Volume 12, No. 2, Art. 22 – Mai 2011

Offene und verschlossene biografische Politisierung

Dirk Michel-Schertges

Zusammenfassung: In diesem Artikel stehen Fragen politischer Sozialisation mit besonderem Bezug auf offene und verschlossene Prozesse biografischer Politisierung, d.h. biografischer Entfremdung, im Mittelpunkt des Interesses. Mithilfe von narrativ-biografischen und themenorientierten Interviews, die mit zwei Überlebenden des Holocaust durchgeführt wurden, wurde der Frage nach der Konstitution von Bewusstseinsprozessen nachgegangen. Wenn Henri LEFEBVRE im dritten Band der "Kritik des Alltagslebens" (1975) im Abschnitt "das Erlebte und das Leben" auf die Dialektik von erlebtem Vergangenen und Gegenwärtigem und dem daraus resultierenden "Leben des Bewusstseins" (individuelles und gesellschaftliches Bewusstsein) eingeht, so ist damit der unausweichliche Konflikt zwischen der Präsenz biografischer Erlebnisse im gegenwärtigen Leben angesprochen. Nach LEFEBVRE sind biografische Erlebnisse nicht allein als zeitlich vergangene Handlungen zu sehen, vielmehr fungieren sie dialektisch als Konstituenten der Gegenwart. Wenn somit, dieser Argumentationslinie folgend, biografische Erfahrungen (das Erlebte) einen wesentlichen Einfluss auf Bewusstseinsprozesse haben, dann ist es vor dem Hintergrund der Überlegungen LEFEBVREs nahe liegend, biografische Erlebnisse in die Analyse von Politisierungsprozessen und politischen Einstellungen mit einzubeziehen, um ein besseres Verständnis von deren Konstitutionsbedingungen zu erlangen.

Keywords: politische Sozialisation; autobiografisch-narrative Interviews; Biografie, biografische Politisierung; Holocaust; Politik

Inhaltsverzeichnis

1. Politisierung und Biografie

2. Theoretischer Hintergrund: Bewusstsein und historisch-extraordinäre Ereignisse

3. Methodischer Zugang

4. Ergebnisse

5. Biografische Zusammenfassung von ZVI und FANNY

5.1 Kurzporträt: ZVI

5.2 Kurzporträt: FANNY

6. Politische Einstellungen von ZVI und FANNY

6.1 Abgabe der Westbank, Gaza und der Golanhöhen

6.2 Die "Flüchtlingsfrage"

6.3 Die "Jerusalemfrage"

6.4 Einstellung zu (israelischen) Arabern/Palästinensern

6.5 Der Disengagement-Plan

6.6 Die Zukunft Israels

7. Konklusion

Anhang: Liste der Interviewtranskripte

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Politisierung und Biografie

Die diesem Artikel zugrunde liegende Arbeitshypothese des Zusammenhangs von biografisch Erlebtem und die daraus resultierende verschlossene/verhinderte oder aber offene Analysefähigkeit des (gesellschaftspolitisch) zukünftig Möglichen ist die subsumtionslogische Verlängerung einer Studie, die dem Nexus von politischen Politisierungs- bzw. politischen Sozialisationsprozessen und extraordinären biografischen Erfahrungen nachgeht (vgl. MICHEL 2009). Fokus dieser (vorangegangenen) Untersuchung ist die Rekonstruktion von Politisierungsprozessen von zwei verschiedenen historisch-politischen Gruppen deutscher Jüdinnen und Juden. Bei der ersten Gruppe handelt es sich um deutsche Zionist/innen, die bis 1940 in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina "emigrierten", während die zweite Gruppe sich aus jüdischen Konzentrations- und Todeslagerüberlebenden zusammensetzt, die nach dem Sieg der Alliierten Truppen über das nationalsozialistische Deutschland Palästina bzw. Israel als ihre Heimat "wählten". Mittels autobiografisch-narrativer Interviews und themenorientierten Leitfadeninterviews wurde den Konstitutionsbedingungen von Politisierungsprozessen vor dem Hintergrund der Analyse politischer Orientierungen und Einstellungen mit Hinblick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt und innerpolitisch-israelische Themen nachgegangen. Wenn politische Sozialisation als Internalisierung von gesellschaftlichen "politischen" Normen und Wertvorstellungen durch die Vermittlung von (etablierten) gesellschaftlichen Institutionen (u.a. die Kernfamilie, der Kindergarten, die Schule und der Arbeitsplatz) und somit als herrschaftskonstituierend mit Bezug auf die Verfestigung von gesellschaftlichen Ordnungs-, Sinn- und Handlungszusammenhängen begriffen werden kann, handelt es sich bei Politisierungsprozessen zudem um dialektische Entwicklungsprozesse des sozialen Subjekts, die sich in dem Verhältnis zu der sozialen Umwelt und der Gesellschaftsgeschichte konstituieren (vgl. CLAUßEN 1996, S.21ff.; ADORNO 1958, S.101, 1962, S.262).

"Als Objekt und Subjekt steht der Mensch im Mittelpunkt der Politisierung, deren Sozialisationsqualität von der einfachen Übernahme oder Weitergabe über die auswählende Aneignung oder gezielte Einwirkung bis zur systematischen Ver- und Bearbeitung oder Ermöglichung von kritisch reflektierter wechselseitiger Vermittlung reicht" (CLAUßEN 1996, S.26). [1]

2. Theoretischer Hintergrund: Bewusstsein und historisch-extraordinäre Ereignisse

Der Vorstellungsinhalt bzw. die Substanz des Begriffs "Bewusstsein" wird in dem hier angesprochenen Zusammenhang mit dem der Politisierung und des Subjektwerdungsprozesses zusammen gedacht. Die Positionierung als Subjekt und als Objekt begreift den Menschen als aktiv und/oder passiv, der sich durch ein Vielfaches von Dispositionen und reziproken Einflüssen sozioökonomischer und gesellschaftlicher Gegebenheiten sowie biografischer Entwicklungen konstituiert. Wie auch Bewusstsein als Prozess, als kontinuierliche Bewusstwerdung, zu verstehen ist, so steht auch bei Subjektwerdung das Moment des dialektischen Widerspruchs, von reflexiven Prozessen, im Mittelpunkt. Als Konstituenten dieser Prozesse handelt es sich u.a. um historische (kollektive) wie auch biografische (individuelle) Erfahrungen, die in die Vermittlung des "Selbst" einfließen. Die mögliche Varianz der Verfügungsgewalt des oder der Einzelnen aus diesem gesellschaftlichen Erfahrungsrepertoire und die daraus resultierenden Analyse-, Beurteilungs- und Handlungsbefähigungen münden in der weit differierenden Möglichkeit eines subjektiv reagierenden Objekts bis hin zu einem objektiv handelnden Subjekt (vgl. KILIAN 1971). [2]

Die Interdependenz von Bewusstsein und sozial-historischen Ereignissen ist schon bei Karl MANNHEIM in seiner Analyse des Generationenbegriffes (1928) angesprochen. Bei den oben angesprochenen historisch-politischen Gruppen deutscher Juden und Jüdinnen treffen MANNHEIMs Kategorisierungen der Generationslagerung, des Generationszusammenhanges und der Generationseinheit (1970 [1928]) zu: Bei MANNHEIM zeichnet sich die Gruppenform durch eine (existenziell) vorausgehende Bindung aus, wie sie z.B. bei Sippen und Familien vorkommt, wohingegen die Generationslagerung durch das Erleben des gleichen historisch-sozialen Raums gekennzeichnet ist (S.528f.). Der Generationszusammenhang bezieht sich auf Individuen und Gruppen, die die gleiche sozial-geistige Strömung (mit-) erleben. Mit Bezug auf die Konstitutionsbedingungen politischer Einstellungen ist durch den Generationszusammenhang jedoch nicht die politische Richtung angegeben, da in der gleichen geistigen und sozialen Auseinandersetzung sich Einstellungen und Wirkungsbereiche bei Individuen und Gruppen diametral entgegengesetzt entwickeln können. Wenn innerhalb derselben Generationslagerung und desselben Generationszusammenhanges dieselben Erlebnisse in gleicher Weise erfahren werden und darauf bewusstseinskonstituierend – im Sinne von Schicksalsgemeinschaften – wirken, spricht MANNHEIM von der Generationseinheit (S.544f. und S.547). Die Generationseinheit bezieht sich somit auf eine besondere konkrete generationelle Gruppe, bei der sich Orientierungs- und Handlungsmuster vor dem Hintergrund verschiedener Möglichkeiten mit Hinblick auf dasselbe historische Schicksal einheitlich zeitigen. Für MANNHEIM ist der Erlebniszeitpunkt im Rahmen des biografischen Erlebens wichtig, bezogen auf dessen Relevanz für die Bewusstseinsbildung:

"Die Strukturiertheit menschlichen Bewusstseins ist durch eine bestimmtgeartete innere 'Dialektik' charakterisierbar. Es ist weitgehend entscheidend für die Formierung des Bewusstseins, welche Erlebnisse als 'erste Eindrücke', 'Jugenderlebnisse' sich niederschlagen, und welche als zweite, dritte Schicht usw. hinzukommen. Ferner: es ist ganz entscheidend für ein und dieselbe 'Erfahrung' und deren Relevanz und Formierung, ob sie von einem Individuum erlebt wird, das sie als einen entscheidenden Jugendeindruck, oder von einem anderen, das sie als 'Späterlebnis' verarbeitet. Die ersten Eindrücke haben die Tendenz, sich als natürliches Weltbild festzusetzen" (S.536). [3]

An MANNHEIM anknüpfend, stellt auch Helmut FOGT in seinem Konzept der politischen Generation heraus, dass die Konfrontation mit bestimmten Schlüsselereignissen zu einer gleichen Auseinandersetzung mit den Werten und den Leitideen politischer Ordnung führen (1982, S.21) könne. Somit führen historisch-politische Erinnerungen und Erfahrungen, die eine politische Generation in gleicher Weise verarbeitet hat, zu einem kollektiven Muster politischer Orientierung. Von besonderer Bedeutung – vor dem Hintergrund der theoretischen Darlegungen MANNHEIMs über die Konstitution von Generationseinheiten – sind die Überlegungen von Reinhart KOSELLECK (2003). Er geht der Frage der Interdependenz von biografisch Erlebtem und sozialem Bewusstsein nach. Als Bezugspunkt für biografische Zäsuren wählt KOSELLECK die beiden Weltkriege. Diese verursachten für die von den Kriegen betroffenen Menschen Erfahrungseinbrüche und Erfahrungsschübe von vorher nicht vorstellbarem Ausmaß. Laut KOSELLECK kann kein Zweifel bestehen, dass das Bewusstsein aller Zeitgenoss/innen der Weltkriege von diesen geprägt worden ist. KOSELLECK verweist – bezogen auf das "soziale" Bewusstsein – auf vorauszusetzende Gemeinsamkeiten der Bewusstseinsträger/innen. Die von ihm hierfür vorangestellten Bedingungsstrukturen bewusstseinsprägender Konstituenten sind: 1. die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Sprachgemeinschaft, 2. religiöse Gewissheit, 3. Zugehörigkeit zu einer politischen Handlungseinheit, 4. Generationszugehörigkeit (Generationslagerung), 5. Geschlecht und Familie und 6. Klassen- und Schichtzugehörigkeit (vgl. KOSELLECK 2003, S.265). Wenn MANNHEIM die Verfestigung eines natürlichen Weltbildes besonders durch Jugendeindrücke und -erlebnisse gegeben sieht, so sind es bei KOSELLECK extraordinäre biografische Zäsuren, wie sie z.B. durch die Erlebnisse der beiden Weltkriege zu beobachten sind:

"Jeder Mensch kennt in seiner Biographie Einschnitte, Zäsuren, die einen neuen Lebensabschnitt zu eröffnen scheinen. Es erfolgen Erfahrungsschübe, die die Bahnen des Gewohnten, des Bisherigen zu verlassen nötigen, andere, neue Wege eröffnen. Neue Erfahrungen zwingen dann auch das Bewusstsein, sie zu verarbeiten. Es werden gleichsam Schwellen überschritten, nach denen vieles, vielleicht alles, ganz anders aussieht, je nach dem Grade der Betroffenheit und ihrer Bewusstmachung. Verhaltensweisen, Einstellungen und das Bewusstsein davon ändern sich, wenn die Erfahrungen verarbeitet werden, was freilich nicht zwingend so sein muss" (2003, S.265). [4]

Karl MANNHEIMs theoretischer Rahmen, der die Generationseinheit als eine durch bewusstseinskonstituierende Erlebnisse geformte Gruppe versteht (vgl. 1970, S.544), korrespondiert mit Reinhart KOSELLECKs Verhältnis von Ereignisstrukturen und Bewusstseinsprägungen (vgl. 2003, S.266). Beiden theoretischen Modellen ist gemeinsam, dass biografische Erlebnisse sich bewusstseinsprägend auswirken und infolgedessen entscheidend für die Bewusstseinsbildung sind. [5]

Ein weiterer Ausgangspunkt der Überlegungen sind die theoretischen Konzepte des "Alltagslebens" und der "Alltäglichkeit" bei Henri LEFEBVRE (1975). Alltagsleben beinhaltet den realen Kern von "Praxis" und ist verbunden mit der Produktion sozialer Beziehungen und sozialer Bedürfnisse. Hierbei bildet die Fragmentierung des Alltagslebens zu Alltäglichkeit Formen der Entfremdung und der menschlichen Praxis. Alltäglichkeit ist bei LEFEBVRE die Aufspaltung des "wirklichen Lebens" in funktionale, getrennte und organisierte Sektoren, wie z.B. Arbeit, Privatleben und Freizeit. Die Alltäglichkeit kann durch Passivität, durch das Abgeben von "gesellschaftlicher Teilnahme" beschrieben werden, oder wie LEFEBVRE es selbst ausdrückt: durch "Nicht-Partizipation". Die Alltäglichkeit reduziert sich hierbei mehr und mehr auf das Repetitive. Alltag ist hingegen gesellschaftliche Partizipation. Nach LEFEBVRE ist der praktische Wunsch und Wille, den Alltag zu verändern, wesentlich für das Bewusstsein des Alltagslebens. Die grundlegende Wichtigkeit der historischen/geschichtlichen Bedeutung ist dabei offensichtlich. LEFEBVRE untersucht die historische Bedeutung durch Analyse und Rekonstruktion der historischen und strukturellen Entwicklung verschiedener Formen des Alltagslebens in Beziehung zu den sozialen und somit praxisvermittelten Bedingungen. Dieser Ansatz ist neben seiner historischen Bedeutung auch wegen seiner möglichen und/oder notwendigen zukünftigen Veränderung des Alltagslebens überaus bedeutend (vgl. SÜNKER 2006, Kapitel 3). [6]

3. Methodischer Zugang

Aus einer Gruppe von 37 Interviewpartnerinnen und -partnern wurden von Anfang 2004 bis Ende 2005 Teilnehmende für autobiografisch-narrative Interviews ausgewählt. Auswahlkriterium war, dass das Kriterium der Generationseinheit nach MANNHEIM (1970 [1928]) und der Erlebnisstrukturen und der dazu gehörigen Bedingungsstrukturen nach KOSELLECK (2003) erfüllt wurde. Es wurden zwei Gruppen gebildet: zehn deutsche Zionist/innen und zehn deutsche Juden und Jüdinnen, denen es gelungen war, die deutschen Konzentrationslager zu überleben. Der Zugang zu den Interviewpartner/innen wurde durch Zeitungsinserate und mittels schon vorhandener Kontakte und einem sich daraus entstehenden Schneeballprinzip hergestellt. In einem ersten Schritt wurden autobiografisch-narrative Interviews (ROSENTHAL 1995) geführt, in denen auf die Herstellung einer "natürlichen Gesprächssituation" für die Konstruktion der Lebensgeschichte seitens der Interviewpartnerinnen und -partner geachtet wurde. Die autobiografisch-narrativen Interviews waren nicht an einen einzigen Termin gebunden; sie wurden – je nach Wunsch und Zeitintensität – zu mehreren Zeitpunkten durchgeführt. Dies hatte den Vorteil, dass die zu Interviewenden nicht wichtige Erlebnisse aufgrund von Ermüdung vergaßen, sondern bei den je folgenden Treffen wieder an dem Erzählten anschließen oder dieses "vervollständigen" konnten. Zeitlich nach den autobiografisch-narrativen Interviews wurden in einem zweiten Schritt Leitfadeninterviews durchgeführt, die drei politische Hauptkategorien fokussierten: den israelisch-palästinensischen/arabischen Konflikt; die israelische Innenpolitik sowie das Verhältnis zu den verschiedenen Einwanderungsgruppen und zu den nicht-jüdischen Bevölkerungsgruppen innerhalb Israels. Z.B. wurden die zehn deutschen Zionist/innen und zehn deutschen Holocaustüberlebenden zu dem israelisch-palästinensischen Konflikt, ihrer Einstellung zum Status der Golanhöhen, der besetzten Gebiete resultierend aus dem 6-Tage-Krieg von 1967, der Jerusalem- und der Flüchtlingsfrage sowie zu Fragen israelischer Innenpolitik wie z.B. Einschätzung der politischen Parteien, israelische Sozialpolitik und Gesellschaftspolitik im Allgemeinen sowie Bildungs- und Gesundheitspolitik im Besonderen befragt (MICHEL 2009). [7]

Zu der Transkription und den Analyseschritten der Interviews ist anzumerken, dass alle Interviews vollständig transkribiert wurden. Die autobiografisch-narrativen Interviews wurden mit den Vornamen der Interviewten bzw. des Interviewten und der Kennziffer I (Eins) gekennzeichnet, d.h., dass z.B. das biografische Interview mit FANNY in der Zitation wie folgt gekennzeichnet ist: (FANNY I, S.11). Bei den themenorientierten Interviews steht anstelle der "I" (Eins) ein "P". Die Transkription erfolgte je Interview in einer Transkriptionstabelle, die in Anlehnung an Gabriele LUCIUS-HOENE und Arnulf DEPPERMANN (2004) entwickelt wurde. Da die Interviewsprache für die meisten Interviewten sich von der Muttersprache zu einer Zweitsprache, dem in Israel gesprochenen Ivrit (Hebräisch), entwickelt hat, wurde auf eine gezielte Analyse der Sprache verzichtet. Wenn während des Interviews Begriffe, Sätze oder Sinnfragmente stark betont (bzw. deutlich lauter) wurden, so wurden diese in Großbuchstaben festgehalten. [8]

Die Transkriptionstabelle besteht aus vier Spalten. In der ersten Spalte wurde die Zählwerkangabe notiert, d.h. der Zeitpunkt, an dem auf dem auditiven Datenträger die jeweilige Interviewstelle zu finden ist. In der zweiten Spalte ist der (Ereignis-) Zeitpunkt festgehalten, d.h. der Zeitpunkt, an dem das Erlebte zeitlich verortet wurde. In der dritten Spalte wurde der erzählte Lebensabschnitt bzw. die erzählte Lebensgeschichte wiedergegeben. In der vierten Spalte wurden zwei Analyseschritte vorgenommen: Erstens wurden wichtige Ereignisse/Erlebnisse stichpunktartig vermerkt, und zweitens wurde bei den autobiografisch-narrativen Interviews ein Querverweis zu den themenorientierten Interviews durch definierte Kennziffern hergestellt. In einem dritten Analyseschritt wurden – mit Bezug auf die lebensgeschichtlichen Hintergrunddaten – die autobiografisch-narrativen Interviews tabellarisch zusammengefasst, um in einem weiteren Analyseschritt die in den Interviews sich befindenden Erlebnisstrukturen (KOSELLECK 2003) besser herausarbeiten zu können. [9]

In den biografischen Fallrekonstruktionen wurde der erlebten und der erzählten Lebensgeschichte nachgegangen, d.h., es wurde die biografische Bedeutung des Erlebten zur Zeit des Erlebens sowie die Bedeutung der Selbstrepräsentation zur Zeit des Erzählens analysiert (ROSENTHAL & KÖTTIG 2010). In einem letzten Analyseschritt wurden via Stichworten Erkenntnisse zu (politischen) Orientierungen und Einstellungen aus dem themenorientierten Interview mit dem erzählten Erlebten der autobiografisch-narrativen Interviews verknüpft (MICHEL 2009). In den hier vorgenommenen Analyseschritten wurden somit die Dimensionen des Erlebten, des Erzählten und der (politischen) Einstellung/der politischen Möglichkeiten analysiert, kontrastiert und auf Gemeinsamkeiten und Widersprüche überprüft. [10]

4. Ergebnisse

Die Ergebnisse können wir folgt zusammengefasst werden: Die Mitglieder der zwei hier untersuchten Gruppen wurden durch ihre besonderen gruppenspezifischen biografischen Erlebnisse geprägt (MICHEL 2009). Die politischen Sozialisationsprozesse, die wesentlich für die Konstitution des Subjektwerdungsprozesses sind, prägten das Bewusstsein der Mitglieder beider Untersuchungsgruppen. So zeigen die Ergebnisse der Auswertung der Interviews der beiden Untersuchungsgruppen, dass die Zionisten und Zionistinnen, die in den 1930er Jahren in das britische Mandatsgebiet Palästina auswanderten und das Land kultivierten und "begrünten", in einem hohen Maße durch eine meritokratische Sichtweise geprägt wurden und weniger durch Sicherheitsdenken, das sich auf das Zusammenleben mit Palästinenser/innen (innerhalb Israels und in den besetzten Gebieten) wie auch auf eine politische Kooperation zwischen Israelis und den verschiedenen palästinensischen politischen Fraktionen und/oder den arabischen Nachbarstaaten bezieht. Sie fühlen sich sicherer als vergleichsweise die Holocaustüberlebenden und zeigen sich aufgeschlossener, wenn es um die Frage geht, mit den Palästinensern1) und den Arabern zusammen eine friedliche Lösung zu finden bzw. zu einem Friedensabkommen zu gelangen. Die Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager werden hauptsächlich durch "Sicherheitsdenken" geleitet und sind, daraus folgend, fast ausschließlich gegen (politische) Konzessionen mit den Palästinensern bzw. den Arabern. Mit Bezug auf die israelische Innenpolitik sind ihre Ansichten tendenziell kritischer als die der anderen Untersuchungsgruppe und der Tenor ihrer Kritik ist, dass der Staat Israel mehr für seine Bürgerinnen und Bürger machen sollte. Im Kontrast dazu bewerten die Mitglieder der deutschen Zionist/innen mit wenigen Ausnahmen die derzeitige Innenpolitik Israels positiv(er) (MICHEL 2009). [11]

Wenngleich auch die Untersuchungsergebnisse, wie oben dargestellt, aus ökonomisch-politischer Sicht und bezüglich des palästinensisch-israelischen Konfliktes eindeutig sind, so zeigen sich doch auch innerhalb der jeweiligen Gruppen bei tendenziell einheitlichen Orientierungen bei Fragen um Sozial- und Wirtschafts- und Sicherheitspolitik Einstellungsabweichungen mit Bezug auf die daraus resultierenden politischen Möglichkeitsbedingungen (politische Gestaltungsmöglichkeiten). [12]

Diesen voneinander stark abweichenden Beurteilungen der gesellschaftlichen Möglichkeitsbedingungen und politischen Gestaltungshorizonte werden im weiteren Verlauf dieses Beitrags mithilfe der Analyse von zwei Mitgliedern der Gruppe der Holocaustüberlebenden, ZVI und FANNY2), nachgegangen werden. Um die Analyse des Verhältnisses von FANNYs und ZVIs "beschädigtem Leben" und deren politischen Einstellungen bzw. Politisierungsprozessen näher beleuchten zu können, wird in einem ersten Schritt auf die Narrationen, die bei den autobiografisch-narrativen Interviews herausgearbeitet werden konnten, eingegangen werden, um dann in einem zweiten Schritt durch die Konfrontation der autobiografisch-narrativen Interviews mit den Ergebnissen der themenorientierten Leitfadeninterviews unterschiedliche Verarbeitungs(un)möglichkeiten von politischem Zeitgeschehen und -erleben herauszuarbeiten. Im Weiteren wird dann untersucht, inwieweit das "Erlebte" auf das "politische Leben" in verschiedener Art und Weise wirkt. [13]

Bei dem analysierten Interviewmaterial von ZVI handelt es sich allein bei dem biografischen Teil um ca. 17 Stunden, und bei FANNY sind es ca. 6 Stunden. Die politischen themenorientierten Interviews sind bei beiden ca. 3 bis 4 Stunden lang. Die Fülle des Materials zwingt zu einer Auswahl des hier dargestellten und zu interpretierenden Datenmaterials, wobei diese Auswahl die wesentlichen Konstitutionsbedingungen und -tendenzen des Erlebten auf die Einstellungen zu politischen Möglichkeitsbedingungen darstellen soll und nicht als holzschnittartige Beweisführung angewendet wurde. [14]

Die themenorientierten wie auch die autobiografisch-narrativen Interviews, die zur Analyse von ZVI und FANNY herangezogen wurden, gehören zu den Interviews der Untersuchungseinheit der Holocaust-Überlebenden, die zwischen 2004 und 2005 in Israel durchgeführt und deren Vorgangsweise weiter oben beschrieben wurde. [15]

5. Biografische Zusammenfassung von ZVI und FANNY

Davon ausgehend, dass biografische (extraordinäre) Erfahrungen einen wesentlichen Einfluss auf Bewusstseinsprozesse haben, scheint es nahe liegend, biografische Erlebnisse in die Analyse von Politisierungsprozessen und Einstellungen zu politischen Möglichkeitsbedingungen mit einzubeziehen, um ein besseres Verständnis von deren Konstitutionsbedingungen zu erlangen. Im weiteren Verlauf dieses Artikels wird den biografischen Politisierungsbedingungen von zwei Überlebenden des Holocaust nachgegangen. Hierbei handelt es sich um FANNY und ZVI, die beide als Kinder in deutsche Konzentrationslager deportiert wurden. [16]

ZVIs Eltern und sein Bruder wie auch FANNYs Eltern und zwei ihrer vier Geschwister wurden von den Nazis ermordet. Nach der Befreiung durch die Alliierten Streitkräfte immigrierten beide, unabhängig voneinander, nach Israel, wo beide den israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948, den 6-Tage-Krieg, den Yom-Kippur Krieg, den Libanon-Krieg und den Golfkrieg in den 1990er Jahren miterleben mussten. Neben den narrativ-biografischen Interviews wurde mit themenorientierten Interviews auf die aktuelle politische Situation in Israel eingegangen, wobei insbesondere die politischen Einstellungen mit Bezug auf den "Rückzug" der israelischen Armee aus dem Gazastreifen und einigen Bereichen des Westjordanlandes (Hitnatkut/Disengagement-Plan) analysiert wurden. [17]

5.1 Kurzporträt: ZVI

ZVI wurde am 1. Juni 1927 (ZVI I, S.19) in Posen geboren. ZVI beschreibt seinen Vater als eine strenge Autoritätsfigur und seine Mutter als das ihn ergänzende Gegenteil (ZVI I, S.7). Der junge ZVI sah seine Eltern als Vorbilder in Moral, Kultur und menschlichen Werten. Er erinnert sich, dass er ein glückliches Kind war, das stolz auf seinen Vater und dessen Ansehen war (ZVI I, S.3). Mit seinem Bruder, Rudolf, hat ZVI oft abends Musik aus dem Radio gehört, und ihr Vater hat ihnen den Inhalt der Musik erklärt (ZVI I, S.2). ZVIs Vater unterrichtete am Schillergymnasium, in einer deutschen Schule, die, nachdem Posen 1918 an Polen angeschlossen wurde, der deutschen (kulturell autonomen) Minderheit zur Verfügung stand. Von 1923 bis 1936 lehrte er im Gymnasium, war dort der Leiter der Lehrer- und der Französischbibliothek und gehörte ab 1933 auch dem Verwaltungsgremium der Schule an. 1936, als ZVIs Vater 40 Jahre alt war, wurde er gezwungen, in den Ruhestand zu gehen. Da er aber ein Kriegsveteran des Ersten Weltkrieges war, wurde ihm bis 1939 aus Deutschland seine Pension bezahlt (ZVI I, S.1). [18]

ZVI beschreibt seine Familie folgendermaßen: "Wir waren eine assimilierte Familie und in dieser Familie war sozusagen Deutschland wie eine Religion: die deutsche Geschichte, die deutsche Kultur, die deutsche Musik. Das war sozusagen im Zentrum unseres Familienlebens" (ZVI I, S.2). [19]

Der Krieg brach im September 1939 aus, als sich die Familie in Urlaub befand. Als sie nach Posen zurückkehrte, war ihre Wohnung von der Gestapo beschlagnahmt worden. Der Vater wehrte sich zuerst gegen die Beschlagnahmung der Wohnung. Doch der Mann, der sich die Wohnung widerrechtlich aneignen wollte, kam wieder, als ZVIs Vater alleine zu Hause war:

"Da hat der Mann die Pistole gezogen und hat ihm gesagt, wenn er nicht die Wohnung unmittelbar verlässt, schießt er. Hat mein Vater ihm gesagt, er hat vor ihm keine Angst. Er war vier Jahre im Krieg gewesen und er lässt sich nicht aus der Wohnung werfen. Irgendwie hat der Mann zurück geschreckt und hat sich die Pistole wieder eingesteckt und hat meinem Vater 24 oder 48 Stunden gegeben" (ZVI I, S.10). [20]

Die Familie musste in eine andere Wohnung ziehen. Schon nach wenigen Wochen wurde die Familie in der neuen Wohnung verhaftet. Aus dem Lager entlassen, reiste die Familie zu Verwandten nach Krakau. Ab Dezember 1939 mussten sich Juden und Jüdinnen in diesem Gebiet durch eine Binde mit einem blauen "Judenstern" kenntlich machen. Das Benutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln war ihnen verboten. ZVIs Eltern beschlossen, "als Arier" mit der Bahn zu fahren. In Krakau wurden sie vom Onkel abgeholt und lebten bei ihm bis April 1941. Dann musste die Familie in das Getto von Krakau umziehen (ZVI I, S.14f.). Für die Bewohner/innen des Gettos wurden Kennkarten ausgefüllt.

"Und als man die Kennkarten ausgefüllt hat, hat mein Vater und das ist wieder mal sozusagen auch wieder alles Schicksal, für mich hat er Schlosser geschrieben, bei sich hat er Lehrer geschrieben, bei meinem Bruder hat er Schüler geschrieben, bei meiner Mutter Hausfrau. Und das wurde ihnen natürlich zum Verhängnis" (ZVI I, S.15). [21]

Im Getto fand ZVI eine Lehrstelle als Schlosser. Der Vater fand Schülerinnen und Schüler und konnte diese unterrichten (ZVI I, S.16). [22]

Ende Mai 1942, die Liquidierung des Gettos stand bevor, wurde das Getto "hermetisch abgeschlossen". Die Bewohner/innen des Gettos mussten sich am 31. Mai vor dem Gebäude der Jüdischen Gemeinde melden. Die Gestapo-Männer entschieden, wer im Getto bleiben konnte und wer in die Vernichtungslager deportiert wurde.

"Mit wenig Menschen, also mein Vater war der erste, mein Bruder war der zweite, ich war der dritte. Vor uns standen zwei oder drei Personen und in dem Moment, wo wir rein gekommen sind, hat sich der Beamte, der Gestapo-Mann, der dort anwesend war am Tisch erhoben und ein anderer ist an den Tisch gekommen. Der Mann hat ein Maskengesicht gehabt, genauso wie die Totenmaske auf seinem Hut, so hat sein Gesicht ausgesehen. KALTBLÜTIG und verbrecherisch in seinem Gesichtsausdruck. Auf jeden Fall dem Mann sollte man die Kennkarte vorlegen oder eventuelle Dokumente, wenn man irgendwo tätig war in einer Werkstatt oder in einer Garage oder einer Fabrik oder ich weiß was. Also ich habe einen Ausweis gehabt, der wurde von der Deutschen Post ausgestellt, dass die Werkstatt, in der ich gearbeitet habe für die Deutsche Post Arbeit leistet, so einen Ausweis habe ich gehabt. Aber der Mann hat überhaupt nicht hingeschaut. Auf keinen Ausweis. Das System war so: Eine Aufenthaltsgenehmigung, da kommt ein Stempel auf die Kennkarte. Eine Absage, da wird ein Kreuz gemacht. Und in meiner kindlichen Neugierde, ich bin an dem Tag, also am nächsten Tag, es war der erste Juni, habe ich Geburtstag gehabt. Also das war am Abend vor meinem Geburtstag, vor meinem 15. Geburtstag. Und ich sehe der Mann schaut überhaupt nicht auf die Karten, automatisch macht er ein Kreuz. IN DIESEM MOMENT, IN DIESEN SEKUNDEN HABE ICH BESCHLOSSEN DIE REIHE ZU VERLASSEN. WEGZULAUFEN. Unwissend wohin, wo ich mich anstellen KÖNNTE. Und man hat auch schon vorher gesagt, dass Leute, die sich im Korridor bewegen, Unsicherheit erkenntlich ist, dass sie verhaftet werden und automatisch in ein Sammellager gebracht werden. Also ich musste in diesen Sekunden einen Schicksalsbeschluss fassen. Ich bin weg gerannt und habe nicht Zeit gehabt, meinem Bruder oder meinem Vater irgendein Zeichen zu geben, dass ich weglaufe und das quält mich mein ganzes Leben, diese Tatsache" (ZVI I, S.18f.). [23]

ZVI stellte sich in die Reihe mit dem Buchstaben L und bekam ohne Probleme den Stempel. Und er traf außerhalb des Gebäudes auf seine Eltern und seinen Bruder, die nicht wussten, was passiert war. Er erzählt, dass kein Grund zur Freude bestand, als er seine Eltern draußen wieder traf, da er als Einziger der Familie eine Bestätigung bekommen hatte: "Es gab keinen Grund für große Freude. Aber meine Eltern haben sich nicht weiter darüber geäußert (...) meine Eltern genau wussten, dass sie in den Tod gehen" (ZVI I, S.20). [24]

An seinem 15. Geburtstag brachte ZVI seine Eltern und seinen Bruder in das Sammellager. Als sein Vater am Eingangstor zum Sammellager zwei SS-Offiziere sah, ist er auf sie zugegangen und hat sie angeschrien und als Mörder bezeichnet, woraufhin sie ihn direkt erschießen wollten, doch die jüdischen Ordnungsmänner stießen ihn sofort ins Lager. Dadurch entkam er der Erschießung (ZVI I, S.21f.). ZVI ging zurück ins Krakauer Getto. In dem Zimmer angekommen, hörte er nach kurzer Zeit eine Frauenstimme und ein bitterliches Weinen. Eine jüdische Polizistin brachte ZVIs Mutter in das Zimmer und ließ die beiden alleine.

"WIE meine Mutter aus dem Lager heraus gekommen ist, weiß ich bis zum heutigen Tag nicht. Meine Mutter hat kein Wort gesprochen. Sie hat nur bitterlich geweint. Sie hat sich auf das Bett hingesetzt, ich bin neben ihr gesessen. Sie hat nicht gesprochen. Sie hat, sie hat so geweint und hat nichts gesagt und ist dann aufgestanden und ich habe sie zurück begleitet in das Lager. Mein Verdacht ist, dass mein Vater auch im Sammellager nicht geschwiegen hat und man ihn dort vor den Augen seiner Frau und seines Sohnes erschossen hat. (...) Und das war das letzte Mal, dass ich meine Eltern gesehen habe" (ZVI I, S.21). [25]

Sie wurden in das Vernichtungslager Belzec in Ostpolen gebracht und wahrscheinlich dort ermordet. ZVI arbeitete zuerst im Heereskraftfahrpark und überstand drei Selektionen. Im Januar 1943 wurden alle, die sich noch im Getto befanden, in das KZ Plazow gebracht. ZVI arbeitete im Barackenbau, danach in Nachtschicht in einer Metallwerkstatt (ZVI I, S.26). Nach 14 Monaten Plazow meldete sich ZVI freiwillig als Schlosser und wurde mit 200 anderen Menschen in das Hauptlager von Auschwitz gebracht: "Und wir sind dann rein gekommen, durch das Tor: Arbeit macht frei" (ZVI I, S.29) und wurden in ein Haus mit Waschräumen gebracht: "... wir haben aber nicht genau gewusst, sind das ECHTE Waschräume ..." (ZVI I, S.29). Sie bekamen Häftlingskleidung, Holzschuhe und wurden in Quarantäne gesteckt. In Auschwitz wurde ZVI im sogenannten "Zigeunerblock" bei den Schwerverbrechern untergebracht. Für die Kriminellen in diesem Block war ZVI ein leichtes Opfer, sie schüchterten ihn ein, schlugen ihn, wollten ihm die überlebenswichtigen Schuhe stehlen. ZVI wurde vom Leiter der Bauschlosserei bestraft, weil er für die Arbeit am Amboss zu schwach war:

"... und da hat er auf mich losgeschlagen, wie eine Furie und hat mich mit seinen Schuhen – nicht alle haben dort Holzschuhe getragen, die meisten – und er hat mich mit seinen Schuhen getreten und auf die Knie herein geschlagen und ich bin einfach umgefallen vor Schmerzen. Ich habe gedacht, der hat mir mein Knie gebrochen. Ich habe die Zähne zusammen gebissen, um nicht zu weinen, aber ich konnte nicht aufstehen. Und niemand ist auf mich zugekommen und hat mir geholfen aufzustehen. Alle haben dort geschwiegen. Ich bin eine Zeit lang dort gelegen und dann habe ich mich langsam aufgehoben und mich irgendwo hingesetzt. Ich konnte nicht mehr arbeiten. Und ich habe die ganze Zeit befürchtet, der Mann wird wieder zu mir zurückkommen und mich weiter schlagen. Aber er ist nicht gekommen. Der Mann war ein Häftling, alles waren Häftlinge. Er konnte dort machen, was er wollte, er hatte die Macht mit mir umzugehen und was wäre gewesen, wenn er mich totgeschlagen hätte, es hätte ihm niemand ein Wort gesagt, das Leben war dort nichts wert. Also das gleiche könnte auch in dem Zigeunerblock passieren, also wenn man mich totgeschlagen hätte und dann hätte man mich auf die Straße geworfen, na und was wäre gewesen? Jeden Tag hat man dort zig tausende Menschen umgebracht, das war so was, das machte gar nichts aus, noch ein Jude umgebracht. Nicht von Deutschen, so von Zigeunern oder von irgendeinem Polen, einem Grobian" (ZVI I, S.31f.). [26]

Irgendwie schaffte er es zurück in den Zigeunerblock. Sonntags, an einem arbeitsfreien Tag, lief ZVI hungrig in der Kälte im Lager umher, als ihn jemand auf Deutsch ansprach. Es stellte sich heraus, dass es in Auschwitz eine Gruppe von jüdischen Häftlingen und deutschen politischen Häftlingen gab, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, Neuankömmlingen, die in Not waren zu helfen. "Und ich hatte das große Glück, dass der Mann an mich herangekommen ist. Und tatsächlich im Laufe von 48 Stunden befand ich mich in einem anderen Block und an einem anderen Arbeitsplatz" (ZVI I, S.33). [27]

Nach ZVIs Aussage war an diesem Arbeitsplatz das Arbeitsklima "menschlicher" (ZVI I, S.34). Als von der SS Schlosser für einen neuen Betrieb gesucht wurden, meldete ZVI sich freiwillig (ZVI I, S.35). Warum er sich freiwillig zu einer ungewissen Arbeit meldete, obwohl er eine gute Arbeitsstelle hatte und relativ gut mit Lebensmitteln versorgt wurde, bleibt im gesamten Interview unklar. [28]

Die Freiwilligen wurden im April 1944 zu einem Lager in der Nähe des Stammlagers Auschwitz gebracht (ZVI I, S.36), ein Fabrikgelände der Firma Siemens: "Also das war ein kleines Lager, bewacht von SS im Raum von Auschwitz, nicht im Lager, direkt im Lager, aber im RAUM, der zu dem Gelände der Lager Auschwitz gehörte. Und dort haben wir gearbeitet und auch gewohnt" (ZVI I, S.36). Die Unterbringung, die Verpflegung und die Arbeitsbedingungen waren besser als im Hauptlager Auschwitz, und die Arbeit beschreibt ZVI als "hochinteressant". Am Arbeitsplatz in einem Maschinenraum arbeiteten ausgebildete Handwerksmeister – Schlosser, Mechaniker und Feinmechaniker – und die Jugendlichen, unter ihnen ZVI, waren ihre Helfer (ZVI I, S.37). "In dieser Zeit haben sich alle, auch ich, wir haben uns erholt. Wir sind kräftiger geworden, wir haben natürlich dort keine schwere Arbeit leisten müssen, das war ja klar" (ZVI I, S.39). Im Dezember 1944 sollte das Lager evakuiert werden. [29]

Zu diesem Zeitpunkt fasste ZVI das erste Mal den Beschluss, dass er, wenn er überleben würde, nach Palästina gehen würde. Am 17. oder 18. Januar begann der Todesmarsch nach Gleiwitz (ZVI I, S.39ff.). Der Schnee an ZVIs Holzschuhen fror zu Klumpen, und die Holzschuhe wurden "schwer wie Blei". ZVI warf das Essen weg und behielt nur die Decken, die ihn vor dem Erfrieren bewahrten: "Und es war Nacht, die Menschen sind eingeschlafen und sind erfroren oder von der SS erschossen worden" (ZVI I, S.41). Mithilfe von zwei Freunden schaffte er es verletzt, bis nach Gleiwitz. Nach 24 Stunden fand eine Selektion statt (ZVI I, S.43). ZVI überstand die Selektion und musste in einen offenen Güterwagen klettern. Als der Zug losfuhr, standen die Menschen dicht gedrängt, teilweise aufeinander, konnten sich nicht drehen, nicht setzen und mussten ihr "Geschäft" an Ort und Stelle verrichten. Dadurch, dass man die Leichen der auf der Fahrt gestorbenen Menschen aus den Waggons warf, entstand Platz für die Lebenden. Es gab kein Wasser und nichts zu Essen. "Und den Durst konnte man nur mit Schnee stillen und der Magen war leer und der Schnee war eiskalt. Und der Schnee schmeckt nicht so wie Wasser. Also, es war sehr, sehr unangenehm" (ZVI I, S.44). In Prag hielt der Zug einige Stunden. Von einer Brücke warf die Prager Bevölkerung Lebensmittel in die offenen Waggons. "Und das hat natürlich einen großen Eindruck erweckt. Wenn man was Menschliches plötzlich sieht und erfährt" (ZVI, S.46). Die Fahrt ging weiter, und plötzlich sah man Schilder: "Weimar. Na ja, dann wusste man: Buchenwald liegt in unmittelbarer Nähe von Weimar" (ZVI I, S.46). Über den Aufenthalt im KZ Buchenwald sagt ZVI, dass diejenigen, die er dort angetroffen hat, nur noch lebendige Skelette waren und viele dort verhungert sind (ZVI I, S.48). [30]

Nach drei Wochen in Buchenwald kamen die beiden Betriebsleiter der Firma Siemens, um ihre "Arbeiter" zu holen. ZVI und zwei seiner Kameraden schafften es, auf die "Arbeiter-Liste" von Siemens zu kommen. Nach ungefähr anderthalb Wochen wurden die "Siemensarbeiter" in einem geschlossenen Güterzug in das Industrie-Viertel von Berlin-Haselhorst gebracht (ZVI I, S.50). Wegen des schweren Bombardements durch die alliierten Streitkräfte hat Berlin gebrannt, und so konnten die Häftlinge nicht, wie geplant, in der dafür vorgesehenen Fabrik eingesetzt werden. Daraufhin wurden sie nach Sachsenhausen transportiert (ZVI I, S.52). [31]

Im KZ Sachsenhausen mussten die Häftlinge bei sehr schlechter, karger Nahrung sehr schwer arbeiten.

"Und die SS-Leute, die dort auf uns aufgepasst haben, die hatten Peitschen in der Hand und wenn sie jemanden bemerkt haben, dass er nicht arbeitet, dann sind sie auf den zugegangen, abgesehen von den Beleidigungen haben sie auf die Hände geschlagen, auf die Finger hauptsächlich und das war natürlich schmerzend, weil wir hatten alle schon Blasen von der Arbeit. (...) Und man lernt so im Laufe der Jahre, wie benimmt man sich, um sich vor Schlägen zu retten. Und da habe ich festgestellt, dass wenn ein SS-Mann jemanden schlägt, dann sieht er nicht die anderen und in diesen Minuten, in diesen Momenten, da habe ich mich einfach hingestellt und aufgepasst, bis der Mann mit dem Schlagen fertig war und dann habe ich wieder angefangen zu arbeiten. Also das war eine sehr unangenehme Situation, aber so war es" (ZVI I, S.53). [32]

Im April sollten die Siemensarbeiter nach Süddeutschland gebracht werden, doch wegen der schweren Bombardements wurde der Zug wieder zum KZ Sachsenhausen zurückgeleitet (ZVI I, S.56). In Sachsenhausen erwartete ZVI wieder die schwere Arbeit und das schlechte Essen. Eines Nachts schafften es Häftlinge während der Bombardements, das Lebensmittellager zu "überfallen". Während die meisten Häftlinge sich Nahrungsmittel holten, lief ZVI in die Baracke, in der die Kleidung gelagert wurde, und holt sich ein Paar Lederschuhe und warme Decken. Zu Essen bekam er nichts mehr (ZVI I, S.58). [33]

Am kommenden Morgen begann der Todesmarsch. "Wir sind durch Dörfer gekommen, die waren fast schon leer, keine Bevölkerung und es waren in den Dörfern gewesen, wo noch Menschen da waren und Kinder standen auf der Straße und haben uns beschimpft als Verbrecher usw. KINDER, NICHT?" (ZVI I, S.58) Der Marsch dauerte elf Tage, und sie legten ca. 330 Kilometer zurück. Nachts schliefen die Gefangenen entweder im Wald oder in Scheunen, die am Wegesrand standen, und gegessen wurde, was sie auf dem Marsch gefunden hatten. Nach dem elf Tage langen Marsch wurde es offensichtlich, dass die Alliierten Truppen schon in der Nähe von Schwerin waren. Mehr und mehr Gruppen von Gefangenen verschwanden im Wald, aber es folgten keine Erschießungen. ZVI schildert die Befreiung folgendermaßen:

"An der linken Seite der Landstraße stand ein deutscher Militärlastwagen, um den Lastwagen herum standen amerikanische Soldaten mit gehobenen Bajonetten und auf dem Lastwagen befanden sich viele deutsche Soldaten, die den Befehl bekommen haben, herunter zu gehen, ihre Waffen abzuliefern und sich mit erhobenen Händen hinzustellen. Wir sind natürlich nicht stehen geblieben, aber ich war so überrascht von dieser Umstellung, dass mir überhaupt nicht eingefallen ist, dass ich eigentlich in die Freiheit ging" (ZVI I, S.65). [34]

Nach der Befreiung 1945 befand sich ZVI, bis er im März 1946 illegal nach Palästina reisen konnte, in verschiedenen Displaced-Persons-Lagern3). In Palästina angekommen, lebte er zunächst als Neueinwanderer im Kibbuz Afikim (ZVI I, S.79ff.). [35]

5.2 Kurzporträt: FANNY

FANNY wurde am 6. September 1925 in Köln geboren (FANNY I, S.1). Ihre Eltern waren als Kinder im Ersten Weltkrieg von Galizien nach Deutschland geflüchtet und lebten seitdem in Deutschland. Die Familie hatte insgesamt fünf Kinder (FANNY I, S.7), FANNY war das zweitälteste Kind. In ihrer Erzählung geht sie nicht auf die Berufe ihrer Eltern ein, aber es wird klar, dass die Familie nicht reich war und sich die Ausreise aus Deutschland in ein sicheres Land finanziell nicht erlauben konnte (FANNY I, S.2). Ihr Vater wurde 1933 als "polnischer Jude" verhaftet und drei Tage in ein Gefängnis in Dortmund eingesperrt. Daraufhin beschloss er, mit der Familie nach Polen zu gehen. Der Vater fuhr vor, aber aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen reiste ihm die Mutter mit den fünf Kindern nicht nach. [36]

Am 28. Oktober 1938 wurden die in Deutschland lebenden polnischen Juden und Jüdinnen nach Polen ausgewiesen. Das Familienoberhaupt und die Kinder, die älter als 15 Jahre waren, mussten der Ausreiseanordnung Folge leisten. FANNY wurde an diesem Tag von der Schulleitung nach Hause geschickt und fand die Mutter mit zwei Koffern vor dem Haus stehend. FANNYs ältester Bruder und ihr jüngerer Bruder Arnold gingen freiwillig mit der Mutter mit. Die anderen Kinder blieben nach Absprache mit der Kölner Jüdischen Gemeinde in Köln zurück, da die Mutter nur mit einer vorübergehenden Trennung rechnete (FANNY I, S.3f.). Die Kinder wurden in einem Kölner Kinderheim untergebracht. In dieser Zeit bekam FANNY eine Postkarte von ihrer Mutter, in der sie ihre Situation schilderte: Die aus Deutschland ausgewiesenen polnischen Staatsbürger/innen jüdischen Glaubens wurden von der polnischen Regierung nicht aufgenommen, und auch zurück nach Deutschland konnten sie nicht. FANNY schaffte es einige Male, der Mutter dringend benötigte Sachen zu schicken: Decken und Anziehsachen, die die Mutter gegen Lebensmittel eintauschen konnte (FANNY I, S.10). Über ihre Mutter weiß FANNY noch zu berichten, dass sie 1940 nach Krakau zu ihrer Tante flüchten konnte (FANNY I, S.8). Dort verliert sich die Spur ihrer Mutter, sie hat den Holocaust nicht überlebt. [37]

FANNY wurde auf eine Jugendhachscharah (jüdische Jugendfreizeit) geschickt und schildert: Da sie als staatenlos in Deutschland galt, aber es ihr auch nicht erlaubt war, nach Polen einzureisen, blieb sie in dem jüdischen Ferienheim und arbeitete dort als Küchenhilfe. Alle drei Monate musste sie sich bei der Polizei melden, "wie ein Schwerverbrecher" (FANNY I, S.8). In dieser Zeit kam FANNYs Vater ins Warschauer Getto und starb kurze Zeit später an Typhus (FANNY I, S.9). Ihr Bruder Bernd kam mit einem Kindertransport aus Polen nach England, dort hat er den Holocaust überlebt (FANNY I, S.6). Er und FANNY waren die einzigen Überlebenden der Familie. [38]

Im November 1941 wurde FANNY in Norddeutschland von der Gestapo vorgeladen. Ihr wurde mitgeteilt, dass sie in den Osten zu einem "Arbeitseinsatz" geschickt werden würde (FANNY I, S.10). Am 4. Dezember wurden sie mit anderen in einer Hamburger Schule "versammelt", um dann zwei Tage später zum Bahnhof transportiert zu werden. Der Transport nach Riga dauerte drei Tage und wurde nur einmal unterbrochen, dort wurden die Deportierten von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde mit Essen und Trinken versorgt. Während der restlichen Zeit des Transportes bekamen die Menschen in den Waggons keine Verpflegung (FANNY I, S.11f.). Obwohl die Fahrt zum Getto Riga gehen sollte, wurden die Menschen zuerst zum Auffanglager Jungfernhof gebracht. Die Ankunft, am Jungernhof schildert FANNY folgendermaßen:

"... wie der Zug ankam und wie dann die Türen so wild aufgerissen wurden von den Nazis, da hab ich Furcht bekommen. Das war nicht derselbe Nazi, den ich kennen gelernt hab. Das war einer, der hatte so richtig ein wildes, wilden Blick im Gesicht, so ... hmm nicht nur wild, wie man sagt, ohne, ohne barmherzig, so ich weiß nicht, so wie [wird lauter] ein Mörder, so wie der [wieder normale Lautstärke] und der hatte in der einen Hand, hatte er den Hund gehalten und in der anderen einen Stock. Und da kam der Befehl, wir müssen runter, kommt runterspringen und es war nicht, wie wenn man die Treppen runter so (...), für uns gab es kein Problem, das Problem war für Mütter mit kleinen Babys oder für ältere kranke Menschen. Und neben mir ist ein älterer Mensch in den Schnee herein gefallen und er konnte nicht aufstehen und der Nazi-Bonze hat ihn geschlagen mit der Peitsche: Du Judensau, steh auf, steh auf. Und wir waren vor Angst gelähmt, wie die Angst kam. So, dass wir hätten helfen können, aber wir waren gelähmt vor Angst. Und da hat er dann den Revolver raus genommen und hat ihn in den Kopf rein geschossen. Und der ganze Schnee, es war hoher Schnee, war mit Blut verspritzt, mit Stücken vom Gehirn, so und der Befehl war: Schnell aufteilen, schnell, schnell und sicher das, diese, dieses Bild was wir da hatten, hat geholfen. (...) Wir haben uns dann natürlich schnell aufgereiht, wir wussten aber nicht, wohin der Marsch geht, ja? Und was ich bis heute immer mich frage, es waren doch Kinder unter uns, es gab, es war eine Totenstille, so wie im Grab. Man hörte nichts, Kindergewein, die Kinder waren gelähmt" (FANNY I, S.13). [39]

Unterbrochen wurde diese Stille durch das laute Gebet des Schma Israel4), das von einem Oberrabbiner gehalten wurde. FANNY erzählt, dass das Schma Israel eine zentrale Bedeutung seitdem für sie hat (FANNY I, S.14). Auf dem Gutshof Jungfernhof, der als Auffanglager diente, wurden ungefähr 4.000 Menschen gefangen gehalten. Da der Gutshof in seiner vorherigen Bestimmung und Funktion für diese Menschenmenge nicht ausgelegt war, waren die hygienischen Verhältnisse dementsprechend schlecht (FANNY I, S.14). Anfang Februar 1942 meldete sich FANNY freiwillig zum Arbeitseinsatz nach Riga. Dort traf sie Lili, deren Familie hatte sich in Köln um FANNYs Bruder Leo gekümmert. FANNY lebte dann bei Lilis Familie, mit der sie auch zusammengearbeitet hat (FANNY I, S.15f.). In ihrer Erinnerung an die Zeit im Getto Riga stehen Selektionen, Erniedrigungen und eine schwere Beinverletzung im Mittelpunkt ihrer Erzählung (FANNY I, S.15f.). Bestimmte Erlebnisse sind FANNY als schwere Erniedrigungen im Gedächtnis geblieben: das Abrasieren der Haare (FANNY I, S.22), die "Degradierung" von der jüdischen zur politischen Gefangenen (FANNY I, S.17, 18) und demütigende körperliche Misshandlungen. Als Beispiel schildert sie eine Strafe, als sie ihre vorgeschriebene Arbeitsleistung in einer Zuckerrübenfabrik, im Getto von Riga, nicht schafft.

"Aber eines Tages, ich weiß nicht, warum ich nicht geschafft hab, wir hatten keine Frühstückspause, hatten keine Mittagspause, wir hatten keine Pause uns auszuruhen, ja? Und hier hatte ich meine Norm mal nicht geschafft. Und dann kam dieser Lette auf mich zu mit der Peitsche und hat mich mit der Peitsche geschlagen, weil ich nicht geschaffen habe und da sag ich immer, während ich war schwer zu treffen, zum Beispiel der Judenstern, hat mich nicht erniedrigt, oder was, ich hab mit Stolz getragen, weil es ist, mein, mein, mein Zeichen, mein Symbol als Jude. Aber, als man mich mit der Peitsche geschlagen hat" (FANNY I, S.17). [40]

Während ihres Aufenthaltes im Getto Riga trifft sie ihre Tante Dora und deren Tochter Ursel (FANNY I, S.19, 32). FANNYs Cousine Ursel war ihre Rettung bei einer Verletzung, die FANNY sich beim Torfstechen, noch im Getto, zugezogen hatte: Sie war von Mücken oder anderen Insekten "zerstochen" worden, es bildete sich ein Furunkel am Bein und die Wunde entzündete sich schnell und war voller Eiter. FANNY aber durfte nicht zeigen, dass sie nicht voll arbeitsfähig war, das hätte ihren Tod bedeutet, insbesondere, da das Getto kurz vor der Liquidierung stand und die "unnützen" Menschen ermordet wurden. FANNY war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt, und ein Feldarzt operierte das Furunkel.

"… und ich sag zu ihm: Ich kann arbeiten, ich kann arbeiten, ich kann arbeiten. Und das war einmal, so wie 'ne zerbrochene Platte, so. Ich kann arbeiten und er hat verstanden. (...) Und dann, ich hab keinem anderen meinen Verband gezeigt. Und der sah so furchtbar aus. Und da hat der den aufgeschnitten, nicht ich hab mich erschrocken, nicht erschrocken, sondern er hat sich erschrocken. (...) Und da hat er mich beruhigt, es behandelt und dadurch ist eine Riesen-Narbe geblieben, weil man konnte es doch nicht richtig behandeln" (FANNY I, S.21f.). [41]

Direkt nach der Operation musste FANNY, noch halb unter Narkose, zurück ins Getto gehen, da niemand von ihrem Krankheitszustand erfahren durfte. "Und ich bin dann zurückgegangen und die Schwester hinter mir und hab gesagt, sie muss ausziehen die Schwesterntracht, damit es nicht auffällt. Ich habe erfahren, da war ich alt 17 Jahre, wie du kämpfst für dein bisschen Leben" (FANNY I, S.20). Die nicht verheilte Wunde stellte sich als ein lebensgefährliches Problem bei den Selektionen heraus, die vor den Transporten – vom Getto Riga zum Konzentrationslager Riga-Kaiserwald und zum Konzentrationslager Stutthof – stattfanden. Eine dieser Selektion traf auch FANNYs Tante Dora. Vom Konzentrationslager Riga-Kaiserwald kamen FANNY und ihre Cousine Ursel nach Stutthof. Am Eingang wurde ihnen die Folge von Fluchtversuchen durch zwei aufgehängte Häftlinge demonstriert. Es erfolgte eine weitere Selektion, bei der "festgestellt wurde", wer arbeitsfähig war und wer nicht.

"Ja, der Entschluss war nicht leicht, aber das Gehirn hat mir befohlen, meine Narbe zu verdecken und wir waren zwar viele Frauen, die gingen nicht an jede einzelne Frau, scheinbar haben sie nicht geachtet, wo die Hände sind, denn sie gingen durch die Reihen und waren sehr viel Frauen dort und ich wurde dann noch zur Arbeit, dass ich war noch fähig zu arbeiten, auch meine Cousine und dann wurden wir auf 'ne Eisenbahn verladen und fuhren in ein Arbeitslager, das hieß Sophienwalde bei Stolp" (FANNY I, S.27). [42]

Die Gruppe kam Herbst 1944 in Sophienwalde an (FANNY I, S.27). Die Frauen wurden dort in Sperrholzhütten untergebracht; sie schliefen auf Stroh, je zwei Menschen bekamen eine Decke. Die Arbeit bestand aus dem Bau von Straßen und Wegen für Militärfahrzeuge in unwegsamem Gelände. Die Verpflegungs- und Hygienesituation beschreibt FANNY als katastrophal: Essen war kaum vorhanden, es gab keine Möglichkeit, sich zu waschen. Im Januar 1945 wurde das Arbeitslager Sophienwalde liquidiert, weil die russische Armee näher rückte und man vermeiden wollte, dass die Gefangenen der sowjetischen Armee in die Hände fielen. Der darauf folgende, etwa 100 km lange Todesmarsch ging vom Lager Sophienwalde, über Stolp, nach Lauenburg (FANNY I, S.30). Sie wurden vom Kommandanten gewarnt, dass alle, die nicht gehen können, erschossen würden. "Aber der zurückgeblieben ist [im Lager; D.M.S.], hat auch eine Kugel bekommen. Also ist man gegangen, weil man hat gemeint, weitergehen ist noch 'ne Hoffnung. Zurückbleiben ist aus" (FANNY I, S.30). Tagsüber ernährten sich die Häftlinge von Schnee, und abends bekamen sie in Scheunen eine Scheibe Brot, ein Stückchen Margarine und eine "Wassersuppe" (FANNY I, S.30). [43]

Im Militärlager in Lauenburg waren sie sehr erleichtert über die verbesserten hygienischen Bedingungen, dann brach in Lauenburg der Typhus aus. Die an Typhus erkrankten Menschen wurden in eine Baracke eingeschlossen, wo sie umkamen. Auch FANNY erkrankte an Typhus.

"Und dann sag ich zu der Cousine: Ach Ursel, ich kann doch nicht gehen, ich hab keine Kraft. Während ich vorher immer den Lebenswillen hatte und hier: die Krankheit hat mich, hat mich vollkommen ..., da sagt sie: Fanny, du wirst gehen, so lange ich geh, gehst du auch. Dasselbe hatte ich mit ihr auch gemacht, wie wir den Weg beim ersten Mal gegangen sind, weil da wollte sie nicht gehen. Hab ich gesagt: wenn ich geh, gehst auch du" (FANNY I, S.32). [44]

Am 9. März 1945 mussten die Überlebenden weiter nach Bismarckdorf marschieren. Sie merkten nicht, dass die Bewachung nur noch aus drei alten deutschen Soldaten bestand. In Bismarckdorf flüchteten auch diese letzten drei Soldaten (FANNY I, S.34). Nach der Befreiung 1945 befand sich FANNY in verschiedenen Displaced-Persons-Lagern, bis sie im Mai 1947 legal mit Papieren, die ihr zukünftiger Mann Arie besorgt hatte, über England nach Palästina reisen konnte. Arie holte sie vom Schiff ab, und sie fuhren in den Kibbuz Naan (FANNY I, S.45). [45]

6. Politische Einstellungen von ZVI und FANNY

Die folgenden ausgewählten Analyseeinheiten fokussieren Themen, die sich auf den arabisch-israelischen Konflikt im Allgemeinen und auf den israelisch-palästinensischen Konflikt im Besonderen beziehen und in den Diskussionen (und Verhandlungen) um eine Lösung der jeweiligen Konflikte eine wichtige Rolle spielen. Konkret wird hier zur Einstellung zu der Möglichkeit eines zukünftigen palästinensischen Staates mit Bezugnahme auf die als Vorbedingungen geltenden Streitpunkte, d.h. die Flüchtlingsfrage, die Jerusalemfrage wie auch die mögliche zukünftige (politische) Verortung der von Israel besetzten Gebiete (Westbank und Gaza) gefragt. Zudem wurden Fragen nach der Einstellung zu israelischen Arabern/Palästinensern wie auch zu einer möglichen Abgabe der Golanhöhen an Syrien Fragen gestellt. Ein weiterer Schwerpunkt ist die von Ariel SHARON durchgeführte unilaterale Räumung der jüdischen Siedlungen im Gazastreifen und einigen jüdischen Siedlungen in der Westbank. Abschließend wurde noch auf die Einschätzung zu der Zukunft Israels eingegangen. [46]

6.1 Abgabe der Westbank, Gaza und der Golanhöhen

Als Voraussetzung für die Proklamation eines palästinensischen Staates kann die Übergabe der 1967 im 6-Tage-Krieg durch die israelische Armee eroberten Gebiete, der sogenannten Westbank und des Gazastreifens, gesehen werden, da ohne souveränes Territorium kein Staat möglich ist. Ungeachtet dessen, welche politische Partei den Premierminister stellte, wurden die besetzten Gebiete wie Kolonien behandelt, d.h. dass die in den Gebieten vorhandenen Ressourcen wie auch die palästinensische Bevölkerung benutzt und ausgebeutet wurden.

"Following the occupation in 1967 Israel began expropriating for its own benefit the Palestinian territories' main natural resources: land, water and quarries. It started establishing settlements (...), which is justified on the grounds of 'security' and with a range of legal arguments" (HASS 2004, S.40). [47]

Laut KRETZMER (2005) stellt die Errichtung von jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten und die Verletzung der Gleichheitsrechte der in den Gebieten lebenden palästinensischen Bevölkerung einen Verstoß gegen internationales Recht dar; nicht zuletzt durch die "Tolerierung" gewaltsamer Handlungen jüdischer Siedler/innen an Palästinenser/innen durch die (jeweiligen) israelischen Regierungen. Auch die Tatsache, dass der 6-Tage-Krieg durch die Provokation der ägyptischen und syrischen Regierungen, die die Vernichtung Israels zum Ziel hatten, mit initiiert wurde, kann das Vorgehen der jüdischen Siedler/innen und deren Legitimierung seitens der israelischen Regierung(en) nicht rechtfertigen: "No arguments about security or terrorism can justify law enforcement personnel standing by while Israeli civilians attack Palestinians or their property" (KRETZMER 2005, S.51; vgl. auch ZUCKERMANN 2003, S.43f.). [48]

Als ZVI und für FANNY nach der Rückgabe des Gazastreifens und der Westbank befragt wurden, zeigte sich, dass das Sicherheitsargument für beide hinsichtlich der möglichen politischen Schlussfolgerungen richtungweisend war: Beide sehen als Vorbedingung für das Rückgeben der Territorien einen Sicherheitszustand, der gewährleistet, dass von palästinensischer Seite keine Terrorakte mehr verübt werden. Während FANNY die mögliche Abgabe von Gebieten geostrategisch fasst und somit aufgrund der Begrenztheit des Landes für fast unmöglich hält, wird ZVIs Argumentation eher von der Schaffung eines Rechtsstaates Palästina geleitet. FANNY verweist auf die problematische Sicherheitslage und hebt hervor, dass ein geografischer "Sicherheitsgurt" eine notwendige Sicherheitsmaßnahme für Israel darstelle. Es ist nicht das Territorium "Gazastreifen", das für sie eine Rolle spielt, sondern die Pufferzone, die der besetzte Gazastreifen zwischen Israel und Ägypten darstellt. Sie betont, dass sie nicht Gaza brauche, doch hier "ist die Frage der SICHERHEIT. Und dazu brauchen wir einen Sicherheitsgurt, (...) dann habe ich eine bessere Übersicht, wer mich angreifen will, wer mich vernichten will. Und wenn ich das nicht habe, dann bin ich dem Schicksal ausgeliefert" (FANNY P, S.2f.). [49]

ZVI hingegen ist prinzipiell für die Errichtung eines palästinensischen Staates, jedoch ist die Staatsgründung an die Bedingungen der Rechtsstaatlichkeit geknüpft. Weiterhin führt er aus:

"Für einen palästinensischen Staat bin ich absolut. Aber ein palästinensischer Staat kann nur dann gegründet werden, wenn er ein Rechtsstaat ist und nicht ein Terrorstaat. Das muss im Vordergrund solch eines Beschlusses stehen. Ich bin der Meinung die Palästinenser haben genau dasselbe Recht wie wir auf einen Staat. Das steht gar nicht in Frage bei mir, aber unter der Bedingung, dass sie, wie jedes normale Volk eine Regierung haben, die die Gesetze bestimmt und auch die Bevölkerung sich den Gesetzen anpasst und nicht jede Gruppe ihre Gesetze durchsetzen will" (ZVI P, S.2). [50]

Allerdings wird der Frage, inwieweit ein Rechtsstaat entstehen kann, wenn die Verfügungssouveränität nicht gegeben ist und die Palästinenser/innen nicht über Ressourcen und Bewegungsfreiheit bestimmen können, nicht weiter nachgegangen. Zwar begrüßt ZVI als Ziel einen unabhängigen palästinensischen Staat, doch eine konkrete Idee, die zu diesem Ziel führen kann, äußert er nicht. Er insistiert wie FANNY auf einer Sicherheitszone, die er an der östlichen Grenze Israels verortet. Er argumentiert, dass die jordanische Regierung nicht daran interessiert sei, die Grenze zu Israel zu sichern, und dass es schwer sei, einem nicht demokratischen Staat mit einem Alleinherrscher zu vertrauen (vgl. ZVI P, S.3). [51]

Hinsichtlich der Rückgabe der auch im 6-Tage-Krieg von Israel eroberten und annektierten Golanhöhen vertreten ZVI und FANNY die gleiche Argumentationslinie wie bei der Westbank und dem Gazastreifen. ZVI hegt Zweifel, dass die syrische Regierung derzeit ein guter Verhandlungspartner ist; unter sicheren Bedingungen ist er aber prinzipiell für eine Rückgabe dieses Gebietes (vgl. ZVI P, S.4). Im Gegensatz dazu ist FANNY unter keinen Umständen dazu bereit, die Golanhöhen an Syrien zurückzugeben. Wenn zuvor die Existenz eines Sicherheitsgürtels aufgrund der geringen Breite und der besonderen geografischen Lage Israels als Argument diente, ist es bei den Golanhöhen die sicherheitsbedenkliche Situation, die sich durch die Höhe des Golans ergebe. Die Frage nach der Abgabe der Golanhöhen an Syrien beantwortet sie wie folgt:

"Nein, absolut nicht, absolut nicht. Weißt Du warum? Weil der Golan ist oben, ich bin unten. Ich hab kein Vertrauen, solange ich kein Vertrauen hab, kann ich nicht meine Sicherheit opfern. Und da ist auch die Frage mit Wasser, mit verschiedenen Sachen, die für uns lebenswichtig sind. Vor allem die Sicherheit. Das ist die Sicherheit, dass ich nicht falle, dass ich existieren werde, dass die neuen Generationen eine neue Zukunft haben" (FANNY P, S.4). [52]

Zu der geopolitischen Sonderstellung der Golanhöhen fügt sie noch die Wasserversorgung an, die durch die Golanhöhen gewährleistet zu sein scheint. Im Gegensatz zu ZVI kommen aber für FANNY keine Verhandlungen mit Syrien in Frage. [53]

6.2 Die "Flüchtlingsfrage"

Bei der sogenannten "Flüchtlingsfrage" handelt es sich um die Forderungen der palästinensischen Autonomiebehörde und verschiedener palästinensischer politischer Gruppen nach einem Rückkehrrecht der staatenlosen und meist bürgerrechtslosen palästinensischen Flüchtlinge, die infolge des von Israel bezeichneten Unabhängigkeitskrieges von 1948 aus ihrer Heimat flüchten mussten bzw. flüchteten. Nach SHAFIR und PELED (2002, S.207) geht es um ca. 200.000 bis 300.000 heute noch lebende Flüchtlinge und deren Nachkommen – insgesamt wird geschätzt, dass ca. 3.5 Millionen Palästinenser/innen das Recht einfordern, zu ihrem Eigentum zurückzukehren bzw. für die Entwendung dessen entschädigt zu werden. Zum einen ist allerdings strittig, ob den Palästinenser/innen überhaupt ein Rückkehrrecht zusteht, da von israelischer Seite der Standpunkt eingenommen wird, dass es sich nach der UN-Resolution und der Anerkennung des Staates Israels und eines palästinensischen Staates sowie der darauf folgenden Invasion der sich um Israel befindenden arabischen Staaten um einen Verteidigungskrieg gehandelt habe, in dessen Verlauf viele Palästinenser geflüchtet seien.

"Israeli spokesmen – including 'official' historians and writers of textbooks – maintained that the Arabs had fled 'voluntarily', or because the Palestinian and Arab states' leaders had urged or ordered them to leave, to clear the ground for the invasion of May 15 and enable their spokesmen to claim that they had been systematically expelled. Arab spokesmen countered that Israel had systematically and with premeditation expelled the refugees. Documentation that surfaced in massive quantities during the 1980s in Israeli and Western archives has demonstrated that neither 'official' version is accurate or sufficient" (MORRIS 2001, S.252f.). [54]

Zum anderen steht der Anerkennung des palästinensischen Rückkehrrechts das in Israel bereits bestehende jüdische Rückkehrrecht entgegen. "Das jüdische Rückkehrrecht wurde, neben der Funktion Israels als Zufluchtsort für Juden im Falle von antisemitischen Rück- und Vorfällen und Pogromen, zur Sicherung der jüdischen Mehrheit in der Bevölkerung Israels implementiert" (MICHEL 2009, S.245). Es garantiert allen Juden und Jüdinnen die Einwanderung in die "jüdische Heimstätte" Israel. Nach der Einschätzung Claude KLEINs schließen sich das palästinensische und das jüdische Rückkehrrecht kategorisch aus (2005, S.250), da es weniger um die Frage eines sicheren Zufluchtsortes oder um Entschädigungen gehe, sondern vielmehr um die demografische Zukunft des Landes, d.h. die Frage, welche Bevölkerungsgruppe die Mehrheit stellt. Das ist auch der Grund, weshalb diejenigen in Israel, die sich für eine Entschädigung aussprechen, nur eine finanzielle Entschädigung in Betracht ziehen und somit eine "Rückkehr" der palästinensischen Flüchtlinge und von deren Nachkommen nach Israel ablehnen. [55]

Wenngleich ZVI das "Zurückkommen" der palästinensischen Flüchtlinge kategorisch ablehnt, so spricht er sich doch für Kompensationszahlungen aus:

"Eine Rückkehr der Leute hier in die Gebiete des israelischen Staates (würde) die Vernichtung Israels bedeuten. (...) man muss den Leuten Kompensation bezahlen, das gebührt den Menschen, die geflohen sind, obwohl, obwohl es auch bewiesen ist, dass viele von den Leuten, die geflohen sind durch Agitation der Araber, nicht weil man ihnen Angst gemacht hat, geflohen sind" (ZVI P, S.4). [56]

FANNY hingegen verweist darauf, dass auch sehr viele Juden und Jüdinnen aus arabischen Ländern nach Israel fliehen mussten, und dass auch sie selbst als Flüchtling nach Israel (bzw. Palästina) gekommen sei:

"Ich war auch für Entschädigung, aber auch dass die die arabischen Juden entschädigen (werden) sollen. Verstehst Du? Willst du entschädigt werden, musst du auch die arabischen Juden entschädigen, die von allen Ländern gekommen sind. Und da findet man kein gemeinsames Wort" (FANNY P, S.5). [57]

6.3 Die "Jerusalemfrage"

Der Ost-Teil Jerusalems, der zu Jordanien gehörte, wurde während des Krieges von 1967, nachdem die jordanische Armee in den Krieg gegen Israel eingetreten war, von der israelischen Armee annektiert, und gilt lt. internationalem Völkerrecht als von Israel besetztes Gebiet. Nach der Zusammenlegung Ost- und Westjerusalems wurde Jerusalem zur Hauptstadt Israels erklärt. Die "Verfügungsgewalt" über Jerusalem ist wesentlich mit der territorialen Nutzung und somit der Möglichkeit des Ausschlusses bestimmter Bevölkerungsgruppen an der Verfügungsmöglichkeit über Grund und Boden – besonders ist hier das Baurecht angesprochen – und der Frage nach der Hauptstadtverortung Israels sowie eines möglichen zukünftigen palästinensischen Staates verbunden. [58]

Diese verfügungsrechtlichen Aspekte werden mit religiösen Ansprüchen und Legitimationsversuchen verknüpft. Konkret stellt sich dabei die Frage, wer in welchem Maß über die religiösen Stätten in dieser Stadt wie verfügen kann. Angesprochen sind hier die jüdische westliche Tempelmauer und der Tempelberg, die muslimische Al-Aksa Moschee und der Felsendom sowie diverse christliche Heiligtümer wie z.B. die Grabeskirche. Auf der einen Seite fordert die Palästinensische Autonomiebehörde Jerusalem als Hauptstadt eines zukünftigen palästinensischen Staates, auf der anderen Seite bezeichnet der Staat Israel Jerusalem als ewige und unteilbare Hauptstadt Israels (vgl. SHAFIR & PELED 2002, S.204). [59]

FANNY lehnt die Teilung Jerusalems kategorisch ab:

"Guck mal, Jerusalem darf nicht geteilt werden, denn wir haben schon die Teilung Jerusalems erlebt. Wenn ein Jude nicht frei zur Klagemauer gehen kann, zu seinen heiligen Stätten, deshalb darf es nicht geteilt werden. (...) Die Heilige Stadt. Und die kann nicht geteilt werden" (FANNY P, S.5). [60]

FANNY sieht sich "kollektiv eingebunden", indem sie feststellt, dass "wir" schon die Teilung erlebt hätten und sie bekräftigt, dass die Möglichkeit der Teilung Jerusalems für sie nicht bestehe. Sie untermauert ihre Aussage mit Erlebtem: Sie erzählt, dass sie, nachdem sie nach Israel gekommen war, mit ihrem Mann nach Jerusalem gefahren sei und in der Altstadt Juden gesehen habe und sie fährt fort, dass in Jerusalem immer Juden und Jüdinnen gelebt hätten. Mit Bezug auf eine mögliche Trennung Jerusalems unter der Aufsicht der UN [United Nations] sagt sie, die UN sei noch nie objektiv gewesen: "ich will selbstständig sein, was meine Sicherheit anbelangt und nicht durch die internationalen Staaten vertreten sein" (FANNY P, S.6). [61]

Im Gegensatz zu FANNY lehnt ZVI die Teilung Jerusalems nicht kategorisch ab. Er äußert allerdings starke Bedenken hinsichtlich der Möglichkeit einer friedlichen Lösung. Das größte Hindernis ist für ihn die feindliche Haltung der Araber/innen gegenüber den Juden und Jüdinnen: "Das Vertrauen ist eine Sache, die Jahrzehnte lang aufgebaut werden muss. Deswegen ist eine friedliche Lösung im menschlichen Sinne meiner Meinung nicht in den kommenden Jahrzehnten zu erwarten" (ZVI P, S.6). Aber wie auch schon zuvor ist sein ablehnendes Urteil nicht prinzipieller Natur; er sieht nur in der gegebenen Situation nicht, wie es gehen soll. Prinzipiell ist er nicht gegen die Teilung Jerusalems. So führt er aus:

"Jerusalem ist natürlich ein sehr heikles Problem. (...) Wie man Jerusalem aufteilen kann, ist mir nicht klar, wie man so was machen kann. Wie man in Jerusalem, einen Teil der Altstadt, nicht der jüdische Teil, aber der arabische Teil, wo die meisten Araber wohnen, wie man dies als Hauptstadt des palästinensischen Staates erklären kann, das wäre vielleicht möglich, wenn mehr Verständnis zwischen beiden Völkern existieren würde. Dann könnte so eine Möglichkeit in Frage kommen. Aber so lange so ein Hass und so eine verhasste Propaganda noch in den Schulen existiert, sehe ich keine normale Lösung. Keine menschliche, vernünftige" (ZVI P, S.6). [62]

Ein wichtiger Aspekt bei der Beurteilung der Sicherheitslage und der damit verknüpften Fragen der gesellschaftspolitischen Zukunft der Stadt Jerusalem, d.h. der Abgabe der von Israel besetzten Gebiete sowie der Entschädigung der Flüchtlinge, ist die allgemeine Einstellung FANNYs und ZVIs gegenüber den Palästinenser/innen bzw. den israelischen Araber/innen: Nach FANNYs Einschätzung seien diese nicht zu Friedensverhandlungen oder politischen Konzessionen, die zu Friedensverhandlungen führen könnten, bereit, da das "Feindbild des Juden" bzw. Israelis dies nicht zulasse. ZVI teilt diese Einschätzung, aber für ihn ist dies nur eine Momentaufnahme. Er kann sich vorstellen, dass sich diese Einstellung auch ändern kann und dann ein Weg für Friedensverhandlungen möglich wäre. [63]

6.4 Einstellung zu (israelischen) Arabern/Palästinensern

Dem damaligen Zeitgeist entsprechend erhoffte sich Theodor HERZL5) einen Judenstaat, der durch (westlichen) Fortschritt und friedliches Zusammenleben vieler Völker geprägt sein sollte (1962, S.48). Dieser mit der Einwanderung der Juden und Jüdinnen aus aller Welt erwartete (ökonomische) Fortschritt wurde als Möglichkeit der Versöhnung mit den Araber/innen in Palästina gesehen (SHLAIM 2000, S.4). Wenngleich diese Intention im ersten Moment positiv erscheint, verbirgt sich dahinter eine westlich bzw. euro-zentristische Denkungsart, die sich in den folgenden Worten HERZLs deutlich zeigt: "We can be the vanguard of culture against barbarianism" (nach SEGEV 2000, S.150). Für HERZL war die arabische Bevölkerung primitiv und zurückgewandt. Sie sollte durch einen fortschrittlichen Judenstaat profitieren, ohne dass ihr die gleichen politischen Rechte zugebilligt werden sollten und obwohl die arabische Bevölkerung in Palästina die überwiegende Mehrheit stellte (vgl. SHLAIM 2000, S.4). [64]

Die unterstellte Überlegenheit der jüdischen Einwanderer/innen in Palästina wird durch den Begriff des Sabra symbolisiert: des "neuen Juden". Dieser ist im Gegensatz zu dem "alt-europäischen" Juden, der Diskriminierungen bis hin zu Pogromen passiv hinnahm, ein aktiver Pionier, der sich durch die Kombination von harter Landarbeit, intellektueller Auseinandersetzung und – dies ist der entscheidende Punkt – Wehrhaftigkeit gegenüber seinen Feinden auszeichnet. (vgl. ALMOG 2000). Bei den beiden politischen Rivalen (in der Gründungszeit des Staates Israels), David BEN-GURION und Zeev JABOTINSKY, drückt sich die Wehrhaftigkeit durch ihre Anwendung in der praktischen politischen Auseinandersetzung mit der arabischen Bevölkerung in Palästina aus. Während BEN-GURION den aus seiner Einschätzung unausweichlichen Konflikt geopolitisch beschreibt – "We and they want the same thing: we both want Palestine. And that is the fundamental conflict" (nach SHLAIM 2000, S.13) –, zieht JABOTINSKY die s.E. einzige logische politische Schlussfolgerung, die sich aus dem Konstrukt des wehrhaften "neuen Juden" und dem geopolitischen Konflikt mit der arabischen Bevölkerung ergibt:

"We cannot promise any reward either to the Arabs of Palestine or to the Arabs outside Palestine. (...) We must either suspend our settlement efforts or continue them without paying attention to the mood of the natives. Settlement can thus develop under the protection of a force that is not dependent on the local population, behind an iron wall which they will be powerless to break down. (...) As long as the Arabs preserve a gleam of hope that they will succeed in getting rid of us, nothing in the world can cause them to relinquish this hope, precisely because they are not a rabble but a living people. And a living people will be ready to yield on such a fateful issue only when they have given up all hope of getting rid of the alien settlers" (nach SHLAIM 2000, S.13f.). [65]

Indikatoren für die politische Durchsetzung von JABOTINSKYs Position sind bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt erkennbar z.B. in der kontinuierlichen Errichtung jüdischer Siedlungen in den von Israel besetzten Gebieten und dem Bau des iron wall als einem "Grenzzaun", der durch sicherheitspolitische Erwägungen legitimiert wurde. [66]

Die sicherheitspolitische Argumentationslogik, die z.B. durch Selbstmordanschläge und den Beschuss Israels durch Kassam-Raketen aus dem Gazastreifen durch die Hamas scheinbar bestätigt wurde, wird zudem durch die Assoziation der Palästinenser/innen (und der Araber/innen in den Nachbarstaaten) mit dem deutschen Nationalsozialismus, die auf die Kooperation HITLERs mit dem Großmufti von Jerusalem, Amin EL-HUSSEINI, zurückgeht, noch verstärkt (vgl. ZERTAL 2003). Nur die Niederlage ROMMELs gegen die britische Armee in der Schlacht um El-Alamein vereitelte die Umsetzung des Plans der nationalsozialistischen Führung, SS-Truppen nach Ägypten zu senden, um den Vernichtungskrieg gegen die Juden und Jüdinnen im Nahen Osten fortzusetzen (vgl. MATTHÄUS & MALLMANN 2006). Insoweit basiert die Gleichsetzung der Palästinenser/innen und Araber/innen mit den Nazis hinsichtlich der gleichen "politischen Zielsetzung" – der Vernichtung des jüdischen Volkes – bei einigen führenden israelischen Politiker/innen auf der Beziehung zwischen EL-HUSSEINI und HITLER (vgl. ZERTAL 2003; MICHEL 2008). [67]

In dem folgenden Zitat von FANNY wird das Bild des "neuen Juden", der sich gegen den Feind, den extremen arabischen Islam, zur Wehr setzt sowie die Verknüpfung der Araber/innen und Palästinenser/innen mit HITLER deutlich. Um zu überleben – und hier wird eine Verbindung zwischen dem gegenwärtigen Konflikt und der Vernichtungspolitik HITLERs gezogen – sei es nötig, ohne Rücksicht durchzugreifen, da es um Freiheit und "Sein oder Nicht-Sein" gehe:

"Der Konflikt ist nicht Palästinenserkonflikt, ist extremer arabischer Islam. Das ist der Konflikt und die Palästinenser gehören zu diesem Islam, das heißt unser Konflikt ist mit der arabischen extremen Islamwelt. Der Konflikt ist in meinen Augen, als Überlebende, wieder ein Kampf für Sein oder Nicht-Sein. Und der Kampf des Seins zwingt mich zu einem Schritt, den ich nicht menschlich manchmal finde, aber ich habe keine Auswahl, denn ich will überleben. Wenn man überleben will, dann existieren keine Gesetze, wie zu kämpfen. Dann kämpft man nur, man will überleben. Und trifft auch oft Unschuldige, weil dieser, der uns angreift sich hinter Frauen und Kindern, alten Menschen verschanzt und glaubt, dass für ihn ist das die Mauer, dass wir ihn nicht erreichen können. Und wir können da leider keine Rücksicht drauf nehmen, dass die da sitzen, denn für uns ist doch gegen ihn zurückzuschlagen, damit er erkennt, dass wir sind nicht (...) so Juden, wie wir zu Hitlers Zeiten waren. Ich z.B. persönlich spüre den Unterschied als freier Jude, wenn man uns immer sagt: Ihr seid die Juden der Galut [Diaspora; D.M.S.], wie heißt das von dem ..., die sich gebeugt haben, nicht weil sie feige waren, die sich immer so gedrückt haben, weil sie hatten kein [Land; D.M.S.], aber jetzt habe ich die Möglichkeit, ich kann zurück schlagen. Nicht ich werde anfangen zu schlagen, aber wenn ich zurück schlage, werde ich heftig zuschlagen, damit er soll mich respektieren, dass ich bin nicht mehr der wehrlose Jude, der ich vor der Geburt des Staates Israel war. (...) Und dann sage ich immer: Erst sind wir Juden, denn wir sind alle dem gemeinsamen Schicksal ergeben. Und das Schicksal heißt: Sein oder Nicht-Sein" (FANNY P, S.1f.). [68]

ZVI sieht ebenso wie FANNY in den Araber/innen eine Bedrohung, aber er verbindet dies nicht mit der nationalsozialistischen Politik. Maßgebend für seine Darstellung ist das Ablehnen der Resolution 181 der UN-Generalversammlung vom 29. November 1947 durch die Palästinenser – d.h. den UN-Teilungsplan für das Britische Mandatsgebiet Palästina –, die zur Errichtung des Staates Israels sowie eines palästinensischen Staates führen sollte. Mit dieser Ablehnung geht für ZVI gleichzeitig die Nicht-Anerkennung des Staates Israels einher:

"Wir sind für die Araber ein Feind, ein Fremdkörper, den sie nicht dulden wollen, dulden wollten, denn wenn sie ihn nicht dulden wollten, könnte doch der UNO-Beschluss eine Lösung gewesen sein für beide Völker. Jeder bekommt sein Stückchen Land und jeder könnte sich dort politisch, kulturell und wirtschaftlich entwickeln ohne Krieg, ohne Blutvergießen. Und das war nicht möglich" (ZVI P, S.5f.). [69]

ZVI sieht im raschen Anwachsen der arabischen Bevölkerung in Israel – dem sogenannten "demografischen Faktor" – eines der größten Sicherheitsprobleme (ZVI P, S.23). Anders als FANNY äußert er aber auch Kritik an der israelischen Politik: Er betont, dass der Versuch, die in Israel lebenden Beduin/innen durch staatliche Zwangsmaßnahmen sesshaft zu machen, falsch gewesen sei:

"Hier das ist euer Gebiet, macht euer Leben weiter, wie ihr wollt. Man soll ihnen auch das Schulwesen und alles, was dazu gehört, die Bildung geben, wenn sie es wollen und so weiter. Das alles ist die Pflicht des Staates. Aber man soll sie nicht in Ghettos einsperren. Und das war ein Fehler, der nicht rückgängig zu machen ist" (ZVI P, S.22). [70]

Wenn bei ZVI die "Bringschuld" des Staates Israel auch für die nicht jüdische Bevölkerung gilt, so lehnt FANNY gleiche Rechte für den palästinensischen Teil der Bevölkerung Israels ab. Sie vertritt die Auffassung, dass nur diejenigen Israelis seien, die jüdischen Glauben seien. Nicht-Juden könnten niemals vollwertige Bürger/innen Israels sein, und ihnen sollten nicht die gleichen Rechte zugestanden werden (FANNY P, S.15). [71]

Ein weiterer Holocaustbezug ist mit der Implementierung des sogenannten Disengagement-Plans verbunden, wie im nachfolgenden Abschnitt dargestellt wird. [72]

6.5 Der Disengagement-Plan

Die unilaterale Räumung der jüdischen Siedlungen aus dem Gazastreifen und einigen Siedlungen aus dem Westjordanland, die Ariel SHARON in seiner Funktion als israelischer Premierminister am 18.12.2003 auf einer Konferenz in Herzliyah bekannt gab (vgl. SCHERTGES 2004) und im August 2005 durch die israelische Armee durchführen ließ, hatte wie schon zuvor die "Evakuierung" der jüdischen Siedler/innen der Stadt Yamit 1982 – ebenfalls durch SHARON geleitet – neben den strategischen politischen Zielen problematische Nebenwirkungen. Während die Räumung der Siedlungen in Yamit im Rahmen des israelisch-ägyptischen Friedensvertrags von 1979 zwischen dem israelischen Ministerpräsidenten Menachem BEGIN und dem ägyptischen Präsidenten Anwar AS-SADAT zustande gekommen war, war die Evakuierung der jüdischen Siedlungen aus Gaza und einigen Gebieten des Westjordanlands dem politischen Kalkül Ariel SHARONs geschuldet. Dieser erhoffte sich mit einer – wie auch immer gearteten – palästinensischen Souveränität über Gaza eine Reduktion der militärischen Ausgaben Israels und die Abgabe der Verantwortung für die Versorgung der in Gaza lebenden Palästinenser/innen, zu der Israel völkerrechtlich verpflichtet ist, da es sich bei diesem Gebiet um besetztes Territorium handelt (vgl. SCHERTGES 2004). Von einem Teil der israelischen Bevölkerung wurde der Abzug der Siedler/innen schon deshalb positiv bewertet, weil israelische Soldat/innen nicht mehr religiöse Siedler/innen unter Einsatz ihres Lebens beschützen mussten. Ein anderer Teil der israelischen Bevölkerung bewertete den Abzug der Siedler/innen negativ, was sich in gewaltbereitem Widerstand der betroffenen Siedler/innen und von deren Befürworter/innen manifestierte. Die Bürger/innen Israels zeigten sich also zerstritten: auf der einen Seite die Anhänger/innen der Räumung der Siedlungen und auf der anderen Seite die Siedler/innen selbst und ihre Unterstützer/innen aus Israel. Zum Teil verschanzten sich die Siedler/innen auf den Dächern ihrer Häuser und ließen sich nur gegen Widerstand von israelischen Soldat/innen entfernen bzw. wegtragen. Andere Siedler/innen zogen die Analogie zum Holocaust und verglichen ihre Situation mit der der in die Todeslager der Nazis deportierten Juden und Jüdinnen: Sie trugen Sträflingsuniformen, die denen der Inhaftierten der deutschen Konzentrationslager ähnelten, trugen gelbe bzw. orange "Judensterne" und ahmten die "tätowierte Auschwitz-Nummer" auf dem Arm nach, um auf die – aus ihrer Perspektive – fürchterliche Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen, für die sie die israelische Armee verantwortlich sahen. Im Rahmen dieser Holocaust-Analogie verglichen sich die Siedler/innen mit den in die Todeslager Deportierten und die Soldat/innen der israelischen Armee mit den deutschen Nazis. Entsprechend wurde z.B. auch SHARON während dieser Zeit als "Kapo" (jüdischer Helfer der Nazis in den Konzentrationslagern) bezeichnet (vgl. MICHEL 2008). [73]

ZVI machte deutlich, dass er die Siedler/innen, die sich den Vergleich mit den Holocaust-Überlebenden zueigen machten und sich als Opfer gleichen Ranges darstellten, zutiefst ablehnt. Er betrachtet sie als Feinde Israels, nicht nur wegen des unvergleichlichen Vergleichs, sondern auch wegen der außenpolitischen Wirkung dieser Aktionen. So sagt er:

"Wer sich erlaubt eine Nummer auf die Hand zu machen, der hat gegen alle moralischen Gefühle verstoßen und sieht nur seine eigenen Interessen, die mit der Existenz des Staates Israel und mit dem Holocaust NICHTS zu tun haben. (...) sie sind, meiner Meinung nach, die Feinde dieses Staates. Sie untergraben nicht nur die Demokratie, aber sie gefährden die Existenz des Landes, das Land existiert warum? Weil die Welt es akzeptiert, weil die Welt bereit ist mit Israel wirtschaftliche Verbindungen zu haben, aber wenn Israel weiter als Besetzer angesehen wird, wird es von vielen Menschen weg gestoßen (...) Wir müssen doch in Betracht ziehen, dass wir nicht alleine auf der Welt sind" (ZVI P, S.18). [74]

Und er empört sich weiter:

"Schauen Sie, das ist ein Verbrechen, ein moralisches Verbrechen, das ist, wissen Sie, abscheulich. Das ist nicht nur eine Frechheit, das ist, wie soll ich das sagen, sie machen aus dem Holocaust ein Spiel. Sie benutzen den Holocaust für politische, für ein politisches Spiel und das ist ein moralisches, unmenschliches Verbrechen. Ich kann überhaupt diese Menschen nicht verstehen, wissen Sie, manchmal habe ich den Eindruck, dass sie meine Feinde sind. Ich sehe, diese Menschen sind meine Feinde. Sie sind dabei alles zu erreichen, mit allen Mitteln, auf allen Wegen, um die Demokratie zu stürzen, weil eine kleine Minderheit sich durchsetzen will" (ZVI P, S.15f.). [75]

Wie ZVI lehnt auch FANNY jeglichen Vergleich mit dem Holocaust und die damit einhergehende politische Instrumentalisierung ab.

"Da halte ich überhaupt nichts davon, weil ich bin dagegen, Vergleiche, Ereignisse mit der Shoa zu vergleichen. Weil es gibt keine Ereignisse, die mit der Shoa verglichen werden können. Und jeder, der das macht, der banalisiert dann die Tatsachen der Shoa und verfälscht die Shoa" (FANNY P, S.10). [76]

Interessant ist hier, dass Selbiges nicht für den Vergleich der Palästinenser/innen mit den Nazis gilt. Für FANNY ist der Vergleich mit dem Holocaust nicht zulässig, was nur bedeuten kann, dass sie die Parallele, die zwischen den Palästinenser/innen, den Araber/innen und den Nazis gezogen wird, als zutreffend und damit als tatsächlich begreift. Dieser Vergleich ist für sie keiner; diese Konnotation ist real. [77]

6.6 Die Zukunft Israels

In den themenorientierten Interviews wurde abschließend eine Einschätzung zur Zukunft Israels erfragt. ZVI thematisierte in der Folge hauptsächlich die Entwicklung des Erziehungs- und Bildungswesens des Landes als für die Zukunft des Staates grundlegend. Er sieht in der Nicht-Anerkennung des Staates Israel durch die Palästinenser/innen nicht die Existenz Israels bedroht, auch wenn die Mehrheit der "Araber" diesen sogar vernichten wollte. Neben der Verbesserung des staatlichen Erziehungs- und Bildungssystems sieht er eine weitere Herausforderung in der Verbindung dieser formellen Bildung mit der informellen Bildung, d.h. der häuslichen, privaten Erziehung und den damit verknüpften kulturellen Wertvorstellungen, die er als richtungsweisend für die weitere Entwicklung Israels bewertet (ZVI P, S.24). Hingegen ist für ihn die Unterscheidung zwischen Juden und Nicht-Juden, wie FANNY sie vornimmt, nicht wesentlich. So antwortet er z.B. in dem themenorientierten Interview:

"Ich kann mich aber an die Gebräuche der Menschen, der Sepharadim [orientalische Juden und Jüdinnen; D.M.S.], kann ich mich nicht gewöhnen. Ich bin in der Hinsicht ein Europäer geblieben und werde es auch bleiben. (...) wo ein großer Teil der Menschen, die dort wohnen, Sepharadim sind. Und man sieht das auch auf den Straßen und an den Geschäften, alles macht so einen orientalischen Eindruck. Also ich entferne mich davon, ehrlich gesagt, aber als Mensch habe ich es niemals gewagt und es niemals getan, auch Arabern gegenüber, in meinem Haus hat man sich NIEMALS über einen Menschen negativ geäußert" (ZVI P, S.20). [78]

Im Gegensatz zu ZVI, der – wenn auch reflektiert – (eurozentristische) Wertvorstellungen als wichtigstes Moment sieht und dabei der Argumentationslinie der frühen Zionist/innen folgt, die die jüdische Immigration in Israel/Palästina mit Fortschrittsdenken verknüpften, stellt FANNY die Gefahr eines "neuen Holocaust" in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Für sie geht die Gefahr von dem "Islam" aus, und nur eine Einigung der Juden und Jüdinnen – insbesondere in Israel – kann Israels Zukunft retten: Für sie ist eine gemeinsame "jüdische Front", die sich gegen den Islam verteidigen kann, die einzige Überlebensmöglichkeit für Israel.

"Die Zukunft Israels kann nur eine sichere Zukunft sein, wenn wir Juden hier verstehen werden, das Land hier als Juden zu hüten, gemeinsam gegen den gemeinsamen Feind, den Judenhass. (...) Es kann gelingen, kann gelingen, mit richtiger Aufklärung und mit Beweisen wie groß die Gefahr heute wieder für den Juden ist, dass die Gefahr der Shoa wieder vor der Tür steht. (...) Und wenn diese Juden verstehen werden, dann werden sie sich aufraffen und verstehen, wenn auch vieles nicht so in Ordnung ist, aber wir müssen zusammen halten: als Juden" (FANNY P, S.16). [79]

7. Konklusion

Durch die Analyse der themenorientierten politischen Interviews wird deutlich, dass die Antworten von FANNY wie auch von ZVI von dem "Sicherheitsaspekt" geleitet werden: Bei beiden steht die Sicherheit Israels an erster Stelle ihrer Überlegungen. Doch können auch klare Trennlinien in ihren politischen Einstellungen herausgearbeitet werden. [80]

Für ZVI stellt sich der israelisch-palästinensische/arabische Konflikt als ein politischer Konflikt dar. Es ist ein Konflikt, der hauptsächlich von dem Streit um ein gemeinsames Territorium handelt. ZVI sieht derzeit keinen vertrauenswürdigen Verhandlungspartner auf der palästinensischen – und syrischen – Seite, aber er ist prinzipiell für gemeinsame Verhandlungen und kann sich auch Lösungen vorstellen, die Konzessionen von der israelischen Seite fordern. Für ihn liegt das Problem des Konfliktes nicht in der "Natur" der Palästinenser/innen bzw. Araber/innen, sondern er richtet seine Argumentation und seine politische Einstellung an seiner Analyse der gegebenen gesellschaftlichen Situation und Verhältnisse aus. Er sieht die Möglichkeit eines zukünftigen, anderen "Staates", d.h. er kann sich eine andere Situation in der Zukunft vorstellen, wenn die jeweiligen Vorbedingungen gegeben sind. [81]

Bei FANNY hingegen zeigt sich der Konflikt nicht als ein politischer, sondern er ist in der "Natur" der Palästinenser/innen bzw. Araber/innen begründet. Für sie sind diese Feinde, die nur ein einziges Ziel kennen: die Vernichtung Israels. Kompromissbereite Lösungsansätze, die auf Verhandlungen mit den Palästinensern basieren, erschließen sich nicht in FANNYs Logik. Die einzige Lösung für sie ist eine gemeinsame jüdische Front, die gegen den islamischen Terror angeht, sich zumindest zu behaupten, zu verteidigen weiß. FANNY ist gegen politische Konzession, für sie stellt sich der Konflikt als ein Religionskonflikt dar: Islam gegen Judentum. Dabei ist zu beobachten, dass ihrer Argumentation die Gleichsetzung von Arabern und Nazis unterliegt, und dass das einzige Ziel des "Islamismus" die Vernichtung des Judentums ist. Sie kann sich keine mögliche Veränderung der (politischen) Situation vorstellen. Ihre Analyse basiert hauptsächlich auf ihren Erfahrungen, die sie im deutschen Nationalsozialismus und in den deutschen Konzentrations- und Todeslagern gemacht hat. Für FANNY hängt das Überleben Israels nur vom gemeinsamen (jüdischen) Zusammenhalt und dem erfolgreichen Kampf gegen die arabische Bedrohung ab, da sie einen zweiten "Holocaust", der diesmal allerdings von den Araber/innen/Palästinenser/innen und nicht von dem deutschen Nationalsozialismus ausgeht, befürchtet. Während ZVI eher die kulturellen Verschiedenheiten hervorhebt und Bildung als wichtiges Moment für einen möglichen politischen Prozess sieht, ist FANNY in ihrem monolithischen Weltgefüge gefangen, in dem "die Juden" gegen den Feind, den Nachfolger der deutschen Nazis, stehen. Das Bild des "neuen, wehrhaften Juden", der der Bedrohung, wenn nötig mit Gewalt, zuvorkommt, steht gegen das Bild des "alten, europäischen Juden", der sich wie ein Lamm zur Schlachtbank führen ließ, ohne dagegen aufzubegehren. Ihre Erfahrungen in den deutschen Konzentrations- und Todeslagern mischen sich mit den israelisch-nationalen Mythen, die sie in ihrer Analysefähigkeit stark einschränken. FANNY befindet sich weiterhin in dem "alten" Konflikt, nur befindet sie sich nicht mehr auf der schwachen wehrlosen, sondern auf einer gut (militärisch) gerüsteten Seite. Der Vergleich zwischen den Nazis und den Araber/innen, der in der israelischen Politik gerne benutzt wird, um die Gefahr der jeweils gegenwärtigen Bedrohung zu illustrieren, verstärkt bei FANNY Erinnerungen an das von ihr Erlebte und somit die Furcht vor einem neuen Holocaust. Bei ZVI hingegen spielen diese Bedrohungsszenarien keine Rolle in seiner Analyse der politischen Situation in Israel. [82]

Die Geschichte bzw. die offiziell staatlich verfasste Geschichte des Staates Israel und dabei besonders die Alltäglichkeiten, die sich in Manifestationen des gesellschaftlichen Lebens – den Symbolen und Repräsentationen von z.B. Trauergebräuchen, Begräbnissen und anderen zeremoniellen Begegnungen –zeigen, verfestigen und erweitern das Erlebte. In diesem Zusammenhang kann die permanente Einbettung der "Nazi-Araber"-Analogie als Beispiel angeführt werden, die sich in Verbindung mit den Erlebnissen der deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager bei FANNY in stärkerem Maße auf ihre politische Einstellung auswirkt als bei ZVI. Die sich immer wiederholende Fragmentierung des Erlebtem und eine daraus resultierende monolithische Klassifizierung zwischen "wir" und "dem Anderen" (vgl. BAR-ON 2001) bei FANNY kann mit LEFEBVREs Beschreibung von Alltäglichkeit theoretisch zusammen gedacht werden. Das Abgeben gesellschaftlicher Teilnahme ist in diesem Zusammenhang als ein verminderter Zugriff auf das Erlebte zu verstehen, da dieses sich wiederholend aus immer denselben historischen und biografisch-orientierten Fragmenten (kontextgelöst) bildet und eine Einschränkung des Erkennens von gegenwärtig Möglichem qua Vernachlässigung des historischen Zusammenhangs zur Folge hat. Bei ZVI verhält es sich anders, da sein Zugriff auf das Erlebte sich nicht monolithisch und/oder fragmentarisch darstellt. Er setzt vergangene sowie aktuelle Gegebenheiten in den gesellschaftlichen Kontext und versucht Handlungsmöglichkeiten auf der Basis von Möglichkeitsbedingungen – z.B. rechtsstaatliche Verhältnisse der arabischen Nachbarländer – zu finden. [83]

LEFEBVRE zeigt mehrere Möglichkeiten auf, die Diskrepanz zwischen Erlebtem und Geschichtlichem zu vermindern:

"Im Namen eines Programms zur Umwandlung des Erlebten kann man zeigen, welcher Reichtum und was für Forderungen sich unter der Trivialität verbergen. Auch kann man in der Geschichte die menschliche Entfremdung aufzeigen. Man kann die totale Geschichte ins Auge fassen, eine Geschichte, die von den Ereignissen nicht gemäß ihrer scheinbaren Größe berichtet und von den Menschen nicht so, wie sie selber von sich reden, sondern die beides, die Ereignisse und die Menschen, aus einer ganz anderen Perspektive des Erlittenen neu betrachtet. Man kann erneut und grundsätzlich die Forderung erheben, daß der Abstand zwischen dem Alltäglichen und dem Staatlichen – und das heißt ja zwischen Erlebtem und Geschichtlichem – zu verringern ist. Anders gesagt: Wir fordern, daß das 'Erlebte' seine vom Geschichtlichen getrennte Trivialität verliert und das Geschichtliche aufhört, sich in der Praxis, beherrscht von blinden Mächten, von staatlichen und politischen Kräften, vom Erlebten abzusondern" (1975, S.81). [84]

Wenn Henri LEFEBVRE im dritten Band der "Kritik des Alltagslebens" im Abschnitt "das Erlebte und das Leben" auf die Dialektik von erlebtem Vergangenen und Gegenwärtigem und dem daraus resultierenden "Leben des Bewusstseins" (individuelles und gesellschaftliches Bewusstsein) eingeht, so ist damit der unausweichliche Konflikt zwischen der Präsenz biografischer Erlebnisse im gegenwärtigen Leben angesprochen. Nach LEFEBVRE sind biografische Erlebnisse nicht allein als zeitlich vergangene Handlungen zu sehen, vielmehr fungieren sie dialektisch als Konstituenten der Gegenwart:

"'Jedes Bewusstsein ist ein Bewusstsein des Möglichen'; das ist es, was seine Schärfe, sein Glück und sein Unglück macht. Ohne Möglichkeit kein Bewusstsein und übrigens auch kein Leben. Das Gegenwärtige impliziert das Mögliche im Aktuellen, und die Gegenwart spielt sich nicht ohne das Licht und den Horizont der Zukunft ab. (...) Das Bewusstsein besteht aus Problemen, Widersprüchen und Konflikten, aus zugleich notwendigen und freien Optionen und Wahlen. Man muss zwischen mehreren Möglichkeiten wählen – das ist die Notwendigkeit. Man muss etwas riskieren, auf ein Ungewisses setzen, spielen – das ist die Freiheit." (1975, S.25) [85]

Wenn somit, dieser Argumentationslinie folgend, biografische Erfahrungen (das Erlebte) einen wesentlichen Einfluss auf Bewusstseinsprozesse haben, dann ist es vor dem Hintergrund der Überlegungen LEFEBVREs nahe liegend, biografische Erlebnisse in die Analyse von Politisierungsprozessen und politischen Einstellungen mit einzubeziehen, um ein besseres Verständnis von deren Konstitutionsbedingungen und in einem weiteren Schritt die daraus resultierenden politischen Möglichkeitsbedingungen (politischer Gestaltungsmöglichkeiten) zu erlangen. Erlebtes kann sich befördernd wie auch hindernd auf Bewusstseinsprozesse auswirken. Ersteres, also "offen", wenn Erfahrenes derart in die Bewusstseinsprozesse einfließt, dass das Erlebte nicht Denkwege und Bewusstseinsgänge behindert, sondern "das Bewusstsein zur Veränderung des individuellen und gesellschaftlichen Status Quo unter vorheriger Analyse dieser Zustände und Einbeziehung der gemachten Erfahrungen, gegeben ist" (MICHEL 2009, S.407). "Verschlossen" kann es genannt werden, wenn die Erlebniserfahrungen sich derart bewusstseinskonstituierend darstellen, dass aufgrund des Erlebten Bewusstseinsgänge und damit Denkwege behindert werden und sich infolge dessen kein Bewusstsein hinsichtlich der Veränderung vom individuell und gesellschaftlich Gegebenem konstituiert. [86]

Anhang: Liste der Interviewtranskripte

Biografische Interviews:

ZVI I: (13.06 bis 30.09.2005) Tel Aviv, 157 S.

FANNY I: (02.03. und 10.03.2004) Moshav Beit Chanan, 61 S.

Themenorientierte Interviews:

ZVI P: (21. Juli 2005) Tel Aviv, 31 S.

FANNY P: (19. Juli 2005) Moshav Beit Chanan, 20 S.

Anmerkungen

1) Es wurde versucht, eine durchgängig gender-sensible Sprache zu verwenden. Bei Textstellen, an denen nicht gender-sensibel formuliert wurde, geschah dies mit Absicht, um nicht einen Eindruck zu vermitteln, der der Realität nicht entspricht. Z.B. macht es keinen Sinn die weibliche Form dort zu integrieren, wo nur Männer die Verfügungsgewalt haben. <zurück>

2) Hinsichtlich der Anonymisierung muss festgestellt werden, dass keine Anonymisierung im klassischen Sinne vorgenommen wurde, da die Datensätze aus der vorangegangene Studie "Politisierung und Biographie" (MICHEL 2009) entnommen und bei dieser Untersuchung mit Zustimmung der Interviewpartner/innen lediglich die Familiennamen weggelassen wurden. Da dieser Artikel als Folgeuntersuchung betrachtet wird, schien es unpassend, hier hinsichtlich der Anonymisierung anders als in der ersten Untersuchung zu verfahren. <zurück>

3) Displaced-Persons-Lager waren Lager, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg diejenigen untergebracht wurden, die sich außerhalb ihres Heimatstaates aufhielten und keine Möglichkeit hatten, ohne fremde Hilfe in ihr Heimatland zu gelangen. Unter den Displaced Persons befanden sich auch deutsche Holocaustüberlebende, die Deutschland nicht länger als ihre Heimat ansahen und auf eine Ausreise in ein anderes Land warteten. <zurück>

4) Bei dem Schma Israel [Höre Israel] handelt es sich um ein zentrales Glaubensbekenntnis des Judentums. <zurück>

5) Begründer des modernen politischen Zionismus, der sich aktiv in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für das Entstehen eines nationalen Judenstaates einsetzte. HERZL gilt als eine der leitenden Figuren, die den modernen Staat Israel ermöglichten. <zurück>

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Zum Autor

Dirk MICHEL-SCHERTGES, Dr. phil., ist Associate Professor und arbeitet seit 2007 an der Danish School of Education, Aarhus University. Er hat an der Bergischen Universität Wuppertal Sozialwissenschaften studiert und war Promotionsstipendiat der Hans-Böckler-Stiftung. Während eines mehrjährigen Aufenthaltes in Israel hat er seine Dissertation über "Biografie und Politisierung" geschrieben. Seine Arbeitsschwerpunkte sind internationale Bildungstheorie und -soziologie, Gesellschaftstheorie, Sozialpädagogik und politische Bildung.

Kontakt:

Prof. Dr. Dirk Michel-Schertges

DPU/Faculty of Arts, Campus Emdrup
Aarhus University
Tuborgvej 164, 2400 Copenhagen, Denmark

Tel.: +45 8888 9880
Fax: +45 8888 9001

E-Mail: dimi@dpu.dk
URL: http://pure.au.dk/portal/da/dimi@dpu.dk

Zitation

Michel-Schertges, Dirk (2011). Offene und verschlossene biografische Politisierung [86 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 12(2), Art. 22, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1102225.



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