Volume 12, No. 2, Art. 20 – Mai 2011

Rezension:

Dina El-Najjar

Irena Medjedović & Andreas Witzel (2010). Wiederverwendung qualitativer Daten. Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Interviewtranskripte. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften; 165 Seiten; ISBN: 978-3-531-15571-5; EUR 19,95

Zusammenfassung: Die Arbeit von Irena MEDJEDOVIĆ und Andreas WITZEL gibt einen Einblick in die Thematik der sekundäranalytischen Forschung. Der Aufbau des Buches ist gut durchdacht; die Kapitel bringen den Lesenden schrittweise die Thematik näher und stellen dabei die unterschiedlichen Facetten einer qualitativen Sekundäranalyse dar. Das Buch greift zentrale Themen in Zusammenhang mit der Sekundäranalyse auf und zeigt anhand konkreter Beispiele, in welcher Weise Sekundäranalysen zu einem besseren Verständnis des Forschungsgegenstands beitragen können. Die Autorin und der Autor wecken mit diesem Werk das Interesse der Lesenden für diese Methode, überzeugen von der Effizienz dieser Forschungsstrategie und bauen Skepsis gegenüber Sekundäranalysen ab.

Keywords: Sekundäranalyse; Datenarchiv; Anonymisierung; Datenschutz; Interview

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung in das Forschungsfeld

2. Nutzen der Wiederverwendung qualitativer Daten für die Wissenschaft

3. Entwicklung eines idealtypischen Modells einer kumulativen Sekundäranalyse

4. Rahmenbedingungen qualitativer Sekundäranalysen

4.1 Methodologische Problemstellungen und Voraussetzungen einer Sekundäranalyse

4.2 Datenschutz

4.3 Gegenwärtige Archivsituation qualitativer Daten

5. Die Praxis der Sekundäranalyse und qualitativen Datenarchivierung in Deutschland

6. Aufbau einer zentralen Forschungsinfrastruktur für qualitative Daten in Deutschland

7. Fazit

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. Einführung in das Forschungsfeld

Bevor ich auf das Buch eingehe, möchte ich das Themenfeld der Sekundäranalyse vorstellen und einen Einblick in nationale sowie internationale Entwicklungen der Wiederverwendung qualitativer Daten gewähren. [1]

Die qualitative Forschung gewinnt international, aber insbesondere auch in Deutschland und Österreich zunehmend an Bedeutung (MRUCK 2005). Qualitative Daten sind als reichhaltiges Forschungsmaterial zu betrachten, denn sie verfügen über genügend Potenzial, um einer erneuten Analyse unterzogen zu werden. Es bestehen verschiedene methodische Herangehensweisen an die Wiederverwendung qualitativer Daten; Janet HEATON (2004, S.38) differenziert fünf Typen der qualitativen Sekundäranalyse: Die Supra Analysis verfolgt das Ziel, neue Fragestellungen an das bereits vorhandene Datenmaterial der Primärstudie heranzutragen. Die Supplementary Analysis hingegen möchte jene inhaltlichen Aspekte oder Themenbereiche untersuchen, die im Zuge der Primärstudie nicht ausreichend oder gar nicht erforscht worden sind. Die Re-Analysis beabsichtigt eine Verifizierung oder Falsifizierung der Primärstudie durch die nochmalige Untersuchung der Datengrundlage. Eine Wiederverwendung der Daten, im Zuge derer zwei oder mehrere Primärstudien zusammengefügt werden, um diese miteinander zu vergleichen oder eine größere Stichprobe zu erlangen, bezeichnet HEATON als Amplified Analysis. Die Assorted Analysis kombiniert die Sekundäranalyse vorhandener Daten mit einer neuen Erhebung. [2]

Obwohl in Deutschland und Österreich die qualitative Sozialforschung durch die Finanzierung zahlreicher Forschungsprojekte vorangetrieben wird, existiert für qualitative Daten – anders als für quantitative Daten – keine Kultur der Archivierung und Sekundärnutzung. Die Etablierung einer sekundäranalytischen Tradition setzt den Aufbau von Datenarchiven für die Deponierung und Bereitstellung qualitativer Studien voraus (siehe auch CORTI & BISHOP 2005; VAN DEN BERG 2005; GILLIES & EDWARDS 2005). Für den deutschsprachigen Raum lässt sich eine fehlende Debatte über die Sekundäranalyse qualitativer Daten und die damit verbundene Forschungskultur konstatieren (MEDJEDOVIĆ 2007). [3]

Demgegenüber haben im englischen Sprachraum eine voranschreitende Debatte und die Gründung und erfolgreiche Etablierung qualitativer Datenarchive stattgefunden. Eine Vorbildfunktion in Europa nimmt das britische Datenarchiv ESDS Qualidata ein: Es archiviert seit 1994 qualitative Daten und stellt diese für die Sekundärnutzung zur Verfügung. Ein wesentlicher Schritt, der zur Etablierung einer sekundäranalytischen Forschungstradition in Großbritannien beigetragen hat, ist die Maßnahme des Economic and Social Research Council (ESRC), das geförderte ProjektleiterInnen verpflichtet, ihre Daten in einem geeigneten Archiv abzulegen (CORTI 2000). Außerdem müssen AntragstellerInnen nachweisen, dass nicht bereits Datensätze zum vorgeschlagenen Erkenntnisinteresse vorliegen und eine neue Datenerhebung daher gerechtfertigt ist (ESRC 2000). [4]

Das in Österreich an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien durchgeführte Archivprojekt, das in Kooperation mit dem Wiener Institut für sozialwissenschaftliche Dokumentation und Methodik (WISDOM) unternommen wurde (RICHTER, SMIOSKI & BENDL 2009; MÜLLER, SMIOSKI & BISCHOF 2009), zeigte hingegen, dass ein Großteil der Forschungsdaten an der Fakultät nach Projektende entweder ohne entsprechende Aufbereitung aufbewahrt oder sogar vernichtet wurde. Die Lage in Deutschland ist ähnlich; die deutsche Machbarkeitsstudie zur Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Interviewdaten (OPITZ & MAUER 2005) ergab, dass bereits 13 Prozent der Projektdaten der letzten zehn Jahre (ab 1994) nicht mehr zu rekonstruieren waren. Eine weitere WISDOM-Studie (MÜLLER, SMIOSKI, CASADO ASENSIO & KRITZINGER 2008) machte deutlich, dass die sozialwissenschaftliche Community in Österreich am Aufbau und der Etablierung eines qualitativen Datenarchivs und der Wiederverwendung dieser Daten interessiert ist, dennoch werden damit verbundene Ängste und Unsicherheiten methodologischer und forschungsethischer Art sichtbar (siehe auch BARBOUR & ELEY 2007; CORTI 2000; HEATON 2004; HAMMERSLEY 1997). Methodologische Einwände betreffen bspw. das Problem der Spezifität der Primärstudie und die De-Kontextualisierung der Daten (siehe auch MEDJEDOVIĆ 2007; VAN DEN BERG 2005; MASON 2007). Aus einer forschungsethischen Perspektive befinden sich ForscherInnen in dem Spannungsfeld, einerseits die Vertraulichkeit der ihnen anvertrauten Daten zu gewährleisten, andererseits die Daten einer breiteren Forschungscommunity zur Verfügung zu stellen (CORTI, DAY & BACKHOUSE 2000). [5]

In dem vorliegenden Buch von Irena MEDJEDOVIĆ und Andreas WITZEL werden bedeutende Themen der Datenarchivierung und Sekundärnutzung qualitativer Daten zusammenfassend behandelt. Das Buch verortet sich in der deutschsprachigen Debatte zu diesem Thema. Die Autorin und der Autor waren zum Zeitpunkt der Publikation selbst am Archiv für Lebenslaufforschung (ALLF) an der Universität Bremen tätig. Dadurch ist es ihnen gelungen, in ihrem Buch theoretisches und praktisches Wissen zu kombinieren. Allein schon deshalb ist das Buch als bedeutender Beitrag zur deutschen qualitativen Archiv- und Sekundäranalysekultur zu betrachten. [6]

2. Nutzen der Wiederverwendung qualitativer Daten für die Wissenschaft

Im ersten Kapitel heben die Autorin und der Autor den Nutzen der Wiederverwendung qualitativer Daten für die Wissenschaft hervor, insbesondere in einer Zeit, wo ForscherInnen mit gekürzten Mitteln und knappen Ressourcen zu kämpfen haben. [7]

Hierbei wird dargelegt, dass die Sekundäranalyse nicht nur ökonomische Vorzüge vorzuweisen, sondern auch einen methodologischen und theoretischen Nutzen für die Wissenschaft hat. Insbesondere birgt laut MEDJEDOVIĆ und WITZEL (2005) die Sekundäranalyse ein großes Potenzial für die Theorie- und Wissensproduktion, weil neue Fragestellungen an das bestehende Material herangetragen und somit neue Perspektiven auf die Daten eröffnet werden können. Die Autorin und der Autor führen überzeugende Argumente für eine Sekundäranalyse an und zitieren bedeutende WissenschaftlerInnen auf diesem Forschungsgebiet, unter anderem HEATON (2004), VAN DEN BERG, WETHERELL und HOUTKOOP-STEENSTRA (2003), CORTI und BISHOP (2005) sowie FIELDING (2000). Nach HEATON (2004) werden auch ergänzende und vergleichende Analysen durch die Zusammenführung unterschiedlicher Studien, die in qualitativer Forschung kaum vorzufinden sind, ermöglicht. Die Etablierung einer sekundäranalytischen Forschungstradition setze auch Impulse für die Methodenentwicklung, da sie ForscherInnen ermögliche, im Hinblick auf archivierte Daten unterschiedliche Ansätze und Herangehensweisen zu diskutieren, Methoden zu verbessern und neue Methoden zu generieren (VAN DEN BERG et al. 2003). Nach CORTI und BISHOP (2005) unterstützt die Einbeziehung bereits vorhandener Forschungsdaten in die akademische Lehre eine umfassende Methodenausbildung der Studierenden, denn die einzelnen Schritte des Forschungsprozesses, von der Planung bis zur Realisierung des Vorhabens, würden für Studierende verdeutlicht und nachvollziehbarer. Ebenso könnten verschiedene Erhebungs- und Auswertungsverfahren veranschaulicht und unter einem kritischen Blickwinkel betrachtet werden. Insbesondere biete sich die Sekundäranalyse für die Erforschung seltener Vorkommnisse und schwer zugänglicher Bevölkerungsgruppen an (FIELDING 2000). Ein etabliertes Datenarchiv – so MEDJEDOVIĆ und WITZEL – biete Studierenden die Möglichkeit, auf eine Sammlung hochwertiger Daten zurückzugreifen, die einen Einblick in differenzierte Themenbereiche und methodische Ansätze gewähre. Außerdem verschaffe die Dokumentation und Archivierung von Forschungsdaten einen Überblick über die Forschungslandschaft, sichere die Transparenz wissenschaftlicher Forschung und ziehe zudem qualitätssichernde Maßnahmen (bspw. die ausführliche Dokumentation des Forschungsprozesses) nach sich (siehe auch DFG 2009). [8]

3. Entwicklung eines idealtypischen Modells einer kumulativen Sekundäranalyse

Kapitel 2 veranschaulicht die Strategie der Sekundäranalyse anhand einer zunächst unveröffentlichten qualitativen sekundäranalytischen Studie zum Thema "Berufsfindung und Berufsberatung" aus den 1980er Jahren, die an der Universität Bremen durchgeführt wurde und an welcher WITZEL selbst maßgeblich beteiligt war (siehe auch HEINZ, WACHTVEITL & WITZEL 1986, 1987). Laut MEDJEDOVIĆ und WITZEL befand sich die qualitative Sozialforschung zum damaligen Zeitpunkt noch in den Kinderschuhen und die qualitative Sekundäranalyse war gänzlich unbekannt. MEDJEDOVIĆ und WITZEL bemühen sich, die Studie in der heutigen Diskussion zu verorten. Die methodologischen und theoretischen Vorgehensweisen des Projekts seien vom Forschungsteam genau beschrieben und dokumentiert worden. Dies ermöglichte MEDJEDOVIĆ und WITZEL einen Einblick in den Forschungsprozess und sie konnten ein Verständnis für die damaligen methodologischen Entscheidungen, Grundlagen und Erfahrungen der Forschenden entwickeln. Im Zuge der sekundäranalytischen Auswertung wurde als erster Schritt eine vertiefende Sekundäranalyse bzw. Supplementary Analysis (siehe auch HEATON 2004) durchgeführt. Das heißt, es wurden einerseits inhaltsreiche von weniger inhaltsreichen Daten getrennt und andererseits eine der Datengrundlage angemessene und relevante sekundäranalytische Fragestellung formuliert. Im nächsten Schritt entschied sich das Forschungsteam für eine vergleichende Sekundäranalyse bzw. Amplified Analysis (siehe auch HEATON 2004). Die Daten des Ausgangsprojekts wurden mit weiteren thematisch relevanten Studien aus dem Raum Bremen, München, Dortmund und Hamburg ergänzt, um eine größere Stichprobe zu erzielen und dadurch eine Datengrundlage mit unterschiedlichen personenspezifischen und regionalen Merkmalen zu generieren. Im Zuge der vergleichenden Sekundäranalyse wurden die einzelnen, thematisch ähnlichen Studien zusammengeführt, um diese zu einem Gesamtbild des Problemfeldes der biografischen Berufsfindung und Berufsberatung zu vereinigen. [9]

Am Beispiel dieser empirischen Studie entwickeln MEDJEDOVIĆ und WITZEL ein idealtypisches Modell einer kumulativen bzw. vergleichenden Sekundäranalyse. Diese sei in unterschiedliche, aufeinander folgende Forschungsphasen gegliedert. Die erste Phase des sekundäranalytischen Forschungsprozesses solle dazu dienen, inhaltliche, theoretische sowie methodische Zielsetzungen der Sekundäranalyse zu formulieren. In der zweiten Forschungsphase sollten Primärstudien recherchiert und die Relevanz dieser Studien für die Fragestellung überprüft werden. Als Unterstützung diene eine vergleichende Kurzcharakteristik der Studien. Der Anteil der einzelnen Projekte für die Beantwortung der Forschungsfrage sei zu eruieren. Diese Forschungsphase solle einen Zugang zu den Primärdaten verschaffen und eine Datengrundlage sichern. Im Zuge der dritten Phase stehe die Entwicklung und Erprobung eines ersten sequenziellen bzw. problemzentrierten Auswertungsschemas im Vordergrund. Ein Suchraster mit Kategorien bzw. Kodes solle Paraphrasen und Zitate der Einzelfalldarstellungen gliedern und ordnen. Das Schema sei auf die gesamte Stichprobe einer Studie anzuwenden und je nach Bedarf zu ergänzen bzw. zu korrigieren. Die vierte Forschungsphase beschäftige sich mit der Entwicklung eines situationsorientierenden Auswahlverfahrens. Orientierungen und Handlungen der interviewten Personen sollten nur dann rekonstruiert werden, wenn sie einen Bezug zur Forschungsfrage aufweisen und somit zur Beschreibung einer bestimmten Situation beitragen. Dadurch komme es zu einer Datenreduktion. Das in Phase drei entwickelte sequenzielle Auswertungsschema solle dann im fünften Schritt auf alle weiteren Studien angewendet werden. Die sechste Phase diene der Entwicklung eines vergleichenden Auswertungsschemas für alle Studien, welches in Schritt sieben zu einer zweiten Phase der Datenauswertung, der Vergleichsanalyse, führen solle. Die für die Fragestellung herausgearbeiteten relevanten Kategorien würden einen übersichtlichen Vergleich der einzelnen Studien ermöglichen, um sekundäranalytische Fragestellungen und Hypothesen zu prüfen. Die abschließende Phase des Forschungsprozesses bilde die Ergebnisaufbereitung. [10]

MEDJEDOVIĆ und WITZEL kommen zum Schluss, dass die kumulative Sekundäranalyse eine große Herausforderung darstelle, weil mehrere Datensätze mit großem Umfang zu bewältigen seien und sich ein kumulatives Gesamtergebnis aus der Ergänzungsfunktion der unterschiedlichen Studien sowie der darin angewandten Interviewmethoden zusammensetze. [11]

4. Rahmenbedingungen qualitativer Sekundäranalysen

Kapitel 3 ist das insgesamt umfangsreichste Kapitel des Buches und in drei Abschnitte gegliedert, die sich mit methodologischen Prämissen, Datenschutz und der Archivsituation im internationalen Vergleich auseinandersetzen. [12]

Im ersten Abschnitt greifen die Autorin und der Autor auf Basis einer Literaturrecherche die methodologischen Probleme der Sekundäranalyse bzw. die Kritik an der sekundäranalytischen Vorgehensweise auf und stellen kompatible Lösungsansätze vor. Nach Klärung der methodologischen Besonderheiten dieser Forschungsstrategie werden methodologische Voraussetzungen formuliert, die Primärdaten für eine Sekundäranalyse vorzuweisen haben. [13]

4.1 Methodologische Problemstellungen und Voraussetzungen einer Sekundäranalyse

Einführend widmen sich die AutorInnen der Kritik von MAUTHNER, PARRY und BACKETT-MILBURN (1998), welche besagt, dass Daten nicht außerhalb ihres unmittelbaren Entstehungskontexts ausgewertet und interpretiert werden könnten, weil dadurch eine De-Kontextualisierung von Primärdaten stattfinde. Doch sei dies – so MEDJEDOVIĆ und WITZEL – nicht als ein "epistemologisches Problem", sondern vielmehr als ein "praktisches Problem" aufzufassen (FIELDING 2004, S.99, zit. n. MEDJEDOVIĆ & WITZEL, S.56). Mithilfe einer detaillierten Dokumentation des Forschungsprozesses sei das Nachvollziehen des Interviewkontextes möglich. Transkripte als verschriftlichte Form des kontextabhängigen Kommunikationsprozesses böten Aufschluss über die Eignung der Primärdaten für die sekundäranalytische Fragestellung. Postskripte, welche bedeutende Ereignisse sowie subjektive Erlebnisse und Eindrücke der ForscherInnen beinhalten, könnten weitere Informationen über den Gesprächskontext liefern (WITZEL 2000, S.10, zit. n. MEDJEDOVIĆ & WITZEL, S.30). Informationen zum sozialen Setting eines Interviews könnten Feld- und Interviewnotizen entnommen werden. Der spezielle Erhebungskontext der Primärstudie, Rahmenbedingungen, Forschungsinteressen, theoretische Vorannahmen und methodische Entscheidungen seien über meist unveröffentlichte Projektdokumente wie Projektantrag, Zwischenberichte, Notizen von Besprechungen, Leitfäden, Memos etc. erschließbar (STEINKE 1999, S.208-214, zit. n. MEDJEDOVIĆ & WITZEL, S.59). Laut MEDJEDOVIĆ und WITZEL ist der Kontext für das sekundäranalytische Vorhaben von Bedeutung, weil dadurch analytische Einschränkungen und Möglichkeiten einer Sekundäranalyse erkannt werden könnten. Die Erschließung des Kontexts setze eine ausführliche Dokumentation der Primärstudie voraus. Dies sei jedoch in vielen Fällen nicht gegeben. [14]

Ganz im Einklang mit MEDJEDOVIĆ und WITZEL verdeutlichte die von der Universität Wien und WISDOM durchgeführte Machbarkeitsstudie zur Archivierung qualitativer und quantitativer Daten (RICHTER et al. 2009; Müller et al. 2009), dass sehr häufig die Unvollständigkeit des Datenmaterials ein grundlegendes Problem für eine Archivierung und Wiederverwendung der Daten darstellt. Zu einer ausführlichen Dokumentation – so die Empfehlungen der Studie – gehörten die Beschreibung der Interviewatmosphäre und der Interviewsituation, die Begründung für die Auswahl der Erhebungsmethoden sowie die Darstellung des Auswertungsvorgangs, die Anonymisierung des Datenmaterials und die Darlegung der angewendeten Anonymisierungsstrategien. Eine nachträgliche Dokumentation des Forschungsprozesses erweise sich aufgrund des Ressourcenmangels oft als schwierig. Abgesehen davon ist der Studie zufolge eine nachträgliche Dokumentation weniger authentisch, denn implizites und nicht dokumentiertes Wissen verblasst mit der Zeit in der Erinnerung. [15]

Resümierend halten MEDJEDOVIĆ und WITZEL fest, dass der Nachvollzug des theoretischen und methodischen Kontexts einer Primärstudie für eine Sekundäranalyse von großer Relevanz sei. Unter idealen Bedingungen bedeute eine Sekundäranalyse methodologisch gesehen kein Problem. Die Grundlage dafür sei aber leider oft nicht gegeben. Die Ausgangsbedingungen für eine sekundäranalytische Auswertung zu schaffen erfordere eine genaue Dokumentation sowie ein Datenmanagement auf hohem Niveau. Vor allem gelte es, hier ein Bewusstsein bei der wissenschaftlichen Community zu schaffen (siehe auch RICHTER et al. 2009; MÜLLER et al. 2009; OPTIZ & MAUER 2005). [16]

Nach MEDJEDOVIĆ und WITZEL besteht eine weitere methodologische Hürde in der Auswahl geeigneter Primärdaten für die Sekundäranalyse. Das Datenmaterial müsse genügend Potenzial für die Beantwortung weiterer Forschungsfragen haben (MEDJEDOVIĆ 2007). Die entsprechenden Daten für das sekundäranalytische Vorhaben zu eruieren, verlange eine ausgiebige Auseinandersetzung der Forschenden mit Primärstudien. SekundäranalytikerInnen sollten bei der Auswahl einer Primärstudie für die eigene Fragestellung folgende Punkte beachten: 1. Zielsetzung und konzeptioneller Rahmen der Studie; 2. tatsächlich behandelte Inhalte; 3. Vorgehensweise und angewendete Methoden der Datenerhebung; 4. Aktualität der erhobenen Daten sowie 5. Datenqualität bzw. wer die Daten erhoben hat. Der Erfolg einer Sekundäranalyse sei besonders dann gegeben, wenn die Fragestellungen und Methoden eine Nähe zur Primärstudie aufweisen (HINDS, VOGEL & CLARK-STEFFEN 1997; HEATON 2004). [17]

Zudem greifen MEDJEDOVIĆ und WITZEL das Thema Verifikation und Validierung von Primäranalysen durch Sekundäranalysen auf. Die Sekundäranalyse als Form der Re-Analyse anzuwenden und ihr Validierungspotenzial zuzuschreiben, sehen sie skeptisch. Laut MEDJEDOVIĆ und WITZEL kann die Bedeutung der Sekundäranalyse als ein Validität-prüfendes Instrument aus zwei Gründen relativiert werden: Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften seien soziale Phänomene zu variabel und daher sei eine –in der Naturwissenschaft übliche – Replikation im Rahmen der Sozialwissenschaften nicht angemessen (siehe auch HAMMERSLEY 1997). Außerdem seien wissenschaftstheoretisch-methodologische Gütekriterien in der qualitativen Forschungstradition noch nicht festgelegt. Hier verweisen die MEDJEDOVIĆ und WITZEL auf die in FQS laufende Debatte zu Qualitätsstandards qualitativer Sozialforschung (siehe auch BREUER 2000). [18]

MEDJEDOVIĆ und WITZEL betonen hier einen meiner Meinung nach sehr wichtigen Aspekt, nämlich dass Sekundäranalysen zwar auf methodologische Schwächen von Primärstudien hinweisen können, dass sie jedoch kein geeignetes Instrument zur Falsifizierung von Forschungsergebnissen sind. Der Sinn von Sekundäranalysen ist es vielmehr, alternative oder neue Perspektiven an das Datenmaterial heranzutragen: "Secondary analysis is less a matter of proving an analysis 'right' or 'wrong' than of identifying what themes it has not explored" (FIELDING & FIELDING 2000, S.680, zit. n. MEDJEDOVIĆ & WITZEL, S.62). [19]

4.2 Datenschutz

Der zweite Abschnitt des Kapitels befasst sich mit den datenschutzrechtlichen Aspekten qualitativer Datenarchivierung. MEDJEDOVIĆ und WITZEL gehen präzise auf die forschungsethische und datenschutzrechtliche Problematik in Zusammenhang mit der Datenarchivierung und der Datennutzung im Rahmen von Sekundäranalysen ein. Datenschutzrechtlichen Maßnahmen werden den LeserInnen durch Beispiele veranschaulicht. Außerdem werden Erläuterungen über Rechte und Pflichten im Zuge der Datenarchivierung und -nutzung dargelegt. Es werden vor allem Ansätze illustriert, wie datenschutzrechtliche Maßnahmen im Zuge des eigenen Forschungsvorhabens umgesetzt werden können. Da die qualitative Forschung "überwiegend eine Textwissenschaft" ist (FLICK, VON KARDORFF & STEINKE 2000, S.24, zit. n. MEDJEDOVIĆ & WITZEL, S.67), beziehen sich die Autorin und der Autor auf die rechtliche Lage in Bezug auf Interviewtranskripte, Feld-, Methoden- und Projektberichte. Es wird das besondere Verhältnis von ForscherIn und Untersuchungsperson hervorgehoben. Der Umgang mit qualitativen Daten sei heikel, weil diese vertrauliche Informationen über die Untersuchungsperson beinhalten und dadurch eine Re-Identifizierung des oder der Interviewten, insbesondere wenn er oder sie aus einer kleinen Population stammt, möglich sei. Laut MEDJEDOVIĆ und WITZEL soll im Idealfall bei der Datenweitergabe an Dritte eine Einwilligung der Untersuchungsteilnehmenden vorliegen. Unter bestimmten Umständen genüge eine mündliche Einwilligung des/der Befragten. Des Weiteren sei es ein Grundrecht der Befragten, selbst über den Gebrauch ihrer personenbezogenen Daten zu bestimmen (BVerfG 65, zit. n. MEDJEDOVIĆ & WITZEL, S.64). In diesem Zusammenhang nehme – so MEDJEDOVIĆ & WITZEL – das Konzept der Einverständniserklärung eine bedeutende Rolle ein. Dieses beinhalte, dass die ProbandInnen ausreichend über das Forschungsvorhaben informiert wurden und freiwillig am Projekt teilnehmen. Durch eine Einverständniserklärung stünden der Archivierung und Wiederverwendung der Daten keine Hindernisse im Weg. Auf der Homepage von ESDS Qualidata wird beschrieben, wie solche Einverständniserklärungen aussehen können, zudem werden Beispiele angeführt. [20]

In weiterer Folge wird von den MEDJEDOVIĆ und WITZEL die relevante Frage aufgegriffen, wie viel Anonymisierung notwendig ist. Ihnen zufolge ist diese Frage generell schwer zu klären, da die Beantwortung von Fall zu Fall verschieden sein könne. Qualitative Daten könnten im Verlauf des ganzen Interviews Informationen über Befragte und deren soziales Umfeld enthalten und seien deshalb in ihrer Anonymisierung sehr aufwendig; im Gegensatz zu quantitativen Daten, wo personenspezifische Daten durch Fragen stark strukturiert und standardisiert seien. Wie und in welchem Ausmaß eine Anonymisierung vorzunehmen ist, hänge somit von der Beschaffenheit der Daten ab. In Anlehnung an die quantitative Forschungstradition seien drei Anonymisierungsmaßnahmen zu differenzieren: Die formale Anonymisierung von Daten entferne direkte Identifizierungsmerkmale (Kontaktdaten wie Namen und Adresse). Im Zuge der faktischen Anonymisierung würden persönliche Angaben so reduziert oder verändert, dass eine Re-Identifizierung der Person nur durch hohen Arbeitsaufwand und zusätzliche Kosten möglich wäre und deshalb nicht zu erwarten sei. Das Restrisiko der De-Anonymisierung sei so gering, dass es der interviewten Person zugemutet werden könne (METSCHKE & WELLBROCK 2002, S.22, zit. n. MEDJEDOVIĆ & WITZEL, S.76, 79). Inwieweit dieses Anonymisierungskonzept ohne rechtlich-ethische Bedenken umgesetzt werden kann, ist meiner Ansicht nach fraglich. Denn Forschende sollten jede Möglichkeit einer Identifizierung ausschließen können. Aus diesem Grund ist meiner Meinung nach die dritte Möglichkeit, die der absoluten Anonymisierung, vorzuziehen: Hier werden die Daten so verändert, dass jeglicher Personenbezug ausgeschlossen werden kann. MEDJEDOVIĆ und WITZEL schlagen für die Anonymisierung personenbezogener Angaben die Verwendung von Pseudonymen vor. Im Einzelfall seien wirklich heikle Interviewpassagen zu löschen. Zusätzlich empfehlen sie, die Zugangsmöglichkeiten (direkte Datenweitergabe, Nutzung vor Ort, Online-Zugriff) eines Datenarchivs sowie die Rechte und Pflichten in Zusammenhang mit der Datennutzung detailliert in einer Nutzungsvereinbarung festzulegen. [21]

Zusammenfassend halten MEDJEDOVIĆ und WITZEL fest, dass das Thema Datenschutz durch eine besondere Komplexität geprägt sei. Ich schließe mich der Autorin und dem Autor an, denn es ist sehr schwierig, ein Best-Practice-Modell in Bezug auf Anonymisierung vorzuschlagen bzw. Daten so aufzubereiten, dass keine bedeutenden Informationen verloren gehen. Die Anonymisierung sollte von den PrimärforscherInnen durchgeführt werden, denn diese sind mit der Studie und den Daten so vertraut, dass sie bspw. passende Pseudonyme für Namen, Berufsstand, Ortschaften etc. auswählen können, ohne dass es zu einer Verzerrung und infolgedessen einer Missinterpretation der Forschungsdaten kommen kann. Es ist darauf zu achten, dass während der Anonymisierung der Sinngehalt des transkribierten Materials nicht verloren geht (siehe auch FUCHS-HEINRITZ 2009). Problematisch ist allerdings die Tatsache, dass zum Thema Anonymisierung von qualitativen Datenbeständen generell nur wenig publizierte Literatur vorliegt. Es gilt, ein erhöhtes Bewusstsein für die Feinheiten der Anonymisierung und dadurch den Schutz der Interviewten zu schaffen. Insbesondere hier sehe ich die Funktion eines Datenarchivs als Kompetenzzentrum für die Beratung von WissenschafterInnen. Würde die Anonymisierung von Beginn der Forschung an als wesentlicher Punkt mitbedacht, so sollte sich eine Anonymisierung der Datenbestände einfacher erweisen. [22]

4.3 Gegenwärtige Archivsituation qualitativer Daten

Abschließend legen die Autorin und der Autor die nationale und internationale Archivsituation dar, was LeserInnen einen Einblick in die bisherige Entwicklung und gegenwärtige Situation qualitativer Datenarchive in Europa erlaubt. MEDJEDOVIĆ und WITZEL führen an, dass international verstärkt Initiativen erkennbar seien (bspw. Machbarkeitsstudien, Gründung neuer Forschungsinfrastrukturen, Förderung des Austauschs europäischer Datenarchive), um professionelle Archivierungskonzepte zu erarbeiten sowie qualitatives Datenmaterial zu sammeln und zu archivieren. International (insbesondere in Großbritannien) habe sich die Forschungsstrategie der Sekundäranalyse als ein eigenes Forschungsgebiet durchgesetzt; die sekundäre Datennutzung und die Archivierung sozialwissenschaftlicher Daten sei in die wissenschaftliche Forschungskultur integriert. [23]

Für den deutschsprachigen Raum ziehen MEDJEDOVIĆ und WITZEL folgendes Resümee: In Österreich archiviere WISDOM als nationales zentrales Datenarchiv seit 2007 neben quantitativen Datenbeständen auch qualitative Studien. In der Schweiz sei das Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften das angehende Archiv für qualitative sozialwissenschaftliche Daten. MEDJEDOVIĆ und WITZEL stellten fest, dass die grundlegenden Voraussetzungen für eine qualitative Datenarchivierung und somit die Etablierung einer nationalen Data Sharing Culture noch nicht geschaffen seien und ein großer Nachholbedarf bestehe. In Deutschland fehle ein professionelles Wissensmanagement sowie ein organisierter Datenzugang. Qualitative Daten würden an Universitätsinstituten aufbewahrt und entsprächen nicht den Grundanforderungen für eine Archivierung bspw. hinsichtlich Aufbereitung, Aufbewahrungs- und Zugriffsmöglichkeiten (DFG 1998, Empfehlung Nr. 7, zit. n. MEDJEDOVIC & WITZEL, S.88). [24]

Laut MEDJEDOVIĆ und WITZEL existieren in Deutschland nur wenige dezentrale Datenarchive für qualitative Daten. Die meisten Datenarchive hätten einen klassischen historischen Schwerpunkt, so auch ALLF, das 2000 gegründet wurde und einen umfangreichen und gut dokumentierten Datenbestand vorweise. Durch die günstige Ausgangssituation eigne sich ALLF für den weiteren Aufbau einer bundesweiten Servicestelle qualitativer Daten ("QualiService") und plane deren Auf- bzw. Ausbau. [25]

5. Die Praxis der Sekundäranalyse und qualitativen Datenarchivierung in Deutschland

Die ersten Schritte der Umsetzung dieses Vorhabens werden im 4. Kapitel beschrieben. Hierzu wird zunächst über das DFG-Projekt "Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Interviewdaten. Eine Machbarkeitsstudie" informiert, die 2003 bis 2005 gemeinsam von ALLF und dem Zentralarchiv für Empirische Sozialforschung (ZA) an der Universität zu Köln durchgeführt wurde. Ziel der Untersuchung waren eine Bestandsaufnahme des Diskurses zur Sekundäranalyse qualitativer Daten der letzten zehn Jahre (ab 1994) und die Entwicklung eines innovativen Modells für die Archivierung qualitativer Daten. Empirische Grundlage der Studie war eine schriftliche Befragung; deren Rücklaufquote betrug 39 Prozent, also 430 von insgesamt 1.104 ProjektleiterInnen, die insgesamt 1.750 Projekte betreuten. Die schriftliche Befragung wurde durch 36 ExpertInnengespräche in Form problemzentrierter Interviews ergänzt. [26]

Den Ergebnissen der Studie zufolge war ungefähr die Hälfte der Befragten mit der Sekundärnutzung qualitativer Daten vertraut. Meist seien die eigenen Projektdaten sekundäranalytisch genutzt worden, und zwar im Bereich der akademischen Lehre, für Qualifikationsarbeiten und bei der Vorbereitung neuer Forschungsprojekte. Es sei insgesamt davon auszugehen, dass die Sekundäranalyse viel verbreiteter ist als oft angenommen, weil der Begriff Sekundäranalyse vielen WissenschafterInnen nicht vertraut sei und die Bearbeitung des eigenen Primärprojekts oft gar nicht als sekundäranalytische Forschung aufgefasst werde. Die Nutzung fremder Daten sei allerdings wenig verbreitet und auf die fehlende Anerkennung der Sekundäranalyse als eigene Forschungsstrategie zurückzuführen. Es fehle an einem institutionalisierten Anbieter wie z.B. einem Datenarchiv, welches Zugang zu geeigneten Daten verschaffe. 80 Prozent der Wissenschaftsgemeinde, so die Studie, sei an der Nutzung qualitativer Primärdaten und am Aufbau einer Forschungsinfrastruktur sehr interessiert. Aber nur die Hälfte der Daten seien in elektronischer Form vorhanden, oft nicht vollständig transkribiert, nicht ausreichend oder gar nicht anonymisiert. Es fehle zudem an einheitlichen Anonymisierungsstrategien und es an umfassenden Projektdokumentationen. [27]

Bereits abgeschlossene Projekte zu archivieren sei mit einem hohen Arbeitsaufwand und Problemen in Bezug auf Forschungsethik und Datenqualität verbunden. Daher schlagen OPITZ und MAUER (2005), die an der Studie beteiligt waren, folgende Maßnahmen vor: Die Entwicklung einheitlicher Standards für die Datenaufbereitung solle die Archivierung erleichtern und eine sorgfältige Aufbereitung, Dokumentation und Anonymisierung der Daten gewährleisten. Damit könne auch eine höhere Datenqualität erzielt werden. Eine gute Datenaufbereitung sei von Bedeutung, um die Nachvollziehbarkeit und Kontextualisierung der erhobenen Daten zu garantieren. [28]

Die Mehrheit der ForscherInnen sei unter bestimmten Voraussetzungen damit einverstanden, eigene Daten für eine Sekundärnutzung bereitzustellen. Eine Bedingung sei die Anonymisierung personenspezifischer Daten und in Zusammenhang damit die Klärung datenschutzrechtlicher Aspekte für die Datenweitergabe. ForscherInnen fühlten sich für ihre InterviewpartnerInnen verantwortlich und hätten Bedenken, dass durch einen möglichen Datenmissbrauch durch andere ForscherInnen die Vertrauensbeziehung zu den InterviewpartnerInnen zerstört werden könne und sich dies negativ auf die Interviewbereitschaft des Forschungsfeldes auswirke. Eine weitere Bedingung sei die Kontrolle über die weitere Nutzung der eigenen Daten; unter anderem wollten ForscherInnen wissen, wer die Daten verwendet und wofür bzw. über jede einzelne Weitergabe der Daten an NutzerInnen informiert werden. Diese Kontrollmaßnahme werde insbesondere durch Befürchtungen wie den Datenmissbrauch durch Dritte und die Unsicherheit, dass die eigene wissenschaftliche Arbeit von FachkollegInnen kritisiert werden könnte, gesteuert. Ein weiteres Problem sei das Verhältnis der ForscherInnen zu den Daten. Diese würden als "private property of individual investigators" (PARRY & MAUTHNER 2004, zit. n. MEDJEDOVIĆ & WITZEL, S.116) angesehen und dementsprechend zwar aufbewahrt, aber oft nicht weitergegeben. [29]

80 Prozent der Befragten würden den Aufbau eines qualitativen Datenarchivs befürworten, allerdings verbunden mit bestimmten Leistungserwartungen an die Serviceinfrastruktur: Befragte sähen als wichtigste Aufgaben eines Datenarchivs die Systematisierung und Katalogisierung von Datenbeständen, den vereinfachten technischen Zugang via Internet mit benutzungsfreundlicher Suchmaske sowie umfassende Datensatzbeschreibungen und Dokumentationen des Forschungsprozesses. [30]

Nicht von MEDJEDOVIĆ und WITZEL erwähnt, aber dennoch interessant ist, dass WISDOM bei einer eigenen Machbarkeitsstudie im Jahr 2008 – in die Informationen zu 1.097 qualitativen, seit 2000 durchgeführten Forschungsprojekten aus den Bereichen Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften sowie Psychologie eingingen – zu ähnlichen Ergebnissen kam (MÜLLER et al. 2008): Das Interesse an einem Datenarchiv und die Bereitschaft zur Archivierung eigener Datenbestände waren sehr hoch. Auch das Sekundäranalysepotenzial der Daten wurde als sehr hoch eingestuft, wobei die Aufbereitung der Daten für eine Archivierung auch hier mit hohem Aufwand verbunden wäre. Die genannten Bedenken hinsichtlich einer Archivierung bezogen sich auf Anonymität, Datenschutz und die Angst vor wissenschaftlicher Konkurrenz. Somit umfassten die Anforderungen an ein Datenarchiv die Erarbeitung von Standards, rechtlich gesicherte Nutzungsbedingungen und die Einführung eines Mitspracherechts von ForscherInnen über die Verwendung der Daten (a.a.O.). [31]

6. Aufbau einer zentralen Forschungsinfrastruktur für qualitative Daten in Deutschland

Kapitel 5 und 6 behandeln die aus den empirischen Befunden gezogenen Konsequenzen der Machbarkeitsstudie. Aufgrund einer Fülle qualitativer Interviewdaten in Deutschland sei der Aufbau eines zentralen qualitativen Datenarchivs notwendig. Die Errichtung eines bundesweiten Servicezentrums für qualitative Daten (QualiService) solle ein professionelles Wissensmanagement etablieren und zum Aufbau einer Data-Sharing-Kultur im human- und sozialwissenschaftlichen Bereich beitragen. Kernaufgaben eines solchen Zentrums seien die thematisch und methodisch zentrierte Datenakquisition mit dem Ziel einer qualitativ anspruchsvollen und breit gefächerten Erfassung von Studien mit einer wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Relevanz sei. Eine weitere Aufgabe stelle die Datenaufbereitung und Datendokumentation dar, die sich vorläufig auf Textdateien konzentriere. Mittels einer technisch ausgereiften Datensicherung und eines sorgfältigen Datenmanagements wäre sichergestellt, dass digitalisierte Daten sicher aufbewahrt werden können. Ein Online-Datennachweissystem solle den Zugang zum Datenmaterial ermöglichen und sei benutzungsfreundlich zu gestalten. NutzerInnen sollten sich bspw. mittels Browsing- und Suchoptionen einen Überblick über Studien verschaffen können (siehe auch OPITZ & MAUER 2005). QualiService sehe vor, Daten nur für Forschung und Lehre bereitzustellen. Denn da einige DatengeberInnen einen Missbrauch der Daten befürchteten, seien Vorkehrungen wie Zugangsbeschränkungen bzw. Kriterien der Datenweitergabe einzuführen. Bspw. könnten DatengeberInnen über den Nutzungszweck der potenziellen DatennutzerInnen informiert werden und über die Weitergabe ihrer Daten bestimmen. [32]

Eine weitere Aufgabe des Servicezentrums für qualitative Daten umfasse die Forschungs- und Entwicklungsarbeit an einer sekundäranalytischen Forschungsstrategie. So solle eine Kultur der Sekundäranalyse in Deutschland gefördert werden. MEDJEDOVIĆ und WITZEL greifen CORTIs (2007) Vorschlag einer serviceorientierten Forschung (in-house research) auf. In-house research sei ein effektives Mittel, um Akquisitionsarbeit zu verbessern und wissenschaftliche Themen zu erarbeiten. In-house research wären in diesem Zusammenhang die Erarbeitung methodischer Standards und Gütekriterien für die Qualitätssicherung im Zuge qualitativer Archivierung und Sekundäranalyse und die Erforschung von Problemen sowie Potenzialen dieser Forschungsstrategie bspw. durch selbst durchgeführte Sekundäranalysen. Damit sekundäranalytische Studien und die sekundäranalytische Forschungsstrategie einen höheren Bekanntheitsgrad in der Scientific Community erreichten, seien zum einen Öffentlichkeitsarbeit und zum anderen die Vermittlung des forschungspraktischen Know-hows durch Schulung und Beratung notwendig. Laut QualiService rückt die Realisierung eines zentralen Datenarchivs in unmittelbare Nähe, wenn Mittelgeber durch Öffentlichkeitsarbeit angeregt würden, in Forschungsprojekte zu investieren. [33]

In diesem Zusammenhang ist ein Hauptergebnis der österreichischen Machbarkeitsstudie interessant (RICHTER et al. 2009): Für die Etablierung eines Archivs und einer damit verbundenen Data-Sharing-Kultur sind hiernach signifikante gesetzliche Rahmenbedingungen notwendig. WissenschafterInnen sollten dazu verpflichtet werden, gesammelte Datenbestände nach gewissen Standards zu dokumentieren, aufzubereiten und in zentrale Archive zu deponieren. Die vom Economic and Social Research Council eingeführte Regelung, die von ihm geförderten Projekte in einem Datenarchiv abzulegen, war ein wesentlicher Beitrag für den Aufbau des ESDS Qualidata und ein wesentlicher Schritt in Richtung sekundäranalytischer Forschungstradition (siehe auch CORTI 2000). Das heißt, ein Datenarchiv auf freiwilliger Basis des Datentransfers von ForscherInnen aufzubauen wäre ein mühsamer und etwas langwieriger Prozess. Eine Dokumentations- und Archivierungspflicht der Datenbestände an universitären und außeruniversitären Einrichtungen wäre empfehlenswert. Hier könnte durch eine Vernetzung mit einem zentralen Datenarchiv der Weg einer neuen Forschungskultur mittels Datentransparenz und -zugang eingeschlagen werden. Doch vor allem ist es wichtig, dass WissenschafterInnen ein Bewusstsein für diesen wesentlichen Schritt im Forschungsprozess entwickeln. Vor allem hier sehe ich die Funktion des Datenarchivs im Rahmen von Schulungen, Beratungen und Workshops für WissenschafterInnen. [34]

7. Fazit

Das Buch behandelt auf wenigen Seiten eine Vielzahl an Themen und vermittelt viele Informationen. Teilweise gestaltet sich die Darstellung etwas langatmig und bisweilen fallen stilistische Mängel wie Wortwiederholungen oder unnötig lange Sätze, deren Bedeutung sich erst beim zweiten Lesen erschließt, störend auf. Enttäuschend ist die Tatsache, dass etwa ein Drittel des Buches aus der Darstellung der Ergebnisse der Machbarkeitsstudie "Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Interviewdaten" sowie der daraus gezogenen Konsequenzen (wie dargestellt in OPTIZ & MAUER 2005; MEDJEDOVIĆ 2007) besteht. Die Vertiefung anderer Themen, z.B. die Besprechung qualitativer Erhebungs- und Auswertungsmethoden in Bezug auf die Sekundäranalyse, wäre wünschenswert gewesen und hätte die zitierte Forschungsliteratur maßgeblich bereichert. Die inhaltlichen Wiederholungen festigen besprochene Inhalte und erweisen sich als wichtige Stütze bei der Lektüre des Buches. Kurze Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels wären sehr hilfreich gewesen. [35]

Insgesamt ist das Buch eine gut strukturierte Einführung in das Thema "Wiederverwendung qualitativer Daten". Die Lesenden werden durch die vielfältigen Themenbereiche, die dieses Buch behandelt (Aufarbeitung der vorhandenen Literatur, theoretische und methodologische Diskussion, empirische Beispiele, Anleitung für die eigene sekundäranalytische Praxis), nicht enttäuscht sein. Das Buch ist allen Sekundäranalyse-Interessierten sehr zu empfehlen. [36]

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Zur Autorin

Dina EL-NAJJAR ist Soziologin und Mitarbeiterin des qualitativen Datenarchivs am Wiener Institut für sozialwissenschaftliche Dokumentation und Methodik (WISDOM). Zu ihren Tätigkeiten zählen Datenakquise, -dokumentation und -aufbereitung, Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungsorganisation, wissenschaftliche Projektmitarbeit und die Unterstützung von DatengeberInnen und NutzerInnen.

Kontakt:

Dina El-Najjar, MA

WISDOM
Wiener Institut für sozialwissenschaftliche Dokumentation und Methodik
Liechtensteinstraße 22a/2/17
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Tel.: +43 1 319 41 319
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E-Mail: dina.elnajjar@wisdom.at
URL: http://www.wisdom.at/

Zitation

El-Najjar, Dina (2011). Rezension: Irena Medjedović & Andreas Witzel (2010). Wiederverwendung qualitativer Daten. Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Interviewtranskripte [36 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 12(2), Art. 20, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1102205.



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