Volume 7, No. 4 – September 2006

Die Beschreibung der disziplinären Irrelevanz qualitativer Methodik. Eine Anmoderation zum Beitrag von Norbert Groeben

Margrit Schreier & Franz Breuer

Der Beitrag von Norbert GROEBEN zum Thema "Gibt es Wege aus der selbstverschuldeten Irrelevanz des qualitativen Off-Streams?" wurde als Abendvorlesung im Rahmen des Zweiten Berliner Methodentreffens Qualitative Forschung vom 14. und 15. Juli 2006 konzipiert und gehalten. [1]

Die Position und die Thesen dieses Beitrags treffen zum einen Problemstellungen, die in der FQS-Debatte zu Qualitätsstandards qualitativer Sozialforschung besprochen werden (sollen) – etwa: Was sind angemessene Gütekriterien eines qualitativ-methodischen Ansatzes und wie sind diese zu unterscheiden von einschlägigen Kriterien, die in einer quantitativ ausgerichteten Methodologie und Methodik als geltend gesetzt werden? Zum anderen haben die GROEBENschen Argumente auch etwas mit Fragen zu tun, die in der FQS-Debatte zur Ethnographie der Sozialwissenschaften ("Erfolgreich Sozialwissenschaft betreiben – Ethnographie der Karrierepolitiken einer Berufsgruppe") aufgeworfen werden: Die Stellungnahme und Präferenz bezüglich eines Methodenkonzepts hat in der Wissenschaftsgemeinschaft die Konsequenz einer bestimmten sozialen Positionierung: Gehöre ich zum Kern der Community oder zu deren Rand? Bin ich Mainstream oder Offstream? In der GROEBENschen Betrachtungsweise schneiden sich die beiden Sichtweisen auf interessante Weise – und sein Beitrag ließe sich im Grunde beiden angesprochenen FQS-Debatten-Rubriken zuordnen. Den Ausschlag für unsere Sortierung gaben dann mehr Gewichtungs-Gründe bezüglich seines Argumentationsschwerpunkts. Aber das kann auch schnell umkippen. [2]

Ziel der Abendvorlesung im Rahmen des Berliner Methodentreffens soll es nach dem Wunsch der Veranstalter/innen sein und werden, das Thema des Symposiums vom Methodentreffen des vorausgehenden Jahres aufzugreifen und die Treffen auf diese Weise über die Jahre hinweg zu "verklammern". Auf dem Symposium des Ersten Berliner Methodentreffens, geleitet von Franz BREUER und Jo REICHERTZ, stand die Frage "Qualitative und quantitative Methoden in der Sozialforschung: Differenz oder Einheit" im Mittelpunkt. In seinem Beitrag nähert sich Norbert GROEBEN dieser Frage aus der Perspektive der Psychologie, in der die qualitativen Methoden derzeit als vergleichsweise irrelevant gelten müssen – soweit sich das an deren Anhängerschaft in der disziplinären Wissenschaftsgemeinschaft ablesen lässt. Die gegenwärtige Psychologie ist aus seiner Sicht gleich in mehrfacher Hinsicht von Differenz geprägt: Differenz zwischen quantitativen und qualitativen Methoden, dem "Main-" und dem "Off-Stream", sowie Differenz zwischen den verschiedenen qualitativen Methoden und Schulen, die dem Grundsatz der Anpassung der Methode an den Gegenstand der Forschung geschuldet ist. In der gegenwärtigen Form, so Norbert GROEBEN, habe diese Gegenstandsanpassung der Methoden jedoch zu einer Zersplitterung der qualitativ-psychologischen Sozialforschung und in der Folge dazu geführt, dass ein einheitlicher und vor allem systematischer Methoden-Begriff in der qualitativen Psychologie aufgegeben worden ist. Wo er Einheit innerhalb der Vertreter/innen einer qualitativen Psychologie konstatiert, nämlich im Hinblick auf die Überzeugung, die "bessere" Psychologie zu vertreten und zu betreiben, führe diese nur zu unnötiger Konkurrenz und zu Abgrenzungsbestrebungen sowohl zwischen Vertreter/inne/n unterschiedlicher Konzeptionen einer qualitativen Psychologie (also wiederum zu Differenz) als auch zwischen Vertreter/inne/n qualitativer und quantitativer Sozialforschung. GROEBENs zentrale These lautet also, dass die qualitative Psychologie zu ihrem derzeitigen Schattendasein im Vergleich zum quantitativen Mainstream selbst in nicht unerheblicher Weise beigetragen hat: indem sie die Entwicklung eines systematischen Methodenbegriffs vernachlässigt und sich in unnötige interne Konkurrenzbestrebungen hat verstricken lassen. [3]

Indem GROEBEN der qualitativen Psychologie zumindest einen Teil der Verantwortung für ihre gegenwärtige Irrelevanz selbst zuschreibt, eröffnet er aber zugleich auch den Blick auf mögliche Wege aus dieser Bedeutungslosigkeit: Wenn die Psychologie sich partiell selbst in den Sumpf hineinbegeben hat, dann kann sie sich ein Stück weit auch am eigenen Schopf wieder hinausziehen und ist dabei nicht etwa auf das – eher unwahrscheinliche – Wohlwollen "aufgeklärter" Vertreter/innen einer quantitativen Psychologie-Konzeption angewiesen. Die Wege, die er aus dem Sumpf hinaus weist, ergeben sich konsequent im Sinne einer Umkehrung der zuvor als destruktiv kritisierten Tendenzen. Erstens fordert GROEBEN die Entwicklung eines systematischen Methodenbegriffs auch in der qualitativen Sozialforschung, was aus seiner Sicht die Abgrenzung gegenüber solchen Schulen notwendig mit beinhaltet, die er als "esoterische Kunstlehren" kritisiert. Ein zweiter Weg besteht in der Überwindung unnötiger Konkurrenz, indem der Gegenstand der Psychologie in einer Weise konzipiert wird, die eine komplementäre Verwendung unterschiedlicher methodischer Ansätze nicht nur erlaubt, sondern sogar erfordert. [4]

Was, so mag sich manche/r an dieser Stelle fragen, hat die sicherlich bedauerliche randständige Situation der qualitativen Psychologie im Besonderen mit der Frage der Einheit und Differenz qualitativer und quantitativer Methoden in der Sozialforschung im Allgemeinen zu tun? Eine ganze Menge, denken wir – denn stellt nicht die qualitative Psychologie, quasi methodologisch betrachtet, einen Fall aus der Grundgesamtheit sozialwissenschaftlicher Disziplinen dar? Was für einen Fall, darüber mag man sich streiten. Ist die qualitative Psychologie so etwas wie ein Extremfall, ein "worst case"? Dann können die Vertreter/innen qualitativer Forschung aus anderen Disziplinen am Beispiel der Psychologie nur lernen, wie man sich in der Wissenschaftslandschaft der eigenen Disziplin nicht positionieren sollte. Und, konstruktiv gewendet, können sie der Psychologie vielleicht noch weitere Wege aus der konstatierten Irrelevanz heraus aufzeigen. Oder ist die Situation der qualitativen Psychologie typisch für die qualitative Sozialforschung? Dann liegt die Relevanz von GROEBENs Überlegungen umso mehr auf der Hand, und es stellt sich die Frage, auf welchem Weg andere disziplinäre Varianten qualitativer Sozialforschung in eine irrelevante Position geraten sind. Wo liegen die Gemeinsamkeiten mit der Psychologie, wo die Unterschiede? [5]

Aber halt – bauen all diese Fragen nicht bereits auf der Annahme auf, dass GROEBENs Analyse der Situation eine angemessene ist? Ist nicht vorgeordnet zunächst zu fragen, ob die qualitative Psychologie in der Tat für ihre Randständigkeit mit verantwortlich zu machen ist – oder ob nicht doch dem quantitativen Mainstream der Löwenanteil der Verantwortung an dieser Situation zukommt? Und unabhängig davon, wo die Verantwortung letztlich zu suchen ist: Sind die Wege, die GROEBEN aus dieser Situation aufzeigt, für die qualitative "Community" akzeptabel? Müssen wir uns gegenüber bestimmten Ansätzen abgrenzen, oder sind gerade die Ansätze, die GROEBEN als "Kunstlehren" kritisiert, solche, in denen die Flexibilität des qualitativen Ansatzes am deutlichsten zum Tragen kommt – würden wir mit einer solchen Abgrenzung also gerade den Kern dessen aufgeben, was die Identität qualitativen Forschens ausmacht? Und kann die Lösung wirklich darin bestehen, wie GROEBEN es bewusst provokativ am Ende seines Beitrags formuliert, dass künftig von der qualitativen Forschung die Impulse für die Entwicklung komplexer statistischer Auswertungsverfahren ausgehen? [6]

In diesem Punkt liegt eine weitere Provokation der GROEBENschen Sicht der Dinge: Sie ist mit einem hochgradigen Anspruch an die eigene wissenschaftliche Kompetenz verbunden – nämlich besser zu sein als Vertreter/innen der (quantitativen) Konkurrenz in dem Sinne, dass qualitativ Forschende auch die elaborierten Verfahren aus dem Kanon der quantitativen Methodik beherrschen; eine Fähigkeit, die möglicherweise nicht vielen Vertreter/innen der qualitativ-sozialwissenschaftlichen Methodik gegeben ist (was ja in der Außensicht mitunter die Skepsis ihnen gegenüber begründet). Könnte die Abwehr einer solchen Anforderung vielleicht auch mit den verhaltenen bis ablehnenden Reaktionen zusammenhängen, die beim Publikum des Zweiten Berliner Methodentreffens auf die GROEBENsche Präsentation hin mitunter zu finden waren? Oder allgemeiner gesprochen: Seine vorgetragene Argumentation über die Gründe und Begründungen der "zwei Lager" in der Psychologie/-Methodik ist sehr rational/istisch gebaut. Das Ganze ließe sich auch (stärker) auf der Ebene sozialpsychologischer Mechanismen und Phänomene thematisieren – etwa in Hinsicht darauf, was Thomas KUHN in seiner Beschreibung der sozialen Dynamik in Wissenschaftsgemeinschaften als "Mob Psychology" bezeichnet. Dann wären wir aber eindeutig/er in der Sphäre der Ethnographie des sozial-/wissenschaftlichen Milieus gelandet – und bei der entsprechenden (anderen) FQS-Debatte. [7]

Damit sind bereits einige der Fragen formuliert, zu denen wir uns in dieser Debatte Beiträge und Stellungnahmen von Ihnen erhoffen: Trägt die qualitative Psychologie eine Mitverantwortung für ihre Irrelevanz? Kann sie sich selber aus dieser Irrelevanz befreien – und vor allem, wie? Wie sieht es in den anderen Sozialwissenschaften aus, wie verlaufen historisch gesehen die Entwicklungen beispielsweise in der Soziologie, den Erziehungswissenschaften, der Völkerkunde und anderen, nicht zuletzt im Zuge der derzeitigen Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen? Lassen sich daraus wissenschaftspolitische, -soziologische oder auch -psychologische Empfehlungen für andere Sozialwissenschaften ableiten – auch, aber nicht nur die Psychologie? Wir wünschen uns disziplinär und inhaltlich vielfältige Meinungsäußerungen und Beiträge! [8]

Margrit Schreier & Franz Breuer

Zitation

Bitte zitieren Sie diesen Beitrag wie folgt:

Schreier, Margrit & Breuer, Franz (2006). Die Beschreibung der disziplinären Irrelevanz qualitativer Methodik. Eine Anmoderation zum Beitrag von Norbert Groeben. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 7(4), http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0604D1SB9.



Copyright (c) 2006 Margrit Schreier, Franz Breuer

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