Volume 13, No. 1, Art. 28 – Januar 2012

Gewaltdynamiken im Spiegel von Kriegsbriefen. Eine Analyse von Briefen Mike RANSOMs und anderer US-amerikanischer Soldaten aus dem Vietnamkrieg

Dietmar Rost

Zusammenfassung: Wahrnehmungen und Deutungen von an Kampfeinsätzen beteiligten Soldaten werden nicht nur biografisch, also für deren subjektiven Umgang mit kriegerischer Gewalt, bedeutsam. Indem sie beispielsweise zu sinkender oder steigender Kampfbereitschaft führen, wirken sie auch auf die kollektive Gewaltausübung im Krieg selbst zurück. Sie stellen daher Faktoren dar, die ein wissenschaftliches Verstehen von Gewaltdynamiken in Kriegen berücksichtigen muss. In methodischer Hinsicht bieten sich Kriegsbriefe als zeitnah verfasste persönliche Dokumente für eine interpretative Rekonstruktion solcher subjektiven Erfahrungen und Deutungen an. Da allerdings insbesondere von Paul FUSSELL (1975, 1989) plausible Argumente gegen eine solche Verwendungsmöglichkeit von Kriegsbriefen vorgebracht wurden, erörtert dieser Aufsatz zunächst die mögliche Aussagekraft solcher Briefe. Nach der anschließenden Vergegenwärtigung des Stellenwerts von subjektiven Wahrnehmungen und Deutungen für Kriegsgeschehen analysiert der Aufsatz Briefe US-amerikanischer Soldaten aus dem Vietnamkrieg. Schwerpunktmäßig erfolgt dies anhand einer Fallanalyse von Briefen eines dem Krieg gegenüber kritisch eingestellten Offiziers. Auf diesem Wege ergeben sich datenbasierte Beiträge zur weiteren Entwicklung von Theorieansätzen im Bereich der subjektiven Deutung von Kriegssituationen sowie der Handlungsdynamiken in kriegerischen Konflikten. Zugleich zeigt sich, dass die Analyse von Kriegsbriefen durchaus zu einem tieferen Verständnis von Kriegsdeutungen und situativen Verschiebungen von Rahmen solcher Deutungen beitragen kann. Verengungen von Horizonten und Rahmungen, wie zum Beispiel beim Hervortreten von Rachevorstellungen und entsprechenden Tötungswünschen, spielen dabei eine wichtige Rolle. Der Blick auf solche Dynamiken führt die Betrachtung abschließend zur Erörterung von Funktionen der Briefkommunikation für die Rahmung von Kriegssituationen.

Keywords: Krieg; Gewalt; Soldaten; Militär; Referenzrahmen; Rache; Kriegsbriefe; Feldpost; Vietnamkrieg; Grounded-Theory-Methodologie

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Können Kriegsbriefe der Gewaltforschung Aufschlüsse bieten?

3. Zum Stellenwert subjektiver Wahrnehmungen und Deutungen in kriegerischen Konflikten

4. Zur Methode der Analyse

5. Fallstudie: Mike RANSOMs Briefe aus Vietnam

6. Deutungsrahmen und Gewaltdynamiken

Danksagung

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

"You know what – this mine incident has changed me. I'm still as opposed to the war on moral & political grounds as ever. But since I am here and when I see the gory mess that mine made of my people I want revenge. I want to kill every little slant-eyed I see. I just wish to hell the VC [Vietcong] would come out and fight. We never see them, just their damn mines and booby traps." (RANSOM 1968, S.21)1)

Wut und Rachegelüste gegenüber einem weitgehend unsichtbar bleibenden Kriegsgegner sprechen aus den hier zitierten Zeilen, die einem Brief eines in Vietnam eingesetzten US-amerikanischen Soldaten entnommen sind. Abgesehen von den begrifflichen Referenzen auf den Vietnamkrieg könnten die geschilderten Gefühle sicherlich auch aus anderen durch asymmetrische Konstellationen (MÜNKLER 2006) geprägten Kriegen stammen. Bereits in dieser Hinsicht weisen diese Zeilen und mit ihnen auch die Briefe, aus denen sie stammen, auf den Einzelfall übergreifende allgemeine Sachverhalte hin. In der zitierten Selbstbeobachtung wird jedoch noch weiteres thematisiert. Es geht in ihr auch um eine durch die Kriegssituation bedingte Veränderung von eigenen Handlungsmotiven und die Entwicklung des Wunsches zu töten. Angesprochen werden damit Dinge, die nicht nur für Forschungsinteressen hinsichtlich des Wahrnehmens von Gewalt seitens kämpfender Soldaten aufschlussreich sind, sondern auch hinsichtlich des Ausübens von Gewalt in solchen Kriegen sowie der Veränderungen, Prozesse und Dynamiken solcher Gewaltausübung. [1]

Blicken wir, bevor diese Fragestellung weiter zu entfalten ist, kurz auf den konkreten Zusammenhang dieser persönlichen Mitteilungen, die offenbar Aufschlüsse zu allgemeinen Prozessen liefern können.2) Die in diesem Aufsatz schwerpunktmäßig herangezogenen Briefe wurden von Mike RANSOM, einem jungen Offizier der US Army, aus dem Vietnamkrieg an seine Familie und seine Freundin geschrieben. Zwischen März und Mai 1968 verfasst, zeugen sie von einer Phase der Zuspitzung des Vietnamkrieges, die unter anderem durch die von Vietcong und nordvietnamesischem Militär geführte Tet-Offensive oder das von US-Soldaten begangene Massaker von "My Lai" gekennzeichnet ist. Wie die spätere Darstellung des Materials zeigen wird, erhalten wesentliche Merkmale des Vietnamkriegs – wie die asymmetrische Kriegsführung oder die den Krieg begleitende öffentliche Debatte für und wider das amerikanische Kriegsengagement (in die übrigens RANSOMs gleich nach seinem Tode veröffentlichte Briefe selbst mit eingingen) – in seinen Schreiben klaren Ausdruck. RANSOMs Briefe stellen insofern zunächst eine historische Quelle dar. [2]

Doch die mitunter brennglasartige Verdichtung von Kriegsgeschehen sowie die in ihnen enthaltenen Selbstbeobachtungen erlauben, diese Briefe darüber hinaus für ein weiter gefasstes soziologisches Interesse an Gewaltdynamiken3) zu nutzen. Wie bereits angedeutet, geht es in dieser Perspektive zum einen um die sich im Laufe des Kampfeinsatzes verschiebenden Wahrnehmungen und Deutungen der Kriegssituation durch Soldaten, zum anderen um deren Konsequenzen, die beispielsweise in einer Eskalation der Gewaltausübung über das den Akteuren selbst anfangs vorstellbare Maß hinaus liegen können. Eine Untersuchung dieser beiden letztgenannten Aspekte, die im Mittelpunkt dieses Aufsatzes stehen soll, ist jedoch nur sinnvoll, wenn zuvor festgestellt werden kann, ob und inwiefern aus Kriegsbriefen hierzu überhaupt Aufschlüsse gewonnen werden können. Auch dieser Blick auf die Quellengattung "Kriegsbriefe" trägt zu den interdisziplinären Zügen bei, die in der hier vorwiegend aus gewaltsoziologischer Perspektive untersuchten Fragestellung liegen. Ihr Gegenstand liegt in einem Schnittfeld von sozial-, kultur- und geschichtswissenschaftlichen Interessen zu organisierter Gewalt und kriegerischen Konflikten. Auch der gewählte qualitative Ansatz wird hierdurch auf dieses interdisziplinäre Feld bezogen. [3]

Die Untersuchung beginnt (Abschnitt 2) mit einer Reflexion zu Merkmalen von Kriegsbriefen und deren potenzieller Aussagekraft für die Gewaltforschung. Quantitativ betrachtet, das belegen alleine schon einige Dutzend Milliarden aus dem Zweiten Weltkrieg geschriebener privater Briefe (LITOFF & SMITH 1990, S.23f.; VOGEL & WETTE 1995, S.7), ist Briefkommunikation – zumindest bis zur Durchsetzung anderer elektronischer Kommunikationsmittel – eine bedeutsame Begleiterscheinung moderner Kriege. Da sie eine Aufrechterhaltung der Kommunikation und die gegenseitige Beruhigung durch Lebenszeichen gestatten, erfüllen Briefe einerseits Bedürfnisse von Soldaten und Zivilbevölkerung. Andererseits dient Briefkommunikation zugleich militärischen und politischen Interessen, zum Beispiel der Aufrechterhaltung von "Moral" in der Truppe und bei erfolgender Briefzensur zudem der Beschaffung von Informationen über deren Stimmung. Groß ist daher der organisatorische Aufwand, der in der Regel für den Aufbau und die Aufrechterhaltung eines Kriegspostwesens betrieben wird. Gerade vor diesem Hintergrund sind Zweifel hinsichtlich der Aufschlusskraft von Kriegsbriefen, wie sie insbesondere von Paul FUSSEL geäußert wurden, gut nachvollziehbar (vgl. 1975, S.183, 1989, S.145, 1991; JOLLY 2003, S.288; PFUND 1995, S.284). Die wissenschaftliche Arbeit mit dieser Quellengattung bedarf daher einer vorhergehenden sorgfältigen Prüfung ihrer Aufschlusskraft. Ohne Grenzen des Gehalts von Kriegsbriefen zu übersehen, möchte dieser Aufsatz dabei zeigen, dass diese Briefe eine erhebliche Aussagekraft besitzen können – zumindest trifft dies für eine Reihe von Fundstücken aus der insgesamt unüberschaubar großen Gesamtheit von in privaten und öffentlichen Beständen erhaltenen und nur zu einem kleinen Teil publizierten Kriegsbriefen zu. [4]

Zweitens (Abschnitt 3) bedarf eine an Fragen der Gewaltforschung orientierte Analyse von Kriegsbriefen einer Vergegenwärtigung des Stellenwerts von subjektiven Wahrnehmungen und Deutungen innerhalb von Kriegsgeschehen. Hierzu könnte sicherlich ganz allgemein auf eine Aufwertung von alltags-, kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Ansätzen verwiesen werden, die sich in den letzten Jahrzehnten auch im Bereich der Gewaltforschung vollzogen hat (vgl. TROTHA 1997; LINDENBERGER & LÜDTKE 1995). Zudem weist auch die gestiegene Aufmerksamkeit hinsichtlich der längerfristigen Folgen des Krieges für Soldaten auf den Stellenwert persönlicher Erfahrungen hin. So vollzog sich die Anerkennung der "posttraumatischen Belastungsstörung" als Krankheitsbild beispielsweise nicht zuletzt im Umgang mit psychischen Problemen von US-amerikanischen Veteranen des Vietnamkriegs (SHAY 1998). Subjektive Wahrnehmungen und Deutungen von kriegerischem Kampf sind jedoch nicht erst für den längerfristigen Umgang mit Kriegserfahrungen bedeutsam, vielmehr wirken sie bereits im Kriegsgeschehen und zwar nicht nur rein subjektiv, sondern auch in Rückwirkungen auf das Kriegsgeschehen selbst. Wahrnehmungen und Deutungen wirken auf Interpretationen von Aufgaben und Befehlen, auf das Ausmaß eigenen Engagements oder auf Urteile über die Sinnhaftigkeit einer Fortsetzung des Konflikts. Insofern bedürfen umfassende Analysen kriegerischer Konflikte notwendigerweise auch einer Berücksichtigung von Wahrnehmungen und Deutungen aller handelnden Akteure. Eine solche Sichtweise wird zudem von sozialtheoretischen Positionen nahe gelegt, wie sie in der Praxistheorie oder wissenssoziologischen Theorieansätzen formuliert wurden (BOURDIEU 1979; BERGER & LUCKMANN 1977 [1966]; vgl. auch RECKWITZ 2006). Diese Begründungen des Stellenwerts von subjektiven Deutungen und Wahrnehmungen können hier nicht hinreichend entwickelt werden, doch es sollen einige Grundzüge und Grundverständnisse skizziert werden, die unter anderem zu den Begriffen der Rahmen und Referenzrahmen führen. [5]

Nach anschließenden Ausführungen zum methodischen Vorgehen dieser Untersuchung (Abschnitt 4) folgt in dem im Mittelpunkt des Aufsatzes stehenden Abschnitt 5 die auf einer konkreteren Ebene angesiedelte Frage nach den Wahrnehmungen und Deutungen des Vietnamkrieges durch im Kampfgeschehen eingesetzte amerikanische Soldaten. Sie wird zunächst anhand einer Fallanalyse behandelt, die sich insbesondere darum bemüht, das Verhältnis von situativen Kontexten und Deutungen des Erfahrenen, das Mike RANSOM in seinen Kriegsbriefen bereits selbst recht klar kommuniziert, darzustellen und interpretativ zu explizieren. Obwohl RANSOMs Einsatzdauer in Vietnam nur kurz war, zeichnen sich in seinen Briefen dennoch markante Veränderungen des Wahrnehmens und Deutens des Kampfgeschehens ab. Erweitert durch den Blick auf Briefe weiterer US-amerikanischer Soldaten aus dem Vietnamkrieg erlauben sie daher im abschließenden Abschnitt 6 weiterführende Gedanken zum Stellenwert von Deutungsrahmen für Gewaltdynamiken in Kriegssituationen und zu Mechanismen der Verengung von Deutungsrahmen in solchen Dynamiken. Hinsichtlich des Datentypus "Kriegsbriefe" kann der Fall Vietnam damit zeigen, dass Kriegsbriefe relevante Einblicke und Aufschlüsse zu einigen Aspekten von Kriegen liefern können. Diese zumeist sehr zeitnah zu den thematisierten Geschehnissen entstandenen persönlichen Dokumente liefern demnach mehr als lediglich illustratives Material: Sie gestatten Erkenntnisse zu Verschiebungen und Dynamiken des Wahrnehmens im Zuge von Kampfgeschehen, die nicht nur hinsichtlich der die Soldaten längerfristig subjektiv prägenden Effekte, sondern auch hinsichtlich ihres Verhältnisses zur Gewaltausübung im Kampfgeschehen sowie der Bestimmung ihrer Stellung in und zu diesem Kriegsgeschehen bedeutsam sind. [6]

2. Können Kriegsbriefe der Gewaltforschung Aufschlüsse bieten?

Da diesem Aufsatz ein von der Gewaltforschung ausgehendes Interesse an Wahrnehmungen und Deutungen von Kriegen durch Soldaten zugrunde liegt,4) ist es angemessen, hier nur die von an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligten Soldaten5) verfassten Briefe als Kriegsbriefe zu begreifen. Es geht somit um Briefe von Militärangehörigen aus dem Krieg, um "Soldatenbriefe". "Heimatbriefe",6) die von anderen, meist sind das Angehörige, an in Kriegen eingesetzte Soldaten gerichtet wurden, werden hier nicht betrachtet.7) Kriegsbriefe in diesem Sinne, insbesondere die aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg geschriebenen Kriegsbriefe, sind im Laufe der letzten zwei beziehungsweise drei Dekaden zunehmend zu einem Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit insbesondere historischer Art geworden.8) Die folgende Reflexion zu Kriegsbriefen als Quellen- oder Datengattung greift daher auf die entsprechende Literatur zurück. [7]

Wie sind solche Kriegsbriefe als Quelle für Analysen moderner Kriege allgemein zu bewerten, welches Potenzial und welche Grenzen besitzt diese Dokumentengattung? Zunächst einmal bieten Briefe als persönliche Dokumente Mosaiksteine für ein umfassenderes Verständnis von Kriegsgeschehen, das Binnenperspektiven und Betrachtungen "von unten", das heißt Erfahrungen der beteiligten Soldaten inklusive auch der unteren Dienstränge, einschließt. Ihre Briefe eröffnen Einblicksmöglichkeiten in das individuelle Erleben und Erfahren von Kriegssituationen, Begegnungen mit gegnerischen Soldaten, Konfrontation mit Tod und Gefahr, bis hin zur Frage, welchen Sinn einzelne Soldaten "überhaupt ihrem eigenen, ganz konkreten Handeln" (DANIEL & REULECKE 1991, S.302) unterlegen. Sie empfehlen sich daher als Zugang zum Alltag von Soldaten im Krieg, zu den "Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Sinnstiftungsweisen" (S.306) von Soldaten im Kriegsalltag und zu der Frage, wie Menschen darauf reagieren, wenn sie in den Krieg ziehen müssen oder dürfen und von ihrem gewohnten Umfeld getrennt werden (VOGEL & WETTE 1995, S.9). Kriegsbriefe eröffnen dabei Einblicke nicht nur in die Ausübung und das Erfahren von als legitim wie auch – zumindest in manchen Fällen – als nicht legitim erachteter Gewalt im Krieg, sondern zu zahlreichen weiteren Facetten, die als Alltagsaspekte im Krieg bezeichnet werden können: sozialen Beziehungen innerhalb und zwischen den Gliederungen des Militärs, doch auch Beziehungen zu Zivilpersonen und dem zivilen Leben. Damit werden selbstverständlich nicht alle für ein Verständnis kriegerischer Konflikte relevanten Fragen und Faktoren zu den jeweils interessierenden Kriegen berührt. Zu den politischen Strategien, die mit Kriegsführungen verbunden sind – und im Falle des Vietnamkriegs beispielsweise durch die Veröffentlichung der von Daniel ELLSBERG kopierten Pentagon-Papiere aufgedeckt wurden –, zu militärischen Strategien, zu den Interessen einzelner Gruppen und Gliederungen innerhalb des Militärs, der ökonomischen Aspekte oder auch den Wahrnehmungen und Deutungen seitens betroffener Zivilbevölkerungen wird anhand von Kriegsbriefen kaum etwas zu erfahren sein. Doch es bietet sich anhand der Arbeit mit diesen Briefen die Chance der Erweiterung und Differenzierung eines Verständnisses kriegerischer Konflikte, das über politische Ziele und die groben Züge militärischer Operationen hinausgeht und auf Mikrophänomene und -prozesse blickt, die für das Gesamtgeschehen ebenfalls von hoher Relevanz sind. [8]

Obwohl das dem Militärdienst vorhergehende zivile Alltagsleben sicherlich mitunter erhebliche Militarisierungen erfahren kann, so bedeutet die Kriegssituation mit ihrem Vernichtungs- und Tötungsszenario für Soldaten zumeist einen Bruch mit bis dahin gültigen Vorstellungen und Praktiken. Briefe können daher Aufschlüsse bieten zu der Frage, wie Soldaten damit zurechtkommen, dass "plötzlich Raub, Zerstörung, Verletzung und Tötung nicht mehr unter Strafe standen, sondern zu legalen Handlungen erklärt wurden" (VOGEL & WETTE 1995, S.9) und welche Rolle "dabei die Propaganda, der militärische Drill, das Beispiel anderer, die Kampferlebnisse, aber auch die Pressionen, denen Soldaten und ihre Familien ausgesetzt waren" (a.a.O.) spielen. Zwar thematisieren Kriegsbriefe in weiten Teilen eine private Welt jenseits des Krieges, doch mehr oder weniger explizit behandeln sie in vielen Fällen auch Entbehrungen, Verwundungen, Krankheit, Gefangenschaft, Tod, das Leben in Männerbünden und die Ausübung oder Einwirkung von Gewalt. Kommunikation in Kriegsbriefen ist zudem ein Modus der Bestätigung und Formung von individuellen wie auch kollektiven Selbst- und Fremdbildern sowie von Bedeutungen, Sinnmustern und Solidaritäten aus dem privaten Leben und dem Leben im Krieg (LATZEL 1999, S.10,16; GILL 2010, S.13).9) [9]

Als persönliche Dokumente können Kriegsbriefe mit persönlichen Berichten oder auch als Oral History dokumentierten Erzählungen verglichen werden. Gegenüber diesen durch einen größeren zeitlichen Abstand zu den jeweils interessierenden Erfahrungen und damit stärker durch sich in der Situation des Aufzeichnens vollziehenden Prozessen des Erinnerns, Vergessens und der Konstruktion von Biografie geprägten Dokumenten10) liegt in der großen zeitlichen Nähe der Kriegsbriefe zu den Kriegsereignissen und -erfahrungen eine spezifische Qualität dieser Quellengattung. Zeitnahe Darstellungen unterliegen weniger solchen Einflüssen längerfristigen Erinnerns, gleichwohl handelt es sich auch bei diesen brieflichen Mitteilungen um Verarbeitungen und auch Verdrängungen der Gegenwart des Kriegsgeschehens (HUMBURG 1995, S.27). Im Vergleich zur ähnlichen und ebenfalls zeitnah niedergeschriebenen Quelle der Tagebuchaufzeichnungen werden Kriegsbriefe häufiger verfasst. Zudem sind sie stärker über alle Gliederungen und Gruppen des Militärs verbreitet und ermöglichen daher Einblicke in die Erfahrungswelt gerade auch niedrigerer Dienstgrade. Gegenüber der Kommunikation zwischen sich im Einsatz befindlichen Militärangehörigen unterliegen private Kriegsbriefe des Weiteren in einem geringeren Maße den zur Entstehung homogener Sinnhorizonte beitragenden Tendenzen, die sich aus dem Zusammenleben in – vielfach nur aus Männern zusammengestellten – militärischen Gliederungen ergeben. Daher bieten diese Briefe die Chance, eine eventuell vorhandene Varianz in den Erfahrungen, Wahrnehmungen und Deutungen von Aspekten des Kriegsgeschehens wie auch des gesamten Kriegs seitens verschiedener Soldaten zu erkennen.11) [10]

Zumindest in den Fällen, in denen mehrere Briefe eines Autors vorliegen, ermöglichen Briefe zudem valide Aufschlüsse zu Prozessen und Entwicklungen im Kriegsverlauf, beispielsweise hinsichtlich der Unterstützung des Krieges, der Haltung gegenüber Fremden oder der eigenen Anwendung von Gewalt. Kriegsbriefe können des Weiteren auch als Literatur und Ausdruck einer von den Umständen erzwungenen Belebung der Kultur des Briefeschreibens angesehen werden. In der Tat zeigen sie mitunter eine erstaunliche Kreativität des Schreibens, zum Teil auch des Zeichnens (vgl. die Reproduktionen von Briefen in CARROLL, NASH & SMALL 2006). [11]

Der Blick auf das Briefeschreiben als kreativen Prozess kann allerdings auch daran erinnern, nun Grenzen von Kriegsbriefen als Quellengattung zu erörtern. Kriegsbriefe enthalten selbstverständlich keine unmittelbaren Erfahrungen und Wahrnehmungen des Krieges. Vielmehr enthalten sie an andere Personen gerichtete schriftliche Mitteilungen über verschiedene Themen, zu denen häufig das eigene Befinden, viel Privates, Berichte über die Fremde und mitunter auch das Kriegs- und Kampfgeschehen zählen.12) Briefe ermöglichen aus der Kriegssituation heraus einen Bezug auf eine im Vergleich zur Kriegssituation anders empfundene Welt, die mitunter als "sane world" (LITOFF & SMITH 1990, S.24) oder Zivilisation bezeichnet wird.13) In anderen Fällen können Sie jedoch auch als Ventil für Erfahrungen dienen, mit denen einzelne nicht zurechtkommen. Briefinhalte werden dabei, neben Konventionen des Briefeschreibens, unter anderem durch die Stellung gegenüber den jeweiligen Adressat/innen, die Schreibkompetenz und die Wahl spezifischer Stilmittel bestimmt. Zudem kann diese Auswahl durch militärische Briefzensur14) (die in den US-Streitkräften nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr durchgängig praktiziert wurde) und direkt auf das Verfassen von Briefen bezogene Propaganda beeinflusst sein – beispielsweise durch in der Presse publizierte Empfehlungen und Muster für die Inhalte und Form von Kriegsbriefen (JOLLY 1995; LITOFF & SMITH 1990). Militärische wie auch Selbstzensur von Kriegsbriefen ist der Hintergrund, vor dem Paul FUSSEL die Aussagekraft von Kriegsbriefen hinsichtlich Gefühlen und Haltungen von Soldaten im Krieg als wenig aufschlussreich erachtet.15) Das mag für viele Briefe tatsächlich zutreffen. Doch zahlreiche Editionen von Kriegsbriefen, die oft aus einer großen Gesamtheit vorliegender Briefe spezifische, typische oder irgendwie herausragende Briefe auswählen (und diese hierbei häufig lediglich dokumentieren, nicht interpretieren), belegen inzwischen, dass Kriegsbriefe durchaus Aufschlüsse über Wahrnehmungen und Deutungen von Kriegsteilnehmern enthalten können, die weit über Triviales hinausgehen.16) [12]

Ein weiteres Problem der Quellengattung Kriegsbrief betrifft die Zugriffsmöglichkeiten. In der Regel liegen nur einzelne Briefe vor, nicht Gesamtheiten verfasster Briefe. Komplette Sammlungen der Kriegsbriefe eines Autors, vollständige Briefwechsel oder gar Briefe ganzer Gruppen von Soldaten blieben selten und nur aufgrund von Zufällen erhalten und zugreifbar.17) Leicht fassbar sind demgegenüber bereits publizierte Sammlungen von Kriegsbriefen. Margaretta JOLLY (2003, S.285) folgend, können solche Briefsammlungen grob drei Typen zugeordnet werden: 1. den persönlichen Editionen von Angehörigen beziehungsweise Briefautoren selbst;18) 2. den populären, an ein Massenpublikum gerichteten, häufig an nationalem Gedächtnis interessierten und nicht selten auf öffentliche Aufrufe zur Übermittlung von Kriegsbriefen zurückgehenden Sammlungen19) oder 3. den wissenschaftlichen Editionen20). Explizit oder implizit sind diese drei Typen an unterschiedlichen Funktionen orientiert. Sie stehen für familiales, nationales oder wissenschaftliches Gedächtnis und unterliegen verschiedenen Gefahren der Verzerrung ihrer Repräsentation des Krieges, so zum Beispiel einer Mythisierung von nationaler, familialer, männlich-weiblicher oder politischer Einheit. Trotz dieser Gefahren bleiben wissenschaftlich mit Kriegsbriefen arbeitende Analysen aus pragmatischen Gründen häufig gezwungen, auf die populären oder persönlichen Briefeditionen zurückzugreifen.21) Problematisch bleibt dabei, dass die editorischen Prinzipien von Briefauswahl und Dokumentation wie auch der Verbleib der Originale häufig nicht hinreichend klar werden. [13]

3. Zum Stellenwert subjektiver Wahrnehmungen und Deutungen in kriegerischen Konflikten

Wenn Menschen in Militärdienste treten, so kann das auf Zwang, freiem Willen, Einverständnis, Selbstverständlichkeit oder fatalistischer Akzeptanz des Unabwendbaren beruhen. In dieser Hinsicht unterscheiden sich nicht nur verschiedene sozio-historische Kontexte, sondern auch Gruppen und Individuen innerhalb einzelner spezifischer Kontexte. Demnach kann grundsätzlich von einer mehr oder weniger starken, durch Sozialisation, Habitus, politische Standpunkte etc. bedingten Varianz und Differenz unter denjenigen Personen ausgegangen werden, die in den Militärdienst eintreten. Seit Langem hat das Militär versucht, diese Varianz und ihre Folgen in der "Soldatenfabrikation" durch Disziplinierung und Drill von Körper und Geist der neuen Soldaten zu minimieren (BRÖCKLING 1997). [14]

Das technische Paradigma, das solcher Disziplinierung und dem Drill innerhalb des Militärs unterliegt, stößt allerdings an Grenzen. Denn auch in der militärischen und kriegerischen Praxis zeigen sich Persistenzen eines Eigensinns von Individuen (NEGT & KLUGE 1981), man könnte auch sagen: der "rappelköpfigen Launen"22) planvoll eingesetzter qualifizierter Menschen, wie sie hinsichtlich der Organisation von kooperierend eingesetzter Arbeitstätigkeit seit Langem beklagt wurden. Solcher Eigensinn kann auf andauernde Einflüsse von institutionalisierten Mustern und Formen zurückgeführt werden, die aus sozialen Zusammenhängen jenseits des Bereichs stammen, innerhalb dessen Möglichkeiten kalkulierender Steuerung bestehen, also aus der sozialen und kulturellen Umwelt der Militärorganisation.23) [15]

Zu solchen subjektive Varianz generierenden Faktoren, die auf Menschen in der militärischen Organisation einwirken können, zählen neben biografisch erworbenen und in das Militär eingebrachten Dispositionen oder aus der Umwelt der Organisation wirkenden Institutionen nun allerdings auch die fortlaufend getätigten Wahrnehmungen und Deutungen der Soldaten, die wiederum individuell wie auch gruppenspezifisch variieren können. Verschiedene Strömungen sozialwissenschaftlichen Denkens weisen ja, wenn auch mit unterschiedlichen Begriffen und Akzentsetzungen, auf die allgemeine Bedeutung von Deutungs-, Interpretations- oder Rahmungsprozessen für soziales Handeln überhaupt hin. Zu nennen sind hier die Begriffe der Relevanzsysteme, des aktuell Thematischen und dessen Horizonts bei Alfred SCHÜTZ (1971) oder des in Habitualisierungen beziehungsweise Institutionalisierungen geronnenen und in Routineverrichtungen quasi automatisch angewandten Rezeptwissens, das allerdings in Problemsituationen von aktiveren Formen des Deutens abgelöst wird, in der Wissenssoziologie von Peter L. BERGER und Thomas LUCKMANN (1977 [1966]). Denken wir an kriegerische Konflikte, so zeigt sich der Stellenwert von solchen Wahrnehmungen, Erfahrungen und Deutungen in den Notwendigkeiten, in neuartigen Situationen zu handeln, mit zum Teil unklaren und existenzbedrohenden Aufgaben und Befehlen konfrontiert zu sein und eigenes Handeln an verschiedenen möglicher Bezugsrahmen zu orientieren, die innerhalb des eigenen Horizonts liegen. Solche Bezugsrahmen liegen beispielsweise in den Militäreinsätzen unterliegenden politischen Zielstellungen, dem eigenen Überleben, der Verpflichtung gegenüber Mitsoldaten, den eigenen Karrierezielen, bestimmten Haltungen gegenüber Gegnern, moralischen Erwartungen von Angehörigen oder Befehlen von Vorgesetzten. Genau hier liegt die Bedeutung subjektiver Wahrnehmungen und Deutungen innerhalb von Kriegssituationen. Letztere müssen als komplexe Situationen begriffen werden, die durch jenseits des Militärischen liegende Faktoren mitbestimmt werden. [16]

Anknüpfend an das berühmte THOMAS-Theorem und in Anlehnung an Erving GOFFMAN fasst Harald WELZER (2007, S.16f.) Fragen und Konsequenzen der Situationsdeutung in dem Begriff der Referenzrahmen. Seine Studie zu den im Zweiten Weltkrieg eingesetzten deutschen Polizeieinsatzgruppen analysiert das Handeln der an Aktionen der Erschießung von Juden und Jüdinnen beteiligten "ganz normalen" (BROWNING 1999) Männer im Zusammenhang dreier Kontexte: 1. einer gesellschaftlichen Deutungsmatrix, die keineswegs statisch zu fassen ist, sondern sich modifiziert; 2. den durch Subjekte zu deutenden sozialen Situationen und 3. den individuellen Dispositionen und Deutungen von individuellen Handlungsspielräumen. Innerhalb dieser drei Kontexte erfolgt seitens der Beteiligten eine unablässige, in weiten Bereichen quasi automatische Deutungsarbeit, die anhand von Sinn gebenden Referenzrahmen Orientierung verschafft. Eskalationen zum Beispiel der Tötungsbereitschaft können dementsprechend auf Veränderungen und Umdeutungen in einem oder mehreren dieser drei Kontexte zurückgeführt werden. Derartige Verschiebungen liegen hinsichtlich des genannten ersten Kontextes der gesellschaftlichen Deutungsmatrix etwa dann vor, wenn es zu weite Bereiche der Gesellschaft durchziehenden Abwertungen und Ausgrenzungen einzelner sozialer Gruppen kommt. Im zweiten Kontext können Eskalationen der Tötungsbereitschaft beispielsweise mit subjektiven Wahrnehmungen zusammenhängen, die Situationen des Umgangs mit Personen, denen sonst als Zivilpersonen begegnet werden würde, als Kampfgeschehen deuten. Hinsichtlich des dritten Kontextes der Handlungsspielräume kann ein Mitwirken an Eskalationen von Gewalt mit zunehmend restriktiven Deutungen zu eigenen Handlungsspielräumen zusammenhängen. In all diesen Kontexten ist es angebracht, ähnlich wie GOFFMAN (1991, S.13) subjektive Deutungen beziehungsweise die Aktivierung bestimmter Rahmen in ihrer Einbettung in Interaktionsprozesse zu betrachten und zudem – wie im THOMAS-Theorem24) formuliert – auch die faktischen Gegebenheiten der Situation zu berücksichtigen. [17]

In einer solchen analytischen Perspektive treten subjektive Deutungsanforderungen und Problembewältigungen zwar in den Vordergrund, doch die gesellschaftliche Verfügbarkeit, Veränderung und Verschiebung von Deutungsmustern und Rahmen, die interaktiven Aspekte subjektiver Deutungen und die faktischen Gegebenheiten der jeweiligen Situation geraten nicht aus dem Blick. Insofern wählt der Ansatz einer Referenzrahmenanalyse eine recht weit gespannte Perspektive, die in der Lage ist, unterschiedliche – wenn auch nicht alle – Faktoren solcher Prozesse kollektiver und kriegerischer Gewalt im Blick zu behalten. [18]

Das Erkenntnisinteresse der folgenden interpretativen Analyse von Kriegsbriefen aus dem Vietnamkrieg verortet sich innerhalb des Rahmens der hier skizzierten Ansätze. Es zielt darauf ab, aus der Analyse dieses spezifischen Datenmaterials Einsichten zu gewinnen, die zu einem tieferen und umfassenderen Verständnis des Stellenwerts subjektiver Wahrnehmungen und Deutungen in kriegerischen Konflikten beitragen. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die Wahrnehmungen und Deutungen der Subjekte, deren Varianz, Modifikationen und Konsequenzen. Situative Gegebenheiten werden insbesondere anhand der Briefe von Mike RANSOM erkennbar. Interaktionen und gesellschaftliche Deutungsmuster kommen mittelbar in den Blick, während andere Faktoren wie beispielsweise umfassendere ökonomische und politische Zusammenhänge des Krieges über das Briefmaterial nicht sinnvoll erschlossen werden können. Letztere Zusammenhänge bleiben anderen Studien zu entnehmen. [19]

4. Zur Methode der Analyse

Das Datenmaterial für diese Untersuchung liefern Kriegsbriefe von an Kampfhandlungen beteiligten US-amerikanischen männlichen Soldaten aus dem Vietnamkrieg. Entnommen werden konnten diese Briefe aus bereits veröffentlichten Briefsammlungen (ADLER 1967; CARROLL 2002; EDELMAN 1985; RANSOM 1968). Für vergleichende Analysen wurde zudem entsprechendes Material aus dem Koreakrieg und dem Zweiten Weltkrieg (STEVENS 1992; CARROLL 2002) herangezogen. Da es sich in allen Fällen um bereits veröffentlichte Briefe handelt, deren Autoren dort namentlich genannt sind, werden ihre Namen auch in diesem Beitrag nicht anonymisiert. [20]

Die grundlegende Fragestellung nach Wahrnehmungen, Erfahrungen und Deutungen des Krieges durch Soldaten wie auch die Wahl des Vietnamkriegs als vorwiegend zu untersuchendem Gegenstand ergab sich aus dem Kontext der Einbettung dieser Untersuchung in ein größeres Forschungsvorhaben zu "Referenzrahmen des Krieges".25) Da es sich allerdings um eine ergänzende und kleinere Studie handelt, die mit dem spezifischen Datenmaterial der Kriegsbriefe arbeitet, konnte hier ein eigenständiges und zu den explorativen Zielen passendes Forschungsdesign gewählt werden. [21]

Zunächst wurde die allgemeine Forschungsperspektive also durch eine leitende Fragestellung nach Wahrnehmungen, Erfahrungen und Deutungen des Krieges bestimmt. Der Abschnitt 3 dieses Beitrags versuchte, diese Fragestellung zum Stellenwert von subjektiven Wahrnehmungen und Deutungen in kriegerischen Konflikten anhand einiger Begriffe und Perspektiven aus der sozialwissenschaftlichen Tradition und aktueller Forschung zu begründen und näher zu erläutern. In Anlehnung an die Grounded-Theory-Methodologie kann das dort Formulierte als bestehende allgemeine Theorie (STRAUSS 1998, S.304f., 359; STRAUSS & CORBIN 1994, S.274) bezeichnet werden. Zumindest in weiten Teilen beruhen diese Arbeiten auch auf qualitativen empirischen Studien. [22]

Die interpretative Analyse des hier gewählten spezifischen Datenmaterials, der Kriegsbriefe, zielte nun jedoch auf das Herausarbeiten von Formen, Varianzen, Kategorien und Perspektiven aus diesem Material selbst heraus. Gewisse Vorverständnisse, die in diesen Interpretationsprozess teils unvermeidlich einfließen, teils eingeklammert werden können, wurden dabei nicht geleugnet, sondern im Sinne der Darstellung in Abschnitt 3 vergegenwärtigt – nicht zuletzt, um in späteren Schritten auch vor diesem Hintergrund neue Perspektiven gewinnen zu können. Im Sinne der Grounded-Theory-Methodologie, an der sich das gewählte Vorgehen in einer forschungspragmatischen Weise (STRAUSS 1998, z.B. S.32) orientiert, ging es so um Beiträge zur Entwicklung von Theorie, die auf einer gegenstandsnahen Ebene angesiedelt sind. Diese Anfänge von Theoriebildung können in weiteren Schritten – dem Prinzip beständigen Vergleichens (STRAUSS & CORBIN 1994, S.273f.) folgend – elaboriert werden.26) [23]

Im Zuge der Analyse wurden alle für die leitende Fragestellung relevanten Sequenzen des nach und nach herangezogenen Datenmaterials offen kodiert. Der Auswertungsprozess begann mit den in EDELMAN (1985) veröffentlichten Kriegsbriefen US-amerikanischer Soldaten aus Vietnam. Fortgesetzt wurde er mit den Briefen aus ADLER (1967) und CARROLL (2002), zwei weiteren Briefsammlungen, die eine Möglichkeit boten, eventuelle Einseitigkeiten der Auswahl von EDELMAN (1985) zu erkennen und zu ergänzen. Die sich bereits in den Briefauszügen bei Letzterem abzeichnende Komplexität des Materials von RANSOM (1968) legte nahe, nach dieser Briefsammlung zu recherchieren und sie im Zuge einer schwerpunktmäßig bearbeiteten Fallanalyse in die interpretative Analyse einzubeziehen. Schließlich richtete sich der Blick auf Briefe aus zwei vergleichend herangezogenen Kriegskontexten, dem Koreakrieg und dem Zweiten Weltkrieg (STEVENS 1992; CARROLL 2002). [24]

Die Entwicklung der fortlaufend generierten und überarbeiteten Codes war neben dem leitenden Erkenntnisinteresse an Formen des Wahrnehmens und Deutens des Krieges unter anderem durch Fragen nach deren Bedingungen, Konsequenzen sowie deren Zusammenhang mit Interaktionen und subjektiven Strategien27) orientiert. In weiteren interpretativen Schritten entstanden – verknüpft mit der weiteren Ausarbeitung von Memos – übergreifende wie auch einzelne Subdimensionen erfassende Kategorien und analytische Perspektiven. Technisch unterstützt durch qualitative Datenanalyse-Software (MAXQDA) ergab sich auf diesem Wege eine strukturierte Übersicht über die hinsichtlich der gegebenen Fragestellung relevanten Aspekte der Kriegsbriefe aus dem Vietnam-, dem Korea- und dem Zweiten Weltkrieg. Wesentliche Hauptkategorien der Kodierung lauteten: "Selbst- und Fremdbilder", "Kriegserfahrung und -situation", "Weltbilder", "Kontext Politik und Öffentlichkeit der USA", "Familie, Freunde, Verwandtschaft", "Individuelle Strategien", "bleibende Kriegseindrücke", "Motivation zu Kampf- und Kriegseinsatz". Daneben konnten weitere Kategorien formuliert werden, die analytisch bereits etwas tiefer reichen: "Sinn des Krieges", "Reflexion von Kampferfahrung" – wozu auch "Thematisierung von Rache" zählt, die sich schließlich als eine Schlüsselkategorie erwiesen hat –, "Deutungen des US-Militärs" oder "Verhältnisse und Verschiebungen von Rahmen beziehungsweise Horizonten" zählen zu diesen Kategorien, in denen das theoriegenerierende Anliegen der Grounded-Theory-Methodologie bereits deutlicher zum Ausdruck kommt. Die Verwendung des Begriffs des "Rahmens" (auch "Deutungs-" und "Referenzrahmen"), die dann auch in der weiteren Interpretation Anwendung fand (Abschnitt 6) begründet sich insofern, obwohl sie selbstverständlich tief in die sozialwissenschaftliche Theorietradition eingewoben ist, zugleich aus dem Datenmaterial heraus. Der Begriff wurde also nicht exmanent gewählt und dann auf die Daten angewandt, sondern vielmehr aus den Daten begründet. Daher spreche ich hier auch in der Regel einfach von "Rahmen" und nicht spezifischer von "Deutungsrahmen" oder "Referenzrahmen". Dieser aus dem Material begründete und noch etwas vage Begriff des "Rahmens" ist anschlussfähig sowohl für weitere Forschungsarbeiten im Sinne der Grounded-Theory-Methodologie wie auch hinsichtlich bereits vorliegender spezifischerer Konzeptionen des Rahmenbegriffes wie etwa bei GOFFMAN (1980, S.15f., 19) oder WELZERs (2007) Referenzrahmen. [25]

Für eine weitere Entfaltung und Erläuterung insbesondere dieser letzteren Kategorien und der Dynamiken, die sich innerhalb der entsprechenden Daten abzeichneten sowie der hierfür wiederum relevanten Bedingungen oder Interaktionen empfahl sich eine eingehendere Fallanalyse28) der Briefe RANSOMs, da diese zur Generierung dieser Kategorien bereits beigetragen hatten und ein sehr dichtes sowie facettenreiches Datenmaterial bieten, das zudem eine prozessorientierte Analyse erlaubt. Ihre Auswahl könnte daher als ein erster Schritt eines "echten", von einer analytischen Basis ausgehenden, Theoretical Samplings bezeichnet werden, das dann um weitere aus dem Prozess des Theoriegenerierens begründete Fallauswahlen zu ergänzen wäre. Aufgrund der eher kurzen Dauer des Forschungsprojektes zu Kriegsbriefen war dies allerdings in dessen Rahmen nicht möglich. [26]

Dennoch liegen auf Grundlage der bisher geleisteten Forschungsarbeit und der in diesem Aufsatz im Folgenden schwerpunktmäßig präsentierten Fallanalyse bereits einige relevante Ergebnisse vor, die dieser Beitrag vermitteln möchte. Selbstverständlich können sie auch im Sinne der Grounded-Theory-Methodologie als Einladung verstanden werden, die Forschung in diesem Gegenstandsbereich durch die vergleichende Analyse weiterer Kriegsbriefe und Fälle fortzusetzen. Die folgende Beschreibung und Analyse eines Falles, die im Kontext eines breiteren empirischen Forschungsprozesses entstanden ist, dient somit einer Reihe von Zielen. Neben der Darstellung von Momenten einer Gewaltdynamik, die hypothesenhaft aus den Daten herausgearbeitet werden konnten, soll sie unter anderem auch zeigen, wie sich Kriegsbriefe für qualitative Analysen innerhalb der inter- beziehungsweise multidisziplinären Forschung zur Ausübung und Erfahrung von Kriegsgewalt durch Militärangehörige anbieten. [27]

5. Fallstudie: Mike RANSOMs Briefe aus Vietnam

5.1 Mike RANSOM29)

Die von Robert C. (genannt Mike) RANSOM aus dem Vietnamkrieg geschriebenen Briefe entstanden in der Zeit von März bis Mai 1968. Der junge Soldat stammte aus Bronxville bei New York, wo er 1944 geboren wurde und auch aufwuchs. Sein Vater, der zur Zeit von Mikes Geburt Kriegsdienst in Übersee geleistet hatte, war Jurist bei IBM. Seine Mutter hatte am angesehenen Vassar College studiert und wurde als Mutter von sechs Kindern Hausfrau. Als Heranwachsender engagierte sich RANSOM in der Jugendorganisation der Reformierten Kirche.30) Nach der Schule schloss er ein Studium am Colby College ab und trat in den Dienst einer Bank. Als er 1966 einberufen wurde, entschied er sich für eine Offizierslaufbahn in der Armee und erhielt im Juli 1967 den Rang eines 2nd Lieutenants. Am 8. März 1968 kam er nach Vietnam, wo er als Offizier Führer eines Zuges ("Platoon") mit anfangs 43 Soldaten der im Norden Südvietnams eingesetzten Americal Division wurde.31) Im April erlitt er bei einer Minenexplosion – es war diejenige, die er in den eingangs dieses Aufsatzes zitierten Briefzeilen erwähnt – eine leichte Verwundung. Eine weitere Minenexplosion am 3. Mai verletzte RANSOM so schwer, dass er am 11.5.1968 im Alter von 23 Jahren an ihren Folgen starb. [28]

RANSOMs Briefe und sein Schicksal, das in vielem demjenigen tausender anderer junger US-Soldaten in Vietnam gleicht, blieben in der US-amerikanischen Öffentlichkeit nicht ganz unbekannt. Bereits bei seiner Beerdigung, die von kriegskritischen Tönen geprägt war, wurden Teile seiner Briefe verlesen. Zweieinhalb Monate nach seinem Tod erschienen ausführliche Briefauszüge in der Zeitschrift "New Yorker" in einem Artikel des Journalisten Jonathan SCHELL (1968)32), und noch im gleichen Jahr veröffentliche sie seine Mutter Louise, die wie sein Vater zu einer wichtigen Person in der Anti-Vietnamkriegsbewegung wurde, in einem kleinen Buch (RANSOM 1968). Myra MacPHERSON (1984) ging in den 1980er Jahren in einem Kapitel ausführlich auf die Briefe und das Engagement der RANSOM-Eltern gegen den Krieg ein.33) Vor allem jedoch fanden die meisten seiner Briefe Eingang in die erfolgreiche, von Bernard EDELMAN (1985) herausgegebene Sammlung von Kriegsbriefen aus Vietnam, die sogar verfilmt wurde.34) Auszüge seiner Briefe stehen neben denen aus Briefen vieler anderer Soldaten auf dem New York Vietnam Veterans Memorial, dessen Konzeption die genannte Sammlung und Auswertung von Kriegsbriefen durch EDELMAN einschloss. Auch aufgrund dieser gewissen Prominenz von RANSOMs Briefen sollte vielleicht betont werden, dass es im Folgenden nicht so sehr um die Präsentation einer Quelle geht, sondern vielmehr um die sorgfältige Interpretation dieser Quelle im Rahmen einer Fallstudie, die nach Hinweisen zur Aussagekraft von Kriegsbriefen und zu Gewaltdynamiken sucht. Obwohl die Briefe von Mike RANSOM aus einer relativ kurzen Phase stammen, sind sie unter anderem aufgrund des in ihnen vermittelten genauen Bildes ihres jeweiligen Erfahrungshintergrundes gerade hinsichtlich solcher Dynamiken äußerst aufschlussreich. [29]

5.2 Kriegssituation in Vietnam 1968

Als Mike RANSOM 1968 nach Vietnam kam, befand sich der dortige Krieg in einer Phase der Eskalation und zugleich einsetzender Demoralisierung der US-amerikanischen Soldaten (MOSKOS 1975, S.25). Nachdem seit 1965 das amerikanische Engagement in Südvietnam in der Hoffnung, einen Sieg gegen den von Nordvietnam unterstützten Vietcong zu erzielen, stark ausgeweitet worden war, hatte die Tet-Offensive vom Frühjahr 1968 gezeigt, dass dieses Ziel noch lange nicht erreicht oder sogar überhaupt nicht zu erreichen sein würde. Im Zusammenhang mit Schwierigkeiten der amerikanischen Kriegsführung reaktivierte General WESTMORELAND im September 1967 die Americal Division, die aus verschiedenen Truppen der Armee, so der 11. Infantry Brigade, zu der auch RANSOM zählte, und der Marines zusammengesetzt wurde, für den Einsatz im Norden Südvietnams. Die Kriegssituation in dieser Region und zu dieser Zeit war geprägt durch einen für die US-Amerikaner unsichtbar bleibenden Gegner, Minen und Sprengfallen wie auch durch die überstürzte Zusammenstellung von Einheiten zur Americal Division und eine unzureichende Ausbildung dieser Division. All diese Aspekte sind später ausführlich untersucht und beschrieben worden. Ermöglicht wurde dies vor allem durch die im Zuge der erst langsam und unter öffentlichem Druck zustande gekommenen Untersuchungen der Geschehnisse von "My Lai". Eine militärische Kommission, die Peers Commission (LESTER 1996),35) untersuchte von November 1969 bis März 1970 mit großem Aufwand dieses Massaker, das am 16.3.1968 in dem vom US-Militär "My Lai (4)" genannten Ort von Soldaten der "Charlie" Company (1. Battalion, 20. Infantry) begangen worden war. Ihre Untersuchungsberichte und die sie ergänzenden Recherchen ermöglichten in der Folge sehr detaillierte und weiterführende Darstellungen und Analysen des Massakers und seiner Kontexte (OLSON & ROBERTS 1998; GREINER 2007). [30]

Mike RANSOMs Briefe stammen genau aus dieser Situation und können insofern zum einen als Illustration und Stimmungsbild gelesen werden. Zum anderen ermöglichen sie ein tieferes Verständnis des Erfahrens und Deutens einer Situation, in der Eskalationen der Gewaltausübung möglich wurden und verbreitet waren, doch in der Regel durch gemeinsames Schweigen und laxe militärische Nachforschungen verborgen blieben (GREINER 2007, S.357-438). Briefe eröffneten hier unter anderem auch eine Möglichkeit, solche Dinge dennoch in einen privaten oder gar öffentlichen Kreis zu kommunizieren. [31]

5.3 Aspekte der Briefe Mike RANSOMs ohne engen Zusammenhang mit Kriegswahrnehmungen und -deutungen

Thematisch bieten die insgesamt neun Kriegsbriefe – die Mike RANSOM an seine Eltern und in einem Falle an seine Freundin richtete – vieles, das in anderen Briefen aus Vietnam36) ganz ähnlich thematisiert wird. Es geht um Mitteilungen der eigenen Befindlichkeit, Bestätigungen erhaltener Post und Angaben zu aktuellen Aufenthaltsorten, Vorkommnissen und Erlebnissen. So berichtet RANSOM über seine Ankunft in Vietnam und die mit seiner Zuordnung zur Americal Division vollzogene Trennung von seiner Ausbildungsgruppe. Mehrere Briefe enthalten Eindrücke des Landes, in dem er sich nicht so frei bewegen kann, wie er dies gerne getan hätte, der klimatischen Umstände und der vietnamesischen Bevölkerung. Die beste jemals erhaltene eigene Sonnenbräune wie auch die Vermutung, dass nach einem Waffenstillstand, "when this idiocy is finished" (RANSOM 1968, S.22), die verbleibenden US-Militärbasen in Vietnam ob der Schönheit des Landes sicherlich beliebte Dienstorte werden würden, bilden einen weiteren Gegenstand. Zu solchen eher touristischen Perspektiven zählen auch Hinweise auf eine unterwegs günstig erstandene, gute Kamera, mit der RANSOM zahlreiche Aufnahmen macht, deren Betrachtung er kaum erwarten kann.37) [32]

5.4 Fallanalyse von Wahrnehmungen und Deutungen des Krieges

Die folgende Falldarstellung analysiert die hinsichtlich der Wahrnehmungen und Deutungen des Krieges relevanten Sequenzen aus den Briefen Mike RANSOMS chronologisch und in ihrem jeweiligen Kontext. Hierdurch werden neben der Varianz seiner verschiedenen Wahrnehmungen und Deutungen zugleich deren Veränderungen und Bedingungen solcher Veränderungen erkennbar. [33]

RANSOMs erster Brief aus Vietnam verbindet die Mitteilung über seine Neuzuordnung zur Americal Division, von der er erst bei Ankunft in Vietnam ganz überraschend erfahren habe, sogleich mit einer Einschätzung zu deren – im Norden Südvietnams liegenden – Einsatzgebiet, das allerdings "not as good looking as that of 1st. Cav." (S.5) sei, der er ursprünglich zugewiesen worden war. Weshalb aus dem Kreis der mit ihm gemeinsam Ausgebildeten er allein zu der seit einigen Monaten in Aufbau befindlichen Americal Division kam, bleibt ihm unerklärlich, doch sei es üblich, dass sich diese Zuordnungen bei Ankunft in Vietnam ändern. Gleichwohl bedauert er die Trennung von der Gruppe, die zuletzt in der Ausbildung zusammen war, und von einem Freund, mit dem er bis dahin die gesamte Militärlaufbahn gemeinsam absolviert hatte. Zum bei seiner Ankunft aus der Ferne vernehmbaren Waffeneinsatz schreibt RANSOM, er sei "scared" (1968, S.6), allerdings eher vor dem Ungewissen, das auf ihn zukomme, als vor Geschossen. Zugleich beteuert er – offenbar gleichermaßen an die Eltern wie ihn selbst gerichtet –, während des kommenden Jahres sicherlich vieles lernen zu können. [34]

Der folgende Brief berichtet von der Ankunft bei der Americal Division in Chu Lai und dem dort erhaltenen "incountry training", allerdings auch von Bemühungen, über einen Bekannten eine ganz andere Aufgabe in "Pacification efforts" zu erhalten. Der Grund hierfür sei seine zunehmende Angst vor der nahenden Aufgabe als Zugführer. Dies sei daher sein "last ditch effort to avoid it" (S.9) – RANSOM geht also nicht voller Begeisterung in diesen Kampfeinsatz, sondern mit Zweifeln und letzten Bemühungen, doch noch eine andere Aufgabe zu erhalten. [35]

Aus einem mehrtägigen "inoffiziellen Erholungsurlaub" in der Stadt "Qui Nhon (pronounced Guin Yon)" (S.10), der durch das Aufsuchen eines Optikers ermöglicht wurde, stammt der folgende Brief. RANSOM ist unglücklich, dass diese Stadt nach der Tet-Offensive off limits für Angehörige des US-Militärs bleibt. Das die Stadt durchziehende lebhafte und für ihn offenbar reizvolle Marktgeschehen kann er daher nur aus den Militärfahrzeugen heraus wahrnehmen. Sein Brief, dessen Knappheit er bedauert, erwähnt daher vor allem militärische Aspekte: die Sicherung der Stadt durch die südkoreanischen Verbündeten, außerhalb liegende Flüchtlingslager und hier angesiedelte Krankenhäuser für Kriegsgefangene. [36]

Inhaltlich wesentlich dichter ist der Brief vom 27.3.1968, der mit einer gewissen Erleichterung die endgültig vollzogene Zuordnung zu einer Einheit – und damit auch eine feste Postanschrift – mitteilt. Auch hier geht es umgehend um eine Bewertung des nun feststehenden genaueren Einsatzgebietes. Es sei

"quite a good one. There is almost no contact with Charlie38) and what little there is rarely turns into much of a fight because he runs away. The principal danger here is from mines and booby traps which account for about 75% of all casualties. The enemy here is mostly VC [Vietcong] guerrillas, with a few hardcore VC. To my knowledge there has been no contact at all with the North Vietnamese" (S.11). [37]

Hierauf folgt eine recht komplexe Einschätzung der Kriegssituation, in die RANSOM Einstellungen innerhalb der US-Truppen, die Informationslage wie auch eine Würdigung des Gegners einbezieht. [38]

Die Soldaten, denen er bis dahin in Vietnam begegnet sei, hätten meist nur wenig patriotische Gefühle für den Krieg gezeigt. Selbstverständlich gebe es diejenigen, die das Töten anderer Personen errege, z.B. habe ihm ein Lieutenant erzählt, wie er mit seinem Maschinengewehr einen gook39) 100 Yards den Strand herunter gerollt habe. Doch die meisten gewännen ihre Motivation ("enthusiasm") aus zwei ganz anderen Gründen: der Überlegung, "wenn ich nicht schieße, erschießt er vielleicht mich" oder aus Rache, denn wer einen guten Freund in einer Sprengfalle zerfetzen sehe, wolle in ähnlicher Weise Vergeltung üben (S.12). – Dies ist ein erster Hinweis in RANSOMs Briefen auf die Bedeutung des Rachemotives für das Kampfgeschehen. Zudem weist die Rede des "Schießens, um nicht erschossen zu werden" auf die weite Verbreitung dieser Legitimationsformel für das Töten im Kriege hin. [39]

Allgemeine politische Zielsetzungen des US-Einsatzes bleiben in dieser Erörterung RANSOMs gänzlich unangesprochen. Stattdessen würdigt er ausführlich den der US-amerikanischen Übermacht widerstehenden Gegner:

"I am extremely impressed by almost every report I've heard about the enemy I am about to go and fight. He is a master of guerrilla warfare and is holding his own rather nicely with what should be the strongest military power in the world. But it is mostly his perserverance (sp?) [sic] that amazes me. He works so hard and has been doing so for so long. You've heard of his tunnelling capability? A captured VC said that in coming from N. Vietnam down to Saigon, he walked over 200 miles completely underground. Anyone who would dig a 200 mile tunnel and who would still do it after being at war for some 30 years must be right!" (S.12) [40]

Zu seiner eigenen Information in Vietnam, so schreibt RANSOM, lese er die Truppenzeitschrift "Stars and Stripes" und höre American Forces Vietnam Network (AFVN). Gleichwohl beklagt er Informationsdefizite und bittet die Eltern, ihm die "Newsweek" zu abonnieren. Im gleichen Zuge stellt er einige Fragen hinsichtlich des kommenden demokratischen Präsidentschaftskandidaten bei den Wahlen im Herbst 1968 oder zur Tätigkeit des US-Generals WESTMORELAND. [41]

Von seinem ersten Kampfeinsatz, bei dem er allerdings weder selbst geschossen habe noch unter Feuer geraten sei, berichtet ein Brief von Anfang April. Es habe sich um einen "extremely well executed" (S.13) Einsatz gehandelt, der darauf abzielte zu verhindern, dass die lokale Reisernte in die Hände des Vietcong falle, und mit einem getöteten Vietcong, sechs Gefangenen und drei gefundenen Waffen abgeschlossen wurde. Solche Einsätze würden den Vietcong am meisten schwächen. "It was basically a simple school problem, but for me, since it was really the first operation I had been on, it was quite exciting" (S.13). Die Hauptgefahr für sie, so schreibt er weiter, läge jedoch in den Minen und Sprengfallen, "these booby traps are so well hidden, that no matter how good you are, they'll get you" (a.a.O.). Er unterstreicht dies mit einer Aufzählung der von zwei anderen Zügen erlittenen Verluste. Gleich darauf geht er zu politischen Fragen über und äußert sich lobend zu Präsident JOHNSONs Ansprache vom 31.3.1968, dessen Verzicht auf eine Kandidatur bei den kommenden Wahlen er bedauert, da seine Wiederwahl einen Weg zur Beendigung des Krieges hätte öffnen können. Dennoch endet der Brief mit positiven Tönen: Die Personen, die für ihn im Dienst am wichtigsten seien, der Company Commander und sein Platoon Sergeant, seien wirklich gute Leute. [42]

Es folgt ein Brief, der auf das erste Schreiben der Eltern nach Vietnam und die diesem beiliegenden entwickelten Fotografien reagiert. "I can't tell you how great it is to be back in touch with you again" (S.15), beschreibt er den Effekt dieses elterlichen Briefes, aus dem er unter anderem das Thema "Information" weiter aufgreift. In Vietnam habe fast jeder GI40) ein Transistorradio, um AFVN zu hören, das als Programm "terrible" und in der Tat immer die gleiche Soße spiele, "to appeal to the same mid-western anticommunist you mention in your letter" (S.15). Gleichwohl sende es stündlich einigermaßen unzensierte Nachrichten, die ihn zusammen mit den zweimal die Woche erscheinenden "Stars and Stripes", zumindest was die Schlagzeilen betreffe, auf dem Laufenden halten würden. Wieder kommt RANSOM auf seine mit Lyndon B. JOHNSONs Wirken verbundene Hoffnung auf eine rasche Beendigung des Krieges, dieser "foolishness over here" (a.a.O.), zu sprechen.

"There is not a man over here that wants to see this war go on any longer. This is not to say that anybody shrinks from doing a job. But everyone is as confused as I as to exactly what, if anything, we're accomplishing and wants the war over ASAP41)" (a.a.O.). [43]

Deutlich spricht RANSOM hier also eine Kluft an zwischen der offenbar weiterhin als Selbstverständlichkeit angesehenen Diensterfüllung, dem "doing a job", und der Schwierigkeit, wenn nicht Unmöglichkeit, dem Engagement in Vietnam einen umfassenderen Sinn zuzuordnen. Dies kann allerdings auch weniger als Kluft, sondern vielmehr im Sinne von zwei alternativen, also nicht grundsätzlich gegensätzlichen, aber unterschiedlich komplexen Rahmungen des Kriegsgeschehens verstanden werden, die in verschiedenen Situationen zur Deutung herangezogen werden können: Einerseits kann der aktuelle Krieg dann in einem weiter gespannten politischen Rahmen verstanden werden, aus dem heraus er auch zu legitimieren und in seinen Zielen zu begreifen wäre, andererseits in einem enger gefassten Rahmen rein militärischen Handelns, in dem es Soldaten offenbar möglich ist, trotz ihrer Konfusion hinsichtlich des weiteren Rahmens ihren "job" zu tun oder "extremely well executed" (S.13) Operationen der eigenen Seite anzuerkennen. [44]

In diesem Brief folgt darauf ein Bericht zum ersten Mann, den das Platoon unter seiner Leitung verloren hat. Aus Versehen erschoss einer seiner Männer während eines nächtlichen Einsatzes einen anderen, den er fälschlich für einen "dink" (S.16) hielt: "Of course it really tears me up to lose a man, especially like that, but I must not show any emotion over it. I've got to press on, keep doing my job. Even among my men this is universal" (a.a.O.). Die Tragik dieses Ereignisses stellt also – zusätzlich zur Konfusion hinsichtlich der Kriegsziele – ein weiteres Problem und eine große Belastung dar. Begegnet wird dem mit einer klaren Orientierung an der weiteren Erfüllung der Dienstaufgaben, der die persönlichen Gefühle unterzuordnen bleiben. Dominant bleibt somit der militärische Rahmen, auch wenn RANSOM die Passage zu diesem Vorfall mit dem Satz "War Is Hell!" (a.a.O.) beendet. [45]

Im Folgenden geht es dann um die Schwierigkeit, ja eigentlich Unmöglichkeit, "good guys" und "bad guys" unter den Vietnamesen zu unterscheiden. Dies anhand der an die ansässige Bevölkerung ausgegebenen Ausweise zu tun, werde durch Ausweisfälschungen unterlaufen. Auch Freundlichkeit im Umgang mit Amerikanern liefere keine Hinweise, denn

"more than once we have captured or killed people with weapons whom we recognized as one of those smiling faces we had picked up and released earlier. It's maddening because we know damn well that they're dinks but we can't do anything to them until we catch them with a weapon or actually shooting at us" (S.17). [46]

Der Beschreibung einiger Begriffe des "pidgin Vietnamese English" folgt zum Abschluss der Blick auf eine Facette der vietnamesischen Ökonomie: US-Soldaten in den US-Basen verkaufen Softdrinks an vietnamesische Händler, über Zwischenhändler kommen diese so in die kleinen Dörfer, wo sie dann von den GIs im Felde, die keine Verkaufsstellen des Militärs in der Nähe haben, zu exorbitanten Preisen erstanden würden. – Implizit transportiert diese Erläuterung, die RANSOM ob der Kürze seines Aufenthaltes kaum selbst ergründet, sondern wohl nur kommunikativ erfahren haben kann, den Topos der in einer misslichen und benachteiligten Lage befindlichen GIs im Kampfeinsatz, der komfortablere Lagen anderer, in unterstützenden und verwaltenden Funktionen tätiger Soldaten gegenüberstehen. Das "wir", das RANSOM in dieser Beschreibung der Unmöglichkeit, feindliche von freundlichen Vietnames/innen zu unterscheiden, nutzt, kann zudem noch nicht auf gemeinsamen Erfahrungen der Gruppe beruhen, an denen er selbst beteiligt war. Vielmehr ist es ein "wir", mittels dessen er sich von den anderen Mitgliedern dieser Gruppe geteilte Erfahrungen aneignet. In diesem Sinne zeugt es von entstehendem Zugehörigkeitsgefühl zu einer bereits bestehenden Gruppe gemeinsam kämpfender Soldaten. [47]

Die beiden folgenden Briefe sind vom Eindruck der eingangs erwähnten Minenexplosion geprägt. "Well, I've had my baptism by fire and it's changed me I think" (S.18), so beginnt das an die Eltern gerichtete Schreiben, das unmittelbar zu einer genauen Schilderung des Vorfalls übergeht: Nachdem RANSOMs Zug einen Tag lang vergebens Felder mit Fahrzeugen nach Antipersonenminen abgesucht hatte, sprang bei der Rückkehr zum Platz, an dem sie bereits zuvor gelagert hatten, einer seiner Männer vom Fahrzeug ab und traf dabei direkt auf eine Mine.

"Both his feet were blown off, both legs were torn to shreds; his entire groin area was completely blown away. It was the most horrible sight I've ever seen. Fortunately he never knew what hit him. I tried to revive him with mouth-to-mouth resuscitation but it was hopeless to begin with" (a.a.O.). [48]

Sieben weitere Soldaten wurden bei der Explosion verwundet, und RANSOM zählte selbst zu den drei durch Splitter leicht verletzten Personen. Seine eigene Reaktion auf diesen Vorfall erscheint ihm selbst – zumindest in der Übernahme der Perspektive seiner Eltern – unerwartet. Er schreibt:

"Believe it or not, I am extremely anxious to get back to platoon. Having been through this, I am now a bonafide member of the platoon. They have always followed my orders but I was an outsider. Now I'm a member of the team and it feels good" (S.19).42) [49]

Die Gemeinschaft seines Platoons, in das er ja trotz seiner Funktion als Zugführer ohne Kriegs- und Vietnamerfahrung neu hineingekommen war, stellt also einen weiteren wichtigen Rahmen für Situationsdeutungen dar. [50]

RANSOM informiert seine Eltern zugleich, dass diese womöglich eine Nachricht über das Verwundetenabzeichen, das Purple Heart, erhalten würden, das ihm nun verliehen werde. Neben den Effekten der Verwundung für seine Position innerhalb seines Platoons und seinem Wunsch der Rückkehr in die Truppe thematisiert RANSOM die Verwundung darauf noch in einer weiteren Weise. Sie sei ein Schritt zu einer eventuellen raschen Rückkehr aus dem Krieg, die bei einer zweiten Verwundung möglich werde.

"People over here talk about the Million Dollar Wound. It is one which is serious enough to warrant evacuation to the States but which will heal entirely. Therefore you might call mine a half-million dollar wound. My RTO43) who was on my track, sitting right next to me, caught a piece of shrapnel in his tail and since he had caught a piece in his arm about 2 months ago, he'll get out of the field with wounds about as serious as a couple of mosquito bites" (a.a.O.). [51]

Dieses Gedankenspiel thematisiert sicherlich eine andere Perspektive als diejenige der zuvor angesprochenen vollen Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, allerdings greift es mit dem Begriff der "Million Dollar Wound" eine unter den Soldaten selbst zirkulierende Vorstellung eines glücklichen raschen Auswegs aus dem Krieg auf. [52]

Nach diesem Gedankenspiel kehrt RANSOMs Brief zur eingangs formulierten Vermutung, die Erfahrung der Minenexplosion habe ihn verändert, zurück. "I am now filled with both respect and hate for the VC and the Vietnamese" (S.20). Sein Respekt gelte dem hinsichtlich seiner Mittel unterlegenen Gegner, der es dennoch schaffe, ihnen mittels seiner Minen und Sprengfallen schwere Verluste zuzufügen, noch dazu, ohne dass sie überhaupt einmal einen "single verified dink" (S.20) gesehen hätten oder einen Schuss auf den Gegner hätten abgeben können. Diese Aussage ähnelt derjenigen aus seinem früheren Brief, in der er bereits seine Achtung vor der Ausdauer des Vietcong formulierte. Neu in der Thematik seiner Briefe ist allerdings der auf der Grundlage des Minenvorfalls formulierte Hass auf Vietnamesen:

"I've developed hate for the Vietnamese because they come around selling cokes and beer to us and then run back and tell the VC how many we are, where our positions are, and where the leaders position themselves. In the place where we got hit, we discovered 4 other mines, all of them placed in the spots where I, my platoon sergeant, and two squad leaders had been sitting. I talked to the Mech Platoon Leader44) who is with us and he said that as he left the area to return to his fire base, the people in the village he went through were laughing at him because they knew we had been hit. I felt like turning my machine guns on the village to kill every man, woman and child in it" (a.a.O.). [53]

Hass richtet sich in diesen Äußerungen also nicht gegen einen militärischen Gegner, der einer übermächtigen US-amerikanischen Militärmacht widersteht und isoliert von der vietnamesischen Bevölkerung betrachtet wird, sondern gegen die vietnamesische Bevölkerung, die des Gegners effektive asymmetrische Kriegsführung aktiv durch ihre Informationen und durch demonstrative Schadenfreude auch symbolisch unterstützt. Der mit der Mitteilung einer eigenen Veränderung beginnende Brief endet also mit einer drastischen Schilderung des für RANSOM offenbar ganz neuen, in den Briefen bislang in keiner Weise angedeuteten Gefühls, in diesem Dorf alle Männer, Frauen und Kinder erschießen zu wollen. Zumindest innerhalb des Rahmens seiner Kommunikation mit den Eltern ist dies eine bislang in keiner Weise erwartbare Thematisierung. Dementsprechend schließt der Brief mit den folgenden Worten: "Sorry this has been an unpleasant letter, but I'm in a rather unpleasant mood" (a.a.O.). Einen Grund dieser "unpleasant mood", des Hasses auf Vietnamesen, mag wohl darin liegen, dass seinem in der Beschreibung der Kampfsituation ausgedrückten intellektuellen Begreifen des Guerillakampfes, wie es sich in seiner Anerkennung des Gegners oder deren dargestellter Eingebundenheit in die Bevölkerung zeigt, emotional eine andere Vorstellung von Vietnamesen als neutraler, zumindest nicht direkt involvierter Gruppe gegenübersteht. [54]

Der folgende Brief an seine Freundin Susan kommt nach kurzen Ostergrüßen ebenfalls schnell – mit den bereits eingangs dieses Aufsatzes zitierten Zeilen – auf diesen Minenvorfall zu sprechen:

"You know what – this mine incident has changed me. I'm still as opposed to the war on moral & political grounds as ever. But since I am here and when I see the gory mess that mine made of my people I want revenge. I want to kill every little slant-eyed I see. I just wish to hell the VC would come out and fight. We never see them, just their damn mines and booby traps. Do you know that in the month I've been with this company we've had over 30 people killed or wounded and we haven't seen a dink or fired a single shot" (S.21). [55]

Gegenüber der Freundin, deren Teilnahme an Antikriegsaktionen RANSOM im gleichen Brief anspricht, formuliert er seine Gefühlsreaktion – allerdings nicht ohne Susan zuvor seiner andauernden moralisch und politisch begründeten Gegnerschaft gegenüber dem Krieg zu versichern – also ebenfalls in drastischer Weise, als Rachegefühle gegenüber "slant-eyed" beziehungsweise "dinks" (a.a.O.), die er töten wolle. – Zu dieser Sequenz erscheint allerdings eine weitere Interpretationsweise der Erwägung wert. Es könnte sich hier nicht nur um eine Aussage über unmittelbar selbst erfahrene Erlebnisse und Gefühle handeln, sondern zudem um eine bestätigende Mitteilung einer von beiden geteilten Vietnamkriegs-kritischen Position darüber, wie dieser Krieg US-Soldaten zu undifferenziert tötungswilligen Menschen mache. In diesem Falle wären die geschilderten eigenen Gefühle im Rahmen ihrer bisherigen gemeinsamen kritischen Betrachtungen des Krieges kodiert als ein Beispiel für das, was dieser Krieg eben aus jungen Menschen macht. Eine solche Kodierung könnte auch die inhaltlich wie formal im Rahmen der Briefe eher überraschende Verwendung der herabwürdigenden Bezeichnung für Vietnamesen als "dinks" und "little slant-eyed" erklären. Eine solche Interpretation erscheint durchaus plausibel, lässt sich anhand der Briefe allerdings auch nicht weiter stützen. – Im Brief an Susan schließt an die Darstellung der Rachegefühle sogleich die Mitteilung der Verzweiflung an, es mit einem unsichtbar bleibenden Gegner zu tun zu haben. [56]

Nach der Aussage, nun nach zwei Tagen weiterzuschreiben, folgen in diesem Brief an Susan schließlich weniger schwerwiegende Themen: RANSOM empfiehlt die Lektüre eines von ihm soeben gelesenen, schön geschriebenen Textes von Norman MAILER über einen "March for Peace" vom Herbst 1967, an dem auch Susan teilgenommen hatte. Im Weiteren schildert RANSOM seinen Alltag in Vietnam als ziemlich erbärmlich. Aufgelockert werde er nur durch kleine Freuden wie Eiscreme, "Coke", die eigentliche Schönheit des Landes und vor allem Post: "Probably the greatest morale builder of all is mail. A word from home which can sail you millions of miles away from Viet Nam" (a.a.O.) – vermutlich ist das nicht nur eine Beschreibung, sondern zugleich eine Aufforderung an die Freundin, doch bitte zu schreiben, da er, wie in einem späteren Brief erwähnt, von "Susie" noch keinen Brief erhalten hat; auf jeden Fall ist es ein weiterer Hinweis auf den großen Stellenwert der Briefkommunikation. Den Abschluss dieses Briefes bildet eine anekdotische Erzählung über eine "funny experience" am Vortrag. Bei ihrem vorübergehenden Aufenthalt in einem Dorf verschaffte ihm die freundliche Einladung seitens einer vietnamesischen Familie anstatt der in dieser Situation guten Truppenversorgung eine vietnamesische Mahlzeit, die er kurz nach einer eiligen Verabschiedung sofort wieder erbrechen musste. RANSOM rahmt diese Geschichte gleich zu Anfang mit dem Satz: "I'm sure you're familiar with orientals and the importance of face" (a.a.O.). Trotz seines Missfallens an der vietnamesischen Küche ist sein Verhältnis zu Vietnamesen – hier freilich zu einer konkreten Familie, die ihm persönlich begegnet – in dieser Anekdote also ein ganz anderes als bei den kurz zuvor mitgeteilten Rachegefühlen, die sich unterschiedslos gegen sämtliche "Schlitzäugigen" richteten. Hier ist das Verhältnis zu den Anderen durch eine vage Orientierung an deren stereotyp erfassten differenten Kulturformen und die Einhaltung von Verhaltenserwartungen bestimmt, die RANSOM den Handlungen seines Gegenübers interpretativ zuordnet. Er wendet in dieser Erzählung und vermutlich auch in der Situation selbst, von der er erzählt, also einen ganz anderen Deutungsrahmen an als im Kontext der Minenexplosion. [57]

Ein Brief von Anfang Mai 1968 – sein letzter45) – kommt aus einem weiteren Einsatz, der Sicherung einer Luftlandezone, die ihn in vietnamesische Dörfer führt. Generell sei das ein ziemlich sicherer Ort, gleichwohl teilt er den Eltern mit: "I have to tell you that ever since we hit that minefield I am nervous all the time" (S.24). Zudem habe sein Platoon statt der regulären 43 Soldaten aufgrund des Minenvorfalls und von Beurlaubungen momentan nur noch 20 Soldaten und sei daher zu schwach. Unterstrichen wird diese Gefährdungslage durch seinen Bericht von einer nächtlichen Patrouille seines Sergeants, bei der dieser gerade noch eine von einem plötzlich auftauchenden "dink" geworfene Granate zurückschleudern konnte. Für diese mutige Tat schlage er den Sergeant, der ihm in Hintergrund und Wesen ähnlich sei, weshalb er ihn sich unter anderen Umständen auch gut als Freund vorstellen könne, für einen "Silver Star" vor. Dies führt ihn dann weiter zu einer sehr positiven Einschätzung der Beziehung zu seinen Leuten, also der gemeinschaftlichen Aspekte seines Dienstes, die er nicht nur seiner beständigen Angst, sondern auch seinen Aufstiegsambitionen gegenüberstellt:

"Despite losing people and being scared all the time, I find being an Infantry Platoon leader an exhilarating, exciting, and, yes, rewarding job. I have ambitions to go higher, even in my short 2 years in the army, but I don't really want to because Platoon level is the last at which I still can have close working contact with my men. I think I've developed a pretty good relationship with my people, one in which they depend on me for leadership, but they know that I must be able to depend on them too. It's very healthy and as I say, rewarding. I am doing all the politicking I can to get a staff job, but if I do get one, I will hate to leave my men (not enough to turn it down, though!)" (S.25). [58]

Einmal mehr unterstreicht er damit den Gefallen, den er an der Erfahrung und Entwicklung von Gemeinschaftsleben findet, neben dem jedoch andere Motive, wie die Suche nach einem Weg aus dem Kampfeinsatz, bestehen bleiben. – Nach Berichten über erhaltene Post und Bitten um einige Erledigungen endet sein letzter Brief mit einem Postskriptum, in dem er sich über Politiker in Washington, inklusive Präsident JOHNSON, beklagt, die ihre "fat asses" nicht bewegen, um einer Beendigung dieser "foolishness over here" (S.26), des "damn war" (a.a.O.), gegen den er selbst ja sei, endlich durch den Beginn von Friedensgesprächen näherzukommen. [59]

5.5 Was wird in den Briefen von Mike RANSOM nicht thematisiert?

Mike RANSOMs Briefe wurden hier für eine eingehende Untersuchung ausgewählt, da sie trotz ihrer nicht sehr hohen Zahl und der kurzen Phase, aus der sie berichten, Einblicke in Wahrnehmungen und Deutungen des Krieges sowie zu deren Erfahrungshintergründen gestatten. [60]

Selbstverständlich besitzen diese Einblicksmöglichkeiten auch Grenzen, die einerseits in Themen liegen, die vermutlich in fast keinen Kriegsbriefen angesprochen werden, andererseits in solchen, die in Briefen anderer Soldaten aus Vietnam durchaus berührt werden (EDELMAN 1985; ADLER 1967, 2003; CARROLL 2002). Zu Letzteren zählen Ausführungen über das Töten, die in anderen Briefen zum Teil berichtsartig im Kontext des vom US-Militär betriebenen "body count" oder auch über Vergleiche mit dem Jagen erfolgen. Von anderen Soldaten oder selbst vollzogene, also nicht nur im Sinne von Rachegelüsten imaginierte Handlungen, die im weitesten Sinne als Verbrechen zu verstehen sind, fehlen bei RANSOM ebenfalls, ebenso Thematisierungen von Opfern unter Vietnamesen, die in manchen Briefen auf Kontakte mit Kriegswaisen, Verletzten oder Überlebenden zurückgehen. Häufigere Themen anderer Kriegsbriefe aus Vietnam sind durch Tote und Verwundete generierte Zweifel am Sinn des Krieges, andererseits Unverständnis und geradezu Hassgefühle gegenüber der Friedensbewegung in den USA. Hierzu eine gewisse Nähe besitzen Äußerungen anderer Soldaten, die bei Einschätzungen der Kriegslage ganz von der Bedrohtheit der US-amerikanischen Truppen in Vietnam ausgehen und deren Schutz in Vietnam höchste Priorität geben. Des Weiteren finden sich bei RANSOM keine Klagen über Fehler der Oberen, verkehrte Befehle, zu wenig Ausrüstung oder über Konflikte zwischen Soldatengruppen, zum Beispiel zwischen Biertrinkern und Marihuanarauchern, die in manch anderen Kriegsbriefen aus Vietnam angesprochen werden. [61]

6. Deutungsrahmen und Gewaltdynamiken

Die Fallanalyse von Mike RANSOMs Kriegsbriefen zeigt eine ganze Reihe von in seinen Briefen sehr anschaulich dargestellten Ereignissen, Erfahrungen und Reflexionen während seines kurzen Kriegsdienstes in Vietnam. Als Einzelperson bereits bestehenden Militäreinheiten zugewiesen zu werden, Einblicke in Leben und Kultur in einem anderen Land, der erste Einsatz im Feld, unmittelbares Erleben von Verwundung und Tod anderer Soldaten, eigene Verwundung, die Bedrohung durch Minen und Sprengfallen oder Schwierigkeiten, weiterhin mit Angehörigen und einer amerikanischen Öffentlichkeit kommunikativ verbunden zu bleiben – das sind typische Situationen und Erfahrungen des Kampfeinsatzes, die auch aus anderen Briefen von US-Soldaten aus Vietnam hervorgehen. [62]

Diese Kriegsbriefe eröffnen somit die Chance, neben der zeitnahen Schilderung solcher Situationen, vor allem äußerst zeitnah formulierte Deutungen dieser Situationen durch einen einzelnen Soldaten sowie dessen Aussagen zum subjektiven Erfahren des Kriegsgeschehens erschließen zu können und diese subjektiven Deutungen und Erfahrungsweisen dann als ein nicht unwesentliches Moment von Kriegs- beziehungsweise Gewaltdynamiken zu interpretieren. In dieser Nähe von Situation und deren schriftlicher Schilderung liegt zweifellos ein Vorzug der Quellengattung Kriegsbriefe, der sie etwa gegenüber den zeitlich wesentlich situationsferneren Schilderungen in Oral History oder autobiografischen Zeugnissen auszeichnet. [63]

Welchen Ertrag kann nun die Analyse der hier herangezogenen Kriegsbriefe für ein auf den Stellenwert subjektiver Deutungen blickendes allgemeineres Verständnis von Gewaltdynamiken liefern? Zur Erörterung dieser Fragestellung sollen die im Zuge der interpretativen Analyse der Kriegsbriefe entstandenen theoretischen Perspektiven weiter entfaltet werden. [64]

6.1 Rahmen der Deutung von Kriegssituationen

In einer typengenerierenden Weiterführung der interpretativen Analyse der Kriegsbriefe lassen sich einige Rahmen rekonstruieren, die in verschiedenen Situationen, mitunter auch in raschem Wechsel, zur Deutung des Geschehens im Krieg herangezogen werden. [65]

Politisch-moralische Rahmen

RANSOM stammte aus einem eher kriegskritischen Umfeld, mit dem er auch während seiner Militär- und Kriegszeit nicht brach. In seinen Briefen bekennt er sich mehrfach zu seiner moralischen und politischen Gegnerschaft zum Vietnamkrieg, dieser "foolishness". Ordnet man die Rahmen ausgehend vom aktuellen Standort der jeweils situationsdeutenden Person, so kann dies als ein im Vergleich zu den im folgenden skizzierten Rahmen recht weit gefasster Rahmen für Deutungen des Vietnamkrieges bezeichnet werden, der allgemeine politische und moralische bis hin zu religiösen Deutungen enthält. [66]

Militärische Rahmen und "doing a job"

Trotz einer solchen Kriegsgegnerschaft hat RANSOM sich in Zeiten des Krieges für eine Offizierslaufbahn entschieden. Auch die Briefe aus Vietnam stellen diese Entscheidung in keiner Weise infrage, vielmehr kann er sich durchaus einen weiteren Aufstieg im Militär vorstellen. Den militärischen Rahmen kann er also offenbar in gewisser Unabhängigkeit von dem politisch-moralischen Rahmen nutzen, der ihn zur Kritik des Militäreinsatzes in Vietnam führt.46) Diese Unabhängigkeit des militärischen Rahmens kann nicht nur seine Aufstiegsambitionen innerhalb des Militärs, sondern auch sein ganz in diesem militärischen Rahmen verbleibendes Urteil über den ersten Kampfeinsatz, an dem er teilnimmt und bei dem immerhin ein als Vietcong bezeichneter Vietnamese getötet wird, als "extremely well executed mission" (RANSOM 1968, S.13) erklären. [67]

Sehr nahe an dieser militärischen Rahmung liegt ein etwas allgemeiner gefasster, bei RANSOM eher implizit anklingender Rahmen. Er begreift das Handeln im Krieg schlicht als "job". Ähnlich den aus der alltäglichen Arbeitswelt bekannten Deutungen von Arbeitstätigkeit, in denen diese als zwar nicht gänzlich durchschaubare, doch irgendwie notwendige oder schlichtweg gegebene Tätigkeit erscheint, wird die Mitwirkung im Krieg so im Sinne eines "jobs" gedeutet, der zu erledigen ist, vielleicht sogar in einer fachlich guten Weise.47) Die jeweils mit dem Krieg verbundenen Bedeutungen entstammen dann den jeweils noch überschaubaren und in einem weiten Sinne eher technischen Aspekten des Geschehens, nicht jedoch aus dem Bereich der Gründe, Zwecke und Konsequenzen der Kriegsführung. [68]

RANSOMs allgemeine Deutungen des Gegners erfolgen offenbar ebenfalls vor allem innerhalb eines militärischen Rahmens. Seine Achtung und Anerkennung des Vietcong beziehen sich insbesondere auf dessen Leistung, einer überlegenen Militärmacht zu widerstehen. Einzig seine Deutung in einem frühen Brief, wer seit 30 Jahren widerstehe und so viele Tunnelsysteme baue "must be right" (S.12), führt die Anerkennung über den militärischen Rahmen hinaus auch in den weiter gefassten politisch-moralischen Rahmen zu Fragen der Legitimität des Kampfes des Gegners.48) [69]

Rache

Hinsichtlich einer Dynamik von Deutungen des Kriegsgeschehens erscheinen die durch Verwundung und Tod geprägten Situationen – wie RANSOM selbst reflektiert – von entscheidender Bedeutung. Während er seinen Umgang mit dem durch "friendly fire" erfolgten Tod eines ihm Unterstellten noch innerhalb eines militärischen Rahmens beschreibt ("I've got to press on, keep doing my job" [S.16]), ändert sich dieses durch das "mine incident" (S.21). Der Rahmen, innerhalb dessen der Tod des Mitsoldaten gedeutet wird, bleibt ganz auf die konkrete Gewalterfahrung beschränkt. Auch wenn diese Pläne, wie im vorliegenden Fall, mit einer vermutlich eher kompensatorischen oder gar dokumentarischen Funktion mitgeteilt werden, so bildet doch diese konkrete Gewalterfahrung allein den Rahmen für die an sie anknüpfenden eigenen Handlungsvorstellungen und -pläne der Rache und Vergeltung in gleicher Münze. In der durch einen ungreifbaren, nicht sichtbaren Gegner geprägten Kriegssituation richtet sich diese Wut dann beinahe zwangsläufig auf die der Sympathien oder Kollaboration bezichtigte Bevölkerung ("I want to kill every little slant-eyed I see" [a.a.O.]). Dieser Racheimpuls liegt jenseits des allgemeineren politisch-moralischen Rahmens, und auch mit dem militärischen Rahmen ist er nur bedingt vereinbar, nämlich nur im Sinne einer militärisch erwünschten Tötungs- und Aktionsbereitschaft, nicht jedoch in Form von sich militärischen Strategien und Kommandos entziehenden eigensinnigen Racheorientierungen oder Vergeltungshandlungen. [70]

Hier ist anzuführen, dass solche auf Rache für ganz bestimmte Ereignisse begrenzten Motive für Kampfhandeln im Vietnamkrieg wie auch in anderen Kriegen weit verbreitet, gängig und durchaus bekannt sind49) und sich auch anderen Kriegsbriefen aus Vietnam entnehmen lassen. So schreibt ein Soldat: "I lost quite a few buddies that day, and all I hope for now is the chance to get back at them and make them pay for it" (EDELMAN 1985, S.79). Mitunter transformiert sich dies in ein regelrechtes Aufrechnen, das zwar in dem engen, eigensinnigen Rahmen der Vergeltung selbst erlebter Gewalt verbleibt, doch in gewisser Weise auch mit dem militärischen Rahmen kompatibel ist oder von diesem gestützt wird, da die US-Strategie in Vietnam zumindest anfangs davon bestimmt war, durch einen hohen "body count" getöteter Gegner einen "cross-over-point" zu erreichen, ab dem es Nordvietnam nicht mehr gelänge, Verluste unter Kämpfern auszugleichen (GREINER 2007, S.76). In einem anderen Brief heißt es:

"This morning the helos from Vinh Long went out and greased 95 of the SOBs50), moving down a canal in sampans. That tally, along with the 78 (body count – 26 additional graves were found) the Navy helos (Seawolves) caught in the open last week and killed, washes away a little of the taste for revenge" (EDELMAN 1985, S.92) [71]

Rachemotive finden sich in solchen Briefen allerdings – und dies ist ein Punkt, der die Analyse verkompliziert – nicht nur als emotionaler Impuls, sondern auch als kommunikativ vermitteltes Deutungsmuster. RANSOM selbst schreibt ja bereits in seinem frühen, noch vor eigenen Kampferfahrungen übermittelten Stimmungsbild, dass Rache eines der gängigen Motive unter den in der Regel unpatriotischen Soldaten sei. Ganz ähnlich findet sich das beispielsweise bei einem anderen Soldaten, der keinen Sinn im Vietnamkrieg erkennen kann und dennoch weiterhin seinen "job" tun möchte: "The only firm reason I can find is paying with commie lives for U.S. lives" (EDELMAN 1985, S.214). Gerade dieser Punkt der Rache verweist somit auf die Schwierigkeit, es in der Analyse des empirischen Materials mit den in Wechselwirkung stehenden Ebenen von subjektiver Erfahrung einerseits und andererseits kollektiven Deutungsmustern, die ihrerseits Erfahrungen konstituieren oder zumindest prägen können, zu tun zu haben. [72]

Diese Schwierigkeit besteht zugleich in noch einem allgemeineren Sinne hinsichtlich der Formen und Inhalte des Kriegsbriefschreibens selbst. Kriegsbriefe zirkulieren in privaten Kreisen. Vorlagen und Anleitungen für das Schreiben von Kriegsbriefen waren zumindest in früheren Kriegen verbreitet (LITOFF & SMITH 1990, S.26). Im Falle des Vietnamkriegs wurde bereits im Jahre 1967 eine Sammlung von Kriegsbriefen (ADLER 1967) publiziert. Zudem zeigt auch der Umgang mit RANSOMs Briefen, dass Kriegsbriefe rasch in den öffentlichen Diskurs eingehen können. All diese Aspekte können auf die Formen und Inhalte von neu geschriebenen Kriegsbriefen einen erheblichen Einfluss ausüben, obwohl der in Abschnitt 3 erwähnte subjektive Eigensinn auch solchen uniformierenden Faktoren etwas entgegenwirken mag. [73]

Familiale Rahmen

Kommen wir zu einer weiteren Form der Rahmung von Kriegssituationen, die im folgenden Zitat eines anderen Soldaten, eines Marine, der aus Vietnam an seine Eltern schreibt, alternativ zum Rachemotiv gewählt wird:

"My morale is not the best because my best buddy was killed the day before yesterday. [...] Payback for my buddies is not the uppermost thought in my mind. My biggest goal is to return to you and Dad and Ann in June or July" (EDELMAN 1985, S.80). [74]

In diesem Falle bleibt – in den niedergeschriebenen Zeilen und damit zumindest wahrscheinlich auch in der Situation des Briefeschreibens und womöglich auch darüber hinaus – der Rahmen der privaten Welt, der Familie und Angehörigen, dominant. Rachegelüsten zu folgen, scheint mit diesem Ziel nicht einfach vereinbar.51) [75]

Gemeinschaft unter Soldaten

Ein anderer Rahmen, an den Rachmotive hingegen unmittelbar anknüpfen können, ist Gemeinschaft unter Soldaten. RANSOMs Briefe liefern für deren Bedeutung eine Reihe von Hinweisen, wenn er positive Aspekte seiner eigenen Verwundung darin erkennt, jetzt quasi zu einem vollwertigen Mitglied unter seinen Leuten initiiert worden zu sein oder den mit seinem eventuellen Aufstieg verbundenen Verlust von direktem Kontakt zu GIs beklagt. Der Stellenwert dieses Rahmens soldatischer Gemeinschaft wird sicherlich auch durch die Übernahme von Deutungen oder sogar ganzer Repertoires von Deutungen anderer Soldaten unterstrichen. [76]

6.2 Verschiebungen von Rahmen, Verengungen der Horizonte, Deprivation

Private Rahmen, Rahmen der Gemeinschaft und das Rachemotiv werden auch in Jonathan SHAYs (1998) Ausführungen zu Vietnamkriegsveteranen, die zu "Berserkern" wurden, angesprochen. Rache, so SHAY in seiner Darstellung eines solchen Falles,

"wurde zum einzigen Wertmaßstab dieses Veteranen. Für ihn galt kein anderer Wert mehr; alle früheren Beziehungen hatten ihre Bedeutung verloren. Er verfiel in den Zustand des Berserkertums, er schrieb nicht mehr nach Hause, sogar die anderen Männer in seinem Panzer waren ihm jetzt egal, soweit sie nicht als Instrument seiner Rache dienten" (1998, S.70f.). [77]

Übertragen in die Begrifflichkeit der Rahmen spricht SHAY also dynamische Verschiebungen innerhalb der Rahmungen von Soldaten an, die zu einer extremen Verengung auf dem Rachemotiv zugrunde liegende Bindungen an getötete Gemeinschaftsmitglieder führen. [78]

Eine solche Tendenz zur Anwendung von engeren Rahmen der Situationsdeutung in Kriegssituationen scheint in engem Zusammenhang mit generellen Begrenzungen des Erfahrungshorizonts von Soldaten zu stehen. Kämpfende Soldaten, so der Militärsoziologe George MOSKOS, haben eine "privatisierte Sicht des Krieges" (1968, S.207). Insofern vollziehe sich in Kriegs- und Kampfsituationen eine absolute Deprivation, eine Begrenzung des Aufmerksamkeitsfeldes der Individuen durch die unmittelbaren Lebensbedingungen und die Zuspitzung auf das Problem des Überlebens: "Wenn den Soldaten das Schicksal anderer überhaupt berührt, dann nur das derjenigen, die er persönlich in seiner eigenen Gruppe kennt" (a.a.O.). [79]

Manche Kriegsbriefe zeigen jedoch auch zumindest momentane Erweiterungen der Wahrnehmung über die engen Grenzen des Kampfgeschehens hinaus, die MOSKOS bei seinen Ausführungen über Deprivation nicht berücksichtigt. Kampfsituationen wären demnach hinsichtlich ihrer Rahmungen differenzierter zu fassen. In ihnen ist durchaus eine Abfolge verschiedener Rahmungen möglich, die von extremer Anspannung und Lebensgefahr bis zu Langeweile und einer Sehnsucht nach Realisierung sozialer oder auch sexueller Bedürfnisse reicht. [80]

Blicken wir wieder auf die Briefe von Mike RANSOM, so können wir auch in ihnen – das heißt selbst in den Briefen einer Person mit recht kritischem Blick auf den Vietnamkrieg und starkem politischen Interesse – eine solche Tendenz der Deutung der Kriegssituationen in immer enger gefassten Rahmen erkennen. In seinen mitgeteilten Reflexionen erkennt RANSOM ja sogar selbst, wie die Geschehnisse seine Deutungen verändern. Für Analysen von kollektiver Gewalt im Kriege heißt dies, dass diese Gewalt nicht hinreichend nur durch eine Analyse von allgemeinen Bedingungen und Strategien, von Befehlen und auch nicht von Deutungsmustern allein erfolgen kann, sondern zusätzlich auch die diffizilen Dynamiken zwischen Deutungen in verschiedenen Situationen und verschiedenen Deutungen unter den Beteiligten einer Situation zu berücksichtigen bleiben. Erst in dieser Perspektive können auch unterschiedliche Handlungsweisen von in einer Situation beteiligten Soldaten hinreichend verstanden und erklärt werden. [81]

Denken wir an den vermutlich bekanntesten Vorfall aus der US-amerikanischen Kriegsführung in Vietnam, das Massaker von My Lai, das sich stellvertretend für viele andere Fälle extremer Gewaltausübung betrachten lässt, so könnte eine solche an dynamischen Deutungen ansetzende Analyse nicht nur darauf hinweisen, sondern genau herausarbeiten, wie in dieser Situation unterschiedliche Deutungen zusammenflossen, dicht aufeinanderfolgten und zum Teil auch aufeinandertrafen. Zu solchen in dieser Situation möglichen und auch realisierten Deutungen beziehungsweise Rahmungen dürften unter anderem die folgenden zählen: Deutungen einer Konfrontation mit Gegnern; Deutungen im Rahmen der Vergeltung für getötete oder verwundete Mitsoldaten bei jenen Soldaten, die in einer gewöhnlichen Siedlung Männer, Frauen und Kinder erschossen 52); Deutungen der Situation als praktisch unbegrenzte sexuelle Opportunität bei den Vergewaltigern; Deutungen der Situation im Rahmen ihrer privaten Welt bei denjenigen, die es vorzogen, sich im Hintergrund zu halten und möglichst wenig involviert zu sein; Deutungen eines – zum Beispiel gemäß den auf den Taschenkarten verzeichneten Vorschriften, denen allerdings schon in der Ausbildung in der Regel wenig Bedeutung beigemessen wurde – "sauber" zu führenden Krieges bei Soldaten wie dem Piloten Hugh THOMPSON, der bei der Rettung vietnamesischer Zivilisten diese mit der Drohung von Waffeneinsatz gegen US-Soldaten schützte.53) [82]

Ein solcher dynamischer Ansatz der Analyse von Gewaltausübung in Kriegssituationen scheint auch merkwürdige Wechsel und Verschiebungen zwischen diesen Rahmen im Ablauf des Geschehens, das heißt Wechsel der Situationsdeutungen, erklären oder zumindest durch deren Rekonstruktion im wissenschaftlichen Sinne verstehen zu können. So spielten beispielsweise am Einsatz in My Lai beteiligte Soldaten in Anschluss an das eigentliche Massakergeschehen, bei dem auch eine große Anzahl Kinder getötet wurde, während der Mittagspause mit kleinen Kindern und gaben diesen Süßigkeiten (SIM & BILTON 1992, S.142).54) [83]

6.3 Kriegsbriefe und Gewaltdynamiken

Kommen wir nach der Erörterung der subjektiven Aspekte von Dynamiken kollektiver Gewalt abschließend noch einmal zurück zur Frage nach der Ergiebigkeit und dem Stellenwert der Quelle Kriegsbriefe hinsichtlich des Wahrnehmens und Deutens von Kriegsgeschehen durch Soldaten. Die hier analysierten Briefe zeigen, dass Kriegsbriefe komplexe Informationen und Aufschlüsse liefern können. Obgleich selbstverständlich nicht alle Facetten des Lebens im Krieg in ihnen Ausdruck finden und sie fraglos viele Leerstellen hinsichtlich von Kriegsgeschehen enthalten, so gestatten sie dennoch nicht nur Blicke auf zeitnah formulierte Wahrnehmungen und Deutungen des Krieges, sondern sie können – das versuchte dieser Aufsatz darzulegen – zugleich für Dynamiken der Gewalt relevante Einsichten zu Verschiebungen von Deutungen und Wahrnehmungen des Krieges durch Soldaten eröffnen. [84]

Diese Möglichkeit, anhand von Kriegsbriefen recht tief reichende Einblicke in das Wahrnehmen und Deuten von Soldaten zu gewinnen, scheint in einer der Funktionen des Briefeschreibens aus dem Krieg begründet zu sein. Insbesondere sofern dies nicht durch explizite Briefzensur eingeschränkt wird, ermöglicht das Schreiben von Briefen in der Kriegssituation eine gewisse Reflexions- und Kompensationstätigkeit. Kriegsbriefe aus Vietnam zeigen in der Tat nicht selten Erörterungen und Bestätigungen gemeinsamer Positionen der Kommunikationspartner/innen, beispielsweise der Legitimität beziehungsweise Nicht-Legitimität dieses Krieges. Sie dienen auch als Ventil für Dinge, die nach Mitteilung verlangen, wobei es sich nicht nur um vermeintliche Heldentaten, sondern auch um erlebte Schrecken und mitunter um miterlebtes Unrecht handelt.55) Diese Reflexion ermöglichende Funktion des Schreibens bestätigt sich in anderen Kriegen in umgekehrter Weise auch in der Praxis der Zensur von Kriegsbriefen, die nicht nur der Regulierung von Kommunikation durch Unterbindung dient, sondern ebenso der militärischen Informationsbeschaffung über Bewusstsein und Moral der Soldaten. [85]

Kriegsbriefe sind insofern als eine Form von Kommunikation anzusehen, die Soldaten in einer häufig durch extrem eng begrenzte Erfahrungshorizonte gekennzeichneten Situation eine Nutzung von Rahmungen der Kriegssituation nahe legen, die über das unmittelbare Geschehen hinausreichen oder gar weit jenseits der Kriegssituation angesiedelt sind. Unabhängig davon, ob solche weiteren Rahmen Motive für oder gegen das eigene Engagement im Krieg vermitteln, können sie einen Beitrag zur Realisierung beziehungsweise momentanen Aktualisierung von komplexeren Formen des Wahrnehmens und Deutens von Kriegssituationen leisten, die zumindest über die die Deutungswelt der von SHAY (1998) beschriebenen, nicht zuletzt jegliche Briefkommunikation aufgebenden Berserker hinausreichen. [86]

Danksagung

Die Untersuchung, deren Ergebnisse hier präsentiert werden, erfolgte als ergänzendes, mit einer Laufzeit von neun Monaten auch kürzeres und insofern konzeptionell eher eigenständiges Teilprojekt im Rahmen des von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Forschungsprojekts "Referenzrahmen des Krieges". Dieses von Sönke NEITZEL und Harald WELZER geleitete und an der Universität Mainz und dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) angesiedelte Projekt analysierte Wahrnehmungen und Deutungen deutscher und italienischer Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg anhand von Abhörprotokollen (NEITZEL & WELZER 2011; WELZER et al. 2011). Sönke NEITZEL danke ich insbesondere für seine Hinweise auf geschichtswissenschaftliche Arbeiten zum Thema Feldpost beziehungsweise Kriegsbriefe.

Anmerkungen

1) Die 1968 im Eigenverlag erschienene Sammlung von Briefen Mike RANSOMs, aus der hier zitiert wird, besitzt keine Paginierung – die hier angegebenen Seitenzahlen beruhen auf fortlaufender Zählung ab der Seite mit einem Gedicht von Archibald MacLEISH. <zurück>

2) Etabliert durch THOMAS und ZNANIECKI (1927 [1918]) ist die Nutzung von Briefen als einer spezifischen Form von persönlichen Dokumenten ein klassischer Weg qualitativer Forschung. <zurück>

3) Der für die vorliegende Fragestellung zentrale Begriff der Gewaltdynamiken soll das Interesse auf Aspekte des Ablaufes von kollektiver Gewaltausübung in Kriegen lenken. Behandelt werden hier also nur bestimmte Aspekte von Kriegsgeschehen. Es geht nicht um Prozesse auf einer Makroebene, wie sie zum Beispiel in Arbeiten zur Ausuferung oder Regulierung von Gewalt in der Moderne (zum Beispiel von ELIAS [1991], BAUMAN [1996], REEMTSMA [2008]) erörtert werden, oder um eine Untersuchung der Ursachen von Kriegen, sondern um eine Analyse von Mikroaspekten (vgl. COLLINS 2011), die nicht nur für die Erfahrung, sondern auch den Verlauf von kollektiver Gewaltausübung im Kriege bedeutsam sind. Der Aufsatz fokussiert hierbei – auch das sollte ausdrücklich erwähnt werden – Täter-Aspekte, also die Seite der Ausübung kollektiver Kriegsgewalt, nicht die Seite des Erleidens dieser Gewalt, das heißt von Opfer-Aspekten. Da Letztere in der Gewaltforschung bislang gegenüber dem Blick auf Ursachen und Prozesse des Ausübens von Gewalt vernachlässigt blieben, sind ergänzende Studien zu diesen Aspekten sinnvoll (und werden von mir in anderen Zusammenhängen auch angestrebt). <zurück>

4) Die hier präsentierte Analyse von Kriegsbriefen aus dem Vietnamkrieg ist ein in der Zeit von März bis November 2010 durchgeführtes, ergänzendes und insofern in Methoden und Konzeption eher eigenständiges Teilprojekt des Forschungsprojekts "Referenzrahmen des Krieges", das unter Leitung von Sönke NEITZEL und Harald WELZER anhand von Abhörprotokollen Wahrnehmungen und Deutungen deutscher und italienischer Kriegsgefangener im 2. Weltkrieg analysierte (NEITZEL & WELZER 2011; WELZER, NEITZEL & GUDEHUS 2011). <zurück>

5) In den kriegerischen Auseinandersetzungen, aus denen die hier analysierten Kriegsbriefe stammen – dem Vietnamkrieg und in einigen Vergleichsfällen dem Koreakrieg und dem Zweiten Weltkrieg – waren die an unmittelbaren Kampfeinsätzen beteiligten US-amerikanischen Militärangehörigen männlich. Der Begriff "Soldaten" bezieht sich hier daher nur auf männliche Personen. <zurück>

6) Vgl. die entsprechende Begriffsunterscheidung in LÜDTKE (1990). Da die Diskussion über die historiografische und sozialwissenschaftliche Bedeutung von Kriegsbriefen insbesondere im deutschsprachigen Raum intensiv im Kontext von Forschungen zum Zweiten Weltkrieg erfolgte, beziehe ich mich in diesem Teil mehrfach, wenn auch nicht ausschließlich, auf entsprechende Beiträge. <zurück>

7) Selbstverständlich kann eine Betrachtung von Briefwechseln zwischen Soldaten und Zivilpersonen für viele andere Fragestellungen, beispielsweise zu Geschlechter- und Generationenverhältnissen in Kriegszeiten, sinnvoll und angemessen sein. Zu berücksichtigen bleibt dabei freilich, dass ganze Briefwechsel im Vergleich zu Briefen von Soldaten seltener erhalten blieben und in geringerem Maße dokumentiert sind. <zurück>

8) Vgl. beispielsweise SANGER (1993), JOLLY (2001), VOGEL und WETTE (1995). Mit Blick auf die bundesdeutsche Entwicklung sehen DANIEL und REULECKE (1991, S.302f.) in BUCHBENDER und STERZ (1982) einen Auftakt zum geschichtswissenschaftlichen und mentalitätsgeschichtlich motivierten Blick auf Kriegsbriefe. Siehe hierzu auch BUCHBENDER (2011) im neuen, sehr umfassenden Tagungsband zum Stellenwert von Feldpost im Zeitalter der Weltkriege von DIDCZUNEIT, EBERT und JANDER (2011). <zurück>

9) Vgl. hierzu auch die Überlegungen zur Form und Funktion von Briefen in der Studie zum "Polish Peasant" von THOMAS und ZNANIECKI (1927 [1918], S.303ff.). <zurück>

10) Vgl. zur Kluft des unmittelbar Erfahrenen und der Narrationen hierüber SMITH (2007, S.195-202). <zurück>

11) So finden VOGEL und WETTE eine "immense Vielfalt von Meinungen und Erfahrungen" (1995, S.8) in Kriegsbriefen aus dem Zweiten Weltkrieg. <zurück>

12) Vgl. SANGER (1993, S.216ff.) für eine Typologie der Themen in englischen Kriegsbriefen beider Weltkriege; DANIEL und REULECKE (1991, S.309ff.) zu Themen in deutschen Briefen von der Ostfront im Zweiten Weltkrieg. HUMBURG (1998) liefert eine sehr detaillierte Übersicht über Themen, die Entwicklung dieser Themen im Zeitverlauf sowie eine Analyse der Konstellationen und Funktionen der deutschen Feldpost im Zweiten Weltkrieg. <zurück>

13) Ein Beispiel: "Mom, I appreciate all your letters. I appreciate your concern that some of the things you write about are trivial, but they aren't trivial to me. I'm eager to read anything about what you are doing or the family is doing. You can't understand the importance these 'trivial' events take on out here. It helps keep me civilized. For a while, as I read your letters, I am a normal person. I'm not killing people, or worried about being killed" (Brief von Rodney R. CHASTANT in EDELMAN 1985, S.211). <zurück>

14) Siehe z.B. zur Praxis der Zensur im Zweiten Weltkrieg: LITOFF und SMITH (1990, S.23), PFUND (1995, S.285); zu deren Aufhebung in den US-Streitkräften im Koreakrieg CARROLL (2002, S.323) sowie WETTE (1995, S.332) zu nationalen Unterschieden der Zensur von Kriegsbriefen im Zweiten Weltkrieg. In Kriegsbriefen US-amerikanischer Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg werden Zensur sowie deren Wirkung oder Strategien für deren Umgehung nicht selten angesprochen, dazu ein Beispiel: "It will be impossible for me to tell you all of my experiences thus far, as censorship regulations are a little strict. Our Regimental censorer has been known to have a bad case of 'scissoritis'" (Brief in STEVENS 1992, S.112). <zurück>

15) "One reason soldiers' and sailors' letters home are so little to be relied on by the historian of emotion and attitude is that they are composed largely to sustain the morale of the folks at home, to hint as little as possible at the real, worrisome circumstance of the writer. No one wrote: 'Dear Mother, I am scared to death' " (FUSSELL 1989, S.145; siehe auch 1975, S.181-187). Dem kann freilich entgegengehalten werden, dass manche allerdings doch über ihre Furcht und Todesgefahr schreiben: So aus dem Zweiten Weltkrieg, hier allerdings nicht an die Mutter, sondern einen Bekannten: "Everytime a shell started to whistle in, I was beginning another prayer. As one of the 'doughfeet' put it, 'I may not get the Purple Heart for being wounded but if they give them out for being scared as hell I certainly rate one,' and that's no kiddin'" (Brief von Carl SCHLUCHTER in STEVENS 1992, S.91); vgl. auch LINDERMAN (1997, S.356ff.) zur Mitteilung von physischem und psychischem Leiden in US-amerikanischen Kriegsbriefen aus dem 2. WK; oder aus dem Vietnamkrieg: "Dear Mom & Dad, (...) When I think about the hell I've been through the last few days, I can't help but cry and wonder how I am still alive" (Brief von Kenneth PEEPLES in EDELMAN 1985, S.73). – Auf deutsche Feldpost aus dem Zweiten Weltkrieg blickend, sieht HUMBURG die Kriegsgewalt selten angesprochen und daher einen großen Kontrast zwischen erlebter Kriegsrealität und häufig trivial wirkenden Inhalten der Briefe; erst übermächtige Gewalterfahrungen ließen Schmerz und Sterben in den Briefen zur Sprache kommen (1995, S.17). <zurück>

16) Siehe die bereits erwähnten Briefsammlungen von CARROLL (2002); EDELMAN (1985) und STEVENS (1992). <zurück>

17) So zum Beispiel im Falle der in GOLOVČANSKIJ, OSIPOV, PROKOPENKO, DANIEL und REULECKE (1991) veröffentlichten deutschen Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg, die sowjetischen Truppen in die Hände gefallen waren. <zurück>

18) Die in diesem Beitrag verwendete Briefsammlung in RANSOM (1968) ist ein Beispiel für diesen Typus. <zurück>

19) Hierzu können unter anderem ADLER (1967, 2003), EDELMAN (1985) und CARROLL (2002) gezählt werden. <zurück>

20) Beispiele wissenschaftlicher Briefeditionen sind JARAUSCH und ARNOLD (2008) oder STEVENS (1992). <zurück>

21) So beispielsweise BOURKE (1999), GILL (2010) oder LINDERMAN (1997). <zurück>

22) Siehe MARX' (1963 [1867], S.389) Übersetzung einer entsprechenden Bemerkung von Andrew URE. <zurück>

23) Zudem wirken solche sozialen und kulturellen Umweltfaktoren nicht nur auf der individuellen Ebene, sondern auch auf der Ebene der Vorstellungen und Leitideen hinsichtlich von Organisation allgemein (STÖLTING 2010). <zurück>

24) "If men define situations as real, they are real in their consequences. The total situation will always contain more and less subjective factors, and the behaviour reaction can be studied only in connection with the whole context, i.e., the situation as it exists in verifiable, objective terms, and as it has seemed to exist in terms of the interested person" (THOMAS & THOMAS 1928, S.572). <zurück>

25) Dieses oben bereits erwähnte Forschungsprojekt, das von Sönke NEITZEL und Harald WELZER geleitet wurde, analysierte Abhörprotokolle von deutschen und italienischen Kriegsgefangenen im 2. Weltkrieg. Es arbeitete also mit einem unterschiedlichen Datenmaterial sowie einem anderen zeithistorischen Schwerpunkt und sollte durch vergleichende Perspektiven auf andere Kriegskontexte, die dann auch eine Arbeit mit anderem verfügbaren Datenmaterial notwendig machten, erweitert werden. <zurück>

26) Als Theorie gelten dabei bereits Feststellungen plausibler Zusammenhänge zwischen Konzepten beziehungsweise Sets von Konzepten (STRAUSS & CORBIN 1994, S.278). <zurück>

27) Dies sind analytische Fragen im Sinne des von STRAUSS (1998, S.57) vorgeschlagenen Kodierparadigmas. <zurück>

28) Vgl. hierzu die Darstellung und Funktion von Fallanalysen in CORBIN und STRAUSS (2004) und die Ausführungen zur Präsentation von Fallmaterialien in STRAUSS (1998, S.274ff.). <zurück>

29) Sämtliche biografischen Informationen stammen aus der mit keiner Verfasserangabe versehenen Einleitung zu RANSOM (1968), sowie aus: MacPHERSON (1984); LLOYD (1988) und COHEN-CRUZ (2005). <zurück>

30) Die Reformierte Kirche ist eine protestantische Kirche, die seit dem 17. Jahrhundert in Nordamerika existiert. <zurück>

31) Innerhalb der Militärorganisation wie auch in räumlicher und zeitlicher Hinsicht befand sich RANSOM somit sehr dicht an der Situation und dem Geschehen, die zu dem Massaker von My Lai führten. Seine genaue Truppenzugehörigkeit lautete: Company A, 4. Battalion, 3. Infantry, 11. Light Infantry Brigade der Americal Division. <zurück>

32) Auch dieser Artikel von SCHELL (1968) betont Veränderungen in RANSOMs Deutungen des Kriegsgeschehens sowie seine Ambivalenz von Kriegskritik und einem Gefallen an militärischen Aufgaben. Ich erhielt SCHELLs Text erst nach einer ersten Version dieses Aufsatzes und freute mich daher über die Bestätigung meiner eigenen Interpretation der in dieser Hinsicht ja allerdings sehr deutlichen Kriegsbriefe. – SCHELL schildert des Weiteren, wie sich in Reaktion auf die Todesnachricht kriegskritische Perspektiven in der Öffentlichkeit eines eher konservativen Ortes zu artikulieren beginnen. <zurück>

33) Neben vielen weiteren Quellen greift GILL (2010), wenn auch mit etwas ungenauer Lektüre, ebenfalls RANSOMs Briefe auf. <zurück>

34) Die Verfilmung, bei der Bill COUTURIE (1987) Regie führte, wählte 33 Briefe des Bandes von EDELMAN (1985) aus, darunter auch Auszüge aus RANSOMs Briefen, ließ diese von meist prominenten Schauspielern (u.a. Robert DENIRO, Michael J. FOX oder Harvey KEITEL) sprechen und montierte dies mit dokumentarischen Bildern aus dem Vietnamkrieg und einem weitgehend aus Rockmusik bestehenden Soundtrack. Vgl. kritisch zum Film: DORNFELD (1990). <zurück>

35) Vgl. auch die Tondokumente aus den Anhörungen der Peers Commission in den "My Lai Tapes" der BBC (HODIERNE 2008). <zurück>

36) Dieser Vergleich und die folgenden Bezüge auf Briefe anderer US-Soldaten stützen sich auf die Analyse der in ADLER (1967), EDELMAN (1985) und CARROLL (2002) enthaltenen Kriegsbriefe. <zurück>

37) Von US-Soldaten in Vietnam gemachte Photografien und Filme finden sich heute in großer Menge im Internet, unter anderem im Videoportal Youtube. Offenbar gibt es starke Bedürfnisse der Mitteilung wie auch der Rezeption solcher public history. <zurück>

38) "Charlie" war eine im US-Militär gängige Bezeichnung für den Vietcong, abgeleitet aus dessen Bezeichnung mittels der amerikanischen Buchstabiertabelle als "Victor Charlie" für VC. <zurück>

39) "Gooks" ist wie "dinks" "slopes" etc. eine von vielen der innerhalb des US-Militärs verbreiteten abfälligen Bezeichnungen für Asiat/innen. <zurück>

40) GI ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für US-amerikanische Soldaten. <zurück>

41) Abkürzung für "as soon as possible". <zurück>

42) Indirekt angesprochen wird hiermit auch die Frage des Rotationssystems innerhalb des US-Militärs im Vietnamkrieg, das solche Fragen der Integration neu ankommender Soldaten zur Regel machte. <zurück>

43) RTO: Radio telephone operator. <zurück>

44) Mech Platoon Leader: Mechanized Platoon Leader. <zurück>

45) "Letzte Briefe" sind übrigens ein eigenes, mitunter an Bedeutungen stark aufgeladenes Genre innerhalb der Kriegsbriefpublikationen. Sicherlich klingen in solchen Briefen (vgl. EDELMAN 1985, S.277ff.), insbesondere dann, wenn besonders gefährliche Einsätze bevorstehen, mitunter Vermutungen an, das weitere Kriegsgeschehen nicht zu überleben. Dennoch scheint solchen letzten Briefen durch die Form der Publikation häufig ein zusätzlicher Bedeutungsgehalt von außen zugewiesen zu werden, der aus einer Angehörigenperspektive verständlich, einer rekonstruktiven Perspektive jedoch unangemessen ist. <zurück>

46) Das könnte auch so formuliert werden: Die Sinnlosigkeit des Kriegsunternehmens legte den Soldaten eine Haltung des "trying to do a good job without knowing why" (LIFTON 1973, S.58) nahe. <zurück>

47) Vgl. hierzu mit Bezug auf deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg LÜDTKE (1992, S.S65f.). <zurück>

48) Eine solche aus Kampferfahrungen herrührende Anerkennung des Gegners wurde übrigens bereits in der Studie über den "American Soldier" von STOUFFER et al. (1949, S.157) beschrieben. <zurück>

49) "Retribution was even more important in alleviating feelings of remorse. Most men only became willing to take another human life after seeing their wartime companions slaughtered. Such sights gave soldiers a 'big score to settle' and so they 'snapped into action'." (BOURKE 1999, S.227) <zurück>

50) SOB: Abkürzung für "Son of a bitch". <zurück>

51) Hiermit in Zusammenhang steht ein weiterer – in RANSOMs Briefen nicht angesprochener – Rahmen ausschließlicher Orientierung am individuellen Überleben. In manchen Kriegsbriefen findet sich das in Darstellungen extremer Gefährdungen, die im Sinne einer Reduktion beschrieben werden, in der nur noch die Frage des eigenen Überlebens thematisch bleibt.

Äußerst anschaulich beschreibt das eine briefliche Schilderung der Landung US-amerikanischer Truppen in der Normandie am "D-Day" 1944: Sie beginnt mit der Perspektive der Gruppe, die Befehle erhält und gemeinsam handelt. Mit Beginn der Beschreibung des extrem bedrohlichen Kampfgeschehens während der Landung am Strand erfolgt ein Wechsel zu einer ganz individualistischen Perspektive auf den mittleren Teil des Einsatzes, der durch Hoffnungslosigkeit, Todesnähe und religiöse Bezüge bestimmt ist. Wieder zu Bewusstsein gekommen, findet der Soldat zu seinem Truppenteil zurück, und ab diesem Punkt ist die Erzählung erneut in eine Gemeinschaft eingebunden, die durch "sheer will, fear and luck" alle Gegenwehr überwindet, enorm viele Soldaten verliert und nach dem erfolgreichen Einsatz als Division Stolz auf ihren Anteil am Gewinnen des Krieges sein könne (Brief des Pfc. Dom BART, Juli 1944, in CARROLL 2002, S.234f.). Mit ihren Wechseln von Perspektiven leitet diese Schilderung bereits auf den hier folgenden Abschnitt zu sich verschiebenden Rahmungen über. <zurück>

52) So beschrieb ein Mitglied der für das Massaker von My Lai verantwortlichen Charlie Company, Gregory T. OLSEN, in einem an seinen Vater gerichteten Brief, dem offensichtlich eine Funktion als Ventil in einer belastenden Situation zukommt, ein Ereignis vom 14.3.1968, bei dem eine vietnamesische Zivilistin von Soldaten getötet wurde. Sie war die erste vietnamesische Person, der diese begegneten, nachdem ein Mitsoldat durch eine Sprengfalle getötet worden und ein weiterer seine Beine verloren hatte. OLSEN schrieb: "These are all seemingly normal guys; some were friends of mine. For a while they were wild animals. It was murder, and I'm ashamed of myself for not trying to do anything about it" (Brief zitiert nach OLSON & ROBERTS 1998, S.18). <zurück>

53) Es bietet sich also an, die hier vorgeschlagene Interpretation von Gewaltdynamiken anhand sich sehr rasch verschiebender Rahmungen auf den sehr gut dokumentierten Fall "My Lai" anzuwenden und ihn an diesem zu prüfen sowie weiter zu modifizieren. Zu den hier nur sehr knapp erwähnten Vorkommnissen in My Lai siehe u.a.: GREINER (2007), HODIERNE (2008), LESTER (1996), OLSON und ROBERTS (1998) und SIM und BILTON (1992). <zurück>

54) Sogar der später als Haupttäter verurteilte Lt. CALLEY zählte zu diesen Soldaten, so GREINER (2007, S.338). <zurück>

55) Neben positiven oder neutralen Schilderungen des Tötens – beispielsweise als lakonischer Vergleich des Tötens im Krieg und bei der Jagd (Brief von James SIMMEN in EDELMAN 1985, S.94) – finden sich, wie zuvor bereits angeführt, Mitteilungen miterlebten Unrechts. So schrieb der in My Lai an der Rettung von Zivilisten beteiligte Pilot Brian LIVINGSTON bereits am Abend des Massakers an seine Frau von Soldaten, die sich wie Tiere verhalten hätten, mehr Toten als er je zuvor auf einem Fleck gesehen habe und Maschinengewehren, die sie für die Rettung von Vietnamesen auf die eigenen Truppen haben richten müssen – "it sure makes one wonder why we are here" (OLSEN & ROBERTS 1998, S.143). Zwei Tage später sandte LIVINGSTON einen Brief an seine Frau, in dem er sich ausschließlich über einen im Armeeblatt Americal News Sheet erschienen Bericht empört, der von einer erfolgreichen Operation in My Lai berichtet. Dass es tatsächlich ein Massaker war, steht für ihn außer Frage, er schreibt: "You remember I told you about the massacre I witnessed" (S.144). Allein die ob der im nur zwei Tage zuvor verfassten Brief erfolgten Schilderung eines Massakers recht überraschende Wendung "you remember" böte Anlass für eine weiterführende Interpretationsarbeit, die prüfen könnte, ob es sich hier lediglich um eine Floskel handelt oder um einen Hinweis auf eine gewisse Selbstverständlichkeit der Nutzung des Begriffes "Massaker", die dem Briefverfasser eine Erinnerung der Briefempfängerin an die gemeinte konkrete Mitteilung in der Tat fraglich erscheinen lässt. <zurück>

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Zum Autor

Dietmar ROST, Dr., M.A., Studium von Soziologie, Sozialanthropologie und Psychologie. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI). Arbeitsschwerpunkte: Gewalt; Umweltsoziologie; soziologische Theorien; kollektive Identität und Differenz; Migration; Regionalität/Regionalismus.

Kontakt:

Dr. Dietmar Rost

Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI)
Goethestr. 31
D-45128 Essen

Telefon: ++49 / (0)201 / 72 04-0

E-Mail: dietmar.rost@kwi-nrw.de
URL: http://www.kwi-nrw.de/home/profil-drost.html

Zitation

Rost, Dietmar (2011). Gewaltdynamiken im Spiegel von Kriegsbriefen. Eine Analyse von Briefen Mike RANSOMs und anderer US-amerikanischer Soldaten aus dem Vietnamkrieg [86 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 13(1), Art. 28,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1201281.



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