Volume 12, No. 3, Art. 20 – September 2011

Zur Relevanz des ethnografischen Blicks bei der sozial- und kulturwissenschaftlichen Erforschung von Orten und Räumen

Cornelia Siebeck

Review Essay:

Gisa Weszkalnys (2010). Berlin, Alexanderplatz. Transforming Place in a Unified Germany. New York / Oxford: Berghahn Books, 214 Seiten, ISBN 978-1-84545-723-5, $60.00/£35.00

Zusammenfassung: Angesichts des so genannten spatial turn in den Sozial- und Kulturwissenschaften haben Sozialgeograf_innen zurecht vor einer Renaissance positivistischer Raumvorstellungen gewarnt: Von real existierenden Orten und Räumen lassen sich keine "unmittelbaren" Rückschlüsse auf das Soziale ziehen, vielmehr sind diese selbst in jeder Hinsicht sozial konstituiert und vermittelt. In ihrer äußerst lesenswerten ethnografischen Studie zur ästhetischen und soziopolitischen Um- und Neugestaltung des Berliner Alexanderplatzes kann Gisa WESZKALNYS zeigen, wie sich ein radikal konstruktivistisches Konzept von Orten und Räumen forschungspraktisch umsetzen lässt. In Auseinandersetzung mit dieser Studie wird im Folgenden argumentiert, dass eine ethnografische Forschungsperspektive sowohl in erkenntnistheoretischer als auch in methodischer Hinsicht besonders geeignet ist, Orte und Räume jenseits ihrer vermeintlichen "Tatsächlichkeit" als prinzipiell kontingente soziale und genuin politische Praxis zu rekonstruieren.

Keywords: Ethnografie; Raumforschung; spatial turn; Sozialanthropologie; deutsch-deutsche Vereinigung; Stadtplanung; Berlin; Zivilgesellschaft

Inhaltsverzeichnis

1. "... another country heard from": Der Berliner Alexanderplatz in ethnografischer Perspektive

2. WESZKALNYS' "Alexanderplatz": Räume, Zeiten, Diskurse und Subjektpositionen on the ground

2.1 Berlin im Wandel: Erfahrung, Feldbestimmung, theoretische Perspektivierung

2.2 Das Berlin der 1990er Jahre als umkämpfter lieu de avenir

2.3 Kollisionen: Masterplanung und zivilgesellschaftlicher "Widerstand"

2.4 "Wessen Alexanderplatz?" Multiplizität und Macht

2.5 Fazit: Einige Schwachstellen – und viele Stärken

3. Potenziale des Kontrafaktischen: Zur Relevanz des ethnografischen Blicks in der Raumforschung

Anmerkungen

Literatur

Zur Autorin

Zitation

 

1. "... another country heard from": Der Berliner Alexanderplatz in ethnografischer Perspektive

"Ethnographic findings are not privileged, just particular: another country heard from." So lakonisch umschrieb einst Clifford GEERTZ (1973, S.23, Herv. C.S.) die spezifische Qualität der ethnografischen Erforschung und "dichten Beschreibung" des Sozialen innerhalb der sozialwissenschaftlichen Forschungslandschaft. Ethnografie ist dabei "not just a set of analytic methods but rather a particular mode of looking, listening and thinking about social phenomena" (HAMMERSLEY & ATKINSON 2007, S.230). Dem ethnografischen Blick erscheint zunächst einmal jede soziale Realität un(selbst)verständlich und daher im besten Sinne fragwürdig (vgl. a.a.O., S.231; HIRSCHAUER & AMANN 1997). Insofern ist das GEERTZsche "andere Land" metaphorisch zu verstehen: Es entsteht immer dort, wo der befremdete Blick ein "Feld" entdeckt: "Ethnographers are place-makers" (MADDEN 2010, S.38). [1]

Um etwas darüber zu erfahren, wie jeweilige "Wirklichkeiten praktisch 'erzeugt' werden" (LÜDERS 2005, S.390), begibt sich der oder die "professionelle Fremde" (vgl. AGAR 1996) auf eine Reise mit ungewissem Ausgang. In einem teilnehmenden Lernprozess vor Ort wird versucht, komplexe soziale Phänomene in vivo zu studieren, um diese dann erklärend zu beschreiben. Zugunsten eines explorativen Vorgehens wird dabei ein (temporärer) "Kontrollverlust über die Bedingungen des Erkenntnisprozesses" (HIRSCHAUER & AMANN 1997, S.17) ebenso in Kauf genommen wie eine starke Involvierung der Forscher_innen in das von ihnen unablässig (re-) produzierte Feld (vgl. AGAR 1986, S.12). Um dennoch intersubjektive Transparenz und Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten, müssen Ethnograf_innen den von ihnen gestalteten und erfahrenen Prozess kontinuierlich reflektieren und diese Reflexionen in die Analyse und Präsentation ihrer Forschungsergebnisse mit einbeziehen (vgl. DAVIES 1999; MADDEN 2010, S.20ff.; O'REILLY 2005, S.210ff.). [2]

In Berlin, Alexanderplatz. Transforming Place in a Unified Germany hat sich die Sozialanthropologin Gisa WESZKALNYS dieser ethnografischen Herausforderung offensiv gestellt. In ihrer dichten Beschreibung erscheint der "Alexanderplatz"1) als vielfach überdeterminiertes Objekt expliziter und impliziter Strategien und Praktiken des place making vonseiten verschiedenster individueller und kollektiver Akteur_innen, die aus ihrer jeweiligen sozialen Realität bzw. deren Wahrnehmung heraus agieren. Dabei bleiben die Autorin und ihr Erkenntnisprozess stets präsent, werden ihre subjektiven Erfahrungshorizonte, Fragen, Vorurteile und Irritationen immer wieder expliziert und in Bezug auf den Forschungsgegenstand mit Gewinn reflektiert. WESZKALNYS ist sich zudem bewusst, dass sie nicht nur "different Alexanderplatzes" rekonstruiert, sondern dass sie im Zuge dessen auch selbst wieder einen "Alexanderplatz" produziert (S.3). So werden Strategien und Praktiken des place making von ihr nicht nur beschrieben und analysiert, sondern auch in transparenter Weise performiert. [3]

"The important thing about the anthropologist's findings is their complex specificness, their circumstantiality" (GEERTZ 1973, S.23). Gutes ethnografisches Schreiben versucht, sozialwissenschaftliche Ordnungsbegehren zu unterminieren. Empirisch beobachtete Unordnung und manchmal verwirrende Widersprüchlichkeiten des Sozialen werden nicht geglättet und in bestehende master narratives eingepasst, sondern reflektierend widergespiegelt und behutsam theoretisiert. Ihren Rezensent_innen gegenüber verhalten sich solche Texte entsprechend widerborstig: Aufgrund ihres Reichtums an Details und Anekdoten und ihrer mäandernden Struktur lassen sie sich besonders schwer zusammenfassen. Im Folgenden werde ich daher einige mir zentral erscheinende theoretische, methodische und inhaltliche Aspekte des Buches herausarbeiten, um abschließend Überlegungen zur erkenntnistheoretischen Bedeutung des ethnografischen Blicks für die Erforschung von Orten und Räumen anzustellen. [4]

2. WESZKALNYS' "Alexanderplatz": Räume, Zeiten, Diskurse und Subjektpositionen on the ground

2.1 Berlin im Wandel: Erfahrung, Feldbestimmung, theoretische Perspektivierung

Wie so viele in der wohl regulierten "alten Bundesrepublik" sozialisierte junge Erwachsene fühlte sich WESZKALNYS in den 1990er Jahren von Berlins fragmentierter Stadtlandschaft und dem Leben in rudimentären Ostberliner Altbauwohnungen mit Ofenheizung angezogen und zog für zwei Jahre nach Berlin: "Berlin [...] offered space for exploration, and, perhaps, for taking part in a big social and cultural experiment" (S.12). [5]

Als WESZKALNYS wenige Jahre später als Besucherin zurückkam, stellte sie fest, dass die Stadt teilweise kaum mehr wiederzuerkennen war: prestigeträchtige Architekturen, verschwindende Baulücken, Sanierungsprogramme, erste Symptome von Gentrifizierung, Anzeichen für die Realisierung städtebaulicher Masterpläne und eine zunehmende Kommerzialisierung des öffentlichen Raums in Ostberlin (vgl. S.13, 24). Um dieser erstaunlichen Veränderung auf den Grund zu gehen, wählte sie den Alexanderplatz als paradigmatischen Forschungsgegenstand: Ein zentraler postsozialistischer Raum zu Beginn seiner ästhetischen und soziopolitischen Reorganisation unter bundesrepublikanischem Vorzeichen – ein Ort des Übergangs also, der so heute nicht mehr existiert (vgl. S.6). [6]

Im Anschluss an kultur- und sozialanthropologische Positionen seit den 1990er Jahren konzipiert Gisa WESZKALNYS Orte und Räume als "temporal event[s] constituted through social relations" (S.6). Dabei plädiert sie dafür, jeden auch noch so "tatsächlichen" Ort als ideell und physisch kontingent zu betrachten (vgl. a.a.O.). In diesem Sinne beschreibt sie Orte und Räume als Assemblagen: Im Zuge von ideellen und praktischen Subjekt-Objekt-Beziehungen würden sie permanent (re-) produziert; zeichneten sich also durch Historizität, Simultaneität und Multiplizität aus. Zeit und Raum sollten dabei als gleichermaßen soziale Konstruktionen ebenso wenig gegeneinander ausgespielt werden wie ideelle und materielle Diskurskomponenten. Vielmehr würden all diese Dimensionen miteinander interagieren und bildeten einen flexiblen Horizont, zu dem Subjekte sich dann unterschiedlich positionieren könnten (S.6ff., 17f.): "... out of the myriad ways in which Alexanderplatz can be described, heard, smelled or embodied emerge different Alexanderplatzes. This book sets out Alexanderplatz as a multiplicity" (S.6). [7]

Ein derart uferloses "Forschungsfeld" kann allerdings auch von Ethnograf_innen nur exemplarisch erforscht werden. Jenseits einer Textcollage von Alltagsimpressionen rund um den Alexanderplatz (vgl. S.3ff.) und der etwas manierierten Absichtsbekundung, eine "ethnographic hommage" (S.1) an Alfred DÖBLIN verfassen zu wollen, hat WESZKALNYS einen klaren Fokus: Im Rahmen einer "multi-sited ethnography" (S.27) beschäftigte sie sich während ihrer Feldforschung primär mit stadtplanerischen Praktiken und städtebaulichen Debatten. Besonders interessierte sie sich dabei für Kollisionen zwischen autoritativen Planungsdiskursen "von oben" und zivilgesellschaftlichen Anliegen "von unten". [8]

Als Ausgangspunkt für ihre Forschung definiert WESZKALNYS die kulturelle Entwertung, die das Zentrum der ehemaligen Hauptstadt der DDR nach der deutschen Vereinigung erfahren habe (S.1). Eine kleine Elite von Publizist_innen, Stadtplaner_innen und Architekt_innen hatte zu Beginn der 1990er Jahre einen wirkmächtigen Diskurs lanciert, der Berlin als apokalyptischen Ort von "Leere und Niedergang" (FEST 1991, S.9) beschrieb. Speziell das Ostberliner Zentrum wurde dabei als menschenfeindliche "Wüste" gezeichnet, in der "müde Relikte" des Staatssozialismus nurmehr "sinnlos herum[stünden]" (SIEDLER 2010 [1991], S.21). [9]

Die offizielle Berliner Stadtplanung in Gestalt des damaligen Senatsbaudirektors Hans STIMMANN (SPD) reagierte darauf mit dem paradoxen Paradigma einer "Wiedereinführung historischer Kontinuität" (1997, S.21). Als Leitbild diente hier eine ebenso antimoderne wie ahistorische Vision einer "europäischen Stadt", deren angestrebte verdichtete "Urbanität" nicht nur eine gute Auftragslage für eine kleine Gruppe von traditionalistischen Berliner Architekt_innen, sondern auch die Möglichkeit einer "rigorose[n] Raumverwertung" (FALSER 2008, S.185) im Ostberliner Zentrumsbereich in Aussicht stellte.2) [10]

2001/2002 forschte WESZKALNYS im Rahmen von Praktika in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und bei der untergeordneten Abteilung "Rahmenkoordinierung Alexanderplatz", die die städtebauliche Entwicklung sowie die Investorenprojekte vor Ort koordinierte. Als Kellnerin in einer lokalen Kneipe sprach sie mit Anwohner_innen; parallel beobachtete sie Diskussionsveranstaltungen zum Thema und führte Interviews und informelle Gespräche mit Bürger_innen, die sich mit unterschiedlichen Anliegen für "ihren Alexanderplatz" engagierten: "I try to look through the spectacles of who – as city planners, critical citizens, property developers or youth workers – have made this place matter" (S.2). [11]

2.2 Das Berlin der 1990er Jahre als umkämpfter lieu de avenir

Wesentliche Entscheidungen zur Neugestaltung des Alexanderplatzes waren zum Zeitpunkt von WESZKALNYS' Feldforschung gefallen: das umstrittene Ergebnis eines städtebaulichen Wettbewerbs war als Planungsvorgabe fixiert, Investorenverträge unterschrieben. Der Umbau des Platzes im Rahmen einer Public Private Partnership hatte bereits begonnen (SENATSVERWALTUNG 2011a). [12]

Von hier aus blickt WESZKALNYS in einem ersten Kapitel (vgl. S.31ff.) auf Debatten zurück, die nach 1990 über das zukünftige Berlin geführt wurden und in denen der Alexanderplatz zum "städtebaulichen Problem" erklärt wurde. Sie rekonstruiert dabei zentrale Topoi, um die sich der hegemoniale Diskurs organisierte: die "Hauptstadt"; die "europäische Stadt"; die Festschreibung einer bestimmten "Geschichtlichkeit" Berlins und deren Materialisierung in einem städtebaulichen Masterplan ("Planwerk Innenstadt"); der zukünftige "Stadtbürger" und sein (Wohn-) Eigentum. Unter der Überschrift "Topographies of Immorality" (S.44) fasst WESZKALNYS anschließend Gegendiskurse zu diesen Visionen zusammen: zivilgesellschaftlich verbreitete Wahrnehmungen einer zunehmenden Kommerzialisierung und Privatisierung des öffentlichen Raums, daraus resultierende soziale (Verdrängungs-) Ängste sowie moralisch-politische Forderungen nach einer alternativen (Stadt-) Politik. [13]

Beiden Perspektiven gemeinsam war nach WESZKALNYS, dass sich das darin formierte Begehren unter anderem aus einer für das damalige Berlin charakteristischen physischen "Leere" speiste, die von unterschiedlichen Akteur_innen ideell gefüllt wurde. Zahlreiche Freiflächen – unbebaute Kriegslücken in Ostberlin, der Mauerstreifen, Resultate moderner Stadtplanung in der DDR – regten zum utopischen Denken an. Während besagte "Leere" vielen jungen Leuten als "Freiraum" für selbstbestimmte Lebensformen erschienen sei, habe ein Großteil des politischen und kulturellen Establishments nur antiurbane "Verwüstung" mit Zukunftspotenzial erkennen können: "spaces to be tamed, developed and exploited, and in which to fashion an ideal society" (S.64).3) [14]

WESZKALNYS kann zeigen, dass es gerade die diskursive Verhandlung dieser "Leere" war, die Berlin in den 1990er Jahren zu einem vielfach überdeterminierten lieu de avenir werden ließ: "In talking about emptiness, we have already begun to fill it" (S.67). "In talking about emptiness, we have already begun to fill it" (S.67). Der "Alexanderplatz" sei so zu einem prominenten Objekt der Debatte und unter den hegemonialen städtebaulichen Prämissen primär als Antithese zeitgemäßer Urbanität verhandelt worden:

"This vast open space surrounded by public buildings and by shops, restaurants and other amenities, had (almost) everything expected from a proper socialist city center. It augured a teleogically conceived socialist future. After unification, within different frames of evaluation, much of Alexanderplatz was rendered superfluous. [...] Alexanderplatz had come inadequate" (S.65). [15]

Im nächsten Kapitel (S.68ff.) beschreibt WESZKALNYS basierend auf Interviews und informellen Gesprächen, wie diese Diagnose sich zunächst in einer umfassenden "Desintegration" des Alexanderplatzes materialisierte. Während unsichtbare Architekt_innen und Stadtplaner_innen in ihren Büros bereits dessen Zukunft planten, habe der real existierende Alexanderplatz auf Anwohner_innen und Passant_innen zunehmend als Ort der "Unordnung" und des "Verfalls" gewirkt. Der wahrgenommene Niedergang des Ostberliner Zentrums wurde von WESZKALNYS Gesprächspartner_innen dabei bezeichnenderweise immer wieder auf eine absichtliche Vernachlässigung durch die Stadtpolitik zurückgeführt, um vor diesem Hintergrund die Notwendigkeit einer grundlegenden Neugestaltung begründen zu können. [16]

Hier deutet sich bereits die Konstellation an, die WESZKALNYS besonders interessiert: Die teilweise konflikthaft divergierenden Perspektiven von Planer_innen auf der einen und "betroffenen" Bürger_innen auf der anderen Seite. Diese antagonistischen Perspektiven werden im Anschluss über drei Kapitel hinweg und basierend auf ebenso zahlreichen wie vielfältigen Feldforschungsdaten entfaltet (vgl. S.89ff.). [17]

2.3 Kollisionen: Masterplanung und zivilgesellschaftlicher "Widerstand"

WESZKALNYS macht es sich dabei nicht leicht. Trotz ihrer offensichtlichen Sympathien für planungskritische Diskurse und Aktivitäten aus der Zivilgesellschaft und für die Ängste und Frustrationen der selbst erklärten "Ureinwohner" (S.135) des Ostberliner Zentrums widersteht sie der Verlockung, "Widerstand zu romantisieren" (ABU-LUGHOD 1990). Vielmehr nutzt sie die von ihr beobachteten Gegendiskurse mit FOUCAULT als "Katalysator [...,] mit dessen Hilfe man die Machtverhältnisse ans Licht bringt, ihre Positionen ausmacht, und ihre Ansatzpunkte und Verfahrensweisen herausbekommt" (1999 [1982], S.164). Dabei kann WESZKALNYS zeigen, dass die in der Raumforschung viel zitierte DE CERTEAUsche (1984, S.xiff.) Dichotomie zwischen hegemonialen "Strategien" der Planer_innen und den diese explizit oder implizit unterminierenden "Taktiken" der Nutzer_innen von Räumen nicht aufrechtzuerhalten ist (vgl. S.36): Hegemoniale Diskurse regulieren eben auch ihre Gegendiskurse. [18]

Zunächst einmal aber präsentiert uns WESZKALNYS alle Akteur_innen als Menschen mit differenzierten und zum Teil hochreflexiven Selbst- und Weltverständnissen. Erst im Diskurs über die Neugestaltung des Alexanderplatzes nähmen sie die ihnen darin jeweils "zugeteilten" Subjektpositionen als "Expert_innen", "Fachöffentlichkeit" oder "Bürger_innen" ein, würden also hier erst als solche konstituiert. Die privilegierte Subjektposition sei dabei die der Planer_innen als "Expert_innen", die sich selbst – in expliziter Abgrenzung zu engagierten "Bürger_innen" – die besondere Fähigkeit zuschrieben, jenseits ihrer "privaten" Auffassungen eine qua Ausbildung erworbene "professionelle" Perspektive im Dienste einer abstrakten "Öffentlichkeit" einnehmen zu können (vgl. S.90ff.). [19]

Die fundamentale Bedeutung, die diese diskursive Ordnung offenbar für das Selbstverständnis der Planer_innen hat, illustriert WESZKALNYS mit einer Anekdote über einen Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung: "Whenever he disagreed with official plans, he claimed, he would have his wife write his letters of complaint. Although entitled to write such letters himself as a 'citizen', he preferred keeping work and private opinion separate" (S.93). Obwohl Bürger_innen etwa in Diskussionsveranstaltungen und Fragebogenaktionen permanent aufgerufen worden seien, an der Umgestaltung Berlins mitzuwirken, hätten deren Anliegen von einer solchen Warte aus per definitionem nur als "unprofessionell" sowie als Ausdruck partikularer und daher "unsachgemäßer" Interessen erscheinen können, denen eine – den Expert_innen vorbehaltene – Gesamtperspektive fehle (vgl. S.114ff.). [20]

Am Beispiel der "Bürgervertretung Alexanderplatz" und anhand von Beobachtungen in öffentlichen Diskussionsveranstaltungen schildert WESZKALNYS, wie sehr wiederum kritische Bürger_innen den Expert_innendiskurs antizipierten, indem sie sich selbst und ihre Anliegen als über die eigenen Interessen hinaus "repräsentativ", "sachlich bedingt" und "wissenschaftlich fundiert" zu objektivieren versuchten: "They were not simply buying into an official planning discourse, however. Rather, adopting such language was an expedient tactic: they governed their perspective in order to take part in the debate" (S.130). [21]

So habe die "Bürgervertretung", die in prinzipieller Gegnerschaft zur bestehenden Masterplanung eine behutsame Neugestaltung des Platzes forderte, mit eigenen Studien wissenschaftliche Expertise zu demonstrieren versucht und immer wieder darauf verwiesen, dass nicht alle ihre Mitglieder Ostberliner_innen oder Anwohner_innen des Alexanderplatzes seien, man also für eine breite Öffentlichkeit spreche. Beides habe sie indes nicht davor bewahrt, von Expert_innen pauschal der "Ostalgie" bezichtigt oder als "backward-looking socialist[s]" gelabelt zu werden, die den Alexanderplatz als "DDR-Museum" erhalten wollten (S.128). Der auf dieser Weise partikularisierten Randgruppe hätten die Planer_innen dann ebenfalls wieder eine imaginäre "breite Öffentlichkeit" gegenübergestellt, die mit den Planungen einverstanden sei (vgl. S.132). [22]

In einem weiteren Kapitel (S.138ff.) beschreibt WESZKALNYS einen vergleichsweise erfolgreichen Versuch, Einfluss auf die Gestaltung des Platzes zu nehmen. Während ihrer Feldforschung traf sie auf eine Gruppe von Sozialarbeiter_innen, die sich unter dem Motto "Alexanderplatz – ein Platz für junge Menschen" für die Anliegen der zahlreichen jugendlichen Platznutzer_innen einsetzten und deren öffentliches Image als "soziales Problem" zu bekämpfen suchten. Im Rahmen eines sozialarbeiterischen "Platzmanagements" hätten sie Strukturen für Jugendliche wie etwa ein Beachvolleyballfeld und einen "Service-Container" geschaffen. Ihnen sei es darum gegangen, den Alexanderplatz neben seinen zukünftigen kommerziellen und repräsentativen Funktionen als inklusiven "öffentlichen Raum" zu erhalten, in dem Menschen sich auch als Nicht-Konsument_innen aufhalten könnten: "They suggested free toilets, multiple seating, sport and play facilities, and sites for streetwork facilities" (S.151). [23]

Die Initiative wählte dabei offenbar eine vergleichsweise kooperative Strategie. Auch hier konnte WESZKALNYS feststellen, wie sich der Sprecher der Initiative in Gesprächen mit Planer_innen und Investor_innen nicht nur habituell anpasste, indem er sich anders kleidete als sonst (vgl. S.147), sondern auch offensiv des entsprechenden Jargons bediente:

"What the Platzmanagement sought to highlight was how an apparently public interest could be made to serve private (commercial) ends. For example, by creating Alexanderplatz as a place welcoming to young people one was simultaneously bringing a new generation of consumers to the square" (S.150). [24]

Zudem seien die Akteur_innen ihrer Beobachtung nach nicht als "Bürger_innen", sondern ebenfalls als Expert_innen und professionelle Anwält_innen ihrer Klientel aufgetreten. [25]

Zwar hätten Planer_innen auch diese Anliegen als partikularistische Interessen gebrandmarkt, und der Sprecher der Initiative habe sich im Gespräch mit Senatsbaudirektor Hans STIMMANN zudem über die historische Bedeutung der einst hier befindlichen mittelalterlichen Stadt belehren lassen müssen, die ein permanentes Beachvolleyballfeld völlig unmöglich erscheinen lasse (vgl. S.156f.). Dennoch sei die Initiative in eine Wettbewerbsjury zur Platzneugestaltung eingeladen worden und habe letztlich einige ihrer Anliegen durchsetzen können: Nach dem Siegerentwurf solle der zukünftige Platz als öffentlicher Raum mit zahlreichen Aufenthaltsmöglichkeiten auch für Jugendliche gestaltet werden, die Sozial- und Freizeiteinrichtungen würden dabei in unmittelbarer Nähe untergebracht (vgl. S.159). [26]

Anstatt hier genauer zu analysieren, worin sich Anliegen und diskursive Strategien von "Bürgerforum" und Sozialarbeiter_innen unterschieden haben, wieso Ersteres pauschal diskreditiert wurde und Letztere offenbar als Gesprächspartner_innen anerkannt wurden, vermutet WESZKALNYS ebenso plötzlich wie wenig überzeugend, dass sich im Falle der erfolgreichen Sozialarbeiter_innen ein Trend zur "sozial robusten" Planung abzeichne, die bestimmte gesellschaftliche Anliegen von vornherein zu integrieren versuche (vgl. S.160f.). [27]

2.4 "Wessen Alexanderplatz?" Multiplizität und Macht

Diese Scheu vor größeren (oder mutigeren?) Analyseschritten setzt sich im Schlusskapitel fort, das mit der Frage "Whose Alexanderplatz?" überschrieben ist (S.262ff.). Nach einer gelungenen deskriptiven Zusammenfassung ihres Buches kündigt WESZKALNYS abschließend an, ihr Konzept einer grenzenlosen "Multiplizität" von Orten und Räumen zu hinterfragen:

"There was one Alexanderplatz, however, that sometimes appeared to be 'more real' than the others. In people's commentary [...] the following statement was typical: 'There is a lot of talk about "aesthetics", and "history" – but what it is really about is economics and money.' In other words, there seemed to be a distribution of relative realities; and fundamental reality was to be found in the economic realm" (S.167f.). [28]

Ohne diese Deutung, die ihr ja offensichtlich selbst besonders signifikant erscheint, weiter auszuführen, flüchtet sich WESZKALNYS dann jedoch einmal mehr in die vielen möglichen Antworten, die unterschiedliche Akteur_innen auf die Frage "Wessen Alexanderplatz?" geben würden. Auch sei ihr Anliegen keineswegs gewesen, den Akt des Planens an sich zu kritisieren oder eine gestalterische "Lösung" für den Alexanderplatz zu finden: Sie habe die Tatsache der Problematisierung selbst problematisieren wollen (vgl. S.172). Das ist ihr zweifellos gelungen, doch wer die Frage stellt, wem der "Alexanderplatz" gehört, der sollte grundsätzlicheren Machtfragen nicht völlig ausweichen. [29]

Dabei hat WESZKALNYS sicherlich recht, allzu eindimensionale kapitalismuskritische Metanarrative als ihre Forschung potenziell begrenzend zu verwerfen (vgl. S.13) und sich stattdessen auf eine Vielzahl von Deutungsangeboten einzulassen: Es ist gerade die Pendelbewegung zwischen detaillierter Empirie und einer Vielzahl an theoretischen Interpretations- und Kontextualisierungsmöglichkeiten, die die Lektüre des Buches äußerst anregend macht. Aber wenn ein Ort sozial konstituiert wird, dann wird er in einer jeweiligen Gegenwart eben auch innerhalb von bestimmten Machtverhältnissen konstituiert, die dann auch die Multiplizität strukturieren, in der dieser Ort verhandelt und gestaltet wird. Hier möchte man der Autorin daher mit dem Kulturgeografen Don MITCHELL entgegnen: "We all do read the landscape, but we are not all equal in 'authoring' it – nor in controlling its meanings" (2000, S.139f.). Trotz aller Multiplizität gibt es offensichtlich mächtige und weniger mächtige Subjektpositionen, und das analytisch festzustellen heißt noch lange nicht, einem marxistisch-leninistischen master narrative anheimzufallen. [30]

"In the end, it is Alexanderplatz that makes people live things simultaneously" (S.172) ist jedenfalls ein denkbar schlechter Schlusssatz für ein Buch, das seinen Leser_innen nicht nur Machtverhältnisse eindrucksvoll vor Augen führt, sondern auch zeigt, dass nicht "Alexanderplatz" irgendetwas "macht'", sondern dass der "Alexanderplatz" in einer jeweiligen historischen und sozialen Realität von darin agierenden Subjekten gemacht wird. [31]

2.5 Fazit: Einige Schwachstellen – und viele Stärken

Neben diesem allzu vage-versöhnlichen Ende weist WESZKALNYS' Studie noch einige weitere Schwächen auf. So hätte ich mir zur besseren Orientierung eine retrospektive Kurzdokumentation des Feldforschungsprozesses sowie eine chronologische Übersicht über geführte Interviews und besuchte Veranstaltungen gewünscht. Inhaltlich irritiert die fehlende Konkretisierung der immer wieder thematisierten ökonomischen Dimension der Neugestaltung des Alexanderplatzes: Investor_innenperspektiven werden im Text ebenso wenig repräsentiert wie Details zu den projektierten Bauten und ihrer geplanten ökonomischen Nutzung. [32]

An manchen Stellen wäre zudem eine tiefer gehende Rekonstruktion diskursiver Kontexte notwendig gewesen. Das gilt insbesondere für den im Berlin der 1990er Jahre hegemonial gewordenen städtebaulichen Diskurs hinter den spezifischen Planungen für den Alexanderplatz: die diskursive Neuordnung des gesamten Zentrumsbereichs, in dem einzelnen Topografien jeweilige Funktionen zugeschrieben wurden. Erklärtes Ziel dieser Bemühungen war, eine konsistente ideelle und ästhetische "Identität" Berlins zu bestimmen, die im Zuge einer intensivierten nationalen und internationalen Vermarktung der Stadt als touristischer Destination und attraktivem Wirtschaftsstandort kommunizierbar sein sollte. Die Einbindung des Alexanderplatzes in diesen übergeordneten symbolischen und funktionalen Kontext bleibt bei WESZKALNYS weitgehend ausgeblendet, wäre aber für eine Lokalisierung des "Alexanderplatzes" innerhalb der zukünftigen Stadtlandschaft zweifellos relevant gewesen.4) [33]

Trotz dieser Schwachpunkte dürfte Berlin, Alexanderplatz. Transforming Place in a Unified Germany innerhalb des umfangreichen akademischen Literaturkorpus zur Um- und Neugestaltung Berlins seit 1990 einer der lesenswertesten und originellsten Texte sein. Bisher existieren meines Wissens nur zwei weitere Studien, die sich diesem Themenkomplex aus ethnografischer Perspektive nähern: TILL (2005) fokussiert dabei auf gedächtnispolitische Repräsentationen im öffentlichen Raum in Berlin nach 1990; BINDER (2009) beschäftigt sich mit den Debatten um den Berliner Schlossplatz/Palast der Republik. Im Vergleich zu WESZKALNYS beschreiben beide Autorinnen ihr Feld jedoch mit größerer Distanz; zugunsten einer umfassenden Deutung und Theoretisierung ihres Forschungsgegenstandes sind ihre Darstellungen weniger explorativ gehalten und abstrahieren stärker von der Felderfahrung. [34]

WESZKALNYS hingegen ist es gerade durch ihre stark am empirischen Material ausgerichtete und daher eher situative Darstellungsweise gelungen, vieldeutige Momente eines politischen, sozialen und ideologisch-ästhetischen Transformationsprozesses auf eindrückliche Weise einzufangen. Ihre "mikroskopische" (GEERTZ 1973, S.21) Rekonstruktion häufig inkompatibler Diskursfragmente unterschiedlicher sozialer Akteure und deren problematischer Interaktion bewahrt etwas von der realen Unordnung und Uneindeutigkeit des Sozialen, zugleich gewährt WESZKALNYS geradezu intime Einblicke in (stadt-) politische Machtverhältnisse. Dabei bleibt stets erkennbar, dass hier große Themen zur Debatte stehen: die städtebauliche tour de force, der Berlin seit 1990 unterworfen wurde; politische Entscheidungsstrukturen und Ansprüche auf Partizipation; Dynamiken des nation building nach der deutsch-deutschen Vereinigung; die Reformulierung von Orten und Räumen als Wirtschaftsstandorte unter dem Vorzeichen des place und nation branding.5) [35]

Nicht zuletzt ist WESZKALNYS' Studie die eindringliche Dokumentation eines Verlustes: Am Beispiel des "Alexanderplatzes" handelt es vom Verschwinden eben jener "Leere", die WESZKALNYS als konstitutiv für Berlin als lieux de avenir erkannt hat. Auch wenn am Alexanderplatz nach wie vor gebaut wird und die Realisierung der großen Pläne lange nicht abgeschlossen ist, so ist er doch schon nicht mehr der Ort, über den WESZKALNYS geforscht hat. Sowohl physisch als auch ideell hat er eine neue Form und Richtung erhalten und bietet Berliner_innen ebenso wie den immer zahlreicheren Tourist_innen ein vielfältiges Konsum- und Unterhaltungsangebot.6) [36]

Die für den Alexanderplatz der DDR und der 1990er Jahre so charakteristische "Leere" wird eines Tages unter Neubauten begraben sein (vgl. SENATSVERWALTUNG 2011b). In dieser Hinsicht kann die physische Expansion des traditionell am Alexanderplatz befindlichen Kaufhauses als symptomatischer Anfang gedeutet werden.7) Wenn aber erst einmal Fakten geschaffen sind, ist es schwer, sich Alternativen vorzustellen. Ganz im BENJAMINschen (1974 [1940], S.696f.) Sinne hat WESZKALNYS die Geschichte also – gewissermaßen präventiv – "gegen den Strich gebürstet" und dabei nicht nur der verschwindenden "Leere", sondern auch nicht verwirklichten Alternativen ein Denkmal gesetzt. [37]

3. Potenziale des Kontrafaktischen: Zur Relevanz des ethnografischen Blicks in der Raumforschung

Angesichts eines spatial turn in den Sozial- und Kulturwissenschaften warnen Geograf_innen bereits seit geraumer Zeit vor einer epistemologischen "Raumfalle" (LIPPUNER & LOSSAU 2004): Orte und Räume würden vielfach als "dinghaft gegebene Objekte" (a.a.O., S.48) verstanden, aus denen man das Soziale im "unmittelbaren Zugriff" (a.a.O., S.57) ablesen könne. Der Geograf Gerhard HARD (2008, S.302) diagnostiziert Sozial- und Kulturwissenschaftler_innen gar einen anti-postmodernen "Unmittelbarkeits- und Wirklichkeitshunger, der dann durch Kontakt mit dem Raum gestillt wird". [38]

Ein zugegebenermaßen krasses, aber eben doch vielfach begeistert begrüßtes und häufig zitiertes Beispiel für einen solchen positivistischen Raumbegriff ist sicherlich Karl SCHLÖGELs programmatisch gemeinter Mega-Essay Im Raume lesen wir die Zeit (2009 [2003]). SCHLÖGEL beklagt hier einen "regelrechten Jargon der Diskriminierung des Unmittelbaren, des Anschaulichen" (a.a.O., S.271) und plädiert stattdessen für emphatische "Augenarbeit" (a.a.O., S.269ff.): "Der Raum scheint von den Begriffen der Sozialwissenschaften kolonisiert. Jetzt kommt es darauf an, ihn in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit an sich heranzulassen" (a.a.O., S.22). Nach einem "Augentraining" beginne "[a]lles zu uns zu sprechen: Trottoire, Landschaften, Reliefs, Stadtpläne, die Grundrisse von Häusern" (a.a.O., S.88). [39]

Vergleichbar idealistische, wenn auch weniger explizit subjektivistische und teilweise etwas inkonsequentere8) Vorstellungen von "Landschaft als [...] objektivierte[m] Geist" (HARD 2008, S.281) finden sich regelmäßig auch im akademischen Diskurs über "Gedächtnisorte", wenn diese als "Kristallisationen" eines vermeintlich "kollektiven Gedächtnisses" betrachtet werden, wobei Letzteres im Stile eines common sense groupism (BRUBAKERS 2002, S.164) einer als "gegeben" vorausgesetzten "Erinnerungsgemeinschaft" zugeschrieben wird (vgl. SIEBECK 2011, S.85ff.). Ein weiteres Beispiel sind die impressionistischen Reflexionen des Ägyptologen Jan ASSMAN über Architektur als "Gesicht der Geschichte": "In ihr gewinnt, was man den Zeitgeist nennt, seinen physiognomischen Ausdruck" (2009, S.26).9) Derartige "Landschaftshermeneutik" (HARD 2008, S.287) ist dabei keineswegs ein marginales Phänomen: Die entsprechenden Autor_innen werden viel gelesen und zitiert. [40]

Eines von zahlreichen methodischen und erkenntnistheoretischen Problemen eines mehr oder weniger positivistischen Umgangs mit Orten und Räumen ist, dass er letztendlich nur hegemoniale Diskurse reproduzieren kann. Der postmarxistische Theoretiker Ernesto LACLAU jedoch weist zurecht darauf hin, dass objektivierte Realität nur einen Bruchteil der sozialen Realität darstellt: "[O]bjectivity – the being of objects – is nothing but the sedimented form of power, in other words a power whose traces have been erased" (1990, S.60). Man sieht nun einmal dem gegenwärtigen Alexanderplatz nicht an, dass es einst ein "Bürgerforum" gegeben hat, das andere Vorstellungen davon hatte, wie der Platz in Zukunft aussehen sollte:

"Insofar as an act of institution has been successful, a 'forgetting of the origins' tends to occur; the system of possible alternatives tends to vanish and the traces of the original contigency to fade. In this way, the instituted tends to assume the form of a mere objective presence" (a.a.O., S. 34).10) [41]

Aufgabe einer kritischen sozial- und kulturwissenschaftlichen Raumforschung wäre, eben solche Objektivierungen zu dekonstruieren, anstatt sie in ihrer vermeintlichen "Tatsächlichkeit" einfach hinzunehmen und einmal mehr zu reproduzieren. Wer Orte und Räume als soziale Praxis verstehen will, der muss Hegemonialisierungsprozesse, unterschiedliche Subjektivitäten und Machtverhältnisse rekonstruieren, sei es in der Schrebergartensiedlung, am Holocaust-Mahnmal oder auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. [42]

Auch in Form einer objektivierten Realität, wie sie uns tagtäglich umgibt, sind weder das Soziale noch die Geschichte "selbstverständlich" oder zwangsläufig. Wer also die soziale Realität von Orten und Räumen beschreiben will, der muss auch die impliziten und expliziten culture wars11) zur Kenntnis nehmen, die darum geführt wurden und werden, und vergangene und gegenwärtige Alternativen sichtbar machen. Denn kontrafaktische Möglichkeitsräume gehören genauso zu einer historischen Wirklichkeit wie tatsächliche Räume. Um aber an diese Möglichkeitsräume überhaupt heranzukommen, müssen wir eine Vorstellung von tatsächlichen Orten und Räumen entwickeln, die weit über ihre "Tatsächlichkeit" hinausreicht:

"Thinking of place as performed and practiced can help us think of place in radically open and non-essentialized ways where place is constantly struggled over and reimagined in practical ways [...]. Place in this sense becomes an event rather than a secure ontological thing rooted in notions of the authentic. Place as an event is marked by openness and change rather than boundedness and permanence" (CRESSWELL 2004, S.39). [43]

Meines Erachtens ist eine absichtsvoll von ihrem Forschungsgegenstand "befremdete" und jedwede objektivierte soziale Realität buchstäblich hinterfragende ethnografische Forschungshaltung, wie sie eingangs skizziert und am Beispiel von WESZKALNYS' Studie veranschaulicht wurde, für die Operationalisierung eines solcherart performativen, diskurs- und hegemonietheoretisch informierten und dennoch zunächst einmal offenen Begriffs von Orten und Räumen besonders gut geeignet. [44]

Orte und Räume werden von Menschen geschaffen, um das Soziale auf eine bestimmte Weise zu strukturieren und infolgedessen als sozial "selbstverständlich" erscheinen zu lassen. Indem Ethnograf_innen diese objektivierte Ordnung zunächst einmal wieder "verunselbstverständlichen" und im Rahmen einer Feldforschung vor Ort als prozesshafte soziale Praxis rekonstruieren, die so, aber eben auch anders hätte verlaufen können; indem sie sich in eben diese Praxis involvieren und die so gewonnenen Erfahrungen und Einsichten in reflektierter Form mit ihren Leser_innen teilen, können sie diesen die soziale und historische Vermitteltheit von Orten und Räumen in mehrfacher Hinsicht vor Augen führen. [45]

Indem sie uns einen von ihnen als Forscher_innensubjekt definierten Weg aus der "Raumfalle" zeigen, verweisen sie auf viele andere mögliche Wege und unterminieren auf diese Weise eine erneute autoritative Fixierung und Repräsentation von Orten und Räumen im wissenschaftlichen Diskurs: "Es geht in der Ethnographie gewissermaßen darum, sich – nachdem man etwas verstanden hat – noch mehr zu wundern. [...] Dieser Prozess des Befremdens ist im Prinzip unabschließbar, er entspricht der Bodenlosigkeit kultureller Phänomene" (HIRSCHAUER & AMANN 1997, S.29). [46]

Anmerkungen

1) Im Folgenden wird der "Alexanderplatz" als diskursives Objekt in Anführungszeichen gesetzt; der Alexanderplatz als topografischer Ort erscheint ohne Anführungszeichen. <zurück>

2) Zur Entfaltung dieses städtebaulichen Diskurses vgl. u.a. FALSER (2008, S.165ff.), BINDER (2009, S.141ff.), SIEBECK (2002, S.53ff.). <zurück>

3) Mit Blick auf den hegemonialen Planungsdiskurs verweist WESZKALNYS dabei überzeugend auf ideelle Parallelen zu kolonialen Diskursen: "Lands to be colonized are considered uninhabited by 'civilized' human life or as without a recognized owner" (S.63). <zurück>

4) Eine solche Kontextualisierung nimmt etwa BINDER (2009) in ihrer Studie zum Berliner Schlossplatz/Palast der Republik immer wieder vor. <zurück>

5) Dabei handelt es sich um Marketingstrategien, mit deren Hilfe Städte, Regionen und Nationalstaaten eine Art corporate identity erwerben sollen, um sich erfolgreich im globalen Wettbewerb zu positionieren. Für Einblicke in diesen Diskurs vgl. ANHOLT (2007), DINNIE (2008). <zurück>

6) Für eine Darstellung und Kartierung des Alexanderplatzes als Knotenpunkt in der gegenwärtigen touristischen Infrastruktur Berlins vgl. RICHTER und HILLMER (2010, S.162f.). <zurück>

7) Das Ende der 1960er Jahre errichtete Centrum Warenhaus mit seiner modernistischen Aluminiumfassade wurde bei seinem Umbau 2004 bis 2006 nicht nur mit einer traditionalistischen Natursteinfassade verkleidet, sondern auch um 25 Meter in den Alexanderplatz hinein vergrößert (vgl. SENATSVERWALTUNG 2011c). <zurück>

8) Zu beobachten ist hier eine eigenartige Mischung aus konstruktivistischen und positivistischen Perspektiven (vgl. SIEBECK 2011). <zurück>

9) Der modernen deutschen Nachkriegsarchitektur diagnostiziert ASSMANN in diesem Sinne eine charakteristische "Abkehr von der Geschichte" und "Identitätsverweigerung". Hinter den "Masken des Schweigens und der Gesichtslosigkeit" verberge sich deutsche "Scham" und "Verdrängung" (2009, S.27f.). <zurück>

10) Eine ähnliche Perspektive findet sich im genealogischen Denken FOUCAULTs und in seinem Begriff des "Gegengedächtnisses" (vgl. 1998 [1971]). <zurück>

11) Culture wars are about defining what is legitimate in a society, who is an 'insider' and who is an 'outsider'. They are about determining the social boundaries that govern our lives" (MITCHELL 2000. S.5). <zurück>

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Zur Autorin

Cornelia SIEBECK, Historikerin und Publizistin, promoviert an der Ruhr Universität Bochum zu "Buchenwald" als Gedächtnisort seit 1945. Lehraufträge zu Gedächtnis- und Ideologietheorie sowie zur sozialen Konstruktion von Orten und Räumen. Zahlreiche akademische und nichtakademische Publikationen zur Theorie des öffentlichen Gedächtnisses und zu gedächtnispolitischer Praxis in der DDR, der Bundesrepublik Deutschland und Israel/Palästina.

Kontakt:

Cornelia Siebeck

Adresse ist der Redaktion bekannt

E-Mail: cornelia.siebeck@ruhr-uni-bochum.de

Zitation

Siebeck, Cornelia (2011). Zur Relevanz des ethnografischen Blicks bei der sozial- und kulturwissenschaftlichen Erforschung von Orten und Räumen. Review Essay: Gisa Weszkalnys (2010). Berlin, Alexanderplatz. Transforming Place in a Unified Germany [46 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 12(3), Art. 20,
http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1103203.



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