Volume 14, No. 3, Art. 9 – September 2013

Das "Joch der Methode". Adornos Selbstverständnis als Sozialforscher und sein Beitrag zum Paradigma qualitativer Forschung. Zwei Briefe aus den Anfangstagen des "Princeton Radio Research Project"

Matthias Jung

Zusammenfassung: Die Frage, ob und in welcher Hinsicht ADORNO als Vorbereiter eines Paradigmas qualitativer Sozialforschung verstanden werden kann, wird diskutiert anhand zweier Briefe ADORNOs an Paul LAZARSFELD aus dem Jahre 1938, als er in dessen "Radio Research Project" an der Universität Princeton mitzuarbeiten begann. ADORNO musste sich hier erstmals mit empirischer Sozialforschung amerikanischer Prägung ins Verhältnis setzen, wobei er in Ermangelung praktischer Erfahrung auf diesem Gebiet zunächst ganz auf seine Bordmittel als Philosoph und Künstler angewiesen war. In der Korrespondenz mit LAZARSFELD artikulierten sich erstmals Überlegungen, die in ADORNOs Schriften zur Sozialforschung aus der Nachkriegszeit ihre kanonische Gestalt fanden. Die quantifizierenden Verfahren kritisierend, entwickelte er gleichsam naturwüchsig ein Modell qualitativer Forschung, das aber zugleich bestimmten, auch später nicht überwundenen Restriktionen unterlag, die ihren Grund vor allem in Vorbehalten gegenüber methodisch geregelten Vorgehen überhaupt hatten.

Keywords: Adorno; Lazarsfeld; Kritische Theorie; Princeton Radio Research Project; Musiksoziologie

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Brief vom 24. Januar 1938

3. Der Brief vom 21. März 1938

4. Kontinuitäten in ADORNOs weiteren soziologischen Arbeiten

5. ADORNOs Mitarbeit in dem Radio Research Project: eine Bilanz

Danksagung

Anmerkungen

Literatur

Zum Autor

Zitation

 

1. Einleitung

Die nachfolgenden Ausführungen sind entstanden im Kontext einer Bearbeitung der Frage, inwieweit ADORNO als Stichwortgeber eines Paradigmas qualitativer Forschung im Allgemeinen und einer Objektiven Hermeneutik im Besonderen verstanden werden kann.1) Zur Beantwortung dieser Frage soll nicht auf seine allseits bekannten soziologischen Schriften aus der Nachkriegszeit rekurriert werden, sondern auf eher unbekannte Dokumente, nämlich zwei Briefe an Paul LAZARSFELD aus dem Jahre 1938, die ADORNO zu Beginn seiner Mitarbeit in dem von LAZARSFELD geleiteten "Radio Research Project" an der Universität Princeton schrieb. ADORNO zeichnete für den musikalischen Teil des Projektes verantwortlich, und die Briefe dienen der Erörterung programmatischer, konzeptioneller und methodischer Fragen. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Vor allem zwei von ADORNO thematisierte Aspekte sind auszumachen, die auch für die Methodologie einer Objektiven Hermeneutik zentral sind, deren Entfaltung bei ADORNO aber gravierenden Einschränkungen unterliegt. Zum einen ist dies die Gewissheit, dass nicht subjektive Dispositionen, sondern objektive, regelerzeugte Bedeutungen den primären Analysegegenstand auszumachen haben, weshalb beispielsweise die Untersuchung der Radiorezeption an dem objektiven Gehalt des Rezipierten anzusetzen hat, nicht an den Einschätzungen der Rezipient/innen. Diese mit Recht postulierte Notwendigkeit einer Rekonstruktion der Bedeutung des Radioproduktes wird von ADORNO aber mit Prämissen der MARXschen Kritik der politischen Ökonomie kurzgeschlossen, als ob diese Bedeutung allein aus den Produktionsverhältnissen deduziert werden könnte, was die immanente Analyse des Produktes sogleich wieder dogmatisch kupiert. Zum anderen ist es die Einsicht in die begrenzte Brauchbarkeit standardisierter, der Quantifizierung verpflichteter Erhebungs- und Auswertungsverfahren, denen ADORNO qualitative Zugänge entgegenzusetzen versucht. Diese Bemühungen haben ihre Grenze an unüberwindlichen Vorbehalten gegenüber Methoden im Allgemeinen, die er grundsätzlich als dem Gegenstand äußerlich und ihn verfälschend ansieht. Diese Deutung hielt ihn davon ab, die von ihm vorgeschlagenen Vorgehensweisen auch methodologisch zu begründen und ein methodisch verbindliches, von der konkreten Person des Forschers bzw. der Forscherin ablösbares Verfahren zu entwickeln, sie impliziert überdies eine problematische, weil methodologisch unreflektiert bleibende Verschränkung von Datenerhebung und -auswertung. [1]

Will man sich ADORNOs Verständnis von Soziologie in der Zeit vor der Emigration versichern, dann ist eine erste Quelle seine 1931 an der Frankfurter Universität gehaltene Antrittsvorlesung als Privatdozent.2) Sie ist betitelt "Die Aktualität der Philosophie", und erhellend ist ein Vergleich mit Max HORKHEIMERs nicht minder programmatischer Antrittsvorlesung, welche dieser anlässlich der Übernahme des Lehrstuhls für Sozialphilosophie und der Leitung des Instituts für Sozialforschung wenige Monate zuvor hielt. HORKHEIMERs Vorlesung "Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung" betont einerseits die Bedeutung der Philosophie "als aufs Allgemeine, 'Wesentliche' gerichtete theoretische Intention" (1988a [1931], S.29), die den Zusammenhang der Einzeluntersuchungen stiften und zugleich deren Ergebnisse in sich aufnehmen soll, und andererseits die Wichtigkeit der Integration von "Fragebogenmethoden", für welche "die amerikanische Soziologie wichtige Vorarbeiten geleistet" (S.34) habe. ADORNO dagegen bedient sich eines Bildes, nach welchem "der Soziologe der Fassadenkletterer" (1973a, S.340) sei, der die Außenwände der philosophischen Theoriegebäude erklimme und von dort aus zusammenklaube, was ihm dienlich erscheint. Dieses etwas diebisch-zwielichtige Bild wendet er ins Affirmative, denn die Gebäude seien längst verlassen und vom Einsturz bedroht, und Soziolog/innen retteten das, was ansonsten der Verschüttung und damit dem Vergessen anheimfiele. Er wählt die Metapher von dem Schlüssel, der die Realität aufzuschließen vermag: Während die Begriffe der philosophischen Tradition zu groß seien und daher nicht in das Schloss passten, seien die soziologischen Begriffe nominalistisch und damit zu klein, als dass sie das Schloss betätigen könnten. Was also tun? ADORNO propagiert ein Konstellieren der deutungsbedürftigen Elemente in "wechselnde[n] Versuchsanordnungen (...), bis sie zur Figur geraten, die als Antwort lesbar wird, während zugleich die Frage verschwindet" (S.335). Es geht ihm um die Rekonstruktion der Gestalt oder der Physiognomie des zu erklärenden Sachverhaltes, und hierzu bedürfe es einer "exakte[n] Phantasie, (...) die streng in dem Material verbleibt" (S.342). Ausdrücklich betont er die Bedeutung einer Hinwendung zu dem, was FREUD als den "Abhub der Erscheinungswelt" (S.336; vgl. FREUD 1940, S.20, 1946, S.186) bezeichnet, das heißt zu dem Nichtoffensichtlichen, sich erst dem zweiten oder dritten Blick zu erkennen Gebenden. ADORNO verzichtet darauf, als Korrektiv zu der Metaphernlastigkeit seiner Darlegungen die von ihm propagierte Vorgehensweise an einen konkreten Gegenstand zu exemplifizieren. HORKHEIMERs Geringschätzung seiner Ausführungen ist überliefert.3) [2]

Wie nun wird jemand mit einem derartigen Verständnis von Soziologie reagieren, wenn er sich innerhalb der empirischen Sozialforschung US-amerikanischer Prägung positionieren muss? Vor diese Frage war ADORNO gestellt, als er sich zur Mitarbeit in dem "Radio Research Project" entschloss. Dieses Projekt, dessen vollständiger Titel "The Essential Value of Radio to All Types of Listeners" lautet, wurde von der Rockefeller Foundation für zunächst zwei Jahre gefördert; in dieser Zeit waren Methoden zu entwickeln, die in zwei weiteren Jahren zur Anwendung kommen sollten. Ziel des Projektes war es nach Maßgabe der Auftraggeber, "to try to determine eventually the role of radio in the lives of different types of listeners, the value of radio to people psychologically, and the various reasons why they like it"4). Die Projektleitung lag faktisch bei Paul LAZARSFELDs Forschungsinstitut in New Jersey, und vier Hauptbereiche der Radioprogramme sollten im Mittelpunkt der Untersuchung stehen: music, book-reading, news, politics. Eine besondere Rolle war von LAZARSFELD dem Musikbereich zugedacht, denn das Radio sollte im Gesamtkontext der US-amerikanischen Kultur und Gesellschaft betrachtet werden, und am unverfänglichsten erschien LAZARSFELD eine Darlegung der zu erwartenden kontroversen Resultate am Beispiel der Musik.5) Die Verantwortung für diesen Teilbereich übertrug er ADORNO, was für diesen der Anlass zur Übersiedelung in die Vereinigten Staaten war.6) [3]

Schon vor Beginn der Kooperation äußerte ADORNO Bedenken, die sich auf die Person LAZARSFELDs bezogen.7) HORKHEIMER berichtete ihm in einem Telegramm im Oktober 1937 von der Möglichkeit einer Mitarbeit im "Radioprojekt" (HORKHEIMER an ADORNO, 20. Oktober 1937, in ADORNO & HORKHEIMER 2003, S.440) und versuchte in einem am selben Tag verfassten Brief, dieses Angebot ADORNO mit einer Aufzählung der Vorteile, die ihm daraus erwachsen könnten, schmackhaft zu machen: eine gewisse finanzielle Absicherung, der Kontakt zu Universitätsstellen sowie ein rasches Bekanntwerden ADORNOs durch die Mitarbeit (S.441f.). In seiner Antwort von Anfang November zeigt sich ADORNO darüber erstaunt, dass der Impuls, ihn als Mitarbeiter zu gewinnen, von LAZARSFELD ausgegangen sein soll:

"Dieser ist, nach meinem deutlichen Eindruck in Paris, eher auf mich und meine Beziehung zum Institut eifersüchtig, obwohl er das nicht unmittelbar zeigt. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß er auf die Idee, mich vorzuschlagen, verfiel, um sich fester ans Institut zu binden, indem er sich dieses zu verpflichten meint" (ADORNO an HORKHEIMER, 2. November 1937, a.a.O., S.463)8). [4]

Außerdem schlägt er in der Frage einer Zusammenarbeit mit Marie JAHODA vor, deren Tätigkeiten für das Institut für Sozialforschung auf das Verfassen von Rezensionen zu beschränken, damit, so eine Anspielung auf LAZARSFELD, "die positivistische Belastung unserer Gruppe nicht noch mehr anwächst" (ADORNO an HORKHEIMER, 10. November 1937, a.a.O., S.475). Daraufhin ließ HORKHEIMER ADORNO wissen, er müsse die Beziehung zu LAZARSFELD selbst gestalten, seine Vermutung über dessen Motive seien aber "ganz phantastisch": "Selbstverständlich will er uns allen gerne gefällig sein, andererseits verspricht er sich von Ihrer Mitarbeit Entscheidendes" (HORKHEIMER an ADORNO, 16. November 1937, a.a.O., S.480). ADORNO zeigte sich ob dieser Einschätzung erleichtert: "Ich bin froh, daß Sie die Sache Lazarsfeld so positiv beurteilen" (ADORNO an HORKHEIMER, 29. November 1937, a.a.O., S.497). [5]

Wenn im Folgenden ADORNOs Selbstverständnis als Sozialforscher bei Aufnahme seiner Tätigkeit im "Radio Research Project" auf der Grundlage von Briefen an LAZARSFELD rekonstruiert werden soll, hat dies seinen Grund nicht darin, dass von diesen Texten eine weitgehend unverstellte, "Klartext" redende Diktion erhofft wird – im Gegenteil steht in Anbetracht der Vorgeschichte der Zusammenarbeit und der dargelegten Vorbehalte ADORNOs gegenüber LAZARSFELD eher eine strategisch-abwägende Form der Kommunikation zu erwarten. Der Reiz liegt vielmehr darin, Überlegungen zu der Umsetzung eines bestimmten Verständnisses von empirischer Sozialforschung gewissermaßen in actu nachvollziehen zu können – ADORNOs veröffentlichte Texte aus der Nachkriegszeit zu diesem Komplex sind späte Kodifizierungen der in diesen Briefen nach Ausdruck suchenden Intentionen, und LAZARSFELD wird als erfahrener empirischer Sozialforscher ein intellektueller Widerpart gewesen sein, der ADORNO zu Explikation und Darstellungsprägnanz anhielt. Außerdem verleiht die Konkretheit des Anlasses von ADORNOs Überlegungen diesen selbst eine Konkretheit, sie sind noch nicht zu abstrakt-abkürzenden Formeln geronnen. Insofern bereitet die Rekonstruktion der Argumentation dieser Briefe auch den Boden für ein Verständnis der späteren Texte. [6]

Den ersten der beiden Briefe schrieb ADORNO am 24. Januar 1938 noch in London. Er besteht wesentlich in einem Kommentar zu LAZARSFELDs Memorandum "Draft of Program" (1938), und ihm beigelegt war eine von LAZARSFELD angeregte "Problemliste" in Gestalt eines Exposés mit dem Titel "Fragen und Thesen" (ADORNO 2004a). Dieser Brief dokumentiert ADORNOs Versuch, sich zu der einer praktischen Verwendung der Ergebnisse verpflichteten, quantifizierenden Sozialforschung US-amerikanischer Prägung9) ins Verhältnis zu setzen. Den zweiten Brief verfasste ADORNO am 21. März 1938, nachdem erste Unterredungen mit LAZARSFELD stattgefunden hatten, er enthält Präzisierungen insbesondere bezüglich des methodischen Vorgehens.10) [7]

2. Der Brief vom 24. Januar 193811)

ADORNO bedankt sich zunächst für zwei Briefe von LAZARSFELD, einen mit diesen übersandten Zeitungsausschnitt sowie das Memorandum.12) Er versichert, bereits "eine deutlichere Vorstellung" von dem Projekt gewonnen zu haben und in der Lage zu sein, "einiges dazu zu sagen", was ihm auch deshalb wichtig sei, weil sich "aus Institutsgründen" die Überfahrt nach New York um vier Wochen verzögert habe: "Lassen Sie mich vorweg betonen, daß meine 'theoretische Haltung' nicht etwa Abneigung gegen empirische Forschung einschließt. Im Gegenteil: der Begriff der 'Erfahrung', in einem sehr bestimmt gearteten Sinne, rückt immer mehr ins Zentrum meines Denkens" (1. Brief, S.427). [8]

Damit wendet sich ADORNO gleich zu Beginn seiner Ausführungen zur Sache gegen den von ihm antizipierten Vorwurf der Theorielastigkeit und betont die Bedeutung eines Erfahrungsbegriffes, der zwar als "sehr bestimmt geartet" postuliert, damit aber zugleich nur vage angedeutet wird. Bemerkenswert ist gleichwohl ADORNOs selbstverständliche Gleichsetzung von "empirischer Forschung" und "Erfahrung", wie dies ja auch dem Sprachgebrauch der philosophischen Tradition gemäß ist. Aber welcher Erfahrungsbegriff liegt der etwas apokryphen Andeutung zugrunde? Des in der Antrittsvorlesung Ausgeführten eingedenk, ist zu vermuten, dass ADORNO eine strenge Sachhaltigkeit meint, eine Versenkung in die Sache und eine immanente Aufschlüsselung derselben qua "exakter Phantasie", ohne dass dieses Vorgehen methodologisch begründet und fixiert wäre.13) [9]

Um den Begriff des Empirischen kristallisierte sich im weiteren Verlauf der Zusammenarbeit ein fast grotesk anmutendes Missverständnis zwischen ADORNO und LAZARSFELD, denn dieser verstand unter empirischer Forschung die Anwendung quantifizierender Verfahren. Ausdruck fand dieses Missverständnis in einem geharnischten Brief14) aus dem September 1938 des mit seinem Mitarbeiter höchst unzufriedenen LAZARSFELD. Anlass des Briefes bildete ADORNOs umfangreiches, im Laufe des Jahres verfasstes Memorandum "Music in Radio", das die Grundzüge einer soziologischen Theorie des Radios enthielt.15) LAZARSFELD warf ihm vor, weite Teile des Textes genügten nicht den Standards intellektueller Sauberkeit, Disziplin und Verantwortlichkeit, und er wusste drei Haupteinwände nicht nur gegenüber ADORNOs Argumentation, sondern auch ad hominem vorzubringen:

"I.) You don't exhaust the logical alternatives of your own statements and as a result much of what you say is either wrong or unfounded or biased. II.) You are uninformed about empirical research work but you write about it in authoritative language, so that the reader is forced to doubt your authority in your own musical field. III.) You attack other people as fetishist, neurotic and sloppy but you show yourself the same traits very clearly" (LAZARSFELD an ADORNO, September 1938, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.437)16). [10]

Die Schärfe des Tonfalls dieser Vorwürfe relativiert sich allerdings in Anbetracht von LAZARSFELDs Bemühen, ADORNO ausführlich und konkret aufzuzeigen, was an seinem Text kritikwürdig war, und der einleitenden wie abschließenden Versicherungen der Wertschätzung ADORNOs und seiner Arbeit.17) Irritierend ist gleichwohl, wie unvermittelt diese Anerkennungsbekundungen und die schneidende Kritik nebeneinanderstehen. ADORNO antwortete mit einem vergleichsweise kurzen Brief, der eigentlich nur eine Empfangsbestätigung sein und die inhaltliche Auseinandersetzung auf ein Gespräch vertagen wollte, dann aber doch auch zu den Vorwürfen Stellung nimmt.18) Die von LAZARSFELD bei der Beurteilung des Memorandums anlegten Maßstäbe seien einem abgeschlossenen Text angemessen, nicht aber einer provisorischen Vorstufe, als welche das Memorandum anzusehen sei. Wenn es zuweilen den Charakter einer wahllosen Ideensammlung habe, der es an innerer Stringenz fehle, so sei dies der Tatsache geschuldet, dass LAZARSFELD selbst ADORNO zu einer solchen ermutigt habe.19) Die Formlosigkeit des Textes sei überdies durch einem Mangel an Zeit und Ressourcen bedingt, die eine befriedigende redaktionelle Durcharbeitung verhindert hätten.

"Daß Sie nach einem halben Jahr gemeinsamer Arbeit das nicht sehen, sondern meine geistige Disposition dafür verantwortlich machen, ist mir schwer verständlich. Ich glaube, Sie müßten sich nur ein von mir deutsch publiziertes Prosastück wie die Jazzarbeit ein wenig ansehen, um zu finden, daß die von Ihnen inkriminierten Tatsachen nicht auf meine innere sondern auf die praktische Desorganisation zurückzuführen ist." (ADORNO an LAZARSFELD, 6. September 1938, a.a.O., S.449). [11]

Über die sachlichen Einwände hinaus konstatiert ADORNO einen aggressiven Impuls LAZARSFELDs, der einem "Klima der Nervosität" (S.450) den Boden bereite, welches dem Fortgang der gemeinsamen Arbeit nicht günstig sei, und wie erwähnt stehen die über eine sachliche Kritik hinausgehenden, auf die Person abzielenden Anschuldigungen – "as it stands it reads like the record of a paranoic's monologue" (LAZARSFELD an ADORNO, September 1938, a.a.O., S.446) – tatsächlich merkwürdig übergangslos neben den einleitenden und abschließenden Beteuerungen der Anerkennung. Jedenfalls sollten, so ADORNO, sowohl die sachlichen Einwände LAZARSFELDs als auch dieses "Klima" diskutiert werden. Das Missverständnis über empirisches Arbeiten manifestierte sich spätestens mit dem Verweis auf die "Jazzarbeit", dem im Jahr zuvor in der Zeitschrift für Sozialforschung erschienenen Aufsatz "Über Jazz" (ADORNO 1982 [1937]), in welchem die Analyse immanent an der Bestimmung des Phänomens "Jazz" ansetzt und erst dann zu der Frage übergeht, was sich auf dieser Grundlage über Rezeption und Rezipient/innen folgern lässt. Eine empirische Arbeit im Sinne LAZARSFELDs war dieser auch auf Idiosynkrasien20) zurückgreifende Text aber gerade nicht, allenfalls die Vorarbeit zu einer solchen. Rückblickend äußerte sich ADORNO über dieses Missverständnis folgendermaßen: "Dennoch hatte jene Arbeit, obwohl sie sich dicht an die musikalischen Sachverhalte heftete" – und das genau machte für ADORNO das Empirische aus –

"nach amerikanischen Begriffen von Soziologie den Makel des Unbewiesenen. Sie verblieb im Bereich des auf den Hörer einwirkenden Materials, des 'Stimulus', ohne daß ich mich mit den Methoden statistischer Erhebung auf die other side of the fence begeben hätte (...). Dadurch provozierte ich den Einwand, den ich nicht zum letzten Mal hören sollte: 'Where's the evidence?' " (1977a [1969], S.704)21) [12]

Und in der Tat sprach LAZARSFELD bereits in dem zweiten Satz seines Briefes vom September 1938 ADORNOs "disregard of evidenve and systematic empirical research" an (LAZARSFELD an ADORNO, September 1938, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.436; vgl. auch ADORNO 1980 [1951], S.295). [13]

Während ADORNO das Vorgehen seiner amerikanischen Kolleg/innen befremdlich erschien, wirkte er selbst auf diese beinahe wie ein Außerirdischer, wie LAZARSFELD in einem Memorandum für die Direktoren des Gesamtprojektes, Hadley CANTRIL und Frank STANTON, eindrucksvoll schildert: "He looks exactly as you would imagine a very absent-minded German professor, and he behaves so foreign that I feel like a member of the Mayflower Society" (1969, S.301). Drastischer äußerte sich Donald McRAE: "I thought Adorno, on our first meeting, the most arrogant, self-indulgent (intellectually and culturally) man I have ever met" (zit. nach MORRISON 1978, S.331f.). Es ist fraglich, ob LAZARSFELD überhaupt ADORNO als Mitarbeiter eingestellt hätte, wenn ihm der unter dem Pseudonym "Hektor Rottweiler" erschienene Text "Über Jazz" bekannt gewesen wäre. Sicher nicht hätte er jedenfalls ADORNO mit Gerhart WIEBE einen Kollegen an die Seite gestellt, der die komplementäre, quantifizierende Kompetenz vertreten sollte und der selbst Jazzmusiker war. LAZARSFELD resümiert lakonisch: "Together, he and Adorno, I hoped, would develop a convergence of European theory and American empiricism. The actual course of events was quite different from these expectations" (1969, S.323). Ohne WIEBEs Namen zu nennen, bemerkt ADORNO rückblickend, viel von ihm gelernt zu haben "über die Technik des Jazz ebenso wie über das Phänomen der song hits in Amerika" (ADORNO 1977a [1969], S.713), WIEBEs "wissenschaftliche Weltanschauung" (a.a.O.) und ein "gewisses Ressentiment" (a.a.O.) aber hätten einer gedeihlichen Kooperation zum Zwecke der Operationalisierung von ADORNOs Vorstellungen im Wege gestanden. Seine Herangehensweise sei WIEBE zu spekulativ gewesen, ADORNO selbst ihm als Vertreter typisch europäischer "ungerechtfertigter Hochmut" (a.a.O.) erschienen. Kehrseitig dazu berichtet LAZARSFELD, WIEBE sei in ADORNOs Augen "the lowest kind of human being" (zit. nach MORRISON 1978, S.335) gewesen. [14]

Aus LAZARSFELDs Sicht war die von ihm in dem ausführlichen Brief geäußerte Kritik folgenlos. In einem Memorandum aus dem Juli 1939, das eine Unterredung von LAZARSFELD und Friedrich POLLOCK dokumentiert, heißt es: "L. [Lazarsfeld] ist hinsichtlich der Fruchtbarkeit von W.s [Wiesengrunds] Mitarbeit pessimistischer als je. Trotz allem, was W. inzwischen gelernt und gearbeitet hat, hält er die in seinem großen Brief an W. gegebene Kritik voll aufrecht" (LAZARSFELD & POLLOCK, Memorandum 11. Juli 1939, Horkheimer-Archiv). Die von LAZARSFELD angeführten "Haupteinwände" gegen das Arbeiten ADORNOs sind: "Unnötig schwierige, überspitzte, unverständliche, unexakte Ausdrucksweise. Souveraine Verachtung der empirischen Wirklichkeit zugunsten unbewiesener Einfälle, Unwissenheit hinsichtlich elementarer Sachverhalte" sowie ein "aggressiver Eigensinn" (a.a.O.). Seine Kritik kulminiert in dem vernichtenden Satz: "Das ganze Radioprojekt ist durch das Versagen W.s gefährdet" (a.a.O.). Nach LAZARSFELDs Einschätzung seien ADORNOs "Aussichten bei den USA Sozialwissenschaftlern hopeless" (a.a.O.), durchaus aber könne er in der Musikwissenschaft reüssieren. [15]

Der Brief vom 24. Januar 1938 fährt fort, es sei ADORNOs Überzeugung, über die er zudem bei einem Gespräch in Paris mit LAZARSFELD "vollste Übereinstimmung" erzielt habe, "daß die 'theoriefreie' Forschung eine Fiktion ist, und daß zwischen Theorie und empirischer Forschung eine Wechselbeziehung besteht: eben jene Wechselbeziehung, die wir mit dem Ausdruck dialektische Methode zu bezeichnen pflegen" (1. Brief, S.427). [16]

Diese Bestimmung der dialektischen Methode als Wechselbeziehung zwischen Theorie und Empirie bedeutet einen eigentümlich verkürzten Begriff von Dialektik – eine dialektische Methode ist zunächst und vor allem eine, die der dialektischen Verfasstheit des zu untersuchenden Gegenstandes folgt und diese rekonstruiert, ohne sie vorschnell durch klassifikatorische Begriffe zu zerstören. Zwar kann das Verhältnis von Theorie und Empirie als Dialektik beschrieben werden, doch anders als ADORNO hier suggeriert, erschöpft sich die dialektische Methode nicht in diesem Verhältnis, es ist allenfalls ein Aspekt desselben. Möglicherweise hatte diese Bemerkung vor allem eine strategische Bedeutung, und ADORNO wollte mit ihr den in Sachen Dialektik skeptischen LAZARSFELD beruhigen, indem er ihm die dialektische Methode als etwas nahezubringen versuchte, was dessen eigenem Denken nicht fernlag. In welchem Maße etwa das dem Brief beigefügte Exposé "Fragen und Thesen" bereits den Charakter einer Kompromissbildung hatte, wird aus einem Brief deutlich, den ADORNO mit einer Abschrift des Exposés an Walter BENJAMIN schickte. Hier kommentiert er seine Zugeständnisse mit den Worten:

"Ich spreche im Exposé in diesem Zusammenhang wesentlich nur von in den Hintergrund versetzter Musik, nicht aber von solcher, die überhaupt nicht vernommen wird, und diese ist es, auf die es uns gerade ankommt. Aber ich wollte meine Überführung in ein Irrenhaus nicht unnütz beschleunigen. Schon jetzt bin ich mir über den Effekt des Exposés keineswegs im Klaren" (ADORNO an BENJAMIN, 1. Februar 1938, in ADORNO & BENJAMIN 1994, S.307). [17]

Das Bewusstsein der eigenen Konzessionen bei gleichzeitiger Ungewissheit bezüglich der Aufnahme durch den Projektleiter artikuliert sich auch in einem wenige Tage zuvor verfassten Brief an HORKHEIMER, in welchem ADORNO für alle Fälle schon einmal um argumentative Unterstützung nachsucht:

"Es wird möglicher Weise bei einigen der von mir angerührten Fragen sehr gut sein, wenn Sie Lazarsfeld gegenüber klarstellen, daß sie einen guten Sinn haben und nicht wilde Phantasien sind. Im übrigen habe ich mich bemüht, die Sache möglichst vorsichtig abzufassen" (ADORNO an HORKHEIMER, 28. Januar 1938, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.17). [18]

Wie berechtigt ADORNOs Bedenken zumindest bezüglich der "dialektischen Methode" tatsächlich waren, zeigen neben einer Bemerkung LAZARSFELDs in dem Brief vom September 1938 zu dem Memorandum "Music in Radio"22) auch seine Annotationen in diesem Text, von denen eine lautet: "Dialektik als Ausrede, nicht diszipliniert denken zu können"23). [19]

ADORNO schließt einen Ausdruck der Genugtuung darüber an, dass LAZARSFELD bezüglich der Wechselbeziehung von Theorie und Empirie auch in seinem Schreiben Einverständnis bekundet habe, und er versichert seinerseits, sich in dem Projekt nicht mit "freischwebender Reflexion" (1. Brief, S.427) bescheiden zu wollen. FLECK qualifiziert diese Passage als Ausweis des Versuches, durch "vertraute Techniken der Überredung des Gegenübers" und Floskeln wie der einer "Unmöglichkeit theoretischer Forschung" (2007, S.285) vorschnell einen Konsens herzustellen. LAZARSFELDs Bemerkung, "that it will take much writing and talking back" (LAZARSFELD an ADORNO, 29. November 1937, Horkheimer-Archiv, S.2), werde damit von ADORNO übergangen, bevor ein Einverständnis hat erzielt werden können (FLECK 2007, S.285). Doch auch ungeachtet des von ADORNO angeführten Pariser Gespräches brachte LAZARSFELD in seinem Brief unzweideutig zum Ausdruck, was er sich von ADORNOs Mitarbeit erhoffte: "A more theoretical attitude toward the research problem", denn "fact-finding can be extremely improved by extensive preliminary theoretical thinking" (LAZARSFELD an ADORNO, 29. November 1937, Horkheimer-Archiv, S.1). Insofern konnte sich ADORNO mit Recht auf die Bedeutung der theoretischen Anteile bei der Anlage der Untersuchung berufen und darin eine Gemeinsamkeit mit LAZARSFELDs Vorstellungen sehen. Das tentative Erkunden einer gemeinsamen Grundlage vor Beginn der Projektarbeit jedenfalls kann nicht ohne Weiteres als bloß strategischer Gestus der Überredung interpretiert werden. Zwar markierte LAZARSFELD bereits, das theoretische Arbeiten bedürfe der Übersetzung in ein "empirical research problem" sowie "an actual execution of the field work" (a.a.O.), aber hierauf bezieht sich ADORNOs Zurückweisung "freischwebender Reflexion". Wie auch FLECK bemerkt, sprudeln bei der Frage nach der Umsetzung von ADORNOs theoretischen Vorarbeiten, etwa durch Auswertung von Hörer/innenpost, "die Vorschläge nur so aus ihm heraus" (2007, S.289):

"Die methodische Folgerung, die ich aus dem Ansatz der Theorie ziehen möchte, ist nun die, die empirische Forschung so zu organisieren, daß man nicht durch einen umständlichen Forschungsapparat Resultate gewinnt, die man sich vorher an den Fingern abzählen kann, sondern daß man die geistige und ökonomische Kraft eines extensiven research works mit genauem Bewußtsein dort einsetzt, wo sie sich wirklich lohnt, d.h. wo man Resultate gewinnen kann, die ohne diesen Einsatz nicht zu gewinnen wären. Darunter stelle ich mir vor, daß der Fragemechanismus vor allem dort ins Spiel gebracht wird, wo die Theorie exponierte oder problematische Thesen aufgestellt hat, so daß der research-Apparat die Bedeutung einer Kontrollinstanz gewinnt. Ich glaube, daß das nicht die Ansicht eines hoffnungslosen Hegelianischen highbrow, sondern auch die Weisheit eines sparsamen Familienvaters ist" (1. Brief, S.427f.). [20]

Die Rede von der Wechselwirkung zwischen Theorie und empirischer Forschung präzisiert ADORNO dahin, dass nicht mit der Empirie zu beginnen sei, nicht also explorativ Befragungen als Grundlage einer theoretischen Modellbildung durchgeführt werden sollten, sondern ein theoriegeleitetes heuristisches Gerüst am Anfang zu stehen habe. Er plädiert für eine sparsame Anwendung des "research-Apparates", und Implikat dieser Forderung ist die Unterstellung, ein elaborierter Methodenapparat werde mechanistisch auf die Untersuchungsgegenstände appliziert, ohne dass vorab geklärt wäre, ob der damit verbundene Aufwand überhaupt angemessen ist und in einer zu verantwortenden Relation zu dem zu erwartenden Ergebnis steht. Damit wendet sich ADORNO gegen eine Verselbstständigung des methodischen Apparates, dessen Anwendung unter der Hand vom bloßen Mittel zum Zweck zu werden droht, als ob allein schon der Einsatz bestimmter Verfahren den Anspruch der Wissenschaftlichkeit einlösen könnte. Den so zustande gekommenen Ergebnissen sieht man ihre Trivialität und ihren Artefaktcharakter nicht mehr an, als durch ein kompliziertes Methodenarsenal vermittelte erhalten sie eine eigene, sachlich nicht gedeckte Dignität. Man mag sich fragen, ob LAZARSFELD diese Ausführungen nicht als Affront verstanden haben könnte, als Kritik an seinen eigenen Arbeiten, wenn ADORNO sich hier aufgefordert sieht, etwas auszuführen, was sich eigentlich von selbst versteht. Vielleicht glaubte er, in LAZARSFELD einen Verbündeten gegen die Vereinseitigungen der quantifizierenden Forschung gewinnen zu können, und immerhin konnte er sich darauf berufen, ja gerade um der Entwicklung eines theoretischen Bezugsrahmens willen eingestellt worden zu sein.24) [21]

In dem 1938 verfassten Essay "Über den Fetischcharakter in der Musik und die Regression des Hörens" (ADORNO 1973b [1938]) erläutert ADORNO die Untauglichkeit der üblichen Erhebungsverfahren, standardisierter Interviews und Fragebogen, zur Überprüfung eines theoretischen Konstruktes wie das des "Fetischcharakters der Musik", denn das, worüber die Befragten bewusst Auskunft geben können, "orientiert sich so ausschließlich an den herrschenden Fetischkategorien, daß jede Antwort, die man erhält, vorweg mit der Oberfläche jenes Musikbetriebs konformiert, welche von der Theorie angegriffen wird, der die 'Verifizierung' gilt" (S.33). Der Standardisierung des Gegenstandes korrespondiere die Standardisierung der Reaktionen auf ihn, und wegen dieses Korrespondenzverhältnisses werde die Tatsache der Standardisierung unsichtbar. Diese zirkuläre Hermetik thematisiert auch der "Prokrustes" betitelte Aphorismus, der ursprünglich Teil der "Minima Moralia" war, aber erst posthum, im Rahmen der "Gesammelten Schriften", veröffentlicht wurde. Die Unmöglichkeit, Musik vermittelt über das Radio zu erfahren, sei gewiss ein "bescheidener theoretischer Gedanke", dessen Operationalisierung gleichwohl erhebliche Schwierigkeiten bereite, denn der bloße Umstand, dass selbst versierte Hörer/innen die Titel der von ihnen rezipierten klassischen Stücke nicht zu benennen vermögen, sage über die Erfahrung des Gehörten nichts aus, wie auch umgekehrt die Kenntnis der Titel nicht die lebendige Erfahrung der Stücke bezeuge. Die "Regression des Hörens", die Unfähigkeit zu einer lebendigen Erfahrung des Vernommenen, lasse sich nicht "aus willkürlich isolierten und dann quantifizierten Konsumtionsakten" erschließen: "Diese zum Maß der Erkenntnis machen, heißt selber bereits das Absterben der Erfahrung voraussetzen und 'erfahrungslos' operieren, während man die Veränderung der Erfahrung analysieren will; ein primitiver Zirkel" (ADORNO 1980 [1951], S.296f.). Einen Ausweg vermag ADORNO aber nicht aufzuzeigen, er verweist lediglich darauf, die Regression des Hörens sei allein "aus der gesellschaftlichen Tendenz des Konsumtionsprozesses als solcher abzuleiten und in spezifischen Zügen zu identifizieren" (S.296). Leicht lässt sich die Ratlosigkeit vorstellen, mit welcher seine amerikanischen Kolleg/innen derartigen Ausführungen begegneten, und nahe liegt der Vorwurf einer in einem europäischen Elitismus wurzelnden bornierten Kulturkritik. Buchstäblich verdinglicht stand ADORNO die von ihm kritisierte Zirkularität der Erhebung von standardisierten Reaktionen auf Musik durch standardisierte Verfahren in Form des von STANTON und LAZARSFELD entwickelten program analyzers "bedrohlich vor Augen" (ADORNO 1977a [1969], S.712) – ein Gerät, bei welchem Proband/innen beim Hören eines Musikstückes mit Knopfdruck angeben konnten, ob ihnen das Gehörte zusagt oder nicht.25) Sein Einsatz setze die Identifikation eines Kunstwerks mit den von ihm ausgehenden sinnlichen Reizen voraus (vgl. ADORNO 1970, S.394), und lediglich bei einem sehr speziellen Hörer/innentypus, dem "Unterhaltungshörer", sei die Erfüllung dieser Voraussetzung anzunehmen.26) [22]

Als Beispiel für eine empirisch nicht überprüfungswürdige Trivialität führt ADORNO die Unterscheidung von akustischen und optischen Typen und ihre unterschiedliche Affinität zum Radio an, denn für eine "Sozialtheorie" des Mediums seien von dieser Unterscheidung keine Impulse zu erwarten. Wieso ADORNO ausgerechnet dieses Beispiel wählt, bleibt offen – FLECK (2007, S.286) zufolge spielte sie weder in der allgemeinen Diskussion über das Verhalten von Radiohörer/innen noch in LAZARSFELDs Memorandum eine Rolle. FLECK wertet diese Passage als Ausdruck einer Abwehr psychologischer Ansätze, die generell diskreditiert und "für überflüssig oder zumindest zweitrangig" (a.a.O.) erklärt werden sollen. ADORNO jedoch war es dezidiert um eine "Sozialtheorie des Radios" zu tun, weshalb er sich um die Entwicklung eines genuin soziologischen Zugriffs bemühte, und aus einer solchen Perspektive sind Verfahren der "experimentellen Psychologie" tatsächlich erst einmal zweitrangig. Sie können zwar zu Elementen einer "Sozialtheorie" werden, sind aber nicht der Punkt, an welchem diese konstitutionstheoretisch zu verankern ist. ADORNO schlägt daher vor, dass, zumindest bezogen auf sein eigenes Arbeitsgebiet im Rahmen des Projektes,

"die Untersuchung zunächst auf die Produktion d.h. die Sendung, und das Gesendete als Phänomen und dann erst auf den Konsum gerichtet wird. Nicht nur glaube ich, daß, wie für die politische Ökonomie insgesamt, so auch fürs Radio die entscheidenden Aufschlüsse aus den Produktionsverhältnissen zu gewinnen sind, von denen der Konsum abhängt. Es ist meine Überzeugung, daß die scheinbar 'psychologischen' Fragen der Konsumtion, wenn sie mehr als Gemeinplätze beinhalten sollen, notwendig auf das zurückführen, was konsumiert wird, und damit eben auf den Produktionsprozeß" (1. Brief, S.428f.). [23]

Diese Stelle ist für die Rekonstruktion des ADORNOschen Verständnisses von Sozialforschung höchst aufschlussreich, weil seine Argumentation zwei Aspekte amalgamiert. Zum einen ist dies die methodologische Einsicht, dass die Analyse von dem "Gesendeten als Phänomen" auszugehen hat. Es muss in seiner objektiven Bedeutung erschlossen sein, bevor man daran geht, die Reaktionen der Hörer/innen zu untersuchen, denn nur in Kenntnis dieser Bedeutung sind die Reaktionen zu verstehen und einzuschätzen. Ohne eine vorgängige Analyse des Rezipierten hängt die Untersuchung der Reaktionen buchstäblich in der Luft und läuft Gefahr, sich in bloßer Paraphrase des von den Hörer/innen Angegebenen und damit in relativistischer Beliebigkeit zu erschöpfen. Diese methodologische Einsicht in die Notwendigkeit einer immanenten Analyse des gesendeten Produkts wird nun aber kurzgeschlossen mit der MARXschen Kritik der politischen Ökonomie, deren Ausgangspunkt die Produktionsverhältnisse sind. Aus ihnen ist aber der materiale Gehalt des Gesendeten gerade nicht umstandslos abzuleiten, viel eher besteht die Gefahr seiner dogmatischen Verstellung durch diese in sich sehr voraussetzungsreiche Prämisse. Die von FLECK sehr zu Recht kritisierte Apodiktizität, mit der ADORNO die Notwendigkeit einer Ableitung der "entscheidenden Aufschlüsse aus den Produktionsverhältnissen" postuliert, ist sachlich nicht gerechtfertigt – anders gesagt: Nicht die Produktionsverhältnisse, sondern die Produkte selbst bedürfen einer detaillierten immanenten Analyse, von der aus dann sowohl ihre Rezeptionen wie gegebenenfalls die Bedingungen ihrer Produktion zu beleuchten sind. [24]

Wie ein Brief an Ernst KŘENEK aus dem Jahr 1932 (ADORNO an KŘENEK, 30. September 1932, in ADORNO & KŘENEK 1974, S.34-42) deutlich macht, standen ADORNO für eine Analyse der Autonomisierung der Kunst die Möglichkeiten vor Augen, entweder an den Produktionsverhältnissen oder an den Produktivkräften, (die aber "nicht Gegenstand meiner Arbeit" (S.36) sind) anzusetzen. Schon hier gerät eine Rekonstruktion dieser Autonomisierung auf der Grundlage der Produkte, das heißt der Werke, zunächst nicht in den Blick. In den 1930er Jahren war der Kreis um HORKHEIMER in Theorie und Methode ganz MARX' Kritik der politischen Ökonomie verpflichtet, erst ca. ab 1939 zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab von der Ökonomie hin zu Herrschaftsverhältnissen, die nicht mehr ökonomisch vermittelt sind.27) Während zuvor auf einen adäquaten Gebrauch der MARXschen Begriffe geachtet wurde – HORKHEIMER hielt ADORNO dazu an, "den Eindruck eines bloßen Kokettierens mit der Marxschen Terminologie" (HORKHEIMER an ADORNO, 15. Juni 1936, in ADORNO & HORKHEIMER 2003, S.159) zu vermeiden – zeichnet sich in der Theorieentwicklung der 1940er Jahre eine allmähliche Distanzierung von ebendieser Terminologie ab. Dies zeigen beispielsweise die Korrekturen, die HORKHEIMER und ADORNO anlässlich der Neuauflage der "Dialektik der Aufklärung" (1987 [1947]) von 1947 gegenüber der Erstauflage von 1944 vornahmen: Im Zuge der Überarbeitung wurden der MARXschen Theorie affine Begriffe wie "Kapital" oder "Monopol" getilgt. Das war nicht Ausdruck eines bloßen Opportunismus, sondern verbunden mit der Einsicht in die Unhaltbarkeit des Primates der Ökonomie (vgl. VAN REIJEN & BRANSEN 1987). An der hier noch manifesten Rückbindung des methodischen Vorgehens an die Kritik der politischen Ökonomie hat im Übrigen auch der aus dem Umfeld des Austromarxismus stammende LAZARSFELD Anstoß genommen, denn er erhob in der erwähnten, in Form eines Memorandums protokollierten Diskussion mit POLLOCK den folgenden Vorwurf: "Willkürliche Konstruktion von Zusammenhängen zwischen Monopolkapitalismus und einzelnen Phänomenen, während der Zusammenhang ein viel vermittelterer ist" (LAZARSFELD & POLLOCK, Memorandum 11. Juli 1939, Horkheimer-Archiv). Allerdings wurden ADORNOs Ausführungen zu diesem Komplex im Verlauf des Projektes differenzierter.28) [25]

Im Folgenden kommt ADORNO in dem Brief erneut auf seine Zurückweisung "psychologistischer Methoden" zu sprechen:

"Ein solches Verfahren setzt nicht weniger voraus als eine liberale Vorstellung von der Gesellschaft, in der die Menschen ihrer psychologischen Konstitution nach handeln, und in der die gesellschaftliche Seite ihres Handelns, ihr Sozialcharakter, nur als Variable im Gefüge der psychologischen Konstanten sichtbar wird" (1. Brief, S.429). [26]

Explizit klagt er hier die Rekonstruktion des Sozialcharakters ein, der ein eigenlogisches, nicht aus der "psychologischen Konstitution" der Individuen abzuleitendes Gebilde ist. Schief ist freilich die Implikation, in einer als liberal vorgestellten Gesellschaft wäre diese Konstitution maßgebliche Determinante des Handelns der Individuen, denn damit wird der Sozialcharakter lediglich als Epiphänomen einer herrschenden gesellschaftlichen Illiberalität verbucht. FLECK wirft ADORNO vor, ihm sei LAZARSFELDs Versuch der Entwicklung einer eigenständigen psychologischen Fragetechnik völlig entgangen, die eine Alternative sowohl zu der europäischen Tradition der Introspektion als auch zum Behaviorismus amerikanischer Prägung sein sollte. Damit paraphrasiert FLECK (2007, S.287) Vorwürfe, die LAZARSFELD selbst erhoben hat.29) Die Behauptung, aus ADORNOs Bemerkungen zu der grundsätzlichen Anlage der Untersuchung gehe hervor, "dass er sich in diesem Feld nicht klug gemacht hatte, sich aber für klug genug hielt, andere zu schulmeistern" (a.a.O.), übersieht, dass seine Ausführungen eine Reaktion auf die ausdrückliche Aufforderung LAZARSFELDs sind, Vorschläge zum Untersuchungsdesign zu unterbreiten, ohne bereits über die Einzelheiten informiert zu sein, "because I think it will be more advantageous for us to get your thinking quite fresh and uninfluenced by us" (LAZARSFELD an ADORNO, 29. November 1937, Horkheimer-Archiv, S.2). Außerdem geht es hier um die grundsätzliche Frage, welchen Stellenwert psychologische Verfahren in einer soziologisch angelegten Studie haben sollen, und für ADORNOs auf einen genuin soziologischen Zugang drängende Position ist die Differenzierung verschiedener Verfahren zunächst einmal sekundär. [27]

ADORNO schlägt vor, statt auf die Psychologie auf eine "artikulierte Gesellschaftstheorie" zurückzugreifen, "von der aus man an die Phänomene herangeht, um sie nötigenfalls im Fortgang der Erfahrung zu verändern" (1. Brief, S.429). Diese Formulierung ist in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen müsste das "sie", wörtlich genommen, nicht auf die Gesellschaftstheorie, sondern auf die Phänomene bezogen werden, und das würde bedeuten, dass eben sie zu modifizieren sind, wenn sie nicht zu der vorab formulierten Theorie passen. Geht man plausiblerweise von der Annahme aus, ADORNO habe die Veränderbarkeit der Theorie gemeint, ist aber zum anderen eine Konnotation der Rede von "nötigenfalls", eine solche Veränderung sei doch unerwünscht und nur gegen Widerstände vorzunehmen. Beides konvergiert darin, dass ADORNO offenbar erhebliches Unbehagen bei dem Gedanken empfand, die Theorie eventuell einer Revision unterziehen zu müssen, weshalb er diesen Vorschlag bereits als eine Art Zugeständnis sah. Die zugrunde zulegende Gesellschaftstheorie sollte jedenfalls mehr sein als eine bloße Heuristik. Die Gefahr für das Forschungsdesign liegt auf der Hand: eine Subsumtion der zu erschließenden Phänomene unter ein vorgefasstes theoretisches Modell, das zudem eine Engführung auf die Kritik der politischen Ökonomie erwarten lässt. [28]

Auf das Memorandum von LAZARSFELD Bezug nehmend, leitet ADORNO über zu der technischen Dimension des Radios. Die Formulierung dieser Überleitung – "Sie fordern zu Eingang ihres Memorandums, daß man über die 'technische' Betrachtung des Radios zu einer gesellschaftlichen vordringe" (a.a.O.) – ist genau genommen so zu verstehen, dass die Analyse der technischen Implikationen eine notwendige Bedingung des Verständnisses der gesellschaftlichen Bedeutung ist. Das aber ist durchaus keine These LAZARSFELDs, der in seinem Memorandum nur konstatierte, bislang habe das Interesse einseitig der Technik gegolten, während die Beantwortung der Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung ein Desiderat darstelle.30) Wenn ADORNO im Folgenden also vorschlägt, "daß die Analyse des musikalischen Radios zunächst bei dessen Technik als der Form seiner Produktion insistiert" (a.a.O.), knüpft er, unwissentlich oder strategisch, an einen von LAZARSFELD gar nicht behaupteten Zusammenhang an. Er verweist auf den Aufsatz "Bemerkungen zur Rundfunkmusik" von KŘENEK (1938), der schon in die Richtung des ihm Vorschwebenden weise, jedoch gedenke er, darüber weit hinauszugehen. Dabei betont er, KŘENEKs Text sei auf seine Anregung hin verfasst worden, was zwei Lesarten gestattet. Entweder stammen von ihm tatsächlich inhaltliche Anregungen, KŘENEK hätte dann Überlegungen ADORNOs systematisch ausgearbeitet, oder aber ADORNO forderte ihn lediglich auf, einen Aufsatz zur Rundfunkmusik in der Zeitschrift für Sozialforschung zu veröffentlichen, ohne aber inhaltliche Vorgaben zu machen. Möglicherweise ist diese Doppeldeutigkeit in dem Brief an LAZARSFELD von ADORNO beabsichtigt, um einen eigenen materialen Anteil an KŘENEKs Arbeit zu insinuieren. Dem 1974 erschienenen Briefwechsel beider (ADORNO & KŘENEK 1974) ist kein Hinweis auf einen maßgeblichen inhaltlichen Einfluss ADORNOs zu entnehmen, einen Anhaltspunkt gibt aber ein nachträglich veröffentlichter Brief an KŘENEK aus dem Juli 1937, in dem er diesen von dem Plan unterrichtet, im Anschluss an BENJAMINs Kunstwerk-Aufsatz und seinen eigenen über Jazz "eine Sammelpublikation unseres Instituts unter dem Namen 'Massenkunst im Monopolkapitalismus' zu Stande zu bringen" (ADORNO an KŘENEK, 28. Juli 1937, in ADORNO & HORKHEIMER 2003, S.525f.). ADORNO fragt an, ob KŘENEK in diesem Kontext einen Beitrag über das Radio beisteuern könnte – die "Haltung", aus welcher heraus dieser zu verfassen ist, sei umschrieben durch seinen Jazz-Aufsatz, und ADORNO bittet zu überdenken, "ob es Ihnen Ihre Grundposition, vor allem eben die gesellschaftstheoretische, erlaubt, sich mit dieser Haltung zu identifizieren" (S.526). Sollte dies der Fall sein, schlägt ADORNO vor,

"daß Sie mich, nach Ihrer prinzipiellen Zustimmung, einiges von dem wissen lassen, was sie zur Sache sagen möchten, daß ich Ihnen darauf antworte, vielleicht manches ergänze, und daß Sie dann einen Aufsatz vom Umfang des 'Jazz', nicht mehr aber als 30 Druckseiten schreiben" (S.527). [29]

Direkte inhaltliche Anregungen oder Vorgaben hat ADORNO zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht gemacht, und ein Indiz dafür, dass der dann entstandene Text tatsächlich eine Arbeit KŘENEKs war, ist eine Bemerkung ADORNOs in einem Brief an HORKHEIMER, der zufolge er sich dem Radioprojekt "durch Befassung mit KŘENEKs Aufsatz" (ADORNO an HORKHEIMER, 29. November 1937, a.a.O., S.497) nähere. Hätte er selbst den Inhalt der KŘENEKschen Abhandlung weitgehend vorgegeben, wäre eine solche Konsultation des Textes sicher nicht erforderlich gewesen. LAZARSFELDs Reaktion allerdings legt nahe, dass er in KŘENEKs Aufsatz eine Ausarbeitung von Ideen ADORNOs sah.31) [30]

Das LAZARSFELD gegenüber angekündigte Hinausgehen über den Text von KŘENEK sollte darin bestehen, mit einer ausführlichen Analyse zu zeigen, "daß die technische Beschaffenheit der musikalischen Phänomene des Rundfunks für ihre gesellschaftliche Bedeutung den Schlüssel bildet" (1. Brief, S.430). Diese Redeweise allerdings ist missverständlich – einen Schlüssel bietet die "technische Beschaffenheit" in methodologischer Hinsicht, als sie zum Ausgangspunkt einer methodisch geregelten Erschließung der "gesellschaftlichen Bedeutung" zu machen und also mit ihr zu beginnen ist, sie ist aber kein Schlüssel in einem ontologischen Verständnis, gemäß dem diese Bedeutung aus der technischen Beschaffenheit einfach zu deduzieren wäre. Die letztgenannte Lesart würde einem Determinismus das Wort reden, der an ADORNOs Insistieren auf den Prämissen der Kritik der politischen Ökonomie erinnert, auch wenn es hier nicht um die Produktionsverhältnisse, sondern die Beschaffenheit der Produkte selbst geht; dies erhellt auch ein Nachsatz, der als Analogie den Jazz bemüht, dessen gesellschaftliche Bedeutung gleichfalls von seiner technischen Struktur abhänge. Im Anschluss führt ADORNO als Argument für eine vorgängige Analyse der, wie es ausdrücklich heißt, "Produktion" (und nicht "Produkte") an, dass man "sich hier ja auf festem Boden befindet und mit einem überschaubaren Material zu rechnen hat" (a.a.O.). In diesem Argument ist neben einem forschungsökonomischen Aspekt, der Überschaubarkeit des Materials, nun doch auch ein methodologischer enthalten, der mit der Metapher von dem "festen Boden" umschrieben wird. Die Analyse der Wirkung führe dagegen nicht nur in ein "unübersichtliches Gebiet", die Schwierigkeit, und damit verweist ADORNO auf ein generelles methodisches Problem, liege in der Unmöglichkeit, die Reaktionsweisen der Hörer/innen qua Befragung zu ergründen. Er merkt an, "daß sie sich deren Bewußtsein vollständig entziehen, und daß auch bei sorgfältigster Abfassung der Fragebogen diese Schichten kaum zu erreichen sind" (a.a.O.). Mit Fragebogen, so die Annahme, können letztlich nur subjektive Präferenzen und damit Oberflächenphänomene erfasst werden, die ohne Rückbindung an die objektiven Bedeutungen, auf welche sie Bezug nehmen, nicht aufschlussreich sind. Erst mit der Rekonstruktion dieser Bedeutungen, das heißt im vorliegenden Fall des Gehaltes des Gesendeten und seiner Modulationen durch die Verbreitung vermittels des Mediums Radio, lasse sich "fester Boden" für die Analyse der Hörer/innenrezeption gewinnen. Die Auskünfte der Rezipient/innen sind nur zu beurteilen, wenn das Rezipierte bereits erschlossen ist, ansonsten erschöpft sich die Untersuchung in der Paraphrase der Angaben der Hörer/innen, ohne sie aber erklären zu können. Wie selbstverständlich unterstellt hier ADORNO eine Sphäre des objektiven Geistes, der für sich analysiert werden muss, da er in der Repräsentanz seiner Strukturen im Bewusstsein der Subjekte nicht aufgeht. Eine explizite Theorie des objektiven Geistes legte ADORNO freilich nicht vor, und sein Verhältnis zu dieser Wirklichkeitsdimension blieb ambivalent: Es oszilliert zwischen einer ideologiekritischen Herabsetzung des objektiven Geistes bzw. von Theorien, die ihn zum Gegenstand haben, etwa in Formulierungen wie "objektiver Ungeist" (1977b [1953], S.531), und einer selbstverständlichen Unterstellung des objektiven Geistes, deren Voraussetzungen aber unausgeführt bleiben. Zwar nimmt ADORNO den objektiven Geist als gegeben in Anspruch,32) denunziert ihn aber zugleich als "unwahre Totalität", als Verblendungszusammenhang, als unauthentisch. Am wenigsten befangen thematisiert er ihn anhand von Kunstwerken, die er als "Physiognomik eines objektiven Geistes" (1970, S.194) beschreibt, deren Gehalt sich eben nicht in den Intentionen der Künstler/innen erschöpfe und auf eine "Aussage" reduziert werden könne.33) [31]

"Fester Boden" lässt sich mit dem von ADORNO vorgeschlagenen Vorgehen auch insofern gewinnen, als sich vor dem Hintergrund der technischen Analyse die Erklärungsprobleme allererst konfigurieren und sich zeigt, was im Hinblick auf das Rezeptionsverhalten als erklärungsbedürftig einzuschätzen ist und was nicht. Durch die Rückbindung an die vorgängige Analyse des Rezipierten will ADORNO einen sicheren Grund gewinnen, um so die Gefahr einer Produktion von Trivialitäten und Artefakten zu minimieren – ein "sparsames" Vorgehen in forschungslogischer wie in ökonomischer Hinsicht. Wie wenig LAZARSFELD für diesen Gedanken aber empfänglich war, bezeugt die folgende Episode: Aufgrund der technischen Analyse ging ADORNO davon aus, dass sich Rezipient/innen an in der Zeitung gelesene Nachrichten besser erinnern als an über das Radio gehörte. Untersuchungen dieses Sachverhaltes standen in Widerspruch zu seiner Annahme, und ADORNO qualifizierte diesen Befund als "paradox". LAZARSFELD hielt ihm daraufhin vor, er tue dies nur, "because this fact does not correspond to your assumptions" (LAZARSFELD an ADORNO, September 1938, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.440). Als Feststellung war dies zutreffend, als Vorwurf aber nicht so ohne Weiteres berechtigt, denn damit unterlief LAZARSFELD genau die Bedeutung der vorgängigen Untersuchung der Technik und ihrer Implikationen als Bezugspunkt für eine Erschließung des Hörer/innenverhaltens. Mit anderen Worten: ADORNO wollte mit der Feststellung einer Paradoxie auf einen erklärungsbedürftigen Sachverhalt aufmerksam machen, der für LAZARSFELD von vornherein gar nicht erst in den Blick kommen konnte. [32]

Als Beispiel für ein gegen eine schlichte Abfragbarkeit sich sperrendes Phänomen nennt ADORNO den "Bildcharakter" der über den Rundfunk gesendeten Musik und die ihm korrespondierende Apperzeptionsweise der Hörer/innen: "Ist es uns aber gelungen, diese Züge der technischen Analyse der Produktion wirklich verbindlich zu fassen, dann wird es uns vielleicht auch möglich sein, ihre 'Korrelate' bei den Hörern zu analysieren" (1. Brief, S.430). Wie aber nun eine Datenerhebung bei den Hörer/innen auszusehen hat, die tatsächlich einen Rückbezug auf die Ergebnisse der technischen Analyse gestattet, lässt ADORNO offen, und seine sehr defensive Formulierung – "dann wird es uns vielleicht auch möglich sein" – wird bei LAZARSFELD als dem Projektleiter leises Unbehagen evoziert haben. Trotz allgemeiner Zustimmung zu ADORNOs Vorschlägen macht sich ein solches jedenfalls in seinem Antwortschreiben aus dem Februar 1938 bemerkbar.34) ADORNO resümiert: "Mein Vorschlag ist also der, daß ich zunächst einen theoretischen Entwurf über die Beschaffenheit der Radioproduktion im angedeuteten Sinne herstelle, und daß wir dann von diesem Entwurf aus mit unseren Erhebungen weitergehen" (1. Brief, S.431). Er verweist auf weiterführende Überlegungen in der dem Brief beiliegenden "Problemliste", dem Exposé "Fragen und Thesen", deutet etwas sibyllinisch "gewisse Beziehungen zur amerikanischen Rundfunkindustrie" (a.a.O.) an, über die er verfüge und die bei der Untersuchung von Nutzen sein könnten, und schlägt vor, "unter Umständen" Interviews mit in die Radioproduktion Involvierten, "Unternehmern, Technikern und Künstlern" (a.a.O.), durchzuführen. Diese Erhebungen sollen aber in die vorgängige Explikation der Logik des Radios eingebunden bleiben und daher "denen bei Konsumenten vorausgehen" (a.a.O.). Mit etwas bemühter Beiläufigkeit – "da ich schon bei Vorschlägen nach der empirischen Seite bin" (a.a.O.) – leitet ADORNO über zu einem weiteren Vorschlag, der Auswertung von an die Sender geschriebenen Hörer/innenbriefen.

"Sie sind zwar darum mit großem Vorbehalt zu benutzen, weil die Korrespondenten, ähnlich wie die Leute, die Briefe an Zeitungen schreiben, im allgemeinen dem Typ des Besserwissers, Querulanten und Wichtigmachers angehören, während die positiv Reagierenden viel eher schweigen. Andrerseits haben aber diese Schreiben vor den Antworten auf Fragebogen voraus, daß sie spontan erfolgen und ohne die Hemmungen, die Fragebogen produzieren" (a.a.O.). [33]

In dem Vorschlag, nicht erhobene Daten, sondern natürliche Praxisprotokolle als Grundlage der Untersuchung zu verwenden, bekundet sich ADORNOs Bestreben, die mit artifiziellen Fragebogenerhebungen verbundenen Verfälschungen zu vermeiden.35) Er weist auf den Vorzug der Spontaneität hin, denn die Verfasser/innen der Briefe thematisieren tatsächlich von sich aus das, was ihnen selbst wichtig ist und produzieren nicht Artefakte in Reaktion auf eine Befragung.36) Als Beispiel für ein solches Artefakt nennt ADORNO in den ergänzenden Bemerkungen zu seinem Exposé ein aus Gründen der Bildungsprätention behauptetes größeres Interesse an ernster Musik und ein positiveres Verhältnis zu ihr als tatsächlich vorhanden (2004b, S.524). Außerdem hätten Querulant/innen den Vorteil der Hemmungslosigkeit, wagten sie es doch, Erfahrungen mitzuteilen, die zwar allgemein sind, aber die die Mehrheit sich nicht auszusprechen getraue. Wie das Protokoll einer Diskussion mit HORKHEIMER aus dem März 1938 festhielt, bedurfte allerdings der Typus des ADORNO aus dem europäischen Kontext vertrauten "Querulanten" im amerikanischen Kontext der Ergänzung um den Typus des ebenfalls für eine beachtliche Hörer/innenbriefproduktion verantwortlichen "Fans" (HORKHEIMER & ADORNO 1985b, S.435). In den "Ergänzungen zu 'Fragen und Thesen' " (ADORNO 2004b) spricht er das Problem der fehlenden Repräsentativität der Hörer/innenpost ausdrücklich an. Der "Querulant" und der "Outsider" als die dominanten Typen der Briefverfasser/innen seien nicht bloß "Träger" von Idiosynkrasien, sondern vielmehr gesellschaftlich determinierte Sozialcharaktere, und insofern spiegele sich in ihnen ein Allgemeines. Damit ist das Repräsentativitätsproblem freilich nicht gelöst, und ADORNO konfundiert hier – unwissentlich oder aus strategischen Gründen – die Allgemeinheit soziologischer Typen mit der Repräsentativität von Häufigkeitsverteilungen. "Als These möchte ich heute aufstellen: sowohl seiner konformistischen Inhalte wie seiner psychologischen Beschaffenheit wegen ist der Querulant als repräsentativ für die Schweigenden aufzufassen" (S.527). Dass sich in den Äußerungen der Querulant/innen etwas Allgemeines ausdrückt, bedeutet aber nicht, wie ADORNO hier unterstellt, ihre Repräsentativität. Insofern haben seine Ausführungen zu diesem Komplex den Charakter einer Kompromissbildung: Einerseits hält er an der Notwendigkeit der Repräsentativität der zu erwartenden Ergebnisse fest, er weist dieses Ansinnen nicht von vornherein als unangemessen zurück, andererseits aber verschiebt er den Fokus von der statistischen Repräsentativität hin zu typologischer Allgemeinheit. Die "repräsentative Hemmungslosigkeit des Querulanten als der missglückten Monade" (a.a.O.), von der er spricht, ist eben keine statistisch repräsentative. Außerdem steht in ADORNOs Konzept die Analyse der Hörer/innenpost merkwürdig für sich und wird gerade nicht auf das, worauf sie reagiert, bezogen – zumindest wird an keiner Stelle geschildert, wie dieser methodisch vorgängige Schritt ausgeführt werden soll.37) ADORNOs Vorschlag, die Hörer/innenpost einer systematischen Untersuchung zu unterziehen, wurde insofern umgesetzt, als er "fan mail of an educational station in a rural section of the Middle West" (2006b [1945], S.212) analysierte. In dem 1945 veröffentlichten und auf das Manuskript eines Vortrags vom Oktober 1939 zurückgehenden Text "A Social Critique of Radio Music" stellt er als durchgängigen Zug der Hörer/innenpost "standardized enthusiasm"38) fest, und zu der Methode seiner Analyse merkt er lediglich an: "I have read all those letters and cards very carefully" (a.a.O.). Deren Auswertung hat, von solchen summarischen Bemerkungen abgesehen, in den Publikationen ansonsten keinen nennenswerten Niederschlag gefunden, was auch daran liegen mag, dass ADORNO tatsächlich keine Methode zur Verfügung stand, die einen solchen Namen verdient gehabt hätte, weshalb die Auswertung impressionistisch blieb oder zumindest diesen Anschein hatte. Er selbst äußerte später, in der "Einleitung in die Musiksoziologie", Zweifel an der Brauchbarkeit von Hörer/innenbriefen zur wissenschaftlichen Auswertung, gerade weil sich in ihnen nur Vertreter/innen eines bestimmten Typus zu Wort melden: "Hörerbriefe sind, wie der amerikanische Radio Research längst festgestellt hat, soziologisch von fragwürdigem Erkenntniswert" (1973c [1962], S.322). [34]

In dem Brief schließen sich noch Anmerkungen zu dem Memorandum von LAZARSFELD an, und ADORNO beendet ihn mit der Versicherung: "Ich muß Ihnen nicht erst sagen, daß das Radioprojekt bei mir gezündet hat" (1. Brief, S.435). [35]

3. Der Brief vom 21. März 193839)

Der zweite hier zu betrachtende Brief ADORNOs an LAZARSFELD hebt an mit einem Kommentar zu einem Bericht über eine Experimentalsendung mit dem Titel "Music and You" und eine an diese sich anschließende Untersuchung40), in der hellsichtig "das Problem des Fetischismus in der Musik, die Bedeutung genormter Stars, genormter Standardwerke usw." (2. Brief, S.1) behandelt werde und die zudem "eine Bestätigung und eine Fundgrube" (a.a.O.) für die eigene Projektarbeit sei. Als "ein echtes Stück 'ökonomischer Vermittlung' " (a.a.O), das genau auf der Linie des von ihm selbst Verfolgten liege, wertet ADORNO die darin mitgeteilte Tatsache, "dass es ernsthaften educational Programmen deshalb nicht möglich ist, sich hochqualifizierte Solisten zu sichern, weil deren Manager sie für diese Zwecke nicht hergeben, aus Angst, dass sonst die Honorare für die von privatwirtschaftlichen Unternehmungen finanzierten Konzerte gedrückt würden" (a.a.O). [36]

Nach diesen einleitenden Bemerkungen betont ADORNO, sich nicht wegen inhaltlicher Fragen, sondern wegen methodischer Erwägungen an LAZARSFELD zu wenden. Er bekennt, "kein Fachmann für Statistik und überhaupt kein Mathematiker" (a.a.O.) zu sein, weshalb die nachfolgenden Ausführungen seinem "laienhaften Verstande" (a.a.O.) geschuldet seien. Der erste Einwand, den er gegen eine einseitig quantifizierende Anlage der Untersuchung vorbringt, ist das Problem der zu kleinen Zahl der durchzuführenden Einzelbefragungen, wegen der die Ergebnisse kaum Repräsentativität und eine Ermittlung von "Durchschnittstatsachen oder Durchschnittseffekten" (a.a.O.) für sich beanspruchen könnten. ADORNO gibt daher zu bedenken, "ob nicht bei so kleinen Zahlen die ganze Fragerichtung umzulegen ist" (2. Brief, S.2). Das Original des maschinengeschriebenen Briefes enthält an dieser Stelle eine instruktive Fehlleistung, denn statt "bei so kleinen Zahlen" schrieb ADORNO zunächst "bei so kleinen Fragen", was wörtlich genommen bedeutet, dass mit den quantifizierenden Verfahren tatsächlich nur "kleine", an dem Eigentlichen vorbeigehende Fragen beantwortet werden können. Mit der "Umlegung der Fragerichtung" kann nur eine grundlegende Revision des Untersuchungsansatzes gemeint sein, die ADORNO im Rekurs auf einen zweiten, gravierenderen Einwand "gegen die Methode jener Rundfragen" erläutert.

"Das Bestreben, zu einer 'Quantifizierung' der Resultate, also deren Darstellung in Zahlen, zu kommen, bedeutet notwendig eine gewisse Vereinfachung der Kategorien. Sie können möglicher Weise prozentual darstellen, wieviele Hörer die vorklassische, wieviele die klassische, wieviele die romantische und wieviele die veristische Oper lieben usw. Wollten Sie aber die Begründungen, die die einzelnen für ihre Vorliebe geben, mit aufnehmen, so wäre wahrscheinlich eine Quantifizierung überhaupt nicht mehr möglich, d.h. diese Begründungen würden so sehr auseinander weisen, dass man kaum zwei unter denselben Nenner bringen kann, dass also statistische Kategorien sich wahrscheinlich überhaupt nicht bilden liessen" (a.a.O.). [37]

Dieser Einwand bezieht sich auf das Problem der Aufbereitung der Daten für eine quantifizierende Auswertung, und er ließe sich folgendermaßen reformulieren: Die zu erschließenden empirischen Relationen werden in numerische Relationen transformiert, die man dann interpretiert; eine Aufbereitung der Daten um der "Darstellung in Zahlen" willen ist aber mit einem erheblichen Informationsverlust verbunden, weshalb, so die Implikation, es näherliegend wäre, die empirischen Relationen direkt zu interpretieren – eine grundlegende Einsicht qualitativer Forschungsansätze. Wie ADORNO zu Recht anführt, können insbesondere die Begründungen, die hinter den einzelnen Präferenzen stehen, mit einem solchen zahlenvermittelten Vorgehen nicht eruiert werden, da sie sich aufgrund ihrer Komplexität und Differenziertheit nicht in einem standardisierten Frageschema abbilden werden. Möchte man die Antworten der Befragten unter vorgefasste Kategorien subsumieren, dann werden die "Begründungen" kaum in Erfahrung zu bringen sein. Diese Begründungen, so könnte man ergänzen, sind ohnehin nur sehr bedingt "abfragbar", das heißt den Befragten werden ihre Motive häufig nicht bewusst sein, und sie werden gerade hier entweder Rationalisierungen vorbringen oder aber durch Bildungsprätentionen verfälschte Antworten geben. Deshalb bedarf es einer Rekonstruktion der Bedeutung der Äußerungen, in welchen die Begründungen formuliert werden, nicht bloß des Registrierens ihres propositionalen Gehaltes. ADORNO räumt ein, seine Darstellung übertreibe, und er exemplifiziert seine Vorstellungen anhand der antizipierten Antwort, die "Emotionen" der Befragten seien für ihre Präferenzen ausschlaggebend. Das aber reiche ob der Heterogenität dessen, was sich hinter dieser Kategorie verbirgt, für eine Analyse der Motive nicht aus, vielmehr komme es darauf an, zu ergründen, was damit eigentlich gemeint ist, und "dann wird es mit der quantifizierbaren Kategorie 'emotional reasons' rasch sein Ende haben" (a.a.O.). Bei Lichte besehen erweise sich "Emotionen" als eine zu starke, die empirischen Relationen entstellende Vereinfachung, die für sich genommen gar nichts besage und eigentlich nur ein Platzhalter sei. Wiederum im Bewusstsein der Übertreibung postuliert ADORNO, aufgrund des mit dem Streben nach einer möglichst vollständigen Darstellung in Zahlenform notwendig einhergehenden Grades der Formalisierung der Kategorien werde das Erreichen des eigentlichen Zweckes der Untersuchung, eben die Rekonstruktion der Motive von Hörer/innen für ihre Reaktionen, unmöglich gemacht, und die Ergebnisse werden sich in Trivialitäten erschöpfen. Er verweist auf die einleitend von ihm erwähnte Untersuchung "Music and You", die er als "sehr vernünftig geleitet" charakterisiert, der aber "Motivationsanalysen in unserem Sinne" (a.a.O.) mangelten. Sie stütze sich dagegen auf äußerliche, einer Quantifizierung zugängliche Sachverhalte wie etwa, ob der oder die Befragte Musikunterricht hatte oder musikalische Analysen rezipierte. Die Quantifizierbarkeit werde aber dadurch erkauft, dass "die eigentlichen Determinationen seiner Reaktion auf Musik durch diese viel zu weitmaschigen Kategorien hindurchrutschen" (2. Brief, S.3). Daraus leitet ADORNO den Vorschlag ab, die Befragung "strikt individuell" (a.a.O.) zu gestalten, ohne den Erfordernissen einer quantifizierenden Auswertung Rechnung zu tragen.

"Hinter diesem Vorschlag steht freilich nicht weniger als die ganze Theorie, d.h. die Ueberzeugung, dass die Individuen und ihre Verhaltensweisen keine Zufälligkeiten sind, deren Gesetze als bloss mathematischer Art, nur als solche der Häufigkeit sich ermitteln lassen, sondern dass die Unabhängigkeit und 'Zufälligkeit' der Individuen nur Schein, und zwar selber gesellschaftlich produzierter Schein ist, und dass man, wenn man ein Individuum in seiner Konstitution als Sozialprodukt richtig versteht, man mehr geleistet hat, als wenn man 1000 Individuen hinnimmt und dann ihre 'Gemeinsamkeiten' von ihnen wegabstrahiert" (a.a.O.). [38]

Auch in dieser Passage vermengen sich bedenkenswerte methodologische Einsichten mit "überschießenden" gesellschaftskritischen Impulsen. Im Unterschied zu Naturgesetzen, die sich in "bloss mathematischer Art" abbilden lassen, kann gegen die das menschliche Handeln leitenden Regeln verstoßen werden, und darum erscheint das Modell einer mathematischen Repräsentation des Gegenstandsbereiches regelgeleiteten Handelns durchaus fragwürdig. Da ADORNO aber über keine Theorie regelgeleiteten Handelns verfügte, geraten seine berechtigten methodologischen Vorbehalte in ein ideologiekritisches Fahrwasser. So richtig es ist, dass die Einzelfallanalyse der Konstitution eines Individuums als "Sozialprodukt" erhellender sein kann als ein statistischer Vergleich einer Vielzahl von Individuen, wird doch die Frage immer drängender, wie ADORNO denn eigentlich methodisch zu prozedieren gedenkt. Konkreter wird er jedoch auch im Folgenden nicht, im Gegenteil verweist er auf seine These, "dass das Allerindividuellste das Allerallgemeinste ist" (a.a.O.)41), die sich nicht eben dazu eignet, sein Vorgehen anschaulich zu machen. In keiner Weise, noch nicht einmal als Zugeständnis an LAZARSFELD, geht ADORNO auf dessen Überlegungen zum Problem der Typenbildung in den Sozialwissenschaften ein, die 1937 doch immerhin in der Zeitschrift für Sozialforschung erschienen (LAZARSFELD 2007a [1937]). LAZARSFELD diskutiert in diesem Text das Buch "Der Typusbegriff im Lichte der Neuen Logik" von Carl Gustav HEMPEL und Paul OPPENHEIM (1936). Dass es sich dabei um etwas aus der Sicht einer "kritischen" Theorie der Gesellschaft Unerhebliches handelt, spricht HORKHEIMER ADORNO gegenüber in einem Brief aus,42) und ADORNO zeigt sich erleichtert, durch den Artikel von LAZARSFELD selbst einer weiteren Beschäftigung mit dem Buch von HEMPEL und OPPENHEIM enthoben zu sein: "Ich bin im Grunde herzlich froh, daß ich nicht darüber schreiben muß. Ich habe einen Teil gelesen und finde es vor allem unbeschreiblich langweilig" (ADORNO an HORKHEIMER, 30. Oktober 1936, in ADORNO & HORKHEIMER 2003, S.206). [39]

Aus seiner These, "dass das Allerindividuellste das Allerallgemeinste" sei, folgert ADORNO, das Allgemeine sei am Individuellen zu gewinnen, und fährt fort:

"Das setzt freilich voraus, dass man in einem gewissen Sinn das Allgemeine, in Form der 'Theorie' bereits hat; aber genau diese Methode, die von der Theorie aus die individuelle Faktizität so tief zu fassen trachtet wie nur möglich, um erst danach gegebenenfalls die Theorie zu modifizieren, verstehe ich als dialektisch" (2. Brief, S.3). [40]

Die Frage nach der Beschaffenheit der Methode bleibt offen. Eine Analyse der "individuellen Faktizität" habe angeleitet von der Theorie zu erfolgen, die Ergebnisse dieser Analyse können wiederum zu einer Modifikation der Theorie führen, allerdings nur "gegebenenfalls" – die Möglichkeit einer Revision oder gar Aufgabe der Theorie ist in diesem Modell nicht vorgesehen. Die Theorie ist damit weit mehr als ein heuristisches Gerüst, und deutlich zeigt sich ADORNOs Unwille, die Theorie im Lichte der empirischen Befunde umzugestalten. Das freilich entspricht dem Selbstverständnis einer "kritischen" Theorie, welche "das Glück aller Individuen zum Ziel hat" (HORKHEIMER 1988c [1937], S.221) und sich daher einem profanen Fallibilismus erhaben dünkt.43) Mit Händen greifbar wird die Gefahr einer bloßen Subsumtion der Empirie unter die vorab formulierte Theorie. Die Bezeichnung "Methode" kann das so umrissene Vorgehen kaum für sich in Anspruch nehmen, es ist die in keiner Form methodologisch unterfütterte Skizze einer Untersuchungsanlage. Dialektisch in einem distinkten Sinne ist es auch nicht, ADORNO schildert lediglich eine Abfolge von Arbeitsschritten, ohne aber beispielsweise auf eine dialektische Verfasstheit des Untersuchungsgegenstandes Bezug zu nehmen. [41]

Der Grund seiner Aversion gegen "die amerikanische Art des Registrierens und Kategorisierens der Rezeption" (2. Brief, S.3) liege nicht primär in der Unterstellung, man missverstehe vulgärpositivistisch die derart protokollierten Reaktionen als "absolute Gegebenheiten" (a.a.O.), sondern darin, dass die diesem Verfahren der Datenerhebung korrespondierende empirische, induktiv verfahrende und auf Häufigkeitsverteilungen abzielende Generalisierung die Strukturgesetzlichkeiten, um deren Rekonstruktion es eigentlich zu tun wäre, nicht erschließen könne. Die hier von ADORNO formulierte Alternative ist nun aber gerade nicht eine qualitative, einzelfallanalytisch ansetzende Typenbildung, es ist vielmehr die Subsumtion unter eine schon ausgearbeitete Theorie. Er verweist in diesem Zusammenhang auf seine "Mannheimarbeit" (a.a.O.), den 1937 verfassten Text "Neue wertfreie Soziologie" (1986a)44). Dieser wurde, stark überarbeitet und gekürzt, 1953 unter dem Titel "Das Bewußtsein der Wissenssoziologie" (1977c [1953]) publiziert – in Analogie zu der "Dialektik der Aufklärung" (HORKHEIMER & ADORNO 1987 [1947]) wäre das "Verschwinden der Klassengeschichte" im Zuge der Überarbeitung auch dieses Textes eine eigene Untersuchung wert. ADORNO kritisiert das generalisierende Vorgehen MANNHEIMs, vor allem "die Tendenz dieser Methode, die Begriffe der materialistischen Dialektik (…) zu übersetzen in umfangslogische Begriffe und damit den Charakter 'wertfreier' Wissenschaftlichkeit ihnen zu retten" (1986a, S.32). Die "dialektische Sozialforschung" dagegen strebe nicht Verallgemeinerungen um ihrer selbst willen an, ihr gehe es um die "Bewegungsgesetze der 'Fakten' ": "Sie wird etwa anstelle der Erwägungen über die Massenstruktur das Klassenverhältnis, anstatt der Lehre von den Eliten die Einsicht in Herrschaftsrelationen, anstelle der abstrakten Kategorie der Rationalisierung die konkrete Analyse des Rationalisierungsprozesses als eines der politischen Ökonomie setzen" (S.34f.). Die Bezeichnung "dialektische Sozialforschung" lässt ungeschieden, ob sie eine Dialektik zum Gegenstand hat oder aber selbst dialektisch verfährt. In den Briefen an LAZARSFELD ist von einer "dialektischen Methode" die Rede gewesen, die, genauer betrachtet, lediglich eine Reihenfolge von methodischen Schritten war und in welcher, ganz undialektisch, eine Subsumtion der Realität unter vorgefasste theoretische Kategorien angelegt ist. Die Rede von den "Bewegungsgesetzen der 'Fakten' " impliziert nun, hier werde die Dialektik als eine der Realität selbst konzeptualisiert, deren Bewegungsgesetze die Forschung nachzuvollziehen hat. In den angeführten Beispielen aber spricht sich wieder eine Reduktion der Analyse auf Klassentheorie und Kritik der politischen Ökonomie aus. Die Untersuchung der Bewegungsgesetze ist keine immanent an den Phänomenen ansetzende, sondern eine von voraussetzungsreichen Theorien angeleitete.

"Die praktische Folgerung aus diesen Überlegungen ist die, Einzelinterviews auf die Gefahr hin, dass sie als nicht für den 'Durchschnitt' repräsentativ angesehen werden, (ein Einwand, dem ja auch generalisierende Untersuchungen ausgesetzt sind, so lange sie es mit sehr limitierten Zahlen zu tun haben) ganz individuell, z.B. auch möglichst unabhängig von Fragebogenmodellen, zu führen, und zu versuchen, an dem einzelnen Individuum so viel und so tiefes wie nur möglich über seine Reaktionsweise zu erfahren, auch wenn sich das der Quantifizierbarkeit entzieht" (2. Brief, S.4). [42]

In dem Vorschlag, durch eine extensive Analyse nichtstandardisierter Interviews die Rezeptionsweise der Hörer/innen zu erschließen, artikuliert sich das Bewusstsein davon, dass "Qualitatives" und "Quantitatives" nicht einfach nur alternativ sind, sondern ein Einbettungsverhältnis besteht, muss doch der qualitative Aspekt bestimmt sein, bevor der quantitative Aspekt, die Häufigkeit, sinnvoll thematisiert werden kann. ADORNO rekurriert hier auf einen HEGELschen Topos, hebt doch HEGELs Logik genau mit dem Einbettungsverhältnis von Qualität und Quantität an. Bemerkenswerterweise spricht ADORNO noch nicht einmal als strategische Konzession davon, die Interviews nur explorativ, als Grundlage einer quantifizierenden Untersuchung durchzuführen, er sah in ihnen ein genuines Mittel empirischer Sozialforschung. Allerdings lässt er zwei Aspekte ungeschieden, deren analytische Trennung zentral ist: Die Interviewführung als Akt der Datenerhebung und die mikrologische Auswertung des Interviews. ADORNO suggeriert, es käme vor allem auf die gelingende Interviewführung an, als wäre sie bereits Garant für adäquate Einblicke in die Reaktionsweise der Individuen. In dieser Überbewertung der Interviewführung wird das Fehlen einer adäquaten Auswertungsmethode manifest. Von der Überschätzung des Interviews, in welchem nach ADORNOs Vorstellung Datenerhebung und -auswertung koinzidieren sollen, zeugt auch die in dem Memorandum "Music in Radio" aufgestellte Behauptung, geübte Interviewer/innen könnten die zustimmende Reaktion des oder der Befragten danach einschätzen, ob sie nur ein Zugeständnis an die Interviewenden oder aber eine emphatische ist, weil sie eine Ansicht ausgesprochen hatten, welche "dimly an half-consciously" auch der oder die Befragte teilt. Entscheidend ist aber weniger die Intuition oder Geistesgegenwart der Interviewer/innen, sondern die methodisch kontrollierte und begründete Erschließung dieser Differenz im Zuge der Auswertung. LAZARSFELDs Kommentar zu ADORNOs Behauptung fiel denkbar lakonisch aus: "If you possess this ability I can get you immediately a $ 20,000.00 job" (LAZARSFELD an ADORNO, September 1938, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.442)45). Überhaupt gab er ADORNO zu verstehen, dass dieser seines Erachtens von Forschungsinterviews wie der Blinde von der Farbe spricht.46) Die Lücke, die mit einer Methodologie für eine nicht quantifizierend verfahrende Auswertungsmethode hätte gefüllt werden müssen, vermochte allerdings auch LAZARSFELD nicht zu schließen. Bezeichnend ist eine Bemerkung in dem Vorwort von 1960 zu der Neuausgabe der Marienthal-Studie, in welchem er schreibt, interessant erscheine ihm an der damaligen Untersuchung "auch heute noch" die "Methode der Interpretation" (2007b [1960], S.17), womit LAZARSFELD aber nicht eine bestimmte, methodologisch eingebettete Interpretationsmethode meint, vielmehr postuliert er Interpretation generell als Methode. [43]

Wie auch immer: Als Ziel des von ihm vorgeschlagenen Vorgehens gab ADORNO an, das Individuum durch eine strikte Einzelfallanalyse "in seiner Individualität als gesellschaftlich determiniert" (2. Brief, S.4) zu erkennen, und er betonte, über diesen Aspekt müsse man sich verständigt haben, bevor tatsächlich Befragungen durchgeführt würden.47)

"Ich will Ihnen freilich im vorhinein zugestehen, dass diese Methode, so genau ich sie zu erkennen glaube, nur schwer weiter zu geben sein wird, – nicht etwa, weil sie von besonderen 'Intuitionen' und ähnlichem abhängt, sondern weil sie einen bestimmten Stamm gesellschaftlicher Erfahrungen und theoretischer Einsichten voraussetzt, über den naive fieldworkers nicht verfügen. Mit anderen Worten: das 'Weitergeben' der Methode, das Sie mit Recht fordern, besteht wesentlich in der Brechung der empirischen Naivetät und in der gesellschaftstheoretischen Schulung" (a.a.O.). [44]

Die Behauptung, eine Vermittlung der Methode sei schwierig, ist eine Konsequenz aus der Nichtunterscheidung von Durchführung und Auswertung des Interviews. Indem ADORNO von den Interviewenden verlangt, bereits in der Unmittelbarkeit der Interviewsituation das zu leisten, was eigentlich Zweck der Auswertung des protokollierten Interviews wäre, nämlich den materialen Gehalt des Gesagten gestaltrichtig zu erfassen, errichtet er eine in der Tat hohe Hürde. Zwar weist er es von sich, die von ihm propagierte Methode basiere auf "Intuitionen", doch faktisch kommt die geforderte Spontaneität in der Aktualisierung theoretischer Einsichten in Reaktion auf Äußerungen des oder der Interviewten, soll sie mehr als bloße Subsumtion sein, Intuitionen recht nahe. Ginge es allein um die Interviewführung, wäre die Schulung "naiver fieldworkers" für sich genommen unproblematisch, und man könnte sogar fragen, ob Naivität im Sinne einer Unvoreingenommenheit nicht gerade auch eine Interviewer/innentugend sein könnte. Das Fehlen einer wirklichen Methode aber bürdet den "fieldworkers" auch noch die Last der Auswertung während des laufenden Interviews auf, und es ist keineswegs eine besonders ausgeprägte Naivität erforderlich, damit dies als Überforderung empfunden wird. ADORNO beschreibt nicht eine Methode im Sinne eines erlernbaren Handwerks, sondern den Prozess der Habitualisierung von Einsichten und Überzeugungen; das durch einen Habitus vermittelte Angemessenheitsurteil hat intuitiven Charakter schon deshalb, weil der oder die Urteilende keine diskursive Begründung anzugeben vermag und eine solche allenfalls nachreichen kann. Wenn sich das von ADORNO als "Methode" Bezeichnete gegen eine Kurrikularisierung sperrt, ist eine Weitergabe nur dergestalt vorstellbar, dass die "fieldworkers" bei von ADORNO geführten Interviews zugegen sind und daran teilhaben, wie er exemplarisch Material erschließt, damit sie auf diese Weise den "Stamm gesellschaftlicher Erfahrungen und theoretischer Einsichten" internalisieren können. ADORNO selbst aber gleicht diese Weitergabe einer Indoktrination an – es geht eben nicht um das Einüben eines bestimmten methodischen Vorgehens, sondern um das Erlernen von Inhalten im Modus einer "gesellschaftstheoretischen Schulung" mit dem Ziel einer, wie es etwas martialisch heißt, "Brechung der empirischen Naivetät". Diese Darstellung ist ungeschickt, denn sie provoziert gleich zwei Einwände: aufgrund des Verdachtes, es komme letztlich doch nur auf eine Subsumtion der Realität unter eine bereits feststehende Gesellschaftstheorie an, den Vorwurf des Dogmatismus, und wegen des Rekurses auf ein esoterisches Geheimwissen, dessen Vermittlung problematisch sein soll, den Vorwurf der Mystifizierung. ADORNO lässt im Folgenden offen, ob sich eine derartige Schulung "mit unseren jungen Mitarbeitern" (a.a.O.) durchführen lässt, ist aber der Ansicht, die Frage nach der Weitergabe der Methode "wenigstens tendenziell" (a.a.O.) beantwortet zu haben. [45]

Gegen Ende des Briefes kommt er noch einmal auf die eingangs von ihm angesprochene Untersuchung der Sendung "Music and You" zu sprechen, in welcher eine Auswertung von Hörer/innenpost abgelehnt wird. Da ADORNO in dem Brief vom 24. Januar und dem ihm beigelegten Exposé deren Auswertung mit einigem Nachdruck forderte, muss er sich nun LAZARSFELD gegenüber zu dieser Ablehnung verhalten. Das wesentliche Gegenargument, zumindest soweit ADORNO es referiert, ist die fehlende Repräsentativität der überwiegend von "Kindern" und "Neurotikern" verfassten Briefe, was aber für die von ihm geplante Betrachtung der Post unerheblich sei, da sie auf der Überzeugung beruhe, "dass man in den infantilen Mechanismen seis der Neurotiker, seis der sogenannten Kinder die Mechanismen der Gesellschaft studieren kann, die sie so gemacht hat" (Brief 2, S.4f.). Diese Argumentation manövriert ADORNO in ein Dilemma, das unmittelbar mit seinem Verständnis von Sozialforschung verbunden ist. Für die von ihm projektierte Analyse der Hörer/innenpost bedarf es einer ausformulierten Theorie über die gesellschaftlichen Mechanismen, welche die "infantilen" und "neurotischen" Verfasser/innen der Briefe zu dem gemacht haben, was sie sind; dieses Prozedere entspricht ja auch seinen Intentionen, wie sich in den beiden Briefen gezeigt hat. Wenn man über diese Theorie bereits verfügt, so ein naheliegender Einwand, warum betrachtet man dann nicht die Reaktionen der "normalen", das heißt, der nicht "infantilen" und nicht "neurotischen" Hörer/innen? Sinnvoll wäre ADORNOs Vorgehen als exploratives, auf der Annahme gründendes, dass die interessierenden Mechanismen bei den "Infantilen" und "Neurotikern" besonders prägnante Ausdruckgestalten hinterlassen haben, man sie bei ihnen gewissermaßen wie unter einem Brennglas studieren könnte. Das aber ist gerade nicht erforderlich, weil die Theorie bereits ausformuliert wurde. Seine Argumentation ist also zwiespältig insofern, als sich diese Theorie und eine explorative Analyse der Post von "infantilen und neurotischen Hörern" forschungslogisch wechselseitig dementieren. [46]

ADORNO stellt fest, dass in der Studie zu "Music and You" die "psychologische Beschaffenheit der Korrespondenten" (2. Brief, S.5) ganz ähnlich wie von ihm eingeschätzt werde und lediglich bezüglich des indikatorischen Wertes der Post Differenzen bestünden. Während die Studie die Frage nach einer praktischen Verwertbarkeit der Post zum Zwecke der Programmgestaltung aufwerfe, betrachte ADORNO sie "bloss als Symptome, die ich für die kritische Diagnose des Zustandes auszuwerten denke" (a.a.O.). Den Brief beendet ADORNO mit dem Hinweis, das Diktat des vierten Teiles seines Memorandums abgeschlossen zu haben, das Manuskript aber noch nicht aus der Hand geben zu wollen, da aufgrund der zahlreichen Hörfehler, die während des Diktierens unterlaufen seien, die "Lektüre eine wahre Strafe wäre" (a.a.O.). Sie war es für LAZARSFELD bekanntlich auch nach der Eliminierung dieser Fehler. [47]

4. Kontinuitäten in ADORNOs weiteren soziologischen Arbeiten

Im Verlaufe seiner Projektmitarbeit entwickelte ADORNO zwar neue Konzepte und Vorschläge für deren forschungspraktische Umsetzung, von seinen Grundüberzeugungen, wie sie hier skizziert worden sind, rückte er aber nicht ab.48) Etwas heroisierend äußerte er rückblickend, während seiner Zeit in den Vereinigten Staaten "mit dialektischen Erwägungen in das sogenannte Rad der Wissenschaften hineingegriffen" und dabei "meine Schwierigkeiten, aber auch meine bescheidenen Triumphe erlebt" (2010, S.178) zu haben. Seine Haltung zu den Methoden des social research hat sich auch nach der Rückkehr aus der Emigration nicht – oder doch zumindest nicht grundlegend – geändert, und insofern können die Auseinandersetzungen mit LAZARSFELD als Präludium zum Positivismusstreit der 1960er Jahre verstanden werden (vgl. DAHMS 1994). Eine systematische methodologische Begründung seines eigenen Verständnisses davon, wie empirische Sozialforschung vorzugehen hat, blieb er schuldig, und auch wenn er für den Einsatz des "research-Apparates" votierte, betonte er dessen Funktion als bloßes Hilfsmittel. Die, verglichen mit seinen sonstigen Arbeiten, Geringschätzung seiner eigenen empirischen Untersuchungen artikuliert sich eindringlich in Briefen an seine Mutter. Über das "große kollektive Berkeleybuch", die "Studies in the Authoritarian Personality", bemerkt er, es werde so anständig, "wie man von Research-Kram eben erwarten kann" (ADORNO an Maria ADORNO, 1. Mai 1947, in ADORNO 2003b, S.400), und an anderer Stelle heißt es, "die 'Philosophie der neuen Musik' (…) bedeutet mir unvergleichlich viel mehr als der ganze Researchwälzer" (ADORNO an Maria ADORNO, 30. Juni 1949, a.a.O., S.516). Im Lichte solcher Bemerkungen relativiert sich ADORNOs von Hans-Joachim DAHMS hervorgehobene vorübergehende Wertschätzung der quantifizierenden empirischen Sozialforschung in den frühen 1950er Jahren, wie sie sich zum Beispiel in dem Text "Zur gegenwärtigen Stellung der empirischen Sozialforschung in Deutschland" (1972a [1952]) ausspreche und die dann einer zunehmend kritischen und polemischen Haltung gewichen sei (vgl. DAHMS 1994, S.285-319). Diese Wertschätzung gründet sich in erster Linie darauf, dass das naturwissenschaftlich-quantifizierende Wissenschaftsideal "gegenüber der Verhimmelung des Geistes in Europa auch, und vor allem in Deutschland, seine sehr progressiven Momente" (ADORNO 1961a, S.3) habe. Wie tiefsitzend ADORNOs Vorbehalte gegenüber der quantifizierenden Forschung gleichwohl waren, belegt ein von ihm 1955 protokollierter Angsttraum, der zum Inhalt hatte, er würde für ein soziologisches Diplomexamen in empirischer Sozialforschung geprüft, genauer über die Beschaffenheit von Lochkarten und die Bedeutung englischer Termini – in dieser Prüfung scheiterte ADORNO kläglich (1986b). [48]

Durchgängig kritisiert ADORNO in seinen Texten zur Sozialforschung die Gefahr einer Verselbstständigung des methodischen Apparates, wegen der dieser den Gegenstand nicht mehr aufschließe, sondern verdecke und verfälsche,49) während er zugleich an der Sonderstellung der dialektischen Methode festhält, die sich als gegenstandsimmanente einer methodologischen Fixierung entziehe: "Daß Dialektik keine von ihrem Gegenstand unabhängige Methode ist, verhindert ihre Darstellung als ein Für sich, wie das deduktive System sie gestattet. Dem Kriterium der Definition willfahrt sie nicht, sie kritisiert es" (1972b [1969], S.288). Diese Bestimmung ist nicht eben dazu angetan, den Vorwurf der Beliebigkeit und Mystifizierung der dialektischen Methode zu entkräften, welchen bereits dreißig Jahre zuvor LAZARSFELDs Vorbehalte speisten.50) Der Gefahr dieses Vorwurfs war sich ADORNO bewusst, und in seiner Einführung zu einem Seminar im Sommersemester 1961 über "Probleme der qualitativen Analyse" bezeichnet er es als ein wesentliches Problem, dass diesem Vorgehen "so ein bißchen etwas von dem Charakter der Magie" zugesprochen und Forschende "als eine Art von Medizinmann angesehen" würden, die "aufgrund irgendwelcher ganz irrationaler und magischer Beziehungen" zu Einsichten gelangten (1961a, S.11). Abhilfe hätte nur die Ausarbeitung einer expliziten Methodologie der dialektischen Methode schaffen können, die aber nie zustande kam. Im Hinblick auf den Plan, gemeinsam ein Buch über Dialektik zu verfassen, bekannte HORKHEIMER, aufgrund der Unabsehbarkeit eines solchen Unterfangens vor dessen Ausführung "Angst" (HORKHEIMER & ADORNO 1985c, S.600) zu haben, und Formulierungen wie die zitierte zu der angeblichen Nichtdarstellbarkeit der dialektischen Methode wirken wie Rationalisierungen dieses Desiderates. In seiner Vorlesung "Einführung in die Dialektik" wendet ADORNO sich dezidiert gegen eine Deutung der dialektischen Methode als Handwerk, als Rezept, ja sogar selbst als Methode: "Dialektik ist die Methode des Denkens, die nicht bloße Methode ist, sondern der Versuch, die Willkür der Methode zu überwinden und in den Begriff das mit hineinzunehmen, was nicht selbst Begriff ist" (2010, S.11). Eine Methode, die keine sein will und sich nicht in Begriffen des Allgemeinen begründen lässt, dazu die offene Frage, wie die Methode der Dialektik erlernt werden kann sowie die starke Präsupposition, im Normalfall sei die Wahl und Anwendung von Methoden das Resultat von Willkürakten: All dies wird die Vorbehalte der Kritiker/innen eher genährt denn zerstreut haben. Noch in der Vorrede zu "Negativen Dialektik" verwahrt sich ADORNO dagegen, mit diesem Buch eine Methodologie seiner materialen Arbeiten formuliert zu haben – vielmehr lege er "die Karten auf den Tisch" (1973d [1966], S.9). [49]

Höchst instruktiv für eine Bewertung von ADORNOs Selbstverständnis als Sozialforscher und Vertreter einer impliziten Methodologie qualitativer Forschung sind zwei Texte, in denen er methodenreflexiv das eigene qualitative Arbeiten zum Gegenstand machte: sein Beitrag zum "Gruppenexperiment" (POLLOCK 1955)51) sowie Materialien des schon erwähnten Hauptseminars aus dem Sommersemester 1961 über "Probleme der qualitativen Analyse". Im gegebenen Kontext eröffnen diese Texte die Möglichkeit, das in den vorstehenden Textanalysen mitunter mühsam Rekonstruierte zu den habituellen Dispositionen ADORNOs als Philosoph und als Künstler für eine qualitative Sozialforschung anhand von Dokumenten zu überprüfen, in denen er es gewissermaßen "selbst sagt". Zwei Aspekte lassen eine im Vergleich zu den aus dem Umfeld des "Radio Research Project" stammenden Texten verdichtete und prägnantere Formulierung seiner Vorstellungen qualitativer Forschung erwarten: einmal seine seit der Zusammenarbeit mit LAZARSFELD kumulierte Erfahrung, was Methoden empirischer Sozialforschung angeht, und dann die Tatsache, dass qualitative Analysen hier ausgesprochenermaßen den Gegenstand bildeten. [50]

An der Gesamtkonzeption des Buches über das "Gruppenexperiment" fällt zunächst auf, dass, entgegen dem Postulat von der Unmöglichkeit, die Methode von ihrem Gegenstand abzuziehen, hier ein umfangreiches Methodenkapitel (POLLOCK 1955, S.15-62) vorgeschaltet wird, welches das methodische Vorgehen zwar mit Rekurs auf Befunde der Untersuchung, aber eben doch auch "für sich" darstellt. Konsequenterweise fehlen hier Vorbehalte, die sich auf eine grundsätzliche Nichtdarstellbarkeit der Methode beziehen.52) Außerdem wird die quantitative Analyse des Materials vor der qualitativen Analyse abgehandelt, obgleich das Einbettungsverhältnis von Qualitativem und Quantitativem klar benannt wird (ADORNO 1975 [1955], S.136, Anm. 6/POLLOCK 1955, S.8, Anm. 6). Das Motiv für diese Anordnung mag möglicherweise darin gelegen haben, nicht durch die Voranstellung des qualitativen Teils den Eindruck erwecken zu wollen, als habe dieser lediglich eine explorative Funktion für den quantitativen als der "eigentlichen" Analyse gehabt. Bezüglich der Differenzen von europäischer und amerikanischer Theorietradition spricht ADORNO von dem "Unheil, an dem willkürlich dekretierendes und um die widerspenstigen Fakten unbekümmertes Denken gerade in Deutschland mitschuldig war", weshalb diese Tradition der Ergänzung durch die "geschliffenen amerikanischen Techniken der Sozialforschung" (S.132/S.4) bedürfe. Zugleich aber, und auch dies wird als eine "spezifisch deutsche Gefahr" behauptet, reiche eine bloße Nachahmung der amerikanischen Methoden nicht hin, vielmehr seien die "der Tradition der deutschen Gesellschaftswissenschaft" verpflichteten "kritischen Motive" (a.a.O., S.133/S.4) zur Geltung zu bringen. Diese Motive freilich speisen eine Theorie, die in ihrem Verhältnis zur Empirie eigentümlich entrückt erscheint und sich nur sehr vermittelt an dieser überprüfen lässt.53) Der Mangel an einer expliziten Methodologie wird fühlbar insbesondere in Zusammenhang mit der von ADORNO aufgeworfenen Frage, wie "Einwänden wie dem des Hineininterpretierens und der subjektiven Willkür" (S.137/ S.8) begegnet werden könne. Derlei Einwände seien unberechtigt, weil sie entgegen "ihrem ursprünglich kritischen, antidogmatischen Impuls" (a.a.O.) ohne Ansehung des jeweiligen Sachverhaltes geradezu ritualistisch vorgebracht würden und letztlich auf ein "Denkverbot" (a.a.O.) hinausliefen. Damit bleibt ADORNOs Zurückweisung der Forderung nach Evidenz so abstrakt und allgemein, wie er es dieser Forderung zugleich unterstellt. Auf welche Weise interpretative Strittigkeiten am Material selbst geklärt werden können, bleibt unausgesprochen, und dagegen, dass "das unabdingbare subjektive Element, an dem Spontaneität und Produktivität von Wissenschaft haftet, nicht ins Wahnhafte wuchere" (S.139/S.9), kann ADORNO kein methodisch kontrolliertes Vorgehen aufbieten, sondern lediglich die Versicherung, "einzig der wissenschaftliche Takt" (a.a.O.) vermöge einer solchen Entfesselung Einhalt gebieten. Der Takt, verstanden als Ausdruck des Habitus professionalisierter Forscher/innen, ist ohne Zweifel ein wesentliches Moment erfahrungswissenschaftlichen Handelns, aber eben doch nur ein Moment, das des komplementären einer expliziten Methodologie bedarf. [51]

ADORNO hebt auch hier ein den neueren Erhebungsverfahren eignendes "demokratisches Potential" (POLLOCK 1955, S.16) gegenüber den älteren Analysen hervor, denn "dem Stichprobenverfahren gilt jeder gleich viel" (a.a.O.). Das aber sei durchaus nicht nur unproblematisch, stammen diese Verfahren doch aus der Sphäre der Markt- und Konsumforschung, weshalb die Meinungsforschung wie selbstverständlich "das Universum der Kundschaft als das des Menschen" (S.16f.) unterstelle. Damit würden Bewusstseinsinhalte zu einem Letzten, nicht Hintergehbaren gemacht, und ihr Bezug zu dem, worauf sie sich richten, getilgt. Dieses der individuellen Meinung Vorgängige bestimmt ADORNO mit ausdrücklichem Verweis auf die Philosophie des Idealismus als den "objektiven Geist" (S.23). Ihn gelte es erst einmal zu bestimmen, bevor die Meinungen über ihn untersucht werden, doch verhalte es sich in der Forschungspraxis genau umgekehrt, denn in ihr fokussiere man sich auf die "Summe der Einzelmeinungen": "Diese und nicht der objektive Geist wird zum Substrat der Meinungsforschung, weil nur die Einzelmeinungen sich zählen und messen lassen" (S.24). Bemerkenswert ist hier die ganz unbefangene und unverstellte, keine Vorbehalte geltend machende Inanspruchnahme der Dimension des objektiven Geistes, die Peter R. HOFSTÄTTER in seiner Kritik an dem "Gruppenexperiment" auch prompt zu der sarkastisch eingefärbten Bemerkung veranlasste, er vermöge nicht zu erkennen, ob "der Beschwörung des objektiven Geistes eine Realbedeutung zukommt" (1957, S.98). In der Vorbemerkung zu den qualitativen Analysen betont ADORNO die Wichtigkeit des Subjektes als Träger sedimentierter Erfahrungen und theoretischer Einsichten für derartige Analysen, verwahrt sich aber in Antizipation eines naheliegenden Vorwurfs dagegen, "eine Art soziologischer Esoterik" propagieren zu wollen, und wendet sich ausdrücklich gegen diejenigen, "die Erfahrungen von anderer Art als Zählen und Messen nur als magische Akte sich vorstellen können" (ADORNO 1975 [1955], S.145/POLLOCK 1955, S.276). In der Betonung des subjektiven Momentes bei gleichzeitigem Verwahren gegenüber dem Vorwurf des Mystizismus meldet sich das Desiderat einer expliziten Methodologie an, die eine intersubjektive Überprüfung der Geltung von Deutungen ermöglicht und die anzugeben vermag, wie Streitigkeiten bezüglich dieser Deutungen verbindlich aufgelöst werden können. Bei der Durchführung von ADORNOs Analysen fällt besonders auf, wie eng sie sich an sprachphysiognomische Details heften und deren Bedeutung zu erschließen trachten, womit er die bereits 1931 in seiner Antrittsvorlesung erhobene Forderung aufgreift, den "Abhub der Erscheinungswelt" (1973a, S.336) zum Gegenstand zu machen. Um aber diesem "Abhub" gerecht werden zu können, "bedarf es weit subtilerer Methoden der Interpretation im kleinsten, als sie hier im allgemeinen verwandt werden können" (ADORNO 1975 [1955], S.149/POLLOCK 1955, S.280), ohne dass solche entwickelt worden wären. [52]

Von dem Seminar "Probleme der qualitativen Analyse" sind neben einer Mitschrift der umfangreichen Einführung ADORNOs Protokolle von Seminarsitzungen sowie eine Zusammenfassung auf der Grundlage dieser Protokolle überliefert (1961a, 1961b).54) Ohne die Parallelen im Folgenden jeweils aufzeigen zu wollen, ist offensichtlich, dass ADORNO für seine Einführung und die Seminarkonzeption insgesamt auf die einschlägigen Passagen aus der Publikation des "Gruppenexperimentes" zurückgegriffen hat. [53]

In den ersten Worten seiner Eröffnung des Seminars betont ADORNO den bereits seine Einlassungen gegenüber LAZARSFELD prägenden Primat des Qualitativen gegenüber dem Quantifizierenden. Für jemanden, der im Sinne der auch für die ältere deutsche Soziologie maßgeblichen europäischen geisteswissenschaftlichen Tradition sozialisiert wurde, sei das als "qualitative Analyse" Bezeichnete "eigentlich eine Art von Selbstverständlichkeit" (1961a, S.1), und in Anspielung auf Monsieur Jourdain in MOLIÈREs "Der Bürger als Edelmann", dem nach einer rhetorischen Schulung plötzlich klar wird, bereits sein ganzes Leben Prosa gesprochen zu haben, ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein, merkt ADORNO an, so sei es auch mit der qualitativen Analyse. Darin findet der implizite Charakter qualitativer Forschung seinen sprechenden Ausdruck, der sich erst in Konfrontation mit einem konkurrierenden Modell, das ADORNO mit "science is measurement" umschreibt (1961a, S.2; vgl. auch POLLOCK 1955, S.24), legitimieren und begründen muss. Dies charakterisiert zugleich die Situation, vor die er sich mit Beginn seiner Arbeit im "Radio Research Project" gestellt sah. [54]

Auch die Bedeutung einer vorgängigen Theorie für qualitative Analysen spricht ADORNO in seiner Seminareinführung an – nur "wo die Theorie in die Forschung substantiell eingeht, d.h. wo die Theorie nicht bloß Anweisung auf Verifizierung oder Falsifizierung, also bloße Hypothese ist" (a.a.O.; vgl. auch POLLOCK 1955, S.25), sei sachhaltige qualitative Forschung möglich. Ungeklärt bleibt aber die Frage, wie oder unter welchen Umständen diese Theorie selbst zu revidieren oder aufzugeben ist. Als Beispiel dafür, dass "die Theorie wichtigster Bestandteil und Voraussetzung der ganzen qualitativen Analyse" ist und "strenge theoretische Vorstellungen (…) an das Material herangetragen" werden, verweist er auf die Psychoanalyse, welche "eine Theorie mit der Methode der qualitativen Analyse" (1961b, Seminarsitzung 6. Juni, Protokoll N. LINDQUIST S.2) sei. Diese Darstellung ist zumindest einseitig, denn sie unterschlägt, dass FREUD durchaus nicht nur die Theorie auf das deutungsbedürftige Material applizierte, vielmehr wurde jene selbst überhaupt erst aus diesem gewonnen, besteht doch die psychoanalytische Theorie aus, wenn man so sagen will, geronnenen Fallrekonstruktionen, außerdem wurde sie im Lichte neuer empirischer Erkenntnisse auch stets modifiziert. Die Theorie, die soziologischen qualitativen Analysen zugrunde zu liegen hat, ist freilich nicht irgendeine, sondern eine im oben diskutierten HORKHEIMERschen Sinne "kritische" Theorie, welche praktische Interessen verfolgt und "eine Vorstellung von einer richtigen und einer falschen Gesellschaft" hat: "Nur dieses Motiv der Kritik, nur dieses Motiv, es anders zu wollen, ist eigentlich das Licht, durch das so etwas wie qualitative Analyse möglich ist" (ADORNO 1961a, S.16). Vor diesem Hintergrund formuliert er auch hier einen über das bloß Methodische hinausgehenden ideologiekritischen Einwand gegen die quantifizierende Forschung, die als aus der Marktforschung entstandene dem Modell der Tauschverhältnisse folge und sich die "Allherrschaft des Tauschprinzips" (a.a.O.) zu eigen mache. An dieser Stelle sei jedoch an eine Akzentverschiebung gegenüber dem Theorieverständnis, wie es sich in den beiden betrachteten Briefen an LAZARSFELD ausspricht, erinnert: Zwar ist die Vorstellung des Verhältnisses von Theorie und empirischer Forschung unverändert, doch ist diese Theorie nicht mehr wie in den 1930er Jahren der Ökonomiekritik verpflichtet, sondern einer Theorie der Herrschaftsverhältnisse, in welcher die Ökonomie nur einen Aspekt ausmacht. Dieser Paradigmenwechsel hatte allerdings nicht die Gestalt eines offenen Bruches, sondern eher die eines allmählichen Übergangs.55) In ADORNOs Werk manifestierte er sich in dem 1942 verfassten, aber erst posthum veröffentlichten Text "Reflexionen zur Klassentheorie" (1972d [1942]) – diese "legen die ökonomietheoretischen Grundlagen für die 'Dialektik der Aufklärung', indem sie die Ökonomie als Moment einer Metaökonomie erfassen, die Herrschaft ist und sich zuzeiten in Form des Kapitalverhältnisses durchsetzt" (BRAUNSTEIN 2011, S.182)56). [55]

Auf die antizipierte Frage, warum er "eine wirklich explizite Theorie" der von ihm selbst unternommenen qualitativen Analysen nicht ausgearbeitet habe, antwortet ADORNO darauf, als "alter Hegelianer" davon auszugehen, "daß man vom Schmieden Schmied wird, daß die Methode ihrerseits nur aus der Sache sich entwickelt" (1961a, S.11). Das beschreibt aber nur einen genetischen Zusammenhang und vermag nicht zu erklären, warum die Methode nicht zumindest retrospektiv oder auch verzahnt mit der "Sache" hat aufgezeigt werden können. Mit anderen Worten: Auch wenn man einräumt, die Methode könne nicht unabhängig von der "Sache" entwickelt werden, bedeutet das nicht, dass sie sich überhaupt nicht darstellen lässt – wie die Publikation zu dem "Gruppenexperiment" ja auch zeigt. ADORNO führt als Rechtfertigung lediglich eine Idiosynkrasie an, "eine eingefleischte Abneigung dagegen, Methoden unabhängig von den Sachen darzustellen" (a.a.O.), und Züge einer Rationalisierung trägt sein Versuch, die ausbleibende Methodenexplikation als Folge eines "Sachproblems" auszugeben. [56]

Zu den Hinweisen für die Durchführung qualitativer Analysen, die ADORNO in seiner Seminareinführung gibt, gehört die Einübung eines mikrologischen Blickes, der "Versenkung ins Kleinste" (S.14). Ein eindrucksvolles Beispiel für Erkenntnisse, die sich einem derartigen mikrologischen Zugang verdanken, gibt das Protokoll der Seminarsitzung vom 4. Juli 1961. Anlässlich einer Analyse der "Deutschen Soldaten Zeitung", mit welcher die qualitative Forschungspraxis erprobt werden soll, bemerkt ein Teilnehmer, das im Nachkriegsdeutschland wieder zugelassene Eiserne Kreuz weise ein Merkmal auf, welches diese Zeitung, die es als Signet verwendet, ignoriere. ADORNOs Reaktion fällt fast schon euphorisch aus: "In solchen Details wohne der liebe Gott. Das sei neu und entstamme nicht schon dem Vorrat wie das meiste von dem, was heute besprochen wurde. Auf solche differenzierte Analyse, die nicht von oben her subsumiere, komme es an" (1961b, Seminarsitzung 4. Juli, Protokoll H. TILLACK, S.5). Ganz selbstverständlich und unbefangen rekurriert ADORNO wieder auf die Dimension des objektiven Geistes und gebraucht Wendungen wie "objektiver Sinn" oder "Sinnstruktur". Während die quantifizierende Forschung leugne, "daß es so etwas wie einen objektiven Sinnzusammenhang in geistigen Gebilden überhaupt gebe" (1961a, S.4), richte sich die qualitative Analyse genau auf ebendiese Gebilde. Als derartige objektive Sinnzusammenhänge seien aber nicht nur edierte Texte anzusprechen, sondern auch die Äußerungen in Interviews – Voraussetzung einer qualitativen Analyse sei die "eines überhaupt nach immanenter Gesetzmäßigkeit Konstituierten, das eine Sinnstruktur abgibt" (a.a.O.). Schließlich findet sich in den Seminarmaterialien ein überraschender Beleg dafür, dass ADORNO tatsächlich habituell wie ein Künstler dachte. Das Protokoll der Sitzung vom 4. Juli 1961 dokumentiert in Zusammenhang mit der Analyse der "Deutschen Soldaten Zeitung" seine Aufforderung an die Seminarteilnehmer/innen, Einfälle zu produzieren, und das Protokoll vermerkt als Kommentierung dieser Aufforderung: "Gewiss ließen Einfälle sich nicht kommandieren, doch unterscheide der Künstler vom Dilettanten sich gerade darin, daß er, wenn es verlangt werde, selbst noch über seine Einfälle in gewisser Weise verfügen könne" (1961b, Seminarsitzung 4. Juli, Protokoll H. TILLACK, S.1). Die Adressat/innen der Aufforderung waren nun aber gerade keine angehenden Künstler/innen, sondern Student/innen der Soziologie! [57]

Trotz zunehmender Explizitheit und Differenziertheit in der Argumentation konnte ADORNO, so lässt sich zusammenfassend sagen, die drei Haupthindernisse für die Ausbildung einer Methodologie qualitativer Sozialforschung, die sich schon für die Zeit seiner Mitarbeit im "Radio Research Project" rekonstruieren ließen, auch später nicht überwinden:

  • die Rückbindung an eine emphatisch verstandene Theorie, die der Falsifikation enthoben bleiben soll;

  • die fehlende methodologische Reflexion über eine analytische Trennung von Datenerhebung und -auswertung, deren Konsequenz eine Überbewertung der Erhebungssituation ist;

  • die Vorstellung einer Unablösbarkeit der Methode von ihrem jeweiligen Gegenstand. [58]

5. ADORNOs Mitarbeit in dem Radio Research Project: eine Bilanz

Das Projekt wurde nach zwei Jahren nicht wie geplant um weitere zwei Jahre verlängert, man verzichtete sogar auf die Formulierung eines Fortsetzungsantrags, und es ist rückblickend wohl nicht anders denn als gescheitert zu bezeichnen. Einige Publikationen gingen aus ihm hervor, manches verwendete ADORNO in anderen Texten (vgl. HULLOT-KENTOR 2006, S.51), die Fülle des seinerzeit unpubliziert Gebliebenen wurde erst 2006 im Rahmen der nachgelassenen Schriften ADORNOs veröffentlicht (ADORNO 2006c). HORKHEIMER gegenüber betonte er seine Dankbarkeit dafür, dass dieser ihm mit einer vollen Stelle am Institut für Sozialforschung die "Emanzipation von Lazarsfeld" ermöglicht habe (ADORNO an HORKHEIMER, 14. Januar 1940, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.63). LAZARSFELDs abschließende Bewertung der gemeinsamen Arbeit fällt zwiespältig aus und erinnert in dem unvermittelten Nebeneinander von Lob und Anerkennung einerseits und schneidender Kritik andererseits an den langen Brief vom September 1938, in welchem er ADORNOs Memorandum kommentierte. So beginnt er ein Schreiben an ADORNO aus dem Januar 1940 zwar mit den Worten:

"Everyone knows how much work you have done, how cooperative you were in adapting yourself to the necessities of an American research project, and how very valuable the points of view which you contributed were. Everyone feels that it was a noble experiment". [59]

Dann jedoch heißt es:

"So your slate is perfectly clear. Unfortunately, the same is not true as far as I am concerned. From an adminstrative point of view I am responsible just for this kind of tangible result, and the status in which the Music Study was left is definitely a black eye for me" (LAZARSFELD an ADORNO, 26. Februar 1940, Adorno-Archiv im Archiv der Akademie der Künste Berlin). [60]

Der Grund des Scheiterns lag darin, dass ADORNO die ihm gestellte Aufgabe nicht erfüllte, nämlich die Formulierung einer operationalisierbaren Hörer/innentypologie, mit der die Häufigkeitsverteilung der verschiedenen Typen hätte ermittelt werden können.57) "But no indicators for such a typology were developed because the direction he gave could hardly be translated into empirical terms" (LAZARSFELD 1969, S.323). ADORNO gestand dieses Scheitern selbst ein, auch er sah den Grund darin, "dass mir der Übergang zur Hörerforschung nicht glückte" (1977a [1969], S.718). LAZARSFELD kamen in der Rückschau allerdings Zweifel, ob sich nicht vielleicht doch die Ideen ADORNOs hätten umsetzen lassen.

"After the war Adorno was an active member of the Berkeley group that produced The Authoritarian Personality. Their basic concept of the fascist character was developed by Adorno and was certainly no less speculative than what he wrote for us; nevertheless, his colleagues in California were able to convert his idea into the famous F-scale. I have an uneasy feeling that my duties in the various divisions of the Princeton project may have prevented me from devoting the necessary time and attention to achieve the purpose for which I engaged Adorno originally" (1969, S.325). [61]

Soweit ADORNOs Korrespondenz hierzu Rückschlüsse gestattet, ist seine Charakterisierung der Person LAZARSFELDs während der Zeit der gemeinsamen Projektarbeit und auch danach fast durchweg negativ. Auf der einen Seite beklagt er sich insbesondere bei HORKHEIMER, den er mehrfach zu vermitteln bat, immer wieder über ihn. Er bezeichnet LAZARSFELD despektierlich als seinen "Plagegeist" (ADORNO an HORKHEIMER, 15. August 1938, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.42), als "durch und durch illoyalen Mann" (ADORNO an HORKHEIMER, 6. Januar 1939, a.a.O., S.49) und gibt als Maxime aus: "Die Hauptsache ist: ihm nichts, kein Wort glauben" (S.50). POLLOCK gegenüber äußerte er, "es sei widerlich, mit L. zu arbeiten" (S.51), und die Abhängigkeit von ihm sei würdelos.58) Nicht offen abschätzig, aber doch immerhin ambivalent erscheint ADORNOs Kennzeichnung LAZARSFELDs als "überaus erfolgsgläubige[n] Mann" gegenüber KRACAUER (ADORNO an KRACAUER, 6. März 1939, in ADORNO und KRACAUER 2008, S.412) und gegenüber seinen Eltern als "der äußerst weltkluge LAZARSFELD" (ADORNO an Maria und Oscar ADORNO, 16. Juli 1942, in ADORNO 2003b, S.154). Auf der anderen Seite schreibt er im Sommer 1939, ebenfalls an die Eltern, bezüglich eines geplanten mehrwöchigen Urlaubs, LAZARSFELD habe sich in dieser Angelegenheit als "äußerst nett und entgegenkommend erwiesen" (ADORNO an Maria und Oscar ADORNO, 8. Juli 1939, a.a.O., S.16). Unzweifelhaft ist seine Geringschätzung der materialen Arbeiten LAZARSFELDs, die sich in Überlegungen zur Zukunft der Zeitschrift für Sozialforschung ausdrückt. Zu erwägen wäre, so schreibt er an HORKHEIMER, ob man diese unter der Voraussetzung, selbst darin uneingeschränkt publizieren zu können, nicht "irgendwie dem Lazarsfeld für Schund, Füllsel und Erfolg" überlassen könnte, was möglicherweise noch den Vorzug hätte, dass "das andere Zeug", welches LAZARSFELD dann zu verantworten hätte, als Camouflage der eigenen Arbeiten fungiert (ADORNO an HORKHEIMER, 30. Juli 1941, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.173). [62]

Auch noch längere Zeit nach der Beendigung der Zusammenarbeit blieb ADORNOs Urteil über LAZARSFELD harsch. In Zusammenhang mit einer neu zu gründenden Zeitschrift, in welcher auch ein Beitrag von LAZARSFELD erscheinen sollte, machte Herbert MARCUSE 1954 erhebliche Vorbehalte gegenüber seiner Person geltend,59) worauf ADORNO ihm antwortete: "In Bezug auf Lazarsfeld bin ich weiß Gott Ihrer Ansicht. Das gehört eben zum Bereich der zu schluckenden Pillen" (ADORNO an MARCUSE, 9. Juli 1954, zit. nach DEMIROVIĆ 1999, S.491). Als in dem Seminar zur qualitativen Analyse 1961 ein Text von Allen H. BARTON und LAZARSFELD (1955) diskutiert wurde, der das Ungewöhnliche und Unerwartete als privilegierten Gegenstand der qualitativen Analyse behauptet, paraphrasiert ADORNO die Haltung der Autoren mit den nicht eben schmeichelhaften Worten: "Dem Ignoranten ist alles neu" (ADORNO 1961b, Seminarsitzung 6. Juni, Protokoll N. LINDQUIST, S.2). In Vorlesungen wurde LAZARSFELD von ADORNO als "Erzpositivist" (2008, S.15) bezeichnet und als "extremer Vertreter der positivistischen Soziologie und im besonderen der empirischen Sozialforschung" vorgestellt, "mit dem ich (…) in der dreijährigen Zeit unserer Zusammenarbeit immer wieder aufs heftigste zusammengestoßen bin" (1993, S.231). Wiederum in einem Brief an MARCUSE nimmt ADORNO Bezug auf den 1964 in Heidelberg stattfindenden WEBER-Kongress, und dabei stilisiert er LAZARSFELD zu einem Typus des empirischen Sozialforschers. Geradezu kunstvoll verbindet er Invektiven gegen WEBER mit solchen gegen LAZARSFELD: "Die Person Weber ist mir genau so unsympathisch wie Dir, aber gegen die Lazarsfelds war er immer noch das, wofür er zu Unrecht gilt" (ADORNO an MARCUSE, 24. September 1963, Marcuse-Archiv im Archivzentrum der Universitätsbibliothek Frankfurt/M., S.2). ADORNO belässt es nicht bei dieser aphoristischen Zuspitzung, vielmehr schließt sich unmittelbar eine weitere Invektive an, gegen LÖWENTHAL nämlich:

"Weißt Du übrigens, daß Leo in einem der Dokumente, die dann den Bruch zwischen ihm und uns bewirkt haben, allen Ernstes schrieb, er habe in Lazarsfeld den reinsten, edelsten und uneigennützigsten Freund gewonnen? Danach sollte es ihm doch leicht fallen, auf solche Karrieristen und Opportunisten wie uns zu verzichten" (a.a.O.). [63]

Ironischerweise unterschied sich, der freundschaftlichen Bande ungeachtet, LÖWENTHALs fachliche Einschätzung LAZARSFELDs gar nicht so sehr von der ADORNOs. Wie LÖWENTHAL in einem 1981 geführten Interview berichtete, lobte Robert K. MERTON seinen Aufsatz "Biographies in Popular Magazines" (dt. "Der Triumph der Massenidole", LÖWENTHAL 1990a [1944]) "als eines der wenigen gelungenen Beispiele einer Synthese von europäischer theoretischer Einstellung und amerikanischer empirischer Forschung" (1990b [1981], S.293). Dies habe LAZARSFELD "in seinem typischen empirischen Positivismus" zu dem Kommentar veranlasst: " 'Na, jetzt haben Sie einmal gezeigt, was eine schlechte Biographie ist, jetzt müssen Sie aber auch einmal darüber schreiben, was eine gute Biographie ist'. Er hat also den politischen und analytischen Sinn dieser Sache verkannt" (a.a.O.). Zu dieser Arbeit LÖWENTHALs bemerkt ADORNO in einem Brief, sie habe ihm "sehr gut gefallen", und er mutmaßt zugleich, der theoretische Gehalt sei ursprünglich ein größerer gewesen, aber "irgendwelchen Zensurmechanismen in Lazarsfelds Büro zum Opfer gefallen" (ADORNO an LÖWENTHAL, 25. November 1942, in LÖWENTHAL & ADORNO 1990, S.158). Eine Bemerkung in diesem Brief an LÖWENTHAL enthält ADORNOs Einschätzung von "research" und "Methode" in nuce: "Es ist sicherlich in research-terms so viel von der Wahrheit ausgedrückt, wie sich überhaupt nur tun läßt, solange man das Joch der Methode auf sich nimmt" (a.a.O.). [64]

Danksagung

Der vorliegende Text ist aus einem 2008 an der Goethe-Universität Frankfurt/M. gehaltenen Habilitationsprobevortrag hervorgegangen. Für freundliche Hinweise danke ich Alex DEMIROVIĆ, Manuel FRANZMANN, Christoph GÖDDE, Stefan MÜLLER-DOOHM, Stephen ROEPER und Gudrun SCHWARZ sehr herzlich.

Anmerkungen

1) Grundlegend hierzu OEVERMANN (1983). <zurück>

2) Zu der Bedeutung von ADORNOs Antrittsvorlesung für eine Rekonstruktion seiner impliziten Methodologie vgl. auch JAY (1982) sowie BONß (1983, S.202-207). <zurück>

3) Und zwar von Willy STRZELEWICZ, dem damaligen Assistenten des Instituts für Sozialforschung:

"Auf der gemeinsamen Bahnfahrt nach Kronberg sprachen Horkheimer und ich über die am Vormittag stattgefundene Antrittsvorlesung von Adorno. Ich bekundete meine Sympathie für Adornos Interpretation des philosophischen Deutens. Aber Horkheimer ging zunächst auf Distanz. Er sprach in einem Ton: 'was soll's' von den Anschauungen Adornos" (1986, S.164).

Diese Gleichgültigkeit ist freilich noch moderat im Vergleich zu den Reaktionen anderer Zuhörer, die ADORNO Siegfried KRACAUER brieflich schildert:

"Wertheimer bekam vor Wut einen Weinkrampf; Tillich fand die Form anstößig wegen ihres bestimmten Tones; Mannheim schimpfte und Horkheimer (samt Leo, der sich völlig zu dessen Tsetser und Trabanten entwickelt hat) war es nicht marxistisch genug. Von dem Ärger, der Flut von Haß, Widerstand und Bosheit, die mir der Vortrag eingetragen hat, kannst Du Dir keinen Begriff machen" (ADORNO an KRACAUER, 29. Mai 1931, in ADORNO & KRACAUER 2008, S.274f.).

Und in einem weiteren Brief heißt es: "Was die Leute daran so entsetzt hat, ist mir übrigens nicht ganz klar geworden. Jeder sagte etwas anderes. Am dümmsten Mannheim; der meinte, ich sei zu den Wiener Positivisten übergegangen!!!" (ADORNO an KRACAUER, 8. Juni 1931, a.a.O., S.284). <zurück>

4) Hadley CANTRIL, einer der beiden Direktoren des Projektes, an LAZARSFELD, 9. August 1937 (zit. nach LAZARSFELD 1969, S.305). <zurück>

5) "It seemed best to make the experiment in the field of music, which is leased exposed to public distrust" (zit. nach MORRISON 1978, S.339). <zurück>

6) Zu ADORNOs Tätigkeit in dem Projekt vgl. die folgenden ausführlichen Darstellungen: BARNOUW (1976), DAHMS (1994, S.226-253), FLECK (2007, S.264-352), MORRISON (1978), MÜLLER-DOOHM (2003, S.369-388) und WIGGERSHAUS (1988, S.266-276). <zurück>

7) Zu LAZARSFELDs Beziehungen zum Institut für Sozialforschung vor 1938 vgl. DAHMS (1994, S.227-231). <zurück>

8) ADORNO und LAZARSFELD trafen in Paris im Sommer 1937 zusammen, als dort gleichzeitig der Internationale Philosophiekongress und der 3. Internationale Kongress für Einheit der Wissenschaft stattfanden. In diesem Kontext wurde auch eine Diskussion veranstaltet, die HORKHEIMERs Abhandlung "Der neueste Angriff auf die Metaphysik" (1988b [1937]) zum Gegenstand hatte und an welcher neben ADORNO und LAZARSFELD Walter BENJAMIN, Otto NEURATH, Rudolf CARNAP, Philipp FRANK und Carl Gustav HEMPEL teilnahmen. ADORNO informierte HORKHEIMER ausführlich in einem Brief (ADORNO an HORKHEIMER, 7. August 1937, in ADORNO & HORKHEIMER 2003, S.388-396) sowie mit einem Kongressbericht (ADORNO & BENJAMIN 2003). <zurück>

9) So heißt es in dem Memorandum: "We consider ourselves, however, essentially a service organization which does not have to set goals, but wishes to help in selecting and achieving them" (LAZARSFELD 1938, S.2). <zurück>

10) Ihren Niederschlag fanden diese ersten Verständigungen auch in den "Ergänzungen zu 'Fragen und Thesen' " (ADORNO 2004b), denen die Bemerkung "Auf Grund des Gesprächs Lazarsfeld/Wiesengrund, 16. Februar 1938" vorangestellt ist. <zurück>

11) ADORNO an LAZARSFELD, 24. Januar 1938, in ADORNO und HORKHEIMER (2004, S.427-436). Im Folgenden werden Zitate aus diesem Brief jeweils durch "1. Brief" und die Seitenangabe kenntlich gemacht. <zurück>

12) Von diesen Briefen LAZARSFELDs ist nur der vom 29. November 1937 (Horkheimer-Archiv im Archivzentrum der Universitätsbibliothek Frankfurt/M., 2 Seiten) überliefert; das Memorandum erhielt ADORNO, wie er HORKHEIMER mitteilte (ADORNO an HORKHEIMER, 19. Januar 1938, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.16), am 18. Januar 1938, vermutlich zusammen mit dem nicht erhaltenen Brief sowie dem erwähnten Zeitungsausschnitt. Die Mitteilung an HORKHEIMER verband er mit der Bitte, LAZARSFELD möge sich wegen einer Antwort noch "ein paar Tage gedulden". Sie erfolgte in Gestalt des Briefes und des umfangreichen Exposés bereits am 24. Januar, und in Anbetracht dessen relativiert sich Christian FLECKs Monitum, ADORNO habe sich mit einer Antwort Zeit gelassen und sei erst einmal in einen Italienurlaub gefahren (FLECK 2007, S.284). Wenn auch fast zwei Monate zwischen dem ersten Brief LAZARSFELDs und ADORNOs Antwort vergingen, reagierte ADORNO doch recht schnell, als ihm das Memorandum mit einem Abriss der geplanten Untersuchung dann vorlag. <zurück>

13) In einer Diskussion mit HORKHEIMER im Februar 1939 erläutert ADORNO den von ihm zugrunde gelegten Erfahrungsbegriff folgendermaßen: "Bei uns [den Vertretern der kritischen Theorie, M.J.] ist die Beobachtung ein Akt, der mit dem Ganzen der vorhergegangenen Erfahrung und Theorie in einer Art von Zündung oder Erhellung koinzidiert, und gerade das läßt sich nicht zu Versuchsbedingungen objektivieren" (HORKHEIMER & ADORNO 1985a, S.481). <zurück>

14) Diesem ging mindestens ein weiterer, nicht überlieferter Brief ähnlichen Inhalts voran. ADORNO berichtet HORKHEIMER im August 1938 von einem "unbeschreiblichen Brief" LAZARSFELDs, "weil irgendein Amerikaner irgendwo das Gegenteil von dem sagt, was ich sage" (ADORNO an HORKHEIMER, 15. August 1938, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.42). <zurück>

15) Zu der Genese und den Umarbeitungen dieses Memorandums vgl. HULLOT-KENTOR (2006, S.33-35). <zurück>

16) Das der Publikation dieses Briefes zugrunde liegende Typoskript im Horkheimer-Archiv ist nicht datiert, der Zeitpunkt seiner Niederschrift lässt sich ungefähr auf Anfang September 1938 eingrenzen. <zurück>

17) "You know that I have an unchanging respect for your ideas and that I am sure our project will profit greatly by our cooperation" (LAZARSFELD an ADORNO, September 1938, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.437). – "Let me assure you once more of my unwavering respect, friendship and loyality" (S.447). <zurück>

18) Dass dieser Brief ADORNO entgegen seinen Intentionen doch länger als geplant geriet, bezeugt eine handschriftliche Korrektur im zweiten, an die Empfangsbestätigung anschließenden Satz, mit welchem zum eigentlichen Gegenstand übergeleitet wird. Ursprünglich schrieb ADORNO: "Zur Sache heute nur dies", korrigierte es aber zu: "Zur Sache einstweilen dies" (ADORNO an LAZARSFELD, 6. September 1938, Horkheimer-Archiv, S.1). <zurück>

19) "Aber Sie sind es gewesen, der mich immer wieder dazu gedrängt hat, in das Memorandum alles hereinzunehmen, was ich an Ideen zur Sache hatte" (ADORNO an LAZARSFELD, 6. September 1938, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.448). <zurück>

20) "Ich erinnere mich deutlich, daß ich erschrak, als ich das Wort Jazz zum ersten Male las. Plausibel wäre, daß es vom deutschen Wort Hatz kommt und die Verfolgung eines Langsameren durch Bluthunde entwirft. Jedenfalls scheint das Schriftbild die gleiche Kastrationsdrohung zu enthalten, die das des Jazzorchesters mit dem aufgesperrten Flügeldeckel darstellt. Am symbolischen Charakter dieses Flügeldeckels ist kein Zweifel. Wann immer in amerikanischen Filmen ein Flügel gezeigt wird, und wäre es bei den intimsten Duetten, ist der Deckel hochgestellt, in offenbarem Widerspruch zu den akustischen Erfordernissen der Situation" (ADORNO 1982 [1937], S.102). <zurück>

21) An anderer Stelle spricht er von der "unersättliche[n] Forderung nach der Evidenz" (ADORNO 1975 [1955], S.132/POLLOCK 1955, S.8). <zurück>

22) "Don't you think that means developing 'critical dialectics' to a really neurotic degree?" (LAZARSFELD an ADORNO, September 1938, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.445). <zurück>

23) Weitere Kommentare lauten: "Frechheit", "idiotisch", "Was soll das?", "Man weiß nie, wovon er spricht" (zit. nach MÜLLER-DOOHM 2003, S.381). Wie Hans-Joachim DAHMS (1994, S.227) bereits feststellte, ist aber in Unkenntnis der Textstellen, auf welche sie sich beziehen, ihre Angemessenheit oder Unangemessenheit kaum zu beurteilen. Seine Untersuchung immerhin zeigt einige Bezüge von Kommentiertem und Kommentar auf (S.241-243). <zurück>

24) FLECK (2007, S.285) wertet die Vorbehalte ADORNOs gegenüber dem "research-Apparat" als Ausdruck von Abwehr: "Jemand, der noch nie mit einem bestimmten 'Apparat' zu tun hat, kultiviert gerne Vorurteile gegen das Unbekannte, die immer darauf hinauslaufen, dass man sich derart umständliche Apparaturen doch eigentlich sparen könne. Dieses Argument wird gegen Partizipationsverfahren ebenso ins Treffen geführt wie gegen Gebrauchsanleitungen oder eben auch gegen empirische Forschung". Solchen Bemerkungen nähern sich allerdings der Floskelhaftigkeit, die FLECK an ADORNOs Ausführungen gerade kritisiert. <zurück>

25) Vgl. die Beiträge im Journal of Applied Psychology vom Dezember 1940: DANIEL (1940), PETERMAN (1940) und SCHWERIN (1940). In einer historischen Perspektive hat sich zuletzt Mark R. LEVY (2006) mit dem program analyzer beschäftigt. <zurück>

26) "Die spezifische Hörweise [des Unterhaltungshörers, M.J.] ist die der Zerstreuung und Dekonzentration, unterbrochen wohl von jähen Augenblicken der Aufmerksamkeit und des Wiedererkennens; diese Hörstruktur wäre möglicherweise sogar dem Laboratoriumsexperiment zugänglich; für ihre Primitivität ist der program analyzer das rechte Instrument" (ADORNO 1973c [1962], S.195). – Erwogen hat ADORNO auch eine Verwendung "der Lazarsfeldschen Maschine" im Kontext der Antisemitismusforschung (ADORNO an HORKHEIMER, 25. April 1945, in ADORNO & HORKHEIMER 2005, S.92). <zurück>

27) Vgl. hierzu die Darstellungen von Helmut DUBIEL (1978) und Dirk BRAUNSTEIN (2011). <zurück>

28) Vgl. etwa ADORNO (2006a, S.148, Anm.1):

"It would be fallacious and a bad simplification, therefore, to say that radio is a product of monopoly capitalism. Only two things can safely be stated: first, it fits perfectly with conditions of monopolistic postulates; and second it owes its existence to the very same processes of development of industrial productive powers which also act for the economic monopolization. But radio was not invented 'for the sake of' monopoliziation (...)". <zurück>

29) Beispielsweise heißt es in dem die Unterredung LAZARSFELDs mit POLLOCK dokumentierenden Memorandum:

"40 Seiten lange Polemik gegen die 'amerikanische' Methode, 'like and dislike' zu ermitteln, da der einzelne doch gar nicht mehr die Wahl zwischen 'like and dislike' habe – aber diese im Grunde berechtigte Polemik verfehlt ihr Ziel, weil die herrschende USA Psychologie die (Lazardfeldsche [sic!]) 'like-dislike' Methode strikt ablehnt" (LAZARSFELD & POLLOCK, Memorandum 11. Juli 1939, Horkheimer-Archiv). <zurück>

30) "During the first years of radio broadcasting in this country, attention was directed primarily toward the technical regulation of this powerful new instrument of communication. (...) Who should broadcast, when, and how, has been the main concern in the past. To whom one should broadcast, what, and why, has now come to the foreground of general interest. It is to social research that the public turns for the answers to these questions (...)" (LAZARSFELD 1938, S.1). <zurück>

31) "I am very much impressed by your theory about the changes which music undergoes by transmission over the radio. The details of this idea came to me through the paper by Krenek and discussions with Dr. Horkheimer, and it seems to me one of the most promising aspects of our future cooperation" (LAZARSFELD an ADORNO, 3. Februar 1938, Horkheimer-Archiv, S.1). <zurück>

32) So heißt es beispielsweise in einem Memorandum über die Forschungsziele des Instituts für Sozialforschung:

"1.) Die soziologische Durchdringung geistiger Phänomene. Dabei denken wir ebenso an das gesellschaftswissenschaftliche Verständnis von Gebilden des objektiven Geistes, also an die Verflechtung von Philosophie, Literatur, Musik, bildender Kunst in dem gesellschaftlichen Prozeß, wie an das Studium des europäischen Bewußtseins überhaupt" (ADORNO 2003a, S.232; Hervorhebung von mir, M.J.). <zurück>

33) "Das Kunstwerk, das den Gehalt von sich aus zu besitzen glaubt, ist durch Rationalismus schlecht naiv: das dürfte die geschichtlich absehbare Grenze Brechts sein" (ADORNO 1970, S.47). – Zu ADORNOs Ambivalenz gegenüber der Dimension des objektiven Geistes vgl. auch JUNG (2004). <zurück>

34) "We shall have to understand that you have to end up finally with actual research among listeners, although in many cases we might have to stop with the formulation of the theoretical problem and discussions of techniques to answer them, simply for reasons of time" (LAZARSFELD an ADORNO, 3. Februar 1938, Horkheimer-Archiv, S.1). <zurück>

35) LAZARSFELD selbst betont, bereits 1933 auf die Bedeutung der Heranziehung von natürlichen Daten – "deriving from daily life without interference from the investigator" – (LAZARSFELD 1969, S.282) hingewiesen zu haben. <zurück>

36) Diese wichtige Differenz zwischen erhobenen Daten und "natürlichen", in der Praxis selbst entstandenen Protokollen sozialer Wirklichkeit ebnet KŘENEK ein, auch wenn er sich bezüglich der psychischen Verfasstheit der Schreiber/innen mit ADORNO einig ist:

"Enquêten, die unter den Hörern von den Sendestationen selbst veranstaltet werden, sind wohl aufschlussreich aber doch nur von relativer Bedeutung, weil sie die Äusserungen der Hörer nur zum Thema des Rundfunks selbst registrieren und weil diese zu bewusst erfolgen, um ein Bild von der unmerklichen, subkutanen Influenz des Radios zu geben. Zu diesem Gebiet gehören auch die zahllosen Briefe, die aus dem Kreis der Hörer an die Sendestationen zu gelangen pflegen. Sie stammen zumeist von Neurotikern, Querulanten und mediokren Köpfen" (KŘENEK 1938, S.162f.). <zurück>

37) In den im Zusammenhang mit dem "Radio Research Project" entstandenen Texten ADORNOs findet sich bloß eine abstrakte Versicherung: "Our theory does not ignore the material to which these letter-writers respond" (2006a, S.165, Anm.1). <zurück>

38) "No musical item was mentioned, no specific reference to any particular feature was made, no criticism was offered, although the programs were amateurish and planless" (ADORNO 2006b [1945], S.212). <zurück>

39) ADORNO an LAZARSFELD, 21. März 1938, Löwenthal-Archiv im Archivzentrum der Universitätsbibliothek Frankfurt/M., 5 Seiten. Im Folgenden werden Zitate aus diesem Brief jeweils durch "2. Brief" und die Seitenangabe kenntlich gemacht. <zurück>

40) Diesen Bericht vermochte ich nicht zu ermitteln; im Jahresbericht der ROCKEFELLER FOUNDATION für das Jahr 1937 heißt es zu der Untersuchung:

"A grant of $ 14,000 was made during 1937 to enable the National Music League to undertake a study of the musical interests of radio listeners. The musical tastes of the American public, which for the most part hears music only over the radio, depends to a considerable degree on what music radio offers. The present study was undertaken in the hope of discovering ways in which radio might serve still further to extend public appreciation of music. Arrangements were made by the Music League for broadcasting a series of concerts, under the title 'Music and You,' over Station WOR and affiliated stations of the Mutual Broadcasting System at a regular evening hour over a period of 13 weeks. The response of listeners to these programs was studied through questionnaires, telephone inquiries, and subsequent personal interviews with listeners. The National Music League has not yet issued its report of this study, but the data collected and the basic conclusions to be drawn from it should be of interest to broadcasters and to others concerned with discovering how radio can serve to develop in this country a larger and more discriminating audience for music" (S.319f.). <zurück>

41) Damit bezieht sich ADORNO auf einen Passus in dem Exposé "Fragen und Thesen", in welchem es zu dem Desiderat von Methoden, mit denen die Veränderungen der Apperzeption über das Radio vernommener Musik erschlossen werden könnten, heißt:

"Wenn aber die These vom 'monadologischen' Charakter der Musik im Rundfunk zutrifft, so läßt sich daraus unter Umständen eine methodische Handhabe gewinnen. Es ist dann nämlich so, daß die scheinbar individuellsten Züge zugleich in Wahrheit die allgemeinsten sind. Man könnte dann also unter Umständen den hier in Rede stehenden, außerordentlich tief liegenden Fragen, die sich natürlich der Enquêtetechnik entziehen, nahekommen durch Analyse einzelner konkreter, extremer Phänomene. Ich möchte hier der Meinung Ausdruck geben, daß möglicherweise für eine Sozialtheorie des Rundfunks durch eine wirkliche analytische Aufschließung des Einzelnen gerade mit Hinsicht auf das Prinzipielle ebensoviel geleistet werden kann wie mit dem statistischen Abstecken umfangslogischer Allgemeinheiten" (2004a, S.514).

Zu dem Topos, das Individuellste sei das Allgemeinste, vgl. auch ADORNO (1980 [1951], S.50). <zurück>

42) "Da ich in einer Anmerkung ausdrücklich betone, dass die Kritik an O.[ppenheim] in dieser Studie Lazarsfelds nicht von der dialektischen Logik aus erfolgt, sondern im Felde einer statistischen Logik verbleibt, so werden unsere theoretisch interessierten Leser sogleich merken, dass es sich hier ganz und gar nicht um eigentlich philosophische Fragen, sondern um Spezialprobleme empirischer Sozialforschung handelt" (HORKHEIMER an ADORNO, 22. Oktober 1936, in ADORNO & HORKHEIMER 2003, S.195). <zurück>

43) "Die Theorie als Moment einer auf neue gesellschaftliche Formen abzielenden Praxis ist dagegen kein Rad eines Mechanismus, der sich in Gang befindet. Wenn auch Siege und Niederlagen eine vage Analogie zur Bewährung und zum Versagen in der Wissenschaft bilden, so hat der oppositionelle Theoretiker nicht die Beruhigung, daß sie zu seinem Fach gehören" (HORKHEIMER 1988d [1937], S.190). HORKHEIMERs emphatisches Verständnis von Theorie dokumentiert sich besonders prägnant in Protokollen institutsinterner Diskussionen (vgl. ADORNO et al. 1985, S.552; FROMM et al. 1985, S.406). <zurück>

44) Der Briefwechsel ADORNOs mit HORKHEIMER aus den Jahren 1934 bis 1937 erlaubt es, die langwierige Genese dieses Textes über MANNHEIM nachzuverfolgen; schon 1934 spricht ADORNO von einer "ungemein scharfen und prinzipiellen Arbeit gegen seine Art Soziologie" (ADORNO an HORKHEIMER, 2. November 1935, in ADORNO & HORKHEIMER 2003, S.25). <zurück>

45) Er selbst schreibt allerdings in dem Memorandum "Draft of Program":

"Are interviews as to motivation really as unsafe as is generally claimed? Or could it be that the techniques of interviewing have not been very well developed and that by a more careful procedure, we might recover some of the immense areas of subjective experience for scientific utilization?" (LAZARSFELD 1938, S.12).

Damit unterschlägt auch LAZARSFELD die Differenz von Datenerhebung und -auswertung und suggeriert, es käme einzig auf die Interviewführung an. <zurück>

46) "I am promoting the use of detailed interviews for a long time and I don't want to see it compromised by such loose kind of writing. Therefore I resented especially the many sentences where you speak about: 'studying people's reactions'. 'discover their reactions', 'interviewing them about their reaction' an so on" (LAZARSFELD an ADORNO, September 1938, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.442f.). <zurück>

47) Die dann tatsächlich von ADORNO geführten Interviews verliefen desaströs. Es häuften sich bei LAZARSFELD Beschwerden, denn die Interviewten "were furious talking to Adorno. Instead of him trying to understand them (...) when they opened their mouth Adorno would tell them what idiots they were". Auch wenn LAZARSFELD privatim diesem Urteil durchaus zustimmte, hielt er ADORNOs Verhalten für unerträglich: "That's not the way to conduct an investigation, a study (...) you have to listen" (zit. nach MORRISON 1978, S.348). <zurück>

48) Wie FLECK (2007, S.312) bemerkt, ist in diesem Zusammenhang ADORNOs Text "A Social Critique of Radio Music" (2006b [1945]) aufschlussreich, der ein Zwischenresümee der Projektarbeit darstellt und in dem sich zeigt, an welchen Stellen er Kritik aufzunehmen bereit war und an welchen Stellen er auf seinem Konzept beharrte. <zurück>

49) "Unter den Mechanismen der Konformität wissenschaftlichen Denkens dürfte der Zwang von Methode auf Kosten des Inhalts an erster Stelle rangieren" (ADORNO 1972c [1967], S.263). <zurück>

50) "Only after you translate a research suggestion into operational terms will you be able to decide whether it holds water" (LAZARSFELD an ADORNO, September 1938, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.442). <zurück>

51) Die nachfolgenden Ausführungen nehmen nicht nur Bezug auf die von Adorno verfassten und in seine "Gesammelten Schriften" aufgenommenen Teile, die Einleitung (ADORNO 1975 [1955], S.131-141/POLLOCK 1955, S.3-11), die Vorbemerkung zum dritten Teil (S.144-146/S.275-277) sowie das Kapitel "Schuld und Abwehr" (S.147-377/S.275-428), sondern auch auf den ersten Abschnitt des Methodenkapitels (POLLOCK 1955, S.15-32) der nach Inhalt und Duktus offensichtlich auf ADORNO zurückgeht. <zurück>

52) Die durchgängige Rede von der "Gruppendiskussionsmethode" liegt ganz auf der Linie einer undifferenzierten Verwendung des Methodenbegriffes, die nicht zwischen Techniken der Datengewinnung und Methoden der Datenauswertung unterscheidet. <zurück>

53) "Weder läßt sich die gesellschaftliche Totalität, von der alles faktisch Einzelne abhängt, aus einer wie sehr auch gesteigerten Quantität des Faktenmaterials ablesen, noch läßt von empirischen Befunden aus die Theorie sich extrapolieren in einer Welt, in der die einzelnen sozialen Vorfindlichkeiten das Wesen kaum weniger verhüllen als ausdrücken" (ADORNO 1975 [1955], S.134/POLLOCK 1955, S.5). <zurück>

54) Ausführlich vorgestellt und diskutiert werden die Seminarmaterialien in DEMIROVIĆ (1999, S.796-799). <zurück>

55) "Daß so vielen Lesern der theoretischen Schriften der vierziger Jahre die dezidierte Abkehr von der marxistischen Theorietradition verborgen blieb, mag seine Ursache darin haben, daß die dargestellten Grundthesen nicht in einem expliziten Kritikzusammenhang an Marx entwickelt wurden. (…) Unkenntlich blieb dieser Bruch weiterhin auch deshalb, weil Horkheimer und besonders Adorno marxianisierende Argumentationsformen beibehielten" (DUBIEL 1978, S.112f.). In einer internen Diskussion aus dem Jahr 1956 entgegnet HORKHEIMER auf ADORNOs Bemerkung, sie dürften die MARXsche Terminologie nicht aufgeben: "Wir haben nichts anderes. Aber ich weiß nicht, wie weit wir sie behalten müssen" (HORKHEIMER & ADORNO 1996, S.47) – sprechender Ausdruck der Ambivalenz von Verwiesenheit und Distanzierung der Kritischen Theorie in ihrem Verhältnis zu MARX. <zurück>

56) In ADORNOs pointierter Formulierung: "Ökonomie ist ein Sonderfall der Ökonomie, des für Herrschaft präparierten Mangels" (ADORNO 1972d [1942], S.380f.). <zurück>

57) Das betrifft aber wohlgemerkt nur die Frage der Operationalisierung, die Ausarbeitung der Hörer/innentypologie war für sich genommen schon weit gediehen, wie etwa das elf Typen umfassende Konzept zeigt, das ADORNO in dem Entwurf für den Text "On Popular Music" (2006d [1941], S.454-461) entwickelt hatte, das aber in der 1941 veröffentlichten Fassung nicht berücksichtigt wurde. Modifiziert hat diese Typologie Eingang in die "Einleitung in die Musiksoziologie" (1973c [1962]) gefunden. <zurück>

58) "Auch Würde hängt von objektiven Bedingungen ab und die Abhängigkeit von Lazarsfeld zählt nun einmal nicht zu diesen" (ADORNO an HORKHEIMER, 6. Januar 1939, in ADORNO & HORKHEIMER 2004, S.51f.). <zurück>

59) "Er haßt im Grunde Max, Sie und mich, und was wir darstellen. Die Menschen, die hier zu uns gehören, sehen in ihm mit Recht den Gegenpol und werden nicht verstehen, warum er im ersten Heft der alten neuen Zeitschrift auftreten muß. Ich weiß, daß wir Kompromisse machen müssen, aber es wäre schön gewesen, wenn das erste Heft wirklich nur unserer Tradition gehört hätte" (MARCUSE an ADORNO, 28. Juni 1954, zit. nach DEMIROVIĆ 1999, S.491, Anm.448). – Die geplante Zeitschrift wurde nicht verwirklicht, an ihre Stelle trat die Schriftenreihe "Frankfurter Beiträge zur Soziologie". <zurück>

Literatur

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Zum Autor

Matthias JUNG, PD Dr. phil., Soziologe, Privatdozent an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Arbeitsschwerpunkte: qualitative Methoden, Familiensoziologie, Mediensoziologie, Arbeitsmarktforschung, Hermeneutik materieller Kultur, Sozialstrukturen vormoderner Gesellschaften.

Kontakt:

Matthias JUNG

Goethe-Universität
Institut für Soziologie
Fachbereich Gesellschaftswissenschaften
Campus Westend PEG-Gebäude
Grüneburgplatz 1
D-60323 Frankfurt/M.

E-Mail: ma.jung@em.uni-frankfurt.de

Zitation

Jung, Matthias (2013). Das "Joch der Methode". Adornos Selbstverständnis als Sozialforscher und sein Beitrag zum Paradigma qualitativer Forschung. Zwei Briefe aus den Anfangstagen des
"Princeton Radio Research Project" [64 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 14(3), Art. 9,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs130394.



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