Volume 12, No. 2, Art. 2 – Mai 2011

Rezension:

Diana Schmidt-Pfister

Ralf Bohnsack, Aglaja Przyborski & Burkhard Schäffer (Hrsg.) (2010). Das Gruppendiskussionsverfahren in der Forschungspraxis. Opladen: Verlag Barbara Budrich; 304 Seiten; ISBN 978-3-86649-177-9, 24,90 EUR

Zusammenfassung: Dieser Sammelband liefert eine Zusammenschau vielfältiger Anwendungsbeispiele zum Einsatz von Gruppendiskussionsverfahren in Kombination mit einer bestimmten Forschungsstrategie der rekonstruktiven Sozialforschung – der dokumentarischen Methode. Letztere erhebt den Anspruch, als empirische Forschungsstrategie auf einer besonderen meta-theoretischen Basis, der praxeologischen Wissenssoziologie nach Ralf BOHNSACK, einen besseren Zugang zur Handlungspraxis zu schaffen. Im Wesentlichen soll dies über die Differenzierung unterschiedlicher Dimensionen von Wissen und Sozialität geschehen, wobei insbesondere kollektive, handlungsleitende Orientierungen bestens durch Gruppendiskussionen zu erschließen seien. Demgemäß geht es in diesem Band nicht allgemein um das Verfahren der Gruppendiskussion, wie etwa der Buchtitel suggeriert. Vielmehr liegt dessen besonderer Wert darin, Beiträge zu versammeln, bei deren Lektüre man den Forschenden bei der Interpretation von Gruppendiskussions-Transkripten mithilfe der dokumentarischen Methode über die Schulter sehen kann. Diese Praxisberichte sind in drei Sektionen zu verschiedenen Kontexten von Handlungspraxis und handlungsleitenden Orientierungen gruppiert: Kindheit, Jugend sowie organisatorisches und gesellschaftliches Umfeld. In einer vierten Sektion werden weitere Anwendungspotenziale des Gruppendiskussionsverfahrens und der dokumentarischen Methode sowie eine dieser Strategie analoge Didaktik vorgestellt. Die einzelnen Kapitel folgen einem einheitlichen Aufbau: Einführung in Forschungsfeld und -gegenstand, Diskussion zur Methodologie, exemplarische Interpretation von Gruppendiskussionen und abschließende Kommentare. Dass die entsprechenden Transkriptauszüge abgedruckt sind, steigert in jedem Fall den Lerneffekt. Allerdings kommen leider die methodologischen Reflexionen speziell zum Gruppendiskussionsverfahren oft zu kurz beziehungsweise dieses wird ausschließlich im Hinblick auf die dokumentarische Methode diskutiert.

Keywords: Gruppendiskussion; dokumentarische Methode; Handlungstheorie; rekonstruktive Sozialforschung

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufbau und Inhalt des Buches

2.1 Kindheit

2.2 Jugend

2.3 Handlungspraxis und Legitimation im organisatorischen und gesellschaftlichen Kontext

2.4 Allgemeine und methodische Reflexionen und Zugänge

3. Kommentare

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einleitung

Der von Ralf BOHNSACK, Aglaja PRZYBORSKI und Burkhard SCHÄFFER herausgegebene Sammelband enthält eine Zusammenschau von Anwendungsbeispielen, gerahmt von einigen allgemeineren Überlegungen zum Einsatz von Gruppendiskussionsverfahren, in Kombination mit einer speziellen Forschungsstrategie der rekonstruktiven Sozialforschung – der dokumentarischen Methode, wie sie von MANNHEIM (1980) entworfen und von BOHNSACK (2003) zu einer empirischen Forschungsstrategie ausgearbeitet wurde. Entsprechend den methodologischen und meta-theoretischen Prämissen dieser Strategie werden hier also Gruppendiskussionen eingesetzt, um – im Kontrast zu Einzelinterviews – durch eine stärkere Fokussierung auf den sozialen Kontext einen besseren Zugang zu einer besonderen Wissensdimension zu erhalten, nämlich kollektiven Erfahrungen und Orientierungen, die als implizites Wissen der Akteure eine handlungsleitende Funktion haben. [1]

Dieser Band ist nun bereits in seiner zweiten, "vollständig überarbeiteten und aktualisierten" (BOHNSACK, PRZYBORSKI & SCHÄFFER, S.3) Auflage erschienen. Die umfassende Aktualisierung scheint, so muss in Ermangelung eines Vorwortes zur zweiten Auflage angenommen werden, darin zu bestehen, die Einsichten aus mittlerweile abgeschlossenen Projekten etwas aufzufrischen. Da sich der Band ansonsten in Konzeption, Aufbau und Inhalt nicht von der ersten Auflage unterscheidet, bleibt ihm auch ein markanter Schönheitsfehler, die allzu starke Fokussierung auf die spezielle Anwendung des Gruppendiskussionsverfahrens anhand der dokumentarischen Methode, die so aus dem Titel zunächst nicht offensichtlich ist, weiterhin anhaften. Dennoch unterstreicht die Neuauflegung des Werkes nach relativ kurzer Zeit die große Resonanz, derer sich diese spezielle Herangehensweise erfreut. [2]

Zur 1. Ausgabe liegt bereits eine Rezension in FQS vor (JAUK 2007), welche den Inhalt des Bandes sowie die darin vorgestellte Einsatzweise von Gruppendiskussionen ausführlich diskutiert. Im Folgenden soll nun vor allem die meta-theoretische Fundierung dieser Strategie erläutert werden, denn diese ist für die Herausgebenden selbst von größter Wichtigkeit. Sodann folgt nochmals ein Überblick über Konzeption und Inhalt. Schließlich werden, neben einer unvermeidlichen Kritik des überraschend – sofern man vom Titel ausgeht – engen Fokus dieses Bandes, einige Bemerkungen zu dessen Stärken und Schwächen angefügt. [3]

Die dokumentarische Methode versteht sich als empirische Forschungsstrategie, welche auf einer besonderen meta-theoretischen Basis ausgeführt wird. Auch der vorliegende Band ist dieser Strategie verpflichtet und steht somit auf dem Fundament der rekonstruktiven Sozialforschung, insbesondere der Wissenssoziologie nach Karl MANNHEIM. Letztere eröffnete bereits in den 1920er Jahren eine "Beobachterperspektive", welche zwischen dem reflexiven oder theoretischen Wissen der Akteure einerseits und dem "atheoretischen" oder handlungsleitenden, impliziten Wissen andererseits zu unterscheiden suchte. Nach BOHNSACK, der diese Perspektive zur "praxeologischen Wissenssoziologie" weiterentwickelte, findet sich somit ein besonderer methodologischer Zugang zur Handlungspraxis. Denn das atheoretische Wissen wird als ein kollektiver Wissenszusammenhang verstanden, welcher das Handeln relativ unabhängig vom subjektiv gemeinten Sinn der Akteure orientiert. Es ist also als ein Strukturzusammenhang zu sehen, nicht aber als objektive, gewissermaßen von außen wirkende Struktur. Somit wird es als eine Art Wissen konzeptionalisiert, über welches auch die Akteure verfügen und nicht als eines, zu dem lediglich die Beobachtenden einen privilegierten Zugang haben. Darin wird eine Überwindung objektivistischer Ansprüche gesehen, denn aus dieser Perspektive sollen die Forschenden nicht davon ausgehen, mehr zu wissen als die Erforschten, sondern vielmehr davon, "dass letztere selbst nicht wissen, was sie da eigentlich alles wissen, somit also über ein implizites Wissen verfügen, welches ihnen reflexiv nicht so ohne weiteres zugänglich ist" (vgl. BOHNSACK, NENTWIG-GESEMANN & NOHL 2007, S.11; auch MANNHEIM 1980). [4]

Der Anspruch, einen besseren Zugang zur Praxis zu schaffen, begründet sich weiterhin darin, dass die Erfassung unterschiedlicher Ebenen und Arten des Wissens mit einem Blick auf unterschiedliche Formen von Sozialität einhergeht. In diesem Sinne wird, ebenfalls in der Tradition MANNHEIMs, zwischen kommunikativem, gesellschaftlichem Wissen (mit öffentlicher Bedeutung) und konjunktivem, milieuspezifischem Wissen (mit je konkreter, nicht-öffentlicher Bedeutung) differenziert, um "der Doppelstruktur alltäglicher Erfahrungs- und Begriffsbildung Rechnung zu tragen" (BOHNSACK et al., S.12, Hervorhebung im Original). Insbesondere hierin behauptet sich die praxeologische Wissenssoziologie vom interpretativen Paradigma zu unterscheiden, welches zwar nach der Konstruktion von Wirklichkeit fragt, in seiner praktischen Umsetzung aber BOHNSACK et al. (S.10f.) zufolge oft deskriptiv und lediglich auf die kommunikative Ebene beschränkt bleibt. Insbesondere auf der konjunktiven Ebene sei es aber erst möglich, habitualisiertes, praktisches Erfahrungswissen zu ergründen. Das MANNHEIMsche Konzept konjunktiver Erfahrungsräume (MANNHEIM 1980) findet sich in der praxeologischen Wissenssoziologie als ein Fokus auf eine gruppenhafte oder organisationenbezogene Milieuspezifik von Handlungspraxen und Orientierungswissen übersetzt. Demnach gilt es, in der empirischen Forschung diejenigen Muster zu rekonstruieren, die auf kollektiv geteilte "existentielle Hintergründe" von Gruppen, also auf gemeinsame biografische ("kollektivbiografische") Erfahrungen verweisen (LOOS & SCHÄFFER 2001, S.27). Gruppendiskussionen seien hierfür erwiesenermaßen ein geeignetes Verfahren, denn in der Interaktion, die durch solche Diskussionen angeregt wird, könne ein unmittelbares Verstehen derjenigen Teilnehmenden, die zum selben Milieu, zur selben Generation oder zum selben Geschlecht gehören, beobachtet werden (BOHNSACK et al., S.10-13; auch: BOHNSACK et al. 2007a, S.14). [5]

Vor diesem Hintergrund verwundert es wenig, dass nicht nur die dokumentarische Methode mittlerweile in der deutschen Literatur, neben rekonstruktiven Auswertungsverfahren wie etwa der objektiven Hermeneutik oder der Erzählanalyse, eine prominente Stellung eingenommen hat, sondern dass sie gerade im Verein mit dem Gruppendiskussionsverfahren weithin Anwendung findet. Der Stellenwert dieser speziellen Kombination leuchtet noch besser ein, wenn man bedenkt, dass sich die Suche nach dieser meta-theoretischen Konzeption von Wissen und Sozialität überhaupt erst aus den praktischen Erfahrungen mit Gruppendiskussionen, wie sie zunächst von MANGOLD (1960) und dann auch von BOHNSACK (1989) geführt wurden, ergab (BOHNSACK et al., S.13). Folglich wurde diese Kombination von den Herausgebenden des vorliegenden Bandes bereits mehrfach vorgestellt und erörtert (z.B. LOOS & SCHÄFFER 2001; BOHNSACK 1989, 1997, 2003). Dieser Band soll nun anhand diverser Anwendungsbeispiele illustrieren, wie dokumentarische Interpretationen von Gruppendiskussionen in der Praxis aussehen können. [6]

2. Aufbau und Inhalt des Buches

Im Einführungskapitel resümieren die Herausgebenden Ralf BOHNSACK, Aglaja PRZYBORSKI und Burkhard SCHÄFFER Grundsätzliches zum Gruppendiskussionsverfahren und zur dokumentarischen Methode. Dabei werden auch noch einmal die zwei sukzessiven Arbeitsschritte der Textinterpretation dargelegt: Zuerst solle in einer "formulierenden Interpretation" auf der Ebene der kommunikativen Oberflächensemantik deren wörtlicher, thematischer Sinngehalt zusammenfassend formuliert werden; daraufhin sei in einer "reflektierenden Interpretation" zu fragen, wie innerhalb welches Orientierungsrahmens diese Themen bearbeitet werden. Diesem Interpretationsschema folgen die weiteren Kapitel, die in drei Sektionen zu verschiedenen Untersuchungsbereichen gruppiert sind: Kindheit, Jugend sowie organisatorisches und gesellschaftliches Umfeld als Kontexte von Handlungspraxis und handlungsleitenden Orientierungen. In einer abschließenden vierten Sektion werden weitere Anwendungspotenziale des Gruppendiskussionsverfahrens und der dokumentarischen Methode sowie eine dieser Strategie analoge Didaktik vorgestellt. Einem einheitlichen Aufbau folgend, bietet jedes Kapitel neben einer Einführung in Forschungsfeld und -gegenstand eine kurze Diskussion zur Methodologie, eine exemplarische Interpretation von Passagen aus Gruppendiskussionenstranskripten und abschließende Kommentare. [7]

2.1 Kindheit

Welche Verständigungs-, Abstimmungs- und Gemeinschaftsbildungsprozesse im Rahmen von Spielpraxis und Spielkultur ablaufen, untersucht Iris NENTWIG-GESEMANN durch Gruppendiskussionen mit 5-10jährigen Kindern. In methodologischer Hinsicht werden insbesondere die Brauchbarkeit des Gruppendiskussionsverfahrens für die Analyse nicht nur von Sinn-, sondern auch von Prozesshaftigkeit der kollektiven Handlungspraktiken sowie die Verbindung von Videografie und Textanalyse diskutiert. Letztere sei bei Diskussionen mit Kindern besonders angebracht, da diese implizites Wissen sehr stark performativ präsentieren. Dies wird auch in den sehr lebendigen Diskussionsausschnitten deutlich, welche die Autorin im Hinblick auf regelgeleitete (standardisierte), habituelle (konjunktiven Regeln folgende) und aktionistische (situativ-spontane) Spielpraxen interpretiert. Im nächsten Kapitel erläutert Monika WAGNER-WILLI aus methodischer Sicht eher umgekehrt, inwieweit das Gruppendiskussionsverfahren eine sinnvolle Ergänzung zur Videografie darstellt, denn ihre Untersuchung ritueller Praxen bei SchülerInnen der 4. und 5. Jahrgangsstufe fußt auf einer Triangulation von Videografie, Gruppendiskussion und teilnehmender Beobachtung. Inhaltlich geht es um die Differenzierung zweier verschiedener Sinnzusammenhänge, den konjunktiven der Peer Group und den kommunikativen des Unterrichts. Dieses "Spannungsfeld von Vorder- und Hinterbühne" (WAGNER-WILLI, S.54) wird anhand exemplarischer Sequenzen aus mehreren Gruppendiskussionen anschaulich herausgearbeitet. [8]

2.2 Jugend

Der besondere Wert der Triangulation wird auch in dem Kapitel von Heinz-Hermann KRÜGER und Nicole PFAFF diskutiert, hier allerdings in Bezug auf die Kombination quantitativer und qualitativer Methoden, wobei Letztere in dieser Studie zum Umgang mit rechten und ethnozentrischen Orientierungen an Schulen in Sachsen-Anhalt Interviews, ethnografische Feldprotokolle und Gruppendiskussionen umfassen. Einige Passagen aus diesbezüglichen Diskussionen unter Lehrenden werden formulierend im Hinblick auf die besprochenen Themen und reflektierend im Hinblick auf kollektive Orientierungsrahmen interpretiert. Im nächsten Kapitel rekonstruiert Barbara ASBRAND, wie Jugendliche Globalität wahrnehmen und sich in einer zunehmend globalisierten Welt orientieren. Sie zeigt anhand zahlreicher kürzerer Transkriptauszüge, wie sich in drei Gruppen mit jugendlichen Teilnehmenden deren jeweilige Milieuzugehörigkeiten (Gewerkschaft, Attac, Schule) als konjunktive Erfahrungsräume abbilden. Bei Karin SCHITTENHELM geht es sodann um Statuspassagen, die den Übergang zwischen Schule, Ausbildung und Arbeitswelt markieren. Im Mittelpunkt steht dabei das Berufswahlverhalten junger Migrantinnen im Kontext ihres sozialen Umfeldes. Die Autorin demonstriert am Beispiel von Gesprächsauszügen vor allem zum Thema Arbeiten, wie sich die entsprechenden interaktiven Aushandlungen und auch die Verlaufsdynamik solcher Passagen beobachten lassen. Eher ästhetische Orientierungen stehen im Fokus der Studie von Wivian WELLER, die am Beispiel von HipHop-Gruppen in São Paulo und Berlin die Bedeutung jugendkultureller Stile bei der Bewältigung von Marginalisierungs- und Diskriminationserfahrungen untersucht. Bei der Interpretation zitiert sie allerdings Einzelpersonen, um den Kontrast zwischen eher theoretisch-reflexiv orientierten und eher generationenspezifisch orientierten Argumentationsweisen besonders herauszustellen. In den beiden letzten Artikeln dieser Sektion liegt ein besonderes Augenmerk auf den praktischen Bereichen der Jugendarbeit bzw. Schulsozialarbeit. Auch hier werden anhand von Gesprächsausschnitten kollektive Orientierungen in unterschiedlichen Gruppentypen vergleichend analysiert. Bei Stefan WELLING stehen Querbezüge zur computerunterstützten Jugendarbeit im Hintergrund, während sich die Analyse allgemeiner auf biografische Relevanzen computerbasierter Medienpraxen für Jugendliche aus unterschiedlichen Milieuzusammenhängen konzentriert. Claudia STREBLOW evaluiert schließlich konkret den Stellenwert von Schulstationen in der Handlungspraxis ihrer Nutzenden, also von Jugendlichen im schulischen Kontext. [9]

2.3 Handlungspraxis und Legitimation im organisatorischen und gesellschaftlichen Kontext

Am Beispiel der niedersächsischen Polizei untersucht Anja MENSCHING innerorganisatorische Orientierungen von und Hierarchiebeziehungen zwischen PolizeibeamtInnen, wobei die exemplarischen Diskussionspassagen die Rekonstruktion geteilter wie auch differierender Orientierungen hinsichtlich hierarchischer Verhältnisse veranschaulichen sollen. Frank ERNST fokussiert sodann auf den Kontext ehrenamtlichen Engagements. Er geht der These nach, dass sich Orientierungen im Sinne "neuer Ehrenamtlichkeit" nicht nur in bürgerschaftlichen Assoziationen herausgebildet haben, sondern auch in klassischeren Organisationen wie Gewerkschaften und dass neue Formen freiwilligen Engagements am ehesten in der außerbetrieblichen Gewerkschaftsarbeit zu finden seien. Dementsprechend zeigt er am Beispiel von Transkriptauszügen, welchen Bedeutungsgehalt der Begriff des Engagements in verschiedenen Gruppen erhält. Moralische Deutungs- und Orientierungsmuster von in der Jugendhilfe professionell Tätigen stehen dann im Mittelpunkt der Analyse von Nadia KUTSCHER. Die Autorin vermag anhand eines einzigen, dafür sehr langen Gesprächsausschnitts die schrittweise Vorgehensweise von formulierender und reflektierender Interpretation besonders prägnant vorzuführen. Das letzte Kapitel dieser Sektion steht in Kontrast zu allen vorangegangenen. Kai DRÖGE, Sighard NECKEL und Irene SOMM stellen hier einige Ergebnisse eines DFG-Projektes zum Wandel der normativen Relevanz des Leistungsprinzips in der modernen Marktgesellschaft vor. Zum einen ist diese Studie weniger auf einen speziellen organisatorischen Kontext fixiert, sondern außergewöhnlich breit angelegt, um ein großes Spektrum verschiedener Tätigkeitsfelder und sozialer Milieus abzudecken. Zum anderen bietet dieses Kapitel eine sehr umfangreiche Diskussion zur Methodologie, wobei die Interpretationsstrategie weniger akribisch den von BOHNSACK (2003) sowie LOOS und SCHÄFFER (2001) vorgeschlagenen Vorgehensweisen entspricht, wenngleich mit einem ähnlichen Jargon gearbeitet wird. Auch erfolgt hier im Gegensatz zu allen anderen Kapiteln keine exemplarische Interpretation von Transkriptauszügen mittels der dokumentarischen Methode. [10]

2.4 Allgemeine und methodische Reflexionen und Zugänge

Diese abschließende Sektion enthält sehr verschiedenartige Überlegungen zu weiteren Forschungsbereichen, in denen die Gruppendiskussion und ihre dokumentarische Interpretation sinnvoll erscheinen und es Potenziale noch auszuschöpfen gilt. [11]

So entführt das Kapitel von Burkard MICHEL auf einen kurzen Ausflug in den Bereich der Bildrezeptionsforschung, unterscheidet sich in seiner Konzeption aber kaum von den vorangegangenen Beiträgen, indem es ebenfalls die Anwendbarkeit des kombinierten Verfahrens in diesem Bereich diskutiert und exemplarische Interpretationen von Diskussionsausschnitten, diesmal um eine Fotografie namens "Shantytown", vorstellt. Anhand ausgewählter Gesprächssequenzen von drei Gruppen, die jeweils mit diesem selben Bild interagieren, wird vergleichend und anschaulich dargestellt, wo sich diese ähneln beziehungsweise unterscheiden, was konstatiert wird und wie dies im Sinne der jeweiligen modi operandi geschieht. Dem folgen einige Beiträge von den prominenten VertreterInnen der hier propagierten Forschungsrichtung, bei denen zwar das methodologisch-theoretische Anliegen deutlich in den Vordergrund tritt, aber auch durch exemplarische Interpretationen untermalt wird. In diesem Sinne geht es bei Ralf BOHNSACK und Aglaja PRZYBORSKI um eine verbesserte Identifizierung konjunktiver Erfahrungsräume über den Weg einer genaueren Rekonstruktion der Diskursorganisation in Gruppendiskussionen, veranschaulicht durch drei Fallbeispiele, die unterschiedlichen Arbeiten entstammen und hier entsprechend neu interpretiert werden. In ähnlicher Weise bespricht Arnd-Michael NOHL das Phänomen interkultureller Kommunikation in Gruppendiskussionen, und zwar nicht nur als Untersuchungsgegenstand, sondern auch als Charakteristikum der Forschungspraxis, als unvermeidliche Kommunikation zwischen Forschenden und Erforschten in Gruppendiskussionen, das es zu reflektieren gilt. So wird anhand der Transkripte nicht nur interpretiert, wie türkische Jugendliche in der Türkei und in Deutschland miteinander über nahweltliche Themen wie Familie, Nachbarschaft oder Alkohol kommunizieren, sondern auch wie sie sich zu dem Forscher, dessen Partnerin türkische Staatsbürgerin ist, vor eben diesem Hintergrund als nicht fremd in Bezug setzen. Im Anschluss entwerfen Ralf BOHNSACK und Iris NENTWIG-GESEMANN ein Modell der "dokumentarischen Evaluationsforschung" und der Bedeutung des Gruppendiskussionsverfahrens in diesem Rahmen. Dabei gehen sie von dem der dokumentarischen Methode immanenten Praxisverständnis aus und grenzen sich dabei von der klassischen, vom interpretativen Paradigma geprägten (amerikanischen) Evaluationsforschung ab, indem Ersteres bereits eine forschungspraktische Verfahrensweise für vielfältige empirische Analysen bildet. Einer größeren Evaluationsstudie sind hier diejenigen Transkriptauszüge entnommen, die den Kontrast illustrieren zwischen impliziten Werthaltungen von Jugendlichen, wie sie sich aus der Thematisierung konflikthafter Erlebnisse in peer groups rekonstruieren lassen, und den explizit geäußerten Bewertungen eines Mediationsangebotes (theoretisch-reflexives Wissen). Der Band schließt mit einer Diskussion über die Vermittlung der Kompetenzen, welche für die Durchführung und Interpretation von Gruppendiskussionen nach der dokumentarischen Methode notwendig sind. Burkhard SCHÄFFER nimmt dabei eine doppelt-reflexive Perspektive ein, welche auch den Lehrprozess selbst, im Sinne einer rekonstruktiven Didaktik, rekonstruierend interpretiert und sich somit wohl nur denjenigen sinnvoll erschließt, die mit den Grundprinzipien der dokumentarischen Methode bereits genügend vertraut sind. So werden hier Transkripte einer Diskussion über das Vorgehen bei der formulierenden Interpretation, wie sie in einem Seminar stattfand, nochmals dokumentarisch interpretiert. [12]

3. Kommentare

Das Schöne an Sammelbänden zur Anwendung bestimmter Methoden ist immer wieder, dass nicht nur die Methode selbst in verschiedenerlei Einsatzbereichen vorgestellt und dabei eingehend diskutiert wird. Gleichzeitig erhalten Lesende auch interessante Einblicke in eine bunte Vielfalt an Themen und Forschungsfeldern (STRAUSS & CORBIN 1997; KELLER, HIRSELAND, SCHNEIDER & VIEHÖFER 2010, wie auch BOHNSACK et al. 2007b sind ähnliche VertreterInnen dieses Genres). Die Palette reicht in diesem Fall von Erziehungswissenschaften, Sozialpädagogik, Bildungs- und Übergangsforschung über Professions- und Werteforschung bis hin zu Kommunikations- und Rezeptionsforschung. Dabei basieren die einzelnen Kapitel auf verschiedensten Forschungsprojekten und -erfahrungen, in denen Gruppendiskussionen zumeist als eine unter mehreren qualitativen, teils auch quantitativen Erhebungsmethoden eingesetzt wurden. [13]

Doch, wie einleitend bereits erwähnt, geht es hier nicht nur um das Verfahren der Gruppendiskussion – wie etwa der Buchtitel suggeriert – sondern um dessen spezielle Anwendung auf Grundlage der dokumentarischen Methode. Nun wurde diese Methode aus der Praxis des Forschens heraus entwickelt und soll daher auch selbst als das verstanden werden, was sie in der Empirie zu ergründen sucht: als ein modus operandi, also als Habitus im BOURDIEUschen Sinne. Demgemäß sei die Vermittlung der Methode "in Aktion" angemessener als über formale Regeln, wie BOHNSACK et al. in ihrer Einleitung (S.13) unter Bezug auf BOURDIEU herausstellen. Es ist dieser Anspruch, dem der vorliegende Band gerecht werden will – und kann. So liegt sein ganz besonderer Wert darin, Beiträge zu versammeln, bei deren Lektüre man den Forschenden insbesondere bei der Interpretation ausgewählter Transkriptteile mithilfe der dokumentarischen Methode über die Schulter sehen kann. [14]

Insbesondere KennerInnen der dokumentarischen Methode finden hier also einen – weiteren – spannenden und hilfreichen Katalog von Beispielen und Reflexionen zu deren Umsetzung. Dieser reiht sich ein in eine wachsende Reihe an Buchbeiträgen, die seit einigen Jahren aus der intensiven Diskussion und Weiterentwicklung dieser Forschungsstrategie hervorgegangen sind (insbesondere BOHNSACK et al. 2007b in 2. Auflage; BOHNSACK 2003 in 5. Auflage). Prominente VertreterInnen dieser Forschungsrichtung sind unter den AutorInnen auch dieses Bandes. Im Lesendenkreis wiederum dürften sich nur diejenigen angesprochen fühlen, die mit dieser Strategie, man kann schon sagen "Schule", mit ihrer Genese und ihren zentralen Elementen und Prinzipien bereits vertraut sind. Denn obgleich die Herausgebenden eine kurze Positionierung im weiteren historischen Kontext vornehmen, geschieht dies nicht mit dem Anspruch einer einführenden Lektüre. Das Ergebnis ist eine komplexe Einleitung, die für NovizInnen auf diesem meta-theoretischen Terrain nur schwer lesbar sein dürfte. Obgleich ausreichend Verweise auf die bestehende Einführungsliteratur gegeben werden, wird die Chance, Lesende zu einer Auseinandersetzung mit dieser zu bewegen, gleichermaßen von der Gefahr begleitet, vor einer ebensolchen Auseinandersetzung vorschnell abzuschrecken. [15]

Jedes weitere Kapitel ist gut für sich allein lesbar, da je ein eigener thematischer Rahmen abgesteckt und der Beitrag zum jeweiligen Forschungsfeld in allen Fällen klar skizziert wird. Aber auch hier gilt, dass sich diese Kapitel am besten als (weitere) anschauliche Parallellektüre zu den vorhandenen Einführungswerken lesen. Dass im vorliegenden Band der Anwendungsaspekt im Vordergrund steht, eine beständige Reflexion der Methode jedoch ebenfalls gewünscht ist, hat nachteilige Nebeneffekte. In allen Kapiteln finden zentrale Aspekte der dokumentarischen Methode Erwähnung, ohne jeweils weiter erläutert zu werden. Dabei kommen leider in den meisten Kapiteln die methodologischen Diskussionen speziell zum Gruppendiskussionsverfahren etwas zu kurz beziehungsweise dieses wird ausschließlich im Hinblick auf die dokumentarische Methode reflektiert. So enthält jedes Kapitel den Vermerk, dass über den Einsatz von Gruppendiskussionen implizites Wissen bzw. schwer zugängliche kollektive Orientierungen beobachtbar gemacht werden können und dass sich eine komparative Herangehensweise als besonders fruchtbar erweist. Daneben werden immer wieder methodisch-theoretische Aspekte thematisiert, die im Fall von Gruppendiskussionen besonders relevant sind, wie beispielsweise der Umgang mit zwei verschränkten Diskursen, dem der Erforschten untereinander und dem der Erforschten mit den Forschenden. Insgesamt wirkt der Band als Ganzes auf diese Weise recht iterativ und bietet gleichzeitig nicht immer eine angemessene Aufklärung über grundsätzliche Begrifflichkeiten und Prämissen. [16]

Gleichzeitig bleiben zahlreiche forschungspraktische Fragen zur Vor- und Nachbereitung und Durchführung der Diskussionsgruppen, wie Gruppenzusammensetzung und -größe, Zeitpunkt, Ort, Raumgestaltung oder Aufzeichnungstechniken, unberührt. Auch in dieser Hinsicht werden viele LeserInnen bestehende Einführungswerke hinzuziehen müssen. Dabei ist es gar nicht abwegig, den Blick auf die englischsprachige Literatur zu focus groups auszuweiten, obgleich sich die Herausgebenden hiervon abzugrenzen versuchen. Auch wenn diese Verfahren, wie sie in den 1980er Jahren vor allem im nordamerikanischen Kontext weiterentwickelt wurden, oft nicht der meta-theoretischen Begründung der dokumentarischen Methode entsprechen und in der Tat oft auf ihre Rolle als hypothesengenerierende Vorarbeiten zu Umfragestudien beschränkt werden, ist es keineswegs der Fall, dass hier die Konversation zwischen den Teilnehmenden völlig außer Acht bleibt. In jüngeren Arbeiten wird sehr wohl auch in theoriebezogener Weise erörtert, inwiefern focus groups besonderen Zugang gewähren zu habituellem Wissen (CALLAGHAN 2005) und zu schwer zugänglichen oder sehr peer group-spezifischen Wissensformen und Orientierungen (BARBOUR 2007, S.15-17). [17]

Unter dem Strich ist es die Praxis der "dokumentarischen Interpretation" der aus Gruppendiskussionen resultierenden Transkripte, die in diesem Band veranschaulicht werden soll. Dass die entsprechenden Transkriptauszüge in den Kapiteln abgedruckt und, angesichts der Komplexität des hier verwandten Transkriptionssystems, die Richtlinien der Transkription in einem kurzen Anhang beigefügt sind, verstärkt die Nachvollziehbarkeit des Interpretationsganges und damit den praktischen Lerneffekt ganz wesentlich. Doch bleibt auch in der überarbeiteten Auflage das Problem bestehen, dass in einigen Kapiteln abweichende Transkriptionszeichen verwendet wurden. Ebenso schade bleibt, dass der Buchtitel den sehr speziellen Gehalt dieses Bandes nicht expliziert. [18]

Literatur

Barbour, Rosaline (2007). Doing focus groups. London: Sage.

Bohnsack, Ralf (1989). Generation, Milieu und Geschlecht. Ergebnisse aus Gruppendiskussionen mit Jugendlichen. Opladen: Leske + Budrich.

Bohnsack, Ralf (1997). Gruppendiskussionsverfahren und Milieuforschung. In Barbara Friebertshäuser & Annedore Prengel (Hrsg.), Handbuch qualitativer Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft (S.492-502). Weinheim: Juventa.

Bohnsack, Ralf (2003). Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden (5. Auflage). Opladen: Leske + Budrich.

Bohnsack, Ralf; Nentwig-Geseman, Iris & Arnd-Michael Nohl (2007a). Einleitung: Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis. In Ralf Bohnsack; Iris Nentwig-Geseman & Arnd-Michael Nohl (Hrsg.), Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis. Grundlagen qualitativer Sozialforschung (S. 9-27). Wiesbaden: VS.

Bohnsack, Ralf; Nentwig-Geseman, Iris & Arnd-Michael Nohl (Hrsg.) (2007b). Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis. Grundlagen qualitativer Sozialforschung (2. Auflage). Wiesbaden: VS.

Callaghan, Gill (2005). Accessing habitus. Sociological Research Online, 10(3), http://www.socresonline.org.uk/10/3/callaghan.html [Datum des Zugriffs: 11.12.2010].

Jauk, Daniela (2007). Rezension zu: Ralf Bohnsack, Aglaja Przyborski & Burkhart Schäffer (Hrsg.) (2006). Das Gruppendiskussionsverfahren in der Forschungspraxis. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(3), Art. 12, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0703125 [Datum des Zugriffs: 11.12.2010].

Keller, Reiner; Hirseland, Andreas; Schneider, Werner & Viehöfer, Willy (Hrsg.) (2010). Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse 2: Forschungspraxis. Wiesbaden: VS.

Loos, Peter & Schäffer, Burkhard (2001). Das Gruppendiskussionsverfahren. Theoretische Grundlagen und empirische Anwendungen. Opladen: Leske + Budrich.

Mangold, Werner (1960). Gegenstand und Methode des Gruppendiskussionsverfahrens. Aus der Arbeit des Instituts für Sozialforschung. Frankfurt/M.: Europäische Verlagsanstalt.

Mannheim, Karl (1980). Strukturen des Denkens. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Strauss, Anselm & Corbin, Juliet (Hrsg.) (1997). Grounded theory in practice. Thousand Oaks: Sage.

Zur Autorin

Diana SCHMIDT-PFISTER ist Politikwissenschaftlerin und Akademische Mitarbeiterin im Exzellenzcluster "Kulturelle Grundlagen von Integration" an der Universität Konstanz. Ihre Forschungsinteressen umfassen qualitative Methoden sowie verschiedene Thematiken, die von einem starken Bezug zu Werteforschung und Kulturtheorie geprägt sind und in der empirischen Forschung die Herausforderung bergen, implizites Wissen der Erforschten explizit zu machen. Dazu gehören unter anderem Korruption, politisches Engagement und Ethik sowie Integrität in der Wissenschaft.

Kontakt:

Dr. Diana Schmidt-Pfister

Exzellenzcluster 16 "Kulturelle Grundlagen von Integration"
Universität Konstanz
Fach 213
D-78457 Konstanz

Tel.: +49 (0)7531-88-5612

E-Mail: diana.schmidt-pfister@uni-konstanz.de
URL: http://www.exc16.de/cms/schmidt-pfister.html?&L=0

Zitation

Schmidt-Pfister, Diana (2011). Rezension: Ralf Bohnsack, Aglaja Przyborski & Burkhard Schäffer (Hrsg.) (2010). Das Gruppendiskussionsverfahren in der Forschungspraxis [18 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 12(2), Art. 2, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs110225.



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