstellung gekennzeichnet sei. Der Empirismus der Differenz habe Konsequenzen für die Beobachtung von Sozialtheorie:

"Entsubjektivierung ist jetzt kein Reservat mehr einer quantitativ-standardisierten Sozialforschung. Stattdessen wird diese Strategie nun auch auf hermeneutische und textzentrierte Verfahren übertragen. […] Vor diesem Hintergrund an Gemeinsamkeit erscheint die Skepsis etwa in den Kommunikationswissenschaften gegenüber der sogenannten Postmoderne nicht nur inhaltlich, sondern auch in ihrer Vehemenz befremdlich." (S.126) [10]

Der "Empirismus der Sinnlichkeit" reagiere hingegen auf die Reduzierung wissenschaftlicher Perzeption auf Schrift, Visualität und Rationalität. Historische Beispiele seien etwa GOETHEs Farbenlehren und HUMEs Empirismus. Aktueller diskutiere George DEVEREUXs Ethnopsychoanalyse die Komplementarität von Soziologie und Psychologie, z.B. auf der Ebene der Daten (S.130f.). Methodologien werden aus dieser Perspektive als "angstreduzierende Verfahren" diskutierbar, die Affekte der Forschenden rücken in das Interesse der wissenschaftlichen Beobachtung. In diesen Forschungsstrang ordnet ZIEGAUS auch die Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen ein. [11]

Was aber ist die Funktion der Empirismen? Sie bestehe, darum dreht sich das dritte Kapitel der Monografie, in der Reduktion von Komplexität (S.153ff.). Unter diesem Stichwort dekonstruiert ZIEGAUS die Illusion der Unterscheidung von qualitativer und quantitativer Forschung, indem er ihre Ähnlichkeit in der operativen Praxis aufzeigt (S.190f.). Verschiedene Verfahren wie das Abfassen von Forschungsberichten, Standardisierung und Linearisierung, die teilnehmende Beobachtung und viele mehr werden von ZIEGAUS auf ihr Komplexitätsmanagement hin befragt. ZIEGAUS beleuchtet die differenten Methoden der vielfältigen Forschungsstränge der Sozialwissenschaften und "Strategien ihrer Bewältigung" (S.153) von Komplexität: "Zusammengefasst gilt, dass die Komplexität der Sozialforschung darauf beruht, dass sie komplexe Forschungssysteme konstituiert" (S.231). Es gibt keine Sozialforschung, so ZIEGAUS, "der es gelingen würde, die Komplexität so weit zu reduzieren, dass einfache Systeme vorliegen oder Systeme, die keine Kommunikationssysteme mehr wären" (a.a.O.). Daraus resultiere in der Praxis der Forschung die Notwendigkeit, mit Widersprüchlichkeiten in der eigenen Selbstbeschreibung umzugehen und diese als produktiv zu begreifen. [12]

Im vierten Kapitel ergänzt ZIEGAUS den ersten Teil seiner empirischen Beobachtung durch drei Fallstudien zu "Validität", "Daten" und "Zählen und Erzählen", wobei er sich wieder der Frage widmet, wie diese ihre Medien wählen und hervorbringen. Sowohl in der qualitativen als auch in der quantitativen Forschung kommen technische Medien zum Einsatz:

"Die quantitative Sozialforschung stützt sich dabei im wesentlichen auf Fragebogen und rechnergestützte statistische Auswertung. Diese werden in erster Linie zur Aufzeichnung und Verarbeitung von Informationen genutzt und funktionieren idealerweise autonom von den Forschern. In der qualitativen Sozialforschung sind dynamische Speichermedien zentral. Paradigmatisch dafür ist das Tonbandgerät zur Aufzeichnung von Interviews. Diese technischen Medien funktionieren allerdings nicht als quasi-autonome Registrierungsapparaturen, sondern erfüllen vielmehr eine unterstützende und entlastende Funktion im kommunikativen Prozess der Forschung." (S.245f.) [13]

Durch die vergleichende Betrachtung der Praxis von bspw. qualitativen und quantitativen Verfahren zeigt ZIEGAUS in den Fallstudien z.B. eine Alternative zur Interpretation des Positivismusstreits als Streit zwischen Ideologien auf:

"Der Kern der Unterscheidung ist vielmehr die zugeschriebene Belastbarkeit der Verfahren und Ergebnisse der Sozialforschung sowie ihre Begründungen. Die Begründung der Belastbarkeit stützt sich auf jeweils unterschiedliche Kommunikationssysteme, die in der Sozialforschung gebildet werden. […] Die Art der Korrespondenzen und das jeweilige Verständnis von Validität bestimmen sich dabei gegenseitig." (S.246) [14]

Validität (1. Fallstudie) begreift ZIEGAUS als "Produkt eines kommunikativen Netzwerks" und fragt: "[...] wenn Validität durch Kommunikation hergestellt wird, warum sollte dann von vornherein nicht Kommunikation Validität herstellen?" (a.a.O.). Die Beschreibung von Daten (2. Fallstudie) ähnele der Beschreibung von Validität. Auch diese würden durch ein kommunikatives Netzwerk hergestellt, "in dem Untersuchungsteilnehmer und Forscher nur Elemente unter anderen sind. Daten sind das emergente Produkt solcher multidimensionalen, rekursiven Netzwerke" (S.286). Die letzte Fallstudie widmet sich schließlich wieder der Einebnung der Unterscheidung qualitativer und quantitativer Forschung, indem ZIEGAUS "Zählen und Erzählen" als zwei Seiten einer Medaille beschreibt (S.290). Am Beispiel der Grounded-Theory-Methodologie erläutert ZIEGAUS seine Perspektive. Bei ihr handele es sich bei

"der anfänglichen offenen Codierung im weitesten Sinne um einen Zählvorgang [...], der jedoch nicht die Zuordnung von empirischem und numerischem Relativ beinhaltet, sondern von empirischem und semantischem Relativ. Dieses semantische Relativ – Konzepte, Etiketten, Kategorien – ist jedoch wie die Begriffe, auf die sich die Messungen beziehen, ein Kondensat aus dem Common-Sense-Wissen der Forscher. […] Neben dieser strukturellen Gemeinsamkeit der nachträglich kodierenden Verfahren mit den messenden Verfahren bleibt als Unterscheidungskriterium der Zeitpunkt im Forschungsprozess, an dem die Kodierung einsetzt. Durch die der Datenerhebung nachgeordnete Kodierung bleibt die Grounded Theory stärker gegenstandsbezogen als messende Verfahren. Jedoch ändert dies nichts an der Tatsache, dass der epistemologische Standpunkt der gleiche ist. In beiden Fällen wird die traditionelle Perspektive eingenommen, in der Forscher sich in ein distanziertes Verhältnis zu ihren Objekten setzen. Dieser Standpunkt ist jedoch prekär" (S.299). [15]

ZIEGAUS argumentiert, dass die Grounded-Theory-Methodologie, wie alle codierenden Verfahren, kommunikative Elemente des Forschungsprozesses als Umwelt beobachte. Der Prozess des Erzählens sei dabei "kein kommunikativer, sondern einer des Zählens. Die Grenze zwischen Zählen und Erzählen ist sowohl in quantitativ-messenden wie in nachträglich codierenden Verfahren nicht aufrecht zu erhalten. Zählen ist in diesem Zusammenhang die Strategie der Entkommunikatisierung des Erzählens" (S.301). [16]

5. Kommunikative Sozialforschung – soziologisch beobachtet

Als Ergebnis seiner Fallstudien kommt ZIEGAUS zu dem Schluss, dass die Grenzen von qualitativer und quantitativer Forschung "künstlich" gezogen würden; Kern der Sozialforschung sei hingegen "ein natürliches Primat von erzählenden Elementen" (S.314). Der Verweis auf einen natürlichen Primat legt nahe, dass es ZIEGAUS nicht nur um die Beschreibung der kommunikativen Praxis der Sozialforschung geht, sondern er auch genaue Vorstellungen davon hat, wie Sozialforschung funktionieren sollte: "Ausgehend vom dreidimensionalen Kommunikationsbegriffs Gieseckes kann Sozialforschung dann nach ihren Dimensionen Informationsverarbeitung, Vernetzung und Spiegelung unterschieden werden, die dann wiederum zueinander in Beziehung gesetzt werden müssen" (S.315). [17]

In seinem Fazit entwirft ZIEGAUS anhand dieses Informationsbegriffs ein Plädoyer für kommunikative Sozialforschung, die als "ganzheitlicher Ansatz" (S.352) zu verstehen sei und sich selbst zum Gegenstand ihrer Forschung mache. Unklar bleibt hier das Publikum, welches ZIEGAUS sich vorstellt, es scheint aber kein in erster Linie qualitativ forschendes oder wissenssoziologisch interessiertes Publikum zu sein. Die "sozialwissenschaftliche Wissenschaftsforschung" sei "aufgefordert, sich von ihrer Fixierung auf die Naturwissenschaften zu lösen und ihre eigenen Disziplinen zum Gegenstand zu machen (S.353). Er grenzt er sich auch erneut von den Laboratory Studies ab, da diese sich auf die sozialen Konstruktionsprozesse zwischen Forschenden beschränkten. [18]

Aus einer soziologischen Perspektive sind sowohl die allgemeine Kritik an den Laboratory Studies und der Akteur-Netzwerk-Theorie als auch die Beschreibung der Neuheit einer Denkfigur von Wissenschaft als Kommunikation (vgl. bspw. LUHMANN 1990) mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Das gilt auch für ZIEGAUS' Kritik der Vernachlässigung erkenntnistheoretischer Fragestellungen und der Wissenschaftstheorie (S.353). So beschäftigen sich viele Texte und Diskussionen der qualitativen Sozialforschung mit den Fragen, die auch den Autor bewegen. Im Rahmen des Berliner Methodentreffens Qualitative Forschung im Jahre 2009 hat – um ein Beispiel von vielen zu nennen – ein Symposium zum Thema Methode mit Technik – Technik mit Methode stattgefunden, auf dem auch Sebastian ZIEGAUS einen Vortrag hielt (ZIEGAUS 2009; siehe auch die Videoaufzeichnung der Veranstaltung). Mit McLUHAN betonte hier Udo KUCKARTZ (2009) die Veränderungen des Forschungsprozesses durch Medienevolution, bspw. hinsichtlich der Organisation und Strukturierung des Datenmaterials, der Visualisierung und der Dokumentation (S.4). Bernt SCHNETTLER (2009) betonte die "subsidiäre Rolle" von Techniken für die qualitative Forschung. Deren Aufgabe sei "die Rekonstruktion, ihr Verfahren die sorgfältige Beobachtung, Analyse und Interpretation, und das lässt sich – nicht nur im Notfall, sondern prinzipiell – auch ohne irgendein Instrument anständig vollziehen" (S.2). Die Techniken verändern für SCHNETTLER also den Forschungsverlauf, nicht aber den Wesenskern der qualitativen Analyse. Jo REICHERTZ (2009) fragt wissenssoziologisch nach "Konjunkturen", nach wesentlichen Entwicklungslinien in der qualitativen Forschung. Dabei arbeitet er mit Verweis auf Max WEBERs Theorie erstens die "Veralltäglichung des Charismas" (Abs.45) von "Gründergestalten" als ein Movens der Konjunkturen heraus. Als zweite große Entwicklung beschreibt er die Differenzierung von Publika für qualitative Forschung, und drittens kritisiert er den Abschied von Kritik und Therapie, deren Einforderung doch einst eine Grundlage für die Selbstbeschreibung gerade der qualitativ Forschenden gewesen sei. Die hier illustrativ gewählten Beispiele sollten deutlich machen, dass aus einer explizit soziologischen Perspektive weniger die Kritik an der mangelnden Reflexionsfähigkeit der Sozialforschung interessiert als die Beschreibung der performativen Herstellung wissenschaftlicher Praxen. [19]

Die vorgelegte Monografie erzeugte so bei mir in der Gesamtschau eine ambivalente Leseerfahrung. Zum einen liegt eine spannende, historisch und philosophisch informierte empirische Abhandlung über die Selbstbeschreibung der Sozialforschung vor (Kapitel II, III und IV), welche sich durch eine große Breite der verhandelten Theorien und ihre kreative Anordnung auszeichnet. Besonders überzeugend stellt sich dabei die Untersuchung der "Empirismen im Plural" dar. ZIEGAUS arbeitet in diesem Teil vorwiegend beschreibend. [20]

Die Untersuchung wird aber zum anderen gerahmt von dem Ziel, Position für die "richtige" (also die kommunikative) Sozialforschung zu beziehen, die Sozialwissenschaften also auf den Weg der "Ganzheitlichkeit" zu bringen:

"Die Sozialwissenschaften haben die aktuellen Veränderungen der gesellschaftlichen Kommunikationsverhältnisse bislang nicht nachvollzogen. Dieses Defizit, das das Potential zur Ausweitung zu einer Krise haben könnte, bietet den Sozialwissenschaften aber auch die große Möglichkeit, sich aus bestehenden Abhängigkeiten in Richtung einer wissenschaftlichen Autonomie zu befreien. Auf einer übergeordneten Ebene besteht diese Abhängigkeit darin, dass es bislang weder in den Selbstbeschreibungen noch in der praktischen Sozialforschung gelungen ist, die Sozialwissenschaften als eigenständige Disziplinenfamilie zu positionieren. Sie beschreiben sich stattdessen in Abhängigkeit von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften […]. Das Festhalten an diesen Prinzipien verhindert es jedoch, dass die Sozialwissenschaften ihre eigene Mitte finden, ein selbstbewusst zu vertretendes Selbstverständnis, das ihre Eigenart hervorhebt und aus dem eigene methodologische Schlussfolgerungen folgen." (S.357f.) [21]

Dieses normative Anliegen ist meines Erachtens mit der empirischen Studie und ihren Ergebnissen nicht ausreichend vermittelt. Die Verantwortung hierfür ist wohl auch beim betreuenden Verlag (transcript) zu suchen. Mir vermittelte sich beim Lesen der Eindruck, dass kein Lektorat stattgefunden hat, welches die sich bereits in der Einleitung abzeichnende Diskrepanz zwischen empirischem Teil und normativem Anliegen eventuell hätte abmildern oder beheben können. [22]

Auch wenn das im obigen Zitat formulierte Anliegen der besprochenen Monografie – eine Vereinheitlichung von Normen "guter" hier: kommunikativer Sozialforschung – durchaus verständlich ist, so ist die Einlösung einer solchen Forderung beim Blick auf das Feld sehr unwahrscheinlich. Ich bin erstens nicht zuversichtlich, dass durch Appelle an eine ganzheitliche Reflexion und kooperative Beratung zwischen Forschenden und Beforschten das Überzeugen und Einlenken ganzer Forschungstraditionen, also bspw. das Umschwenken kritischer Rationalist/innen auf ein interpretatives Paradigma, zu erreichen sein wird. Solche Appelle sind aus einer wissenssoziologischen Perspektive zweitens nicht neu (vgl. z.B. ADORNO et al. 1972) und sehen drittens an dem vorbei, was ZIEGAUS selbst empirisch beschrieben hat: welche Funktion (nämlich die des Umgangs mit Komplexität, Affekten der Forschenden usw.) verschiedene Selbstbeschreibungen, Methoden und Methodologien für die wissenschaftliche Praxis erfüllen könnten. Die Fallstudien zeigen ja gerade, dass die Funktion der Methoden in der Komplexitätsreduktion liegt, nicht in deren Potenzierung. Um Einbau von Komplexität bzw. deren Sichtbarmachung geht es aber der kommunikativen Sozialforschung. Nicht als erster beschwört ZIEGAUS eine Krise aufgrund der fehlenden "Einheit der Sozialwissenschaften" und übersieht dabei, dass die Vielfalt der Zugänge zu Feld, Methoden und Methodologien in der wissenschaftlichen Praxis möglicherweise gar kein Problem darstellt: außer für Beobachtende, die an der Unterschiedlichkeit und Diversität einer nicht eindeutig abgrenzbaren Disziplin leiden. [23]

Die Leistung des Buches für qualitativ Forschende besteht daher möglicherweise weniger in dem Angebot der "Heilung" einer diversifizierten und möglicherweise in Spezialdiskurse geradezu "zersplitterten" Forschungslandschaft, sondern vielmehr in der Beschreibung der Eigenlogiken, die ihre Heterogenität begründen. ZIEGAUS formuliert eine Irritation, welche zu kennen für die Kommunikation in interdisziplinären Kontexten hilfreich sein kann. Ob darüber hinaus das Paradigma der "kommunikativen Sozialforschung" in den Sozialwissenschaften ein erfolgreiches Unterfangen darstellt, wird derweil nicht in Rezensionen, sondern andernorts entschieden: In eben jener sozialwissenschaftlichen Praxis, der ZIEGAUS seine Monografie gewidmet hat. [24]

Literatur

Adorno, Theodor W.; Dahrendorf, Ralf; Pilot, Harald; Albert, Hans; Habermas, Jürgen & Popper, Karl R. (1972). Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. Neuwied: Luchterhand.

Herb, Ulrich (2007). Open Access: Soziologische Aspekte. Information – Wissenschaft & Praxis, 58(4), 239-244, http://eprints.rclis.org/10554/ [Zugriff: 5.11.2010].

Knoblauch, Hubert; Baer, Alejandro; Laurier, Eric; Petschke, Sabine & Schnettler, Bernt (2008). Visual analysis. New developments in the interpretative analysis of video and photography. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 9(3), Art. 14, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0803148 [Zugriff: 5.11.2010].

Koch, Lisa; Mey, Günter & Mruck, Katja (2009). Erfahrungen mit Open Access – ausgewählte Ergebnisse aus der Befragung zum Nutzen und Nutzung von FQS. Information – Wissenschaft & Praxis, 60(3), 291-299, http://eprints.rclis.org/16860/ [Zugriff: 5.11.2010].

Kuckartz, Udo (2009). Das Medium ist die Message. Qualitative Forschung verlässt die Gutenberg-Galaxis. Symposium "Technik mit Methode – Methode mit Technik", 5. Berliner Methodentreffen Qualitative Forschung, 26.-27 Juni 2009, http://www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/archiv/texte/texte_2009/kuckartz.pdf [Zugriff: 5.11.2010].

Latour, Bruno & Hermant, Emilie (2006). Invisible city, http://www.bruno-latour.fr/virtual/PARIS-INVISIBLE-GB.pdf [Zugriff: 5.11.2010].

Luhmann, Niklas (1990). Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Meretz, Stefan (2010). Auf dem Weg Richtung Wissenskommunismus. Prager Frühling, http://www.keimform.de/2010/auf-dem-weg-richtung-wissenskommunismus/ [Zugriff: 13.11.2010].

Mruck, Katja; Gradmann, Stefan & Mey, Günter (2004.) Open Access: Wissenschaft als Öffentliches Gut. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 5(2), Art. 14, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0402141 [Zugriff: 13.11.2010].

Reichertz, Jo (2009). Die Konjunktur der qualitativen Sozialforschung und Konjunkturen innerhalb der qualitativen Sozialforschung. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 10(3), Art. 30, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0903291 [Zugriff: 5.11.2010].

Schnettler, Bernt (2009). "Paper, Pencil and Rubber" – Einige wissenssoziologische Bemerkungen zur Rolle von Erhebungs- und Auswertungsapparaten für die qualitative Sozialforschung. Symposium "Technik mit Methode – Methode mit Technik", 5. Berliner Methodentreffen Qualitative Forschung, 26.-27 Juni 2009, http://www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/archiv/texte/texte_2009/schnettler.pdf [Zugriff: 5.11.2010].

Ziegaus, Sebastian (2009). Neue Medien – alte Programme? Zum Verhältnis von Sozialforschung und technischen Medien. Symposium "Technik mit Methode – Methode mit Technik", 5. Berliner Methodentreffen Qualitative Forschung, 26.-27 Juni 2009, http://www.qualitative-forschung.de/methodentreffen/archiv/texte/texte_2009/ziegaus.pdf [Zugriff: 23.09.2010].

Zur Autorin

Jasmin SIRI, Dipl. Soz., Studium der Soziologie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der LMU München 2000-2005. Forschungsschwerpunkte: politische Soziologie, Organisationssoziologie und qualitative Sozialforschung.

Bisherige Publikationen bei FQS:

Mayr, Katharina & Siri, Jasmin (2010). Management as a symbolizing construction? Re-arranging the understanding of management. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 11(3), Art. 21, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1003218.

Siri, Jasmin (2009). Tagungsbericht: "Methodologien des Systems – Wie kommt man zum Fall und wie dahinter?". Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 10(2), Art. 22, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0902223.

Kontakt:

Dipl. Soz. Jasmin Siri

Lehrstuhl Prof. Armin Nassehi
Institut für Soziologie der LMU München
Konradstr. 6
D-80801 München

E-Mail: jasmin.siri@soziologie.uni-muenchen.de
URL: http://www.ls1.soziologie.uni-muenchen.de/personen/lehrbeauftragte/siri/

Zitation

Siri, Jasmin (2010). Rezension: Sebastian Ziegaus (2009). Die Abhängigkeit der Sozialwissenschaften von ihren Medien. Grundlagen einer kommunikativen Sozialforschung [24 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 12(1), Art. 13, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1101134.



Copyright (c) 2010 Jasmin Siri

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